Nur sehr selten schafft es Tadschikistan in die internationalen Schlagzeilen. Meistens dann, wenn es wegen eines langjährigen Grenzstreits mit dem Nachbarland Kirgisistan wieder einmal zu Spannungen kommt. Außerdem ist Tadschikistan die ärmste der fünf ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt laut US-Entwicklungshilfebehörde USAID bei nur 871 Dollar. Dennoch wäre es falsch, das Potential Tadschikistans zu unterschätzen. Der arabische Nachrichtensender Al Jazeera weist darauf hin, daß Tadschikistan „trotz seiner wirtschaftlichen Ohnmacht eine bedeutendere Rolle spielt, als es den Anschein hat. Seine Lage macht Tadschikistan zu einem der wichtigsten Akteure in der regionalen politischen Architektur“.
Von Dr. Bernhard Tomaschitz
Beispielsweise hat das ca. zehn Millionen Einwohner zählende Land eine rund 1400 Kilometer lange Grenze mit Afghanistan, beherbergt einen russischen Militärstützpunkt und spielt eine wichtige Rolle in Chinas Seidenstraßenstrategie. Somit überrascht es nicht, daß Tadschikistan Mitglied in dem von Rußland kontrollierten Militärbündnis Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) ist sowie der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) angehört, mittels derer Moskau und Peking versuchen, die eurasische Integration voranzutreiben und die USA – so gut, wie es geht – aus Zentralasien fernzuhalten.
Parag Khanna, ein ehemaliger Berater des früheren US-Präsidenten Barack Obama, beschrieb die landschaftlich einzigartig reizvolle zentralasiatische Republik, deren höchster Gipfel fast 7500 Meter in den Himmel ragt, auf etwas pathetische Weise: „Im Pamir-Gebirge bedrohlich eingeklemmt von Usbekistan, Afghanistan, Kirgisistan und China, ist Tadschikistan ein weiteres Land, das wie ein kleines Segelboot von den imperialen Winden hin und her geschleudert wird.“ Khanna wies aber auch darauf hin, daß Tadschikistan aufgrund seiner Lage für Groß- und Regionalmächte von großer Bedeutung sei: „Aber Tadschikistan ist auch eine wichtige Brücke für die Erneuerung chinesisch-iranischer Handelswege, die Xinjiang, Osch, Duschanbe und Herat [in Afghanistan] mit dem Iran verbinden […]. Ein vom Iran finanzierter Tunnel durch das Fan-Gebirge, der von Duschanbe nach Chudschand führt, gewährleistet erstmals eine ganzjährige Verbindung zwischen den beiden größten Städten Tadschikistans, während er zugleich einen neuen Energie- und Handelskorridor von China nach Südwestasien eröffnet.“
Hingegen ist der US-Einfluß in Tadschikistan – wie auch in den anderen zentralasiatischen Republiken – vergleichsweise gering. So stellt ein Bericht von USAID mit leicht resignierendem Unterton fest: „Das zwischen Afghanistan und China gelegene Tadschikistan mit seinen historischen Beziehungen zu Rußland wird politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich stark von der Geopolitik in der Region beeinflußt. Rußland ist Tadschikistans wichtigster Sicherheitspartner, der den tadschikischen Streitkräften Ausbildung und Ausrüstung zur Verfügung stellt, und Tadschikistan beherbergt den vermutlich größten russischen Militärstützpunkt außerhalb Rußlands. […] China hat im Rahmen seiner Seidenstraßenstrategie in den letzten zehn Jahren in Tadschikistan mehr als 1,36 Milliarden Dollar in Energie, Metalle und Immobilien investiert, was zwei Drittel der ausländischen Direktinvestitionen ausmacht.“
Entgegen ihrem Namen – US-Agentur für internationale Entwicklung – beschäftigt sich USAID weniger mit klassischer Entwicklungshilfe wie der Errichtung von Schulen und Straßen, sondern stellt vielmehr ein Instrument des weltweiten Hegemonialstrebens der Vereinigten Staaten dar. Tadschikistan bildet dabei keine Ausnahme. So verfolgt USAID eigenen Angaben zufolge in dieser zentralasiatischen Republik unter anderem das Ziel, „amerikanische Werte“ und die englische Sprache zu fördern und eine „pro-westliche Kohorte aufzubauen, die in der Lage ist, bösartige Einflüsse zu erkennen“. Mit „bösartigen Einflüssen“ sind hier jene aus China und aus Rußland gemeint.
