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Der Heilige Georg

Der Heilige Georg war ein hochrangiger römischer Offizier, der in Wahrheit mit dem römischen Kaiser Diokletian gekämpft hatte und das Martyrium erlitt. – Der Heilige Georg als Drachentöter, Bild von Johann König (1586–1642).

Der Kampf gegen den Drachen

Auszug aus der Predigt von Dominik Kardinal Duka, dem emeritierten Erzbischof von Prag, in der Wiener Karlskirche aus Anlaß deren Patroziniums. Mit freundlicher Genehmigung seiner Eminenz.

Wir haben uns zu diesem hohen Festtag unter der Kuppel der berühmten Kirche St. Karl Borromäus versammelt, deren Patrozinium wir heute feiern. Die Karlskirche ist eng mit der Geschichte Österreichs und Tschechiens, ja ganz Europas verbunden. Diese unsere gemeinsame Geschichte ist Voraussetzung für die Gegenwart und Zukunft menschlicher Gemeinschaft. Nur unter ihrer Voraussetzung ist unser gemeinsamer Weg denkbar. Aber: Die Geschichte der Menschheit und deren Beginn ist nicht nur der idyllische Garten Eden, in dem Freundschaft und Liebe herrschen, sondern ist oft auch geprägt von Momenten des Scheiterns und der Auseinandersetzung. Lassen Sie mich ein wenig von diesen Verbindungen sprechen, von den Personen, die diese Verbindungen bezeichnen, über die Gärten Eden und Auseinandersetzungen, die diese Verbindungen geprägt haben.

Der Beginn der Geschichte dieser Kirche führt uns zur Figur der Heiligen Agnes von Böhmen, der Gründerin des ritterlichen Kreuzherrenordens mit dem Roten Stern. Im 13. Jahrhundert war sie als Verehrerin des Heiligen Franz von Assisi und der heiligen Clara eine Frau der Evangelisierung, die die Verwandlung der Herzen jedes einzelnen Menschen, Mann und Frau, bedeutet.

Der Kirchenpatron, der heilige Karl Borromäus, Kardinal und Erzbischof von Mailand, der Mann des Konzils von Trient verbindet uns mit der Gestalt des Kaisers und Königs Ferdinand I., der als der eigentliche Gründer jenes Gebildes, das man das Habsburgerreich nennt, bezeichnet werden kann. Das Habsburgerreich – ein Reich, über dem die Sonne nicht unterging! Es ist aber auch festzuhalten, daß dieses Reich ohne die Reform des Konzils von Trient unmöglich gewesen wäre. Kaiser Ferdinand I. hat mit der Unterstützung von Karl Borromäus eine Antwort auf die Spannungen und die Teilung des böhmischen Königreichs infolge der Hussitenaufstände erreicht mit der Anerkennung des doppelten Ritus sub uno et sub utraque – ohne Trient und die katholische Reform wäre das nicht denkbar gewesen. Die Koexistenz nach der Versöhnung von Kutna Hora ähnelt der anglikanischen Kirche mit zwei Zweigen, der High Church und Low Church. Jedoch, die weitere Entwicklung ließ die Verwirklichung dieses Reformplans nicht zu.

Der Heilige Georg

Wir können in diesem Moment die Verbindung zum Veitsdom in Prag erwähnen, dem Kaiserdom von St. Veit, in dem die römischen Kaiser Karl IV., Ferdinand I., Maximilian II. sowie Rudolf II. ruhen. Die genannten Persönlichkeiten führen uns auch zum heute anwesenden St. Georgs-Orden, in den ich gestern auch als Geistlicher Rat aufgenommen wurde! Der Gründer des Georgsordens, Kaiser Sigismund, bezeichnete ihn als Drachenorden. Der Georgsorden ist ein Ritteroden, d.h. er ist eigentlich eine Armee, ein Heer. Die Armee, der römische Soldat, hat in der Geschichte der Kirche eine unverzichtbare Rolle gespielt. Sowohl in den Evangelien als auch in der Apostelgeschichte begegnen wir den Gestalten römischer Soldaten. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß es auch eine Reihe von militärischen Heiligen gibt. Der heilige Georg, der heilige Sebastian, der heilige Mauritius, der heilige Florian … Es war die römische Armee, die in der Gestalt des Gottes Mithras ein monotheistisches Verständnis des Glaubens förderte, was Kaiser Aurelian dazu veranlaßte, das Fest Dies Natalis Solis Invict auszurufen, das uns heute als Sonntag geblieben ist …

