Archiv > Jahrgang 2023 > AL III/2023 > USA: Die Entzauberung der Demokratie 

USA: Die Entzauberung der Demokratie

Alabamas Gouverneur George Wallace war einer der prominentesten Feinde Martin Luther Kings, ein glühender Verfechter „weißer Oberherrschaft“ sowie der Rassentrennung – und ein großer Förderer von Joseph Biden.
Martin Luther King setzte auf Gleichbehandlung aller, unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht. Kurz vor seiner Ermordung sagte er: „Wir sollen erst dann zufrieden sein, wenn […] niemand mehr ‚Alle Macht den Weißen? […] und niemand mehr ‚Alle Macht den Schwarzen? fordert, sondern wenn alle von der Macht Gottes […] sprechen.“

Systemischer Rassismus als Herrschaftstradition

Am 3. Juli 2020 sagte Donald Trump am Mount Rushmore in South Dakota: „In unseren Schulen, unseren Redaktionen, sogar unseren Vorstandsetagen herrscht ein neuer, weit linker Faschismus, der absolute Treue einfordert. Wenn du nicht seine Sprache sprichst, seine Rituale mitmachst, seine Mantras aufsagst und Gebote befolgst, wirst du zensiert, gebannt, landest auf schwarzen Listen […]. Unsere Nation wird Zeuge einer erbarmungslosen Kampagne, die darauf abzielt, unsere Geschichte umzuschreiben, unsere Helden zu diffamieren, unsere Werte auszulöschen und unsere Kinder zu indoktrinieren. Wütende Mobs versuchen, die Statuen unserer Gründer niederzureißen, unsere heiligsten Denkmäler zu schänden und eine Welle von Gewaltverbrechen in unseren Städten loszutreten.“

Von Christoph Ernst

Wer damals nicht nur den „Spiegel“ las, hätte meinen können, daß er nicht ganz falsch lag. Der „Angriff auf die amerikanische Demokratie“ fand nicht erst am 6. Januar 2021 statt, als einige seiner frustrierten Anhänger das US-Kapitol stürmten. Er tobte seit Jahren an Universitäten, in den Medien und Institutionen, und schwappte nach George Floyds Tod auf die Straßen. In zig Städten wurden Denkmäler gestürzt, Polizeistationen abgefackelt und ganze Viertel geplündert. Doch „Foreign Policy“ titelte: „Trumps Mount-Rushmore-Rede ist seine bisher größte Annäherung an den Faschismus.“ Für die „New York Times“ wollte er eine „spalterische Kulturkriegsnachricht loswerden“. Inhaltlich ging sie gar nicht auf ihn ein, sondern warf dem Präsidenten vor, sich nicht genügend um die Pandemie zu kümmern. CNN versprach mit „Die 28 empörendsten Zeilen aus Trumps Mount-Rushmore-Rede“ mehr, aber lieferte nur den Unmut einer blondgetönten „Person of Color“, die Trump vorwarf, „absolut unfähig“ und „unglaublich narzißtisch“ zu sein, was auch sie mit COVID begründete, wobei sie unterschlug, daß die meisten Opfer dort zu beklagen waren, wo die US-Demokraten die Pandemie verwaltet hatten.

Das mediale Geheul hatte nichts mit neutraler Berichterstattung zu tun. Aber neutral wird in den USA schon lange nicht mehr berichtet. Die meisten Nachrichtensender und Zeitungen stehen fest auf Seiten der Demokraten. Barack Obama ist ihr Held. Trumps Wahl war eine tiefe Kränkung, die sie weder ihm noch den Republikanern je verzeihen können. Auch ich war 2008 tief bewegt, als Weiße und Schwarze nachts zusammen Obamas Sieg feierten. Mitten in Harlem, wo ich 25 Jahre zuvor tagsüber um mich und mein Fahrrad hatte zittern müssen.

