Archiv > Jahrgang 2023 > AL I/2023 > Diesseitsgläubigkeit 

Diesseitsgläubigkeit

Von Ulrich March

Die rationale und säkulare Welt- und Sinndeutung, die sich seit dem Aufklärungszeitalter mehr und mehr durchsetzt, hat sich in vielerlei Hinsicht günstig auf das menschliche Dasein ausgewirkt. Durch die beträchtliche Zunahme von Wissen und Bildung und die praktische Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in Medizin, Technik und Kommunikation ist das Leben vieler Menschen verlängert, erleichtert und bereichert worden. Auch die politisch-soziale Ordnung hat von der Vernunft- und Diesseitsorientierung profitiert. Wenn es heute, vor allem in Europa und in größeren Teilen Amerikas, freiheitliche Gesellschaften und demokratische Selbstbestimmung gibt, so ist das auch darauf zurückzuführen, daß sich weder monarchisches Gottesgnadentum noch geburtsständische Differenzierung rational begründen lassen, beides daher in der späten Neuzeit nicht mehr haltbar war.

Man ist denn auch vielfach geneigt, die Aufklärung und ihre Auswirkungen vornehmlich positiv einzuschätzen. Der seither weitverbreitete Fortschrittsoptimismus nimmt aber kaum jene naturgegebenen Konstanten zur Kenntnis, die grundsätzliche Veränderungen und damit auch mehr als äußerliche Verbesserungen ausschließen. Seit jeher gibt es Krankheit und Tod, Krieg und Not, neben Güte und Großmut auch Neid und Haß, Mißgunst und Herrschsucht, Gewalt und Grausamkeit, infolgedessen auch Erlösungssehnsucht und Gläubigkeit, mit denen man solchen und anderen Unbilden zu begegnen sucht. Je weniger sich daher die Aufklärung durchgesetzt hat, desto mehr behauptet sich die jeweils überkommene Religion, so etwa in Nordafrika und Vorderasien der Islam, in Indien der Hinduismus. In Europa verliert der traditionelle Glaube zwar ständig an Bedeutung, für viele Menschen sind aber auch hier Religiosität und Rationalität durchaus miteinander vereinbar. Mehr noch: Überraschenderweise ist die Aufklärung selbst zum Mythos geworden. Zum einen gelten ihre Grundvorstellungen, insbesondere die Freiheits- und Gleichheitsidee, inzwischen als sakrosankt und dürfen nicht ohne Nachteile für den Zweifler in Frage gestellt werden. Zum anderen hat sich eine neue Art von Gläubigkeit entwickelt, die der älteren in vielem gleicht, sich dabei aber ausschließlich auf die irdische Zukunft richtet.

Neue Gläubigkeit

Ausgerechnet die Französische Revolution, die doch eigentlich aufklärerische Vernunftideen in die Wirklichkeit umsetzen wollte, erhob ihr politisches Programm zum quasireligiösen Dogma. Die Trias „Liberté – Égalité – Fraternité“ trat an die Stelle der christlichen Trinität; Robespierre, Rationalist und Terrorist zugleich, waltete auf staatlichen Massenveranstaltungen als Hohepriester der Vernunftgöttin. Diese Verbindung von politischem Wollen und neosakralem Gebaren setzte sich fort. Extreme Anhänger der nationalen und der sozialistischen Bewegung, bis heute wirksame Folgeerscheinungen der Revolution, fassen ihr politisches Bekenntnis als Glaubenssache auf und verhalten sich entsprechend. Unverkennbar ist der ersatzreligiöse Charakter etwa des Marxismus/Kommunismus. Karl Marx übernahm vom Christentum die Vorstellung eines paradiesischen Urzustandes, des Sündenfalls (in das Privateigentum) und eines künftigen Paradieses (der Arbeiterklasse); überall dort, wo radikale Anhänger dieser Lehre an die Macht gelangen, wird sie zur allgemeinverbindlichen Staatsdoktrin, die auch in der öffentlichen Darstellung die Merkmale einer Einheitsreligion aufweist.

