![]() |
Von Dr. Ulrich March
Alles Bestehende hat zeitliche und räumliche, alles Geschehen naturgesetzlich bedingte Grenzen. Auch die Mittel und Möglichkeiten des Menschen, seine Beweglichkeit und seine körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, sind begrenzt durch physikalische Gesetze wie das der Schwerkraft oder durch biologische wie die der Genetik. Er unterliegt überdies – wenn auch nicht mit gleicher Zwangsläufigkeit – Beschränkungen, die sich aus der jeweils geltenden politisch-rechtlichen und gesellschaftlich-kulturellen Ordnung ergeben. Unsere Spielräume sind eng bemessen: Vieles können, manches dürfen oder sollen wir nicht.
Unser Zeithorizont beschränkt sich im wesentlichen auf unsere kurze Lebenszeit – geradezu ein Nichts gegenüber den Jahrmillionen der Vergangenheit, die uns nur mittelbar zugänglich, und der Zukunft, die uns völlig verschlossen ist. Räumlich gesehen, bewegen wir uns ebenfalls in engen Grenzen: die menschliche Gattung insgesamt auf den Siedlungsgebieten der Erdoberfläche, einem winzigen Flecken im All, der einzelne zumeist an seinem Wohnort oder in dessen Nähe, überwiegend in seinen vier Wänden, am Arbeitsplatz und bei Besorgungen. Aus der räumlichen Nähe erwachsen Vertrautheit, Zusammengehörigkeitsgefühl und Geborgenheit („My home is my castle“), zugleich Distanz zu den „anderen“, also Abgrenzung nach außen. Häuser und Grundstücke werden durch Gitter und Drähte, Hecken und Zäune voneinander getrennt.
Seit der Seßhaftwerdung haben räumliche Grenzen immer mehr an Bedeutung gewonnen. Lagen zunächst zwischen den einzelnen Siedlungsflächen noch breite, kaum bewohnte Ödzonen, so entstanden später Städte mit Mauern, Toren und Türmen und noch später institutionelle Flächenstaaten; an die Stelle der Ödmarkengrenze trat die lineare Staatsgrenze. Deren lückenlose Kontrolle wurde zum Kriterium für Staatshoheit im modernen Sinne. Die zentralistische Politik im Zeitalter des Absolutismus führte zu weiterer Vereinheitlichung im Innern und zu stärkerer Abgrenzung nach außen. Nach der Französischen Revolution nahm die Bedeutung der Staatsgrenze nochmals erheblich zu, da sich die Völker nunmehr auch als politische Willensgemeinschaften und historisch gewachsene ethnisch-kulturelle Einheiten begriffen und die Deckungsgleichheit von Siedlungs- und Staatsgebiet anstrebten.
So entstand zunächst in Europa, dann auch in den übrigen Weltregionen ein polyzentrisches System weniger großer und vieler kleiner Nationalstaaten mit ausgeprägten Grenzen und Grenzansprüchen, das sich seither als überaus stabil erwiesen hat. Gegenläufige Bestrebungen haben ihm wenig anhaben können, weder die Expansionspolitik Napoleons, der Nationalsozialisten und der Kommunisten noch die seit Ende des Ersten Weltkriegs einsetzenden Bemühungen um engere internationale Zusammenarbeit. So gibt es, obwohl die EU bereits seit langem besteht, bis heute kein europäisches Nationalbewußtsein.
Wie alles in der Welt ist auch der Mensch unabänderlich geltenden Naturgesetzen unterworfen, die ihm einerseits Gestaltungsmöglichkeiten bieten, diese aber zugleich auch beschränken. Beides gilt insbesondere für die Gesetze der Biologie. Bereits mit der Zeugung erhält jeder einzelne einen nur ihm selbst eigenen genetischen Code, der nicht nur sein Geschlecht, sondern auch sein geistig-körperliches Potential und dessen Grenzen bestimmt und damit von vornherein wesentliche Rahmenbedingungen des Lebens festlegt. Die damit vorgegebenen Unterschiede und Grenzen können auch durch Erziehung und Umwelteinflüsse nicht beseitigt, sondern lediglich ergänzt und überlagert, sowohl gemildert als auch verschärft werden. Weitere Beschränkungen ergeben sich schließlich auch aus dem menschlichen Zusammenleben. Einflußreiche Mitmenschen, politische Ordnungen, kulturelle Regeln und Gepflogenheiten sowie gesellschaftliche Gebote und Verbote wirken zwar nicht so absolut wie Naturgesetze, beeinträchtigen aber ebenfalls Spielräume und Handlungsmöglichkeiten des Einzelmenschen.