Nur erwies sich Obama als Flop. Europa brockte er Merkels „Migrationskrise“ ein. Putin ebnete er den Weg auf die Krim. Den Mullahs schenkte er Zugriff auf die Bombe. Doch am Schwersten dürfte wiegen, daß er das Erbe der Bürgerrechtsbewegung verriet. Mit der zweiten Amtszeit begann er, an einer Allianz aus „Progressiven“ und Minderheiten zu stricken, die es den Demokraten ermöglichen sollte, Wahlen auch ohne weiße Arbeiter zu gewinnen. Dafür umgarnte er radikale Linke und setzte auf Identitätspolitik. Hatte er 2004 noch die Werte der Republik besungen, beschuldigte er nun die Polizei „rassistischer Exzesse“. So verprellte er traditionelle Liberale und Gewerkschaftler. Zugleich drängte er Arbeiter ins Abseits. Die wählten seit Jahrzehnten demokratisch und litten in den alten Industriezentren massiv unter dem Strukturwandel. Obama ignorierte ihre Not. Er folgte dem Trend, den Richard Rorty bereits Ende der 1990er kritisiert hatte, als er den Demokraten vorwarf, ihre Stammwähler im Regen stehenzulassen und sich nur noch um Minoritäten zu kümmern.
Während meine Begeisterung verflog, blieben die meisten Medien im Heldenmodus. Trumps Präsidentschaft war für sie der Absturz aus den Höhen des Olymps in den Rachen des Hades. Daß sie sich den durch Indolenz selbst hart erarbeitet hatten, sparten sie aus. Tatsächlich war er die Quittung für ihre Verachtung der „Normalos“ außerhalb der Metropolen und die Antwort all derer, die Hillary Clinton Vertreter des „alten weißen Amerika“ genannt und ins „Körbchen der Erbärmlichen“ geworfen hatte.

Sprecher des eher riesenhaften Korbs wurde der Parvenü aus der Baubranche. Der traf die Tonlage bei Gerüstbauern und Truckern, entschuldigte sich nie dafür, ein alter weißer Mann zu sein, pfiff auf Fettnäpfe und Tabus, aber markierte bei Schwarzen auch nicht gönnerhaft den Kumpel wie Joe Biden. Er wirkte echter als die glatte Clinton und „stahl“ ihr den Sieg. Obendrein beschränkte er die Massenzuwanderung, kurbelte die Wirtschaft an und holte Jobs zurück in den desolaten Rostgürtel. So hielt er, was der edle Obama immer nur versprochen hatte. Erstmals seit 30 Jahren hatten Arbeiter wieder mehr Geld in der Tasche, übrigens auch schwarze Arbeiter, und viele trugen T-Shirts, auf denen „Proud to be deplorable“ stand. Dafür haßte ihn das Establishment. Vier Jahre lang rannte es gegen den orangen Rüpel an. Die gesamte „woke“ Intelligenz, der Kulturbetrieb, Hollywood, Netflix, Amazon und Silicon Valley. In ihrem Haß auf Trump waren sich alle einig. An ihm tobten deutsche Journalisten das aus, was sie sich bei Angela Merkel verkniffen. Bis heute ist er der Bodensatz des Abschaums, und seine Wähler sind waffengeile, rassistische Hinterwäldler.
Niemand muß Trump mögen, aber die Schlagseite stört mich. Denn ich habe mal eine Weile unter den Rednecks gelebt, in Tulsa, Oklahoma, wo ich auf einer einstigen schwarzen Traditionsschule nach Jahrzehnten der Rassentrennung zum ersten Jahrgang hellhäutiger Kids gehörte, die dort nun auch ihren Abschluß machen durften.

