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Anfang August hat der kirgisische Präsident Sadyr Dschaparow Post aus Washington erhalten. Absender des Briefs war der Vorsitzende des Ausschusses für auswärtige Beziehungen des Senats, Bob Menendez. Der demokratische Senator erklärte, er schreibe „mit tiefer Besorgnis über die Vorwürfe, die Regierung der Kirgisischen Republik habe der Russischen Föderation oder ihren Stellvertretern bei der Umgehung der internationalen Sanktionen geholfen, die im Zusammenhang mit der rechtswidrigen Invasion Rußlands in der Ukraine verhängt wurden“. Dann forderte Menendez die Regierung des zentralasiatischen Staats auf, diese Vorwürfe rasch zu untersuchen und zuverlässigere Verfahren einzuführen, um den illegalen Warenfluß durch ihr Territorium nach Rußland zu verhindern. Auch äußerte der US-Senator seine Besorgnis darüber, daß „das Versäumnis der Kirgisischen Republik, die internationalen Sanktionen einzuhalten, die alarmierende Erosion der demokratischen Regierungsführung und die umfangreichen Menschenrechtsverletzungen im Land widerspiegelt“. Überhaupt befinde sich Kirgisistan, das einst ein „Leuchtfeuer der Demokratie in Zentralasien“ gewesen sei, auf „einem gefährlichen Weg in Richtung Autokratie“. Und drohend wies Menendez darauf hin, daß die Unterstützung oder Zulassung der systematischen Umgehung der westlichen Sanktionen gegen Rußland „die Sicherheit und die wirtschaftlichen Interessen des kirgisischen Volks gefährden könnte“. Tatsächlich könnte Kirgisistan selbst bald zum Ziel von US-Sanktionen werden. Wie die „Washington Post“ am 17. August schrieb, bereitet die Biden-Regierung, „neue wirtschaftliche Maßnahmen vor, um das Land zur Beendigung des Handels zu zwingen“. Wirtschaftssanktionen der USA würden das Land zweifelsohne hart treffen, denn rund ein Viertel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze.
Von Dr. Bernhard Tomaschitz
Der Brief von Menendez an Dschaparow verdeutlicht, daß Kirgisistan ganz oben ist am außenpolitischen Radar der Vereinigten Staaten. Und das nicht wegen der schönen Landschaft – Kirgisistan wird immer wieder als die „Schweiz Zentralasiens“ bezeichnet –, sondern wegen seiner geographischen Lage. Denn der knapp 200.000 Quadratkilometer große zentralasiatische Staat ist wie ein Keil, der China von Zentralasien abtrennt. Der Autor Bernhard Rode schrieb 2012, „die Verwandlung Kirgisistans in einen US-amerikanischen Stützpunkt hätte eine Einkreisung Chinas vom Westen her ermöglicht“. Angesichts wachsender Spannungen zwischen der Volksrepublik China und den Vereinigten Staaten ist es heute für Washington noch verlockender, diese zentralasiatische Republik in einen Stützpunkt zu verwandeln.
Zentralasien und damit auch Kirgisistan ist das eurasische Kernland, das der britische Militärgeograph Halford Mackinder in seinem 1904 entwickelten geopolitischen Konzept als „Heartland“ bezeichnete. Damals war das „Great Game“, also der Wettlauf zwischen dem britischen Empire und Rußland um Einflußsphären in dieser Region, voll im Gange, und was derzeit in Zentralasien stattfindet, kann auch als Neuauflage dieses „Great Game“ bezeichnet werden. Dazu der geopolitische Analyst Pepe Escobar am 18. August im Internetmagazin „The Cradle“: „Das historische Kernland – oder Zentral-Eurasien – ist bereits das wichtigste Schlachtfeld im New Great Game, das zwischen den Vereinigten Staaten und der strategischen Partnerschaft zwischen China und Rußland ausgetragen wird, und wird es auch weiterhin bleiben. Das ursprüngliche Great Game lieferten sich Ende des 19. Jahrhunderts das britische und das russische Imperium, und tatsächlich endete es nie: Es metastasierte lediglich in die Vereinbarung zwischen den USA und Großbritannien gegen die UdSSR und anschließend in die Vereinbarung zwischen den USA und der EU gegen Rußland.“
Für die USA spielte Kirgisistan übrigens auch viele Jahre eine bedeutende Rolle für den Afghanistankrieg. Zwischen 2001 und 2014 betrieb Washington in der Nähe des Flughafens der Hauptstadt Bischkek einen Luftwaffenstützpunkt, die Manas Air Base, der als Drehscheibe für die Versorgung der US-Truppen in Afghanistan diente.
