![]() |
In dem seit dreieinhalb Jahrzehnten schwelenden Bergkarabachkonflikt könnte es nun zu einer Lösung kommen. Am 16. Februar 2023 unterbreitete Armenien seinem Nachbarn Aserbaidschan ein Friedensangebot zur Beilegung des Konflikts um das völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehörende, aber von Armeniern besiedelte Gebiet. „Die endgültige und vollständige Variante einer Einigung mit unseren Vorschlägen wurde übergeben“, sagte Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan.
Von Dr. Bernhard Tomaschitz
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Drei Tage später, am 19. Februar, traf Paschinjan am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz zu einem von US-Außenminister Antony Blinken arrangierten Gespräch mit dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew zusammen. „Soweit wir aus unseren Gesprächen mit unseren amerikanischen Partnern und unseren Partnern aus der Europäischen Union und auch aus dem heutigen trilateralen Treffen mit Premierminister Paschinjan, das von Minister Blinken organisiert wurde, wissen, sind wir uns einig, daß die Situation in der Region zweigleisig angegangen werden sollte. Erstens die Friedensgespräche zwischen Aserbaidschan und Armenien. Zweitens die Kommunikation Aserbaidschans mit der armenischen Bevölkerung in Karabach“, wird Alijew von der englischsprachigen türkischen Zeitung „Daily Sabah“, die ein Näheverhältnis zu Präsident Erdo?an hat, zitiert.
Alijew sprach zwei wichtige Punkte an: Erstens sind Baku und Eriwan offenkundig willens, den Konflikt um Bergkarabach auf dem Verhandlungsweg zu lösen, und zweitens einverstanden, daß die USA und in ihrem Gefolge die EU ihren Einfluß im Südkaukasus ausbauen wollen. Derzeit steht Georgien an der Seite des Westens, Armenien galt bislang als Parteigänger Moskaus, und Aserbaidschan verstand es geschickt, sich weder von den USA noch von Rußland vereinnahmen lassen. Statt dessen pflegt Aserbaidschan, dessen Bevölkerung zu rund 92 Prozent aus Aseris besteht, einer mit den Türken kulturell eng verwandten turksprachigen Ethnie, enge Beziehungen zur Türkei.
Der Westen hofft, Armenien aus dem Bündnis mit Rußland herausbringen zu können. Tatsächlich sind die Beziehungen zwischen Eriwan und Moskau am tiefsten Punkt seit dem Zerfall der Sowjetunion angelangt. Grund dafür ist der Bergkarabachkonflikt oder, genauer gesagt, dessen Entwicklung seit 2020. In jenem Jahr verlor die (international nicht anerkannte) „Republik Arzach“, wie sich Bergkarabach offiziell nennt, einen Krieg gegen Aserbaidschan, das massiv von der Türkei unterstützt worden war. Nach einem von Rußland ausgehandelten Waffenstillstand verpflichtete sich Armenien zur Räumung aserbaidschanischer, aber nicht zu Bergkarabach gehörender Gebiete, die es im Ersten Bergkarabachkrieg (1988–1994) erobert hatte. Das Waffenstillstandsabkommen sah auch russische Friedenstruppen vor, die den Schutz der rund 120.000 in Bergkarabach lebenden ethnischen Armenier sowie einen sicheren Durchgang durch die Region Latschin garantieren sollten, welche Bergkarabach von Armenien trennt. Allerdings erwies sich der von Rußland ausgehandelte Waffenstillstand rasch als brüchig, und der Latschin-Korridor wurde von angeblichen Umweltschützern aus Aserbaidschan eingenommen, die den Zugang zu Bergkarabach blockieren.
