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Russland auf dem Weg in den Ersten Weltkrieg

Im Verlaufe der 1880er Jahre wandte sich Rußland zunehmend von Deutschland ab. Die panslawistisch bestimmte Öffentlichkeit warf dem deutschen Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck vor, während des Berliner Kongresses von 1878 Rußland die Möglichkeit verwehrt zu haben, nach seinem Sieg über das Osmanische Reich seine Vorherrschaft auf dem Balkan auszubauen. Hinzu kam die deutscherseits erfolgte Anhebung der Einfuhrzölle auf russisches Getreide. (© WikiMedia Commons / Jacques Pilartz (CC0)

Eine Bestandsaufnahme der historischen Umstände

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Russische Kaiserreich der in territorialer Hinsicht größte Staat der Welt nach dem Britischen Weltreich. Das Zarenreich erstreckte sich über einen bedeutenden Teil Eurasiens, von der Ostsee bis zum Stillen Ozean und vom Nordpolarmeer bis hin zu den Wüsten Mittelasiens. Rußlands Natur war außerordentlich mannigfaltig und abwechslungsreich. Die wirtschaftliche Entwicklung der einzelnen Regionen Rußlands blieb nach wie vor ungleichmäßig. Besonders hochentwickelt waren die Industrieregionen Moskau, St. Petersburg, Riga, Lodz, Südrußland und Ural. Immer erfolgreicher und intensiver verlief die wirtschaftliche Erschließung Sibiriens und des Fernen Ostens mit den rasch wachsenden Industrie- und Handelszentren Krasnojarsk, Nowonikolajewsk (das heutige Nowosibirsk) und Wladiwostok. Zwischen diesen reichen und entwickelten russischen Regionen bestanden jedoch nur außerordentlich schwache Verkehrsverbindungen.

Von Wolfgang Akunow

Russische Historiker diskutieren schon lange über Rußlands mögliche Entwicklungswege im 20. Jahrhundert und werden es wohl noch Jahrzehnte weiter tun. Die wichtigsten Meinungen russischer Historiker darüber zusammenfassend, ließe sich wohl folgendes behaupten: Trotz einzelner Fehlentscheidungen und Mängel der Zarenbehörden bestanden beachtliche Chancen, das Russische Kaiserreich als einheitliches Staatsgebilde bei gleichzeitiger Bewahrung der Grundlagen der selbstherrschaftlichen Monarchie langfristig aufrechtzuerhalten. Alle Mängel des realen Lebens hätten sich beseitigen oder zumindest mildern lassen, indem man den Staatsapparat durch Einbeziehung kompetenter und aktiver Verwaltungsbeamter, die den Willen des regierenden Monarchen präzise, doch zugleich kreativ und initiativreich umzusetzen willens und imstande gewesen wären, nach und nach reformiert hätte.
Rußlands Industrialisierung und marktwirtschaftliche Modernisierung sollte auch eine entsprechende politische Modernisierung des Zarenreiches nach sich ziehen und diese ständig beschleunigen. Die erfolgreiche gleichzeitige Umsetzung politischer und wirtschaftlicher Reformen bis hin zur Gleichberechtigung aller Staatsuntertanen – unabhängig von Stand, Bekenntnis und Nationalität – barg gewiß Gefahren für den Staat in seiner traditionellen Form, bot jedoch ebenso beachtliche Chancen für die Fortsetzung eines evolutionären, nicht revolutionären Entwicklungswegs. Im Rahmen dieser Entwicklungsvariante wäre das Russische Kaiserreich durchaus imstande gewesen, den Stand der größten damaligen Industriestaaten zu erreichen. Dies war Rußland jedoch nicht beschieden.

Die weltpolitische Lage im Vorfeld des Ersten Weltkriegs

In den letzten Jahrzehnten des 19. sowie im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bildeten sich auf der Bühne des Weltgeschehens zwei einander feindlich gesinnte militärpolitische Bündnisse imperialistischer Großmächte heraus, die 1914 den Weltkrieg gegeneinander entfesselten, und zwar der Dreibund und die Entente. Der Dreibund (dem anfangs Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien angehörten, wobei Italien später durch das großtürkische Osmanische Reich ersetzt wurde) und die Entente (Frankreich, Rußland und England, später durch Italien verstärkt) bereiteten sich auf den kommenden Krieg schon lange vor dessen Ausbruch vor. Deutsche Politiker sahen für Deutschland die Gefahr eines Zweifrontenkriegs gegen Frankreich und Rußland. Sie hofften auf Frankreichs militärische Niederlage noch vor Abschluß der Mobilmachung in Rußland. Die Hauptlast des Kampfs gegen die russischen Streitkräfte vor dem Eintreffen der siegreichen deutschen Armeen aus dem besiegten Frankreich an der Ostfront würde Österreich-Ungarn tragen müssen.

Der Weltkrieg brach mit der deutschen Kriegserklärung an Rußland am 1. August 1914 aus. Als Casus belli diente die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand durch den großserbischen Nationalisten und Geheimbündler Gavrilo Princip im damals zu Österreich gehörigen bosnischen Sarajevo am 28. Juni 1914. Dieser politische Meuchelmord wurde von österreichisch-ungarischen und deutschen Militaristen als Anlaß zum Kriegseintritt genutzt. Sehr bald führten acht Staaten Europas Krieg gegeneinander: Deutschland und Österreich-Ungarn gegen Frankreich, Rußland, England, Belgien sowie Serbien und Montenegro. Im Laufe der Zeit griff der Krieg auf 38 Staaten über. So gut wie die ganze damalige Welt stand in Waffen.

Die Widersprüche, die zur Herausbildung der feindlichen Koalitionen führten, hatten sich im Laufe der vorangegangenen Jahrzehnte entwickelt und verschärft. Der Dreibund bzw. Bund der Mittelmächte war bereits im Jahr 1882 entstanden, die Entente 1907. Italiens Frontenwechsel änderte nicht viel daran. Alle kriegführenden Staaten beider verfeindeten Bündnisse verfolgten ihre eigenen Kriegsziele, wovon noch die Rede sein wird.

