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Usbekistan

Das „Herz des Herzlandes“

Nur selten schafft es Usbekistan in die westlichen Schlagzeilen. Zuletzt im Juli 2023, als Präsident Schawkat Mirsijojew nach einer Verfassungsänderung laut Wahlkommission mit 87 Prozent wiedergewählt wurde. Dabei würde dieser zentralasiatische Staat weitaus mehr Interesse verdienen. Einerseits wegen seiner geographischen Lage und andererseits, weil Usbekistan mit rund 36 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste der fünf ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien ist. Zbigniew Brzezinski hingegen erkannte die Bedeutung Usbekistans. Denn für den ehemaligen Nationalen Sicherheitsberater der USA war Usbekistan neben der Ukraine und Aserbaidschan einer der drei Nachfolgestaaten der Sowjetunion, denen bei der von Washington beabsichtigten Einkreisung Rußlands entscheidende Bedeutung zukommen würde.

Von Dr. Bernhard Tomaschitz

Für den ehemaligen Nationalen Sicherheitsberater der USA Zbigniew Brzezinski war Usbekistan neben der Ukraine und Aserbaidschan einer der drei Nachfolgestaaten der Sowjetunion, denen bei der von Washington beabsichtigten Einkreisung Rußlands entscheidende Bedeutung zukommt. Tatsächlich findet in Usbekistan seit der Unabhängigkeit eine unübersehbare Rückbesinnung auf die nationale Identität statt. Die Usbeken sind das drittgrößte Turkvolk (nach den Türken und den Aseri in Aserbaidschan). In Usbekistan selbst leben mehr als 23 Millionen Usbeken (mehr als 80 Prozent der Bevölkerung), in Afghanistan 3,8 Millionen und in den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken nochmals 2,8 Millionen. Nur in der autonomen Region Karakalpakstan stellen die Usbeken mit 36 Prozent der Einwohner die Minderheit. Islamistischer Unruheherd ist aber vor allem das im Osten gelegene Fergana-Tal.

In seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ schrieb Brzezi?ski 1997: „Usbekistan, volksmäßig der vitalste und am dichtesten besiedelte zentralasiatische Staat, stellt ein Haupthindernis für jede neuerliche Kontrolle Russlands über die Region dar. Seine Unabhängigkeit ist von entscheidender Bedeutung für das Überleben der anderen zentralasiatischen Staaten, und es versteht sich des russischen Drucks noch am besten zu erwehren.“ Außerdem bezeichnete er Kasachstan als den Schild und Usbekistan als die „Seele des nationalen Erwachens der verschiedenen Völker in der Region“. Auch freute sich Brzezi?ski darüber, daß Usbekistan immer entschiedener gegen Rußlands Integrationsbemühungen auftrat. Konkret wies er darauf hin, daß sich sein Außenminister im August 1996 gegen die Schaffung supranationaler Institutionen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) ausgesprochen hatte, „die als Mittel zentraler [russischer] Kontrolle gebraucht werden könnten“. Zudem habe die nationalistische Haltung der usbekischen Führung in der russischen Presse bereits scharfe Verurteilungen ausgelöst wegen „Usbekistans strikt prowestlicher Orientierung in der Wirtschaft, harscher Invektiven gegen die Integrationsverträge innerhalb der GUS, entschiedener Ablehnung, selbst der Zollunion beizutreten“.

Balanceakt zwischen Ost und West

Die Hoffnungen Brzezi?skis, daß sich Usbekistan zu einem antirussischen Bollwerk in Zentralasien entwickeln könnte, haben sich aber nicht erfüllt. Heute pflegt diese ehemalige Sowjetrepublik korrekte Beziehungen zu Rußland, wenngleich Taschkent darauf bedacht ist, nicht in den Orbit Moskaus zu geraten. Beispielsweise ist Usbekistan Beobachter, aber nicht Mitglied in der von Rußland dominierten Eurasischen Wirtschaftsunion. Was die Mitgliedschaft in dem von Moskau kontrollierten Militärbündnis Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) betrifft, verlängerte Usbekistan den Vertrag im Jahre 1999 nicht; im Juni 2006 erfolgte der Wiedereintritt und im Juni 2012 ein erneuter Austritt. Hingegen ist Usbekistan Mitglied in der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit, einer Organisation, mit welcher China und Rußland die eurasische Integration vorantreiben.