Der Bergkarabachkonflikt begann 1918, als sich im April mit maßgeblicher Unterstützung des Osmanischen Reichs die Region Transkaukasus vom Russischen Reich abspaltete und am 28. Mai Aserbaidschan seine Unabhängigkeit erklärte. Bei der Beanspruchung des Territoriums spielten für Aserbaidschan (und im Hintergrund das Osmanische Reich) nicht ethnische Gründe eine Rolle, sondern geostrategische Erwägungen. Das Außenministerium der „Republik Arzach“ erklärt: „Aserbaidschan, das nie zuvor einen Staat hatte, beanspruchte nicht nur Gebiete, die kompakt von Moslems bewohnt waren, sondern auch Orte, die ausschließlich von Armeniern bewohnt wurden. Arzach (Karabach) hatte aufgrund seiner strategischen Lage in der Region eine besondere Bedeutung und konnte entweder zu einem Korridor oder einer Barriere zwischen den Moslems Osttranskaukasiens und der Türkei werden, je nachdem, unter wessen Kontrolle es stand.“
Die Armenier in Bergkarabach wollten aber nicht Teil Aserbaidschans werden und schickten ein Telegramm mit folgendem Inhalt an die Pariser Vorortekonferenz: „Ausgehend vom Recht der Völker auf Selbstbestimmung respektiert die armenische Bevölkerung von Karabach das Selbstbestimmungsrecht des benachbarten Volkes, protestiert jedoch entschieden gegen die Versuche der Regierung von Aserbaidschan, dieses Prinzip in bezug auf das armenische Karabach zu verletzen, das die Autorität Aserbaidschans nie anerkannt hat und niemals akzeptieren wird.“ Genützt hat es nichts: Die Briten, die nach dem Abzug der Türken zur bestimmenden Macht im Südkaukasus geworden waren, setzten durch, daß Bergkarabach Teil Aserbaidschans wurde.
Nach der Machtübernahme durch die Bolschewisten 1920 erklärte Bergkarabach „freiwillig“, Teil Aserbaidschans sein zu wollen, wobei Baku nicht bereit war, die zusagte Autonomie in vollem Umfang zu gewähren. In Bergkarabach regte sich Protest, und bereits in den 1960er Jahren entstand eine Bewegung, die die Angliederung an das armenische Mutterland forderte.
Die Ursprünge des Bergkarabachkonflikts reichen also mehr als 100 Jahre zurück, und dieser Konflikt ist weit mehr ein Territorialstreit. An ihm sind Angehörige zweier Religionen, nämlich Christen und Moslems, beteiligt, was eine Lösung erschwert. Der US-amerikanische Politologe Samuel P. Huntington (1927–2008) führte den Bergkarabachkonflikt daher in seinem Buch „Kampf der Kulturen“ als Beispiel für einen Bruchlinienkrieg an.
![]() |
Bruchlinienkonflikte sind laut Huntington Konflikte zwischen Gemeinschaften, die Staaten oder Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen angehören. Und das Gebiet, um das es geht, „ist häufig für eine oder beide Seiten ein stark befrachtetes Symbol ihrer Geschichte und Identität, ein heiliges Land, auf das sie ein unantastbares Recht haben“. Bruchlinienkonflikte bzw. Bruchlinienkriege treten häufig an den Grenzen des Islam auf, und zum Bergkarabachkonflikt schrieb Huntington: „Im Kaukasus sind seit jeher die Türkei und Armenien Feinde, und Aserbaidschaner und Armenier haben um die Herrschaft über Bergkarabach Krieg geführt.“
Nach dem Zerfall der Sowjetunion war es daher für Armenien nur logisch, sich mit dem christlich-orthodoxen und somit kulturell verwandten Rußland einen mächtigen Verbündeten zu suchen. Umgekehrt hatte dieses Bündnis für Rußland den Vorteil, weiterhin einen Fuß im Südkaukasus zu behalten. Am 30. September 1992 schlossen Moskau und Eriwan einen Vertrag über den Status und die Einsatzbedingungen der Grenztruppen der Russischen Föderation auf dem Territorium der Republik Armenien. Bei diesem Vertrag ging es nicht nur um die Unterstützung Armeniens im Bergkarabachkrieg 1992 bis 1994, sondern Rußland wollte auch den Einfluß der Türkei in der Region begrenzen. Denn bei der Unterstützung der Kriegsparteien ließen sich Moskau und Ankara, das an der Seite Aserbaidschans stand, nicht (nur) von religiösen Motiven leiten, sondern (auch) von strategischen. Huntington wies darauf hin, daß dieser Krieg „die jüngste Episode sowohl in dem jahrhundertelangen Ringen zwischen dem russischen Reich und dem osmanischen Reich um die Herrschaft über die Schwarzmeerregion als auch in der heftigen Feindschaft zwischen Armeniern und Türken war, die auf die blutigen Massaker Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgeht“.
