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Vietnam

Napalm ist ein Brandkampfstoff mit dem Hauptbestandteil Benzin. 400.000 Tonnen davon setzten die US-Streitkräfte während des Vietnamkriegs ein. Berühmt geworden ist das Photo des weinenden, nackt und verbrannt aus einem angegriffenen Dorf fliehenden Mädchens Kim Phuc, eine Aufnahme des vietnamesischen Photographen Nick Út, der dem schwerverletzten Mädchen unmittelbar nach der Aufnahme das Leben rettete und mit der heute in Kanada lebenden 60jährigen Kim Phuc Phan Thi nach wie vor befreundet ist. – Im Bild: Auszeichnung des Photos durch den Bürgermeister von Amsterdam.

Die dreißigjährigen Indochinakriege

Die Vietnamkriege – der Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich (1946–1954), der „amerikanische“ Krieg von 1961 bis 1973, gefolgt vom Krieg des Nordens gegen den Süden bis zur Besetzung Saigons im März 1975 und schließlich die vietnamesische Invasion Kambodschas und der Grenzkrieg mit China im Jahr 1979 – begannen in ihrer Vorgeschichte ursächlich im Jahr 1941.

Von Dr. Albrecht Rothacher

Nach dem Waffenstillstand von Compiegne im Juni 1940 herrschte in Französisch-Indochina (offiziell: „Union Indochine“) Admiral Jean Decoux, der, wie die meisten Kolonialverwaltungen, zur legitimen Regierung in Vichy hielt. Bei seinem blitzkriegartigen Vormarsch nach Südostasien (Britisch-Malaya, Singapur, Niederländisch-Indien und Burma) nutzte Japan Indochina und das mit der Achse verbündete Thailand als Sprungbrett. Französische Polizei und Kolonialtruppen und eine leichte japanische Besatzung dienten Seite an Seite. Nach der Besetzung von Paris durch die Amerikaner, die Résistance und den Rebellengeneral de Gaulle im August 1944 begann die japanische Militärführung, einen Seitenwechsel wie in Nordafrika anno 1942 zu fürchten, zumal ihnen de Gaulle, der in Asien über keinerlei Truppen verfügte, bald den Krieg erklärte, um auch in Tokio auf dem Siegertreppchen stehen zu können (letztlich vergebens). Die Amerikaner, die in den Dschungelgebirgen im Norden an der Grenze zu China kommunistische Partisanentruppen unter dem Kommando des aus Südchina eingesickerten Komintern-Agenten Ho Chi Minh für Sabotageaktionen gegen die Japaner ausbildeten und bewaffneten, bombardierten gleichzeitig die Häfen, Eisenbahnlinien und die wenigen Industrieanlagen. Mit ihrer absoluten See- und Lufthoheit schnitten sie ab 1943/44 alle Auslandsverbindungen der Kolonien ab und streuten gleichzeitig das Gerücht einer baldigen Invasion – die statt dessen auf Okinawa, viel näher an den japanischen Hauptinseln, im April 1945 stattfinden sollte.

Die Japaner reagierten, indem sie am 9. März 1945 alle französischen Truppen, Polizisten und Beamten brutal festsetzten – und, wo sie Widerstand leisteten, wie in den Bergfestungen Lang Son und Dong Dang, massakrierten. Nach der japanischen Kapitulation am 15. August 1945 entstand so ein Machtvakuum, das Ho Chi Minh im Vertrauen auf die antikolonialen und antifranzösischen Vorurteile Roosevelts nutzte, um am 2. September 1945 eine Unabhängigkeitserklärung zu erlassen, die jene der USA von 1776 imitierte. Nationalchinesische Truppen, die nominell der Kuomintang (KMT) Chiang Kai-sheks unterstanden, besetzten nun den Norden Vietnams (wo sie sich hauptsächlich als Plünderer hervortaten) und einige wenige britische Truppen die Städte des Südens, während Ho Chi Minh nach dem Sturz des Kaisers Bao Dai, der mit den Franzosen und dann mit den Japanern kollaboriert hatte, versuchte, eine landesweite kommunistische Verwaltung und Armee mit japanischen und französischen Beutewaffen aufzubauen. Nach dem Vorbild der Maoisten ließ er durch Revolutionstribunale in jedem Dorf Großgrundbesitzer, andere Reaktionäre und „Verräter“ enteignen, die zuvor als Lehrer, Polizisten oder Beamte mit den Franzosen zusammengearbeitet hatten, und – sofern man ihrer habhaft wurde – massenhaft hinrichten. Eine Todesquote von fünf Prozent der Bevölkerung als zu eliminierende Klassenfeinde war von der KPI vorgegeben.

Vor allem ihre schweren Langstreckenbomber B-52 setzten die USA in Vietnam ein.

Der Kolonialkrieg

De Gaulle hatte damals – nach Roosevelts Tod – jedoch nicht die geringste Absicht, auf das französische Kolonialreich zu verzichten, das für ihn Frankreichs Weltmachtstatus darstellte, zumal die „Indochinesische Union“ mit Vietnam als Kolonie seit 1862 und Laos und Kambodscha als Protektorate seit 1883 mit ihren Kohlebergwerken, Kaffee-, Reis- und Kautschukplantagen (Michelin!) wesentlich vielversprechender war als die meisten zentralafrikanischen Kolonialgebiete und als unverzichtbar für den Wiederaufbau Frankreichs galt. Doch hatte das kriegsverwüstete und hungernde Frankreich, wo die kommunistische Résistance 1944/45 bürgerkriegsartig mehr Franzosen umbrachte, als in den Kriegsjahren zuvor umgekommen waren, zunächst kaum Truppen und Waffen für Indochina zu entbehren. Nur mit britischer Hilfe und amerikanischer Ausrüstung und in deren Uniformen gelang es ab März 1946, die meisten Vietminh in die dschungelbedeckten Berge an der chinesischen Grenze zurückzudrängen. Obwohl die Franzosen Städte wie die Hafenstadt Haiphong und Hanoi Ende 1946 unschwer zurückgewannen, konnten sie die ländlichen Regionen trotz der Errichtung von Stützpunktketten und Bunkersystemen mit lokalen Milizen nicht dauerhaft kontrollieren. Die französischen Truppen bestanden aus Wehrpflichtigen sowie Angehörigen der Fremdenlegion, gut zur Hälfte Deutsche, die dem Elend und Hunger der französischen Kriegsgefangenenlager entkommen wollten und als kriegserfahrene Landser in der Legion meist die Unteroffiziere stellten (oft hatten sie auch keine Heimat oder Familie mehr, nur das Kriegshandwerk gelernt, und brauchten – wie manche ehemaligen SS-Angehörigen – neue Papiere; teils waren sie schlicht junge Abenteurer, wie zum Beispiel Peter Scholl-Latour). Hinzu kamen einheimische und nordafrikanische Kolonialtruppen von oft zweifelhafter Loyalität. Das Offizierskorps war gespalten in Spitzenoffiziere – meist politische Günstlinge de Gaulles, die in der äußeren Résistance ohne großartige Qualifikationen und Heldentaten Blitzkarrieren vom Leutnant zum General hinlegten –,kommunistische Offiziere aus der inneren Resistance (FFI), die oft mit der Vietminh sympathisierten, und qualifizierte Berufsoffiziere mit Vichy-Vergangenheit.