Nur 13 % der 327 Millionen US-Bürger sind schwarz. Aber sie begehen die Hälfte aller Morde und knapp zwei Drittel aller Raubüberfälle. Da Tötungsdelikte überwiegend innerhalb derselben Ethnie stattfinden, erklärt dies auch die horrende Zahl schwarzer Mordopfer. Auch ist die tragende Grundthese der „BLM“-Bewegung falsch: Anteilig sterben mehr unbewaffnete Weiße durch Polizisten als Schwarze. – Ausriss aus „Abendland“ II/2021

Kurz nach seiner Vereidigung malte Joseph Biden das Gespenst eines rechten Putsches an die Wand. „Weiße Suprematisten“ seien die „größte innere Terrorgefahr“. Die Bedrohung sei „komplex, weitverbreitet und real“. Das bezog sich auf den 6. Januar. Biden bediente den Drang der Parteilinken, sämtliche Republikaner für die Ereignisse in Sippenhaft zu nehmen. Doch der geplanten inneren Aussöhnung war das wenig zuträglich, denn so stampfte er eben mal 73 Millionen Rassisten aus dem Boden.

Ähnlich pikant war seine Wortwahl. „Weiße Vorherrschaft“ verweist auf die Ära, in der Nichtweiße Bürger vierter Klasse waren. Früher jedoch hatte Biden selbst gern damit angegeben, daß ihn Alabamas Gouverneur George Wallace „einen der herausragenden jungen Politiker in Amerika“ nannte. Wallace amtierte viermal. Bis 1987. Er war einer der prominentesten Feinde Martin Luther Kings. Als glühender Verfechter „weißer Oberherrschaft“ verbeugte er sich vor dem Andenken des Südstaatenpräsidenten Jefferson Davis und verkündete: „Im Namen der großartigsten Menschen, die je das Antlitz der Erde berührt haben, ziehe ich die Linie im Staub und werfe den Fehdehandschuh vor die Füße der Tyrannei, und sage: Segregation jetzt, Segregation morgen, Segregation für immer!“ Damals bedankte sich Biden bei Wallace mit Wahlkampfauftritten, wo er dessen Fans versicherte, die Leute aus seinem Heimatstaat hätten im Bürgerkrieg auch heimlich auf Seiten des Südens gestanden. Heute plappert er ständig von „systemischem Rassismus“ und jubelt ihn den Republikanern unter. Nichts könnte falscher sein. Denn die gründeten sich mit dem Ziel, die Sklaverei abzuschaffen. Abraham Lincoln wurde ermordet, weil er das Wahlrecht für Schwarze gefordert hatte.

Staatlicher Rassismus geht auf die Demokraten zurück, die Partei des Indianerhassers Andrew Jackson, den Wahlverein der einstigen Sklavenhalter und Großgrundbesitzer. Die sorgten nach dem verlorenen Krieg im alten Süden mit Geld, Gewalt und Gesetzen dafür, daß Freedmen wieder entrechtet wurden. Sie knöpften ihnen das Wahlrecht ab und trennten sie räumlich von den Weißen. Indem sie Arme gegen Ärmere ausspielten, sicherten sie die Macht der alten Feudaleliten und sich selbst die absolute Vorherrschaft von Maryland bis Texas. Ihr System hieß verniedlichend „Jim Crow“ und hielt bis die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es diente den Nazis als Blaupause für ihre Nürnberger Gesetze und den Buren als Modell für die Apartheid. Inzwischen dient die demokratische Partei dem neuen Geldadel der Jeff Bezos, Bill Gates und Mark Zuckerberg. Die „New York Times“ erfindet für sie ein „1619 Project“ und dichtet die nationale Geschichte um. Gesinnungsathleten brummen dem Publikum „Diversity, Identity and Equity“ auf. Doch da die Vorzeichen des postmodernen „Rassebewußtseins“ um  180 Grad verdreht sind, fällt kaum jemandem auf, was es verschleiert und wie es Weiße und Schwarze gleichermaßen einseift. Darum glauben viele, daß Michelle Obama, Oprah Winfrey und Meghan Markle Opfer von systemischem Rassismus seien, während der blasse, PTBS-geplagte Afghanistanveteran, der als Obdachloser in einem fahruntauglichen Honda Civic haust, „weißes Privileg“ genieße.

