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Wolfgang Willrich

Deutsches Mädel aus dem Baltenland
Mädchen aus Bessarabien
Stukaflieger
Steirische Bergbäuerin
Kapitänleutnandt Günther Prien der Held von
Scapa Flow
Ein Kradmelder

Kriegszeichner und NS-Kulturkämpfer

Es sind Porträts von Soldaten mit scharfkantigen Gesichtszügen. Oder Zeichnungen blonder Frauen in Trachten, mit Dutt oder geflochtenen Zöpfen, die ihr Zeitkolorit teils deutlich präsentieren. Es sind Zeichnungen, die bisweilen in militärhistorischen Zeitschriften oder in Bestellprospekten rechter Versandhäuser auftauchen. Die meisten Leser dürften über die Hintergründe ihrer Entstehung wenig wissen. Selbst bei einigen derjenigen, die die Graphiken heute in Publikationen plaziert haben, dürfte die genaue Kenntnislage gering sein. Die Werke stammen nämlich nicht nur eigentlich unverkennbar aus der NS-Zeit, sondern auch von einem weitgehend vergessenen Künstler: Wolfgang Willrich.

Von Dr. Claus-M. Wolfschlag

Zahlreichen Kunstwerken und ihren Schöpfern wird bis heute der Leumund der NS-Kunst angehängt, obwohl diese Charakterisierung zweifelhaft ist. Der größte Teil der Künstler, die heute im Zusammenhang mit NS-Kunst genannt werden, waren schon lange vor der NS-Zeit etabliert, man denke nur an Bildhauer wie Fritz Klimsch oder Georg Kolbe. Teils weist ihr Schaffen zeitlich auch weit über die NS-Zeit hinaus, wie bei Arno Breker. Oft vermißt man, aller persönlichen Verstrickung zum Trotz, zudem das spezifisch Nationalsozialistische in dieser Kunst. Man findet Akte, Landschaftsbilder, Stilleben, Bezugnahmen auf die Antike, die ebensogut aus der Zeit der Weimarer Republik oder gar der frühen Bundesrepublik stammen könnten. Oft weisen die einzelnen Biographien Brüche auf. Man denke nur an die Maler Emil Nolde oder Franz Radziwill, die, obwohl NSDAP-Mitglieder, mit dem Vorwurf der „entarteten Kunst“ konfrontiert waren.

All das ist bei Wolfgang Willrich anders. Willrich wollte wirklich „nordische Kunst“ im Sinne des Nationalsozialismus erschaffen. Er war inhaltlich somit ein Ideologe. Ob ihm sein Ziel auf der künstlerischen Ebene wirklich geglückt ist, steht auf einem anderen Blatt.

Geboren wurde er 1897 in Göttingen als Sohn des deutschnationalen Althistorikers Hugo Willrich. Hugo Willrich lehrte an der Georg-August-Universität Göttingen als Privatdozent, vorerst ohne eine Professur zu erhalten. 1904 wechselte er in den Schuldienst. Nach seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg wurde er 1917 zum ordentlichen Honorarprofessor ernannt. Politisch war Hugo Willrich in der Deutschnationalen Volkspartei engagiert und stand dort der antisemitisch ausgerichteten Sektion nahe. Folglich fungierte er als Mitgründer der Göttinger Ortsgruppe des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes“, ohne allerdings später – er sollte seinen Sohn sogar überleben – jemals NSDAP-Mitglied zu werden.

Sicherlich durch die familiäre Prägung entstanden Wolfgang Willrichs kulturelle Ambitionen und seine politische Hinwendung zum „völkischen“ Spektrum. Nachhaltigen Eindruck hinterließ auch das Erlebnis des Ersten Weltkriegs. Willrich berichtete später darüber: „Links, dicht am Wege zwischen unserem Drahtverhau und den Feldwachen und den Schützengräben, lag weitaus als vorderster von allen toten Russen ein junger Offizier. Er hatte regelmäßige Züge und war ein schöner, stattlicher Kerl. Es tat mir in der Seele weh, daß wir gegen solche Leute kämpfen sollten. Die sibirischen Schützen und die russische Garde, die todesmutig gegen uns angerannt war, bestand größtenteils aus solchen stattlich schönen Leuten. Ich hatte das Gefühl, daß dieser junge Russe mein Freund hätte sein können, sogar eher als gewisse Leute in unserer eigenen Kompanie, und daß es ein Wahnsinn ohnegleichen sei, daß Menschen seiner und meiner Art sich gegenseitig totschießen sollten. Der gefallene russische Offizier kam mir fortan nicht mehr aus dem Sinn. Es dämmerte mir beim Grübeln über diese Tatsache mehr und mehr, daß es etwas gibt, das Menschen mehr verbindet als Landesgrenzen und Sprache, nämlich das Empfinden, daß der andere vom selben Schlag ist, sozusagen unser eigen Fleisch und Blut, obwohl er wahnsinniger- oder unglücklicherweise einem als Feind des Vaterlandes, also mit dem Ziel unserer Vernichtung, entgegenstürmt.“

