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Daß wir auf dem Weg in eine DDR 2.0. seien, wird des öfteren in kritischen politischen Stellungnahmen verlautbart. Um derartige Vergleiche ziehen zu können, um Parallelen und Unterschiede zu erkennen, muß man aber einen genauen Blick auf das Vergleichsobjekt werfen. Einen solchen Blick lieferte Armin Thun, der 1989 unter dem frischen Eindruck der Fluchtbewegung aus der DDR seine Analyse „Entlassung aus der Lüge“ verfaßte, die in diesem Aufsatz in Grundzügen wiedergegeben werden soll.
Von Claus-M. Wolfschlag
Der 1954 in Halle geborene Thun ist der Sohn des DDR-Dissidenten Engelbert Thun, der als Lehrer entlassen und nahe Bitterfeld zur chemischen Industrie zwangsversetzt wurde. Nach dem Studium der Elektrotechnik an der TU Dresden stellte Armin Thun 1984 einen Ausreiseantrag, dem im August 1989 stattgegeben wurde.
Offiziell sollten laut DDR-Verfassung keine Nachteile aus dem Gebrauch der Meinungsfreiheit erwachsen, aber in der gesellschaftlichen Praxis gab es viele negative Konsequenzen, die Abweichende zu tragen hatten. Der Staat gab sich offiziell als tolerant, real aber führte er Oppositionelle an den „Rand der Gesellschaft“. Wer sich der Erziehung nach kommunistischen Vorgaben zu entziehen versuchte, wurde als sozialer Fremdkörper behandelt. Wurden also offiziell Selbstbestimmungsrecht und Demokratie propagiert, so galt derjenige rasch als Staatsfeind, der diese Werte für sich in Anspruch nahm.
Kritische Diskussionen innerhalb des Systems waren nur hinsichtlich der Symptome möglich, eine grundsätzliche Infragestellung war hingegen nicht erlaubt. Das läßt sich auf heutige Situationen übertragen, in denen sich Politiker „Bürgergesprächen“ stellen, wo dann zum Beispiel über die beste Form der Unterbringung von Einwanderern oder über den Abstand von Windkraftanlagen zur Wohnbebauung diskutiert werden kann, kaum aber die Möglichkeit besteht, die Flüchtlings- oder Energiepolitik der Regierung grundsätzlich in Frage zu stellen.
In der DDR wurden Bürgerbeschwerden, zum Beispiel über massive Umweltprobleme, von der Bürokratie geleugnet und zerredet. Dialogverfahren wurden in die Länge gezogen und liefen sich tot. Gerade aber die Umweltschutzbewegung sollte in den 1980er Jahren zu einer Keimzelle oppositioneller Gruppen unter dem Schutz der evangelischen Kirche werden. Informationen zur Umweltsituation wurden gesammelt, Baumpflanzaktionen durchgeführt, Infoblätter gedruckt. Letztere hatten aufgrund der Papierknappheit einen begrenzten Wirkungskreis, gaben den Aktivisten aber das Gefühl, nicht mehr isoliert, sondern Teil einer starken Gruppe zu sein.