Die Kriegsvorbereitungen hatten lange im voraus begonnen. Die gesetzten wirtschaftlichen sowie militärisch-technischen Maßnahmen gingen Hand in Hand mit der ideologischen Bearbeitung der eigenen Völker. Als theoretische Basis dieser Bearbeitung dienten nationale Programme und die jeweilige Politik der herrschenden Kreise sowie ihrer Parteien. Sie suggerierten ihren Völkern den Eindruck einer Unvermeidlichkeit der Nationalitätenkonflikte (des „großen Völkerringens“) und des bevorstehenden „großen Waffengangs“, indem sie das Volksbewußtsein durch das Gift des militanten Nationalismus und Chauvinismus verwirrten. Die Aufstachelung der nationalpatriotischen Volksgefühle rechtfertigte gleichsam das Wettrüsten und verschleierte Eroberungsziele durch hochtrabende Worte über die Notwendigkeit, Vaterland, Ehre und Würde der Nation vor äußeren Feinden zu schützen.

Bereits im Oktober 1873 trafen sich die Kaiser Franz Joseph I., Wilhelm I. und Alexander II. in Schloß Schönbrunn, um das Dreikaiserabkommen zu unterzeichnen, das jedoch auf dem Berliner Kongreß auseinanderbrach und im Juni 1881 durch den neuen Dreikaiserbund ersetzt wurde.
© WikiMedia Commons / Anna Moscowriuo (CC BY-SA 4.0)
1884 kam es in der russisch-polnischen Stadt Skierniewice zu einem erneuten Treffen der drei Kaiser, die ihren Bund noch einmal verlängerten, bis er 1885/86 endgültig zerbrach. Der zunehmende Handelskrieg zwischen Rußland und Deutschland und des letzteren unaufhaltsames Erstarken nach der Reichseinigung führten zu einer Annäherung Rußlands an Frankreich. Großbritannien galt damals aber noch als entschiedener Feind Rußlands.
Das Osmanische Reich war am Vorabend des Ersten Weltkriegs zwar schon fast zur Gänze aus Europa vertrieben, reichte aber noch bis an die Grenzen Persiens und bis zur Südspitze der arabischen Halbinsel. Jahrhundertelang war die Hohe Pforte der wichtigste außenpolitische Gegner Rußlands gewesen. © WikiMedia Commons / Esemono (CC0

Rußland hoffte, durch einen erfolgreichen Krieg gegen Österreich-Ungarn und Deutschland folgende Ziele zu erreichen: der russischen Schwarzmeerflotte freie Durchfahrt durch den Bosporus und die Dardanellen zu verschaffen, sich Galizien und das Njemen-Unterlaufgebiet einzuverleiben sowie mittels Abschwächung des deutschen und österreichischen Einflusses auf die Türkei die russische Präsenz auf dem Balkan zu verstärken.

Deutschland strebte danach, England militärisch zu schlagen, den französischen, belgischen und portugiesischen Kolonialbesitz im deutschen Interesse umzuverteilen, in den reichen arabischen Provinzen der Türkei festen Fuß zu fassen, Rußland durch die Eroberung eines Teils seiner polnischen und baltischen Provinzen sowie der Ukraine zu schwächen.

Österreich-Ungarn hoffte, Serbien und Montenegro zu besetzen, den gesamten Balkan unter seine Vorherrschaft zu bringen sowie Rußland einen Teil seiner polnischen Provinzen, Podolien und Wolhynien abzunehmen.

Die Türkei hoffte, mit deutscher Unterstützung das russische Transkaukasien zu besetzen.

Bulgarien hoffte, sich mit Hilfe der Mittelmächte und unter Ausschaltung seiner Rivalen Serbien und Griechenland zur „Minigroßmacht“ auf dem Balkan emporzuschwingen.

England war bestrebt, seine weltweite See- und Kolonialherrschaft zu behaupten, Deutschland als Weltmarktkonkurrenten zu vernichten und den deutschen Ansprüchen auf die Umverteilung des Kolonialbesitzes Einhalt zu gebieten. Außerdem hoffte England, seine Stellung in Ägypten zu festigen sowie die erdölreichen türkischen Gebiete Mesopotamiens und Palästinas zu erobern (worauf übrigens auch Deutschland Anspruch erhob).

Ziel der französischen Revanchisten war es, die im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 an Preußen verlorenen Provinzen Elsaß und Lothringen zurückzuerobern, das kohlereiche Saargebiet zu gewinnen und seine Präsenz im Nahen Osten auf türkische Kosten auszubauen.

Serbien hoffte, mit Hilfe der Entente (in erster Linie Rußlands) nach der Zerschlagung der habsburgischen Vielvölkermonarchie und des Osmanischen Reichs alle südslawischen Nationen unter den eigenen Hut zu bringen. Das lange zwischen den Mittelmächten und der Entente schwankende Italien verband sein Schicksal schließlich doch mit der Entente und trat auf ihrer Seite in den Krieg ein mit der Hoffnung, auf dem Balkan Fuß zu fassen. Rumänien hoffte, mit Hilfe der Entente das ungarische Siebenbürgen besetzen zu können, Japan auf die deutschen Schutzgebiete in China.

Die Vereinigten Staaten von Amerika blieben im Laufe der drei ersten Weltkriegsjahre neutral, wobei sie sich durch Waffen- und andere Warenlieferungen an beide Kriegsbündnisse eine wahrhaftig goldene Nase verdienten. Erst angesichts des herannahenden Kriegsendes, als beide Seiten aufgezehrt waren und das Zarenreich unter der Kriegslast zusammengebrochen war, griffen die USA im April 1917 als Entente-Verbündete ins Kriegsgeschehen ein, um den geschwächten europäischen Staaten ihre eigenen Friedensbedingungen aufzuzwingen, die die Weltherrschaft des US-amerikanischen Imperialismus sichern sollten.

Rußlands Wendung von Deutschland zu Frankreich

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Russische Kaiserreich von ausländischen Beobachtern als eine starke, jedoch von internationalen militärpolitischen Interessen allzusehr isolierte Großmacht aufgefaßt. Im Verlauf der langen Herrschaft des Zaren ?lexanders III. (1881–1894) führte Rußland keine Kriege. Diesem wichtigen Umstand verdankte der vorletzte russische Selbstherrscher seinen Ruf als „Friedensstifter“ (russ. „Mirotworez“). Auch sein Sohn und Nachfolger, Nikolaus II., versprach feierlich, der Friedenspolitik seines Vaters treu zu bleiben. Unter seiner Federführung initiierte die russische Diplomatie die internationale Rüstungsbegrenzungskonferenz im niederländischen Den Haag 1899. Die Haager Friedenskonferenz erwies sich jedoch leider als nicht dazu imstande, konstruktive und wirkungsvolle Beschlüsse zu fassen, geschweige denn durchzusetzen. Europas Großmächte versicherten einander zwar der Aufrichtigkeit ihrer Friedensbestrebungen, setzten jedoch in Wirklichkeit ihren Rüstungswettlauf weiter fort, der anderthalb Jahrzehnte danach den Ersten Weltkrieg zur Folge hatte.