Parag Khanna, ein außenpolitischer Berater des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, bezeichnet Usbekistan als das „Herz des Herzlandes“. Schließlich sei Usbekistan die bevölkerungsreichste ehemalige Sowjetrepublik und grenze überdies an die übrigen vier (Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Turkmenistan) sowie an Afghanistan. Dabei bezog Khanna sich auf das geopolitische Konzept, das der britische Militärgeograph Sir Halford Mackinder vor mehr als 100 Jahren entwickelt hat. Als „Herzland“, Heartland, bezeichnete Mackinder den europäischen Teil Rußlands, Sibirien sowie Zentralasien. Diese Region sei aufgrund ihrer Ressourcen verbunden mit den Möglichkeiten, welche der technologische Fortschritt eröffne – Mackinder dachte an die Erschließung mit Eisenbahnlinien –, der „geographische Dreh- und Angelpunkt der Geschichte“.

Somit überrascht es nicht, daß die Vereinigten Staaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991 versuchten, Zentralasien und damit auch Usbekistan in ihre Einflußsphäre zu bringen. Dabei machte sich Washington den Umstand zunutze, daß der von 1991 bis zu seinem Tod 2016 autoritär regierende usbekische Präsident Islam Karimow lange Zeit danach trachtete, nicht zu sehr in Abhängigkeit von Rußland zu geraten. 2001 stimmte Karimow sogar der Stationierung der US-Luftwaffe auf dem Karshi-Khanabad-Flughafen im Süden von Usbekistan zu. Zwischen 2001 und 2005 waren 7000 US-Militärangehörige auf diesem – auch als „K2“ und „Camp Stronghold Freedom“ bekannten – Luftwaffenstützpunkt stationiert, der für den Krieg in Afghanistan von großer Bedeutung war.

 

Taschkent (im Bild eine Moschee im Khast-Imam-Komplex) ist die Hauptstadt Usbekistans.

Konfrontation mit den USA

Die guten Beziehungen zwischen Taschkent und Washington änderten sich schlagartig, nachdem es im Mai 2005 aufgrund der sozialen und wirtschaftlichen Lage sowie wegen seines autoritären Führungsstils zu landesweiten Protesten gegen Karimow gekommen war. In Andijon, dem Zentrum der Unruhen, gingen die usbekischen Sicherheitskräfte besonders brutal vor, wobei zwischen 400 und  600 Demonstranten ums Leben kamen. Während Karimow Islamisten als Urheber des Aufstands sah, gibt es Hinweise, daß die USA versuchten, nach bewährtem Muster auch in Usbekistan eine „Revolution“ anzuzetteln – was letztlich mißlang.

Karimow gelang es, die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen, nachdem er ausländische sogenannte Nichtregierungsorganisationen aus dem Land geworfen hatte. „Ein Grund [für die Beruhigung der Lage] ist, daß es der usbekischen Regierung gelungen ist, ausländischen Einfluß zu bannen. Nachdem NGOs die gewaltsame Niederschlagung durch die Regierung kritisiert hatten, hatten westliche NGOs ihre Tätigkeit in Usbekistan unverzüglich zu beenden. Andere Stiftungen oder Organisationen wie die Eurasia Foundation, Radio Free Europe und Freedom House wurde angewiesen oder gezwungen, das betreffende Land zu verlassen“, schrieb 2008 Poh Phaik Thien von der Chinesischen Universität Hongkong und kam zu folgendem Schluß: „Wie wir sehen können, hat die Regierung sofort nach dem Andijon-Zwischenfall den Einfluß der ausländischen Zivilgesellschaft beendet. Deshalb ist es für die Massenmedien und ausländische Einflüsse unmöglich, die Anti-Regime-Kräfte weiter zu lenken.“ Wie es scheint, hatte Karimow die vom westlichen Ausland angezettelten Umstürze 2000 in Serbien und 2003 in Georgien genau beobachtet und seine Lehren daraus gezogen.