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Spätestens seit den 1970er Jahren wurde die Repression in der DDR vom offenen Staatsterror durch Gewaltakte, Verhaftungen und Hinrichtungen hin zur subtilen psychischen Zersetzung verschoben. Die Entwicklung ging also zunehmend von der physischen zur psychischen Gewalt über. Dadurch wurde sie für viele Bürger aber auch unsichtbarer. Laut der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley zielten viele seit den 1970er Jahren angewandte Maßnahmen gegen potentielle Oppositionelle auf die „systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges auf der Grundlage miteinander verbundener wahrer, überprüfbarer und diskreditierender sowie unwahrer, glaubhafter, nicht widerlegbarer und damit ebenfalls diskreditierender Angaben“. Es wurde in der Stasi-Richtline 1/76 offen die „systematische Organisierung beruflicher und gesellschaftlicher Mißerfolge zur Untergrabung des Selbstvertrauens einzelner Personen“ verlautbart. Das beinhaltete das Säen von persönlichen Zweifeln, von Mißtrauen und Rivalitäten innerhalb der anvisierten Gruppen. Mit Schikanen, Drohungen und Überwachung sollten Zielpersonen verunsichert werden. Und die Überwachung war in der DDR-Logik notwendig, weil jeder Bürger ein potentielles Risiko in sich barg, das man nur durch allumfassende Informationssammlung zu kontrollieren sich in der Lage sah. Hierzu gehörten damals das Abhören des Telefons, das Lesen privater Post, Stuhlproben, Fingerabdrücke. Heute würden das Nutzungsverhalten im Internet, die Überwachung von WhatsApp-Chats oder die Kontrolle der bargeldlosen Einkäufe dazukommen. Und die Zerstörung des Leumunds ausgewählter Personen im Internet, zum Beispiel auf den Seiten der Wikipedia.
Bisweilen kam es auch zu offenem Psychoterror, etwa wenn Personen von Stasi-Mitarbeitern mit nächtlichen Anrufen terrorisiert oder mit ständigen falschen Handwerkerbestellungen belästigt wurden. Derlei „Spielchen“ obliegen unter heutigen bundesdeutschen Bedingungen „zivilgesellschaftlichen“ Akteuren, die nur noch indirekt staatlich finanziert werden.
In der DDR stand das Partikularinteresse der herrschenden kommunistischen Gruppe den Lebensinteressen des Volks in seiner Gesamtheit gegenüber. Um diese Spaltung nicht politisch relevant werden zu lassen, wurde das Volk permanenten Erziehungsmaßnahmen unterzogen. Eine Minderheit, die über alle Machtpositionen verfügte, erhob also einen Erziehungsanspruch auf die Mehrheit. Thun spricht von einer „Clique“, die für sich in Anspruch nahm, den „allgemeinen Willen“ zu repräsentieren. Die demokratische Verfaßtheit der Gesellschaft war somit pure Propaganda. Das Volk dient in totalitären Systemen der herrschenden Schicht nämlich als Vorzeigeobjekt, um den demokratischen Schein wahren zu können. Aus diesem Grund wurde es regelmäßig zu Bekenntnisritualen gezwungen, seien es die Umzüge zum 1. Mai oder Wahlen, bei denen es nichts zu wählen gab.
Die von oben verordnete Erziehung sollte eine „sozialistische Persönlichkeit“ erzeugen, deren „egoistischer“ Eigenwille abgestorben sein und der kompletten Identifikation mit der Staatsmacht Platz gemacht haben würde. Die machtpolitische Regel ist dabei sehr einfach: Je besser die Manipulation gelingt, umso weniger staatliche Gewalt ist vonnöten, um die Bürger gefügig zu halten. Je weniger Wirksamkeit die Manipulation zeigt, umso mehr staatliche Gewalt muß eingesetzt werden.
