2019 errichteten antikoloniale Aktivisten vor dem ehemaligen Reichskolonialamt in Berlin eine Gedenktafel zu Ehren des Kameruners Martin Dibobe, der 1896 nach Deutschland gekommen war und dort Zugführer wurde. Doch Dibobe war kein Antikolonialist, sondern setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg für den Verbleib Kameruns beim Deutschen Reich ein. Gemeinsam mit anderen Afrikanern schrieb er 1919 18 Briefe an die deutsche Regierung, um sie aufzurufen, für den Erhalt der deutschen Kolonien in Afrika einzutreten.
Von Heinrich Dassel
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Der Kolonialismus konnte nur funktionieren, weil die kolonialisierten Völker im großen und ganzen die Legitimität der Kolonialherrschaft anerkannten: „Sie migrierten freiwillig zu den Kolonialzentren, bezahlten dort freiwillig ihre Steuern […], kämpften in den Kolonialarmeen, arbeiteten bei der Kolonialverwaltung mit […], ohne die bereitwillige Mitwirkung großer Teile der Kolonialvölker wäre der Kolonialismus unmöglich gewesen. Schließlich war die Zahl der aus den Mutterländern entsandten Polizisten, Soldaten und Zivilverwaltern in den Kolonien verschwindend gering im Vergleich zu den riesigen Gebieten und Bevölkerungen der Kolonien“, schreibt Bruce Gilley in seinem 2021 herausgekommenen Buch „Verteidigung des deutschen Kolonialismus“. In Deutsch-Ostafrika wurden fast acht Millionen Menschen von 280 deutschen und 50 eingeborenen Beamten regiert. Bruce Gilley: „Das ist, als ob das heutige Niedersachsen von 200 Beamten verwaltet würde.“ Auch die deutsche Militärpräsenz war winzig. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs kamen auf einen einzelnen deutschen Soldaten in Ostafrika 4400 Einheimische, während das Verhältnis im Deutschen Reich 1:180 betrug.
Die Treue der einheimischen Askari-Soldaten im Ersten Weltkrieg war geradezu legendär. Mit anfangs 3000 deutschen und 12.000 afrikanischen Soldaten konnte General Lettow-Vorbeck 300.000 Mann gegnerischer Soldaten in Schach halten, bis er am 25. November 1918 kapitulierte – zwei Wochen nach der Kapitulation der Reichswehr.
Die chinesische Provinz Qingdao war nach den Worten Bruce Gilleys geradezu eine „Musterkolonie“. Massenhaft wanderten Chinesen in das deutsche Mandatsgebiet ein, die Bevölkerung wuchs von 12.000 auf mehr als 200.000 Einwohner. Provinzgouverneure aus den verschiedensten Gegenden Chinas besuchten die Kolonie, um die deutsche Verwaltung zu studieren und deren Methoden zu kopieren. Sun Yat-sen, der erste Präsident des modernen China, sagte 1912: „In 3000 Jahren hat China nicht geschafft, was die Deutschen in 15 Jahren geschafft haben!“
Die größte humanitäre Leistung der Deutschen in Afrika war die durch Robert Koch entdeckte Heilung der Schlafkrankheit, der allein im Jahr 1903 in ganz Ostafrika fast eine Million Menschen zum Opfer gefallen war. Auch König Leopold II. von Belgien, dessen „private Kolonie“ der Kongo gewesen war, bemühte sich um eine Bekämpfung der Schlafkrankheit, wodurch er Millionen Leben rettete – um ein Vielfaches mehr, als seiner Herrschaft zum Opfer fielen!