Heute fühlt sich Armenien von Rußland (militärisch) im Stich gelassen, zumal dieser Südkaukasusstaat Mitglied des von Rußland beherrschten Militärbündnisses „Organisation des Vertrags über Kollektive Sicherheit“ (OVKS) ist. Armenien hatte offenkundig eine militärische Intervention der OVKS, der neben Rußland Weißrußland, Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan angehören, zu seinen Gunsten erwartet. „Die Tatsache, daß die OVKS noch nicht richtig reagiert hat, bedeutet, daß unsere Erwartungen nicht erfüllt wurden“, sagte im September 2022 der Sekretär des Sicherheitsrats, Armen Grigorjan, und fügte hinzu: „Es ist möglich, das Problem mit Hilfe vieler Instrumente zu lösen. Die internationale Gemeinschaft verfügt über viele Instrumente, darunter militärisch-politische, diplomatische und wirtschaftliche. Die OVKS verfügt über militärisch-politische Instrumente, und wir können das Problem mit diesen militärisch-politischen Instrumenten lösen.“
Im Jänner 2023 kündigte dann der armenische Ministerpräsident Paschinjan an, sein Land werde in diesem Jahr keine von Rußland geführte Militärübung veranstalten, und widersprach damit einer vorherigen Ankündigung aus Moskau. Paschinjan übte gleichzeitig eine außergewöhnliche Kritik an der russischen Militärpräsenz in Armenien und sagte, daß sie eher eine „Bedrohung“ als ein Schutz für sein Land sei.
Moskau droht der armenische Verbündete zu entgleiten, was eine indirekte Folge des Ukrainekriegs ist, der die militärischen Ressourcen Rußlands stark beansprucht, weshalb für den Kreml das Eröffnen einer „zweiten Front“ im Südkaukasus nicht in Frage kommt. Eine von Rußland geführte OVKS-Intervention gegen Aserbaidschan im Bergkarabachkonflikt hätte entsprechende Reaktionen der Türkei zur Folge. Insbesondere ist zu erwarten, daß in diesem Fall der türkische Präsident Erdo?an den „aserischen Brüdern“ mit militärischer Unterstützung zu Hilfe eilt, was einerseits Eskalationspotential aufweist und andererseits für Rußland die Gefahr birgt, im Südkaukasus in einen längeren militärischen Konflikt verwickelt zu werden. Hinzu kommt, daß die Türkei im Ukrainekrieg ausgewogene Beziehungen sowohl zu Kiew als auch zu Moskau unterhält und wiederholt versuchte, sich als Vermittler ins Spiel zu bringen. Eine OVKS- bzw. eine russische Intervention im Bergkarabachkonflikt an der Seite Armeniens könnte daher die Türkei zur vorbehaltlosen Unterstützung der Ukraine veranlassen.
Überhaupt kann die Türkei die nicht mehr zu übersehende Entfremdung zwischen Armenien und Rußland freudig beobachten, da sie ihren eigenen Zielen dient. Über die Bedeutung des Südkaukasus schrieb der ehemalige Nationale Sicherheitsberater der USA Zbigniew Brzezi?ski in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“: „Rußlands Verlust seiner beherrschenden Position an der Ostsee fand sein Pendant am Schwarzen Meer, zum einen wegen der Unabhängigkeit der Ukraine, zum anderen weil die jetzt unabhängigen kaukasischen Staaten – Georgien, Armenien und Aserbaidschan – die Möglichkeiten der Türkei verbesserten, ihren verlorengegangenen Einfluß in der Region aufs Neue geltend zu machen.“
Daß das (christlich-orthodoxe) Rußland aus politisch durchaus rationalen Erwägungen im Bergkarabachkonflikt auf die (sunnitisch-moslemische) Türkei Rücksicht nimmt, ist für Armenien, das im Jahre 301 als erstes Land der Welt das Christentum zur Staatsreligion erhoben hat, besonders bitter. Bekanntlich wurden in den Jahren 1915 und 1916 rund anderthalb Millionen Armenier Opfer eines Völkermords, die meisten kamen bei Massakern oder Todesmärschen ums Leben. Wichtige Siedlungsgebiete des armenischen Volks lagen damals im östlichen Anatolien, und die politische Verantwortung für diesen Völkermord trug die vom jungtürkischen „Komitee für Einheit und Fortschritt“ gebildete Regierung des Osmanischen Reichs. Dessen Rechtsnachfolger, die heutige Republik Türkei, weigert sich bis heute, den Völkermord anzuerkennen, geschweige denn Verantwortung für das zu übernehmen, was die Armenier „Aghet“ (Vernichtung) nennen.