Vor allem im 19. Jahrhundert, aber auch in jüngster Zeit gewannen weitere Ideen an Bedeutung, die vielfach verabsolutiert wurden und damit zu Ideologien, also zu Ersatzreligionen geraten sind. Sie sind häufig politischer Natur und zielen – wie der Nationalismus – auf die Sonderstellung von Teilgruppen oder im Gegenteil – wie der Sozialismus – auf allgemeinen Ausgleich und Egalitarismus, so einerseits der auf das Recht des Stärkeren pochende Sozialdarwinismus, der Rassismus, Feminismus und Genderismus, andererseits Antirassismus, Pazifismus, Kosmopolitismus und weitere Varianten des One-World-Glaubens, die auf generelle Verbesserung der Lebensverhältnisse abzielen, etwa der Umwelt-, Klima-, Wohlstands- und Gesundheitsglaube. Hier sind die Übergänge zum privaten Daseinsbereich fließend, wo gleichfalls bestimmte Grundüberzeugungen mit quasireligiöser Inbrunst vertreten werden, sektiererisch wie Vegetarismus und Veganismus oder massenhaft wie Materialismus und Hedonismus, die unter anderem im Körper-, Sport- und Fitneßkult unserer Tage zum Ausdruck kommen.

Alle diese Ansichten, Weltanschauungen und Ideologien treten heute nebeneinander in Erscheinung und überlagern sich wechselseitig; hinzu kommen traditionelle und neue, häufig von Migranten mitgebrachte Religionen. Moderner Glaubenspluralismus setzt allerdings halbwegs freiheitliche Verfassungsverhältnisse voraus. In diktatorisch und totalitär regierten Staaten des 20. und 21. Jahrhunderts dagegen wird nicht nur eine allgemein geltende Weltsicht vorgeschrieben, sondern auch eine bis zur Vergottung reichende Verherrlichung der Herrschenden zelebriert, unter den Lichterdomen der Nürnberger NS-Parteitage ebenso wie auf heutigen Volkskongressen der Kommunistischen Partei Chinas.

Offenbarung und Verkündigung

Beide Formen moderner Gläubigkeit beruhen wie die alte auf der Annahme, daß es ewige und unverbrüchliche Wahrheiten gebe, nach denen sich das Denken und Handeln der Menschen zu richten habe. Diese Wahrheiten werden zumeist von einzelnen, vielfach aber bestens vernetzten Personen als Heilsbotschaften verkündet, in heiligen Schriften („Kommunistisches Manifest“, „Mein Kampf“, „Mao-Bibel“) festgehalten und unter Verwendung einschlägiger, massenwirksamer Parolen („Führer, befiehl, wir folgen“, „Ehe für alle“, „Fridays for Future“) verbreitet. Entsprechende, für die Gläubigen maßgebliche Handlungsanweisungen werden ständig aktualisiert, von Einzelpersonen oder Gremien, die sich selbst als kompetent dafür betrachten und von den Medien in Szene gesetzt werden, von Amtsträgern, Funktionären und Propagandisten oder von Reformparteitagen, Umweltkongressen und Klimakonferenzen.

Glaubenswahrheiten sind nicht jedem ohne weiteres zugänglich; zumeist bedarf es der Vermittlung durch Wissende. Ursprünglich nahmen Magier, Medizinmänner und Schamanen, mit dem Aufkommen der Hochreligionen dann Priester und Propheten diese Aufgabe wahr, heute Medienmoguln, Publizisten und Literaten, auch selbsternannte Aktivisten wie die als Ikone der internationalen Klimabewegung gefeierte Greta Thunberg.
Die verkündeten Glaubenswahrheiten entfalten nicht selten unabhängig von ihrer inhaltlichen Substanz große Wirkung. Seit rund 200 Jahren sind Menschen zutiefst von permanentem Fortschritt und allgemeiner Gleichheit überzeugt, obwohl sie ständig das Gegenteil erleben, indem sie täglich auf unüberwindbare Grenzen und menschliche Ungleichheit stoßen. Neu ist der Glaube an zahllose, unterschiedliche, frei wählbare Geschlechter.

Gläubige und Ungläubige

Menschen mit gleichen Zielvorstellungen fühlen sich häufig auch als kampfbereite Glaubensgruppe. Man vergewissert sich der gemeinsamen Gesinnung und des gemeinsamen Wollens und erinnert sich und die Öffentlichkeit an wichtige Ereignisse in der Geschichte der eigenen Idee oder Bewegung, deren Vorkämpfer als Heilige, Heroen oder Märtyrer verehrt werden, in Deutschland beispielsweise die „Märzgefallenen“ (der Revolution von 1848) oder „die Toten vom 9. November“ (des Münchener Hitlerputsches von 1923).

