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Die Philippinen

José Rizal (1861–1896) wandte sich, obwohl treuer Katholik, gegen die Willkürherrschaft der spanischen Kolonialmacht. 1896 wurde er, der in seinen Schriften und Romanen stets für den gewaltlosen Widerstand eintrat, von den Spaniern hingerichtet und gilt als heute als philippinischer Nationalheld.
Der altösterreichische Deutschböhme Ferdinand Blumentritt galt als großer Kenner und Freund der Philippinen, auf denen etliche Straßen und Plätze nach ihm benannt sind.
Emilio Aguinaldo (1869–1964) führte den philippinischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Amerikaner und wurde 1902 gefangengenommen, woraufhin die meisten Filipinos ihre Waffen niederlegten. Er starb erst 1964 im Alter von 95 Jahren in einem philippinischen Krankenhaus. Die Abbildung zeigt den ersten Präsidenten der Philippinen im Jahr 1919.

Geschichte und Identität einer Inselnation

In der westlichen Wahrnehmung überwiegen Meldungen über die auf den Philippinen immer wieder stattfindenden Umweltkatastrophen, Stereotype von exotischen Traumstränden, Mailorder brides und Sextourismus. Tatsächlich aber blickt der katholische Inselstaat an der Peripherie Asiens nicht nur auf eine bewegte Geschichte zurück, sondern ist auch im Indopazifik und aus der Konfrontation zwischen den USA und China nicht wegzudenken. Im folgenden umreißt ein Blick auf die Philippinen das Profil der vielschichtigen Nation.

Von Sebastian Hacker

Bevor Ferdinand Magellan 1521 den großen Archipel für die spanische Krone beanspruchte und es nach dem damaligen König Philipp II benannte, lebten die verschiedenen Ethnien auf den etwa 7500 Inseln noch weitestgehend unter sich. Die imposanten Reisterrassen im Norden des Lands und ein eigenes Schriftsystem zeugen von Grundfesten einer eigenen Zivilisation. Einen Austausch mit China und Japan gab es seit langem, und im Süden sowie Nordwesten der Inselgruppe fand sich bereits eine wachsende Zahl an Muslimen; ohne die Ankunft der Europäer hätte sich der Halbmond wahrscheinlich auch weiter ausgebreitet.

Nach Magellan, der kurz nach seiner Ankunft von Einheimischen getötet wurde, war es jedoch vor allem Miguel López de Legazpi, der das Schicksal des Lands wendete. Der Konquistador etablierte 1571 nicht nur Manila als Hauptstadt, indem er den dort ansässigen, bereits muslimischen Herrscher zum Christentum bekehrte und mit diesem ein Bündnis schloß, sondern leitete auch die umfassende und rapide Kolonialisierung des Archipels ein. Die spanische Herrschaft prägte die Philippinen bis ins späte 19. Jahrhundert in vielerlei Hinsicht, etwa mit einem Volkskatholizismus, der tiefe Wurzeln in den Boden des asiatischen Lands geschlagen hat. Allerdings blieben die Spanier nicht unangefochten, wie zahlreiche regionale Revolten beweisen. Im Süden des Lands und der Bergregion der Kordilleren widersetzten sich muslimische und animistische Stämme oft weitestgehend der europäischen Kontrolle.

Die Revolution von 1896

Im Jahre 1872 sollte es zu einem Ereignis von nationaler Bedeutung kommen, das als erste Station auf dem Weg zur philippinischen Revolution von 1896 gesehen wird: Eine Meuterei von ein paar dutzend unzufriedenen philippinischen Soldaten in Manila, die schnell niedergeschlagen war, wurde zum Anlaß genommen, um drei bekannte Priester hinzurichten, die man der Beteiligung an der Revolte bezichtigte. Der Tod der drei Filipinos, die sich für mehr Einfluß und Rechte des autochthonen Klerus gegenüber den aus Spanien stammenden Kirchenmännern eingesetzt hatten, legte Mißstände und wachsende Spannungen im Land offen. So wurden die mächtigen Peninsulares – wie die gebürtigen Spanier im Klerus und Beamtentum auf den Philippinen genannt wurden – als immer ungerechter wahrgenommen. Sehr hohe Abgaben an Kirche und Staat, ineffiziente Verwaltung und Korruption weckten allen voran im heimischen Bürgertum eine Ablehnung gegen die Herrschaft aus Madrid.
In den folgenden Jahren bildete sich ein vom Liberalismus geprägtes Nationalbewußtsein hauptsächlich in der lokalen Elite, die meistens ihre Bildung im Mutterland Spanien erhalten hatte; so auch bei José Rizal, der heute als der Nationalheld der Philippinen schlechthin gilt. Rizal und andere Filipinos schufen mit der Zeitschrift „La Solidaridad“ ein wichtiges Sprachrohr für Reformen, etwa einer Vertretung der Philippinen in der spanischen Ständeversammlung.

