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Konvergenz der Krisen vs. Konvergenz der Katastrophen

Benedikt Kaiser ist einer der produktivsten Köpfe der „Neuen Rechten“, Verfasser mehrerer Bücher und Autor der Zeitschriften „Sezession“, „Freilich“, „Abendland“, „Die Kehre“, „Der Eckart“, „éléments“, „Nouvelle École“, „Kommentár“ u.a.
(© Jungeuropa Verlag)

Die Neue Rechte im Hamsterrad der Illusionen

Benedikt Kaiser, einer der produktivsten Köpfe der „Neuen Rechten“, der unter anderem mit „Marx von rechts“ (Dresden 2018) und „Solidarischer Patriotismus“ (Schnellroda 2020) erfolgreiche programmatische Bücher geschrieben hat, legt nun mit dem Sammelband „Die Konvergenz der Krisen“ seine neueste Arbeit vor. Der Band versammelt insgesamt 19 Aufsätze, die großteils zwischen 2017 und 2023 in den Zeitschriften „Sezession“, „Freilich“ und „Die Kehre“ erschienen sind. Kaiser, Jahrgang 1987, ist Politikwissenschaftler, deutscher Korrespondent der französischen Magazine „éléments“ und „Nouvelle École“, Kolumnist der Zeitschrift „Der Eckhart“ (Wien) und publiziert in „Kommentár“ (Ungarn).

Von Werner Olles

Der von ihm kreierte Begriff „Solidarische Patriotismus“ bedeutet eine konsequente Absage an den Liberal- und Wirtschaftskonservativismus der alten und „Neuen Rechten“ mit Hilfe einer Durchdringung der sozialen Frage von rechts und der gleichzeitigen Annäherung an Denker von links, wie den italienischen Kommunisten und zeitweiligen Generalsekretär der KPI Antonio Gramsci, den eigentlichen Erfinder der Metapolitik. Im Gefolge des von ihm oft zitierten französischen Philosophen, GRECE- und Nouvelle-Droite-Mitbegründers Alain de Benoist spricht er daher auch vom „organischen Intellektuellen“, der Theorie und Praxis als Symbiose versteht. Daß die Theorie jedoch der Praxis voranzugehen hat, daran läßt er – Gramsci folgend – bereits in seinem Vorwort keinerlei Zweifel. Und so teilt sich das Buch in zwei Hälften: zuerst die „Theorie“, dann die „Praxis“. Seine „Konvergenz der Krisen“ soll zeigen, daß man auch vom ideologischen Gegner lernen kann, was allerdings nichts Neues ist, denn nur im Feind erkennt man sich selbst und kann das eigene Profil schärfen. Seinem Plädoyer, „zu lesen und zu lernen“, anstatt intellektuell im eigenen Saft zu schmoren, ist jedoch zuzustimmen. Viel zu lang drückt sich die „Neue Rechte“ beispielsweise davor, die „Kritische Theorie“ der „Frankfurter Schule“ zu studieren, von der „Dialektik der Aufklärung“ Horkheimers und Adornos zu lernen oder den marxistischen Theoretiker Robert Kurz zu lesen. Das soll uns allerdings nicht hindern, einige von Kaisers Satzungen und Thesen nicht nur kritisch zu sehen, sondern klar zurückzuweisen.