Washington ist offenkundig bestrebt, in Kirgisistan einen Regimewechsel herbeizuführen mit dem Ziel, im eurasischen Kernland Fuß zu fassen. Darauf deutet die Vermengung politisch-wirtschaftlicher Ziele (Unterstützung der Sanktionen gegen Rußland) und demokratisch-menschenrechtlicher Fragen im Brief von Mendendez hin. Hinzu kommt, daß die USA auf vielfältige Weise in Kirgisistan – wie auch in vielen anderen Ländern der Welt – subversiv tätig sind. Beispielsweise unterstützt die halbstaatliche Stiftung National Endowment for Democracy, die auch als „ziviler Arm der CIA“ gilt, in Kirgisistan zahlreiche Gruppen der sogenannten Zivilgesellschaft. Und die Parteistiftung der Republikaner, das International Republican Institute (IRI), gibt die Einmischung in dieser zentralasiatischen Republik, die 1991 ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erlangte, ganz offen zu: „Das IRI hat mit den wichtigsten politischen Persönlichkeiten und Entscheidungsträgern in jeder Phase des Übergangs Kirgisistans von einer Sowjetrepublik zu einem demokratischen Staat zusammengearbeitet und ihnen Unterstützung bei Verfassungsänderungen sowie bei der Gesetzgebung für politische Parteien und bei Gesetzen zur Gewährleistung einer umfassenden politischen Beteiligung angeboten.“ Außerdem heißt es seitens des IRI, nach zwei Revolutionen gegen autoritäre Präsidenten in den Jahren 2005 und 2010 habe Kirgisistan nun zwar eine parlamentarische Regierung, aber schwache Regierungskoalitionen und eine endemische Korruption blieben Probleme.
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Interessant ist der Hinweis auf die Revolutionen 2005 und 2010, die als auch „Tulpenrevolution“ bzw. „Melonenrevolution“ bekannt sind. Denn bei beiden Umstürzen hatte Washington seine Hände im Spiel. Anlaß der „Tulpenrevolution“ 2005 waren Vorwürfe, der seit der Unabhängigkeit Kirgisistans im Jahr 1991 regierende Präsident Askar Akajew habe die Parlamentswahlen am 27. Februar gefälscht. Vielmehr war Akajew, der den USA im Oktober 2001 den Luftwaffenstützpunkt Manas zur Verfügung stellte, aus anderen Gründen in Ungnade gefallen: Er wandte sich Rußland, vor allem aber China zu. „Chinas wachsende wirtschaftliche Bindungen zum klammen Regime des früheren kirgisischen Präsidenten Askar Akajew waren der Hauptgrund, warum Washington beschloß, seinen einstigen Verbündeten Akajew nach fast einem Jahrzehnt Unterstützung loszuwerden. Im Juni 2001 unterzeichnete China gemeinsam mit Rußland, Usbekistan, Kasachstan, Tadschikistan und Kirgisistan die Deklaration zur Gründung der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Drei Tage später kündigte Peking einen großen Zuschuß an Kirgisistan für militärische Ausrüstung an“, schrieb der Publizist F. William Engdahl.