Frühzeitig wurde das widerspruchsfreie Schlucken der lebenslang verabreichten Dogmen eingeübt. Das begann in den Krippen und setzte sich in der gesamten Schullaufbahn fort. Vor allem die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer waren stark ideologisch überkrustet. Kindern wurde beigebracht, was sie zu antworten hatten, nach dem Motto: „Denke, was du willst, aber sage, was wir dir vorsprechen.“ Frühzeitig bildeten sich Menschen im Besitz zweier Meinungen heraus. Die Erziehung zur „sozialistischen Persönlichkeit“ war dabei nicht auf Kinder beschränkt, sondern wurde für Erwachsene auch in Universitäten, Betrieben und Familien fortgesetzt. Ein Abonnement der FDJ-Zeitung „Junge Welt“ war für Schüler eigentlich obligatorisch, zumal sich die FDJ-Führung anmaßte, für die „ganze junge Generation“ zu sprechen. Armin Thun schreibt: „Ein übriges erreichte man durch den ‚Zwang des Kollektivs‘. Wenn in einer Schulklasse sich alle Jungen bis auf einen oder zwei [militärisch] verpflichtet haben, und sie für die 100%-ige Bereitschaft der Klasse eine Prämie oder sonst irgendeinen Vorteil erhält, setzen Schüler dieser Klasse Außenseiter unter Druck. Der sozialistische Staat nennt das ‚Erziehung im Kollektiv‘.“ Vergleiche mit heutigen Schulaktionen bieten sich an. Um beispielsweise an der Aktion „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ teilnehmen zu können, müssen, laut Projektwebsite, sich „mindestens 70 Prozent aller Menschen, die in einer Schule lernen und arbeiten (Schüler*innen, Pädagog*innen und technisches Personal)“ zu aktiver Antidiskriminierung und regelmäßigen Projekttagen verpflichten. Zwar wird von einer „geheimen Abstimmung“ geschrieben, aber auch hier dürfte ein gewisser Druck zum Erreichen der notwendigen Quote ausgeübt werden.
Die ganze Gesellschaft der DDR fungierte somit als eine ständige Erziehungsinstitution. Eine spätere berufliche Karriere, sofern man in der DDR davon sprechen kann, wurde dabei von ideologischem Wohlverhalten abhängig gemacht. Die Manipulation des individuellen Willens wurde zwar nicht offiziell eingestanden, sie war aber notwendig zum Erhalt einer Ordnung, die mit dem „Menschen an sich“ nicht realisierbar war. Das Problem lag also tiefer als der angebliche „schlechte Einfluß des Westens“, gegen den eine gewisse Abschottung gereicht hätte. „Das Resultat ist ein seelischer Krüppel, der niemals mündig werden kann“, schlußfolgert Armin Thun.
Thun verweist darauf, daß sich die Sprache, die Bilder und generellen Denkmuster, die die offizielle Propaganda verbreitete, auch in den Köpfen derjenigen festsetzten, die tendenziell auf Distanz zu den Machthabenden standen. Die Verinnerlichung der Grundprinzipien und Ziele der Gesellschaft erfolgte dann nicht durch geistige Bejahung, sondern nur durch die ständige Wiederholung in der Propaganda, so daß es zur Ablagerung in den unterbewußten Schichten kam: „Denn selbst, wenn man das Gedankengut der Ideologie jahrelang nur aus Konzession für das persönliche Fortkommen nachbetet und glaubt, in Wahrheit eine ganz andere Meinung zu haben, so bemächtigt sich die Ideologie doch zu einem gewissen Teil des Denkens. Dafür dient schon allein die gemeinsam gepflegte Sprache. ‚Die Sprache denkt für dich‘, sagt Victor Klemperer. […] Ziemlich oft hört man die Äußerung Jugendlicher, zwar durchaus Kommunist zu sein, aber eben ein ‚parteiloser Kommunist‘, gewissermaßen abseits von der politischen Wirklichkeit der DDR. Das marxistische Gesetz der vermeintlichen Chronologie in der Reihenfolge der Gesellschaftssysteme ‚Kapitalismus – Imperialismus – Sozialismus – Kommunismus‘ wird allgemein anerkannt, ebenso wie ja diese Begriffe überhaupt. Viele assoziieren, wenn sie das Wort ‚Kapitalismus‘ hören, sofort den millionenschweren zigarrenrauchenden Fabrikbesitzer und ausgebeutete krummrückige Arbeiterheere. Selbst viele derer, die sich keineswegs zum Marxismus bekennen und weit davon entfernt sind, sich jemals als Kommunist zu bezeichnen, weil sie der Meinung sind, daß es sehr wohl andere Kriterien der Klassifizierung gesellschaftlicher Systeme gibt, denken in den Begriffen der marxistischen Ideologie. Es ist nicht zu übersehen, daß dies letztlich ein Erfolg der Manipulation in der Schulzeit ist, und wenn es der einzige wäre, den die Schule zu verzeichnen hätte.“
Ein Ergebnis dessen war in der DDR, daß etwa sechs Prozent der rekrutierten Informellen Mitarbeiter der Staatssicherheit minderjährige Schüler waren. Rekrutiert wurden vorzugsweise psychisch labile Jugendliche, die hinsichtlich ihrer Zukunftschancen unter Druck gesetzt wurden. Deren Aufgabe war neben der Meldung oppositioneller Äußerungen die Zersetzung in Jugendgruppen durch das Entfachen von Mißtrauen, Streit und Konkurrenzdenken. Zur Belohnung nahm die Stasi Einfluß auf die Notengebung von Lehrern.