Im Verlauf der 1880er Jahre wurde das russisch-deutsche Verhältnis immer kühler und problematischer. Die panslawistisch bestimmte russische Öffentlichkeit warf dem deutschen Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck dessen rußlandfeindliche Haltung während des Berliner Kongresses 1878 vor, die Rußland die Möglichkeit verwehrt hatte, nach dem Sieg über das Osmanische Reich seine Vorherrschaft auf dem Balkan zu festigen. Hinzu kam die deutscherseits erfolgte Anhebung der Einfuhrzölle auf russisches Getreide. Nichtdestotrotz wurde 1881 der neue deutsch-österreichisch-russische „Dreikaiserbund“ abgeschlossen. Dieser Vertrag sah die Neutralität der Beteiligten im Falle des Kriegs eines Unterzeichnerstaats gegen eine vierte Großmacht vor und ließ speziell Rußland freie Hand im Falle eines bewaffneten Konflikts mit England, das nicht zu Unrecht damals als Rußlands Hauptfeind galt, welcher das Zarenreich um die Früchte seines Balkanfeldzugs 1877/78 gebracht hatte und den Russen in Mittelasien trotzte.

Der an sich vielversprechende und perspektivreiche trilaterale „Dreikaiserbund“ erwies sich jedoch als recht kurzlebig. Allzu widersprüchlich waren Rußlands und Österreichs Interessen auf dem Balkan. Indessen spielte der 1882 geschlossene Dreibund Deutschland-Österreich-Italien immer stärker eine entscheidende Rolle für Deutschlands Außenpolitik. Mitte der 1880er Jahre förderten Österreich-Ungarn und Deutschland die Machtergreifung rußlandfeindlicher Kräfte in Bulgarien.

Das Russische Kaiserreich begann, nach neuen Verbündeten zu suchen. Auf dem Balkan waren das Serbien (das bereits 1885 gegen Bulgarien Krieg führte) und Montenegro. Anfang der 1890er Jahre bahnte sich eine russisch-französische Annäherung als politische Antwort auf die immer stärkere Stellung Deutschlands in Europa an. Diese Annäherung an das republikanische Frankreich wurde beiderseits als nützlich aufgefaßt, weil sich das Russische Kaiserreich damals im Zustand eines „Zollkriegs“ mit dem Deutschen Kaiserreich befand, welcher der russischen Getreideausfuhr nach Deutschland beachtlich schadete. Das republikanische Frankreich aber brach durch das mit dem nach wie vor autokratisch regierten Rußland eingegangene Bündnis aus der wirtschaftlich-politischen und militärischen Isolierung aus, in die es infolge seiner Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg geraten war. Das Zarenreich, welches Deutschlands allzu rasches und gefährliches Erstarken befürchtete und die dortige Entwicklung immer mißtrauischer verfolgte, griff Frankreich immer entschiedener unter die Arme. Ab 1887 erhielt Rußland regelmäßig französische Anleihen und wurde im „Zollkrieg“ gegen Deutschland immer aktiver. Das Zarenreich hob die Einfuhrzölle für Kohle, Metall und Maschinen aus Deutschland bedeutend an.

Im Jahr 1887 unterzeichneten Rußland und Deutschland den „Rückversicherungsvertrag“. Darin verpflichtete sich das Russische Kaiserreich, im Falle einer französischen Aggression gegen Deutschland neutral zu bleiben. Das Deutsche Reich übernahm die gleiche Neutralitätsverpflichtung für den Fall einer österreichisch-ungarischen Aggression gegen Rußland. Im Falle eines russischen Angriffs auf Österreich-Ungarn oder eines deutschen Angriffs auf Frankreich galt die Neutralitätsklausel nicht. Somit wurde ein Krieg zwischen nur zwei europäischen Großmächten vollkommen unmöglich.
Die fortschreitende russisch-französische Annäherung wurde durch die Unterzeichnung eines russisch-französischen Bündnisvertrags im Jahre 1891 gekrönt, der 1894 ratifiziert wurde. Die Vertragsparteien verpflichteten sich, einander im Falle einer Aggression seitens der Dreibundmächte militärische Hilfe zu leisten. Das russisch-französische Bündnis war jedoch anfangs nicht nur gegen Deutschland, sondern auch gegen England gerichtet. Die Annäherung an England wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts möglich.

So bildeten sich in Europa gleichsam schleichend zwei militärpolitische Blöcke heraus, auf der einen Seite Deutschland und Österreich-Ungarn, auf der anderen Rußland und Frankreich. Rußlands europäische Rolle nahm auch aus dem Grund ständig zu, daß sich das Zarenreich traditionell (und im Zuge des erstarkenden Panslawismus erst recht) als Schutzmacht aller, in erster Linie jedoch christlich-orthodoxer Slawen positionierte. Dazu gehörten übrigens nicht nur die auf dem Balkan ansässigen Serben, Mazedonier, Montenegriner, Aromunen und Bulgaren. Auch unter anderen slawischen Völkern, die in anderen Staaten (inklusive Deutschland mit seinen Polen und Österreich-Ungarn mit seinen Tschechen, Slowaken, Slowenen, Kroaten, Polen und Ruthenen [= Ukrainer]) lebten, selbst in gewissen polnischen Kreisen – trotz deren Katholizismus sowie traditioneller Rußland- und Russenfeindlichkeit – erstarkten panslawistische Strömungen. Rußland wurde von den Ideologen und Wortführern des Panslawismus als Mittelpunkt der slawischen Welt betrachtet und gefeiert. Diese russischerseits geförderten Bestrebungen versetzten die russische Diplomatie in die Lage, in Ost- und Mitteleuropa aktiv auf Rußlands außenpolitische Ziele hinzuarbeiten.