Mit westlicher Demokratieförderung weiß der seit 1994 autoritär regierende Langzeitpräsident Emomali Rahmon nicht viel anzufangen. Immer wieder kommt aus dem Westen Kritik an seinem Vorgehen gegen die sogenannte Zivilgesellschaft. In einem Brief vom 5. Dezember 2023 forderte Ben Cardin, der Vorsitzende des Ausschusses für Auswärtige Beziehungen des US-Senats, Rahmon auf, „die anhaltende Unterdrückung friedlicher Oppositioneller, Journalisten und Mitglieder der Zivilgesellschaft durch Ihre Regierung zu beenden“. Als „besonders besorgniserregend“ bezeichnete Cardin das „anhaltende Vorgehen gegen ethnische und religiöse Minderheiten, ihre lokalen Organisationen und Führer, insbesondere in der Region Berg-Badachschan“.
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Interessant ist der Hinweis auf Berg-Badachschan. Diese rund 64.000 Quadratkilometer große autonome Provinz im Osten des Lands macht fast die Hälfte des tadschikischen Staatsgebiets aus und ist mit etwas mehr als 200.000 Einwohnern, die mehrheitlich dem Volk der Pamiri angehören, nur sehr dünn besiedelt. Die Pamiri gehören im Gegensatz zu den sunnitischen Tadschiken dem ismaelitischen Islam, einer schiitischen Glaubensrichtung, an. Auch wird Berg-Badachschan – der südliche Teil des historischen Badachschan gehört zu Afghanistan – in Artikel 7 der tadschikischen Verfassung, der die Unteilbarkeit des Staats festschreibt, gesondert erwähnt: „Tadschikistan besteht aus der Autonomen Bergregion Badachschan, Regionen, Städten, Bezirken, Siedlungen und Dörfern.“ Diese etwas seltsam anmutende Formulierung trägt dem Umstand Rechnung, daß das historische Badachschan auf eine lange Zeit der Unabhängigkeit zurückblicken konnte und die heutige tadschikische autonome Provinz Berg-Badachschan, die 1902 unter russische Militärverwaltung gekommen war, erst 1924 mit Gründung der Tadschikischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik mit Tadschikistan zusammengelegt wurde.
Berg-Badachschan, von dem die meisten Europäer in ihrem Leben noch nie etwas gehört haben, ist vor allem geopolitisch von sehr großem Interesse. Wie ein Bericht von „SpecialEurasia“, einer Plattform für Geopolitik und Risikobewertung, erläutert, ist Berg-Badachschan Gegenstand des geopolitischen Wettbewerbs regionaler und globaler Mächte, da es Zugang zu Ressourcen wie Mineralien, Wasser und Erdgas bietet. Außerdem blickt das Gebiet auf eine komplexe Geschichte politischer, wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche zurück, die zum Teil auf seine strategische Bedeutung in der Region zurückzuführen sind. Zudem wird darauf hingewiesen, daß Berg-Badachschan bereits seit der Antike Schauplatz kulturellen und wirtschaftlichen Austauschs ist, die Handelsrouten der Seidenstraße verbindet sowie als wichtiges Handelszentrum zwischen verschiedenen Kulturen dient.