Auch Parag Khanna bestätigte, daß die USA in Usbekistan – wie in anderen Ländern auch, in denen es eine Farbrevolution gab – ihre Finger im Spiel hatten. In bezug auf die Ereignisse in Andijon schrieb er: „NGOs, die im Bereich Demokratieförderung arbeiten, sind Teil einer offenkundig widersprüchlichen, überaus heiklen außenpolitischen Doppelstrategie der USA, in der die USA die Rolle des guten und des bösen Polizisten gleichzeitig spielen. Sie bieten an, beide Seiten der Gesellschaft – Herrscher und Beherrschte – zu schulen; wobei dieses Angebot in der Regel nur von letzteren angenommen wird. Selbst wenn die offizielle US-Politik ein bestimmtes Regime stützt, treten amerikanische NGOs mutig Tyrannen entgegen und bringen Einheimischen bei, das Gleiche zu tun.“

Schlimmer als der Rauswurf ausländischer „Demokratieförderer“ war für die USA freilich die folgende außenpolitische Wende Karimows. Er forderte die USA auf, binnen  180 Tagen den Luftwaffenstützpunkt Karshi-Khanabad zu räumen, was auch geschah. Aber immerhin erfolgte die Versorgung der US-Truppen in Afghanistan weiterhin über usbekisches Territorium. Deshalb wurde die Bedeutung dieses zentralasiatischen Staats auch im Bericht der US-Entwicklungshilfebehörde USAID für das Haushaltsjahr 2013 besonders hervorgehoben, indem Usbekistan als „Schlüsselpartner bei der Unterstützung internationaler Bemühungen in Afghanistan“ bezeichnet wurde. Washington kündigte damals auch an, der usbekischen Regierung eine „erweiterte Hilfestellung“ in Sicherheitsfragen zukommen lassen, damit Taschkent seine Grenzen und die Transportrouten des „Northern Distribution Network“ („Nördliches Verteilungsnetzwerk“), über welches sogenannte „nichttödliche“ Ausrüstung nach Afghanistan ging, besser schützen könne.
Beim „Northern Distribution Network“ handelte es sich um eine US-Initiative, die offiziell dem Ausbau der Straßen- und Schieneninfrastruktur diente. Dabei führte eine Route von der lettischen Hauptstadt Riga durch das nördliche Rußland bis ins nördliche Afghanistan und die andere Route von Georgien und Aserbaidschan über das Kaspische Meer ebenfalls nach Afghanistan.

Tatsächlich aber war das „Nördliche Verteilungsnetzwerk“ ein Versuch der USA, Hegemonie über Zentralasien zu erlangen. Wie das „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS, „Zentrum für strategische und internationale Studien“), eine Denkfabrik in Washington, vor einigen Jahren schrieb, würden sich das Netzwerk und die Anwesenheit der USA in Afghanistan „auf die politische Landkarte in Eurasien auswirken“. Denn, so gab das CSIS unumwunden zu: „Während die Triebkraft hinter der Schaffung der neuen Versorgungslinien in den unmittelbaren militärischen Anforderungen liegt, bietet ihre Errichtung dessenungeachtet eine einzigartige Möglichkeit für Washington, langfristige Ziele zu verfolgen. Sich in Afghanistan durchzusetzen, muß eine ökonomische und politische Entwicklung einschließen, die der Zukunft der Region verpflichtet ist.“ Eines der Kuratoriumsmitglieder des CSIS war übrigens Zbigniew Brzezi?ski. Mit dem im August 2021 erfolgten Abzug aus Afghanistan ist das „Northern Distribution Network“ hinfällig geworden.