Und Ankara reagiert äußerst gereizt, wenn andere Länder es wagen, das vom Osmanischen Reich am armenischen Volk verübte Verbrechen als Völkermord anzuerkennen, wie es beispielsweise Frankreich, wo eine zahlenmäßig starke armenische Diaspora lebt, vor einigen Jahren getan hat. Auch im Bergkarabachkonflikt steht Paris an der Seite Eriwans. Am 16. November 2022 forderte der französische Senat in einer nicht bindenden Resolution mit 295 zu 1 Stimmen die französische Regierung auf, wegen der Angriffe auf Armenien und der „Aggression gegen Karabach“ Sanktionen gegen Aserbaidschan zu verhängen. Außerdem wurde Baku aufgefordert, seine Truppen aus dem Gebiet abzuziehen, das „Armenien gehört“. Baku reagierte höchst verärgert auf die „voreingenommene und einseitige politische Position Frankreichs“.
Der Völkermord an den Armenien durch das Osmanische Reich während des Ersten Weltkriegs war aber nur der traurige Höhepunkt einer langen Entwicklung. In den Jahren 1894 bis 1896 wurden während der Hamidischen Massaker Schätzungen zufolge bis zu 300.000 Armenier ermordet. Benannt sind diese Greueltaten nach Sultan Abdülhamid II., der die kaiserliche Herrschaft des untergehenden Osmanischen Reichs mit der Durchsetzung des Panislamismus als Staatsideologie zu erhalten versuchte. Diese Massenmorde an den Armeniern erregten internationale Aufmerksamkeit, und am 9. September 1895 berichtete die „New York Times“ über „Another Armenian Holocaust“ (einen „weiteren armenischen Holocaust“): „Eine Truppe von 1000 türkischen Soldaten wurde nach Kemakh geschickt, und fünf Dörfer wurden geplündert. 5000 Menschen wurden obdachlos, Männer, Frauen und Kinder wurden gefoltert. Vier Klöster wurden geplündert. Es wird berichtet, daß die niederrangigen türkischen Beamten eine antichristliche Gesellschaft gegründet haben, um Christen abzuschlachten.“
Der Völkermord der Jahre 1915/16, aber auch die Massaker in der Spätphase des Osmanischen Reichs haben sich tief ins kollektive Gedächtnis der Armenier eingebrannt. Und rasch wurden traumatisierende historische Erinnerungen geweckt, als es während des Zerfallsprozesses der Sowjetunion zu antiarmenischen Pogromen kam. Diese verstärkten den Willen der armenischen Führung, alle Armenier in einem Staat zu vereinigen, zumal den Karabach-Armeniern nach dem Ersten Weltkrieg das Selbstbestimmungsrecht vorenthalten worden war. Die Armenienexpertin Tessa Hofmann von der Freien Universität Berlin schrieb vor ein paar Jahren: „Der Übergang Armeniens in die Unabhängigkeit (September 1991) stand unter dem Eindruck von Gewalterfahrungen. Die Pogrome an armenischen Minderheiten in Sumgait (Februar 1988), Kirowabad (November 1988) und Baku (Januar 1990) sowie der Beginn der aserbaidschanischen Blockade im September 1989 wurden als Fortsetzung einer traditionell armenierfeindlichen Politik des Pantürkismus im östlichen Südkaukasus gedeutet, die ungeschickt taktierende, abwiegelnde und erfolglose beschwichtigende Politik der sowjetischen Zentralregierung als einseitige Parteinahme zugunsten des Erdölproduzenten Aserbaidschan.“
Hofmann wies auch darauf hin, daß in Armenien in der Spätphase der UdSSR der lange Zeit tabuisierte Genozid wieder zu einem Thema wurde, wobei ein „besonderer Schwerpunkt dabei auf dem zeitweiligen Bündnis zwischen der Sowjetunion und der Türkei unter Mustafa Kemal lag“, und daß Armenien aufgrund der Karabachfrage „als einziges südkaukasisches Land eine neue Elite von deutlich anti-kommunistischen National-Demokraten hervorbrachte“.