Doch die chinesisch-kirgisische militärische Zusammenarbeit hätte noch viel weiter gehen sollen, wie das „Wall Street Journal“ Ende Februar 2005 berichtete. Demnach habe es zwischen Peking und Bischkek Geheimverhandlungen über die Errichtung eines chinesischen Stützpunkts in Kirgisistan gegeben. Das wiederum rief die USA auf den Plan, die China als „einen Stachel in ihren expansionistischen strategischen Plänen“ betrachteten. Deshalb habe laut „Wall Street Journal“ die US-Sicht auf diese gefährliche Entwicklung folgendermaßen gelautet: „Angesichts der 1100 Kilometer langen Grenze zwischen Kirgisistan und China – und Washingtons bereits erheblichem Standbein in der Nähe von Usbekistan und Tadschikistan – wäre der Sturz der chinafreundlichen Regierung des in Ungnade gefallenen Präsidenten Askar Akajew kein unbedeutender Erfolg der Eindämmungspolitik.“
Darüber hinaus ist die zentralasiatische Republik bezüglich der Eindämmung Chinas für die USA aus noch einem Grund von Bedeutung: Jenseits der Grenze befindet sich die von den Uiguren, einem moslemischen Turkvolk, bewohnte chinesische Provinz Xinjiang. Washington hat die uigurische Exilbewegung unterwandert und mißbraucht sie für die eigenen Ziele. Fiele Kirgisistan unter US-Einfluß, dann böten sich Washington zweifelsfrei Möglichkeiten, um in Xinjiang Unruhen und Aufstände zu provozieren, insbesondere weil es aufgrund der geographischen Nähe wesentlich einfacher wäre, separatistische Kräfte in der westlichen Provinz Chinas zu unterstützen.
Darüber hinaus ist auch Akajews Entscheidung, der Wiederinbetriebnahme des russischen Luftwaffenstützpunkts in Kant im Jahr 2003 zuzustimmen, ein weiterer Grund, warum er in Washington in Ungnade fiel. Aber die Errichtung des russischen Stützpunkts war zu erwarten gewesen, weil Kirgisistan Mitglied des 2002 gegründeten und von Rußland kontrollierten Militärbündnisses Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) ist.
Die „Tulpenrevolution“ verlief für die USA erfolgreich, am 24. März 2005 trat Akajew zurück, und Übergangspräsident wurde Kurmanbek Bakijew. Doch die Zufriedenheit Washington mit Bakijew währte nur kurz, weil sich dieser als korrupt erwies und rasch autoritäre Tendenzen zeigte. So merkte Parag Khanna, ein ehemaliger Berater von US-Präsident Barack Obama, an: „Die USA unterstützten die Verbände der Kleingewerbetreibenden und der Medienfirmen, die Demonstranten mobilisierten, um gegen Akajew zu agitieren. Dieser floh nach Moskau, ließ jedoch die Tür offen für das Mafiaregime von Kurmanbek Bakijew.“
Mit einem Autokraten in Bischkek hätten die USA noch leben können, aber als Bakijew im Februar 2009 bei einem Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Dimitri Medwedew die Schließung des US-Luftwaffenstützpunkts Manas ankündigte, überspannte er den Bogen. Und als er dann auch noch die Zusammenarbeit mit China verstärken wollte, brachte er Washington endgültig gegen sich auf. Darüber hinaus brachte Bakijew auch noch das Kunststück zustande, es sich gleichzeitig mit Rußland zu verscherzen, indem er nach der zuvor angekündigten Schließung mit den USA über eine Fortführung des Luftwaffenstützpunkts Manas in Verhandlungen trat, wobei er eine Erhöhung der jährlichen Pacht von 17 Millionen Dollar auf 60 Millionen Dollar forderte. Die Obama-Regierung stimmte der Pachterhöhung zu, aber Rußland revanchierte sich, wie die „New York Times“ am 8. April 2010 berichtete: „In den vergangenen Monaten sind Bakijews Beziehungen zu Rußland zu Bruch gegangen, und die russische Regierung erhöhte die Energiepreise für Kirgisistan. Rußlands staatlich kontrollierte Medien, die weitgehend auch in Kirgisistan verfolgt werden, führten eine intensive Kampagne gegen Bakijew, stellten ihn als korrupten Diktator dar.“ Beobachter kamen zu dem Schluß, daß Rußland den USA bei der Durchführung eines Regimewechsels in Bischkek zuvorgekommen war.
Der Winter 2009/10 war in Kirgisistan von Versorgungsengpässen bei Energie geprägt, was die latente Unzufriedenheit der Bevölkerung gegen Bakijew und seine Vetternwirtschaft weiter verschärfte. Hinzu kamen im Süden des Landes Spannungen und gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und der usbekischen Minderheit. Am 6. April 2010 breiteten sich von der Hauptstadt Bischkek Demonstrationen, in denen der Rücktritt Bakijews gefordert wurde, aus. Dieser trat am 15. April zurück, und Übergangspräsidentin wurde Rosa Otunbajewa, eine ehemalige kirgisische Außenministerin und Botschafterin in Großbritannien und den Vereinigten Staaten.