Die berühmtesten Städte der Seidenstraße, wie Samarkand (unten) und Buchara
(oben), liegen in Usbekistan.
1991–2016 regierte Islam Karimov Usbekistan mit eiserner Hand, 2001 stimmte er sogar der Stationierung amerikanischer Flugzeuge auf einem Flughafen im Süden des Landes zu. Als es 2005 wegen seines autoritären Führungsstils landesweit zu Unruhen kam (ob nun von Islamisten oder den USA ausgelöst), warf Karimov nicht nur verschiedene ausländische NGOs aus dem Land, sondern kündigte den USA auch das Recht auf, weiter einen Luftwaffenstützpunkt im Land zu betreiben. Karimov wandte sich verstärkt Rußland und vor allem China zu.

Hinwendung nach Fernost

Usbekistan hat für die USA bis heute nicht an Bedeutung verloren, wenngleich Washington gegenüber Peking das Nachsehen hat. Seitens des US-Außenministeriums heißt es: „Usbekistan ist wichtig für die Interessen der USA an der Gewährleistung von Stabilität, Wohlstand und Sicherheit in der gesamten zentralasiatischen Region.“ Außerdem haben die Vereinigten Staaten diesem zentralasiatischen Staat seit 1992 rund 1,8 Milliarden Dollar an Auslandshilfe zur Verfügung gestellt, wobei die sogenannte Demokratieförderung – man kann auch von Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Lands unter dem Vorwand der Förderung von Demokratie, Grundfreiheiten und Menschenrechten sprechen – einen wichtigen Schwerpunkt bildete. So unterstützt USAID eigenen Angaben zufolge „die Regierung Usbekistans bei der Reform des Justizwesens und der Verbesserung der Beziehungen zur Zivilgesellschaft“. Bei der „Zivilgesellschaft“ handelt es sich – nicht nur in Usbekistan – in zahlreichen Fällen um Gruppen, die von der staatlichen Stiftung National Endowment for Democracy, die auch als „ziviler Arm der CIA“ bekannt ist, oder ähnlichen US-Einrichtungen unterstützt werden.

Karimow wandte sich nach den Unruhen 2005 Rußland und vor allem China zu. Die Chinesen ließen sich nicht lange bitten und packten die Gelegenheit beim Schopfe, zumal in den Nullerjahren Peking seine Fühler in Richtung der ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien verstärkt auszustrecken begann. In den Zehnerjahren, als China begann, seine „Neue-Seidenstraße“-Strategie mit Nachdruck voranzutreiben, wurden die Beziehungen zwischen Peking und Taschkent noch intensiver.

Die Bedeutung Usbekistans für China nimmt auch im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu, wie der „Geopolitical Monitor“ am 4. Oktober 2022 schrieb: „Vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs und der angespannten Beziehungen zwischen Rußland und Kasachstan nimmt die strategische Bedeutung Usbekistans in Zentralasien für China weiter zu. Die relative Stabilität Usbekistans und seine stabilen Beziehungen zu regionalen und globalen Akteuren bieten China die Möglichkeit, seine Beziehungen zu diversifizieren und einen ausgewogeneren Ansatz in Zentralasien zu verfolgen. Taschkent ist ein wichtiger Akteur für Peking, nicht nur in bezug auf die bilateralen Beziehungen, sondern auch wegen seiner regionalen Bedeutung, die zu Chinas Zentralasienstrategie paßt.“ Am 22. November 2023 trafen sich die Außenminister beider Staaten, Wang Yi und Baxtiyor Saidow, zu einem „ersten strategischen Dialog“. Etwas mehr als ein Jahr zuvor, im September 2022, gaben China und Usbekistan zudem eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie sich darauf verständigten, die Synergie zwischen der „Belt and Road Initiative“ und der Entwicklungsstrategie „Neues Usbekistan“ bis 2026 aktiv voranzutreiben. Mit der Initiative „Neues Usbekistan“ will der seit 2016 regierende Präsident Schawkat Mirsijojew Wirtschaftsreformen vorantreiben.