Nachdem die KMT-Generäle im südchinesischen Yunnan und Kwangsi Anfang 1949 zu Maos Truppen übergelaufen waren, wurde die Vietminh mit japanischen und amerikanischen Beutewaffen ausgerüstet – vor allem im Laufe des Koreakriegs (1950–1953). Die Sicherheitslage besonders im Norden Vietnams und im Osten von Laos wurde mit ständigen Anschlägen und Hinterhalten, die General Vo Nguyen Giap (1911–2013), ein ehemaliger Schullehrer, organisierte, immer prekärer. Für die USA unter Präsident Dwight D. Eisenhower war Vietnam nach der kommunistischen Machtergreifung in China 1949 ein „Dominostein“ im kommunistischen Versuch der Welteroberung. Fiele Indochina, so wären Malaysia, Thailand, Singapur, Indonesien, die Philippinen und Burma, wo es überall kommunistische Umtriebe und Gewalt gab, als nächste an der Reihe. So erkannten die USA die erneute Marionettenherrschaft des Kaisers Bao Dai (1913–1997) in Hue an, lieferten Waffen, Munition, Flugzeuge, Jeeps und Geschütze und bezahlten 80 Prozent der französischen Kriegskosten. 1953 standen 375.000 französische Soldaten, einschließlich Fremdenlegion und Kolonialtruppen, im Land. Die Verluste beliefen sich bereits auf 90.000 Gefallene. Da entschied der französische Generalstab unter General Henri Navarre im fernen Saigon mit dem Blick auf die Landkarte, in einem Vietminh-Gebiet im Norden, durch das der Nachschub nach Laos lief, in einem von dichtem Dschungel umgebenen Talkessel um das Dorf Dien Bien Phu eine Feldfestung mit Landepisten zu bauen, um eine offene Entscheidungsschlacht zu erzwingen. Fallschirmjäger wurden eingeflogen. Bald umgab die Landepisten ein System von Bunkern, Lazaretten, Schützengräben und vorgeschobenen Feldstellungen mit klangvollen Namen wie „Isabelle“, „Huguette“, „Eliane“ und „Natacha“. 10.000 Mann gruben sich dort ein. Die Hälfte waren Fremdenlegionäre, davon die meisten Deutsche, 20 Prozent französische „Paras“, der Rest Kolonialtruppen. Derweil besetzte Giap die umliegenden Berge mit 50.000 Mann und ließ auf Dschungelpfaden von 250.000 Kulis auf Fahrrädern, für den Feind unsichtbar, zerlegte chinesische Geschütze und Munition heranschaffen, die in Erdkasematten im Dschungel eingegraben wurden und durch ein Höhlensystem verbunden waren. Schließlich wurden die Festung im März 1953 eingeschlossen und die Flugplätze durch Beschuß aus den umliegenden Bergen unbenutzbar. Nachschub und frische Truppen konnten nur per Fallschirm in der Nacht zugeführt werden. In Laufgräben und Sappen arbeiteten sich die Vietminh an jede der isolierten, zerschossenen Feldstellungen heran, die sie dann eine nach der anderen in Sturmangriffen niedermachten. Am 7. Mai 1954 war der Kommandant, Oberst de Castries, angesichts der aussichtslosen Lage in seinem Bunker (der heute noch zu besichtigen ist, während die umliegenden Dschungel längst gerodet sind) gezwungen, zu kapitulieren. Von den 9000 Gefangenen massakrierte die Vietminh zuerst die „Verräter“, Minh-Vietnamesen und Angehörige der Bergvölker („Montagnards“), wie der Hmong, Dao und Tay, die den Franzosen als Späher dienten. Es überlebten nur 3900 Mann die Gewaltmärsche, den Hunger, die Krankheiten, die Zwangsarbeit und die sadistische Gewalt der Aufseher (einschließlich solcher „Kameraden“, die zu den Kommunisten übergelaufen waren). Nach dieser Niederlage begann die kriegsmüde Vierte Republik unter Premier Pierre Mendes-France in Genf Waffenstillstandsverhandlungen. Vietnam, Laos und Kambodscha wurden formal unabhängig. Vietnam wurde vorläufig am 17. Breitengrad geteilt, wobei sich die Vietminh in den Norden und die Franzosen in den Süden zurückziehen sollten. Eisenhower erklärte die USA zur Schutzmacht für Südvietnam, Laos und Kambodscha. Im Juli 1956 sollten im ganzen Land freie Wahlen stattfinden, an die niemand ernstlich glaubte. Nur auf Druck Chinas und der Sowjetunion, die die Beziehungen zu den USA nicht weiter belasten wollten, stimmte Ho Chi Minh der formalen Teilung zu, dachte jedoch nicht daran, seine Kämpfer und Agitatoren aus dem Süden abzuziehen, denen er nur eine Kampfpause verordnete, sie aber weiter in den „befreiten Zonen“ Land an die Bauern verteilen, Steuern eintreiben und eine klandestine Verwaltung und Dorfschulen aufbauen ließ. Seine „Demokratische Republik Vietnam“ beanspruchte weiter die Herrschaft über Gesamtvietnam.

Nun ergoß sich eine Flut von Grundbesitzern, Bürgerlichen, chinesischen Händlern, Milizionären, deren Familien sowie katholischen und buddhistischen Geistlichen und Mönchen in den Süden, die dem kommunistischen Terror zu entkommen suchten. In Südvietnam übernahm nach dem französischen Abzug und manipulierten Wahlen der Katholik Ngo Dinh Diem als von den USA unterstützter Diktator die Macht, die in ihm einen Garanten gegen den Kommunismus sahen. Diem errichtete mit seiner Familie einen korrupten Polizeistaat, der von US-Entwicklungsgeldern lebte. Gleichzeitig versuchte er, mächtige bewaffnete buddhistische Sekten zu unterdrücken, die nur mit CIA-Geldern beschwichtigt werden konnten. Graham Greene hat die damalige Atmosphäre in seinem Roman „Der stille Amerikaner“ 1956 meisterlich beschrieben. In einem getürkten Referendum ließ Diem Bao Dai absetzen, der sich ohnehin meist als Playboy an der Cote d’Azur amüsierte, um sich selbst zum Staats- und Regierungschef zu küren und ein ihm gefügiges Parlament wählen zu lassen. US-Militär- und -Zivilberater wurden zu Tausenden ins Land gebracht. Bis Anfang 1963 sollten es 16.000 werden. Geld und Waffen waren Diem willkommen. Doch von einer Landreform nach dem Muster Nachkriegsjapans oder Taiwans wollte er nichts wissen. So konnte der 1960 im Süden als Ableger der Vietminh gegründete Vietcong durch Landverteilungen im Delta und auf dem Bergland weiter populär bleiben.

Auf Mord und Terror folgte tödlicher Gegenterror. Polizisten, Soldaten auf Heimaturlaub, Regierungsbeamte, Lehrer und ihre Familien wurden zu Hunderten ebenso gnadenlos ermordet wie vermutete kommunistische Sympathisanten. Pro forma und für seine PR im Westen ging der Vietcong ein Volksfrontbündnis der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams“ mit den üblichen nützlichen Idioten ein: Buddhisten, die Diem ablehnten, linken Christen, liberalen Honoratioren und Intellektuellen für eine respektable Fassade, die er jedoch faktisch völlig kontrollierte, so wie er selbst aus Hanoi gesteuert wurde.

 

Ho Chi Minh (1890–1969) war der Führer der kommunistischen Revolution in Vietnam. Bild:Niederländisches Nationalarchiv (CC BY-SA 3.0 nl)
Lyndon B. Johnson (1908–1973) war der 36. Präsident der Vereinigten Staaten und verlegte nur widerwillig mehr und mehr Truppen nach Südvietnam.
John McCain, der als republikanischer Präsidentschaftskandidat gegen Obama unterlag, hat selbst ähnlich wie der spätere Senator John Kerry in Vietnam als Pilot gekämpft, wurde abgeschossen und mehr als fünf Jahre lang in Gefangenschaft gehalten. Die späteren amerikanischen Präsidenten George W. Bush jun., Bill Clinton, Donald Trump und Joe Biden haben sich hingegen allesamt erfolgreich vor dem Kriegsdienst gedrückt.

