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Eine Ansicht, die bei uns in den USA schon lange vorherrscht und von unserer „konservativen Bewegung“ stets bekräftigt wird, ist, daß die amtierende Staatsführung zutiefst vom Sozialismus, sprich: Marxismus geprägt sei. Das Bestseller-Buch des republikanischen Funktionärs und bekannten Radiomoderators Mark R. Levin heißt „Amerikanischer Marxismus“, und in seiner Darlegung hält der Verfasser fest, daß seit Anfang des letzten Jahrhunderts ausgemachte Marxisten die amerikanische Linke mitgestaltet haben.
Von Univ.-Prof. Dr. Paul Gottfried
Levin befaßt sich mit dem Werdegang einer marxistisch beeinflußten Linken in den USA, die ihren Anfang mit dem Auftreten der progressiven Denkschule vor dem Ersten Weltkrieg nahm. Er führt diesen Einfluß auf die Wirkung der im ausgehenden 19. Jhdt. eingewanderten europäischen und insbesondere deutschen „Schrittmacher“ und „Vorboten“ zurück. Wie seine republikanischen Kollegen will Levin diese Verseuchung keinem originär amerikanischen Infektionsherd zuzuordnen. Seiner Auffassung nach ist die wahre amerikanische Staatsphilosophie die naturrechtliche Lehre der Gründerväter, die in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verankert wurde und die die Gleichberechtigung aller Menschen als Inhaber angestammter Freiheiten bejaht. Leider, so Levin, hat eine marxistische Ersatzreligion diese überkommene, klassisch liberale Grundlehre verdrängt. Ein marxistischer Fremdkörper habe an Boden gewonnen, bis er unser Verständnis von Demokratie und Selbstverwaltung einzutrüben begann.
Wie andere Märchen unserer fälschlich so benannten „konservativen Bewegung“ steckt Levins Darstellung der historischen Gegebenheiten voller Fehler. Er ist bemüht, seiner eigenen Weltanschauung fortschrittliche Züge anzuhängen, und wegen dieser Anstrengung unterscheidet er eine von ihm bevorzugte, indes nicht sachgerecht ausgewiesene Linke vor den von ihm verworfenen „Marxisten“. Nicht alle Linksradikalen sind aus seiner Sicht an denselben Pranger zu stellen oder als linksgerichtet einzureihen. Obgleich der Bürgerrechtsaktivist Martin Luther King jr. von kommunistischen Beratern umgeben war und darüber hinaus seine sozialistische Gesinnung selbst nie verneint hat, versagt sich Levin jeden Impuls, King genauer unter die Lupe zu nehmen. Wegen seiner mustergültigen Unterstützung der schwarzen US-Bürgerrechtsbewegung pinselt Levin King und dessen Genossen in rosigen Farben und stuft diese historischen Persönlichkeiten als antimarxistische Konservative ein. Ebenso absonderlich ist seine Deutung der Ideenwelt des berühmten amerikanischen Philosophen John Dewey, der sich entgegen Levins Darstellung nie zum Marxismus bekannt hat. Tatsächlich muß man sich schon sehr bemühen, auch nur Spuren des Marxismus in Deweys Pragmatismus zu erspähen, der darauf gerichtet ist, ideologisches Denken zugunsten praktischer Tugenden und eines demokratischen Zusammenlebens beiseite zu schieben. In seiner Themenbehandlung neigt Levin dazu, unbotmäßige Persönlichkeiten, die ihm nicht ins Konzept passen, als verdeckte Marxisten einzuordnen. Das dient dem Zweck, eine jahrzehntelange marxistische Durchdringung der amerikanischen Linken nachzuweisen.
Leider sind andere Versuche der „konservativen Bewegung“, dem Publikum die Entwicklungsgeschichte der Linken nahezubringen, mit den gleichen Verzerrungen behaftet. Aller Wahrscheinlichkeit nach besteht ein Zusammenhang zwischen Levins Publikationserfolg und seiner fragwürdigen Ahnentafel der amerikanischen Linken. Er wiederholt die geläufige republikanische These, daß es Aufgabe der amerikanischen Patrioten sei, eine immer wiederkehrende marxistische Gefahr niederzuringen. Wenn die sowjetische Bedrohung auch nicht mehr unerbittlich über uns schwebt, ist das kommunistische Gespenst doch mitnichten völlig ausgetrieben. Von ihren demokratischen Kontrahenten und linksgerichteten Fernsehkanälen bis hin zur chinesischen Regierung ausholend, wähnen sich die Republikaner und ihre Parteigänger von Marxisten umzingelt. An erster Stelle ihrer Agenda steht der fortdauernde Kampf gegen den Sozialismus, der als marxistisch beeinflußt empfunden wird. Sobald die Gegenpartei ein neues Sozialprogramm vorstellt, das den Etat weiter aufblähen muß, kontern die Republikaner mit der Schelte, daß die Demokraten einen an den Marxismus grenzenden Sozialismus einführen wollten.