Interessanterweise entstand zwischen Rizal und dem österreichischen/sudetendeutschen Philippinenkenner Ferdinand Blumentritt eine tiefe Freundschaft: Der Ethnograf und Schuldirektor aus Leitmeritz ist hierzulande kaum bekannt, während in den Philippinen aufgrund seiner tatkräftigen Unterstützung für das Land Straßen, Bahnhöfe und Plätze nach ihm benannt sind. Blumentritt, obwohl selbst treuer Katholik, förderte Rizal bei der Veröffentlichung des Romans „Noli me tangere“. Das aufschlußreiche Buch behandelt die Ungerechtigkeiten auf den kolonialen Philippinen, wo ein übermächtiger und heuchlerischer Klerus aus Spanien das Sagen hatte. Obwohl in den Philippinen verboten, beschleunigte das Buch die Konfrontation, die mehr und mehr auf Revolution und nicht Reform hinsteuerte. Nach einer noch erbitterteren Fortsetzung von „Noli me tangere“ und einer Zeit im zuerst selbstgewählten und dann erzwungenen Exil kam es zur Festnahme Rizals in Manila und seiner öffentlichen Erschießung im Jahr 1896.

Dieser Märtyrertod war nun der endgültige Startschuß für die philippinische Revolution: Im Schatten der Reformbewegung um Rizal hatte sich auch ein nationalistischer Geheimbund mit dem wohlklingenden Namen Kataastaasan Kagalang-galang na Katipunan ng mga Anak ng Bayan („Höchste und ehrenwehrteste Gesellschaft der Landeskinder“) gebildet. Mit dem Kürzel KKK oder schlichtweg „die Katipunan“ genannt, begann die Geheimorganisation mit Waffengewalt gegen die spanischen Garnisonstruppen vorzugehen. Die Kampfhandlungen beschränkten sich dabei größtenteils auf die umliegenden Regionen der Hauptstadt auf der größten Insel des Landes, Luzon. Aufgrund der eher kirchenfeindlichen Einstellung der Aufrührer betrachten viele Katholiken die Revolution aber noch heute mit Skepsis.

Der Philippinisch-Amerikanische Krieg

Nach zwei Jahren war der Krieg zugunsten der Revolutionäre entschieden, wobei der ausschlaggebende Grund in einem noch größeren Konflikt zu finden war: Einige Wochen, bevor die erste philippinische Republik feierlich in einem Ort nahe Manila ausgerufen wurde, hatte der Spanisch-Amerikanische Krieg mit dem Vertrag von Paris 1898 ein Ende gefunden. Das spanische Reich verlor drastisch an Einfluß und Territorium, während die USA als siegreiche Großmacht auf die Bühne der Weltgeschichte traten. Die Filipinos, die sich bereits für unabhängig erklärt hatten, durften, geführt von Präsident Emilio Aguinaldo, den Verhandlungen in Paris nicht beiwohnen und erfuhren auch (zu spät) von der Abmachung zwischen den USA und Spanien, die den Verkauf der philippinischen Inseln an die Vereinigten Staaten vorsah. Waren die Amerikaner anfangs noch als notwendige Hilfe von außen willkommen, änderte sich dies rasch. Amerikanische Truppen hatten die die Festungsstadt Intramuros in Manila praktisch kampflos von den Spaniern übernommen und besetzt, was für großen Unmut unter den Filipinos sorgte.