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Scheinmanipulation
Dennoch entstand im Laufe der geschichtlichen Entwicklung der DDR eine zunehmende Diskrepanz zwischen dem erzieherischen Anspruch der DDR-Führung und dem tatsächlichen Effekt. Das Gros der Staatsbürger wurde nämlich zunehmend nur wenig von der Erziehung erfaßt.
Thun: „Das Übermaß an marxistischer Manipulation, kontrastiert durch die Kontrastierung gegenüber der westlichen Welt, hat zu einer nur scheinbar erfolgreichen Manipuliertheit geführt, die Pseudomanipuliertheit genannt werden kann. Bei dieser kommt es darauf an, die Manipuliertheit vorzutäuschen. Das Ergebnis ist im Grunde nicht mehr die sozialistische, sondern die ideologisch gespaltene Persönlichkeit. Nicht jene ist mehr gefragt, sondern der Heuchler in der roten Hülle, der Marx predigt, ansonsten aber ein westliches Auto fährt und im ‚Delikatladen‘ einkauft. Dieser höheren Form der Manipulation, nämlich der zum bewußten Doppelwesen, kann niemand mehr entrinnen, der nicht offen mit dem Staat bricht.“
Die Sätze ließen sich auf heutige Einwanderungsfreunde übertragen, die aber kein Flüchtlingsheim in ihrem Kiez haben wollen. Oder auf die kognitive Dissonanz bekennender Klimaschützer, die jedes Jahr Urlaubsfernreisen mit Langstreckenflügen buchen.
In dieser von vielen DDR-Bürgern durchaus erkannten, wenn auch nicht in Frage gestellten Situation entwickelte sich – laut Thun – das Phänomen der „Pseudomanipulation“. Den Staatsbürgern wurde das Verhalten auferlegt, den Anschein zu erwecken, als sei die Manipulation erfolgreich gewesen. Sie versuchten also die Intensität der Beeinflussung zu verringern und möglichen negativen Folgen zu entgehen, indem sie so taten, als seien sie konform. Das permanente Einhämmern der Ideologie führt also zu einer Wesensspaltung, somit zu einer bewußten Lüge, die Thun als „Lebenslüge“ bezeichnet. Auf die heutige Situation übertragen, wäre es so, als würden Lehrkräfte und Eltern beim Schulfest mithelfen, Transparente für „Vielfalt“ und „Buntheit“ aufzuhängen oder den „Klima-Workshop“ zu bespielen, obwohl sie den Themen in Wirklichkeit bestenfalls mit Desinteresse gegenüberstehen oder sich gar im privaten Kreis abfällig darüber äußern.