Besonderes Interesse an Badachschan zeigt China, das in dieser Region Tadschikistans einen Militärstützpunkt errichtet. „SpecialEurasia“ merkte 2021 dazu an, daß China seine militärische Präsenz in zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken verstärken wolle, insbesondere in denen, die an Afghanistan grenzen, wo die USA im August 2021 abzogen. Und während die tadschikisch-chinesischen Beziehungen in den letzten Jahrzehnten immer enger wurden, sind europäische und US-amerikanische Investitionen verschwunden. Für Peking ist der Militärstützpunkt vor allem deswegen von Bedeutung, weil Berg-Badachschan an die chinesische Unruheprovinz Xinjiang grenzt. Umgekehrt erwartet sich auch Tadschikistan vom chinesischen Stützpunkt Vorteile, wie im November 2021 der „New Eastern Outlook“ schrieb: „Der Plan, diesen Militärstützpunkt zu errichten, entstand inmitten von Spannungen zwischen Duschanbe und der neuen Taliban-Regierung. Der tadschikische Präsident Emomali Rahmon hat sich geweigert, die Taliban-Regierung anzuerkennen, und fordert eine bessere Vertretung der ethnischen Gruppen Afghanistans, von denen die Tadschiken die zweitgrößte sind. Laut Nachrichtenagentur Reuters haben die Taliban angeblich ein Bündnis mit einer ethnischen tadschikischen militanten Gruppe im Norden Afghanistans geschmiedet, die die Regierung von Emomali Rahmon stürzen will.“ Da ist es gut, wenn man einen starken Partner im Land hat.
In dem Bericht wird aber ausdrücklich darauf hingewiesen, daß China mit seiner Entscheidung, einen Militärstützpunkt in Berg-Badachschan zu errichten, in erster Linie eigene Interessen verfolge, „da die Region den chinesischen Behörden schon immer ein Anliegen war“. Einerseits wegen der Kontrolle der uigurischen Aufständischen in Xinjiang, andererseits als Antwort auf die Aktivitäten der Türkei in Zentralasien.
Für Tadschikistan ist Berg-Badachschan die Unruheprovinz, in der es seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991 wiederholt zu Unruhen gekommen ist. Aus Sicht Duschanbes am wichtigsten ist aber die Rolle dieses Gebiets während des tadschikischen Bürgerkriegs. Die Denkfabrik GlobalSecurity schreibt dazu: „Der Krieg begann im Mai 1992, als sich ethnische Gruppen aus den Regionen Berg-Badachschan und Gharm gegen die nationale Regierung von Präsident Rahmon Nabijew erhoben. Während des Bürgerkriegs von 1992 bis 1997 war die Region eine Hochburg der Hauptgegner von Präsident Rahmon, der Vereinigten Tadschikischen Opposition (VTO), einer breiten Koalition von Oppositionskräften.“ Der VTO gehörten liberale Kräfte ebenso an wie die 2015 verbotene Islamische Renaissance-Partei. Für Präsident Rahmon war der Bürgerkrieg offenkundig ein einschneidendes Ergebnis, denn nach dem Friedensabkommen von 1997, welches die Kämpfe beendete, zog er die Daumenschrauben an. Die Nachrichtenagentur Reuters merkte dazu vor einigen Jahren an: „Er toleriert wenig Dissens, und öffentliche Äußerungen von Unzufriedenheit mit der staatlichen Politik sind selten.“
Der tadschikische Bürgerkrieg, der Schätzungen zufolge zwischen 20.000 und 150.000 Todesopfer forderte, hatte mehrere Ursachen: einerseits die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage in der Endphase der Sowjetunion in den späten 1980er Jahren, andererseits die Entwicklung islami(sti)scher und demokratischer Bewegungen. War die Lage in Tadschikistan bereits kurz vor Zusammenbruch der Sowjetunion instabil – im Februar 1990 kam es in der Hauptstadt Duschanbe zu Unruhen –, brachte die Präsidentenwahl am 24. November 1991 das Faß zum Überlaufen. Der Kandidat der Kommunisten, Rahmon Nabijew, erhielt 57 Prozent und der aus Berg-Badachschan stammende und von der Islamischen Renaissance-Partei und der Demokratischen Partei unterstützte Oppositionskandidat Davlat Khudonazarov 35 Prozent der Stimmen. Die Opposition sprach von schweren Unregelmäßigkeiten bei der Wahl und erhob Manipulationsvorwürfe.