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Die erwähnten Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und der usbekischen Minderheit ereigneten sich in den Städten Dschalalabad und Osch. Osch liegt am Rande des Fergana-Tals, eines rund 300 Kilometer langen und bis zu 110 Kilometer breiten Tals, das aber mit rund zehn Millionen Einwohnern sehr dicht besiedelt ist und wo seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 Grenzstreitigkeiten zwischen Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan bestehen. Grund dafür ist die willkürliche Grenzziehung zu Sowjetzeiten, die keine Rücksicht nahm auf die ethnischen Verhältnisse. Und die Grenzstreitigkeiten haben wiederum negative Folgen für Mensch und Wirtschaft. Konnten sich zu Sowjetzeiten Personen und Waren frei bewegen, stehen heute Grenzschließungen an der Tagesordnung. „The Diplomat“ berichtete Anfang September über einen Lokalaugenschein im Fergana-Tal: „Selbst wenn die Grenzen geöffnet sind, dauert die Überquerung der meisten Grenzen zwischen mehreren Stunden und mehreren Tagen. Pkw teilen sich oft die Fahrspur mit dem Güterverkehr.“ Im Juli d. J. hat die kirgisische Regierung einen Grenzübergang geöffnet, allerdings nur für Drittstaatsangehörige.
Zu allem Überfluß kommt noch hinzu, daß diese Region, wie es der Autor Bernhard Rode ausdrückt, „als Epizentrum islamistisch-fundamentalistischer Bestrebungen gilt“. In den Jahren 1999 und 2000 gab es im Fergana-Tal teils wochenlange Gefechte, nachdem islamistische Kämpfer aus Usbekistan auf kirgisisches Staatsgebiet vorgedrungen waren. Hierbei spielte die „Islamistische Bewegung Usbekistans“ eine große Rolle, die enge Beziehungen zu den afghanischen Taliban hatte und von diesen auch logistisch unterstützt und ausgebildet wurde.
Rund 80 Prozent der Einwohner Kirgisistans sind sunnitische Moslems, die meisten Anhänger der hanafitischen Schule. Darüber hinaus ist der kirgisische Islam stark von schamanistischen Traditionen beeinflußt. Der Verfassung zufolge ist Kirgisistan ein säkularer Staat, Artikel 4 verbietet ausdrücklich die „Gründung politischer Parteien auf religiöser oder ethnischer Grundlage sowie Verfolgung politischer Ziele durch religiöse Vereinigungen“ sowie die Aktivitäten politischer Parteien und religiöser Vereinigungen, wenn diese das Ziel verfolgen, religiösen Haß zu schüren.
Dennoch gewinnt seit der Unabhängigkeit Kirgisistans der politische Islam an Bedeutung, nicht zuletzt durch den Bau von Moscheen, die von Saudi-Arabien und der Türkei finanziert werden. In einem Bericht der ETH Zürich aus dem Jahr 2008 heißt es, „islamische Prinzipien scheinen ein zunehmend akzeptabler Bestandteil der Mainstream-Politik zu werden“. Und 2012 schrieb Peter Scholl-Latour, „schon gewinnt die Religion des Propheten Mohammed in diesem bislang nur oberflächlich islamisierten Territorium an Zulauf. Bedrohlich für die jetzigen Machthaber, die sich in bitteren Fehden gegenüberstehen, ist die Tatsache, dass es vor allem junge Kirgisen sind, die sich hier zum Freitagsgebet in Bischkek versammeln“. Die Staatsführung versucht, gegenzusteuern. 2016 versuchte die Regierung, Frauen davon abzubringen, islamische Kleidung zu tragen, und Präsident Almazbek Atambajew meinte, „Frauen in Miniröcken werden nicht zu Selbstmordattentätern“. Außerdem schlossen sich zahlreiche kirgisische Islamisten dem sogenannten Islamischen Staat an, was heute für Probleme sorgt. Am 7. September 2023 berichtete Radio Free Europe, „Kirgisistan steht vor Herausforderungen bei der Rückführung von Frauen und Kindern des Islamischen Staates aus syrischen Lagern“.