Thun: „Unter der Pseudomanipuliertheit verhält sich der Mensch so, als sei er erfolgreich manipuliert – also wohlerzogen –, um die weitere Beeinflussung in Grenzen zu halten und der Strafe zu entgehen, die droht, wenn sichtbar wird, daß die Manipulation – also die Erziehung – ihr Ziel verfehlt hat. Im Unterschied zur Kindeserziehung wird diese Art des Mitmachens nicht als Falschheit gewertet und auch nicht bestraft: Sie wird erwartet. Sowohl die Ideologen als auch ihre Opfer sind sich der Entartung der Manipulation bewußt.“
Das hatte somit Rückkopplungseffekte auf Seiten der Manipulateure, in deren eigenen Reihen längst eine Erosion ihrer Glaubensgrundsätze eingesetzt hatte: „Auf der Gegenseite versuchen die Handlanger der Ideologie gar nicht mehr ernsthaft, die Überzeugtheit der Opfer anzustreben. Ihre Erziehungshandlungen und Verkündungen sind selbst veräußerlichte Aktionen zur Rechtfertigung ihrer sozialen Stellung innerhalb der staatlichen Hierarchie. Insofern sind die Handlanger selbst immer auch Opfer. Daß es sowohl bei den Handlangern als auch bei den Opfern echte Manipulierte, ‚Ehrliche‘ also, gibt, verändert das gesamte Erscheinungsbild nicht. Geachtet wird nur noch auf das Bekenntnis. Solange dieses bereitwillig erbracht wird, hat die staatliche Macht keine Veranlassung, einzugreifen. […] So ist also der Erziehungsanspruch zum bloßen Schein geworden und hat sich gewandelt in den Anspruch, daß diesem Schein Genüge zu tun ist.“
Einige wollten sich ihren Seelenfrieden dadurch erhalten und möglicher Repression entgehen, daß sie versuchten, für „dümmlich“ oder „seltsam“ gehalten zu werden. Thun: „Als Lebensgrundlage ist dieses Prinzip denkbar ungeeignet. Es erzeugt Unbehagen und Hilflosigkeit, es verlangt die Revolte und verbietet sie. Es führt zusammen mit anderen Einflüssen zu ständiger Gereiztheit und zu Mißtrauen der Menschen untereinander, zu Mißmut, Zynismus und zu Gleichgültigkeit.“ Hinzu komme die Unmündigkeit: „Der typische DDR-Bürger ist stets geneigt, zu fragen, ob er auch darf, was er will. Ihm ist ständig unbewußt das Bedürfnis nach Erlaubnis für seine Handlungen durch eine Macht gegenwärtig, die über ihm schwebt. Er ist es gewöhnt, daß für ihn entschieden wird; für ihn wird auch gedacht und gesprochen. Von ihm wird nur noch die Erklärung verlangt, daß das ihm Vorgesprochene seine Gedanken, seine Überzeugungen seien.“ Thun bewertet die sozialistische Realität als ein Theater, „auf dessen Bühne jeder zum Spielen seiner Rolle genötigt wird“.
Schrittweise setzte sich bei denjenigen, die über die Konsequenz für ihr Leben nachdachten, die Erkenntnis durch, daß das System nicht reformierbar war. Am ehesten existierte der Glaube an eine Reformierbarkeit des sozialistischen Systems ausgerechnet bei Vertretern der Opposition. Noch in der Wendezeit meinten viele Bürgerrechtler, beim Aufbau eines „demokratischen Sozialismus“ und einer erneuerten DDR mitarbeiten zu können.
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Der moralische Verfall oben und die Scheinmanipulation unten haben einander bedingt. Thun verweist auf die Macht der Suggestion. So hätten während der kommunistischen Herrschaft auch Menschen in Bulgarien oder Innerasien geglaubt, in ihren Hütten ein tolles Leben in einem der fortschrittlichsten Länder zu leben. Doch die DDR zerstörte dieses Narrativ selbst, wenn auch aus eigener finanzieller Not. Der Staat konnte seine Abschottungspolitik nicht mehr aufrechterhalten. Indem er, um an westliche Devisen zu gelangen, die Intershops einrichtete, in denen Bürger, sofern ihnen der Zugang gelang, westlichen Wohlstand erahnen konnten, wurde das eigene Gefälle gegenüber den kapitalistischen Ländern plastisch erfahrbar. Die Staatsführung untergrub durch die offene Präsentation der Unterlegenheit des eigenen Systems somit das Propagandabild. Hinzu kam für die Bürger die anschauliche eigene Zweitklassigkeit durch die Konfrontation mit Westbesuchern, die mit ihren modernen Kraftfahrzeugen und Kleidern in die DDR reisten, sowie durch den Konsum von Westfernsehen.
