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Liselotte von der Pfalz (1652–1722)

Friedrich V. von der Pfalz ging als böhmischer „Winterkönig“ in die Geschichte ein. Durch seine Heirat mit einer Prinzessin aus dem Hause Stuart wurde er aber auch zum Stammvater der englischen Könige aus dem Haus Hannover.

Die deutsche Protestantin am Hofe Ludwigs XIV.

Von Aachen bis Breisach am Oberrhein finden sich viele zerstörte Schlösser und Burgen. Bekanntestes Beispiel ist das Heidelberger Schloß. Aus diesem stammte Liselotte, die Tochter des Kurfürsten von der Pfalz. Das Leben dieser bemerkenswerten Frau ist eng mit diesen Ruinen verbunden. Es war der Kummer ihres Lebens, daß sie die Veranlassung dafür war, daß der französische König Ludwig XIV. ihre Heimat verheerte. Ihr zweiter großer Kummer war der Verlust ihrer Heimat, die sie nie wiedersah, und der langsame Verlust aller Menschen, mit denen sie deutsch sprechen, schreiben und denken konnte. Ihre geistliche Heimat blieb ihr evangelischer Glaube, auch wenn sie anläßlich ihrer aus politischen Gründen vollzogenen Heirat mit Philippe von Orléans (1640–1701), dem Bruder des französischen Königs, katholisch werden mußte.

Von Dr. Menno Aden

Elisabeth Charlotte, Liselotte, wurde am 27. Mai 1652 in Heidelberg geboren. Ihr Vater war der Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz (gestorben 1680). Dessen Vater, also Liselottes Großvater, war der als Winterkönig in Böhmen (1618) zu trauriger Berühmtheit gekommene Kurfürst Friedrich, dessen Heirat mit einer Prinzessin aus dem Hause Stuart ihn zum Stammvater der englischen Könige aus dem Hause Hannover machte. Die Briefe, welche Liselotte zumeist ihrer Tante Sophie, der Frau des Herzogs, später Kurfürsten von Hannover stets auf Deutsch schreibt, gehören zu den interessantesten Dokumenten über das Leben am Hof von Versailles. Vor allem aber sind sie Zeugnisse einer evangelischen Frömmigkeit und menschlichen Echtheit, die sich in ihrer Verbundenheit mit ihrer deutschen Sprache ausdrückt. Die Anhänglichkeit an ihre deutsche Muttersprache hat ihre besondere Bedeutung darin, daß Deutsch am französischen Hof etwa so angesehen war wie Türkisch, nämlich gar nicht, und daß damals jeder, der auf sich hielt, die Höfe zumal, Französisch sprach und schrieb.

Der Hauptzug in Liselottes Person ist Nüchternheit. Am 19. Februar 1682 schreibt sie: „es ist nicht alles Gold was glänzt, und was man auch von der französischen Libertät prahlen mag, so seind die divertissements [Hofvergnügungen] so gezwungen und voller contrainte [Zwang], dass es nicht auszusprechen ist.“ Es sei aber nicht gut, zu viel auszusprechen, „denn ich weiß gar gewiss, dass man die Briefe liest und aufmache. Mir tun sie“ – anders als der französischen Kronprinzessin, wie sie spöttisch hinzufügt – „auf der Post die Ehr, die Briefe subtil wieder zu zumachen“. Liselotte hat Humor; um die Zensoren zu ärgern, schreibt sie einmal in einem Brief einen Kinderreim in Pfälzer Mundart: „Das seind schöne Vers, wovon die Vorwitzigen, so unsere Briefe lesen, gar viel lernen werden.“ (17. Juli 1707) Ihre anfangs leidliche Ehe wird schwer. Der König hält seinen verschwenderischen Bruder kurz. Dieser stirbt 1701 nach einem verlotterten Leben unter Hinterlassung gewaltiger Schulden, in welchen auch das Erbe Liselottes mituntergegangen war. Liselotte ist zwar eine der ranghöchsten Personen in Frankreich, aber sie lebt nun sehr knapp: „wie eine Bettelfrau bin ich dem König auf dem Hals“. (28. Juli 1701)

Liselotte von der Pfalz, hier bereits als Witwe von Hyacinthe Rigaud gemalt, war mit Philippe von Orléans, dem Bruder des französischen Königs, verheiratet. Die politische Ehe setzte ihre Konversion zum Katholizismus voraus, doch blieb sie im Grunde fromme Lutheranerin und sehnte sich nach den ihr vertrauten deutschen Kirchenliedern. Berühmt machten sie ihre zahlreichen Briefe, in denen sie freimütig von ihrem Leben am Hof in Versailles, ihren Gedanken und Gefühlen berichtete. Im Insel Verlag ist eine Auswahl ihrer Briefe als Taschenbuch erschienen.