![]() |
Nach dem Ende der Sowjetunion erkannte Rußland rasch den strategischen Wert des Südkaukasus als Pufferzone zum NATO-Mitglied Türkei und wollte sich daher der historischen Altlast der Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und Atatürk entledigen. In einer am 14. April 1995 verabschiedeten Resolution erkannte die russische Staatsduma den vom Osmanischen Reich an den Armeniern verübten Völkermord als Verbrechen gegen die Menschlichkeit an und stellte fest, daß „die physische Ausrottung des brüderlichen armenischen Volkes in seiner historischen Heimat auf die Zerstörung Rußlands abzielte“. Auch in Rußland lebt eine zahlenmäßig große armenische Diaspora. Laut Volkszählung 2010 waren es 1,82 Millionen, manche Schätzungen gehen aber davon aus, daß bis zu 2,5 Millionen Armenier auf dem Gebiet der Russischen Föderation leben. Zum Vergleich: Die Republik Armenien hat rund drei Millionen Einwohner.
Den Völkermord an den Armeniern ebenfalls anerkannt haben die USA, und Washington will die Chance nutzen, die sich mit der Abkühlung der Beziehungen zwischen Eriwan und Moskau ergibt. Denn obwohl der kleine Kaukasusstaat über keine nennenswerten Rohstoffe verfügt, ist seine geographische Lage für die USA durchaus interessant. Im Sommer 2015, als es in Eriwan zu Massenprotesten wegen Strompreiserhöhungen kam, merkte die „New York Times“ an, daß Armenien nicht nur an das NATO-Mitglied Türkei grenze, sondern auch „Rußlands Hauptverbündeter in der sensiblen Region des Südkaukasus ist, die von Erdgasleitungen durchkreuzt wird“. Weil damals Gerüchte nicht verstummten, daß die Massenproteste 2015 maßgeblich von den USA unterstützt würden, war auch vom „Elektro-Maidan“ die Rede. Fest steht jedenfalls, daß in dem kleinen Kaukasusstaat seit vielen Jahren einschlägig bekannte US-Stiftungen für Washington Wühlarbeit betreiben, etwa das „National Endowment for Democracy“, das auch als „ziviler Arm der CIA“ bezeichnet wird.
Am 19. September 2022 besuchte Nancy Pelosi, die damalige Sprecherin des Repräsentantenhauses, die armenische Hauptstadt Eriwan. Das Magazin „Politico“ berichtete, daß in den Straßen tausende amerikanische Flaggen geschwenkt worden seien: „Diese US-Flaggen trugen eine bedeutende politische Botschaft über die die politische Zugehörigkeit des Landes. Jahrelang entschied sich Armenien dafür, ein wichtiger Verbündeter des Kremls zu sein, aber viele fragen sich zunehmend, ob Moskau als Garant für die Sicherheit des Landes gegen die Feuerkraft des benachbarten Aserbaidschan fungieren kann.“ Ausdrücklich wies das Blatt auch auf eine Annäherung zwischen Rußland und Aserbaidschan hin, die in Armenien auf Mißfallen stoße.
![]() |
Offenkundig zum Zwecke der Arbeitsteilung mit den Vereinigten Staaten bringt sich nun auch die Europäische Union im Südkaukasus ein. Am 23. Jänner 2023 wurde nach einer Einladung durch Eriwan die „Mission der Europäischen Union in Armenien“ (EUMA) eingerichtet, deren Aufgaben unter anderem Patrouillen und Grenzkontrollen an den Grenzen Armeniens zu Aserbaidschan sind. EUMA soll rund 100 Mitarbeiter umfassen, und Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Litauen und Schweden wollen sich an dieser EU-Mission beteiligen, deren Einrichtung gemischte Reaktionen hervorgerufen hat.