Der „amerikanische“ Krieg

Nach dem von der CIA organisierten und von ihm nur halbherzig bis gar nicht unterstützten Invasionsversuch kubanischer Exilanten in der Schweinebucht hatte der neue US-Präsident John F. Kennedy 1961 ein internationales Glaubwürdigkeitsproblem. Diems Regierung kontrollierte trotz der amerikanischen Unterstützung nur noch die Bezirkshauptstädte. Doch standen Ende 1961 angeblich erst 17.000 Vietcong im Land. Die USA schickten bis Dezember 1961 3000 neue Militärberater, dazu amphibische Transportpanzer, Kampfhubschrauber und Kampfflieger samt Piloten, die bei „Trainingsflügen“ auch Bodenangriffe ausführten. Schon wurden aus der Luft Herbizide eingesetzt, um den Dschungel zu entlauben und die Ernten in Vietcong-Gebieten zu vernichten. Noch lehnte Kennedy den Einsatz von Bodentruppen ab. Bei einer immer großzügiger dotierten US-Wirtschafts- und -Entwicklungshilfe kassierten korrupte Beamte, Unternehmer und die Präsidentenfamilie kräftig ab. Nachdem Demonstrationen buddhistischer Gläubiger mit Waffengewalt und Toten von Diems Militär zerschlagen, Tempel gestürmt wurden und sich im Juni 1963 ein Mönch in Saigon spektakulär selbst verbrannte, erkannten die CIA und Botschafter Henry Cabot Lodge, ein prominenter Republikaner, daß Diem nicht zu halten war, und ließen eine Verschwörung von Diem eingesetzter Generäle zu. Als Diem und sein Bruder Nhu flüchten wollten, wurden sie am 2. November 1963 erschossen. Laut Kennedy war das nicht so geplant gewesen. Die neue Junta um General Minh zerstritt sich sofort über Posten, Pfründen und Strategien. Nach wenigen Monaten ließen die USA auch gegen ihn putschen. Bevor er jedoch seine eigene, bislang gescheiterte Vietnamstrategie überdenken konnte, wurde auch Kennedy am 22. November von Lee Harvey Oswald, möglicherweise ein sowjetischer Agent, der aber als bekennender, verwirrter „Marxist-Leninist“ auch auf eigene Faust gehandelt haben könnte, in Dallas erschossen.

Sein Vizepräsident Lyndon B. Johnson („LBJ“), ein innenpolitisch versierter Strippenzieher aus Texas, übernahm die Macht. Er ließ seinen Verteidigungsminister Robert McNamara den verdeckten Kampfeinsatz durch bald 23.000 Militärberater und hunderte US-Piloten verstärken, einschließlich des Einsatzes von US-Sabotagetrupps gegen Brücken und Militäranlagen in Nordvietnam. Am wichtigsten war ihm, bei den Präsidentschaftswahlen im November 1964 gegen seinen republikanischen Herausforderer Barry Goldwater nicht als demokratisches Weichei dazustehen. So kreuzte am 2. August 1964 der Zerstörer „Maddox“ auf Erkundungsfahrt vor der nordvietnamesischen Küste. Als drei nordvietnamesische Torpedoboote auftauchten, kam es zu einem Feuergefecht, bei dem unklar blieb, wer zuerst geschossen hatte. Die nordvietnamesischen Torpedos verfehlten ihr Ziel. Die amerikanischen Schiffsgeschütze trafen. Als ein weiterer mutmaßlicher Fehlalarm der „Maddox“ einging, kündigte Johnson im Fernsehen einen Vergeltungsschlag an: den ersten offiziellen US-Bombenangriff auf nordvietnamesische Marinehäfen. Eine Kongreßresolution gab dem Präsidenten freie Hand für weitere Militäreinsätze. Trotz des nun offiziellen Kriegs weitete der Vietcong die von ihm kontrollierten Gebiete in Südvietnam aus: mit eigenen Schulen, militärischen Ausbildungslagern und eigenen Steuern. Über den Ho-Chi-Minh-Pfad von Dschungelpisten im Osten und Laos und Kambodscha aus, meist alte Schmugglerpfade von insgesamt 16.000 km Länge, die den 37. Breitengrad umgingen, sickerten immer mehr reguläre nordvietnamesische Soldaten und Offiziere, bis zu 5000 Mann monatlich, mit Waffen, Munition und Material, die aus China und der Sowjetunion stammten, in den Süden ein. Derweil trafen tödliche Bombenanschläge die Bars und Hotels, die von US-Soldaten, Kontraktanten und Beratern genutzt wurden. Als weitere Bombenangriffe, wie die Operation „Rolling Thunder“ auf Munitionslager und andere Ziele im Norden, nichts fruchteten, gibt Johnson dem Druck der Militärs und ihres Oberkommandierenden in Vietnam, General William Westmoreland, nach, Bodentruppen zu schicken, zunächst nur zum Schutz der US-Stützpunkte. Im März 1965 landeten die ersten 3500 Marines in Da Nang, gefolgt von 40.000 weiteren GIs. Die Einsatzbefehle wurden notgedrungen weiter ausgeweitet. Dabei war sich Johnson unsicher in seiner Rolle als Kriegsherr. Angesichts der wachsenden Antikriegsbewegung bot er im April 1965 Friedensverhandlungen – verbunden mit dem Offert einer milliardenschweren Entwicklungshilfe für ganz Südostasien – an, die von der nordvietnamesischen Führung, deren doktrinäre Hardliner den greisen, halbsenilen und nur noch als Aushängeschild dienenden „Onkel Ho“ längst ausgebootet hatten, angesichts der andauernden Schwäche der Saigoner Regierung siegessicher abgelehnt wurden. Denn schon Ho hatte den Franzosen 1945 zynisch verkündet, auch bei einer Todesrate von zehn Vietnamesen pro Franzosen würden sie die Kolonialmacht erschöpfen und gewinnen.

In Südvietnam putschte eine neue Militärregierung unter Luftmarschall Nguyen Cao Ky, der peinlicherweise Hitler sein Vorbild nannte, weil dieser seine Nation zusammengehalten habe. Die USA verloren die Hoffnung auf ihren Verbündeten. So ließ Johnson bis Oktober 1965 die US-Truppen diskret auf 200.000 Mann mit einem unbeschränkten Einsatzmandat erhöhen. Das erste offene größere Gefecht, „Operation Starlight“, fand im August 1965 nahe der Halbinsel Van Truong statt. Mit einem ungeheuren Aufwand an Bomben und Napalm wurde der Vietcong aus seinen Dschungelverstecken vertrieben. 51 GIs und mehr als  600 Guerillas fielen. Dazu begannen die USA mit ihren schweren B-52-Langstreckenbombern massive Bombenangriffe („Rolling Thunder“), die 1965–1968 mit 650.000 Tonnen Bomben neben Kasernen und Militärstützpunkten die geringe nach dem Unabhängigkeitskrieg wiederaufgebaute Infrastruktur wie Elektrizitätswerke, Öllager, Brücken, Kanäle, Dämme, Straßen und den Ho-Chi-Minh-Pfad (mit seinen vielen Parallelstrecken) zu zerstören suchten – ohne Rücksicht auf das Risiko massiver Kollateralschäden für die leidgeprüfte Bevölkerung durch die vielen Fehlwürfe auf zivile Ziele in benachbarten Dörfern. Ziel war es, den Norden durch Bomben und Entlaubungseinsätze mit Brachialgewalt zu Friedensverhandlungen zu zwingen. Erstmals wurde auch Hanoi im Sommer 1966 zum Ziel von US-Bombenangriffen. Die Schulen wurden geschlossen und die Bevölkerung (wie bei der Kinderverschickung in Deutschland 1943/44) aufs Land geschickt, Fabriken zerlegt und zum Teil auch in Höhlensysteme (wie schon im Reich 1944/45) verfrachtet. Bis 1968 wurden mehr als die Hälfte aller E-Werke und der größeren Brücken zerstört. Geschätzte 50.000 Zivilisten starben. Immerhin gab es keine Flächenbombardements, die die Anglo-Amerikaner im Zweiten Weltkrieg mit mindestens 30fach höheren zivilen Todeszahlen gegen deutsche und österreichische Städte praktizierten.