Der brillante Thomas Sowell, den bei uns kaum einer kennt, weil er zu scharfsinnig für weiße Linke ist, sagte mal: „Wenn Sie immer geglaubt haben, daß jeder nach den gleichen Regeln spielen und nach den gleichen Maßstäben beurteilt werden sollte, hätte man Sie vor 50 Jahren als Radikalen abgestempelt, vor 25 Jahren für liberal gehalten und sieht Sie heute als Rassisten.“

Das deutet an, welcher Umkehrschub hier stattfindet. Kings Ideale sind verpönt. Individuelle Freiheit und farbenblinde Chancengleichheit gelten als reaktionär. Es herrscht wieder eine Denkweise, die Leute nach Hautfarben sortiert, so wie in der bösen alten Zeit, als damit ein Drittel des Landes arm, dumm und fügsam gehalten wurde. Und wieder sind die Zeremonienmeister dieselben.

Der Publizist Ben Shapiro fragte: „Was wäre, wenn die größte autoritäre Gefahr für Amerika nicht von den bösen Verschwörungstheoretikern, Schwachköpfen und Kriminellen ausginge, die das Kapitol stürmten“, sondern „in Wirklichkeit von einer Herrscherklasse, die die Werte von halb Amerika verachtet, und von den Institutionen, die diese Klasse kontrolliert?“. © WikiMedia Commons / Gage Skidmore (CC BY-SA 3.0)
Arthur M. Schlesinger verglich schon 1991 den Zerfall Jugoslawiens und die exzessive Identitätspolitik in den USA: Multikulturalismus stifte keine bunte Brüderlichkeit, sondern Streit. Darum sei der „Ethnokult“, der künstlich Eigenarten und Befindlichkeiten hervorhebe, extrem gefährlich. Eine demokratische Gesellschaft brauche gemeinsame Ideale, gemeinsame Institutionen und das Bewußtseins eines gemeinsamen Schicksals.

King bekam die Knute legal verbrämter Gruppenmoral selbst zu spüren. Darum setzte er auf die Gleichbehandlung aller, unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht. Das unterscheidet ihn von den Propheten der „kritischen Rassentheorie“. Die machen Melanin zum ethischen Maßstab, erklären „Gender“ zum Makel, begraben die Gleichheit vorm Gesetz und verhängen nachträglich Sippenhaft für ganze Kollektive. King hätte das nie geduldet, weil er ein Leben lang unter einer solchen Ideologie gelitten hatte. Noch kurz vor seiner Ermordung sagte er: „Wir sollen erst dann zufrieden sein, wenn […] niemand mehr ‚Alle Macht den Weißen!‘ […] und niemand mehr ‚Alle Macht den Schwarzen!‘ fordert, sondern wenn alle von der Macht Gottes und unserer Macht als Menschen sprechen.“
Doch er war auch Realist. Als er sagte, man dürfe sich von niemandem so tief hinabziehen lassen, daß man ihn hasse, ging es ihm nicht nur um seine Würde als Mensch und Christ, sondern ums Absichern des Erreichten. Wollten Schwarze frei unter Weißen leben, mußten sie ihren Zorn begraben. Beide Seiten waren dazu verdammt, miteinander auszukommen. Gaben sie ihren Ressentiments nach, verspielten sie die Chance. Darum wies King immer wieder auf ihre Gemeinsamkeit hin: „Wir mögen auf verschiedenen Schiffen gekommen sein, aber nun sitzen wir in einem Boot.“

Ein halbes Jahrhundert später zückte „Black Lives Matter“ (BLM) dann das, was Shelby Steele die „Rassenkarte“ nennt. Alicia Garza klagte die „tödliche Unterdrückung“ an, die „Schwarze grundlegender Menschenrechte“ beraube und „schwarze Leben systematisch und absichtlich zum Untergang“ verurteile. Weiße Polizisten machten gezielt Jagd auf Schwarze. Sie verübten einen „Genozid“. Nach George Floyds Tod empörten sich mit ihr Abertausende. Weltweit. Tatsächlich starben 2020 bei Polizeieinsätzen in den USA 25 unbewaffnete Schwarze, zumeist weil sie sich widersetzten oder Beamte angriffen. Landesweit jedoch kamen weit mehr Schwarze durch fremde Gewalt um, nämlich 9913. Über die Hälfte der Opfer war männlich und jünger als 25. Doch fast immer starben sie durch gleichaltrige Schwarze. Tötungsdelikte finden überwiegend innerhalb derselben Ethnie statt. Nur 13 Prozent der  327 Millionen US-Bürger sind schwarz. Aber sie begehen die Hälfte aller Morde und knapp zwei Drittel aller Raubüberfälle. Das erklärt die horrende Zahl schwarzer Mordopfer.