Armin Thun beschreibt eine Szene in einem Arztwartezimmer, in der ein dreijähriges Kind seine Beinchen hebt und stolz zu einer fremden Frau sagt: „Ich habe Westschuhe an.“ Die Aussage beinhaltet schon die Wertschätzung und Überlegenheit westlicher Produkte vor den heimischen Erzeugnissen. Es kamen weitere Verfallsaspekte hinzu. Aufgrund der Planung von Arbeit fanden die wenigsten DDR-Bürger Platz in ihrem Wunschberuf. Die Möglichkeiten der Berufswahl waren stark eingeschränkt. Junge Menschen erhielten meist nur Zugang zu Tätigkeiten, die ihnen in Aussicht gestellt wurden. Die Bewilligung und Zuteilung von Studienplätzen erfolgte oft willkürlich, ein Zweitstudium war im Regelfall nicht möglich. Arbeiterkinder wurden gegenüber denen von Intellektuellen bevorzugt, es sei denn, die Kinder stammten direkt aus der Führungsschicht. Aufgrund des daraus resultierenden Frusts war häufig Gleichgültigkeit gegenüber dem späteren Berufsleben vorprogrammiert.
Oft wird von linker Seite dem westlichen Konsumsystem ein Ablenkungscharakter zugeschrieben. Durch Shopping, Lustbarkeiten, „Brot und Spiele“ würden die Menschen von der Beschäftigung mit der politischen Situation und dem Sturz der Verhältnisse abgehalten. In der DDR lief es anders. Hier hielt gerade die Mangelwirtschaft die Menschen in ständiger Bewegung und absorbierte dadurch viel oppositionelles Potential. Ständig waren die Menschen damit beschäftigt, Konsumprodukte auf komplizierten Wegen zu beschaffen, um sich materielle Wünsche erfüllen zu können. Sie mußten Genehmigungen einholen, Geschäfte mehrmals anfahren, sich in Schlangen anstellen, ins mit Waren besser versorgte Ost-Berlin reisen, Bekannte bitten. Und das, um beispielsweise ein Stück Rindfleisch oder Rauhfasertapete für das Wohnzimmer zu ergattern, das dann wie eine Trophäe nach Hause gebracht wurde. Dieser Aufwand hatte eine systemstabilisierende wie -schädigende Folge. Zum einen hatten die Bürger weniger Zeit zum Nachdenken über grundsätzliche Fragen. Die Kreativität wurde an das Profane gebunden. Auch diente die Selbsthilfe der Entlastung des Staats, denn Haussanierungen, Autoreparaturen, Gemüseanbau wurden der gesellschaftlichen Arbeitsteilung entzogen und dem „pfiffigen“ einzelnen übereignet. Durch die Notlage wurden also unbezahlte Arbeitskräfte gewonnen, die Fahrzeuge reparierten oder Bekannten bei Bauarbeiten halfen. Da eine Systemänderung nur durch einen Zusammenbruch zu erreichen war, dieser aber in den unabsehbaren privaten Konsequenzen gescheut wurde, stemmte sich ein Heer an privaten Schraubern und Bastlern diesem entgegen und zögerte ihn heraus. Zum anderen aber führte die zeitraubende Beschäftigung in der Freizeit zur Nachlässigkeit am Arbeitsplatz. Der Arbeitsalltag im Beruf diente also als Entspannungsphase, als reines Absitzen von Zeit, was die Desorganisation und Unproduktivität des Systems verstärkte. Ein zunehmender Teil der Bevölkerung trat in eine Art Privatstreik, worauf der Staat keine Antwort mehr wußte.