Mao Tse-tung sah die sich später als illusorisch herausstellende Chance zur Einflußnahme in Vietnam gegenüber dem sowjetischen Rivalen und schickte 320.000 Pioniersoldaten, die zum Wiederaufbau von Brücken, Straßen und Eisenbahnlinien eingesetzt wurden. Die Sowjets schickten – operativ nützlicher – Flugabwehrraketen und Flakbatterien nebst 2000 Kanonieren als „Militärberater“. So gelangen ihnen und den Nordvietnamesen bis 1966 allein 339 Abschüsse. US-Piloten wurden zu Propagandazwecken öffentlich vorgeführt, gedemütigt und in jahrelanger Gefangenschaft gefoltert. So auch John McCain (1936–2018), der 1967 mit seinem Jabo über Hanoi abgeschossen wurde, fünfeinhalb Jahre lang im alten Kolonialgefängnis Hao-Lo („Hanoi Hilton“) gefangengehalten wurde und 2008 als republikanischer Präsidentschaftskandidat Barack Obama unterlag.
Im September 1969 starb der bereits senile und entmachtete Ho Chi Minh mit 79 Jahren. Parteichef Le Duan nutzte die Gelegenheit zur Säuberung der Partei von Rechtsabweichlern und pragmatischeren Rivalen, einschließlich General Giaps.

Für die GIs war der Frontalltag im Kampf gegen einen unsichtbaren Feind – wie schon für die Franzosen zehn Jahre zuvor – überaus frustrierend. Es gab keine Schlachten und keine dauerhaften Geländegewinne. Für Erfolge in ihrer Aufklärungs- und Vernichtungstaktik („Search and destroy“) zählte deshalb fatalerweise der Body count in den Free fire zones, in denen auf alles, was sich bewegte, geschossen wurde und für die geschönte Bilanz auch tote Zivilisten mitgezählt wurden. Eine Kill ratio von 15 zu 1, d.h. mindestens 15 getötete Feinde bei einem eigenen Verlust, wurde von den Stäben erwartet. Der Vietcong mischte sich jedoch unter die Bevölkerung, grub Tunnelsysteme, die in Cu Chi nördlich Saigon heute noch als Touristenattraktion zu besichtigen sind (wie viele GIs war ich zu fett und breitschultrig, um ganz durchzukriechen) und bis unter die US-Garnisonen reichten, plazierte Minen und Sprengfallen, die auch an Lkw und Jeeps angebracht wurden, und spezialisierte sich in diesem asymmetrischen Krieg auf kurze Feuerüberfälle. Panzer und schwere Artillerie waren nutzlos. Die US-Truppen wurden mit Hubschraubern, die ihre Ankunft von weitem verrieten, in VC-beherrschte Gebiete geflogen, wo sie einige Tage in alle Gebüsche und auf Fliehende schossen und die Dörfer anzündeten, um dann mit Toten und Verwundeten wieder ausgeflogen zu werden. Auch kamen auf dem Mekong und anderen Flüssen im Delta und an der Küste schnelle Patrouillenboote (Swift boats) zum Einsatz, auf einem von denen 1969 auch der spätere Senator und vergebliche Präsidentschaftskandidat John Kerry diente, die den Feind beschießen und Ranger für örtliche Säuberungen absetzen konnten. Nach ihrem Abzug gehörte das Land – wie nach dem Abflug der Hubschrauber – freilich wieder dem Vietcong.

Das Ergebnis waren Wut und Haß auf alle Einheimischen, die als Gooks dehumanisiert wurden, und ein massiver Drogenmißbrauch von Marihuana und Heroin bei der Truppe und Alkoholismus bei den höheren Offizieren. Obwohl nur knapp zehn Prozent der in Vietnam eingesetzten US-Soldaten tatsächliche Kampferfahrungen machten – die meisten waren Troß, arbeiteten in Stäben, beim Nachschub, in der Instandsetzung, beim Straßenbau, in Kantinen, Lazaretten, auf Flughäfen oder als Funker –, erfaßte die angespannte Langeweile alle Soldaten. Sie dienten als Wehrpflichtige ohnehin nur ein Jahr lang, zählten die Tage und wurden, sobald sie Gefechtserfahrungen und eine marginale Landeskunde erworben hatten, von „grünen“ 19jährigen ersetzt, die ebenso aus der ländlichen und kleinstädtischen Unter- und Mittelschicht stammten und von den Realitäten Südostasiens nicht die geringste Ahnung hatten und haben konnten. Denn Großbürgersöhne oder Jungpolitiker, wie die späteren Präsidenten George W. Bush jr., Bill Clinton, Donald Trump und Joe Biden, hatten sich allesamt erfolgreich vor dem Kriegsdienst gedrückt.

 

Nach dem Sieg des kommunistischen Nordvietnam wurden mehr als zwei Millionen Südvietnamesen aus verschiedenen Gründen inhaftiert, rund 215.000 starben als Zwangsarbeiter oder in Umerziehungslagern, 200.000 wurden hingerichtet. Mehr als 1,6 Millionen Vietnamesen versuchten, per Boot über das Südchinesische Meer ins Ausland zu fliehen, fast 250.000 von ihnen fanden durch Stürme oder Piraten den Tod. Der Begriff „Boat people“ – „Bootsflüchtlinge“ – bezog sich ursprünglich auf sie.
Das Massaker von My Lai steht für die zahlreichen Kriegsverbrechen, die amerikanische Soldaten bei der Bekämpfung des Vietcong verübten: 504 Zivilisten – vom Baby bis zur alten Frau – wurden am 16. März 1968 von GIs ermordet, das Verbrechen von der US-Armee vertuscht. Erst durch die Recherchen des Investigativjournalisten Seymour Hersh wurde das Geschehen der Öffentlichkeit bekannt. In der Folge kam es zum einzigen Kriegsverbrecherprozeß, der in der USA je stattfand, in dem der verantwortliche Leutnant zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde, aus der er nach einigen Jahren aber in den Hausarrest entlassen wurde. Im heurigen Jahr veröffentlichte Seymour Hersh einen ausführlichen Bericht, wonach die USA hinter den Anschlägen auf die beiden Nord-Stream-Pipelines stecken, und beschuldigte US-Präsident Joe Biden persönlich.

Die Tet-Offensive

Am vietnamesischen Neujahrsfest Ende Januar 1968 herrschte, wie üblich, Waffenruhe. Die Hälfte der südvietnamesischen Soldaten war bei ihren Familien auf Heimaturlaub und die Amerikaner in ihren Lagern. Ende 1967 hatten die US-Regierung und die Militärführung in Gestalt von General Westmoreland verkündet, der Sieg stehe unmittelbar bevor, der Vietcong und die nordvietnamesische Armee (die alljährlich 200.000 Mann neu einzog) seien ausgeblutet. Westmoreland hatte im Nordwesten nahe der „Demilitarisierten Zone“ des 17. Breitengrades und dem Ho-Chi-Minh-Pfad in Khe San Feldstellungen errichten lassen (in der gleichen Logik wie sein Vorgänger Navarre eineinhalb Jahrzehnte zuvor!), wo er den Feind durch Störung seines Nachschubs zu provozieren und in einer offenen Feldschlacht zu vernichten gedachte. Doch es sollte einmal mehr anders kommen: Am 31. Januar 1968 griffen zunächst 80.000 Mann des Vietcong und nordvietnamesischer Truppen überraschend im ganzen Süden fünf der sechs größten Städte und 36 von 44 Provinzhauptstädten an. Das Ziel des Politbüros in seiner geheimen „Resolution 13“ war es, den Abnutzungskrieg durch einen „spontanen“ Volksaufstand abzukürzen. General Giap wurde gegen seine Überzeugung von der Parteiführung gezwungen, eine hybride Kriegführung – bestehend aus dem bisherigen Guerillakampf und konventionellem Militäreinsatz – zu entwickeln. Die südvietnamesischen Einheiten sollten vernichtet, die eroberten Städte und Militärstützpunkte sollten gehalten werden und die Amerikaner so hohe Verluste erleiden, daß sie aus Vietnam abziehen würden.

