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Heimatliteratur

Stefan Andres
Ernst Wiechert
August Scholtis
Ilse Molzahn

Einordnung eines Genres

Wer sich aus heute üblichem Kenntnisstand zur innerdeutschen Literatur zwischen 1933 und 1945 äußert, bedient sich u.a. meist abschätziger Schlagworte wie „Blubo“ bzw. „Blut und Boden“. Gemeint ist damit eine Sammelbezeichnung für tendenziöse, stereotypenbehaftete völkisch-nazistische Provinz- bzw. Heimatliteratur. Sie idealisiert Landleben und Bauerntum und spielt es in antizivilisatorischem Affekt (biologistisch) gegen „Großstadt-Dekadenz“ aus. Nun gab es, insbesondere direkt ab 1933, in Deutschland sicherlich eine derartige politisch geförderte Buchkonjunktur. Aber es wäre eine grobe Simplifizierung, alle Werke mit ländlicher Thematik über diesen Leisten zu schlagen und anspruchsvollen Regional- oder Heimatdarstellungen entsprechende NS-Ideologeme zu unterstellen.

Von Prof. Dr. Günter Scholdt

Ganz im Gegenteil haben sich viele namhafte Schriftsteller der Zeit mit bemerkenswertem Freimut über solche Schreibprodukte spöttisch geäußert (Werner Bergengruen, Peter Bamm, Horst Lange, Rudolf Henz). Mehr noch, sie schrieben einschlägige Texte, die den NS-Kulturfunktionären böse im Magen lagen. Zerstörten sie doch gerade aus ihrer intimen Milieukenntnis heraus etliche Klischees und entfalteten ein bemerkenswertes Widerspruchspotential. Das gilt etwa für Hans Falladas „Wir hatten mal ein Kind“ (1934) oder „Wolf unter Wölfen“ (1937), Ilse Molzahns „Der schwarze Storch“ (1936), Horst Langes „Schwarze Weide“ (1937) oder Anton Betzners „Basalt“ (1942).

Daneben gab es – wie zu allen Zeiten – Heimatliteratur von Niveau, angefangen von Stefan Andres’ „Moselländische Novellen“ über Josef Friedrich Perkonigs „Der Schinderhannes zieht übers Gebirg“ oder „Honigraub“ bis zu Josef Weinhebers „Kirchstetten“ und der berühmten Lyriksammlung „Wien wörtlich“, die auch die Stadt mit heimatlicher Identifikation verband. Eine besondere Ausprägung des Genres boten zudem Schriftsteller wie Bergengruen, Vegesack, Bruno Goetz und viele andere im Rahmen der „Baltischen Phantastik“.

Man sollte also nicht nur von den Negativbeispielen her urteilen. Belegen sie doch vor allem, daß literarische Ambitionen nicht vor Borniertheit schützen und schwache Charaktere, wo Kultur von oben her durch Zuckerbrot und Peitsche reglementiert wird, nun mal zur Anpassung tendieren – damals wie heute. Ansonsten stellt regionalbezogenes Schrifttum fraglos eine belletristische Bereicherung dar. Und einen natürlichen wie vornehmlichen Bezug zur NS-Ideologie gab es nicht. Überhaupt scheint eine Begriffsklärung vonnöten.

Das führt zurück zu der Frage, ob es denn – zumal im „Dritten Reich“ – ästhetisch wie ideologisch überhaupt einen seriösen Literaturkomplex geben konnte, der unter der politisch hochemotionalisierten Vokabel „Heimat“ figuriert. Die danach benannte Textgattung zumindest erfreut sich ja vielfach noch heute eines beklagenswerten Rufs als Bezeichnung für eine Literatur, die unreflektiert konservativ-nostalgische Stereotype des Landlobs transportiere. Dem ästhetischen Verdikt folgt meist auch das politische. Provinzielle Beschränkung statt weltinteressierter Offenheit bedinge eine heikle, fortschrittsfeindliche Rückständigkeit. „Kulturpessimismus“, postulierte Fritz Stern schon im Titel seiner einflußreichen Studie von 1963, berge „politische Gefahr“.