Je älter die DDR also wurde, umso nachlässiger wurden, laut Thun, die Menschen im Kaschieren der großen Lüge: „Die Farbe wird nur noch an die Wände geworfen, weil das so verlangt wird, keinen interessieren noch die Konturen, die dabei entstehen. Fast kommt es nur noch auf den Vorgang des Kaschierens an und nicht mehr seinen Erfolg. Das Ergebnis ist, daß sich immer mehr die wahre Beschaffenheit des Übertünchten durchsetzt: Die Umwelt ist ruiniert, der Militarismus blüht, die Menschenrechte sind hohle Phrasen, die Kultur liegt am Boden, die Menschen sind unzufrieden, pessimistisch, sie fühlen sich versklavt und gedemütigt. Sie hassen das Regime, und immer mehr von ihnen verweigern die Gesten des Bekenntnisses. Die Lüge des Sozialismus hat das Leben einer ganzen Gesellschaft ausgehöhlt. Wie der Schwamm im Gebälk eines Hauses hat sie sich ausgebreitet […]. Gegenmaßnahmen werden schwer geahndet, ebenso Hinweise auf die stockende Luft, die alle Räume füllt. Die Massen halten mit ausgestreckten Händen die Decken, stemmen sich gegen die reißenden Wände. Die Herren aber lassen Teppiche über das zerfressene Parkett legen. Sie zwingen das Volk zum Bestätigen ihrer Behauptung, daß dieses Haus das wohnlichste ist, das jemals erbaut worden ist.“
Eine ständige Ausreise aus ihrem Staatsgebiet sah die DDR nicht vor. Ausschließlich zeitlich beschränkte Ausreisen, zum Beispiel um Verwandte im Westen zu besuchen, wurden genehmigt. Nach dem Mauerbau 1961 war die DDR ein nach Westen weitgehend abgeschotteter Staat. Möglich war nur das illegale Verlassen des Landes, was den – sonst nur Sklavenhaltergesellschaften bekannten – Straftatbestand der „Republikflucht“ erfüllte.
Die DDR verpflichtete sich 1975 mit der Unterzeichnung der KSZE-Schlußakte in Helsinki, das Recht auf Freizügigkeit anzuerkennen. Doch wurde dieses in der Regel nur ökonomisch wenig verwertbaren Menschen, Rentnern und Invaliden, zugestanden. Da es keine Rechtsgrundlage dafür gab, war bereits das Stellen eines Ausreiseantrags gefährlich. Es galt als illegal und wurde bisweilen mit Haftstrafen beantwortet. Armin Thun datiert die Möglichkeit einer legalen Ausreise erst um das Jahr 1980. Für die DDR war es anfangs eine Möglichkeit, ein kleines, aber größer werdendes Milieu an potentiellen Unruhestiftern loszuwerden. Ab 1983 war ein deutlicher Anstieg der Antragsteller zu verzeichnen. Die „Zentrale Koordinierungsgruppe Bekämpfung von Flucht und Übersiedlung“ der Staatssicherheit vermerkte von 1977 bis Mitte 1989 rund 316.000 DDR-Bürger, die einen Erstantrag auf Ausreise stellten. Knapp 93.000 dieser Anträge wurden wieder zurückgenommen.
Der stete Exodus, der durch den Mauerbau 20 Jahre lang unterbunden worden war, nahm in den 1980er Jahren wieder Fahrt auf. Vor allem Intellektuelle und Handwerker als Opfer der Planwirtschaft bemühten sich um Ausreiseanträge.Die Gründe für den Wunsch nach einem Verlassen der DDR lagen neben der politischen Unfreiheit auch in der fehlenden Freiheit der Berufswahl sowie dem tristen Alltag, der fast ausschließlich dem Lebenserhalt in zugewiesenen Wohnräumen diente. Ein „lebendiges“ Leben wurde nicht zugelassen, da es von den Machthabern als eine Gefahr für den Bestand der Gesellschaft gewertet wurde. So entstanden Biographien ohne große persönliche Zukunftsträume.