Ein Scharmützel in Manila läutete im Februar 1899 fast nahtlos den Philippinisch-Amerikanischen Krieg ein, der bald von beiden Seiten mit äußerster Brutalität geführt wurde. Nachdem die erste Phase des Konflikts noch von beiden Seiten mit konventioneller Kriegführung begonnen hatte, beschlossen die philippinischen Generäle, aufgrund des überlegenen Feinds auf die Guerillataktik zurückzugreifen. Hauptleidtragende wurde damit schnell die Zivilbevölkerung: Militärisch zwar überlegen, aber ohne wirkliche Kontrolle über weite Teile des Lands und mit einem hohen zivilisatorischen Sendungsbewußtsein, gingen die Amerikaner immer erbarmungsloser vor. Neben einer speziellen Form des Waterboarding wurden eine Politik der verbrannten Erde verfolgt und Konzentrationslager in widerständigen Gebieten errichtet, um die Guerilla auszuhungern. Die philippinischen Truppen standen dem in fast nichts nach und ließen Gefangene sowie angeblich kollaborierende Bauern massenweise hinrichten. Diese Gewalttaten, aber hauptsächlich die durch die Kämpfe ausgelösten Hungersnöte und die Cholera, kosteten mehrere hunderttausend Zivilisten das Leben.

Am 2. Juli 1902 wurde Aguinaldo gefangengenommen, woraufhin die meisten Filipinos ihre Waffen niederlegten und die Inseln für die nächsten Jahrzehnte zu einer Kolonie der USA wurden. Trotz innenpolitischen Widerstands durch Antiimperialisten, wie etwa den Schriftsteller Mark Twain, wurde umgehend mit einer „wohlmeinenden Assimilierung“ (Benevolent assimilation) begonnen. Unter Präsident William Taft und nach ihm erhielten die als „kleine braune Brüder“ bezeichneten Filipinos Englisch als erste Amtssprache, ein neues Bildungs- sowie Verwaltungssystem und insgesamt ein neues Vorbild in Form und Lebensstil der USA, die auch stark in den Ausbau der Infrastruktur investierten. Dieser Paradigmenwechsel ist noch heute im Land spürbar.

Im Zweiten Weltkrieg versuchte das japanische Kaiserreich, sich als langersehnter Retter vor westlicher Fremdherrschaft zu präsentieren und die Herzen der Filipinos für sich zu gewinnen. Doch durch das brutale Vorgehen der Besatzungsmacht und insbesondere der japanischen Militärpolizei Kempeitai mißlang dieses Vorhaben gründlich, und viele Einwohner der Philippinen gingen in den Widerstand.
Elpidio Quirino (1890–1956) war 1948–1953 Präsident der Philippinen. Obwohl seine Frau und drei seiner Kinder in der Schlacht um Manila von den Japanern ermordet worden waren, begnadigte er viele japanische Kriegsgefangene.

Der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit

Bis in den Dezember 1941 entwickelten sich die Philippinen zu einer relativ wohlhabenden, aber wirtschaftlich abhängigen Kolonie der USA. Reiseberichte und Ansichtskarten aus dieser Zeit beschreiben Manila als eine Perle der Orients, und das Land blickte selbstbewußt in die Zukunft. Die langersehnte Unabhängigkeit wurde von den Amerikanern nach einer zehnjährigen Übergangsphase für 1946 versprochen. Doch der schlagartige Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg nach dem Angriff auf Pearl Harbor sollte dies ändern: Fast zeitgleich mit dem Angriff auf den Hafen in Hawaii bombardierte das japanische Kaiserreich amerikanische Militärbasen auf den Philippinen und landete mit einer riesigen Armee vor Ort. Die überraschten philippinisch-amerikanischen Truppen hatten der Invasion fast nichts entgegenzusetzen und mußten wenige Monate später kapitulieren. Nur wenige überlebten die japanische Kriegsgefangenschaft.

Damit begann ein weiteres schwieriges Kapitel der philippinischen Geschichte: Das japanische Kaiserreich versuchte, sich als der langersehnte Retter vor westlicher Fremdherrschaft zu präsentieren, der Wohlstand und einen eigenständigen Nationalismus auf die Philippinen bringen werde, solange man nur die Vorherrschaft des japanischen Kaisers in der sogenannten Großasiatischen Wohlstandssphäre anerkenne. Dies führte zur Kollaboration eines ansehnlichen Teils der Bevölkerung – oft aus Opportunismus, aber teilweise auch aus Überzeugung.