Weimarer Republik und 1930er Jahre

Nach der Entlassung aus der französischen Kriegsgefangenschaft studierte Willrich ab 1920 Bildende Kunst in Dresden, arbeitete daraufhin als Lehrer an einer privaten Kunstschule und einem Dresdener Gymnasium. 1927 wurde er für drei Jahre Mitglied in Erich Ludendorffs „Tannenbergbund“, den er nach einem Zerwürfnis mit Mathilde Ludendorff verließ. 1933 war er zwei Jahre lang für das Reichskulturministerium tätig, wurde dann 1934 vom Reichsbauernführer und Reichsminister Richard Walther Darré nach Berlin berufen. In Darrés Auftrag begann Willrich, gemäß seiner Weltanschauung typische deutsche Gesichter zu zeichnen, die teils in der Zeitschrift „Odal“ veröffentlicht wurden. Seine Zeichnungen erschienen in den Bildbänden „Aus deutschem Bauerntum“ und „Bauerntum als Heger Deutschen Blutes“. Er knüpfte Kontakte zum Rasse- und Siedlungsamt, das seine Reisen durch Deutschland und Österreich finanzierte. 1935 beteiligte er sich an einer Wanderausstellung zum Thema „Rasse - Sippe – Siedlung“. In dieser für ihn fruchtbaren Schaffensphase wurde er „Förderndes Mitglied der SS“ (FM). Interessanterweise – und hier zeigt sich dann doch eine der scheinbaren biographischen Paradoxien jener Jahre – wurde Willrich nie NSDAP-Mitglied, obwohl er offenbar Angebote für einen Eintritt erhielt. Auch den von SS-Führer Heinrich Himmler angebotenen hohen Ehrenrang in der SS lehnte er ab. Seine Unterstützung begrenzte sich also auf eine kleine regelmäßige Geldzahlung als Fördermitglied. Und selbst diese Mitgliedschaft löste er mit dem Kriegsbeginn 1939 wieder auf.

Willrichs Bilder sollten das Ideal des „nordischen Menschen“ darstellen. Dabei wurden sehr individuelle Porträts gezeichnet, die aber gleichzeitig immer wiederkehrende Typen zum Thema hatten: Bauern, Soldaten, blonde Landfrauen. Sein selbsterklärtes Ziel war, „das Schöne in der Natur, das Vollendete, sowie den edel geborenen sittlichen freien und schönen Menschen, also die höchste Stufe der göttlichen Schöpfung, darzustellen“.

Bis hierhin könnte man Willrich als einen – bis auf oben erwähnte heutige Militärpublikationen und Prospekte – in Vergessenheit geratenen NS-Maler im Umfeld der SS einordnen. Doch er spielte auch eine problematische aktive und für viele andere Künstler unheilvolle Rolle als Kulturfunktionär. Er war nämlich in führender Position an der Konzeption der Schmähausstellung „Entartete Kunst“ beteiligt.

Der Kulturfunktionär

Als „entartete Kunst“ galten in der NS-Zeit diverse Stilrichtungen der bildenden Künste, die im Widerspruch zum nationalsozialistischen Schönheitsideal standen, beispielsweise aus dem Bereich des Kubismus und Expressionismus. Neben den „entarteten“ Künstlern, die teils sogar Parteigänger der NSDAP waren, wurden auch kommunistische und jüdische Künstler verfolgt, obwohl deren Arbeiten wiederum keinesfalls zwangsläufig den NS-Schönheitsvorstellungen widersprachen. Wurden auch schon in den Anfangsjahren der NS-Zeit ästhetisch unliebsame Künstler aus Museen verbannt, so verschärfte sich die Situation ab 1936. Aufgrund eines 1937 von Propagandaminister Joseph Goebbels verkündeten „Führerauftrags“ wurden zahlreiche Werke der „Verfallszeit“ aus staatlichen Museen und Sammlungen beschlagnahmt. Im Juli 1937 öffnete die Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ ihre Pforten, in der 650 landesweit aus Museen konfiszierte Arbeiten in abwertender Weise der Öffentlichkeit präsentiert wurden. So wurden die Arbeiten unter anderem in Zusammenhang mit Zeichnungen geistig behinderter Menschen gesetzt. Die Leitung der Wanderschau, die später auch in zahlreichen anderen Städten gezeigt wurde, hatte der Präsident der Reichskammer der Bildenden Künste, Adolf Ziegler, inne – eine deshalb bis heute in der Geschichtsschreibung gescholtene Person.