Ohne die verschwenderische Politik unserer parlamentarischen Linken schönreden zu wollen, liegt es doch nahe, daß der Marxismusvorwurf anderen Bedürfnissen dient als der Bloßstellung einer angeblichen marxistischen Bedrohung. Man nimmt ein Feindbild in Anspruch, das manchmal im Widerspruch zur Realität steht. Da die republikanische Basis gewohnt ist, Ausfälle gegen einen zum Popanz gewordenen kommunistischen oder sozialistischen Widerpart zu hören, verursacht die Fortsetzung dieser Praxis bei der schon eingestimmten Basis keine kognitive Dissonanz. Ohne Zweifel kommt es der republikanischen Parteiführung zugute, sich weiter in ausgefahrenen Gleisen zu bewegen, statt sich an gefährlichere Dinge heranzuwagen, zum Beispiel durch Infragestellung der bereits laufenden Fürsorgeprogramme. Ihre Abgeordneten würden bei ihrer Wählerschaft bestimmt anecken, wenn sie aus Sparsamkeit Leistungen anzweifelten, aus denen die Basis selbst Vorteile zieht. Republikanische Politiker würden es niemals wagen, einmal eingeführte Wohlfahrtsmaßnahmen wieder einstellen zu wollen.
Was dieser „Antimarxismus“ im Klartext bedeutet, ist folgendes: Zuallererst macht die republikanische Prominenz durch ihre Abstandnahme gegenüber dem „Sozialismus“ die eigene Marke kenntlich und hebt sich von der des „Sozialismus“ bezichtigten gegnerischen Partei ab. Dazu ist anzumerken, daß die Demokraten in früheren Generationen bei den Angehörigen von Industriegewerkschaften hoch im Kurs standen und heute einen Gutteil ihrer Wähler in den organisierten Angehörigen des öffentlichen Dienstes finden. Obgleich republikanische Politiker gewöhnlich mitzuziehen versucht haben, waren die Demokraten immer eifriger dabei, Sozialprogramme einzuführen und zu verlängern. Das hat daran gelegen, daß die vorwiegend großstädtische katholische Arbeiterschaft generationenübergreifend der Demokratischen Partei gefolgt ist, während die Republikanische Partei mit den protestantischen Arbeitgebern assoziiert wurde. Die Republikaner hatten keine andere Wahl als den Demokraten diesen Anteil der Wählerschaft zuzugestehen. Was den Republikanern als einzige Reaktion blieb, war eine lautstarke Kriegserklärung gegen den „Sozialismus“. Der Rückgriff auf diese Notlösung bildete demgemäß jahrzehntelang einen republikanischen Schwerpunkt.
Vielleicht ausschlaggebend für das schon lange eingespielte republikanische Einschlagen auf „sozialistische“ oder „marxistische“ demokratische Zielscheiben ist paradoxerweise eine gewisse Zaghaftigkeit seitens der Angreifer. Republikanische Meinungsmacher und Funktionäre haben Angst, besonders heikle Streitfragen direkt anzupacken, und wegen dieser Vorsicht halten sie an schon bewährten, wenn auch völlig veralteten Floskeln fest. Republikanische Parteigänger drücken sich konfliktscheu um zeitaktuelle Reizthemen, deren ungehemmter Aufarbeitung sie sich nicht gewachsen fühlen. Diese Diskursgrenzen überschreitet das republikanische Establishment nur stockend, weil es fürchtet, seinen Ruf zu beschädigen, wenn das Unsagbare zur Sprache kommt. Voraussetzung für eine solche gewagte, freimütige Diskussion wäre die Bereitwilligkeit, „woke“ Meinungswächter ohne Umschweife herauszufordern und die unter Beschuß geratene abendländische Zivilisation ohne jedes Wenn und Aber zu verteidigen. Republikanische Politiker wollen von einer solchen wagemutigen Vorgehensweise aus offensichtlichen Gründen nichts wissen. Die „woken“ Medien würden diesen Frevel exemplarisch bestrafen und den „homophoben,“ „antifeministischen“ oder „fremdenfeindlichen“ Redner nach Strich und Faden niedermachen. Weniger bedenklich ist es da für die derzeitige Opposition, zum x-ten Mal die alte Leier von den sozialistischen Tendenzen und marxistischen Untertönen der Demokraten anzustimmen.