Der Versuch, die philippinischen Herzen für sich zu gewinnen, scheiterte aber nicht nur an der kriegsgebeutelten Wirtschaft und einhergehender Verarmung, sondern hauptsächlich an der Arroganz und Grausamkeit der kaiserlichen Armee. So blieben willkürliche Demütigungen, aber auch physische sowie sexuelle Gewalt gegen die Bevölkerung gewöhnlich unbestraft, wobei die japanische Militärpolizei Kempeitai – eigentlich für Schutz und Ordnung im besetzten Gebieten verantwortlich – besonders gefürchtet war. Daher war es auch nicht verwunderlich, daß die vielen versprengten amerikanischen und philippinischen Soldaten einen enormen Zulauf im Guerillakrieg verzeichnen konnten. Den Japanern und ihrer überforderten Marionettenregierung stand ein breiter passiver oder aktiver Widerstand entgegen. Schließlich war die japanische Besatzungszeit schlichtweg zu kurz, um die Philippinen tiefgreifend zu verändern. 1944 eroberten die Amerikaner den Archipel Stück für Stück zurück, während die Lebensmittelproduktion und -zufuhr als auch die fragile staatliche Ordnung weitgehend zusammenbrachen: Laut konservativen Schätzungen starben durch Hunger und japanische Strafexpeditionen gegen Kriegsende mindestens eine Million Filipinos, wobei der Höhepunkt der Gewalt bei der Schlacht um Manila 1945 erreicht wurde. Die Hauptstadt mitsamt 100.000 Einwohnern, historischer Substanz und vielen Kulturgütern wurde innerhalb eines Monats durch absurde Gewaltexzesse japanischer Truppen und die in Kauf genommenen Kollateralschäden amerikanischer Bombardements praktisch vernichtet. Aufgrund des fehlenden politischen Willens der eigenen Elite, aber auch der Mittel, wurde Manila nie wieder so aufgebaut, wie es einmal gewesen war. Nach dieser tragischen Episode wurde das zerstörte Land am 4. Juli 1946 endlich in die langersehnte Unabhängigkeit entlassen.

Die Nachkriegszeit des Lands war neben dem Wiederaufbau auch der schwierigen Versöhnung mit den Kollaborateuren und Japan gewidmet. Hier sind große Namen wie von Präsident Elpidio Quirino zu nennen, der viele japanische Kriegsgefangene begnadigte, und das trotz der Ermordung seiner Frau und dreier seiner Kinder durch Besatzungssoldaten bei der Schlacht um Manila. Unter seinem allseits beliebten Nachfolger Ramon Magsaysay kam es zu einer Phase des Wohlstands. Nebenbei versuchte Magsaysay auch, die wachsende Gefahr einer Revolution einzudämmen: Der gewaltbereite Flügel der Kommunistischen Partei, als antijapanische Guerillakämpfer früher noch geduldet, wurde immer mehr zur nationalen Bedrohung.

Unumgänglich für das Verständnis philippinischer Geschichte des 20. Jahrhunderts ist natürlich Ferdinand Marcos. Der aus dem Norden des Lands stammende Politiker wurde 1965 zum Präsidenten gewählt und verhängte 1972, kurz vor dem Ende seiner zweiten Amtszeit, das Kriegsrecht – eine Zäsur, die das Land bis heute massiv spaltet. Bis ins Jahr 1986 regierte Marcos – durch die USA gestützt – autokratisch, zunehmend kleptokratisch und gewaltsam gegen Kritiker, bis er schließlich gestürzt wurde und das Land fluchtartig verlassen mußte. Er verstarb nach ein paar Jahren im hawaiianischen Exil. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung, die in die Revolution von 1986 mündete, hatte sich aber schon vorher über die katastrophale Wirtschaftslage und die dreisten Ausschweifungen des Marcos-Regimes geäußert und erreichte nach der Ermordung des bekanntesten Oppositionspolitikers Ninoy Aquino ihren Höhepunkt.