Der Bürgerkrieg brach im Mai 1992 aus und verlief entlang ideologischer, regionaler und ethnischer Bruchlinien. Die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) weist in einem Bericht über den tadschikischen Bürgerkrieg ausdrücklich darauf hin, daß in den vier großen Regionen des Lands unterschiedliche regionale und ethnische Gruppen leben, die eine entscheidende Rolle in der Innenpolitik spielen und entscheidend für die Rolle im Bürgerkrieg waren: der Provinz Sughd (ehemals Leninabad) im Norden, dem Nordosten einschließlich der Täler von Gharm und Kareteguin, der Provinz Chatlon im Süden sowie Berg-Badachschan. Den Bürgerkrieg selbst beschreibt HRW folgendermaßen: „Der Konflikt war ein Höhepunkt des Machtkampfs zwischen einer kommunistisch geführten Regierung, die von Menschen aus Leninabad (bekannt als ‚Leninabadis‘) dominiert wurde, und einer Oppositionskoalition, die aus dem Nordosten (‚Gharmis‘) und Berg-Badachschan (‚Pamiris‘) stammten. Die Regierung wurde im Bürgerkrieg von Leuten aus Kuliab (‚Kuliabis‘), einem Bezirk der südlichen Provinz Chatlon, unterstützt. Die Vereinigte Tadschikische Opposition (VTO) war ein Zusammenschluß nationalistischer und islamistischer Parteien und Bewegungen.“ HRW berichtet auch, daß es die größten Zerstörungen und zivilen Todesopfer im Süden gegeben habe, wo die Kuliabis und ihre Verbündeten Kampagnen der „ethnischen Säuberung“ gegen die Gharmis und Pamiris durchführten.
Der Bürgerkrieg selbst wurde im Juni 1997 durch ein von der Regierung und der VTO unterzeichnetes Friedensabkommen beendet. Wichtige Punkte dieses Friedensabkommens, das unter anderem vorsah, daß 30 Prozent aller Regierungsposten mit Vertretern der VTO besetzt werden sollten, wurden aber nicht umgesetzt.
Mit dem Ende der Sowjetunion kam es in Tadschikistan zu einer Rückbesinnung auf den Islam. Vor einigen Jahren berichtete der US-Auslandssender Radio Free Europe/Radio Liberty, daß in diesem zentralasiatischen Land islamische Namen wieder in Mode kämen: „Schätzungsweise jedes fünfte neugeborene Mädchen in Duschanbe erhält einen islamischen Namen.“ Außerdem wurde 1990 die Islamische Renaissance-Partei gegründet, die bis zu ihrem Verbot 2015 die einzige legale islamistische Partei in Zentralasien war. Bei der Parlamentswahl 2005 gewann sie acht Prozent der Stimmen und zog mit zwei Abgeordneten ins Parlament ein.
Die tadschikische Regierung versucht, Islamisierungstendenzen – so gut es geht – im Keim zu ersticken, zumal Artikel 8 der Verfassung den Laizismus festschreibt: „Religiöse Organisationen müssen vom Staat getrennt sein und dürfen sich nicht in staatliche Angelegenheiten einmischen. Die Gründung und Tätigkeit öffentlicher Vereinigungen und politischer Parteien, die zu Rassismus, Nationalismus, sozialer und religiöser Feindschaft und Haß aufrufen sowie den gewaltsamen Umsturz der verfassungsmäßigen staatlichen Strukturen und die Bildung von bewaffneten Gruppen befürworten, sind verboten.“ Dennoch gewinnt der Islam in Tadschikistan an Anziehungskraft, beispielsweise tragen immer mehr Frauen lange schwarze Gewänder, wie es in arabischen Ländern üblich ist, was Präsident Rahmon vor ein paar Jahren zu einer Unmutsäußerung veranlaßte: „Unsere Leute haben nie schwarze Kleidung getragen. Es ist nicht akzeptabel, bei traditionellen Zeremonien Schwarz zu tragen. Selbst Trauerkleidung ist nicht eintönig schwarz.“

Übrigens sprechen die Tadschiken – im Gegensatz zu den Kasachen, Kirgisen, Usbeken und Turkmenen – keine Turksprache, sondern eine Varietät des Persischen. Das ist kein Zufall, denn das heutige Tadschikistan war im Mittelalter Teil des Persischen Kaiserreichs. Nachdem im Laufe des 19. Jahrhunderts die Zaren sich immer mehr für Mittelasien zu interessieren begannen, brachte das Jahr 1868 für Tadschikistan mit der Eingliederung ins neuerrichtete Generalgouvernement Turkestan des Russischen Reichs eine Zäsur. Nach der Oktoberrevolution von 1917 gehörte dieses Gebiet ab 1918 zur Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik Turkestan, ehe es 1924 zur Gründung der (der Usbekischen SSR unterstellten) Tadschikischen ASSR kam, die schließlich 1929 zur Tadschikischen Sozialistischen Sowjetrepublik erhoben wurde.