Ebenso nutzbringend für eine sich selbst „gemäßigt“ nennende Opposition ist es, sich notdürftig an die sozialpolitischen Positionen ihrer Gegner anzupassen. Statt eine starre Front zu bilden, bewegt man sich nach und nach auf die andere Seite zu und macht sich daran, eine dezent angepaßte Umformulierung der Grundstellung der Linken zu entwickeln.
Es wäre völlig abwegig, zu behaupten, daß die Transgender-Ideologie mit einer konservativen Weltanschauung ein schönes Gespann bildet. Überzeugender klingt für „konservative“ Ohren daher die Behauptung, daß Transgender und Schwule unterschiedliche Ziele hätten und deshalb ein Zweckbündnis mit Schwulen und Feministinnen für „Konservative“ ein erreichbares und zulässiges Ziel sei. Von diesem Standpunkt aus kann man zur Position gelangen, die hierzulande durchaus Gehör findet, wonach die Schwulen einen traditionellen Lebenswandel führen wollten und es angezeigt sei, ihren Mikrokosmos vor den Transgender-Rabauken zu beschützen. Im Einklang mit dieser „einlenkenden“ Position beeilen sich zurzeit republikanische Senatoren, die demokratische Gesetzgebung zur bundesweiten Festschreibung der Schwulenehe mit ihren Stimmen zu unterstützen.
Wenn es einmal gelingt, die feindliche Heerschar zu entzweien, dann wird dies nicht ausgenutzt, um einen Sieg zu verbuchen, sondern um sich mit der moderateren Linken provisorisch zu verbünden. Was dahintersteckt, ist kein Plan, die Linke zu überwinden, sondern eine Hinhaltepolitik, die darauf abzielt, das unsichere Dasein einer angeknacksten Opposition zu verlängern. Deshalb auch das Getue um eine „marxistische“ oder „sozialistische“ Gefahr, das dazu dient, wirklich brenzlige Streitfragen aufs Abstellgleis zu schieben.
Leider entfernt sich die Heraufbeschwörung eines „sozialistischen“ Ungeheuers immer weiter von beweisbaren Tatsachen. Im Unterschied zu den Marxisten und verbliebenen Sozialisten scheren sich die „woken“ Linken und unsere Demokratische Partei als deren selbsternannter Sachwalter am allerwenigsten um die Arbeiterschaft. Aus einem Mäzenatentum, das keineswegs in erster Linie das Proletariat fördern will, fließen der Demokratischen Partei großzügige Zuwendungen zu. Die „woken“ Kandidaten und Amtsinhaber stellen an die Regierung ihre ganz eigenen Forderungen, die nichts mit einer Vergesellschaftung der Produktionskräfte zu tun haben: zum Beispiel, Gefängnisse zu öffnen, um Räuber und überführte Mörder freizulassen, den Gebrauch von diskriminierenden Bezeichnungen zu verbieten und jede Kritik an der Schwulenehe zu unterdrücken.
Unternehmensvorstände pochen unnachgiebig auf die Umsetzung von LGBT-Anliegen und setzen sich weltweit für die Zurschaustellung von Regenbogenfahnen bei öffentlichen Tagungen und Sportturnieren und das Tragen von entsprechenden Armbinden ein. Ganz gleich, welche „woke“ Schrulle gerade auf dem Plan steht: Coca-Cola, Citybank, Disney, Goldman Sachs, Volkswagen, Merck und alle, die in der kapitalistischen Schickeria Rang und Namen haben, bejahen sie unisono. Sobald Elon Musk bekanntgegeben hatte, daß er konservative, sprich: nichtlinke Stimmen nicht länger von Twitter verbannt halten würde, schlugen die gesinnungsmäßig zuverlässigen Firmen Volkswagen und Merck mit einem vielsagenden Boykott zurück. Diesen kapitalistischen Unternehmen geht es gegen den Strich, den Vertretern politisch inkorrekter Meinungen die Möglichkeit zur Widerrede zu gewähren. Wenn man alles zusammennimmt, so wäre es widersinnig, eine Meinungsverschiedenheit zwischen der derzeit populären „woken“ Linken und dem Großkapital zu erblicken. Sie marschieren Hand in Hand in die Zukunft.