Qualität attestierten führende Nachkriegsgermanisten daher fast nur noch den Produkten der seit den 1970ern aufkommenden „Neuen“ bzw. „Anti-Heimatliteratur“, die sich gemäß den Normen einer „detektivischen Heimatkunde“ (Norbert Mecklenburg) auf die Entlarvung mentaler Erzübel kaprizierte: dumpfer Vorurteile gegen Fremde, patriarchalischer Strukturen, unterdrückter, sich brutal entladender Sexualität, Antiintellektualismus und Bigotterie. Dies erfüllen manche kritischen Texte der Regionalliteratur aus der Zeit von 1933 bis 1945 zweifellos. Aber eben nicht durchweg. Und in vielen verbleibt zumindest eine Restsympathie für einen vertrauten Raum. Kurz: Solche generellen Vorbehalte bedürfen des Widerspruchs.

Was ist Heimatliteratur?

Was die Qualitätsfrage betrifft, gab und gibt es fraglos regionalpatriotische Trivialprodukte, wonach nur daheim die Berge und Seen so schön, die Wiesen so grün, die Würste so schmackhaft oder die Mädels so hübsch seien – jenen Abstammungsdummstolz, der ähnlich verdrießt wie sein masochistisches Gegenteil. Es gab in manchen Texten die nur als Papierwesen existierenden knorrigen Einödbauern, die frohen Herzens den Holzpflug in die karge Scholle stoßen und die Kümmerlichkeit ihres Bodens als gottgefällige Prüfung preisen. Das war eine massenhafte Fließbandfertigung nach dem Muster von „Heidi“ bzw. Roseggers oder Ganghofers (zu deren Zeit noch berechtigteren) Alpensagas, um Heimat- und Naturliebe kommerziell auszubeuten. In ihnen tummelt sich das schöne und gute Naturkind, bedroht vom bösen Fremden, der bereits am stechenden Blick identifiziert werden kann. Jäger jagen Wilderer im Weichbild von putzigen Gemsen und rauschenden Gebirgsbächen. Vor dem Frühstück hat die Gute, die am Schluß glücklich gefreit wird, schon zwei sanfte Rehlein gestreichelt usw.

Allerdings verbietet es sich, einen kompletten Literaturtyp für solche Entartungen haften zu lassen. Sonst ließe sich etwa ein ernst zu nehmender Liebes- oder Seeroman gar nicht mehr schreiben. Erst die folkloristisch vermarktete Überzeichnung verhindert, daß regionalliterarische Texte ihr Bestes entfalten: nämlich authentisches, unverwechselbares Lokalkolorit, milieudichte (teils dialektgeförderte) Anschaulichkeit eines konkreten Raums, stimmige Tonlagen des Denkens, Empfindens und Redens jenseits einer globalen Designersprache von Kunstmenschen. Kommerzielle wie politische Aufladung gefährdet natürlich dieses Eigentliche. Doch in welchem Genre wäre dies anders? Wie überall sonst gibt es auch hier brillante oder miserable Beispiele, gesellschaftlich anregende oder politisch bornierte Texte in des Wortes doppelter Bedeutung.

Januskopf Fortschritt

Fortschritt hat einen Januskopf. Auf Sterns These vom politisch gefährlichen Kulturpessimismus paßt die Replik, auch Zivilisationsoptimismus sei keineswegs harmlos. Schließlich verraten ungebremste Industrialisierung, Rationalisierung und Globalisierung inzwischen doch überdeutlich, welchen Preis wir für die von Huxley prognostizierte „Schöne Neue Welt“ entrichten. Auch Gurks „Tuzub 37“ antwortet darauf. Darüber hinaus wirkt sich der Kontrast von einst und heute, von Überliefertem und sogenanntem Fortschritt für die hiesigen gesellschaftlichen Verlierer zuweilen so drastisch aus, daß sich der Eindruck vom Abstieg geradezu aufdrängt. So einfach sticht der Vorwurf unreflektierter Nostalgie also höchstens bei Autoren minderen Rangs. Die besseren schönten auch das Früher nicht, selbst wenn sie – wie etwa Perkonig – im resignativen Bewußtsein menschlicher Unzulänglichkeiten manchen Mißstand eher lächelnd als strafend kommentierten und ihre Grundloyalität aufrechterhielten. Wer sich über lange Zeit wirklich mit seinem Zuhause beschäftigt, weiß um die Schwächen des bzw. der genau Beobachteten. Ein Knut Hamsun z.B. kannte seine Bauern und verzuckerte ihr Profil gewiß nicht.