Seit 2016 regiert Präsident Schawkat Mirsijojew das Land und verstärkt insbesondere die Zusammenarbeit mit China, aber auch den anderen islamischen Staaten.

Volkstumsfragen im Innern und Äußeren

Doch Usbekistan ist nicht nur für China von zunehmendem Interesse, sondern auch für die Mitglieder des Golf-Kooperationsrats. Dies nicht zuletzt deshalb, weil das Turkvolk der Usbeken aus sunnitischen Moslems besteht. In einem Bericht des Gulf International Forum, einer Forschungseinrichtung mit Sitz in Washington, heißt es: „Trotz ihrer begrenzten Interaktion im 20. Jahrhundert aufgrund geopolitischer Beschränkungen hat sich zwischen Usbekistan und den Golfstaaten ein stetig wachsendes gegenseitiges Interesse herausgebildet. […] Usbekistan kann auf eine lange und reiche islamische Geschichte zurückblicken, die in der Figur des al-Buchari [eines islamischen Gelehrten, der im 9. Jahrhundert lebte] verkörpert wird und die die usbekische Regierung genutzt hat, um die Beziehungen zu den Staaten der gesamten islamischen Welt einschließlich der Golfstaaten zu verbessern.“ Dann wird auf die islamische Geschichte Usbekistans verwiesen und darauf, daß dieser zentralasiatische Staat einer der wichtigsten Baumwollproduzenten der Welt ist und über bedeutende Mineral-, Erdgas- und Erdölreserven verfügt.

Anschließend verweist das Gulf International Forum auf die geographische Lage Usbekistans: „Die Nähe zu Afghanistan macht sowohl Saudi-Arabien als auch den Vereinigten Arabischen Emiraten Sorgen über das Wiederaufleben islamistischer extremistischer Terrorgruppen in Afghanistan und deren mögliche Ausbreitung auf Nachbarstaaten. In diesem Sinne können politische und militärische Verbindungen zu Usbekistan der Bekämpfung des Extremismus dienen.“ Usbekistan ist für die Golfstaaten sozusagen das Tor nach Zentralasien, einer der geopolitisch bedeutendsten Regionen der Erde. Usbekistan wiederum hat nicht nur aufgrund seiner Nachbarschaft zu Afghanistan ein besonderes Interesse an diesem Land, sondern auch deswegen, weil sechs bis neun Prozent der afghanischen Bevölkerung Usbeken sind.
In Usbekistan selbst stellen die Usbeken 85 Prozent der Bevölkerung, Russen 5,1 Prozent, Tadschiken fünf Prozent und Karakalpaken 4,1 Prozent. Die Karakalpaken – der Name bedeutet „Schwarzmützen“ – rückten Anfang Juli 2022 in die internationalen Schlagzeilen, als es in der „Republik Karakalpakstan“, wie die autonome Republik im Westen Usbekistans amtlich heißt, zu Massenprotesten kam. Grund war, daß sich in der am 25. Juni 2022 veröffentlichen Neufassung der usbekischen Verfassung keine Regeln mehr zum Sonderstatus von Karakalpakstan fanden, das rund 40 Prozent des usbekischen Staatsgebiets ausmacht.