In der Reichskrise des 2. Jahrhunderts bei der Cyprianischen Pest bot sich den christlichen Soldaten und ihren Familien die Gelegenheit, Zeugnis von dem Glauben abzulegen, der uns lehrt: „Was ihr für einen dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“. Die Haltung der Gesellschaft gegenüber dem Christentum verändertere sich, so daß langsam sogar öffentliche Kirchen errichtet wurden und ein gewisses Zusammenleben mit der heidnischen Bevölkerung erlebbar war. Als Reaktion darauf erließ Diokletian ein Dekret, das die Zerstörung von Tempeln und den Völkermord an Bischöfen, Priestern und Gläubigern sowie die Beschlagnahmung von Eigentum anordnete. Konstantius I., der Vater Konstantins des Großen, wandte sich gegen diese Form des Dekrets mit den Worten „Reißt die Kirchen ab, aber rührt niemanden an“. Diese Haltung gipfelte nach der Schlacht an der Milvischen Brücke (wo sich unter anderem auch die Kirche von Kardinal Joseph Beran befindet) im Toleranzedikt von Mailand oder in der Mailänder Vereinbarung, die den Christen die Freiheit und die Rückgabe des konfiszierten Eigentums gewährte. Dieses Dekret war auch eine Inspiration für das Restitutionsgesetz in der Tschechischen Republik.

Wer stand bei Verfolgung und Not auf der Seite der Christen? Die bereits erwähnten militärischen Zeugen, hochrangige Offiziere der römischen Armee aus den Eliteeinheiten, heute würden wir sagen: die Generäle. Einer von ihnen in höchster Position war unser heiliger Großmärtyrer St. Georg, der es wagte, selbst beim Kaiser Diokletian zu protestieren. Ihm ist es auch zu verdanken, daß die erste Basilika im Heiligen Land von Kaiser Konstantin dem Großen selbst erbaut wurde, zu der Zeit, als seine Mutter, die heilige Helena, die Expedition durch das Heilige Land unternahm.

Der heilige Georg wird in der Ikonographie immer mit einem Drachen kämpfend dargestellt. Aber mit wem hat der Heilige Georg eigentlich gekämpft? Mit keinem anderen als mit dem römischen Kaiser Diokletian. Dieser wird also mit dem Teufel, dem Drachen der Apokalypse, verglichen. Der Prototyp für das Verständnis nicht nur der Christenverfolgung des Diokletian, sondern auch der vorangegangenen Christenverfolgungen ist der Text der Apokalypse des Johannes, genauer: das 12. Kapitel, das nicht nur an Mariä Himmelfahrt, sondern an vielen Marienfesten gelesen wird. Wir haben die Perikope heute als zweite Lesung gehört. Die Gestalt der Jungfrau Maria wird mit der Tochter Zion, der Tochter Jerusalem, dem neuen Israel, der Kirche identifiziert.