 

 

In der „Vergessenen Bibliothek“ erscheinen vor allem qualitätsvolle Romane der europäischen Heimatliteratur
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Schlaglichter auf die ‚Innere Emigration‘“ von
Prof. Dr. Günter Scholdt.

Günter Scholdt
Schlaglichter auf die „Innere Emigration“
Verlag Lepanto
476 Seiten, brosch.

Kultursnobs

Was die vermißte Weltläufigkeit betrifft, mißtraue man zumindest jenen Kultursnobs, für die ausschließlich New York, Paris, Berlin oder London zählt. Bereits ein Skeptiker wie Horaz hätte sie belehren können, ein gereifter Fontane (mit dem Gedicht „Heimat“) desgleichen oder ein später Benn:

Meinen Sie Zürich zum Beispiel

sei eine tiefere Stadt,

wo man Wunder und Weihen

immer als Inhalt hat?

Meinen Sie, aus Habana,

weiß und hibiskusrot,

bräche ein ewiges Manna

für Ihre Wüstennot?

Weltweite Perspektive

Auch könnte ein Blick über die Nationalgrenzen hinaus die ganze Erblastdiskussion entspannen. Denn Heimat- bzw. Countryliteratur wird in aller Welt als selbstverständliches Betätigungsfeld für Schriftsteller betrachtet. Wir kaufen ja auch besten Gewissens entsprechende ausländische Produkte oder sehen die Filme, sobald sie uns aus der Bretagne, Neuseeland oder Südamerika erreichen. Denn die angeblich weltweite, in Wirklichkeit vor allem deutschlandfixierte Perspektive mancher Germanisten erscheint in diesem Licht selbst provinziell und übersieht, wie sehr die Frage nach der Heimat zum international wichtigen Stoff taugt.

Käme doch niemand auf die Idee, die liebevollen Provinzcharaktere bedeutender Regionalisten wie Marcel Pagnol, Alphonse Daudet oder Dany Boons Film „Willkommen bei den Sch’tis“ als politisch gefährlich zu brandmarken. Guareschis „Don Camillo und Peppone“ war allenfalls Kommunisten ein Dorn im Auge. Und auch der klassische Western wurde noch nicht als Einstiegsdroge zu einem US-Totalitarismus entdeckt. Von García Márquez’ skurrilen Provinzszenen und -charakteren ganz zu schweigen!

Bukolik oder begründeter Rückzug

Nicht die Großstadt als solche schreckt Regionalisten, sondern ein spezifischer Effekt: die Konfrontation mit gesichtslosen Menschenmassen, die sich nicht mehr von bestimmten Traditionen angesprochen fühlen bzw. kein rechtes Zusammengehörigkeits-, Vertrautheits- und Verantwortungsgefühl entwickeln. Denn Heimatliteratur ist nicht einfach fortgeschriebene Bukolik, Schäferdichtung oder Lob des Landes und der einfachen, von der Natur, den Jahreszeiten und Lebensrhythmen festgelegten Ordnung. Der ländliche Rückzug erfolgt vielmehr meist aus dem Bewußtsein, daß etwas sozial oder politisch aus dem Ruder gelaufen ist, das von den (Meinung monopolisierenden) Zentren nicht allein gesteuert werden sollte. Das gilt für Wilhelm Raabes „Stopfkuchen“ ebenso wie für Wiecherts literarisierte Waldeinsamkeiten, für Ernst Jüngers „Marmorklippen“ ebenso wie für Naturgedichte Wilhelm Lehmanns oder F.G. Jüngers. Es liegt darin in der Regel eine Antwort auf aktuell empfundene Defizite. Denn Heimat ähnelt der Luft, von der man erst Notiz nimmt, wenn sie einem entzogen wird.