Bruce Gilley schildert in seinem Buch die großen Kosten, die die Kolonialherrschaft bei allen europäischen Mächten verursachte. Nach dem Rückzug der Europäer setzte in den nun unabhängigen afrikanischen Staaten eine Abwärtsspirale ein, heute liegt der durchschnittliche Lebensstandard der Menschen in allen Ländern Afrikas deutlich unter jenem am Ende der Kolonialzeit. Bruce Gilley zitiert auch eine Studie aus dem Jahr 2009, die 81 Inseln (wo die Auswirkungen von Migration weitgehend zu vernachlässigen sind) untersucht hat und eine positive Korrelation zwischen Kolonialisierungsdauer und Modernisierung feststellen konnte. Diese positiven Auswirkungen negieren aber die modernen Kolonialismusforscher, die die Archive in einer Art von Rosinenpickerei nach rassistischen Aussagen von Siedlern, gewalttätigen Übergriffen durch Kolonialverwalter, unlauteren Geschäftspraktiken weißer Händler etc. durchsuchen. Diese sehen sogar im Bau von Krankenhäusern und in der Entsendung von Ärzten einen „teuflischen Plan“, sie diskreditieren den Kampf gegen die Sklaverei, für mehr Bildung und bessere wirtschaftliche Entwicklung der beherrschten Bevölkerung als „Mißhandlung durch Wohlwollen“. Sogar die Ausrottung des Kannibalismus in Afrika und Asien wird von fortschrittlichen Anthropologen als „Form der westlichen Unterdrückung“ betrachtet, wie Bruce Gilley auf Seite 121 seines Buches ausführt. Sein Fazit lautet: „Die radikalen Gutmenschen und Antikolonialisten werden nicht eher ruhen, bis Deutschland und die anderen Länder des postkolonialen Westens in Schutt und Asche gelegt sind. Deshalb ist die Diskussion um die europäische Kolonialzeit kein abstraktes, akademisches Gerede ohne Bezug auf die Gegenwart. Es handelt sich vielmehr um einen Angriff auf die Zukunft aller Länder des Westens, nicht nur Deutschland …“ (S. 15)
Warum ziehen es aber so viele deklarierte Antikolonialisten der Dritten Welt vor, in Ländern des Westens zu leben statt in ihren nun befreiten Heimatländern? Warum wird behauptet, die Armut in Namibia sei ein „Resultat der Jahre 1904–1908“ und damit unterstellt, daß die Namibier seit 100 Jahren keinen Einfluß auf ihr eigenes Schicksal gehabt hätten? Bruce Gilley hat auf Einladung der AfD 2019 einen Vortrag in Berlin gehalten, gegen den von Seiten der Antikoloniallobby massiv mobilisiert wurde, mit dem Ergebnis, daß 50 weiße Berliner und zwei Schwarze an einer Demonstration gegen ihn teilgenommen haben. Nur ein einziger Schwarzafrikaner, der AfD-Bundestagsmitarbeiter Achille Demakbo aus Benin, hat seinen Vortrag tatsächlich angehört und dem Autor nach eigenen Bekunden dafür gedankt, den Menschen in den ehemaligen Kolonien endlich eine Stimme zu geben: „Die Afrikaner seien es leid, von weißen Linken und radikalen Hochschulprofessoren gesagt zu bekommen, was sie zu denken […] haben“ (S. 16).
In seinem Buch analysiert Bruce Gilley die Entwicklung in den einzelnen deutschen Kolonien im Detail.
Im heutigen Namibia herrschte ein beständiger Konflikt zwischen den Herero und den Nama, im Rahmen dessen etwa im August 1850 die Nama ein Fünftel aller Herero töteten. Bruce Gilley betont, daß der Konflikt mit der Moderne so oder so gekommen wäre: „Die Umzäunung von Weideland und der Eisenbahnbau zur Rohstoffgewinnung war unvermeidbar, egal welche Herrschaft obsiegte, die einheimische oder die koloniale. Es gibt kein realistisches Szenario, nach dem die Herero und die Nama auf alle Ewigkeit in pastoraler Idylle weiterlebten, ihre fetten gesunden Rinder hüteten und gemeinsame multiethnische Grillabende hätten veranstalten können.“ (S. 41) Fett sind die Rinder der traditionell lebenden Hereros allerdings auch am Beginn des 21. Jahrhunderts ebensowenig, wie ihr Leben einer pastoralen Idylle gleicht.