Solche Betonung der Gemeinsamkeit geht einher mit dem Abstand zu Andersdenkenden und deren mehr oder weniger deutlicher Ablehnung, die bis zu haßerfüllter Feindschaft reichen kann. Mit großer Selbstverständlichkeit beansprucht man nicht nur tiefere Einsicht, sondern auch höhere Moral für sich selbst. Das angewandte Vokabular (z.B. „Umwelt-Frevler“, „COVID-Leugner“, „Klima-Sünder“), auch der missionarisch anmutende Druck, andere zu der eigenen, seligmachenden Ansicht zu bekehren, zeigen unverkennbar pseudoreligiösen Charakter.

So wenden auch die modernen Priester alterprobte Mittel an, um ihre Schäflein bei der Stange zu halten. Wer ihnen folgt, darf sich schönste Aussichten und Karrieren erhoffen, wer nicht, wird zur Persona non grata erklärt, als Ketzer disqualifiziert oder sogar – wie beispielsweise die Corona-Impfgegner – für schlimme Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht. Als besonders wirksam erweisen sich nach wie vor endzeitliche Drohungen, nur daß heute an die Stelle von Jüngstem Gericht und ewiger Höllenstrafe diesseitige Horrorszenarien wie Umwelt-, Atom- oder Klimakatastrophe getreten sind.

Rituale und Symbole

Alte und neue Gläubige gleichen sich nicht nur in der Überzeugtheit und der Unduldsamkeit, mit der sie ihre Ziele verfolgen, sondern auch in ihrem täglichen Handeln, in den praktizierten Riten und in der Verwendung von Symbolen. Man tritt in regelmäßigen Abständen oder aus gegebenem Anlaß zusammen, um sich in angespannter Aufnahmebereitschaft auszutauschen und sich der Gemeinsamkeit des Denkens und Wollens zu vergewissern. Im Mittelpunkt stehen Reden beziehungsweise Predigten, hinzu kommen Wechselreden und Sprechchöre, Musik und Chorgesang, auch gemeinsame tranceartige, quasiliturgische Bewegungsformen.

Das Publikum wiederum sucht man auf Kundgebungen und sonstigen Veranstaltungen unter freiem Himmel zu beeindrucken, auch durch Demonstrationsmärsche, die kirchlichen Prozessionen entsprechen. Man begibt sich – wie Wallfahrer und Pilgerreisende – an Orte, die für die Idee oder die Person, zu der man sich bekennt, von Bedeutung sind oder waren oder in der aktuellen politischen Auseinandersetzung eine Rolle spielen; Kommunisten pilgern zum Lenin-Mausoleum in Moskau, Nationalsozialisten zum Grab von Rudolf Heß, Atomgegner nach Wackersdorf, Mutlangen oder Gorleben.
Dazu, das Gemeinschaftsbewußtsein auf einfache und sinnfällige Weise zum Ausdruck zu bringen, dienen Symbole aller Art: gegenständliche, optische und akustische. Man zeigt Flagge im buchstäblichen Sinne, um mittels bestimmter Zeichen und Farbkombinationen Zugehörigkeit und Engagement zu demonstrieren; dem gleichen Zweck dienen gleichartiges Auftreten und uniforme Kleidung.

Gläubigkeit als Konstante

Warum haben sich Aufklärung und Vernunftorientierung nur in begrenztem Maße ausgewirkt? Komplizierte Sachverhalte zu durchdringen, ist nicht jedermanns Sache, und selbst umfangreiches Wissen erfaßt immer nur Teilbereiche. Wesentliches, etwa Fragen der Metaphysik und der Sinngebung, ist auf rein rationale Weise ohnehin nicht zu bewältigen. Wie eh und je bestimmen auch Emotionen und Phantasie, Hoffnung und Hingabe, nicht zuletzt Gläubigkeitsbereitschaft das menschliche Bewußtsein und Handeln. Der traditionelle Glaube ist zwar vielen abhanden gekommen, die Gläubigkeit aber ist geblieben. Sie gehört zu den Konstanten menschlichen Daseins.

 

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com