Blendet man die körperlichen und seelischen Verkrüppelungen aus, so kostete der Krieg in den Ghettos alle 50 Minuten ein Leben. Aber systemisch rassistisch daran ist höchstens eine Sozialpolitik, die über die letzten Jahrzehnte dafür gesorgt hat, daß mittlerweile fast vier Fünftel aller schwarzen Jugendlichen ohne Vater aufwachsen und immer schlechtere Schulen besuchen müssen. Bildungsmangel und kaputte Familien produzieren Armut, Kriminalität und sozialen Verfall. Farbunabhängig. Überall. Weiß man zudem, daß anteilig mehr unbewaffnete Weiße durch Polizisten sterben als Schwarze, fällt das Narrativ rassistischer Polizeigewalt in sich zusammen wie ein Soufflé. Erst wenn man liest, daß BLM allein 2020 über 90 Millionen Dollar an Spenden generiert hat, ergibt die Sache Sinn.

BLM lebt vom Trauma des institutionellen Rassismus. Der ist zwar längst Geschichte, aber wirkt wie ein Pawlowscher Reflex. Er löst Furcht, Haß und Schuldgefühle aus. Die kann man politisch hervorragend melken. Das lenkt vom Versagen staatlicher Sozialpolitik ab und hält die schwarzen Schäfchen bei der Stange, damit sie gar nicht erst auf die Idee kommen, die „demokratische Plantage“ zu verlassen. Deshalb profitiert auch die demokratische Partei von der Scharade und unterstützt BLM. Seit Barack Obama, dessen Chefberater in Rassenfragen, Al Sharpton, 2013 selbst half, BLM aus der Taufe zu heben. Sharpton zettelte in den 1990ern die blutigen Pogrome von Crown Heights an und agitierte gegen ein jüdisches Textilgeschäft in Harlem, bis ein „Aktivist“ es abfackelte und acht Menschen tötete. Obama nennt ihn „die Stimme der Stimmlosen und ein Champion für die Unterdrückten“.

Die Lichtgestalt hatte mit schwarzen Antisemiten nie ein Problem. Sein Pimpen der „Justice Democrats“ trug 2018 Früchte, als vier Frauen aus dem „sozialistischen Minderheitenspektrum“ in den Kongreß gelangten, die wegen ihres naßforschen Auftretens bald „der Kader“ hießen. Alexandria Ocasio-Cortez, Ilhan Omar, Ayanna Pressley und Rashida Tlaib fordern die Abwicklung der Polizei, das Ende der Sanktionen gegen Iran und ein „freies Palästina“, begeistern sich für „Boycott, Divestment and Sanctions“ und BLM. Wie das revisionistische „1619 Project“ wollen auch sie Wahlrecht und Verfassung ändern, den Supreme Court aufstocken und neue Bundesstaaten schaffen. Das würde den Demokraten dauerhaft die Mehrheit in Senat, Kongreß und Oberstem Gericht sichern. De facto wäre es die Neuauflage ihres alten Einparteiensystems, nun jedoch auf nationaler Ebene.