Eine wichtige Rolle spielte aber auch Willrich. Willrichs 1937 erschienenes Buch „Säuberung des Kunsttempels. Eine kunstpolitische Kampfschrift zur Gesundung deutscher Kunst im Geiste nordischer Art“ kann in jener kunstpolitischen Auseinandersetzung als programmatische Schrift betrachtet werden. Selbst den Lyriker Gottfried Benn brandmarkte Willrich darin als „Kulturbolschewisten“. Als sich Willrich danach in den Streit mit Benn hineinsteigerte, mahnte ihn sogar SS-Führer Heinrich Himmler zur Mäßigung und etwas mehr Laisser-faire bei der Verleumdung von anderen Kulturschaffenden. Allerdings wird Willrich bisweilen auch als Getriebener des Prähistorikers Walter Hansen dargestellt, den er an der HJ-Reichsführerschule kennengelernt hatte. Hansen agitierte demnach deutlich radikaler als Willrich gegen die moderne Kunst. Und somit wird gemutmaßt, daß große Teile von Willrichs Buch in Wirklichkeit von Hansen formuliert worden seien. Willrich und Hansen erhielten jedenfalls vom Reichspropagandaministerium den Auftrag, geeignete Bilder für die geplante Schau zu „Entarteter Kunst“ zu suchen. Gewünscht waren von Goebbels stark kontrastierende Gegenüberstellungen von offiziell erwünschter und negativ bewerteter Kunst. Da Willrich Zweifel anmeldete, ausreichend Kunstwerke aus den Museen erhalten zu können, da die jeweiligen Direktoren diese nicht zur Verfügung stellen dürften, bekam er entsprechende Vollmachten zum Zutritt in Museumsmagazine und zur Beschlagnahmung von Bildern aus diversen Kunstsammlungen. Das führte zwangsläufig zu Konflikten, sogar mit dem NS-Maler und Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste, Adolf Ziegler. Ziegler leitete zwar die Ausstellung „Entartete Kunst“ und stand den Beschlagnahmungskommissionen vor, störte sich aber – ähnlich wie Himmler – an mancher Übereifrigkeit von Hansen und Willrich.

Bis 1938 hielt Willrich dann mehrere Vorträge in der HJ-Reichsführerschule Potsdam. Auch in mehreren der Großen Deutschen Kunstausstellungen im Münchener Haus der Deutschen Kunst wurden Arbeiten von Willrich gezeigt. 1939 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wurde aber aus Altersgründen abgelehnt. Gleichwohl begleitete er im Rahmen einer „Staffel der Bildenden Künste“ mehrere Truppeneinsätze als Kriegszeichner. Er hatte sich schon zuvor als Zeichner von Porträts berühmter Ritterkreuzträger und der Propagandapostkarte „Vom Hitlerjungen zum Offizier des Heeres – Dein Weg“ einen Namen gemacht. Seine Aufgabe für die Wehrmacht führte ihn in viele Länder, und teils mußte er mit widrigsten Bedingungen kämpfen. Willrich schrieb dazu: „Es erforderte z.B. eine gewisse Überwindung, bei erheblicher Kälte, ohne Wärmepause, 6 Stunden lang auf einem Brett am Grabenrand sitzend, die Zeichnung eines MG-Postens im Schneetarnhemd klar und sorgsam durchzuführen. Denn nicht nur die Finger werden steif, sondern auch der Atemhauch schlägt sich auf dem Papier als zarte Eisdecke nieder, die man mit dem Stift erst aufreißen muß, um einen Strich überhaupt zu erzielen …“

1945 erlebte er das Kriegsende zu Hause in Göttingen, geriet dann aber aufgrund seines pflichtgemäßen Erscheinens als Wehrmachtsangehöriger bei der amerikanischen Kommandantur in Gefangenschaft. Nach einem guten Jahr Haft in einem Sonderlager kehrte er 1946 unterernährt und gesundheitlich schwer angeschlagen nach Hause zurück. An den Folgen der Haftzeit verstarb Wolfgang Willrich 1948 in Göttingen. Durch Bombenkrieg und Besatzung wurden etwa 90 Prozent von Willrichs Originalzeichnungen zerstört. Der Rest lagert zumeist in deutschen oder amerikanischen Archiven.

Inselfriesin
Jungbauernführer aus dem Baltenland

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com