Das sich sowohl auf Europa als auch auf Asien und Afrika erstreckende, großtürkische Osmanische Reich, Rußlands jahrhundertelang wichtigster außenpolitischer Gegner, befand sich in einer tiefen Krise. Seine Schwäche verlockte zahlreiche russische Politiker und Vertreter der Öffentlichkeit, die Zarenregierung unermüdlich zur Lösung der nach ihrer Überzeugung wichtigsten außenpolitischen Aufgabe aufzurufen. Sie forderten die Eroberung Konstantinopels beziehungsweise Istanbuls, des Bosporus und der Dardanellen. Indessen waren auch Großbritannien und Deutschland bestrebt, ihren Einfluß auf die Osmanen zu verstärken. Dieser Umstand gab Anlaß für ständige Reibereien und Konflikte mit dem Russischen Kaiserreich.

Panslawistische Träume

Allerdings versprach sich das Russische Kaiserreich als das „dritte Rom“, Bollwerk und Hort des christlich-orthodoxen Glaubens, keine raschen diplomatischen und politischen Erfolge in der europäischen Arena. Die panslawistischen Träume vom Gewinn der Schwarzmeerstraßen, geschweige denn Konstantinopels (dem durch die Wiederaufrichtung des christlich-orthodoxen Kreuzes auf der Kuppel der von den Türken in eine Moschee verwandelten Hagia Sophia sozusagen die Krone aufgesetzt werden sollte) blieben im Grunde genommen nicht weniger theoretisch als die Weltumverteilungspläne des Alldeutschen Verbands im Wilhelminischen Kaiserreich oder die von den damaligen griechischen Nationalisten unermüdlich diskutierten Pläne der Verwandlung Griechenlands in ein neues byzantinisches Großreich. Im Unterschied dazu erschien der herrschenden Schicht des Zarenreichs der fernöstliche Schwerpunkt der russischen Außenpolitik in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bedeutend attraktiver und vielversprechender. Denn gerade im Fernen Osten konzentrierten und kreuzten sich damals die diplomatischen, militärischen, politischen und wirtschaftlichen Interessen mehrerer Großmächte.

Transsibirische Eisenbahn und Boxeraufstand

Bereits im Jahre 1891 wurde in Rußland mit dem Bau der damals weltweit größten, rund 7000 Kilometer langen Magistrale begonnen, nämlich der Transsibirischen beziehungsweise Sibirischen Eisenbahn zwischen den Städten Tscheljabinsk und Wladiwostok. Aus militärischer Sicht war die Zarenregierung bestrebt, durch den Bau dieser Eisenbahnstrecke die Möglichkeit zu schaffen, Truppen aus dem europäischen Reichsteil in den russischen Fernen Osten zu transportieren, um die Randgebiete Amur und Primorje im Kriegsfall effektiv verteidigen zu können. Aus wirtschaftlicher Sicht erschien die Verlegung der Sibirischen Eisenbahn für das Russische Kaiserreich nicht minder wichtig, weil sich für Rußland nach dem Abschluß der Bauarbeiten der Weg nach China im Vergleich zum bisherigen Umweg über den Suezkanal bedeutend, und zwar beinahe um zwei Drittel, verkürzen würde (von den durch den Bahnbau verbesserten Möglichkeiten der landwirtschaftlichen Erschließung der Primorje-Gebiete ganz zu schweigen). Dieser Umstand sollte das Russische Kaiserreich in nicht allzuferner Zukunft in „einen den Völkern des Asiatischen Ostens am nächsten stehenden bedeutenden Vermittler im Handelsaustausch sowie in einen ebenso bedeutenden Erzeuger und Verbraucher“ verwandeln, wie der russische Finanzminister Sergej Juljewitsch Witte dem Zaren berichtete. Witte entwickelte weitgehende außenpolitische Pläne, die auf die wirtschaftliche Eroberung ganz Chinas durch das Russische Kaiserreich ausgerichtet waren.

1897 wurde im Rahmen von Wittes Plänen mit dem Bau der Ostchinesischen Eisenbahn begonnen. Gleichzeitig schloß Rußland mit China ein gegen die neue, aufstrebende (und aktiv durch England unterstützte) asiatische Großmacht Japan gerichtetes Schutzbündnis ab. Im Jahre 1898 pachtete Rußland den chinesischen Hafen Port Arthur, auf den die Japaner nach dem für sie erfolgreichen Krieg gegen China 1894/95 Anspruch erhoben hatten, weshalb sie nunmehr den Russen grollten. All das deutete unmißverständlich auf den Wandel des Fernen Ostens zum Schwerpunkt der russischen außenpolitischen und wirtschaftlichen Expansion zu Beginn des 20. Jahrhunderts hin. Gemäß dem zwischen Rußland und China geschlossenen Vertrag wurde mit der Stationierung russischer Truppen in der chinesischen Nordprovinz Mandschurei begonnen.

Einen besonders radikalen Standpunkt in Fragen eines möglichst raschen Vordringens Rußlands im Fernen Osten vertrat eine dem Zarenhof nahestehende Gruppe der russischen Oberschicht, als deren Kopf und Wortführer der hochadelige Gardekavallerieoffizier a.D. Alexander Michajlowitsch Besobrasow agierte. Seine Anhänger verfolgten dabei ihre eigennützigen Wirtschaftsinteressen im Fernen Osten. Diese Interessengemeinschaft, die eine Gesellschaft zur Ausbeutung der Naturreichtümer Koreas gegründet hatte und von der liberalen russischen Öffentlichkeit abwertend und verächtlich als „Besobrasow-Bande“ bezeichnet wurde, erhob die Forderung, die Mandschurei (die sie als „Gelbrußland“ bezeichnete) unverzüglich an das Russische Kaiserreich anzuschließen.
In den Jahren 1900/01 beteiligte sich das Russische Kaiserreich an der militärischen Intervention der acht damaligen Großmächte (Rußland, Frankreich, Italien, Deutschland, Österreich-Ungarn, England, USA und Japan) in China zwecks Niederschlagung des ausländerfeindlichen „Boxeraufstands“. Die China zugefügte Niederlage ließ die Eroberungsgelüste der großrussischen Imperialisten ins Unermeßliche steigen.