Der Publizist Ben Shapiro fragte kürzlich: „Was wäre, wenn die größte autoritäre Gefahr für Amerika nicht von den bösen Verschwörungstheoretikern, Schwachköpfen und Kriminellen ausginge, die das Kapitol stürmten“, sondern „in Wirklichkeit von einer Herrscherklasse, die die Werte von halb Amerika verachtet, und von den Institutionen, die diese Klasse kontrolliert?“
1991 erschien Arthur M. Schlesingers „Die Spaltung Amerikas. Überlegungen zu einer multikulturellen Gesellschaft“. Darin glich Schlesinger die Erosion Jugoslawiens mit den USA ab und warnte vor den Folgen exzessiver Identitätspolitik. Lebten Leute verschiedener Herkunft und Religion in einem Staat, bräuchten sie einende Werte, sonst trieben ethnische Differenzen sie auseinander. Multikulturalismus stifte keine bunte Brüderlichkeit, sondern Streit. Darum sei der „Ethno-Kult“, der künstlich Eigenarten und Befindlichkeiten hervorhebe, extrem gefährlich. Kurzfristig versehe er Minderheiten zwar mit Klageansprüchen, mittelfristig indes zerstöre er die Gemeinschaft. Eine demokratische Gesellschaft brauche gemeinsame Ideale, gemeinsame Institutionen und das Bewußtsein eines gemeinsamen Schicksals. Gruppenidentitäten gingen immer auf Kosten Schwä­cherer. Die Prämissen der Identitätspolitik ließen sich nur gewaltsam durchsetzen. Das, was die Linke einst als fröhliches Feiern von „Diversität“ begonnen habe, werde die Meinungsfreiheit ersticken und in ein grimmiges Ringen um Konformität ausarten.
Anfang der 1980er habe ich bei Schlesinger in New York studiert. Er trug stets teure, zweifarbige Hemden und Fliege, aber er tolerierte auch Positionen, die ihm nicht schmeckten, wie etwa meine damalige Begeisterung für Frantz Fanon. Lange her.

30 Jahre nach Schlesingers „Spaltung“ erschien Victor Davis Hansons „The Dying Citizen. How Progressive Elites, Tribalism, and Globalization Are Destroying the Idea of America“. Das skizziert, wie „linke“ Eliten durch Globalisierung, Tribalismus und Massenzuwanderung das Konzept des mündigen Bürgers zerstören. In der Geschichte der Menschheit sei Rechtsstaatlichkeit die große Ausnahme. Die USA hätten sich über 200 Jahre als bürgerliche Republik organisiert. Nun mache das wirtschaftliche Ausbluten der Mittelschicht mehr und mehr Amerikaner von der Regierung abhängig. Das verwandele sie in abhängige Mündel und gefügiges Stimmvieh. Gleichzeitig untergrabe identitätspolitische Propaganda ihr Selbstverständnis, löschten offene Grenzen ihre Zugehörigkeit zu einem festen Territorium aus und kastriere eine ausufernde Bürokratie ihre Gestaltungsräume. Hinzu kämen starke Impulse, die eigene Tradition abzuwerten, mittellose Zuwanderer einzubürgern und die Verfassung umzuschreiben. All das geschieht gerade auch bei uns. Hanson sieht in dem Bestreben, die freiheitlich organisierte Gesellschaft unabhängiger Individuen zu beseitigen, ein neofeudales Elitenprojekt.
Vor einigen Jahren schrieb Sahra Wagenknecht, daß etablierte Politik sich in linksliberale Werte hülle und das Image moralischer Integrität kultiviere. Faktisch jedoch seien „Weltoffenheit, Anti­rassismus und Minderheitenschutz nur ein ‚Wohlfühl-Label‘, um die Umverteilung […] zu kaschieren und ihren Nutznießern ein gutes Gewissen zu bereiten“. Das höhle das Vertrauen in die Demokratie aus. Diejenigen, die es zu Verlierern mache, deuteten emanzipatorische Werte bloß noch als Heuchelei. Richtig. Doch eventuell ist genau dieser Effekt ja gewollt.