Politische Botschaften

Viele literarische Botschaften und alle Kontroversen um Heimat und ihre Antipoden waren bzw. sind politisch. Denn die Stadt (respektive das dort jeweils regierende Establishment) setzt – besonders seit der Industrialisierung – die sozialen Normen und ästhetischen Trends. Wehleidigkeit stand ihr also nicht zu, als sich bereits um 1900 zunehmend Einflußlose dagegen wehrten. Wer diesen Streit begonnen oder seine teils inakzeptable Schärfe zu verantworten hat, scheint mir zweitrangig gegenüber dem Umstand, daß er geführt werden mußte oder immer noch sollte, wobei heute „Stadt“ für größere, teils internationale Lenkungsinstanzen steht, bis hin zu den Direktiven einer „Neuen Weltordnung“. Schließlich geht es stets um das kulturelle Erbe.

Alles in allem bedarf die angeblich so heftige „Infektion“ von Heimatliteratur mit NS-Gedankengut erheblicher Relativierung. Schließlich ist „Heimat“ nur gelegentlich identisch mit der Nation. Typischer sind Differenzgefühle, das Empfinden einer besonderen schicksalhaften Lage, etwa in mehrsprachigen Grenzgebieten wie Elsaß-Lothringen, Oberschlesien oder dem Sudetenland.

Krisengefühle

Nach diesen notwendigen Korrekturen definiert sich das Genre wie folgt: Heimatliteratur beschäftigt sich vorwiegend mit Eigenheiten, Problemen, Sprache, Mentalität und gemeinsam erfahrener Geschichte eines als besonders und vertraut empfundenen Raums. Das geschieht in solidarischer Weise, verrät Zuneigung und trägt zur Identitätsstiftung bei. Heimatliteratur reagiert auf Krisen, Gefährdungen und Verluste von Heimat aufgrund von einschneidenden Veränderungen wie Industrialisierung, Landflucht, Entfremdung, sozialen und ökonomischen Umschichtungen, Traditionsverlust und rapidem Wertewandel im Zuge von Technisierung und Modernisierung. Sie reflektiert die Gefährdung der Landschaft, den Zivilisationsekel, das Erlebnis der Anonymisierung in den Städten, neue Grenzziehungsprozesse, Separatismus oder Furcht vor Überfremdung. Dabei tendiert sie häufig zu stabileren Orientierungsnormen.

Erläutern wir vier Hauptursachen für Krisengefühle:

1. Schmerzliche Ortswechsel legen einen wertenden Vergleich zu früher nahe: Der naturbegeisterte Förstersohn Ernst Wiechert, der ins städtische Gymnasium verfrachtet und von Heimweh geplagt wurde, schrieb als Ausdruck lebenslanger Sehnsucht Erzählhymnen auf die ostpreußischen Wälder. Ähnliche Gefühle beherrschten Ludwig Thoma, wobei dessen episches Bayern-Biotop („Lausbubengeschichten“) allerdings humoristisch-satirischen Charakter besaß. Heimat- als Erinnerungsliteratur verfaßte eine ganze Generation baltischer Schriftsteller, die aus ihren menschenarmen Gegenden in Deutschlands Städte verschlagen wurden, von Bergengruen über Gertrud von den Brincken bis Siegfried von Vegesack. Exemplarisch erscheint Bergengruens Erinnerung: „Als die schwerste Verletzung meines Lebens habe ich die Herausreißung aus meiner natürlichen Welt und die mir gewaltsam und unverständlich vorkommende Verpflanzung nach Deutschland empfunden. Sie erschien mir als eine Deportation.“