Der russisch-japanische Krieg von 1904

Indessen blieb sowohl bei der relativ vorsichtigen Fernostpolitik Wittes als auch im Rahmen der unverhohlen aggressiven Politik der „Besobraswow-Bande“ eine ganze Reihe objektiver und daher umso wichtigerer Faktoren unberücksichtigt. Erstens wurde von beiden „Parteien“, wie so oft in der russischen Geschichte, Rußlands reale militärpolitische und wirtschaftliche Macht maßlos überschätzt. In Wirklichkeit reichte die Stärke des Zarenreichs bei weitem nicht aus, um Wittes und erst recht Besobrasows Fernost-Großmachtträume zu verwirklichen.

Zweitens wurden die rasch zunehmenden Aktivitäten des aufstrebenden Japanischen Kaiserreichs als Rußlands Hauptgegner in der fernöstlichen Region ganz offensichtlich unterschätzt. Japan war nur dazu bereit, Rußlands „Eisenbahninteressen“ in der Mandschurei zu akzeptieren und zu respektieren, forderte jedoch für sich vollkommene wirtschaftspolitische Freiheit in dieser umstrittenen Region des erlahmenden China sowie im noch schwächeren Korea. Damit hatten weder Witte noch Besobrasow gerechnet.

Drittens wurden russischerseits die Interessen Englands und der Vereinigten Staaten von Amerika in China völlig außer acht gelassen, obwohl Japan in seinem Zwist mit Rußland nicht nur von den Briten, sondern auch von den Amerikanern aktiv unterstützt wurde. Das mit Rußland verbündete Frankreich erklärte sich im russisch-japanischen Konfliktbereich praktisch neutral, weil es einen eventuellen bewaffneten Konflikt nicht nur mit Japan, sondern auch mit Japans Verbündetem England befürchtete. Vollkommen unerwartet für das Zarenreich erhielt Rußland in seinem Konflikt mit Japan allerdings Unterstützung seitens des Deutschen Kaiserreichs. Dies war jedoch durchaus verständlich. Der deutschen Diplomatie war sehr daran gelegen, Rußland sich möglichst tief in Fernostangelegenheiten verzetteln zu lassen, statt Deutschlands Expansionsplänen in Europa im Weg zu stehen. Alles in allem geriet das Russische Kaiserreich Anfang 1904 in diplomatische Isolation.

Das geflügelte Wort „Besobrasow-Bande“ weist ganz unzweideutig auf folgenden wichtigen Umstand hin. Der gesamte erwähnte, großspurig als „großes asiatisches Programm“ bezeichnete Komplex der russischen Fernostvorhaben fand bei einem bedeutenden Teil der gebildeten Stände Rußlands keinen Anklang. Die von der Zarenregierung geförderte China- und Korea-Expansionspolitik wurde in fast allen russischen Gesellschaftskreisen mehr oder weniger offen und scharf kritisiert. Indessen wiesen Öffentlichkeit und Publizistik der europäischen Staaten sowie der USA, denen an der Minderung von Rußlands Einfluß im Fernen Osten sehr gelegen war, ständig auf die Rußland angeblich eigene „besondere Aggressivität“ hin. Diese Behauptung wurde letzten Endes durch ein folgenschweres historisches Ereignis widerlegt: Am 27. Januar 1904 erwies sich nicht Rußland, sondern Japan als Aggressor. Fast eine Woche zuvor hatte die russische Regierung an die Regierung Japans ein Schreiben gerichtet, worin sie wichtige Zugeständnisse machte und das „Inselreich der aufgehenden Sonne“ lediglich darum ersuchte, Korea nicht in Japans strategischem Interesse zu nutzen. Japan verzögerte jedoch vorsätzlich die Weitergabe dieses Schreibens an die russische Botschaft in Tokio. Dadurch wurde der japanischen Regierung die Möglichkeit geboten, unter Berufung auf Rußlands „Trägheit“ die diplomatischen Beziehungen zum Zarenreich aufzukündigen. Die vor Port Arthur vor Anker liegenden russischen Kriegsschiffe wurden ohne Kriegserklärung von der japanischen Marine angegriffen. Dies bildete den Auftakt zum für das Zarenreich fatalen Russisch-Japanischen Krieg, dessen für Rußland unglücklicher Verlauf zur Russischen Revolution von 1904/05 führte, die die traditionelle Selbstherrschaft zutiefst erschütterte und zu politischen Reformen in Richtung des Übergangs zur konstitutionellen Monarchie zwang.

1891 wurde in Rußland mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn begonnen, die die riesige sibirische Landmasse erschließen sollte und bis nach Wladiwostok reichte. © WikiMedia Commons / OpenStreetMap (ODbL 1.0)
Der in Tiflis geborene Staatsmann Sergei Witte (dessen Vater zur deutschbaltischen Ritterschaft gehörte) wurde 1889 russischer Finanzminister, was er bis 1906 blieb. Witte wollte Rußlands wirtschaftliche Stellung in China entschieden voranbringen. © WikiMedia Commons / LoC (CC0)
Nach der Niederlage gegen Japan kam es 1904/05 zu einer Revolution in Rußland, die im Film „Panzerkreuzer Potemkin“ von Sergei Eisenstein aus dem Jahr 1925 verherrlicht wurde.
Im Jahre 1913 feierten die Romanows die 300jährige Regierung ihrer Dynastie, wozu verschiedene Plakate, wie das hier abgebildete, gedruckt wurden.

Die industrielle Revolution

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Welt unter dem Einfluß und im Zeichen der allseitigen industriellen Revolution, welche die gesellschaftlichen Produktivkräfte grundsätzlich transformierte und die Beschleunigung des sozial-wirtschaftlichen Fortschritts auf allen Gebieten ermöglichte. Europa, das diese Revolution zuerst vollzogen hatte, nahm dank dieses Umstands eine weltweit dominierende Stellung ein, indem es alle übrigen Erdteile seinem Einfluß zu unterwerfen vermochte. Es konnte seine Stellung als wirtschaftlicher und machtpolitischer Mittelpunkt der Welt bis Mitte des 20. Jahrhunderts behaupten, als die moderne wissenschaftlich-technische Revolution Europas Dominanz in Frage stellte.

Die im Westen vollzogene industrielle Revolution gebar eine eigene Ideologie. Dabei handelte es sich um diverse Theorien des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus. Den Grundstein all dieser Theorien bildeten die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, der absolute Wert der menschlichen Persönlichkeit, das Recht auf Eigentum und Handlungsfreiheit im Rahmen der Gesetze, die Unantastbarkeit des Privatlebens für den Staat usw. Die Wirtschaftslehre des Liberalismus gründete auf der Ideologie des freien Wettbewerbs und der freien Kapitalakkumulation.