Die Rückkehr der sozialen Frage

Beginnend mit „Ethnizität und Exterritorialität“ im Buchteil „Theorie“ beschreibt Kaiser „eine massive Rückkehr der sozialen Frage auf nationaler wie internationaler Ebene“. Dazu gehört aber auch, auf die mangelnde nationale Solidarität oder den fehlenden „solidarischen Patriotismus“ in der alten BRD hinzuweisen. Eine politische Analyse des innerdeutschen Bewußtseinsgefälles und des dazugehörigen situationsbedingten Handelns und Geschichtsdenkens im Zeitalter der Postmoderne wäre unbedingt vonnöten. Denn tatsächlich handelt es sich bei der deutsch-deutschen Dichotomie nicht um eine Nebensächlichkeit, sondern um einen ungelösten Knoten, bei dessen Entwirrung man leicht in die Bredouille geraten kann.
Die Bedeutung der Rückkehr von Ethnizität, Ethnogeopolitik und der Aktivierung eines ethnokulturellen Bewußtseins der Autochthonen „in anhaltenden Krisensituationen“ sollte unstrittig sein. Doch zu Recht fragt der Autor, „ob sich die Auflösung aller Dinge im Westen als ein unaufhaltsamer Prozess erweist“. Aus verständlichen Gründen geht er jedoch dieser entscheidenden Frage nicht auf den Grund, denn sein Europakonzept einer grenzüberschreitenden Solidarität, das Nationalismen und Chauvinismen weitgehend ausklammert, ist eine noch meilenweit entfernte Zukunftsvision. Dabei ist Europa heute den schlimmsten Gefahren seiner Geschichte ausgesetzt und hat noch nie eine Tragödie wie die derzeitige erlebt:

  1. Kolonisation durch fremde Völkerschaften und Kulturen, deren Fünfte Kolonnen in Form von Clans und Banden ganze Städte (Malmö) und Randbezirke und Quartiere (Paris, Marseille, Brüssel, London, Berlin, Dortmund etc.) beherrschen und so staatsfreie Zonen schaffen, inklusive der permanent fortschreitenden Islamisierung. Falsch ist in diesem Zusammenhang der immer wieder benutzte Begriff der „rechtsfreien Zonen“, denn dort herrscht das Willkürrecht der Stärkeren.
  2. Demographischer Schwund innerhalb der autochthonen Bevölkerungen, die abgesehen von Ungarn und Polen europaweit kaum noch mehr als 1,2 Kinder pro Frau kommen.
  3. Legalisierung der Homoehe, Förderung von LGBTQI-Gemeinschaften, Genderwahn, Frühsexualisierung im Kindergartenalter und Leugnung der biologisch-wissenschaftlichen Wahrheit von zwei Geschlechtern zugunsten linksgrüner Phantastereien von dutzenden Geschlechtern etc.
  4. Verhöhnung und Vergessen der eigenen historischen und kulturellen Wurzeln und ethnisch-biologischen Herkunft.
  5. Weltweit um sich greifende Natur- und Umweltzerstörung, Vernichtung der Artenvielfalt, Klimakatastrophen und Überbevölkerung mit der Aussicht auf weitere Völkerwanderungen von Süden nach Norden.
  6. Unterwerfung unter globalistische Organisationen (EU, UNO, NATO, WEF etc.) und nicht zuletzt unter die Hegemonie des US-Imperialismus, des Hauptfeindes der Völker.
  7. Cancel Culture, politische Korrektheit, Tabuisierung relevanter und lebenswichtiger Themen (illegale Masseneinwanderung, exorbitant hohe Ausländerkriminalität, grüne Energiekatastrophe und Deindustrialisierung Deutschlands, hohe Inflation, Bildungsverfall mit Transformation der Hochschulen in „Gesinnungsirrenanstalten“ (Michael Klonovsky), Involvierung als Kriegspartei im Rußland-Ukraine-Konflikt durch Waffenlieferung an die Ukraine).
  8. Explosion von Gewalt und Terror in Vorbürgerkriegen (exemplarisch 2006 in Paris) durch migrantische Jugendgangs und exorbitant hohe Ausländerkriminalität.
  9. Globales Chaos im Süden durch hohe Geburtenraten, Ressourcenknappheit und militärische Konflikte, vermehrte Pandemien und Seuchen, atomares Wettrüsten (USA, Rußland, China, Indien, Pakistan, Iran), das letztlich zu nuklearen Kriegen führen wird.
  10. Politisch provozierte Senkung des Lebensstandards weiter Teile der Bevölkerungen durch gezielte Inflation, Massenmigration in die Sozialsysteme, Kriegs- und Klimapolitik, die ökonomische Krisen ungeahnten Ausmaßes und wirtschaftliche Depression verursachen, siehe dazu Spenglers „Untergang des Abendlandes“ und Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“.
  11. Strikte Zensur durch die Staatsmedien inklusive eines Neusprech (Orwell), Verdrängung des Politischen durch universellen Moralismus und „wertegeleitete“ statt interessengeleitete Politik mit dem Ziel des supranationalen Konstrukts eines Welteinheitsstaates.
  12. Systematische Zerstörung noch funktionierender Institutionen, der natürlichen Ordnung des christlichen Naturrechts und der Familie inklusive der Todeskultur der millionenfachen Abtreibung.
  13. Ideologisierung und Sakralisierung der sogenannten Menschenrechte bei gleichzeitigem Verleugnen und Beschönigen der katastrophalen Realität durch einen (noch) sanften Totalitarismus und einen alles erstickenden Konformismus.
  14. Devote Übernahme der staatlichen „Diversitätsidylle“, erzwungene Akzeptanz, daß Millionen Mohammedaner in Deutschland Parallelgesellschaften mit eigenen Rechtsnormen (Scharia) ausbilden und der Multikulturalismus ein enormes Bürgerkriegspotential darstellt; siehe dazu Huntington.
  15. Überschreiten des Point of no return in allen Bereichen des öffentlichen Lebens durch eine realitätsfremde Maßnahmenpolitik (Corona, „Kampf gegen rechts“ und Querdenker, Klimarettungsgesetze) sowie eine ultraliberalistische Politik mit offener Sympathie für den Islamismus (Ditib) und der Implementierung eines Schuldkults bei gleichzeitiger staatlicher Alimentierung gewalttätiger „Antifa“-Banden.
  16. Die EU als Joch, unter das sich die Staaten, Nationen und Völker zu beugen haben und die ein Sowjetsystem darstellt, das von korrupten, undemokratischen Instanzen (Brüsseler Kommission) geführt wird.
  17. Die objektive Verschlechterung der Wachstumsbedingungen und die schleichende Abschaffung der hart erkämpften sozialen Errungenschaften.
  18. Zerstörung des Rests an Staatlichkeit der BRD durch die politische Führung, da die wichtigste Aufgabe des Staats neben der Bereitstellung günstiger Energie die Verhinderung des Bürgerkriegs und der Schutz seiner Staatsbürger ist. Dieser wird jedoch durch ungesicherte Grenzen, Förderung der illegalen Migration und der damit verbundenen Kriminalität nicht mehr gewährleistet. Da der Schutz der Bürger durch den Staat damit entfällt, wird er zu einer Entität, die zwar durchaus noch zu Repressionen gegen die Bürger imstande ist (Corona-Maßnahmen, „Kampf gegen rechts“ etc.), aber keinen Anspruch mehr auf den Gehorsam der Bürger hat.

Unterschätzt wird von der „Neuen Rechten“ auch das Gefühl eines Verlusts der Heimat, wenn beispielsweise die gewohnte Nachbarschaft oder das Viertel mit der Zeit von Fremden aus orientalischen oder afrikanischen Ländern okkupiert werden. Es hilft wenig, intellektuelle Debatten über Strategien des Widerstands gegen diese katastrophische und irreversible Entwicklung zu führen, wenn das Bewußtsein für solche Verlustgefühle, die immer auch mit Depressionen und starken Gefühlen der Macht- und Ausweglosigkeit verbunden sind, nur rudimentär vorhanden ist. Wir wissen, daß die „Veränderungen“ eher ältere Bürger berühren, da die Jüngeren mit diesen Verwerfungen aufgewachsen sind und durch ein Brainwashing im Kindergarten und in der Grundschule das Gefühl der Heimatlosigkeit und der damit verbundenen Aporie in der Regel nicht entwickeln. Die „Identitäre Bewegung“ (IB) hat diesen Zusammenhang begriffen und beläßt es nicht beim Beschreiben der unerträglichen Zustände, der Zunahme der Gewalt und des Terrors und des offenen Verrats an der eigenen Bevölkerung durch die herrschende politisch-mediale Klasse. Sie setzt im Bewußtsein, daß sowohl das Wort als auch die Tat am Anfang des Widerstands stehen, spektakuläre Aktionen dagegen. Es ist der IB hoch anzurechnen, daß sie menschliches „Leid als einzige Ursache des Bewußtseins“ (Dostojewski) erkannt hat, gerade intellektuelle „Neue Rechte“ sind von dieser Erkenntnis ebenso weit entfernt wie Liberalkonservative.