Johannes ist Johannes

Der Text dieses Kapitels beweist uns voll und ganz, daß der Evangelist Johannes auch der Autor der Apokalypse sein muß. Die Anspielungen auf das Alte Testament, aber auch die Anspielungen auf das Johannesevangelium beweisen die Plausibilität dieser Ansicht. Sie werden aber auch durch das Zeugnis des dritten Bischofs von Ephesus, Polykrates, bestätigt, wie es in der Kirchengeschichte des Eusebius festgehalten ist. Dort nämlich ist Johannes ein Sadduzäer, das heißt: ein Mann mit dem Recht, die hohepriesterliche Kopfbedeckung zu tragen. Diese Behauptung ermöglicht es uns, den oben erwähnten Text besser zu verstehen. Die Sadduzäer gehörten zur hellenistischen Klasse. Sie waren es, die in Jerusalem das Gymnasion bauen ließen. Ihr Handeln löste eine Gegenreaktion aus, die zum Abzug eines großen Teils der Jerusalemer Priesterschaft, angeführt vom Hohepriester selbst, führte. Ihr Widerstand nährte auch die Idee der Zerstörung des Tempels, der durch die Kollaboration mit den Besatzern entweiht wurde und daher zerstört werden mußte. So können wir die Reinigung des Tempels durch Jesus besser verstehen, aber auch seine Aussage beim Prozeß gegen den Hohen Rat, als er sagte, er werde den Tempel zerstören. Denn während dieser Prozeß stattfand, fanden einige der Gegner der Besatzung und der Kollaboration in Galiläa Zuflucht, sowohl Mitglieder der davidischen Dynastie als auch der sadduzäischen Familien. Dort begegnete Christus auch seinem Verwandten Johannes und seinem Bruder Jakobus. Der Umfang der Bildung des Johannes von Sadduzäa erlaubt es uns, die Verbindung von Offenbarung 12 zur antiken griechischen Kultur, aber auch zu den semitischen Grundlagen zu verstehen, die sich durch die alttestamentliche Literatur ziehen.

Apollo und Python

Die Legende von der Geburt Apollos bietet eine griechische Parallele zur Geschichte von der Frau und dem Drachen: Seine Mutter, Leto, wurde von Zeus schwanger. Der Drache Python ahnte, daß dieses Kind, ein Sohn, seinen Platz als Herrscher des Orakels von Delphi einnehmen würde. Deshalb versuchte er, ihn gleich nach der Geburt zu töten. Zeus schickte Leto den Gott des Meeres Poseidon zu Hilfe. Leto gebar Apollo, der daraufhin Python tötete. Lassen wir jetzt den Text aus dem 12. Kapitel der Apokalypse noch einmal Revue passieren, den wir gehört haben, so erkennen wir nicht nur, daß der Drache, die Seeschlange Satan, in der mesopotamischen Bildsprache vorkommt, sondern wir können auch den johanneischen Text verfolgen, in dem dieser Kampf zwischen Christus und Satan dargestellt wird.

Der Text der Apokalypse, der in das durch die Völkerwanderung geschaffene Umfeld eindringt, ermöglicht es uns, Legenden über den heiligen Georg, die heilige Martha und andere Heilige, die mit dem Drachen ringen, zu verstehen. Es ist der siegreiche Kampf Christi, der siegreiche Kampf des Kreuzes im Christentum. Schließlich ist es auch der Kampf des heiligen Prokopios mit dem Teufel. Der im 10. Jahrhundert in Böhmen geborene Prokop rang mit den Götzen des slawischen Pantheons. Die Historizität der erwähnten Heiligen oder ihrer Kämpfe zu leugnen, ist eine Folge der Unkenntnis der antiken Kultur, aber auch eine Folge des unzureichenden Studiums der Bibel und ihrer Themen. Das Martyrologium, das manchmal dem heiligen Hieronymus zugeschrieben wird und das Tausende von Märtyrern, Männer und Frauen, enthält, widmet jedem dieser Märtyrer nur einen kurzen Bericht, der einer Todesanzeige ähnelt. Die volkstümliche Bildsprache und Kreativität schufen dann Legenden, die sich in dem berühmten Werk des dominikanischen Autors Jacobus de Voragine, des Erzbischofs von Genua, der „Goldenen Legende“ (Legenda Aurea), widerspiegeln, die zu den Schätzen der hagiographischen Literatur gehört.

Für mich als Tschechen ist es interessant, zu sehen, wie die Legende des heiligen Christophorus in die Geschichte von Záho? umgewandelt wurde, die uns von Karel Jaromir Erben in seiner Sammlung „Kytice“ („Blumenstrauß“) überliefert wurde. So waren diese meine Worte an den heiligen Georg gerichtet, an dessen Realität, Tapferkeit und Bedeutung nicht zu zweifeln ist, sondern im Gegenteil: Es ist dieses Ideal auch im gegenwärtigen Kampf mit dem Teufel, dem Vater der Lüge, zu vertiefen, dessen Farbe – Rot, Braun – uns die Notwendigkeit des Kampfs und der Treue in der heutigen Zeit in Erinnerung ruft.

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com