In dieser Situation der Einsicht in die Nichtreformierbarkeit des Systems wurde die Ausreise zum einzigen Hoffnungspunkt. Der Ausreiseantrag wurde dabei im Bewußtsein gestellt, daß er mit einem Verlust verbunden war. Der Hoffnung auf Verbesserung der Lebensumstände stand nämlich das Opfer entgegen: Verwandte, Besitz, Freunde, Heimat mußten zurückgelassen werden. Gerade familiäre Gründe ließen viele Bürger von einem Ausreiseantrag absehen. Zudem wurden Antragsteller sozial möglichst isoliert. Zugleich war der Antragsteller aber für die ihn heimlich bewundernden Bürger ein Funken der Hoffnung darauf, daß es doch eine Möglichkeit der Veränderung geben könnte, einen Ausbruch aus der Scheinwelt.
Die DDR-Führung, aber auch die Westmedien, versuchten der Ausreisewelle durch Informationsdrosselung Herr zu werden. Auch im Westen bestand schließlich kein Interesse an einer ausufernden Zuwanderung von DDR-Bürgern. In der Propaganda der DDR wurde berichtet, daß in den Westen Ausgereiste wieder zurück in die DDR wollten, ohne daß zuvor von Ausreisenden berichtet worden wäre. Mögliche Kontrollverluste sollten durch die staatliche Repression in Gestalt der Staatssicherheit vermieden werden. Die zunehmende Unzufriedenheit führte zu Nervosität bei der herrschenden Clique. So stürzten sich beispielsweise 1988 bei der 1.-Mai-Parade mehrere Stasi-Angehörige auf einen 16jährigen, weil dieser ein eigentlich unverfängliches, von seiner Schule genehmigtes, aber als Provokation interpretierbares Transparent mit einem marxistischen Spruch trug.
Vor allem aus Imagegründen zeigte die Staatsmacht, der die sowjetische Unterstützung entzogen worden war, aber 1989 nicht ihre Zähne, sondern gab nach. Ausreisen wurden erlaubt, auch in der Hoffnung, damit das Potential an Störenfrieden zu verkleinern. Der Staat handelte also in seinem eigenen Interesse bzw. dem der herrschenden Oberschicht. Doch das Zurückweichen der Einheitssozialisten fachte die Proteste nur noch an.
Armin Thun widerspricht der These, daß der Auslöser der Ausreisewelle und des Falls der Mauer 1989 die Konsumgier gewesen sei. Dafür war seiner Auffassung nach das damit verbundene Risiko zu groß. Auslöser waren vielmehr jene, denen es unerträglich geworden war, noch länger ihr Leben in der Lüge verbringen zu müssen. Die Fluchtbewegung hätte, laut Thun, der DDR zudem weit mehr geschadet und dadurch ihr Ende herbeigeführt als sämtliche Arbeit der kleinen Bürgerrechtsgruppen unter kirchlichem Schutz. Von einigen linken Intellektuellen abgesehen, wäre den meisten Bürgern klar gewesen, daß ein Ende der Mauer auch das Ende der DDR bedeutete.
Am 9. November 1989 wankte das Regime, und die Massen begannen, frei nach Westen zu strömen. Die Mauer hatte den Zusammenbruch der DDR nicht beliebig lange aufhalten können. Zurück zur Gegenwart: Allein 2022 sind 286.167 deutsche Staatsangehörige aus dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland ausgewandert. Meist sind es gut qualifizierte Personen, die das Staatsgebiet verlassen. Dieser Trend besteht seit fast 20 Jahren. Häufig wird die im internationalen Vergleich schlechte wirtschaftliche Entwicklung als Grund angeführt. Weitergehende Unzufriedenheiten mit der politischen oder kulturellen Situation werden in der Regel nicht erfaßt. Vergleiche können hinken. Doch es bleibt zu beobachten, wohin dieser Trend gesamtgesellschaftlich noch führt.