Wer außen vor bleibt, ist die weiße Arbeiterschaft, die „woke“ Vordenker und fortschrittlich gesinnte Kapitalisten in gleichem Maße verachten. Daß BLM-Banden auf diese armen Schlucker Jagd machen, und daß sie ihre Arbeitsstellen durch Outsourcing an die Dritte Welt verlieren, erregt bei ihren Verächtern kein Mitleid. Unsere ehemalige Außenministerin Hillary Clinton brachte es auf einen Begriff, als sie während ihrer Präsidentschaftskampagne 2016 ihr Mütchen an dem „Basket of Deplorables“ („armseligen Haufen“) der Trump-Unterstützer kühlte. Die Nichterleuchteten, die mit ihren Händen arbeiten, und besonders diejenigen, die kleinstädtisch geprägt sind, die Waffen tragen und zerlesene Bibeln studieren, stellten für Hillarys Anhänger den Erzfeind dar. Zu einem Kulturkampf trug auch der seinerzeitige demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama bei, als er 2008 in meinem Bundesstaat Pennsylvania auftrat und seinen Hohn über die eingesessenen Einwohner entlud. Zum Beifall der Medien stichelte Obama gegen Bauerntölpel und ungebildete Arbeiter, die sich an ihren Waffen und Bibeln festklammerten. Dem schon entfachten Konflikt zwischen der Arbeiterklasse und der mit den nichtweißen Unterschichten und LGBT-Aktivisten verbündeten „woken“ Herrenschicht gab Obamas Suada weitere Nahrung.
Vorzeichen dieser Gegensätzlichkeit war schon in den 1960ern die Ernüchterung der Neulinken über den „kleinkarierten“ Arbeiterstand, dem nach Ansicht seiner Verächter ein hinreichend revolutionäres Bewußtsein fehlte. In diesem aufgewühlten Zeitraum zeichnete sich die kommende Allianz zwischen Kulturrevolutionären und sogenannten Neomarxisten im Zeichen der Frankfurter Schule bereits in groben Zügen ab. In der Folgezeit vollzog sich die Ablösung der Linken von allen bekannten marxistischen Bezügen und zuletzt ihre Ausformung als ein sozialradikales Nebenprodukt des Spätkapitalismus. (Der zeitgeschichtlichen Analyse des verstorbenen Günter Maschke stimme ich in dieser Hinsicht völlig zu.)
Obwohl jeder unserer Präsidenten im Namen der „sozialen Gerechtigkeit“ eine Erhöhung der auf die Reichen entfallenden Steuerlast versprach, tut Biden das Entgegengesetzte, nämlich die Steuerlast zentnerschwer den Wenigerverdienenden aufzubürden. Bevorzugte Plutokraten erhalten derweil die auf „grüne Energie“ entfallenden staatlichen Zuschüsse. Nie wird eine demokratische Regierung die Filzokratie im Stich lassen. Wie sein demokratischer Amtsvorgänger Obama kungelt Biden mit den bei den Demokraten beliebten parteitreuen Firmen, die Wind- und Sonnenenergieanlagen herstellen sollen. Wenig überraschend haben diese politisch motivierten Aktivitäten noch keine preislich sinnvolle oder wirksame Nutzung der Nichtfossilenergie herbeigeführt. Mittlerweile reißt bei den Demokraten auch die Gewohnheit ein, die Steuerbehörde auf die Opposition anzusetzen. Verräterisch für die Auswahl der mit besonderer Aufmerksamkeit zu bearbeitenden Steuererklärungen sind die Identitäten der Anvisierten: Belästigt werden an erster Stelle christliche Stiftungen, deren Verfolgung antireligiöse Demokraten erfreut, und selbstverständlich Spender an die Republikanische Partei.
Geradezu zynisch ist die groß aufgemachte Ankündigung von Biden und seiner Gefolgschaft, die von Universitätsstudenten und -absolventen angehäuften Gebührenschulden mit Zauberhand zu tilgen. Statt dessen werden die Ausstände auf die Bedürftigen und Nichtabsolventen abgewälzt. Was geschehen wird, wenn Biden sich mit seinem Entwurf durchsetzt, sollte gerechte Empörung erregen. Lohnarbeiter, die ihr Auskommen schon jetzt nur mit Mühe finden können, werden gezwungenermaßen für die Schulden von Harvard-ausgebildeten Anwälten einstehen. Schließlich werden die Empfänger von Bidens Geschenken zu wohlhabenden, freigiebig spendenden Demokraten aufrücken, während die bedrückten Schuldner als Dauerangehörige des „Basket of Deplorables“ dahinleben werden. Und statt die Universitätsverwaltungen in die Pflicht zu nehmen, Abstriche von ihren wuchernden Gewinnen zu machen, sind die Regierenden bereit, diese Verbündeten mit zusätzlichen Leckerbissen einzudecken. Ein Selbstläufer: Der in Aussicht stehende Schuldenerlaß wird auf immer höhere Unterrichtskosten hinauslaufen, aber da die Unis ausnahmslos die Demokraten unterstützen, wird das gescheffelte Geld sein gewünschtes Ziel erreichen.