Karakalpakstan ist ein mit Usbekistan verbundener Staat mit eigenen Hoheitssymbolen und dem Karakalpakischen als neben dem Usbekischen gleichberechtigter Amtssprache. Nach Art. 85 der usbekischen Verfassung – der usbekische Präsident Mirsijojew nahm aufgrund der heftigen Proteste die Abschaffung des Sonderstatus von Karakalpakstan wieder zurück – ist die „souveräne Republik Karakalpakstan Teil der Republik Usbekistan“, wobei die Souveränität der Republik Karakalpakstan von der Republik Usbekistan geschützt wird. Nach Art. 86 hat Karakalpakstan seine eigene Verfassung, die jedoch in Übereinstimmung mit der usbekischen sein müsse. Die wichtigste Bestimmung hinsichtlich Karakalpakstan ist jedoch Art. 89: „Die Republik Karakalpakstan hat das Recht, sich von der Republik Usbekistan auf Grundlage eines landesweiten Referendums des Volks von Karakalpakstan abzuspalten.“

Offenkundig wollte der usbekische Präsident Mirsijojew auf Nummer sicher gehen, daß es im chronisch vernachlässigten Karakalpakstan nicht zu einer Sezession kommt. Zwar stellen die Karakalpaken, ein eng mit den benachbarten Kasachen verwandtes Turkvolk, nur 33 Prozent der Einwohner dieses Gebiets, aber zusammen mit den rund 25 Prozent Kasachen hätten sie im Falle einer Volksabstimmung voraussichtlich die Mehrheit für eine Abspaltung von Usbekistan. Jedenfalls kam es in Karakalpakstan nach Verkündung der neuen Verfassung zu zuerst friedlichen Protesten, die innerhalb weniger Tage zu Straßenschlachten anwuchsen. Nach Angaben aus Taschkent forderten die Unruhen 18 Tote, darunter vier Polizisten, sowie mehr als  240 Verletzte. Auch nachdem Präsident Mirsijojew am 2. Juli 2022 seine Verfassungspläne zurückgenommen hatte, dauerten die Auseinandersetzungen weiter an, bis einen Tag später der Ausnahmezustand verhängt wurde.

Die Unruhen im Sommer 2022 in Karakalpakstan waren ein Warnsignal für die Führung in Taschkent. Denn Pulat Ahunow, ein im Exil lebender karakalpakischer Oppositionspolitiker, sagte der BBC: „Es gab Fälle von ethnischen Zusammenstößen zwischen den Karakalpaken und den Usbeken. Die Situation kann völlig außer Kontrolle geraten. Es wird nicht um den Status Karakalpakstans gehen, sondern um einen Konflikt zwischen den Karakalpaken und den Usbeken. Das ist das Gefährlichste.“ Jedenfalls könnten ausländische Mächte versucht sein, in Karakalpakstan ethnische Spannungen zu schüren, um Einfluß auf die usbekische Führung zu nehmen. Hier ist in erster Linie an die USA zu denken, denen die engen Beziehungen zwischen Taschkent und Peking ein Dorn im Auge sind. Auch bei den Unruhen in Karakalpakstan Anfang Juli 2022 wurde mitunter über eine Involvierung der USA spekuliert. Beweise oder stichhaltige Indizien dafür gibt es bislang jedoch nicht.
Brzezi?ski schrieb vor mehr als einem Vierteljahrhundert, Usbekistan komme „bei der Förderung eines modernen Nationalismus eine Vorreiterrolle zu“. Tatsächlich findet in Usbekistan, wie in den übrigen ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien, seit Erlangung der Unabhängigkeit 1991 eine nicht übersehbare Rückbesinnung auf die jeweilige nationale Identität statt. Und die usbekische Verfassung verpflichtet die Bürger, „das historische, geistige, kulturelle, wissenschaftliche und natürliche Erbe des usbekischen Volks zu schützen“. In der Verfassung wird der Begriff „Usbeke“ übrigens nicht ethnisch definiert, sondern durch die Staatsangehörigkeit.