Die industrielle Revolution vollzog sich in den einzelnen Staaten Europas ungleichmäßig und in unterschiedlichen Zeitabschnitten. Sie bewirkte den Übergang vom vorherigen, auf Agrarproduktion und teilweise Handel basierenden Wirtschaftssystem zur Industriewirtschaft, für die die Vorherrschaft des städtischen Industrietyps (Verdrängung der manuellen durch maschinelle Arbeit, Erzielung eines höheren Grads der Arbeitsteilung, Fabrik- statt Manufakturproduktion usw.) kennzeichnend war.

Das Fabriksystem führte zu Intensivierung des Arbeitsprozesses, Verlängerung des Arbeitstags, Senkung des Arbeitslohns (wegen der weitgehenden Nutzung der Frauen- und Kinderarbeit) sowie zur völligen Rechtlosigkeit der Arbeiter, was zu deren oft utopischen Ideen führte. Unter dem Einfluß des sich ständig verschärfenden Widerspruchs zwischen Lohnarbeitern und Kapitalisten wurde in den 1940er Jahren der erste Versuch unternommen, die erstarkende Arbeiterbewegung mit einer wissenschaftlichen Theorie zu versehen. So entstand der Marxismus.

Aus heutiger Sicht könnte das 19. Jahrhundert mit Fug und Recht als Zeitalter des unzweifelhaften Siegs des Kapitalismus in allen Industrieländern bezeichnet werden. Schon in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts machten sich die dem Kapitalismus zugrundeliegenden wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten deutlich bemerkbar. In weniger als 100 Jahren seiner Klassenherrschaft schuf das industrielle Bürgertum zahlreichere und gewaltigere Produktionskräfte als alle vorangegangenen Generationen zusammen. Im 19. Jahrhundert erschienen Dampfschiff und Eisenbahn, Kraftwagen und Flugzeug, Rundfunk, Telefon und Telegraph. Die im letzten Drittel dieses revolutionären und folgenschweren Jahrhunderts gemachten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Erfindungen führten zur Entstehung völlig neuer Industriezweige wie Elektrotechnik, chemischer Industrie, Maschinenbau, Erdölförderung und -raffination. So avancierte der auf neue Forschungsergebnisse gestützte technische Fortschritt erstmals in der Weltgeschichte zum unmittelbaren Faktor der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung. Zur gleichen Zeit traten jedoch die der kapitalistischen Produktionsweise eigenen inneren Widersprüche immer deutlicher hervor. Überproduktionskrisen in einzelnen Branchen wurden von zyklischen Krisen abgelöst, die die gesamte Industrie, den gesamten Handels- und Finanzbereich erfaßten. Die erste dieser Krisen brach 1825 in England aus und leitete die Geschichte sich regelmäßig wiederholender Rezessionen ein.

Aus der Sicht der heutigen Modernisierungstheorie, die von westlichen Wissenschaftlern unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution entwickeln wurde, sollte das 19. Jahrhundert als Zeitalter des Übergangs der Gesellschaft vom herkömmlichen Agrarzustand zum modernen industriellen Zustand bezeichnet werden. Mit dieser wirtschaftlichen Modernisierung ging auch die politische Modernisierung einher. Als politische Modernisierung wird der Werdegang des demokratischen Repräsentativsystems und des Rechtsstaats bezeichnet, worunter im 19. Jahrhundert ein Staat verstanden wurde, der die Gesamtheit aller der parlamentarischen Staatsordnung eigenen Freiheiten unter eingeschränktem Zugang der unteren Klassen zur Beteiligung an den Wahlen des Gesetzgebers gewährleistete und beschützte.

Der politische Modernisierungsprozeß verlief im Europa des 19. Jahrhunderts recht kompliziert und schwierig. Er hing von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren ab und zeitigte in einzelnen Ländern unterschiedliche Ergebnisse. In den fortschrittlichsten Staaten, wie England, den USA, teilweise auch in Frankreich, Belgien und Schweden konnten im 19. Jahrhundert wichtige Elemente der Zivilgesellschaft und der repräsentativen Demokratie Fuß fassen, obwohl der politischen Modernisierung der endgültige Sieg auch in diesen Staaten noch vorenthalten blieb. Weniger fortgeschrittene Länder, wie Deutschland, Österreich-Ungarn und Rußland, standen erst am Anfang dieser politischen Modernisierung. Der Modernisierungsprozeß hatte welthistorischen Charakter, da es ihm beschieden war, im Laufe der Zeit alle Länder der Welt zu erfassen. Anhand der Chronologie, Intensität und Ergebnisse der in diesen Ländern verlaufenden politischen Modernisierung lassen sich die Länder der damaligen Welt drei „Staffeln“ der kapitalistischen Entwicklung zurechnen. Der ersten „Staffel“ gehörten die westlichen Industriestaaten, der zweiten weniger industriell fortgeschrittene „Entwicklungsstaaten“ (inklusive Rußland), der dritten die damals kolonialen beziehungsweise halbkolonialen Länder der späteren Dritten Welt an.

An der Schwelle zum 19. Jahrhundert war Rußland der bevölkerungsreichste Staat Europas. Der Volkszählung von 1795 zufolge lebten im Russischen Kaiserreich auf einem Territorium von 17,4 Millionen Quadratkilometern 37,4 Millionen Menschen, die zahlreichen Volks- und Religionsgruppen angehörten. Neben dem zahlenmäßig stärksten russischen (damals als großrussisch bezeichneten) Volk lebten Ukrainer (damals als Kleinrussen bezeichnet), Weißrussen, turksprachige, finnougrische Völker u.a.m. Rußland war ein ausgesprochenes Agrarland mit einem archaischen Wirtschaftssystem, dem die Bauernhörigkeit zugrunde lag. Rund 90 % der russischen Bevölkerung machten Bauern (die meistens hörig waren) aus, etwa 2 % waren Angehörige der herrschenden Adelsschicht. Die russische Wirtschaft war ausgesprochen extensiv. Dabei wurde die sozial-wirtschaftliche Entwicklung des weiten Lands nicht nur durch die Leibeigenschaft, sondern auch durch objektive Faktoren klimatischer, geographischer und demographischer Art gehemmt und erschwert. Die Besiedelung immer neuer Territorien, die niedrige Bevölkerungsdichte sowie die Nichteignung vieler Gebiete für die landwirtschaftliche Produktion verlangsamten und verkomplizierten Prozesse, die sich in West- und Mitteleuropa unter viel günstigeren Bedingungen vollziehen konnten.