Nach Saigon waren  100 Tonnen Munition und Waffen eingeschmuggelt und vor allem in der verwinkelten Chinesenstadt Cholon gebunkert worden. 4000 Vietcong und Nordvietnamesen sickerten durch Tunnelsysteme ein. Späher und Verräter hatten alle Angriffsziele ausgekundschaftet und Todeslisten – besonders von Soldaten auf Heimaturlaub – für jedes Viertel angefertigt, die auf offener Straße exekutiert wurden. Gezielt wurden das Radiogebäude, der Präsidentenpalast, die Generalstäbe von Armee und Marine und selbst das Hauptquartier von Westmoreland auf dem Luftstützpunkt Tan Son Nhut angegriffen. Es gelang dem Vietcong sogar beinahe, die kaum verteidigte US-Botschaft zu stürmen. Doch erfolgten die Angriffe halbherzig und verloren durch die rigide sowjetische Befehlstaktik ihr Überraschungsmoment. Terror ja, aber es fehlte die energische Eigeninitiative der Unterführer. Bald wurden die Eingedrungenen von überlegenen Kräften zusammengeschossen, auch wenn Westmoreland in seiner Verblendung die meisten US-Truppen noch immer für die Schlacht von Khe San band, weil er die ganze Tet-Offensive nur für ein Ablenkungsmanöver hielt.
In der alten Kaiserstadt Hue hielten sich die eingedrungenen 8000 Vietcong und Nordvietnamesen sogar vier Wochen lang, in denen sie in der Stadt ein Schreckensregiment errichteten. 2800 Einwohner wurden ermordet, darunter drei deutsche Ärzte, die eine medizinische Hochschule aufbauen wollten. Die Rückeroberung schuf in der Altstadt, dem Kaiserpalast und den Pagoden ein Trümmerfeld, dessen Narben und Verheerungen noch heute sichtbar sind. 40 Prozent der Gebäude wurden zerstört, 140.000 Einwohner obdachlos, 3000 durch die Kämpfe und Bomben getötet.

Gegen die 486.000 hochgerüsteten US-Soldaten mit ihren 3000 Kampfhubschraubern plus zehntausende Mann verbündeter Truppen aus Südkorea, Australien und Neuseeland, die meist tapferer kämpften als die GIs, und mehr als 750.000 Südvietnamesen, die bewaffnet in der Armee, Miliz und der Polizei Dienst taten – nur gut 40 Prozent wurden dank korrupter Offiziere als kampftauglich eingeschätzt –, hatten die insgesamt 200.000 Vietcong und 50.000 Nordvietnamesen, obwohl kampferprobt und landeskundig, in derartigen halboffenen Gefechten keine Chance. Der vom Politbüro erwartete Volksaufstand blieb aus. Die meisten Angriffe, wie jener vor der US-Botschaft, wurden binnen weniger Stunden und Tage blutig zurückgeschlagen. Es fielen 4000 Amerikaner und 5000 Südvietnamesen. Etwa 13.500 desertierten. Doch zwischen 50 und 90 Prozent der Angreifer waren tot. Der Vietcong war praktisch ausgelöscht. Die weiteren Kämpfe wurden nur noch von nordvietnamesischen Truppen geführt, die nach ihren Verlusten an Menschen und Material keine Offensivkraft mehr hatten. Das traumatische Elend jener Soldatenschicksale beschreibt Bao Ninh in seinem Roman „The Pity of War“ sehr anschaulich und bewegend. Auch wurde der Kriegsheld Giap nach Ho Chi Minhs Tod 1969 von den Apparatschiks Le Duan und Le Duc Tho bald kaltgestellt und abgeschoben. Die Amerikaner hatten nach der totalen kommunistischen Niederlage zwar gesiegt, doch konnten sie außer getöteten Feinden keinerlei eroberte Territorien und jubelnde Befreite wie im Zweiten Weltkrieg vorweisen. Weitere Operationen wie „Speedy Express“ von November 1968 bis April 1969 im Mekong-Delta erbrachten zwar einen Body count von angeblich 11.000 gefallenen Feinden, aber nur 750 bei ihnen erbeutete Waffen. Über die Zahl der gemeuchelten Zivilisten braucht man dank jener Quote nicht lange zu rätseln.

Die Heimatfront

Angesichts der allabendlichen Fernsehbilder gefallener GIs – auch jener vor der US-Botschaft –, des zerschossenen Cholon, des zerbombten Hue und brennender Dörfer erodierte in den USA der politische Wille auch der bislang patriotisch-antikommunistisch gesonnenen Mittelschichten. Die vorherigen pathetischen Siegesbekundungen General Westmorelands und Präsident Johnsons wirkten nunmehr so unglaubwürdig, daß nach dem Verzicht des letzteren auf eine Wiederwahl 1968 der früher oder später erfolgende Rückzug so gut wie besiegelt war. Der Parteitag der Demokraten im August 1968 in Detroit, eigentlich ein sicheres Zentrum der demokratischen Machine politics, mußte von einem Aufgebot von 18.000 Mann der Polizei und Nationalgarde gegen militant protestierende Kriegsgegner geschützt werden. Gegen Johnson wurde skandiert: „Hey, hey, LBJ, how many boys did you kill today?!“

Nach den Morden an Martin Luther King jr. und Robert Kennedy wurde 1968 zu einem traumatischen Jahr in den USA: gewalttätige Rassenkrawalle und Hochschulproteste erschütterten Hunderte von Großstädten, die Slums der Farbigen und die Universitäten, eine 68er-Bewegung, die prompt nach Europa, über Paris und Rom bis nach Berlin schwappte und die Kommunisten im Osten zunächst sehr erfreute. Im November 1969 wurde das erste von mindestens 250 später dokumentierten, aber nie verfolgten Massakern der US-Truppen durch den Publizisten Seymour Hersh enthüllt, das 100 mit Hubschraubern eingeflogene GIs in dem Dorf My Lai angerichtet hatten. Ein Zugführer, der Leutnant William Calley, ließ auf Befehl seines Hauptmanns Medina alle 500 Einwohner des Orts, in dem zehn Vietcong vermutet wurden, wahllos erschießen oder mit Handgranaten niedermachen und ihre Leichen verstümmeln – Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge und Greise. Nur jener Leutnant wurde in dem einzigen Kriegsverbrecherprozeß, der in den USA je stattfand, zu lebenslänglicher Haft verurteilt, aber von Präsident Nixon nach 44 Monaten Hausarrest amnestiert.

Mit der Invasion Kambodschas im April 1970, dessen Regent Sihanouk mit einem Schaukelkurs zwischen Washington und Peking die nordvietnamesischen Transporte auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad im Osten nolens volens hatte tolerieren müssen, erreichten die Antikriegsproteste in den USA angesichts der Ausweitung des Kriegs einen neuen Höhepunkt. Im Mai 1970 erschossen Nationalgardisten an der Kent State University vier protestierende Studenten. Die „New York Times“ dokumentierte im Juni 1971 in ihren „Pentagon Papers“ die verschwiegene langjährige Verstrickung der USA in Vietnam schon zu Zeiten des Kolonialkriegs.