Christopher Lasch stieß der inzestuöse Charakter selbst ernannter „Globalisten“ schon vor 1995 auf. In „Die blinde Elite. Macht ohne Verantwortung“ analysiert er postmoderne Intellektuelle unterschiedlichster Couleur. Sie alle eine, daß sie das Erbe der Aufklärung ausschlügen, Gruppen über Individuen stellten und die westliche Zivilisation als ein „System organisierter Vorherrschaft“ betrachteten, „dazu geschaffen, die Anpassung an bourgeoise Werte zu erzwingen und die Opfer patriarchaler Unterdrückung […] in einem Zustand permanenter Unterwerfung zu halten“.
Lasch beschreibt den Ausstieg der Begüterten aus der demokratischen Gesellschaft. Anders als früher lebten sie nicht mehr in derselben Welt wie der große Rest. Die Mobilität ihres Kapitals habe sie entwurzelt und ihre kulturelle Verbundenheit aufgelöst. Als „kosmopolitische“ Elite legten sie viele Laster der alten Aristokratie an den Tag, ohne die „Verpflichtungen zu übernehmen, die die Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen normalerweise mit sich bringt“. Vernetzt in eine globale Arbeits-, Freizeit- und Informationswelt, lasse sie der nationale Niedergang kalt. Statt das Allgemeinwohl zu fördern, verschönerten sie ihre umzäunten Enklaven. Trotzdem kontrollierten sie weiterhin die Kapital- und Informationsströme, dominierten Stiftungen und Hochschulen, Medien und kulturelle Produktion. Sie gäben vor, was öffentliche Diskurse bestimme, doch da die nur noch um das kreisten, was sie selbst bewege, verlören sie den Bezug zu den Nöten normaler Leute.

Das Verarmen der Meinungsvielfalt kommt nicht von ungefähr. In dem 2021 erschienenen „Bad News. How Woke Media Is Undermining Democracy“ schildert die Journalistin Batya Ungar-Sargon, wie sich das Wesen der US-Medien gewandelt habe. Früher sei Reporter ein Beruf gewesen, der jedem Begabten offenstand, weder sonderlich prestigeträchtig noch gut bezahlt. Über die letzten Jahrzehnte habe das Handwerk eine „Statusrevolution“ erfahren. Es sei nun ein elitärer Broterwerb. Journalisten kämen aus der oberen Mittelschicht und hätten akademische Abschlüsse. Sie verdienten weit mehr als ihre klassischen Kollegen, aber erst, nachdem ihre Eltern sie durchs College gehievt hätten. Wer kein Geld mitbringe, habe kaum Chancen, im Gewerbe noch Fuß zu fassen. Kollegen aus „kleinen Verhältnissen“ müsse man mit der Lupe suchen.
Schreiben überwiegend weiße Laptop-Intellektuelle für überwiegend weiße Begüterte, bleibt der Lebenshorizont derer, die das Funktionieren des analogen Alltags bewerkstelligen, überwiegend abstrakt. Wer um vier Uhr früh auf den Beinen sein muß, um Kühe zu melken, Tanklaster bewegt, die Milch in Molkereien schafft, gegen Mindestlohn Burger brät oder als Dispatcher bei Amazon die Wahl zwischen Nierenschaden und Plastikflasche hat, weil Pinkelpausen während der Schicht untersagt sind, taucht dort nicht mehr auf.

Intellektuelle Städter an den Küsten verband noch nie viel mit Stahlkochern aus Ohio und Bergleuten in West Virginia, aber durch Judith Butler gestählte Genderforscherinnen finden die Ölindustrie toxisch und Zuwanderungsbegrenzung inhuman, obwohl die meisten Schwarzen sich genau das wünschen, weil sie im Billiglohnsektor laufend durch „Illegale“ unterboten werden. Bauern aus Iowa oder Kansas, die sonntags zur Kirche gehen, sich Fähnchen in die Vorgärten hängen oder Aufkleber mit „Unterstützt unsere Truppen“ spazierenfahren, weil ihr Sohn drei „Touren“ im Irak hinter sich hat, lassen sie zusammenzucken und an Abu Ghraib denken. Die provinziellen, patriotischen USA, die sich über einen Großteil des Kontinents erstrecken, den Teil, den sie nie zu Gesicht bekommen und abschätzig Flyover states nennen, sind ihnen fremd. Aber während sie die Leute dort früher in Frieden ließen, weil sie noch wußten, daß Computer kein Brot backen, erklären sie sie jetzt für bigott, beschränkt und gewaltverliebt.