Ferdinand Marcos (1917–1989) war 1965–1986 Präsident der Philippinen und regierte das Land zunehmend diktatorisch. 1986 mußte er nach einem Volksaufstand den Inselstaat verlassen.
Bildquelle: WikiMedia Commons / Bluemask (CC BY-SA 3.0)
Die Philippinen bestehen aus 7641 Inseln im Pazifischen Ozean und sind der fünftgrößte Inselstaat der Welt. Die Einwohnerzahl beträgt 110 Millionen Menschen, Hauptstadt ist die auf der großen nördlichen Insel Luzon befindliche Stadt Manila.
Heute ist der Sohn von Ferdinand Marcos gewählter Präsident der Philippinen, seine Vizepräsidentin ist die Tochter von Rodrigo Duterte (Bild), der 2016–2022 das Land regierte und durch seinen blutigen War on Drugs bekanntwurde. Seine engen Beziehungen zu China sorgten für Aufsehen. Auch aktuell greift er immer wieder den gewählten Präsidenten an und drohte sogar mit einem Unabhängigkeitsreferendum der Insel Mindanao.

Die jüngste Vergangenheit

Nichtsdestoweniger hat die philippinische Nation 36 Jahre später ein weiteres Mal ihr Vertrauen auf die Familie Marcos gesetzt. In zweiter Generation wurde Ferdinand Marcos junior 2022 ins Amt gewählt und regiert das Land seitdem prinzipiell skandal-, wenn auch nicht problemfrei. Damit offenbart sich eine komplexe gesellschaftliche Spannung, die weit über soziale, wirtschaftliche und politische Fragen hinausgeht. Eine gemeinschaftliche Geschichtsdeutung der friedlichen Revolution von 1986 gegen den Autokraten ist mit der Wahl von Marcos junior nun fast unmöglich. Bis jetzt knüpft „Bongbong“ Marcos – Spitznamen wie dieser sind unter Filipinos bis in die Politik hinein sehr beliebt – nicht an die Vergangenheit seines Vaters an, sondern versucht, seinen Familiennamen durch die Lösung der vielen Herausforderungen des Lands zu rehabilitieren.
So gibt es innerstaatliche Konfliktlinien mit Rebellen, die zwar eingehegt und unter Kontrolle, jedoch nicht gelöst sind. Die Kämpferzahlen der kommunistischen Guerillagruppe New People’s Army und die von dieser unsicher gemachten Gebiete sind überschaubar, und Friedensverhandlungen laufen, doch spiegeln sich in ihrer ungebrochenen Existenz seit den 1970ern eine latente Gefahr und ein ungelöstes soziales Problem wider.

Noch viel realer ist aber die Bedrohung durch islamistischen Terror im Süden des Lands. Die anfangs „nur“ für einige Entführungen westlicher Touristen verantwortliche Gruppe Abu Sajaf schwor 2014 dem „Islamischen Staat“ ihre Treue und kam 2017 in internationale Schlagzeilen, als sie mit 1000 Kämpfern die Großstadt Marawi auf der Insel Mindanao besetzte. Im Zuge der Rückeroberung von Marawi starben die meisten IS-Kämpfer oder tauchten auf abgelegenen Inseln in der Sulusee unter. Die friedfertige muslimische Bevölkerung genießt in den von ihr mehrheitlich bewohnten Gebieten weitgehende Autonomie und ist recht passabel in die nationale Identität eingebettet, wodurch der Friede gesichert scheint. Doch mit dem Krieg zwischen Hamas und Israel sind wiederkehrende ethnoreligiöse Konflikte in den betroffenen Regionen und Terror im Rest des Lands zumindest wieder etwas weiter in den Rahmen des Möglichen gerückt.

Außenpolitisch ist die Lage mit China nicht weniger problematisch, da die Philippinen sich aufgrund zahlreicher Besitzansprüche in der Südchinesischen See in einem Dauerkonflikt niedriger Intensität mit der Volksrepublik befinden. Fast im Wochentakt kommen Nachrichten von kleinen Auseinandersetzungen zwischen der philippinischen und chinesischen Küstenwache bzw. Fischern in die nationalen Nachrichten. International anerkanntes Seerecht schützt die Ansprüche der Filipinos, und die absolute Mehrheit des Lands mißtraut China (trotz oder gerade wegen großer Investitionen von dort), während ein stärkeres Auftreten zur Verteidigung der nationalen Interessen gefordert wird.