Nach alledem erscheinen zeitliche und räumliche, naturgesetzliche und politisch-soziale Grenzen als schicksalhafte Vorgaben des Daseins. Nun aber lebt der Mensch nicht nur in der konkreten, sondern auch in einer ideellen Welt, die keine Grenzen kennt, in der des Glaubens, der Phantasie und des immer weiter zunehmenden Wissens. Seine geistige Begabung, seine Zielstrebigkeit und sein Gestaltungswille ermöglichen es ihm, über Grenzen hinauszudrängen, sie zu verändern und sie teilweise aufzuheben. Dabei kann er sowohl aufbauend als auch zerstörerisch wirken.
Der Wille zur Grenzüberschreitung zeigte sich bereits im antiken Griechenland, etwa in dem philosophischen Bemühen, die Ursprünge des Seins zu ergründen, oder im Geist des Wettbewerbs, der das politisch-kulturelle Leben kennzeichnete und unter anderem bei den Tragödienwettbewerben oder bei den Olympischen Spielen zum Ausdruck kam. Aber erst im Europa der Neuzeit wurden Grenzen grundsätzlich in Frage gestellt und planmäßig verändert, erweitert oder aufgehoben. Schrift und Buchdruck, Geschichtswissenschaft und moderne Medien haben uns die Vergangenheit näher gerückt. Seit dem Entdeckungszeitalter sind alle Meere und Kontinente, Urwälder und Eiswüsten erschlossen worden; im 20. Jahrhundert ist man in die Atmosphäre und ins All vorgestoßen. Wissenschaftliche Erkenntnisse und deren Anwendung in Technik und Medizin haben das Leben bereichert, erleichtert und verlängert. Die industrielle Massenproduktion hat immer neue Bedürfnisse geweckt und befriedigt. Sogar die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich in den letzten eineinhalb Jahrhunderten spürbar erhöht, vor allem dank des drastischen Rückgangs der Kindersterblichkeit.
Im Zeitalter des demokratischen Rechts- und Sozialstaats sind überdies weitere, zuvor als unantastbar geltende Grenzen gefallen. Die Idee der politisch-gesellschaftlichen Freiheit und Gleichheit ist zumindest in den demokratisch verfaßten Staaten weitgehend verwirklicht worden; geburtsständische Gesellschaft und monarchisches Gottesgnadentum sind nur noch ferne Erinnerungen.
Unter dem Eindruck all dieser Entwicklungen hat sich in den letzten beiden Jahrhunderten die Vorstellung vom immerwährenden Fortschritt in allen Lebensbereichen verbreitet, ist vielfach zur Ideologie und damit zur Glaubenssache geworden. Das Drängen wird immer stärker, weiterhin bestehende Grenzen für obsolet zu erklären; „Anything goes“ lautet die neue Zielvorstellung. In jüngster Zeit werden dabei auch Strukturen zersetzt und aufgelöst, die bisher das Zusammenleben der Menschen entscheidend geprägt haben, etwa geschlechtliche Identität, Familie, Ehe und andere Gemeinschaften. Religiöse und sittliche, politische und soziale Bindungen schwinden, der Umgang miteinander wird formloser und lockerer, Privates und Öffentliches, Arbeit und Freizeit werden zunehmend vermengt.
Und dennoch: Bestimmte Grenzen haben sich als unüberwindbar erwiesen und werden auch in aller Zukunft nicht überwunden werden, Die Naturgesetze gelten nach wie vor; Geburt und Tod, Jugend und Alter, Gesundheit und Krankheit sind zeitlose Konstanten allen Daseins. Flug- und Weltraumreisende müssen immer wieder auf die fruchtbaren und daher besiedelten Teile der Erdoberfläche zurückkehren, da der Mensch Sauerstoff, Wasser und Nahrung benötigt, auch den Umgang mit seinesgleichen. Trotz aller gegenteiligen Bemühungen gibt es im gesellschaftlich-politischen Leben auch weiterhin ein „Oben“ und ein „Unten“, und die Zukunft ist uns wie eh und je verschlossen.
Progressiv eingestellte Zeitgenossen sehen in dem Tatbestand unbezweifelbarer Grenzen ein Ärgernis. Sie neigen daher dazu, sie zu ignorieren, zu verdrängen oder schlicht zu leugnen; Kritische und Klügere unter ihnen bedauern sie zumindest. Läßt sich nicht aber das Phänomen der Grenze auch ganz anders betrachten und bewerten? Die Grenze gehört in sachlicher und logischer Hinsicht notwendig zum Sein; sie begründet überhaupt erst die Gliederung und die Vielgestaltigkeit der Welt und des Lebens. Auf den Menschen bezogen: Individuelle und plurale Identität, die Eigenständigkeit von Personen und menschlichen Gruppen wären ohne Abgrenzung von den jeweils „anderen“ gar nicht möglich. Gewiß können manche Grenzen nach wie vor hinderlich und damit freiheitsfeindlich wirken. Die Grenze als solche ist zugleich aber auch Voraussetzung für Identität, Selbstbestimmung und Freiheit.