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Atambajew war im November 2011 zum Präsidenten gewählt worden und kündigte auch gleich nach seinem Amtsantritt die Schließung des US-Stützpunkts Manas für Mitte 2014 an. Überhaupt erwies sich Atambajew als treuer Parteigänger Moskaus, denn 2015 trat Kirgisistan der von Rußland dominierten Eurasischen Wirtschaftsunion bei, zudem wurde der russische Luftwaffenstützpunkt Kant ausgebaut.
2017 wurde Sooronbai Dscheenbekow Präsident. Drei Jahre später trat Dscheenbekow zurück, nachdem es nach der Parlamentswahl 2020 wegen Vorwürfen von Manipulation und Stimmenkauf zu landesweiten Protesten gekommen war. Aus der Präsidentenwahl am 10. Jänner 2021 ging dann Sadyr Dschaparow, ein Parteigänger Moskaus und Pekings, als klarer Sieger hervor. Kurz nach seinem Amtsantritt sagte Dschaparow: „Wir lebten mit Rußland 70 Jahre lang in der Sowjetunion zusammen. Nachdem die Union auseinanderbrach, sind wir seit 30 Jahren Verbündete.“ Wenig überraschend hatte Washington versucht, die Wahl Dschaparows zu verhindern, indem der damalige Übergangspremier diskreditiert wurde. Am 5. Dezember 2020 veröffentlichte die US-Botschaft in Bischkek eine Erklärung, in der Dschaparow in die Nähe des organisierten Verbrechens, und zwar eines „kriminellen Imperiums“, gerückt wurde.
Ende Dezember 2020 schrieb der politische Beobachter Vladimir Danilov im „New Eastern Outlook“ über die US-Einmischung in den kirgisischen Präsidentschaftswahlkampf: „Für Washington, das sich aktiv bemüht, Kirgisistan sein Urteil über die Zukunft dieses Landes aufzuzwingen, paßt die Kandidatur von Dschaparow jedoch überhaupt nicht. Aus diesem Grund haben das US-Außenministerium und seine Botschaft vor Ort in jüngster Zeit den Druck auf Kirgisistan erhöht. Medien und Nichtregierungsorganisationen, die die Vereinigten Staaten seit vielen Jahren sowohl in Kirgisistan als auch in der Region unterstützen, wurden von Washington aktiv an Bord geholt, um den Kampf gegen Dschaparow zu führen.“ Auch Danilov ist davon überzeugt, daß ein wichtiges Motiv der US-Einmischung die Wiedererlangung des Luftwaffenstützpunkts Manas sei.
Jedenfalls überrascht es nicht, dass es im Sommer 2023 für Washington ausreichend Gründe gab, an einem Regimewechsel in Bischkek zu arbeiten. Denn Kirgisistan weigert sich, dem Druck Washingtons nachzugeben. Dschaparow bezeichnete den Brief Menendez als „eine gängige Ausrede, um Druck auf Kirgisistan auszuüben und uns auf seine Seite zu ziehen“. Und weiter: „Aber das werden wir nicht zulassen. Wir sind ein unabhängiges Land. Wir werden uns weiterhin um gleichberechtigte Beziehungen zu allen Ländern bemühen.“ Und was den Ukrainekrieg betrifft, betonte Dschaparow die neutrale Haltung seines Landes, an der man festhalten wolle. Denn die Situation „wird sich in keine Richtung ändern, wenn wir unsere Position ändern. Es hängt nicht von uns ab.“
Was die Nichtteilnahme an den westlichen Sanktionen gegen Rußland betrifft, ist Kirgisistan standhafter als Kasachstan, der große Nachbar im Norden. So hat Astana dem Druck der USA bereits teilweise nachgegeben und hält sich teilweise an das westliche Sanktionsregime, was der geopolitische Analyst Andrew Korybko folgendermaßen kommentiert: „Im Gegensatz dazu weigert sich Kirgisistan, in die Fußstapfen Kasachstans zu treten, und setzt sich weiterhin dafür ein, den gegenseitigen Nutzen aus seiner strategischen Partnerschaft mit Rußland zu maximieren, was umso beeindruckender ist, wenn man bedenkt, daß es kleiner, weniger entwickelt und historisch instabiler ist als sein nördlicher Nachbar. Moskau schätzt diese Zurschaustellung von Souveränität und setzt aktiv Umgehungslösungen um, um den Handel mit Bischkek aufrechtzuerhalten, falls Astanas Einhaltung der westlichen Sanktionen dies am Ende behindert.“ Aber gerade diese „Zurschaustellung von Souveränität“ macht Kirgisistan zum Ziel für einen von den USA unterstützten Regimewechsel.