Wir wollen daher näher eingehen auf den letzten Aufsatz in Benedikt Kaisers „Konvergenz der Krisen“ und mit einer entscheidenden Frage beginnen: Sind das alles nur Krisen, die sich mit Aufklärung und Belehrung der Bürger irgendwie und irgendwann bei etwas gutem Willen und der Zusammenarbeit zwischen dem parlamentarischen Arm der Bewegung (AfD) und den Vorfeldorganisationen beheben lassen? Genügt es, Kader auszubilden und an der Umsetzung von Antonio Gramscis Metapolitik im Sinne eines rechten Widerstands zu arbeiten, wenn bereits die Erkenntnis der Lage unsicher und fragwürdig ist?

Der demographische Schwund der autochthonen Bevölkerung und die Massenzuwanderung aus anderen Erdteilen hat in vielen Städten wie Malmö, Paris, Brüssel, London oder Berlin zum Entstehen staatsfreier Zonen inklusive einer permanent fortschreitenden Islamisierung geführt. Die „Identitäre Bewegung“ hat diese Zusammenhänge begriffen und setzt spektakuläre Aktionen gegen den offenen Verrat an der eigenen Bevölkerung durch die herrschende politisch-mediale Klasse. © Filmkunstkollektiv
Guillaume Faye war Mitbegründer des GRECE und der „Nouvelle Droite“ und sah in der Islamisierung Europas die größte Gefahr. Im Jahr 2019 verstarb er viel zu früh mit nur 69 Jahren an einem Krebsleiden. (©WikiMedia Commons / Claude Truong-Ngoc (CC BY-SA 3.0)
Zwischen Alain de Benoist (Bild) und Guillaume Faye kam es zu einem Konflikt über die Haltung zum Islam und dem Islamismus.
Daria Duginas Vision eines auf der Basis einer höheren Idee und einer übernationalen geistigen Elite geeinten föderativen und antiglobalistischen europäischen Reichs unter Einschluß der Russischen Föderation könnte die richtige Antwort auf die Zumutungen des Ultraliberalismus und des Globalismus sein. © WikiMedia Commons / Crocodile2020 (CC BY-SA 4.0)

Gegen die Pest des Ultraliberalismus

Für Kaiser ist klar, daß Guillaume Faye, Mitbegründer des GRECE und der „Nouvelle Droite“, Unrecht hatte, als er von einer Epoche der „Konvergenz der Katastrophen“ sprach. Faye, 1949 in Aquitanien geboren, war Philosoph, Historiker, Literaturwissenschaftler, Journalist und mit 23 Jahren bereits promovierter Politikwissenschaftler. Er zählte seit 1970 zu den klügsten und originellsten Köpfen der französischen „Neuen Rechten“. Als diese sich 1986 faktisch auflöste, schlug sich Faye, nachdem er sich mit Alain de Benoist überworfen hatte, gemeinsam mit Pierre Vial zunächst auf die Seite des Thule-Seminars, um sich später zurückzuziehen und für „Le Figaro“ und „Paris-Match“ zu schreiben. Im Mai 1987 hat er in dem „Brief Guillaume Fayes an seine Freunde“ seinen Rückzug aus dem GRECE sehr gut begründet („Synergon-Info“, Juni 2022). Zu Beginn der 2000er Jahre kehrte er jedoch in die politische Arena zurück und schrieb eine Reihe großartiger Bücher, von denen leider nur sehr wenige ins Deutsche übersetzt wurden. Seine besten Analysen finden sich in „Wofür wir kämpfen. Manifest des europäischen Widerstands. Das metapolitische Handbuch der Kulturellen Revolution zur Erneuerung Europas“ (Kassel 2006). In Anlehnung an Oswald Spengler, Enoch Powell „Rivers-of.Blood“-Rede und Samuel Huntington prophezeite er den völligen Zusammenbruch der europäischen Gesellschaften unter dem Einfluß massiver Einwanderung sowie einen ethnisch-kulturellen Krieg zwischen Europa und dem Islam.