 

Militärisch haben die USA in Vietnam gesiegt und den Vietcong, der aus ideologischen Gründen die Tet-Offensive startete, praktisch ausgelöscht. Verloren haben die USA den Krieg an der Heimatfront, wo die Proteste gegen das Engagement in Vietnam immer gewalttätiger wurden. Ein weiterer Grund für die Niederlage war die ungeheure Korruption in Südvietnam.
Nach mehr als vier Jahren Verhandlungen wurde 1973 in Paris zwischen US-Außenminister Kissinger und dem kommunistischen Apparatschik Le Duc Tho ein Waffenstillstand geschlossen, für den beide den Friedensnobelpreis erhielten.
Bild: flickr.com / manhhei (CC BY 2.0 DEED)

Der Anfang vom Ende

Der im November 1968 gewählte Richard Nixon wollte ab 1969 die US-Militärpräsenz reduzieren und den Krieg „vietnamisieren“, obwohl die südvietnamesischen Truppen sich nach wie vor mehrheitlich in einem erbarmungswürdigen Zustand befanden und die USA mit ihren Verbündeten weiterhin die Hauptlast der Kämpfe zu tragen hatten. Die von der Bevölkerung gehaßte südvietnamesische Armee wuchs zwar nominell auf eine Million Mann an, und ihre Luftwaffe zur viertgrößten der Welt. Doch konnten sich Söhne aus reichen Familien weiter vom Wehrdienst freikaufen, und die Zwangsrekrutierten desertierten nach einigen Wochen bei der ersten passenden Gelegenheit in ihre Heimatdörfer. Wenn US-Kasernen mit Inventar, Waffen und Gerät ab 1972 an vietnamesische Einheiten übergeben wurden, wurden sie von Offizieren und Mannschaften als erstes geplündert und die Beute auf dem Schwarzmarkt verhökert – auch an den Vietcong.

Bis Frühjahr 1972 wurden die US-Truppen auf 95.000 Mann reduziert. Sie wurden zunehmend nur noch als demoralisierte Schreibtischkrieger, Pioniere beim Straßen- und Flughafenbau oder in der Reparatur des US-Rüstungsgeräts verwendet. In jenem aussichtslos gewordenen Krieg und seiner angespannten Langeweile erlagen die meisten den Drogen und/oder dem Nachtleben. Bei den wenigen Kampfeinsätzen wurden unbeliebte Offiziere bedroht oder schlicht hinterrücks erschossen. Auch die internen Rassenprobleme nahmen an Gewalttätigkeit zu. Dagegen weitete Nixon den Luftkrieg gegen Nord- und Südvietnam, Laos und Kambodscha massiv aus. Im April 1972 eroberten drei Divisionen des Nordens in einer Osteroffensive nahe der „Demilitarisierten Zone“ die Provinz Quang Tri mit ihrer Hauptstand An Loc.

Als Hanoi im Oktober 1972 plötzlich einen Waffenstillstand ohne den früher immer geforderten vorherigen Sturz des „Marionettenregimes“ von Thieu anbot, interpretierten Nixon und sein Außenminister Henry Kissinger dies als ein Eingeständnis von Schwäche und intensivierten um Weihnachten 1972 zwölf Tage lang die Luftangriffe, diesmal hauptsächlich auf zivile Ziele im Norden, die in Hanoi 2200 Opfer verursachten (die meisten Bewohner waren längst auf das Land evakuiert), um bewußt ihre brutale Unberechenbarkeit zu demonstrieren.
Im Januar 1973 wurde nach viereinhalb Verhandlungsjahren in Paris endlich der Waffenstillstand zwischen Kissinger und Le Duc Tho unterschrieben, der jedoch nicht lange halten sollte, denn wie schon 1954 konnten 200.000 Kämpfer des Nordens im Hochland, im Mekong-Delta und in der Nähe Saigons bleiben. Schon kurz vor seinem Inkrafttreten versuchten die Kommunisten, die Provinzhauptstadt Tay Ninh nordwestlich von Saigon zu erobern, und besetzten 400 Dörfer. 9000 US-Berater koordinierten, als Zivilisten („Attaches“) getarnt, weiter das südvietnamesische Militär, arbeiteten als Techniker und Logistiker oder dienten als Kampfpiloten für „Air America“. Daß sowohl Kissinger wie Tho im Dezember 1973 den Friedensnobelpreis erhielten, ist wohl ein Treppenwitz der Weltgeschichte.

Das Ende

Die Gefechte zwischen beiden Seiten gingen unvermindert weiter. Allein 1973 fielen 65.000 Mann. Die USA interessierten nur noch der Rückzug ihrer letzten Truppen und die Freilassung der letzten  600 Kriegsgefangenen. Schon im Dezember 1974 beschloß das Politbüro eine Offensive im Hochland, wo Thieus Soldaten der ARNV, denen der US-Kongreß die Militärhilfe auf  700 Millionen Dollar halbiert hatte, nur noch wenige Städte verteidigten. Auf dem Papier hatten die Südvietnamesen 1,1 Millionen Mann unter Waffen und eine Luftwaffe mit 1300 Flugzeugen und Hubschraubern. Im März 1975 begann die kommunistische Offensive mit 19 Divisionen und 220.000 Mann, auch mit Panzern, die über den mittlerweile asphaltierten Ho-Chi-Minh-Pfad, nunmehr eine ungestörte Allwetterpiste, in den Süden verbracht wurden. Sowjetische SAM-Raketen vertrieben die Luftwaffe des Südens. Viele Provinzen fielen kampflos. Ende März wurde Hue genommen und kurz darauf Da Nang als die zweitgrößte Stadt Südvietnams. Im April flüchteten die Truppen des Südens kopflos aus Pleiku und Kontum aus dem Hochland zur Küste, wo die Regierung nur noch einen schmalen Streifen kontrollierte. Nun rückten die Truppen Nordvietnams, 140.000 Mann stark, unaufhaltsam auf Saigon vor, das nur von 60.000 Mann ARNV verteidigt wurde. Es begann eine zunehmend panische Evakuierung der Hauptstadt: 7000 US-Bürger, die hier als Geschäftsleute, Ruheständler und Vertragsbedienstete meist mit vietnamesischen Frauen lebten, plus zehntausende „Hochrisiko“-Vietnamesen, die für die US-Botschaft, das US-Militär oder die CIA gearbeitet hatten oder als hohe Offiziere, Beamte, Politiker oder prowestliche Intellektuelle die Rache der Kommunisten fürchten mußten. Auf den unter Beschuß liegenden Flughäfen spielten sich beim Sturm auf die wenigen Transportflugzeuge, die zudem noch vom Bürokratismus der US-Militäradministration behindert wurden, dramatische Szenen ab. Danach war nur noch die Evakuierung per Transporthubschrauber auf die US-Kriegsschiffe vor der Küste möglich, wobei unter den anstürmenden Flüchtlingsmassen bis zu jenen dramatischen Szenen auf dem Botschaftsdach zur ewigen Schande des US-Verrats an seinen Bundesgenossen brutal selektiert wurde. Die Piloten der südvietnamesischen Luftwaffe setzten sich zumeist nach Thailand ab.
Am 30. April 1975 durchbrachen die nordvietnamesischen Panzer die Gatter des Präsidentenpalasts. Der südvietnamesische Staat hatte damit aufgehört, zu existieren.

In den ersten Tagen nach der Eroberung Saigons (das nunmehr Ho-Chi-Minh-Stadt heißt) benahmen sich die Besatzer zur Erleichterung der Bewohner, die ein Schicksal wie jene Hues befürchtet hatten, weitgehend zivilisiert. Noch waren viele Auslandskorrespondenten, wie jene des „Spiegel“, Tiziano Terziani und Börries Gallasch, in der Stadt und lieferten von April bis Juli dramatische Originalberichte. Zuerst wurde die „Dritte Kraft“ des Generals Minh, die das geflüchtete Thieu-Regime abgelöst hatte und kapitulieren durfte, abserviert. Dann verkündete eine provisorische Regierung aus Vietcong-Kadern mit Neutralisten als „Rat der nationalen Versöhnung“ eine großmütige Amnestie. Doch nach und nach übernahmen eingeflogene Kader aus Hanoi in Ho-Chi-Minh-Stadt die Macht und führten eine zunächst puritanische, dann zunehmend korrupte Zentralplanungswirtschaft nach dem Muster des Nordens ein. Als erstes erfolgten Bücherverbrennungen, die Schließung von Schwimmbädern, Bars und Banken, die Plünderung der amerikanischen PX-Läden, der enteignungsähnliche Zwangsumtausch der Piaster in nordvietnamesische Dong und „Befreiungssitzungen“ für alle Stadtteilbewohner, wo sie ihre Verstrickungen mit dem alten Regime als Selbstkritik offenbaren mußten. Dann wurden die Bürgerlichen, Grundbesitzer, Kleriker, Beamte und Offiziere („Marionetten“) des alten Regimes enteignet und jahrelang in Umerziehungshungerlager auf das Land verschickt, wo sie nach harter physischer Arbeit noch stundenlange Ideologiesitzungen über sich ergehen lassen mußten. Die nunmehr unerwünschten enteigneten chinesischen Händler und Handwerker begannen mit ihren Familien als Boat people eine abenteuerliche, allzuoft tödliche Flucht auf überfüllten Fischkuttern in Richtung Thailand, Malaysia oder Hongkong, wo sie ebenfalls unwillkommen waren und oft räuberischen Piraten anheimfielen. In Flüchtlingslagern von etwa einer Million Überlebenden sortierten die Amerikaner zuerst die vielversprechenden englischsprachigen Akademiker, Facharbeiter und Offiziere für sich aus. Der Rest blieb für die zu spät kommenden europäischen Gutmenschen. Immerhin gab es mit ihnen vergleichsweise kaum Integrationsprobleme. Die asiatischen Staaten nahmen so gut wie niemanden auf.