Der armenische Außenminister Ararat Misorjan erklärte: „Wir begrüßen die Entscheidung der EU, eine vollwertige zivile Mission nach Armenien zu entsenden. Wir werden bereitwillig mit der Mission zusammenarbeiten und ihre Aktivitäten unterstützen.“ Rußlands Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete die EU-Mission als kontraproduktiv und warnte, daß sie „zusätzliche Spannungen schaffen könnte“. Noch deutlicher wurde Michail Bocharnikow, der russische Botschafter in Aserbaidschan. Der Diplomat warf der Europäischen Union vor, „Rußland aus dem Prozeß der Normalisierung der aserbaidschanisch-armenischen Beziehungen zu verdrängen“. Dabei sähe die EU aus wie ein „direktes Anhängsel der Vereinigten Staaten und der NATO, die den GUS-Raum als eine Zone der Opposition gegen Rußland betrachten und tatsächlich versuchen, eine geopolitische Komponente hierher zu bringen“. Das aserbaidschanische Außenministerium schrieb seinerseits in einer Erklärung, EUMA sei eine Bevorzugung Armeniens. Allzusehr Eriwan bevorzugen und damit Baku verärgern darf die EU aber nicht, denn Aserbaidschan ist schließlich ein wichtiger Erdgaslieferant.
Wie ein möglicher Friedensvertrag zwischen Armenien und Aserbaidschan aussehen könnte, läßt sich derzeit nur schwer vorhersagen. Es kann aber davon ausgegangen werden, daß den in Bergkarabach lebenden Armeniern das Selbstbestimmungsrecht erneut verweigert wird, was ein weiteres Beispiel für die Heuchelei des Westens wäre. Bei der einseitig erklärten und aus geopolitischen Gründen maßgeblich von den USA unterstützten Unabhängigkeit des Kosovo wurden wiederholt auch mutmaßlich von Serbien an der albanischen Zivilbevölkerung verübte Verbrechen gegen die Menschlichkeit als Argument für die Eigenstaatlichkeit vorgebracht.
Anders verhält es sich im Falle Bergkarabachs: Trotz wiederholter Pogrome in der Vergangenheit – das Armenierpogrom in Baku 1918 etwa forderte bis zu 30.000 Opfer – soll den Armeniern in Bergkarabach nach Auffassung des Wertewestens der Verbleib bei Aserbaidschan zumutbar sein, weshalb das Selbstbestimmungsrecht – entweder Unabhängigkeit oder Angliederung an Armenien – keine Option sei. Weder die USA noch die EU, aber auch nicht Rußland haben ein Interesse daran, mit einem Referendum in Bergkarabach, dessen Ausgang zugunsten Armeniens vorherzusagen keinen Blick in die Glaskugel erfordert, Aserbaidschan und dessen Schutzmacht Türkei zu verärgern. Ein Bergkarabachreferendum würde das NATO-Mitglied Türkei mit Sicherheit als Angriff auf seine Rolle als Regionalmacht auffassen, während die USA wie die EU und Rußland auf gute Beziehungen zu Ankara angewiesen sind.
Überhaupt liegt der Schlüssel zum Frieden in Bergkarabach in Rußland und in der Türkei, die bereits seit Jahrhunderten um Einfluß am Schwarzen Meer und im südlichen Kaukasus ringen. So sagte Aserbaidschans Präsident Alijew bei einem Treffen mit Rußlands Außenminister Lawrow am 28. Februar: „Rußland hat als unser Freund, Verbündeter und Nachbar eine besondere Rolle bei der Regelung der zwischenstaatlichen Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Armenien“. Wenn nun Armenien Aserbaidschan ein Friedensabkommen unterbreitet hat, dann ist aufgrund der engen, wenngleich etwas angespannten armenisch-russischen Beziehungen außerdem davon auszugehen, daß es im Vorfeld eine Absprache zwischen Eriwan und Moskau gegeben hat und daß, wenn es zu einem Frieden kommen sollte, die Eckpunkte von Rußland und der Türkei bestimmt werden. Insgesamt zeigt somit der Fall Armenien/Bergkarabach einmal mehr, wie leicht kleine Länder bzw. Völker zum Spielball der Großmächte werden können.
![]() |