Alain de Benoist warf ihm daraufhin „Extremismus“ vor. Faye distanzierte sich hingegen vom Antisemitismus und Antizionismus und warf seinen Gegnern um Alain de Benoist im Gegenzug Sympathien für den Islamismus vor. 1991 war bereits seine „Rede an die europäische Nation. Ein Appell gegen die Bevormundung Europas“ bei Hohenrain erschienen, eine „Symphonie der Apokalypse“ (Robert Steuckers). Thematisiert werden die Unterwerfung Europas unter die US-Hegemonie, das Überhören der Warnsignale wiederholter schwerer bürgerkriegsähnlicher Krawalle junger Muslime in Frankreich, Schweden, England und Dänemark sowie eine ethnische Regenerierung der europäischen Völker. 2005/06 tobte dann in den Banlieues von Paris und anderen französischen Metropolen der Bürgerkrieg, den Faye prophezeit hatte und dessen Augenzeuge er in Paris wurde. Jene Stadt, die Gottfried Benn „für eine der unzerstörbaren Schöpfungen der europäischen Rasse“ hielt, litt monatelang unter dem Terror, der Gewalt und dem ungezügelten Haß junger Nordafrikaner. Stärker denn je plädierte Faye nun für eine radikale revolutionäre Alternative, eine gemeinsame Kampfdoktrin und ein europäisches Netz von Rebellen, ungeachtet innerer Fehden und Unstimmigkeiten. Damit präsentierte er zwar keine Patentrezepte, aber Ideen gegen die Pest des Ultraliberalismus, gegen die manifeste Bedrohung des weißen Europa, gegen Feigheit und Vasallentum, gegen das Leugnen der Katastrophe und das Desinteresse einer entarteten Zivilisation gegenüber ihrer eigenen Auslöschung. Fayes viel zu früher Tod – er starb 2019 mit 69 Jahren an einem Krebsleiden – bedeutete für die französischen Souveränisten und Nonkonformisten den tragischen Verlust eines außergewöhnlichen Gelehrten. Seine Ideen und Schriften sind indes bis heute maßgeblich im Kampf und Widerstand gegen Dekadenz, Unterwerfung und Zerstörung der Traditionen und Kulturen der europäischen Völker und vor allem der Arbeit an einer revolutionären Rückeroberung Europas.

Man könnte es sich im Prinzip einfachmachen. Wer sich die Explosion von Gewalt und Terror, die sich tagtäglich in unserer Heimat ereignet, anschaut und angesichts der sozialen und ökonomischen Prognosen des WEF für die nächsten Jahre nicht von einer „Konvergenz der Katastrophen“ ausgeht, hat ein paar relevante epistemologische Aspekte der negativen Ontologie nicht verstanden. Worum geht es? Innerhalb der intellektuellen „Neuen Rechten“ schwelt unausgesprochen eine Auseinandersetzung zwischen einer Mehrheit von überzeugten Anhängern der „Konvergenz der Krisen“, die Faye als „Simulanten der Dissidenz“ bezeichnet und ihren – in der Regel – reaktionären bis revolutionären Kontrahenten. Sie bestehen darauf, daß Faye mit seiner These einer „Konvergenz der Katastrophen“ recht hat. Leider ist sein gleichnamiges Buch nicht in deutscher Sprache erschienen, ein Grund mehr, warum diese Diskussion nicht einmal auf der Metaebene stattfindet und von der Mehrheit der „Neuen Rechten“ kaum wahrgenommen wird. Dies zeugt jedoch auch von Arroganz und Ignoranz gegenüber Fragen, die die Problematiken von Krise, Verfall, Katastrophe und Untergang auf der einen und einer prometheischen Metamorphose der europäischen Zivilisation auf der anderen Seite berühren.