Nichtdestotrotz vollzogen sich auch in Rußland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bedeutende Transformationen. An der Schwelle des neuen Jahrhunderts trat es in einen neuen Entwicklungsabschnitt ein. Zum ersten Mal wurden Zarenregierung und Gesellschaft realiter mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihr Land zu modernisieren, da das immer weitere Zurückbleiben hinter den Industriestaaten die Lösung zahlreicher innen- und außenpolitischer Probleme Rußlands immer mehr erschwerte.

Zur Feier der 300jährige Regierung ihrer Dynastie ließ sich Zar Nikolaus II. mit seiner Frau, der hessischen Prinzessin Alix, in altrussischen Herrschaftsgewändern ablichten.

Rußland als „Entwicklungsland“

An der Jahrhundertschwelle war Rußland im Sinne der oben erwähnten „Dreierstaffelung“ ein typisches „Entwicklungsland“, obwohl es möglicherweise die Nummer eins in dieser „zweiten Staffel“ war. Diese Tatsache stellt weder die Entwicklung des „klassischen Kapitalismus“ in Rußland noch den einmaligen Charakter der russischen Geschichte in Frage. Trotz des realen Vorhandenseins beider Faktoren machten sich aber die wichtigsten Merkmale eines spezifischen Phänomens, das später als „Rußlands abhängige Entwicklung“ bezeichnet wurde, immer deutlicher bemerkbar. Es wurde bereits auf den Charakter der internationalen Position Rußlands und seiner Beeinflussung durch ausländisches Kapital verwiesen, woraus sich das erhöhte Forschungsinteresse an Problemen der „Entwicklungstypen“, des „Zurückbleibens“, der „Entwicklungsdiskrepanz“ und des „Wirtschaftswachstums“ sowie der Kapitalakkumulation, der Souveränität und der ausländischen Finanzpräsenz erklärt. Auf die damaligen russischen Verhältnisse könnte und sollte das von Evans in bezug auf das Brasilien der 1970er Jahre entwickelte Konzept angewandt werden, in dessen Rahmen das Vorhandensein des Staatskapitalismus, eines Zweckbündnisses der ausländischen und inländischen Privatkapitalisten und Industriemanager, einerseits sowie des parallel dazu erstarkenden Trends der Regierungsspitzen und -behörden, den Begriff „industrielle Entwicklung“ mit den Begriffen „Fortschritt“ und „Westernisierung“ beziehungsweise „Verwestlichung“ zu identifizieren, andererseits als charakteristisches Merkmal festgestellt wurde.

Im damaligen Rußland waren wirtschaftliche und soziale Streßerscheinungen infolge von Unausgeglichenheiten jeder Art sowie immer stärkeren Klassenunterschieden und -diskrepanzen an der Tagesordnung. Die größten russischen Industrieunternehmen, vor allem Bergwerke, gehörten internationalen Wirtschaftsstrukturen an und standen in einer recht eingeschränkten Beziehung zu der Wirtschaft, in deren Rahmen die meisten Einwohner Rußlands existierten. Trotz der im gesamtrussischen Maßstab beachtlichen Unterbeschäftigung bestand im Industriebereich ein ständiger und akuter Mangel an Facharbeitern. Die größten Betriebe des europäischen Rußland, deren Arbeiterschaft größtenteils aus „Halbbauern“ bestand, bildeten immer noch gleichsam Inseln in einer unübersichtlichen, durch Handwerk und primitive Landwirtschaftsmethoden geprägten, zutiefst archaischen Welt. Die trotzdem rasch voranschreitende industrielle Entwicklung, Urbanisierung und Alphabetisierung vertieften die soziale Kluft zwischen den besitzenden „oberen Schichten“ einerseits und der armen Land- und Stadtbevölkerung anderseits nur. Die gewaltsame Ausbeutung der Arbeitnehmer durch die Arbeitgeber, das riesige Ausmaß der staatlichen Kontrolle über Industrie- und Landwirtschaftsfragen und scharfen staatlichen Repressalien gegen Arbeitnehmer im Falle eines Konflikts mit den Arbeitgebern sorgten für immer stärkere innenpolitische Unzufriedenheit der „Unteren“ und „Fortschrittlichen“. Dieser Unmut sorgte seinerseits für Widerstand, der sowohl in zuerst „wilden“, später jedoch trotz des Fehlens von Gewerkschaften immer besser organisierten Arbeiterstreiks und Bauernunruhen als auch in Protesten Intellektueller seinen Ausdruck fand.

Im großen Ganzen boten sich aber dem damaligen Rußland bessere Möglichkeiten für eine beschleunigte industrielle Entwicklung und Transformation als den heutigen „Entwicklungsländern“. Besonders deutlich zeigte sich dieser Umstand in den Aufschwungperioden von 1892 bis 1899, vor allem jedoch 1909 bis 1913. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die politische Situation in Rußland zunehmend instabil. Der unglückselige Verlauf des Russisch-Japanischen Kriegs und die einsetzende Wirtschaftskrise zogen eine Welle innerer Unruhen, von Arbeiterstreiks, Bauernrevolten und politischen Terroranschlägen radikaler Parteien und Untergrundgruppen nach sich.

Die Ereignisse dieser ersten Russischen Revolution stellten Zar Nikolaus II. (der seinem auf dem Sterbebett liegenden Vater und Vorgänger Alexander III. seinerzeit geschworen hatte, die überkommene Selbstherrschaft unangetastet zu lassen) vor die dringende Notwendigkeit, sich für ein neues Konzept der weiteren Staatsentwicklung Rußlands zu entscheiden. Als Hauptbestandteil des künftigen russischen Staats- und Regierungsmodells sollte der traditionelle, auf die Zeiten vor Peter dem Großen zurückreichende Paternalismus, die Theorie von der Einheit des Zaren mit seinem Volk als Grundlage der Staats- und Regierungspolitik erhalten werden. In dem Bestreben, das Bild des Zaren als gütiger und liebevoller Vater seiner Untertanen-„Kinder“ zu wahren und zu verherrlichen, entschied sich die Zarenregierung alles in allem nicht für den repressiven, gewaltsamen Weg der Unterdrückung revolutionärer Unruhen, sondern für einen anderen, parlamentarischen Weg zwecks Schlichtung und Entschärfung dieser Unruhen. Die Duma sollte als beratendes Gremium den Zaren die „Volksstimme“ vernehmen lassen. Der Zar übernahm seinerseits als höchste Instanz bei der Gesetzesverabschiedung die Verpflichtung, die Gesetze selbst strikt zu befolgen, da die Gesetzeseinhaltung zur sichersten Gewähr des erfolgreichen Funktionierens eines erneuerten russischen Staats erklärt wurde.