Faktor Islam und Geopolitik

Einen wichtigen Teil des historischen und kulturellen Erbes Usbekistans stellt naturgemäß der Islam dar, wenngleich die Verfassung Usbekistan als säkularen Staat definiert. Schätzungen zufolge sind 88 bzw. 96 Prozent der Gesamtbevölkerung Moslems, die in der überwiegenden Mehrheit der sunnitischen Glaubensrichtung angehören und von der hanafitischen Rechtsschule geprägt werden. In den Jahren nach der Unabhängigkeit versuchten die Türkei und vor allem Saudi-Arabien, in diesem zentralasiatischen Staat ihre Vorstellungen vom Islam zu etablieren. Wie der schwedische Historiker Henrik Ohlsson 2011 schrieb, propagierten die saudi-arabischen Missionare ihre strenge wahhabitische Auslegung des Islam, die oft sowohl mit den lokalen Traditionen als auch mit der Regierungspolitik kollidierte. Die saudische Mission umfaßte Mitglieder der ethnisch usbekischen Gemeinschaft in Saudi-Arabien, die aus zwei Migrationswellen aus Zentralasien in den 1930er und 1970er Jahren hervorgegangen war.

Hatte die usbekische Regierung die Aktivitäten der ausländischen Missionare anfangs begrüßt, weil sie die Bedeutung des Islam für die Herausbildung einer neuen kollektiven Identität erkannt hatte, setzten bald Mißtrauen und Sorge ein, daß die radikalen religiösen Ideen zu zivilen Unruhen führen könnten. Jedoch hatte die usbekische Regierung die Lage besonders fest im Griff, zum Teil aufgrund des warnenden Beispiels der Ereignisse im benachbarten Tadschikistan, wo 1992 ein Bürgerkrieg zwischen den Postkommunisten und der Vereinigten Tadschikischen Opposition (VTO) ausgebrochen war, zu der auch die Islamisten gehörten. Zum anderen waren „bestimmte Entwicklungen an der Heimatfront“ ausschlaggebend, wie Ohlsson schrieb: „1992 übernahm eine Gruppe radikaler islamischer Jugendlicher in der Stadt Namangan im Fergana-Tal das örtliche Hauptquartier der ehemaligen Kommunistischen Partei. Sie forderten Präsident Karimow auf, nach Namangan zu kommen, was dieser auch tat, und sich eine Reihe von Forderungen anzuhören, darunter die Errichtung eines islamischen Staats in Usbekistan und die Anwendung der Scharia als einziges Rechtssystem.“ Karimow ging auf die Forderungen natürlich nicht ein und statt dessen hart gegen die Islamisten vor, von denen viele das Land verließen und sich islamistischen bewaffneten Gruppen in Tadschikistan und in Afghanistan anschlossen. Außerdem begann das Regime, religiöse Ausdrucksformen zu kontrollieren.

Im Jahre 1998 wurde in Afghanistan vom islamistischen Ideologen Tahir Yuldaschew und dem ehemaligen sowjetischen Fallschirmjäger Juma Namangani – beide ethnische Usbeken aus dem Fergana-Tal – die Islamische Bewegung Usbekistans (IBU) gegründet. Die IBU verfolgte ursprünglich das Ziel, Präsident Karimow zu stürzen und in Usbekistan einen islamischen Staat unter der Scharia zu errichten. Bald schloß sich die IBU jedoch dem Terrornetzwerk al-Kaida an und erklärte 2015 dem „Islamischen Staat“ die Gefolgschaft. 1999, ein Jahr nach ihrer Gründung, beschäftigte die IBU auch die usbekischen Streitkräfte, und zwar im Batken-Konflikt. Dabei handelte es sich um eine Periode bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen Kämpfern der IBU und den Streitkräften Kirgisistans, die von usbekischen Bodentruppen unterstützt wurden.
Usbekistan ist es seit seiner Unabhängigkeit gelungen, religiös-extremistische Herausforderungen und politische Krisen rasch zu meistern und sich zu einem stabilen Land zu entwickeln. Das wiederum macht Usbekistan für die Großmächte interessant, insbesondere für China und seine Seidenstraßen-Strategie.

 
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