Als die USA überstürzt Saigon räumten, kam es beim Sturm auf die wenigen Evakuierungsflieger zu dramatischen Szenen.
Pol Pot und seine Roten Khmer ermordeten mehr als 2,2 Millionen Kambodschaner, fast ein Drittel der Einwohner des Lands.
Norodom Sihanouk (1922–2012) war 1941–1955 und 1993–2004 König von Kambodscha. Aus gesundheitlichen Gründen dankte ab, woraufhin einer seiner Söhne zum neuen König des Lands bestimmt wurde.
Die Roten Khmer trieben nach ihrer Machtübernahme in Kambodscha die Bevölkerung der Städte als Sklavenarbeiter aufs Land und ermordeten alle Angehörigen der bürgerlichen Klasse, derer sie habhaft werden konnten – schon das Tragen einer Brille war ein Todesurteil. Doch auch untereinander rotteten sich die Funktionäre der Angka, wie sich die Roten Khmer auch nannten, als vermeintliche Abweichler und Verräter gnadenlos aus. All diese Ereignisse schildert der auf Tatsachen beruhende Film „The Killing Fields“ in überaus dramatischer Weise. – Im Bild: Schädel ermordeter Kambodschaner in der Gedenkstätte Choeung Ek.
(Nachweis: WikiMedia Commons / istolethetv (CC BY 2.0)


Das Schicksal Kambodschas

In Henry Kissingers zynischer Weltsicht ein vernachlässigbarer Nebenkriegsschauplatz (Sideshow), wurde das benachbarte ehemalige Königreich Kambodscha durch die Ausweitung der amerikanischen Kriegspolitik in ein blutiges Chaos gestürzt und erlitt in der Folge den relativ größten Soziozid des 20. Jahrhunderts am eigenen Volke. Jahrzehntelang hatte sich Prinz Sihanouk durch eine Schaukelpolitik zwischen Washington und Peking eine prekäre neutrale Unabhängigkeit bewahren können und mußte dabei, wie Laos, die nordvietnamesischen Militärtransporte über den Ho-Chi-Minh-Pfad im Nordosten seines Lands (ebenso wie die US-Bomben dort) tolerieren. Doch destabilisierten 1970 die USA unter Nixon und Kissinger mit militärischen Vorstößen und intensivierten Bombenkampagnen Kambodscha, wo sie mit 80.000 Mann die Nordvietnamesen in den östlichen Grenzprovinzen vergeblich zu vertreiben suchten, und ließen Sihanouk durch den unfähigen Militärdiktator Lon Nol stürzen und ins chinesische Exil zwingen. Die ziellosen US-Bombenkampagnen beflügelten die zunächst bedeutungslose fanatische kommunistische Bewegung der Roten Khmer, die angesichts der meist nur auf dem Papier befindlichen 300.000-Mann-Armee Lon Nols in einem fünfjährigen Bürgerkrieg nach und nach große Teile des Lands mit terroristischen Methoden beherrschten. So strömten 1,4 Millionen Flüchtlinge in die Hauptstadt Pnom Penh, die in Friedenszeiten als französisch geprägte friedliche Kolonialstadt nur 600.000 Einwohner hatte. Nach dem Fall Südvietnams rückten die Roten Khmer am 17. April 1975 nahezu kampflos in die Hauptstadt ein. Sie wurden von einer Clique in Frankreich ausgebildeter fanatischer Schullehrer unter Pol Pot geführt, die, von China bewaffnet und finanziert, die marxschen Irrlehren von der Auslöschung der Bourgeoisie und der Wiedererrichtung eines vorindustriellen Urkommunismus wörtlich nahmen. So ließen sie alle Städte sofort gewaltsam räumen und die Einwohner zur Rodung des Dschungels und zum Kanalbau ohne Handwerkszeug und Unterkünfte nach stalinistischem Vorbild als Sklavenarbeiter aufs Land deportieren. Bürgerliche Klassenfeinde und ihre Familien – Ärzte, Beamte, Apotheker, Kleriker, Lehrer, Unternehmer, Soldaten des alten Regimes, Fremdsprachler, Brillenträger und Ausländer – wurden sofort ermordet, vermutete Staatsfeinde und ihre Kinder im Foltergefängnis Tuol Sleng nach erzwungenen Geständnissen grausam hingerichtet. 20.000 Fälle sind allein dort dokumentiert. Auch untereinander rotteten sich die Funktionäre der Angka, wie sich die Roten Khmer auch nannten, als vermeintliche Abweichler und Verräter gnadenlos aus. In den Dschungellagern starben die meisten Städter bald an Hunger, Seuchen und dem Terror der Wachmannschaften.

Insgesamt fielen 2,2 Millionen Kambodschaner dem blinden Terror der kommunistischen Fanatiker zum Opfer, also gut ein Drittel der sieben Millionen Einwohner von 1970 – eines der furchtbarsten Menschheitsverbrechen am eigenen Volk, ausgelöst von den Vereinigten Staaten und gesponsert vom kommunistischen China. Der grausame Spuk, der von den üblichen linksradikalen Fellow travellers in Frankreich und andernorts bejubelt wurde, dauerte vier lange Jahre und fand erst ein Ende, als im Januar 1979 150.000 vietnamesische Truppen aus dem Osten vorstießen und Hun Sen, einen abtrünnigen Funktionär der Roten Khmer, als Diktator einsetzten. Keine Demokratie, aber immerhin ein Ende des soziozidalen Alptraums für das heute noch sichtlich traumatisierte Volk.
Den Anlaß lieferten brutale Angriffe der Roten Khmer, die wahnhaft versuchten, das historische Siedlungsgebiet der Khmer im vietnamesischen Mekong-Delta zurückzuerobern, und dabei die örtliche Bevölkerung gleich ermordeten. Doch hatten sie in ihrer Paranoia bereits so viele der eigenen Offiziere umgebracht, daß sie trotz chinesischer Waffenhilfe den vietnamesischen Truppen keinen effektiven Widerstand mehr leisten konnten. Am 7. Januar 1979 flüchteten Pol Pot und seine letzten Getreuen in die Grenzgebiete nahe Thailand, wo ersterer 1998 vermutlich an Altersschwäche in einem Lager starb. Nur ein einziger seiner Mitstreiter wurde als Massenmörder zu lebenslanger Haft verurteilt, da das aktuelle Hun-Sen-Regime angesichts seiner Ursprünge sehr wenig Interesse an einer Aufklärung und Sühne zeigt.

China rächte sich, indem es einen für beide Seiten verlustreichen Grenzkrieg im gebirgigen Norden Vietnams anzettelte, um – laut chinesischer Propaganda – Vietnam „eine Lektion zu erteilen“, und realiter, um die regionalen Machtansprüche des vereinigten Vietnam zu unterbinden. In jenen vierwöchigen Kämpfen fielen für diese „Lektion“ insgesamt 50.000 Mann, wobei sich die kriegserprobten Vietnamesen gegenüber der chinesischen Bürokratenarmee, die sinnlos gegen Bergbefestigungen anrannte und offene Flanken bei Vormärschen durch die Dschungelgebirge zuließ, trotz ihrer numerischen Unterlegenheit erneut deutlich überlegen zeigen.