Als Paradebeispiel der Grundhaltung der „woken“ Linken gegenüber der weißen Arbeiterschaft sei ein Kommentar in der nicht unbedeutenden linken Zweiwochenschrift „The Nation“ (29. Oktober 2022) herangezogen. Die Verfasserin Joan Walsh hat sich schon lange über die reaktionäre Gesinnug der „kulturell entfremdeten“ Arbeiterschaft und der rückschrittlichen Einwohner des amerikanischen Binnenlandes ausgelassen und über diesen unerfreulichen Zustand eine Menge publiziert. Zu ihrem Leidwesen würden diese Unwissenden auch noch von der Republikanischen Partei betrogen, die sie am laufenden Band mit rassistischem und sexistischem Theater hinters Licht führten. Insgesamt seien diese plumpen Übertölpelten so verführt, daß es momentan gar nicht möglich sei, ihnen eine menschenfreundlichere Ausrichtung einzuschärfen. Da diese in Unkenntnis und Rohheit Versunkenen noch wählen und sonstige Bürgerrechte ausüben dürften, sei es dringende Not, ihren Wirkungsbereich einzuschränken.
Trotzdem findet Walsh noch einen Lichtblick in diesem trüben Tatbestand. Der Anteil der Verachteten und Entmenschlichten an der Gesamtbevölkerung falle schon auf nicht mehr als 35 Prozent. Nach und nach würden sie von farbigen Neusiedlern und Großstädtern zahlenmäßig so überlagert, daß sie nicht mehr zu berücksichtigen wären. Eine reine Glückssache wäre es aber, so Walsh, wenn diese unzeitgemäßen Reste einer veralteten weißen, von Männern beherrschten Gesellschaft spurlos verschwänden. Da stellt sich die Frage, in welcher Weise sie und die „Nation“-Redaktion, die ihr Pamphlet veröffentlichte, Marxens revolutionärer Zukunftsvision mit seiner Hervorhebung der Arbeiterschaft als auserwähltes Vehikel der sozialen Veränderung treu bleiben. Der Leser wird nur schwerlich irgendwo eine noch feindseligere Beurteilung dieser Klasse finden.
Obgleich Walsh nebenbei vorschlägt, die Arbeiterschaft mit neuen Sozialprogrammen zu beschenken, um sie den Republikanern auszuspannen, greift man zu weit dabei, ihre Verzweiflungsratschläge als Zeichen eines Einsatzes für den „Sozialismus“ auszulegen. Walsh bemüht sich um eine Kulturrevolution großen Formats, die keineswegs ausschließt, mit wohlgesinnten Kapitalisten Zweckbündnisse einzugehen. Vor zehn Jahren schnitt der englische Journalist Robert Henderson die Gretchenfrage an, warum der Arbeiterschaft über ein paar Generationen hinweg ihr Ansehen verlorengegangen sei. Henderson betitelte seine vielgelesenen Betrachtungen einprägsam: „Vom Salz der Erde zum Abschaum der Welt“. Eine stichhaltige Antwort lautet: Alles hat sich so entwickelt, weil die Klassenkämpfe sich nach „woken“ Richtlinien verändert und die Arbeiterschaft mit den kulturell radikalisierten Großkapitalisten die Plätze getauscht haben. Es kann kaum überraschen, daß sich die sogenannte Intelligenz, die nie ein Interesse an bürgerlicher Moral hatte, für die Big-Money-Protzerei entschieden hat.
PS: Es versteht sich, daß die im obigen Kommentar behandelte Gruppe der „Großkapitalisten“ nicht die kleineren kapitalistischen Betriebe umfaßt, die oft als Familienunternehmen geführt werden. In vielen Fällen werden diese Unternehmen, etwa „Hobby Lobby“ und „MyPillow“, von gläubigen Evangelikalen geführt, die der politischen und kirchlichen Rechten riesige Summen spenden. Im Gegensatz zum „woken“ Unternehmertum teilen diese Inhaber weder weltanschauliche noch wirtschaftlich-strukturelle Interessen mit den Globalisten. Üblicherweise machen sie sich für Schutzzölle stark und versuchen aus kulturellen Gründen, die Einwanderung zu bremsen. Die fundamentalen menschlichen und gewerblichen Unterschiede der beiden Typen lassen sich nur schwerlich überzeichnen.