Der nach den Revolutionswirren erstarkte, straff zentralisierte russische Staat war in der Lage, bedeutende Ressourcen zu mobilisieren und dem ausländischen wirtschaftspolitischen Druck gewissermaßen Paroli zu bieten (obwohl er anderseits auf beachtliche französische Anleihen angewiesen war, die ihn immer stärker in die deutschlandfeindliche französische Politik hineinzogen). Die Erhöhung der Nahrungsmittelpreise (vor allem für Getreide) auf dem damaligen Weltmarkt gewährleisteten in diesem Zeitabschnitt eine aktive russische Handelsbilanz und förderte die nationale Kapitalakkumulation. Die Größe des weiten Lands an sich wurde ihm zum Vorteil, indem sie zu einer immer rascheren Wirtschaftsentwicklung beitrug. Rußlands zahlreiche und unaufhaltsam wachsende Bevölkerung als potentieller Konsumentenmarkt, das gewaltige Territorium des Zarenreichs mit seinen Naturschätzen waren aus dieser Sicht dazu berufen, Rußlands wirtschaftliches Wachstum zu fördern. Rußlands asiatischer Teil hätte in diesem Fall die Rolle des britischen Indien und gleichzeitig des US-amerikanischen Wilden Westens spielen können.

In Wirklichkeit bestanden jedoch recht wenige Chancen auf ein langfristiges Fortbestehen dieser für Rußlands Wirtschaftsentwicklung günstigen Bedingungen. Selbst im wirtschaftlichen „Spitzenjahr“ 1913 entfielen 67 % des gesamten russischen Exportumfangs auf landwirtschaftliche Produkte, so gut wie den gesamten Ausfuhrrest stellten Bodenschätze. Rußlands Eintritt in den Ersten Weltkrieg leitete eine Verschlechterung der Außenhandelsbedingungen im Rohstoffbereich, vor allem aber im Nahrungsmittelbereich ein. Durch Rußlands Kriegseintritt erreichte der wichtigste Faktor, der dem Zarenreich bisher eine aktive Handelsbilanz verschafft hatte, und „Motor“ des russischen Binnenmarkts den fatalen Punkt, wonach ein unvermeidlicher und langfristiger Niedergang setzte ein.

Die zweite Quelle der Kapitalinvestitionen und der Wirtschaftsentwicklung war keine interne, sondern eine externe (da sie durch die russische Regierungspolitik der Förderung ausländischer Investitionen und die rasche Erhöhung der von der Zarenregierung gemachten Außenschulden bestimmt wurde). Viele Russen hielten eine rasche Entwicklung der Industrie ohne ausländischen Kapitalzufluß für unmöglich. Anfang 1914 belief sich der ausländische Investitionsumfang in Rußland auf 8 Milliarden Rubel. Dazu befanden sich zwei Drittel der russischen Privatbanken in ausländischem Kapitalbesitz, sowie zahlreiche Bergwerke und bedeutende private Industriebetriebe. Der von Rußland bis 1914 zurückgelegte Entwicklungsweg führte es in Richtung seiner faktischen Verwandlung in ein halbkoloniales Land im Besitz des europäischen Großkapitals. Im Kriegsverlauf verschlimmerte sich die Lage kontinuierlich. Bereits Anfang 1916 hatte sich die Außenverschuldung des Zarenreichs durch die Kriegsausgaben mehr als verdoppelt. Der Krieg vertiefte außerdem Rußlands technologische Abhängigkeit von seinen Verbündeten Frankreich und England immer mehr. Wenn Rußland die „Doppelrevolution“ von 1917 erspart geblieben und das Zarenreich aus dem Ersten Weltkrieg als „Siegermacht“ hervorgegangen wäre, wäre seine Lage demnach höchst beklagenswert gewesen. Es wäre unvermeidlich in einer immer tieferen Außenschuldentilgungskrise versunken und gezwungen gewesen, zwecks Tilgung alter Schulden, Ausschüttung von Dividenden und Bezahlung ausländischer Patente und Importlieferungen immer neue Anleihen im Ausland aufzunehmen. Derartige Szenarien sind aus Lateinamerika (Brasilien), Afrika (Nigeria) und Asien (Indonesien) gut bekannt.

Rußlands Eintritt in den Ersten Weltkrieg hätte also nach Möglichkeit vermieden werden sollen, da es weder als „Verlierer“ noch als „Sieger“ Gutes zu erwarten hatte. So lautet unser trauriges, doch den Tatsachen entsprechendes Fazit.

 

Literatur:

G.K. Arguchintsev: Staats- und Rechtsgeschichte der slawischen Völker. Eine Vorlesungsreihe, Minsk 2006.

I.D. Belyaev: Vorlesungen zur Geschichte der russischen Gesetzgebung. Nachdruck der 2. Auflage (1888), Moskau 2004.

A.A. Danilov u. L.G. Kosulina: Geschichte Rußlands des 20. Jahrhunderts, Moskau 2002.

I.N. Kusnezow: Staats- und Rechtsgeschichte der slawischen Völker, Moskau 2004.

Y.O. Martov: „Aus Briefen von 1917“, in: ????????? ????? 16/1991.

P.N. Miljukow: Erinnerungen, Moskau 1991.

N.E. Ovcharenko: Neue Geschichte, Moskau 2003.

E.I. Popova u. K.N. Tatarinova: Neue und jüngste Geschichte, Moskau 2002.

I.I. Rostunow: Geschichte des Ersten Weltkriegs 1914–1918, Moskau 1997.

Sammlung wissenschaftlicher Artikel: „Der Erste Weltkrieg 1914–1918“, Moskau 1993.

Reader zur Geschichte der UdSSR, Moskau 2001.

 
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