Interessant sind übrigens die Kriterien, nach welchen die noch junge Sowjetunion die Grenzen ihrer neuen zentralasiatischen Republiken festlegte. Der Islamwissenschafter Reinhard Schulze schrieb dazu: „Die neuen politischen und territorialen Grenzen orientierten sich an den Weltsichten der städtischen Nationalisten, welche die Heterogenität von Turkestan zu kanalisieren suchten. Dabei unterschieden sie beispielsweise zwischen einer kasachischen und einer kirgisischen Nationalität, obwohl beide Begriffe – ethnisch gesehen – eher auf unterschiedliche soziale Verhältnisse verwiesen.“ Die Aufteilung Turkestans in mehrere territoriale Einheiten sollte sich für die Bildung einer tadschikischen Nationalidentität als entscheidend erweisen. Denn: „Aus dem traditionell ethnisch heterogenen Turkestan gliederte sich nun auch eine tadschikische Nationalidentität heraus, welche die persische Elitenkultur, die lange Zeit auch die turkophonen Gesellschaften (bis auf Chiwa) geprägt hatte, zu einem spezifischen Merkmal eigener Nationalität machte.“
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Daß die tadschikische Nationwerdung erst spät erfolgte, hindert Tadschikistan nicht daran, eine tadschikische Nationalidentität bis ins Mittelalter zurückzudatieren und sich dabei auf Avicenna (980–1037) zu berufen. Nach dem islamischen Philosophen und Arzt ist beispielsweise die Medizinische Universität in der Hauptstadt Duschanbe benannt, die Avicenna als „großen tadschikischen Weisen“ bezeichnet. Die Tadschiken stellen im übrigen mit rund 85 Prozent nicht nur das Mehrheitsvolk in Tadschikistan, sondern mit einem Bevölkerungsanteil von rund einem Viertel auch die zweitgrößte Ethnie im benachbarten Afghanistan.
Die sprachlichen Gemeinsamkeiten sind der Grund, warum das sunnitische Tadschikistan gute und enge Beziehungen zum schiitischen Iran pflegt. Der frühere iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad bezeichnete die bilateralen Beziehungen zwischen Teheran und Duschanbe sogar als „ein Geist in zwei Körpern“. Nachdem es in den 2010er Jahren wegen der Beschlagnahme iranischer Vermögenswerte in Tadschikistan zu einer Abkühlung der bilateralen Beziehungen gekommen, war in den letzten Jahren eine deutliche Annäherung der beiden Länder zu verzeichnen. Im September 2021 führte die erste Auslandsreise des neuen iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi nach Duschanbe, und bei einem erneuten Besuch Raisis in Duschanbe im November 2023 unterzeichneten der Iran und Tadschikistan mehrere Memoranden, von denen jenes „über den internationalen Verkehr und den Transitverkehr über den Hafen von Tschahbahar“ von besonderer Bedeutung ist.
Für Boris Kushkhov von der Russischen Akademie der Wissenschaften ergibt sich die Bedeutung des Hafens von Tschahbahar, der übrigens der einzige Tiefwasserhafen des Iran ist, aus den logistischen Schwierigkeiten, mit denen der Exportsektor Tadschikistans konfrontiert sei, und zwar sowohl in seinem gegenwärtigen Zustand als auch in bezug auf seine künftige Entwicklung. Als besonderes Problem erweise sich dabei, daß die jüngsten Verkehrs- und Infrastrukturprojekte, die von den anderen Ländern in der Region mit externen Partnern, vor allem mit China und der Türkei, geplant werden, an Tadschikistan vorbeigehen. Deshalb sei Tadschikistan gezwungen, die Initiative zu ergreifen und Wege zu finden, um die Verkehrsverbindungen und die Infrastruktur zu entwickeln, die zur Unterstützung seines Exportsektors erforderlich sind. In dieser Hinsicht gehöre der Zugang zum Golf von Oman eindeutig zu den Prioritäten Tadschikistans.