Der Konflikt spitzt sich dabei langsam, aber stetig zu, da die Philippinen nun zögerlich doch wieder auf die USA als ihre alten Bündnispartner zurückgreifen. Nach einer Periode der chinafreundlichen Beschwichtigungspolitik wurden den USA der beschränkte Zugang zu vier Militärbasen gewährt, zwei davon an der philippinischen Küste nahe Taiwan. Gleichzeitig baut Manila seine Marinepräsenz auf den umstrittenen Inseln der Südchinesischen See weiter aus und intensiviert seine militärische Kooperation mit Japan, Südkorea und Australien. Das alles ist ein gewagter Balanceakt, da der größte Handelspartner die chinesische Volksrepublik ist und in Zukunft noch wichtiger sein wird. Der südostasiatische Staatenbund ASEAN, der eine halbe Milliarde Menschen vereint, hat sich bisher als zu zerstritten für eine schlagkräftige Antwort auf den Konflikt zwischen China und den USA in der Region erwiesen. Erst in jüngster Vergangenheit wurden gemeinsame Marineübungen und gemeinsame Militärinvestitionen der ASEAN-Staaten durchgeführt.

Für die meisten Einwohner des Entwicklungslands sind diese Fragen aber eher sekundär, da die Lebensrealität für viele Filipinos oft auf das nackte Überleben konzentriert ist. Die steigenden Nahrungsmittelkosten sowie Energiepreise und die fehlenden Arbeitsplätze als auch ein niedriger Bildungsstandard führen zu prekären Verhältnissen in einem Land, in dem etwa ein Drittel der Kinder unter fünf Jahren mangelernährt ist. Die Bevölkerung befindet sich derzeit bei  110 Millionen und wird laut Prognosen bis 2055 auf etwa  140 Millionen anwachsen. Schon jetzt erfolgt die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln wie Reis durch massiven Import aus Nachbarländern. Heimische Bauern sollen gleichzeitig mit einem Preisdeckel geschützt und gefördert werden, was bis jetzt aber nicht aufgegangen ist. Zusätzlich wird die Lage verschlechtert durch die alljährlichen (land-)wirtschaftlichen Taifunschäden in Milliardenhöhe, wobei fast immer auch tausende Menschen obdachlos werden. Da die Philippinen fast zur Gänze auf dem pazifischen Feuerring liegen, sind neben es den Tropenstürmen auch Erdbeben und Vulkanausbrüche, die zu oft für extreme Umweltkatastrophen sorgen. All dies führt zu einer Landflucht in die großen Städte. Das harte Schicksal, das viele Binnenmigranten dort erwartet, wurde in dem sehenswerten Film „Metro Manila“ (2013) dramatisch dargestellt.

Viele suchen daher im Ausland nach Arbeit, wodurch Heerscharen von Pflegekräften, Seemännern und Haushaltsangestellten in reichere Nachbarländer, die Golfstaaten oder den Westen entsandt werden. Das „Verkaufen“ der Millionen von „Oversea Filipino Workers“, aber auch immer mehr hochqualifizierten Arbeitskräften, als Quasi-Staatsdoktrin ist übrigens eines der eher fragwürdigen Vermächtnisse von Marcos senior. Immerhin sind die Transaktionen der Auslandsfilipinos zurück in die Heimat mittlerweile eine nicht wegzudenkende Einnahmequelle für unzählige Familien und den Staat.

Die Philippinen heute

Am Ende bleibt noch die Frage, wo die Philippinen heute stehen. Wie aus dem dargelegten Rückblick auf 500 Jahre philippinischer Geschichte sichtbar wurde, ist es ein durchwachsenes Spannungsfeld aus kolonialem Erbe und der Suche nach dem Eigenen, das die nationale Identität prägt.
Nicht viel Gutes kommt dabei zu oft von der eigenen Elite, denn die meisten Regierungen seit dem Ende der Marcos-Ära waren von Korruption geprägt. Eine Spannung durch die Wahl von Marcos junior ist auch in der heutigen Führungsschicht zu sehen: „Bongbong“ Marcos’ Vizepräsidentin ist die Tochter von Rodrigo Duterte, der das Land von 2016 bis 2022 regierte. Duterte, der hierzulande durch seine Schimpftiraden und einen blutigen War on Drugs bekannt ist, hatte enge Beziehungen zu China. Immer wieder greift er den Präsidenten an und drohte jüngst sogar mit einem Unabhängigkeitsreferendum der südlichen Insel Mindanao, wo er als ehemaliger Bürgermeister der Millionenstadt Davao politische Macht genießt. Auch wenn sich die Wogen etwas zu glätten scheinen, während dieser Artikel geschrieben wird, so deutet dieser Konflikt doch auf eine innenpolitische Krise vor dem internationalen Hintergrund des Hegemoniekampfs zwischen China und den USA hin.