Selbstverständlich ist klar, daß die europäischen Siedler nicht als Caritas, sondern von Eigennutz getrieben kamen. Doch die Frühphase der deutschen Kolonie führte zu einer objektiven Verbesserung der Lebensumstände der Herero und Nama. Als 1896 die Rinderpest ausbrach und die Hälfte der Kühe der Herero dahinraffte, ergriff die deutsche Kolonialverwaltung sofort Gegenmaßnahmen und brachte die Seuche unter Kontrolle. Ohne die Hilfe der deutschen Siedler wäre ein Großteil der Herero aufgrund der Rinderpest verhungert. „Die Nama oder andere Volksgruppen hätten kaum Suppenküchen für sie eingerichtet.“ (S. 43)
Dann beging die deutsche Regierung, so Gilley, jedoch einen Fehler und hob die Besiedlungsbegrenzung für Südwestafrika auf, die Zahl der Siedler stieg rasch, und die Lebensbedingungen für die Herero und die Nama verschlechterten sich. Ein weiterer Fehler war, Lothar von Trotha, der bereits bei der Niederschlagung des Boxeraufstands in China Erfahrungen gesammelt hatte und als „hart“ galt, nach Namibia zu entsenden. Trotha reagierte auf einen Aufstandsversuch der Herero entsprechend brutal und befahl ihnen, die Kolonie in Richtung des benachbarten britischen Betschuanalands (dem heutigen Botswana) zu verlassen, dessen Herrscher ihnen die Niederlassung erlaubt hatte. 75 Prozent der Herero der Kolonie starben beim Marsch durch die wasserlose Omaheke im Osten des Landes, gerade 20.000 von 80.000 Herero in Südwestafrika überlebten. Auch die ebenfalls aufständischen Nama wurden von 20.000 auf 10.000 dezimiert. Trothas Ausmaß der Gewaltausübung war laut Gilley der Bedrohung nicht angemessen, und Berlin reagierte sofort: Trotha wurde abberufen und seine Politik beendet. 1910 wurde Theodor Seitz, der als sehr fortschrittlich geltende Gouverneur von Deutsch-Kamerun, nach Südwest beordert, um den Scherbenhaufen aufzuräumen, den von Trotha hinterlassen hatte. Er versuchte, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen und den Eingeborenen Sicherheit zurückzugeben.
Unzweifelhaft ist, daß von Trotha nach heutigen Kriterien ein Kriegsverbrecher war, doch nach heutigen Kriterien wären wohl auch fast alle afrikanischen Herrscher vor und nach der Kolonialzeit Kriegsverbrecher. Und als der Anführer der Herero, Samuel Maharero, 1923 im britischen Exil starb, begrub ihn sein Stamm im namibischen Okahandja im Rahmen eines deutschen Militärbegräbnisses, wodurch er als deutscher Reichsbürger deklariert wurde. Bis heute tragen die Herero bei verschiedenen Anlässen deutsche Militäruniformen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.
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Die deutsche Kolonialherrschaft brachte Stabilität und Wohlstand in eine Region, die lange von inneren Konflikten und vom Sklavenhandel gebeutelt war. Bis heute genießen die Deutschen unter den Einheimischen hohes Ansehen. Dazu trugen unter anderem Infrastrukturprojekte bei, wie die 1250 km lange Eisenbahn von Tanganjikasee nach Daressalam, aber auch die Schaffung der ersten Naturschutzparks, verbunden mit der Bekämpfung der Wilderei, und die Bildungsinitiative der Kolonialverwaltung, die im Laufe von weniger als zwei Jahrzehnten 99 öffentliche Schulen errichtete, wo gemeinsam mit den etwa 1800 Missionarsschulen fast 120.000 Kinder unterrichtet wurden. In Ostafrika wurde auch im Gegensatz zu Deutsch-Südwest die Landnahme durch Siedler begrenzt. Sogar die Briten bewunderten in einem offiziellen Bericht am Vorabend des Ersten Weltkriegs die großen Leistungen der deutschen Kolonialverwaltung.
Im Zentrum des Interesses der Kolonialismuskritiker steht jedoch der Maji-Maji-Aufstand von 1905–1907. Bruce Gilley hält fest, daß die Niederschlagung der Maji-Maji nicht nur genauso wie der Feldzug gegen die Herero und die Nama gerechtfertigt, sondern die Aktionen der Kolonialverwaltung auch der Bedrohung angemessen waren. Der Aufstand wurde von einer Zusammenrottung von Kriegsherren und afrikanischen Sklavenhändlern in Gang gesetzt, die definitiv niemanden „befreien“ wollten, sondern im Gegenteil das ausdrückliche Ziel verfolgten, die Sklaverei wieder einzuführen und ihre althergebrachte Lebensweise des Überfallens schwächerer Stämme, um zu plündern und Sklaven zu fangen, wiederherzustellen. Voodoo-Medizinmänner sagten den Aufständischen, daß sie durch Zauberformeln gegen die Kugeln der Deutschen immun würden – was nicht stimmte und die hohen Opferzahlen auf afrikanischer Seite erklärt. Nach deutscher Zählung starben 75.000 Afrikaner im Kampf oder als direkte zivile Opfer, eine Zahl, die von antikolonialen Forschern um ein Vielfaches erhöht wurde, weil man sämtliche späteren Todesopfer durch Hunger, Seuchen und Stammeskonflikte dazuzählte.
Der kommunistische Diktator von Tansania, Julius Nyerere, behauptete kontrafaktisch, daß der Maji-Maji-Aufstand bei der Bevölkerung Tanganjikas Popularität genossen habe, obwohl den von ihm bestellten Historikern durch die Bank berichtet worden war, wie sehr die Maji-Maji verhaßt waren.