2. Technische, industrielle, soziale, ökonomische oder politische Modernisierungsprozesse bedrohen die emotionale Sicherheit, insofern sie abrupt und nachhaltig auf eine Region oder ein Land einwirken. Anton Betzners „Basalt“ schildert modellhaft (sogar für gegenwärtige Umstrukturierungen etwa in Entwicklungsländern), was einer bäuerlichen Gemeinschaft widerfährt, wenn plötzlich die industrielle Moderne Einzug hält. Ähnliche Konstellationen einer modernisierten Heimat behandeln Friedrich Bischoff („Der Wassermann“) oder Stefan Andres („Die unsichtbare Mauer“). Sie stehen damit auf den Schultern von Schriftstellervätern, die in gängigen Literaturgeschichten nur nicht als solche wahrgenommen werden. So veranschaulichen etwa Hauptmanns „Weber“ den fatalen Zusammenprall einer Region mit der Moderne. Die Revolution der zu Niedrigstlöhnen gepreßten Heimwerker mochte angesichts der Wirtschaftsentwicklung aussichtslos sein. Opfer sind sie aber genauso wie der Landstrich, der sie jahrhundertelang ernährt hatte. Zum Mitleid des Autors gesellte sich die Einsicht, daß mit dem Ruin dieses Berufsstands zugleich ein Stück Heimat auf der Strecke blieb. Insofern wirkt der schlesische Dialekt als Sympathiebekundung.
Anders gelagert ist der Konflikt in Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“, seiner epischen Reverenz an ein Deichbaugenie. Gleichwohl verschärft just dieser Hauke Haien in seinem gründerzeitlichen Ungestüm den Konflikt, weil er eine noch im Früheren befangene Bevölkerung nicht wirklich überzeugt, sondern bloß kommandiert. In resignativer Toleranz wiederum steht Fontanes „Stechlin“ im Kampf gegen die neuen Ideen seiner Umwelt. Ähnliches gilt für Wiecherts „Einfaches Leben“, zu dem sich Kapitän Orla bekennt.

3. Von jeher bestimmten Eingriffe von ortsfernen Zentralinstanzen bzw. deren Leitideen und Lebensstil auch die Provinz. Der Gegensatz von (Groß-)Stadt und Land hat sich heute nur verlagert von den Metropolen zu supranationalen Befehlsinstanzen, von der EU bis zu diversen Einflußgiganten im Zuge der Globalisierung. Im 19. und 20. Jahrhundert plagten die regional Betroffenen des weiteren häufig sprachenpolitische Engherzigkeiten, die den Verhältnissen vor Ort nicht gerecht wurden. Auch aus ökonomischen oder mentalitätsmäßigen Gründen entstand vor allem an der deutschen West- oder Ostgrenze eine kontroverse wie differenzierende Selbstfindungsliteratur zwischen den Mächten. Exemplarisch seien die Namen von René Schickele, Otto Flake, Marie Hart und August Scholtis genannt.

4. Hinzu kamen ethnische Spannungsfelder infolge von Kriegen, Irredentismus, Gebietsabtretungen, Vertreibung, massenhafter Zu- und Abwanderung. Heimat als nationales Sehnsuchtsprojekt bot Hoffmann von Fallerslebens „Lied der Deutschen“. Vertreibung, Umsiedlung, Exil sind weitere Anlässe, sich ein Stück Heimat wenigstens literarisch zurückzuholen. Man denke an Vegesacks „Baltische Tragödie“, an Max Hermann-Neißes Gedichte im englischen Exil („Ewige Heimat“, „Heimatlos“), an Joseph Roths vergangenheitsselige „Kapuzinergruft“, an Zuckmayers grandiose Beschwörung des rheinländischen Menschen in „Des Teufels General“, geschrieben mit heißem Herzen in Vermont. Ja, selbst eine scheinbar unpolitische lokale Jugendträumerei wie „Die Stadt“ von Theodor Storm, den Fontane liebevoll-ironisch der „Husumerei“ zieh, verdankt ihre Existenz seiner Verbannung.

Gehen wir von solcher, den Begriff „Heimat“ ernst nehmender Definition aus, wird sofort klar, daß Literaturgeschichte ohne Heimatdichtung ein arger Torso bliebe, was nur dadurch überspielt wird, daß man die akzeptierten Platzhirsche mit ihren Texten fast ausschließlich auf das Konto von National- oder Weltliteratur bucht. Für Heimatliteratur entfallen so jegliche Meriten. Auch wird wertungsmäßig verkannt, daß eine literarisch höchst kunstfertig gestaltete Milieuverhaftung eher ein (inter-)nationales Popularitätshindernis darstellt. Qualitätssiegel werden nämlich oftmals nach falschen Maßstäben verteilt, als ob der Globus dem Stadtplan gegenüber höherwertig sei.

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com