Auch der Faktor der regionalen Vielfalt findet hier eine etwas negative Kehrseite: Mit seinen 7000 Inseln ist der philippinische Staat die Heimat von dutzenden Ethnien, von denen die größten die Tagalen, Bisayos, Ilocanos and Bicolanos sind. Neben Englisch ist die Nationalsprache Filipino, das eine standardisierte Form des Tagalog aus Manila ist. Nah verwandt, jedoch unterschiedlich genug, rangiert das Tagalog nur knapp auf Platz eins der Muttersprachler. Blutige Auseinandersetzungen gibt es seit den Spaniern nicht, die Regierung nutzt die unterschiedlichen Ethnien allerdings insofern, um mit Soldaten der einen Gruppe den Aufstand in einer anderen Region niederzuschlagen.

Verteilungskämpfe und Rivalitäten jedoch, wie sie etwa unter der philippinischen Elite zu sehen sind, bewegten schon Antonio Luna, den größten General der philippinischen Revolution von 1896, angeblich zum Spruch: „Unser größter Feind sind wir selbst.“ Luna wurde aufgrund interner Streitigkeiten während des Kriegs gegen die Amerikaner von Männern aus den eigenen Reihen ermordet. Ein einendes Bindeglied läßt sich in der kollektiven Erfahrung des Zweiten Weltkriegs finden, wie es auch schon Marcos senior erkannte und zu nutzen versuchte. Wenn auch Ambivalenz und der bittere Nachgeschmack der Kollaboration mit den Japanern bleiben, so sind die Geschichten des Leidens und des philippinischen Widerstands noch relativ stark im nationalen Bewußtsein präsent. Erst 2022 wurde ein Bildungsdekret erlassen, das der Guerilla des Zweiten Weltkriegs im Geschichtsunterricht mehr Bedeutung geben soll.

Als ein identitätsstiftendes Merkmal ist sicherlich das Christentum zu sehen, das sich mit dem vorchristlichen asiatischen Wertesystem vermengt hat: Der zentrale Stellenwert der Familie, unbedingter Respekt vor älteren Generationen, eine kinderfreundliche Kultur als auch Gesetzgebung und persönlicher Fleiß sind Leitmotive und zumindest im Moment noch selbstverständlich für die Filipinos. Das zeigt sich nicht nur im Abtreibungsverbot, sondern auch bei dem Scheidungsverbot, das weltweit neben dem Vatikan nur noch auf den Philippinen besteht (mit Ausnahme für die muslimische Minderheit). Aber auch in diesen Bereichen gibt es westlich inspirierte Auflösungstendenzen, wie durch die LGBTQ-Agenda, die das tatsächlich im südostasiatischen Raum vorkommende geschlechtsneutralere Denken als Vorwand für ihren grenzenlosen Transgenderismus ausnutzt.

Egal, wie lange „Bongbong“ Marcos an der Macht sein wird, aus heutiger Perspektive wählten ihn viele Filipinos in der Hoffnung auf einen starken Schutz gegen die globalistischen Umtriebe unserer Zeit. Wie gezeigt werden konnte, sind die Gefahren für das Land nicht wenige, doch mit einem identitären Bezug auf die eigene Geschichte können auch die Philippinen Kraft und Standhaftigkeit für die kommenden Herausforderungen finden. Inspiration gibt zum Beispiel José Rizal, der folgendes an seine Landsleute schrieb: „Die Filipinos wissen nicht, daß der Sieg das Kind des Kampfs ist, daß die Freude aus dem Leiden erwächst und daß die Erlösung ein Erzeugnis der Aufopferung ist.“ Spätestens, wenn die Philippinen in den sich wohl in naher Zukunft verschärfenden Konflikt zwischen China und den USA hineingezogen werden, gewinnt die in diesem Satz liegende Aufforderung erneute Aktualität.

 
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