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Bei der Verwaltung Kameruns nahmen sich die Deutschen mehr als sonst die Briten zum Vorbild und verboten die christliche Missionierung der islamischen Fulani, nicht einmal die Scharia wurde angerührt. Allerdings verhinderte die deutsche Kolonialverwaltung auch, daß das ganze Land zum Sklavenreich der Fulani wurde, was ihre Popularität unter den anderen einheimischen Stämmen erklärt. Einer der wichtigsten Akteure in der Kolonie war der Schutztruppen-Offizier Hans Dominik, der nicht nur eine tiefe Liebe zu den Völkern und der Natur seiner neuen Heimat empfand, sondern auch eine Einheimische ehelichte. Ihm warf der Kommunist August Bebel 1906 vor, er hätte Kinder aus Rebellengruppen in Bastkörben über einen Wasserfall in den Tod geschickt. Schließlich mußte Bebel zugeben, daß sein Informant diese Geschichte frei erfunden hatte, dennoch wurde die Lüge bei der Friedenskonferenz von Versailles wiederholt und wird sie auch jetzt noch von antikolonialen Professoren als Wahrheit verkündet.
Die deutsche Kolonie in Kamerun befand sich jedoch zu Beginn des Ersten Weltkriegs in einer Krise. Durch die erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung geriet die privilegierte Stellung der Duala ins Wanken, die sich bei Kriegsausbruch schließlich weigerten, für die Deutschen zu kämpfen, wodurch ihr Gebiet rasch von den Alliierten unterworfen wurde. Die Haussa und Yaoundé im Landesinneren kämpften jedoch um so begeisterter für die Deutschen, und als die Kolonie schließlich erobert wurde, flohen über 6000 einheimische Soldaten, 12.000 andere Einheimische und ganze 117 Häuptlinge mit ihrem Gefolge gemeinsam mit den Deutschen nach Spanisch-Guinea, in das heutige Äquatorialguinea. Weitere 20.000 Kameruner, die mit den Deutschen ins Exil gehen wollten, wurden von den spanischen Behörden abgewiesen. Diese 117 Häuptlinge schickten dem spanischen König sogar ein Bittschreiben, auch nach dem Krieg unter deutscher Herrschaft bleiben zu dürfen.
Togo gilt als Musterkolonie, war es doch neben Samoa die einzige deutsche Kolonie, die 1914 nicht mehr subventioniert werden mußte. Jeder erwachsene togolesische Mann konnte sich aussuchen, entweder zwölf Tage (!) im Jahr unbezahlt für die Regierung zu arbeiten oder sechs Mark Steuern zu zahlen. Wo eine Besteuerung nicht möglich war, konnte Zwangsarbeit eine sinnvolle Alternative sein, auf die sich auch Großbritannien in einigen seiner Kolonien verließ, wie Bruce Gilley auf Seite 96 feststellt.
Togo wurde von den Deutschen systematisch entwickelt, die Sklaverei wurde abgeschafft, die Stammeskriege beendet, öffentliche Krankenhäuser eingerichtet, Arme umsonst versorgt. Die in der deutschen Zeit aufgebaute Baumwollindustrie liefert bis heute einen der erfolgreichsten Exportartikel Togos.
Nach dem Ersten Weltkrieg riefen die Einheimischen den „Bund der deutschen Togoländer“ ins Leben, der sich mit mehreren Petitionen an den Völkerbund wandte, um eine Rückkehr zur deutschen Kolonialherrschaft zu fordern.
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Bruce Gilley stellt fest, daß sich die Deutschen im Pazifik eher wie „Museumskuratoren und Kulturbeauftragte“ benahmen. Nur rund um die Hauptstadt Deutsch-Samoas konnten Europäer Kokospalmenplantagen anlegen, der überwiegende Teil der Landesfläche blieb den Samoanern vorbehalten. Der Bayreuther Historiker Hermann Hiery konnte aufzeigen, daß die deutsche Verwaltung der Kolonien im Südpazifik nicht nur viel besser als die in der vorkolonialen Geschichte der Inseln war, sondern auch besser als die britische, französische, holländische und insbesondere die Völkerbund-Verwaltung dieser Gebiete! (S. 133) Auch die Sterblichkeit unter Einheimischen und importierten Plantagenarbeitern lag in der deutschen Kolonie (im Unterschied zu verschiedenen Behauptungen antikolonialer Historiker) nicht höher als auf anderen Inseln dieser Region.