Leider befeuert Benedikt Kaiser diese Ignoranz mit einigen grundsätzlich falschen Anwürfen gegen Faye. So konzediert er, daß Fayes Thesen als „Vertreter einer grundsätzlich operierenden intellektuellen Rechten“ – ähnlich wie bei Robert Kurz als „Vertreter einer grundsätzlich operierenden intellektuellen Linken“ – „eine nähere Betrachtung lohnen“ und „einen Wahrheitskern aufweisen“, aber aufgrund ihrer „Maßlosigkeit und ihres Determinismus“ in die Irre führten. Zudem vermenge Faye Krisen- und Katastrophenbegriffe und lasse keine Alternative zu. Er stehe für eine „Tag-X-Mentalität“, die keinen eigenen Handlungsspielraum mehr zugestehe. Faye drehe ein „vulgärmarxistisches Denkmodell auf rechts“, seine demographischen und politischen Marker seien eine „alarmistisch-verstiegene Zukunftsschau“, die dazu neige, „in einen zur Untätigkeit treibenden Fatalismus zu verfallen“. Die Potentiale individuellen und kollektiven Handelns blende Faye aus und betreibe einen „aufgeladenen Katastrophismus“: Bei ihm und seinen Anhängern „überwiegt die bleierne Sehnsucht nach Tabula rasa angesichts eines allumfassenden Ekels ob der herrschenden Verhältnisse“. Statt dessen sollte nach Kaisers Vorstellungen und Wünschen nicht das Katastrophische sondern das Krisenbehaftete in den Vordergrund treten.

Die Beschleunigung der Katastrophen-Konvergenz

Nun darf man sich ja alles vorstellen und wünschen, aber dann ist man auch schneller, als man denkt, im Bereich des Trivialen angekommen. Ohnehin dienen die Warnungen Kaisers vor „irrealen und gefährlichen Tag-X-Fantasien von der großen Katastrophenflut“ eher beliebten Verhüllungszusammenhängen, wobei wir unseren „allumfassenden Ekel ob der herrschenden Verhältnisse“ überhaupt nicht leugnen. Kaiser nährt jedoch einen Zweckoptimismus, der an Realitätsverweigerung grenzt angesichts der Neototalitarisierung der Demokratie, der Energiekatastrophe, des Ukraine-Rußland-Konflikts, der durchaus das Potential eines europäischen Atomkriegs hat, und der illegalen Massenmigration mit allen folgenden Übeln. Die Entwicklung Deutschlands zu einem Schwellenland und Absatzmarkt für Schund aus China und Indien und das Fluten der Hochschulen mit Minderbegabten, Quotenmädels, Genderistas und Narren, die später ohne Abschluß oder Ausbildung Politik und Staat spielen, tun dabei ihr übriges, um die Katastrophen-Konvergenz zu beschleunigen.