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Der Zugang zum Golf von Oman könne laut Kushkhov für Tadschikistan darüber hinaus noch eine Umwegrentabilität in bezug auf das gespannte Verhältnis zu Kirgisistan bringen: „Der Transportkorridor von Tadschikistan zum Golf von Oman könnte auch für seinen nördlichen Nachbarn Kirgisistan ein profitables Projekt sein, und die Beteiligung Tadschikistans an dem Projekt könnte ihm somit einen Einfluß auf Kirgisistan verschaffen. Dies ist ein besonders wichtiger Faktor angesichts der anhaltenden Grenzstreitigkeiten zwischen den beiden Ländern.“ Eine Beendigung des Grenzstreits mit Kirgisistan wäre für Duschanbe vor allem deshalb von Vorteil, weil es seit dem Abzug der USA aus Afghanistan im August 2021 das nun in Kabul herrschende Taliban-Regime als die größte Sicherheitsbedrohung betrachtet. Auch ist die tadschikisch-afghanische Grenze aufgrund ihrer Länge und ihres gebirgigen Terrains nur schlecht geschützt.
Neben einer unübersichtlichen Grenzziehung mit umstrittenen Gebieten ist die wichtigste Ursache des tadschikisch-kirgisischen Grenzkonflikts das wirtschaftliche Potential Tadschikistans. Konkret geht es nicht um die für den Tourismus wichtige landschaftliche Schönheit, ebensowenig geht es um die in diesem zentralasiatischen Staat befindlichen großen Vorkommen an Gold, Silber und Antimon, sondern um einen Rohstoff, der in der Region sonst eher rar ist: Wasser. Die tadschikische Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland hält auf ihrer Internetseite fest: „Über 60 Prozent aller Süßwasserressourcen in Zentralasien formieren sich auf dem Territorium der Republik. Im ganzen Land fließen etwa 947 Flüsse, deren Gesamtlänge 28.500 km beträgt. Der Amu-Darja und der Syr-Darja sind die größten und wichtigsten Flüsse des Landes.“ Außerdem erzeugt Tadschikistan 95 Prozent seiner Elektrizität durch Wasserkraft. Zudem gehen Schätzungen davon aus, daß die tadschikischen Wasservorkommen ausreichten, um den jährlichen Strombedarf ganz Zentralasiens dreifach zu decken.
Doch für Tadschikistan ist der Wasserreichtum Segen und Fluch zugleich. Denn immer wieder kommt es zu Zusammenstößen zwischen Tadschikistan und seinem nördlichen Nachbarn Kirgisistan, bei denen es nicht nur um bloße Grenzstreitigkeiten geht, sondern auch um die Kontrolle von Wasserressourcen. Wie die US-Denkfabrik Jamestown Foundation 2022 schrieb, war Zentralasien bereits in der Vergangenheit von Spannungen über den Zugang zu Wasserressourcen geplagt, selbst die Verwaltungseinheiten der Sowjetunion stritten sich um die Zuteilung von Wasser und Weideland. Obwohl zwischen Tadschikistan und Kirgisistan mehrere Faktoren – strategische, politische und ethnische – zur Eskalation der Grenzspannungen beitragen, ist die Bewirtschaftung der Wasserressourcen ein Dauerthema, das häufig Konflikte auslöst. In den letzten zehn Jahren gab es mehr als 150 Konflikte an den gemeinsamen Grenzen zwischen Kirgisistan und Tadschikistan mit Opfern auf beiden Seiten. Die Wasserkonflikte könnten in Zukunft noch zunehmen. Denn aufgrund klimatischer Veränderungen steigen die Temperaturen in Zentralasien schneller als im weltweiten Durchschnitt, was dazu führt, daß die Gletscher im tibetischen Hochland, die auch als „dritter Pol“ bekannt sind, schmelzen und die Wasserverteilung in der Region stören. Und die Berücksichtigung der Nutzung der Wasservorkommen macht den Abschluß von Grenzabkommen auch nicht leichter.
Tadschikistan sollte daher insgesamt mehr internationale Aufmerksamkeit geschenkt werden – insbesondere von den Europäern, die Zentralasien stiefmütterlich behandeln.