Mit einem Aufstand waren die Deutschen allerdings auch in der Südsee konfrontiert: Ein Häuptling und 30 seiner Gefolgsleute massakrierten sechs Samoaner und einige Deutsche. Daraufhin sicherten die anderen Häuptlinge der Insel Pohnpei den Deutschen ihre Unterstützung bei der Niederwerfung der Rebellion zu, stellten binnen weniger Tage 600 Krieger ab und beendeten den Aufstand auf eigene Faust.
Im Dritten Reich wurden kolonialpolitische Forderungen nur zum Schein erhoben. Bruce Gilley schreibt: „Die Koloniallobby war voller anglophiler Bewunderer des britischen Empire. Kein Wunder, dass diese von den Nazis bald als ideologisch suspekt eingestuft wurde – zu viele jüdische und katholische Freunde, zu viel Betonung der Freiheit der Frau, zu viel Liebe zur nicht-deutschen Welt.“ (S. 171) Doch auch im Dritten Reich erschienen Bücher über Kolonialpolitik, deren Forderungen als geradezu modern bezeichnet werden müssen (wenn man von zeittypischen Begriffen wie „artgemäß“ oder „Neger“ absieht). So hieß es im „Buch der deutschen Kolonien“ (1937) auf Seite 379: „Die nationalsozialistische Auffassung der Rassenfrage muß in ihrer Auswirkung den tiefsten Bedürfnissen des fremden Volkes und seiner Eigenart in jeder Form nachkommen. In aller Deutlichkeit hat der Führer häufig hervorgehoben, daß es mit der deutschen Auffassung unvereinbar sei, fremdes Volkstum zu annektieren und damit zu vergewaltigen. Es ist vielmehr eine Grundforderung nationalsozialistischer Weltanschauung, den anderen ihre Eigenart zu lassen, ebenso wie wir für uns verlangen, unser Leben nach unserem eigenen Willen führen und einrichten zu können. Diese Ansicht verliert ihre Geltung natürlich in keiner Weise, wenn der andere etwa der schwarzen Rasse angehört. Das heißt aber, daß für den Deutschen Kolonialpolitik nicht bedeutet, aus einer überseeischen Besitzung so viel wirtschaftliche Vorteile wie möglich herauszuschlagen und die dort lebende Bevölkerung nur als Mittel zur Erreichung diesen Zweckes zu betrachten, sondern daß er diesen Menschen gegenüber als ihr Herrscher eine tiefe moralische Verpflichtung empfindet, ihnen bei ihrer Weiterentwicklung an die Hand zu gehen. Er würde daher seine Aufgabe in einem solche Lande nicht damit als gelöst betrachten können, daß er durch seine Macht den Frieden im Inneren gewährleistet, daß er durch Anlegung von Verkehrswegen, durch Schaffung von Pflanzungen, durch Hebung der Bodenschätze und was derartige Maßnahmen weiter sind, den Ertrag des Gebietes mehrt und damit den allgemeinen Wohlstand erhöht, daß er durch Einrichtung von Spitälern und Ambulanzen, durch Bekämpfung und Verhütung von Krankheiten den Gesundheitszustand der Eingeborenen hebt und dadurch die ihrem Wohlbefinden und ihrer Arbeitsfähigkeit entgegenstehenden Hindernisse beseitigt. Nein, für ihn würden die Grundprobleme des eingeborenen Volkstums, das heißt vor allem sein Verhalten in der Auseinandersetzung mit der europäischen Zivilisation, die Hauptaufgabe werden, deren artgemäße Lösung der letzte und tiefste Sinn richtig verstandener Kolonialpolitik ist.
Daß dies nicht in der Niederhaltung des Eingeborenen auf dem Stand primitiver Lebensweise bestehen kann, erscheint selbstverständlich. […] Er wird vielmehr dafür Sorge tragen, daß die Fortschritte europäischer Zivilisation in einer seinem Verständnis und seiner Eigenart angepaßten Form ihren Einzug halten und nicht von vornherein alles zertreten, was an wertvollem Volksgut vorhanden ist und der Erhaltung wert erscheint. Er wird, um es kurz zusammenzufassen, bestrebt sein, aus dem Neger Afrikas keinen farbigen Deutschen zu machen, der ein oberflächliches Zerrbild einer seiner Eigenart entgegenstehenden fremden Rasse darstellt, sondern einen von den Unsitten und dem Aberglauben befreiten, aber sonst durchaus sein Eigenleben führenden und seiner Besonderheit gegenüber den Weißen bewußten Menschen.“