Werfen wir uns also noch einmal für Guillaume Faye in die Bresche. An keiner einzigen Stelle treffen die Vorwürfe Kaisers, die er postum dem originellen Denker Faye widmet, zu. Während dessen Position konsistent und von untrüglichem Instinkt und rebellischem Intellekt beherrscht ist, wie es einem organischen Intellektuellen gebührt, versucht Kaiser, einen Begriffsapparat aufzupeppen, der das Volk aufklären und überzeugen soll. Dabei übersieht er die Evidenz des falschen Bewußtseins des Menschen der zu Ende gehenden Postmoderne und vor allem die Tragik seiner Existenz. Doch genau dadurch zieht man sich selbst alle Krankheiten und Seuchen des Systems zu. Faye predigt weder Fatalismus noch Pessimismus, aber er warnt vor der destruktiven Verschlingung in der Uniform der bürgerlichen Subjektivität und dem konservativen Verblendungsmythos, daß in dieser Gesellschaft noch irgendwas zu erhalten, zu retten oder zu reformieren sei. Die „Konvergenz der Katastrophen“ muß jedoch nicht im Chaos enden, selbst wenn die Entwicklung sich noch verschärft, die Tragödie ihren Lauf nimmt und Spenglers „Untergang des Abendlandes“ Gestalt annimmt. Die kommenden Katastrophen biblischen Ausmaßes werden uns hart treffen und alle optimistisch übersteigerten Prognosen entlarven, die den Übergang der Krise zur Katastrophe gedanklich nicht nachvollzogen haben. Es wird sich zeigen, daß eine „Umerziehung von rechts“ und neurechte Strategiespielchen die innere Widersprüchlichkeit des liberal-globalistischen Systems nicht aufheben können. Die Flucht auf die vermeintlich lichtere Seite als prophylaktische Abwehr der katastrophischen Realität hat gegen einen alles erstickenden Konformismus keine Chance.

Faye, der eigentliche Vater der „Identitären Bewegung“, umreißt in seinen visionären Gedankenskizzen hingegen eine ausbaufähige Theorie der Gegenrevolution und ist damit zweifellos die „historische Figur der Neuen Rechten“ (Robert Steuckers). Offen schilderte er die Mordlust der Pogromhelden von 2006 in den Banlieues und warnte prophetisch vor einem Bündnis der Islamisten mit dem linksextremistischen „Antifa“-Mob. Sein „Archäofuturismus“, den er als Zukunftsmodell propagiert, eine Synthese von „etwas ganz Altem und etwas ganz Neuem“, hat gleichzeitig romantischen und utopischen Charakter und bricht mit sämtlichen liberalen und humanitaristischen Fetischen. Angesichts der Aporie einer „Krisen-Konvergenz“ strebt Faye eine postmetaphysische gegenrevolutionäre Lösung an, die neue Wahrheiten entdeckt und grundlegende Axiome formuliert. Es ist daher rätselhaft, warum die „Jeunesse Dorée“ der „Neuen Rechten“ derart herablassend auf diesen an Erfahrung reicheren und an Jahren älteren Gelehrten regiert, der erfüllt war von der überschwenglichen Freude auf eine siegreiche Zukunft.

In dem Kampf auf Leben und Tod, in dem wir uns befinden, könnte Daria Duginas Theorie eines „Eschatologischen Optimismus“ ein Ausweg aus dem beschriebenen Antinomismus und einem analytischen Rahmen sein. Die Vision eines auf der Basis einer höheren Idee und einer geistigen übernationalen Elite geeinten, föderativen und antiglobalistischen Europäischen Reichs unter Einschluß der Russischen Föderation ist wohl die richtige Antwort auf die Zumutungen des Ultraliberalismus und des Globalismus. Das mag utopisch klingen, ist jedoch „nur“ eine Frage des Willens und der Macht, die den gesamten Kontinent einbeziehen muß. Inmitten sich auflösender, verwundeter Völker, eines demographischen Suizids und der Geißel des ethnischen Bürgerkriegs in Europa sollte dies eine Debatte wert sein. Unser Schicksal ist offen und unvorhersehbar, genau wie Guillaume Faye, der unvergessene Denker einer neuen Kultur Europas und wagemutige Kämpfer für eine „Renaissance européenne“ es gelehrt hat. Seinem Andenken ist dieser Essay gewidmet.

 
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