Vietnam im Frieden

Noch bestanden Hardliner im Politbüro auf Zwangskollektivierungen und Umerziehungslagern. Auch Laos war 1975 unter kommunistische Herrschaft geraten. Erst 1986 begann in Vietnam eine vorsichtige wirtschaftliche Liberalisierung (Doi moi), die die Diktatur der kommunistischen Kader und die ineffizienten Staatsbetriebe zwar nicht antastete, aber doch die Verpachtung von Ackerland an Bauern, eine kleingewerbliche Privatwirtschaft, den Kleinhandel und Auslandsinvestitionen trotz bürokratischer Hürden und der Korruption der Kader zuließ. Auch hatte Vietnam kriegsbedingt eine Schwerindustrialisierung nach stalinistischem Muster vermieden, so daß sich seine Klein- und Mittelbetriebe eher und flexibler auf die neue Marktwirtschaft einstellen konnten. 1995 eröffneten Hanoi und Washington wechselseitig Botschaften. Im Jahr 2000 besuchte Bill Clinton als erster US-Präsident Hanoi. Im Jahr 2016 folgte Barack Obama.
Gemeinsam suchen beide Seiten trotz der traditionellen Rußlandaffinität der vietnamesischen Politelite die chinesischen Hegemonialansprüche im südchinesischen Meer einzudämmen. Mit der EU gibt es seit 2019 sogar ein Freihandelsabkommen, das um Menschenrechte, die Demokratie und den Umweltschutz für die Regenwälder kein großes Aufheben macht.

Nach drei Millionen toten Vietnamesen und 2,2 Millionen toten Kambodschanern, etwa 100.000 im Dienste Frankreichs Gefallenen und 58.000 gefallenen Amerikanern (von den insgesamt 3,4 Millionen US-Soldaten, die im Lande dienten), sind die dreißigjährigen Kriege in Indochina damit vorläufig zu Ende. Heute erinnern bombastische Mahnmale sowjetischer Machart in Vietnam an die Gräber der gefallenen Sieger. An jene der Verlierer des Kriegs und die Opfer des kommunistischen Terrors erinnert überhaupt nichts. In den Städten im Süden wie im Norden gibt es jeweils vier monumentale befestigte, benachbarte Gebäude: das Rathaus, die Parteizentrale und die Militär- und Polizeikasernen. Nur, um weiter klarzustellen, wo die Macht liegt. Ansonsten regiert der Kommerz. So muß man leider konstatieren, daß 5,5 Millionen Menschen auch in diesen Kriegen kommunistischer Aggression und imperialer Ignoranz umsonst ihre Leben geopfert haben.

Die Nachwehen im Westen

Die Protestwellen der US-Universitäten schwappten bekanntlich in das unbeteiligte Westeuropa über und beflügelten im Zuge der 68er-Bewegung eine neomarxistische Renaissance. Die Greuel und Härten eines zum ersten Mal im Fernsehen ausgestrahlten Kriegs, wo die durch US-Truppen und Südvietnamesen verursachten Zerstörungen, Toten und Grausamkeiten durch westliche Korrespondenten und die kommunistische Propaganda viel häufiger und drastischer gezeigt werden konnten als jene, die vom Vietcong und den Nordvietnamesen bei nächtlichen Anschlägen und Meuchelmorden in den Dörfern und Kleinstädten begangen wurden, verstärkten antiamerikanische Ressentiments bei der oft von Moskau und Ost-Berlin gesteuerten Linken, aber auch die Empathie bei den Normalbürgern für die Opfer der US-Bomben und -Entlaubungskampagnen. War man doch selbst nur wenig mehr als zwei Jahrzehnte zuvor in Mitteleuropa zum Objekt mitleidloser, wahlloser anglo-amerikanischer Flächenbombardements gegen zivile und industrielle Ziele geworden, die in der späteren Geschichtsklitterung angeblich der „Befreiung“ dienten und den Krieg vorgeblich abkürzen sollten. Für die doktrinäre Linke hatte nun Lenins Imperialismustheorie von 1916 neue Konjunktur, so als seien die USA auf Gedeih und Verderb von vietnamesischen Rohstoffen und von seinem Markt für ihre überschüssigen Erzeugnisse abhängig gewesen. Tatsächlich war Indochina für die USA (im Gegensatz zu Nachkriegsfrankreich) wirtschaftlich stets völlig uninteressant gewesen. Nachdem die USA 1994 ihr Handelsembargo gegenüber Vietnam aufgehoben und im Jahr 2000 ein erstes Handelsabkommen geschlossen hatten, erzielte Vietnam bei seinem neuen Sicherheitspartner gegenüber dem gemeinsamen Feind China einen jährlichen Handelsüberschuß von  116 Milliarden Dollar (Stand 2022). Soviel zur Irrlehre Lenins bezüglich der Notwendigkeit imperialistischer Kriege um Rohstoffe und Absatzmärkte.

Der Krieg sollte jedoch auch nachhaltige Wirkung auf die Moral der US-Truppen nach dem Abzug haben. Zum ersten Mal wurden die Veteranen bei der Heimkehr nicht als Sieger mit Konfettiparaden begrüßt, sondern mußten unbedankt mit ihren Traumata und Versehrungen allein fertigwerden. Die Kriegsgeschichten von Babykillern wollte niemand hören. Dazu kam die Verrohung und Disziplinlosigkeit der längerdienenden Truppe selbst. Rückkehrer aus Vietnam führten sich als Besatzungssoldaten in Deutschland wie in ihrem bisherigen Einsatzgebiet auf und ermordeten serienweise Taxifahrer, Prostituierte und Unbeteiligte. Bei NATO-Großmanövern wie dem jährlichen „Reforger“ sollten die GIs laut Manöverdrehbuch als „Blauland“ das angreifende „Rotland“ der Bundeswehr (zu dem dieser Autor 1974/75 gehörte) glorreich zurückwerfen. Tatsächlich saßen sie auf ihren Kampfpanzern, rauchten Marihuana und kümmerten sich einen Dreck um die Befehle ihrer Offiziere, die ebenfalls desinteressiert waren. So mußten die Drehbücher umgeschrieben werden.

Tatsächlich war die NATO damals – in Portugal setzte eine Revolte kommunistischer Offiziere den Diktator Salazar ab, das NATO-Mitglied Türkei eroberte und säuberte den Norden des paktfreien Zypern – als Ergebnis des Kriegs und der Schwäche der USA in einem erbärmlichen Zustand. So war eines der deklarierten Hauptmotive von George Bush sen., 1990 den einstigen Bundesgenossen gegen den Iran, Saddam Hussein, aus dem von ihm annektierten Kuweit zu werfen, jenes, die Dämonen von Vietnam durch einen kurzen, siegreichen Krieg zu vertreiben. Was denn auch gelang …

Lektionen?

Bekanntlich lehrt die Geschichte, daß aus der Geschichte nichts gelernt wird. Dennoch:

1. Keine Einmischung in Kriege fremder Kulturen, die man nicht versteht.

2. Keine Ausrüstung und Ausbildung von Hilfstruppen, die mehrheitlich illoyal sind.

3. Kein Vertrauen auf die numerische Überlegenheit und technische Ausrüstung von unmotivierten Truppen, die von unfähigen Offizieren geführt werden.

4. Wenn man einmal Verbündete hat, sollte sie man nicht – wie die USA regelmäßig – in der Stunde der Not im Stich lassen.

Jene ungelernten Lektionen wiederholten sich für die USA in Afghanistan, im Irak, in Syrien, mit den Kurden, für die EU ebenso in Afghanistan, aber auch in Mali, Niger, Somalia …

 
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