Doch den russisch-kirgisischen Beziehungen sind auch Grenzen gesetzt. Grund dafür ist, daß die Kirgisische Republik das Kirgisentum verstärkt in den Mittelpunkt der nationalen Identität des Landes rückt. Knapp zwei Drittel der rund sieben Millionen Einwohner dieser zentralasiatischen Republik sind Kirgisen, also Angehörige eines Turkvolks, das ab dem 10. Jahrhundert islamisiert wurde. Weitere wichtige ethnische Gruppen in Kirgisistan sind Usbeken und Russen, die 13,8 Prozent bzw. 12,5 Prozent der Bevölkerung stellen.
Die heutige Kirgisische Republik war einst Teil des Mongolenreichs Dschingis Khans, und später gehörte das Gebiet zu China und zum Khanat Kokand. In den 1860er und 1870er Jahren erfolgte dann die Kolonisierung durch Rußland. Die Kirgisen lehnten sich ebenso wie auch andere zentralasiatische Völker immer wieder gegen die neuen Herren auf, etwa 1916, als es zum „Urkun“, dem zentralasiatischen Aufstand, kam. Am 26. Oktober 2017 unterzeichnete der damalige Präsident Atambajew ein Dekret, das die Feierlichkeiten zur Oktoberrevolution am 7. November durch einen „Tag der Geschichte und des Gedenkens“ ersetzte. Im Dekret heißt es, „unser Volk mit seiner dreitausendjährigen Geschichte, das im 9. Jahrhundert das kirgisische Khanat gegründet hat, hat die Idee der Staatlichkeit über viele Jahrhunderte lang aufrechterhalten. […] Von Generation zu Generation ging dieser Traum weiter. […] Der Wille des Volks zu Freiheit und Unabhängigkeit war die Haupttriebfeder der Ereignisse von 1916. Die brutale Niederschlagung des Aufstands durch zaristische Strafbataillone, zahlreiche blutrünstige Vergeltungsmaßnahmen gegen Zivilisten und die erzwungene Verbannung in fremde Länder brachten das kirgisische Volk an den Rand der Auslöschung.“
Schätzungen zufolge wurden bei der Niederschlagung des Aufstands mindestens 40.000 Kirgisen getötet. Im August 2016 kam eine öffentliche Kommission in Kirgisistan zu dem Schluß, daß die Massenniederschlagung von 1916 als „Völkermord“ zu bezeichnen ist. Rußland hingegen verweist darauf, daß bei der damaligen Tragödie auch rund 3000 russische Siedler auf teils bestialische Art und Weise von Kirgisen getöteten wurden. Der russische Nationalist Anatoly Karlin etwa wirft Kirgisistan vor, „einen nationalen Mythos auf russischen Knochen aufzubauen“.
Welche Auswirkungen die russische Besatzung hatte, darüber gibt es unterschiedliche Berichte, Muhammad Ali Halaf aus dem Fergana-Tal, der 1898 eine Schar kirgisischer und kiptarischer Rebellen gegen russische Truppen geführt hatte, sagte dem Islamwissenschaftler Reinhard Schulze zufolge angeblich kurz vor seiner Hinrichtung: „Die Russen haben uns gut behandelt. Der Reichtum vermehrte sich überall. Die Muslime wurden reich, aber das alles haben wir teuer bezahlt, denn die Seele des Muslims verschwand. Der Körper freut sich, doch die Seele verdirbt.“
Historische Altlasten spielen heute im kirgisisch-russischen Verhältnis aber nur eine untergeordnete Rolle. Rußland, aber auch China wollen keine Veränderung des politischen Status quo in Bischkek, da in diesem Fall zu befürchten wäre, daß sich die USA in Zentralasien festsetzen könnten. Und die kirgisische Führung ist auf Rußland als Sicherheitsgaranten – siehe die Entsendung von OVKS-Truppen zur Niederschlagung der Unruhen im benachbarten Kasachstan Anfang 2022 – angewiesen.