2016 war die Reaktion auf diese brüllende Arroganz. Doch da nicht sein kann, was nicht sein darf, muß das Symptom als Ursache herhalten, und leider war Trump stets so eitel, dem Mythos Nahrung zu geben. Sonst wäre längst klar, daß der innere Bruch nicht von reaktionären Weißen ausgeht, sondern das Werk einer gut organisierten, extrem bornierten Minderheit ist, die die Kultur und Lebensweise der Durchschnittamerikaner ablehnt und sie zu zerstören sucht. Das Vehikel dafür ist „woke“ Identitätspolitik. Die polarisiert die Bevölkerung durch „moralische Panik“ zu Themen wie Rasse, Klima, Diversität, Transgender und Neusprech. Das verschafft den neuen Feudaleliten und Oligarchen nicht nur ein gutes Gewissen, es rechtfertigt auch ihren Ausstieg aus einem modernen Menschenbild. Erweisen die stumpfen Massen sich als unbelehrbar, brauchen sie sich nicht mehr um sie zu kümmern. Der Niedergang der alten Industrien, der Absturz der Mittelschicht, die Inflation, der Verfall der Städte, die Kriminalität und die Alltagswillkür sind nicht mehr ihr Bahnhof.
2006 sagte Warren Buffett der „New York Times“, es herrsche ein Klassenkrieg, schon richtig. Aber es sei seine Klasse, die der Reichen, die diesen Krieg führe und ihn gewänne. Nur geht es hier, fürchte ich, um mehr als einen Krieg der Klassen. Wir erleben da die Beerdigung einer historisch einigermaßen einzigartigen Zivilisation.

 

Der Artikel wurde bereits in der Zeitschrift „Tumult“ (Frühjahr 2023) abgedruckt. Wir bedanken uns für die Bereitstellung.

Der Oberste Gerichtshof (Supreme Court) der USA (drei der neun auf Lebenszeit bestellten Höchstrichter wurden von Donald Trump ernannt) hat mit 6:3 Stimmen die „Affirmative Action“ für unrechtmäßig erklärt. Durch die nun verbotene „positive Diskriminierung“ sollten Angehörige (angeblich oder tatsächlich) benachteiligter Minderheiten bei der Vergabe von Studienplätzen bevorzugt werden. Kritiker warfen der „Affirmative Action“ vor, nichts anderes als Rassismus in einem neuen Gewand zu sein. Nicht zuletzt deswegen wurde sie im liberalen Kalifornien schon vor fast 30 Jahren verboten. Während Medien wie die „Neue Zürcher Zeitung“ oder „Die Welt“ neutral berichteten und darauf hinwiesen, daß die „positive Diskriminierung“ armen Afroamerikanern nahezu nichts gebracht habe, schrieb Norbert Rief im Leitartikel der Wiener „Presse“ vom 2. Juli 2023, daß das US-Höchstgericht mit diesem Urteil die Spaltung des Landes vorantreibe. Doch die USA sind in dieser Frage längst gespalten, ein gegenteiliger Beschluß des Höchstgerichts hätte diese vorhandene Spaltung also in gleicher Weise vorangetrieben, wie es der aktuelle getan hat. In der Urteilsbegründung hieß es jedenfalls, daß jeder Student auf Grundlage seiner Leistungen als Individuum behandelt werden müsse, nicht gemessen an seiner ethnischen Herkunft.

Aufgrund dieser neuen Lage in den USA bringen wir den nachstehenden Artikel eines berufenen Autors, der als Amerikaner zahlreiche persönliche Erfahrungen mit der Thematik gemacht hat und dem keinesfalls antischwarzer Rassismus vorgeworfen werden kann. Der Artikel erschien erstmals in der Quartalsschrift „Tumult“ vom Frühjahr 2023, mit deren freundlicher Genehmigung wir ihn hier wiedergeben:

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com