Pfälzer Erbfolgekrieg

Nach den Toden ihres Vaters und dann des Bruders 1688 ohne direkte Erben beginnt die große Tragödie der Pfalz, der sogenannte Pfälzische Erbfolgekrieg (1688–1697). Ludwig XIV. erhebt für seine Schwägerin und gegen ihren Willen sowie das in Deutschland herrschende Erbrecht der männlichen Primogenitur Ansprüche auf die Pfalz. Der Krieg weitet sich aus zur Auseinandersetzung zwischen Frankreich und England. Die Verwüstungen, welche französische Truppen in Deutschland anrichten, empören die Mitwelt, die Ruinen sind noch heute zu sehen. Liselotte schreibt am 20. März 1689: „Sollte man mir aber das Leben darüber nehmen wollen, so kann ich doch nicht lassen, zu bedauern und zu beweinen, dass ich sozusagen meines Vaterlands Untergang bin und über alles das, alle des Kurfürsten, meines Herrn Vater seligen Sorge und Mühe auf einmal so über einen Haufen geworfen zu sehen an dem armen Mannheim. Ja ich hab einen solchen Abscheu vor alles, so man abgesprengt hat, dass alle Nacht, sobald ich ein wenig einschlafe, deuchte mir, ich sei zu Heidelberg oder zu Mannheim und sähe alle die Verwüstung, und dann fahr ich im Schlaf auf und kann in zwei ganzen Stunden nicht wieder einschlafen.“ Der Krieg endet praktisch ohne Ergebnis 1697 im Frieden zu Rijswijk.

Hofberichte und gelegentlich recht derbe Anekdoten überwiegen in Liselottes Korrespondenz. Ab etwa 1685 beginnt Ludwig XIV., unter dem Einfluß seiner Mätresse Madame de Maintenon frömmlerisch zu werden. Der gesamte Hof folgt dem bigotten Wesen. Liselotte beschreibt das fromme Getue, sie verachtet es. Aber das führt sie dazu, sich über ihren eigenen Glauben klarzuwerden. Am 22. Mai 1692 schreibt sie: „in dieser Zeit, glaube ich, dass man wenig weiß, was heilig ist oder nicht. Ich halte vor die Heiligsten so ihren Nächsten am wenigsten Leid tun und gerecht sein in ihrem Wandel. Aber das finde ich bei den Devoten [= Frommen], contrari, niemand hat einen erbitterteren Hass in der Welt, und es wäre wohl nicht schlimmer, in der Türken Hände zu fallen als in dieser unbarmherzigen Leute. […] Ich muss gestehen, dass, ob solche Devoten zwar auch meine Nächsten sein, kann ich sie doch nicht lieben als mich selbst […]. Halte es also vor eine schwere Sach, der Heiligen Schrift hier zu folgen.“ Dieses Urteil hängt sicher damit zusammen, daß um diese Zeit, nach der Aufhebung des Edikts von Nantes am 18 Oktober 1685, die Protestanten in Frankreich ihre Religionsfreiheit zum zweiten Male verloren haben und mitleidlos, zum Teil grausam verfolgt und außer Landes getrieben werden. Das fromme Getue bei Hofe steht im Gegensatz zu dem Lasterleben der Höflinge, zumal der Männer. Der Herzog, ihr Ehemann, meint einmal zu Liselotte, sie solle doch froh sein, daß er es nur mit Frauen habe, denn die meisten treiben es auf italienische Manier, nämlich auch mit Männern (13. Februar 1695).

Liselotte gibt ihrer Tante in Hannover ein Zeugnis ihres Glaubens (30. Oktober 1695): „ich glaube, dass es eine gar elende Sache ist, sich anzustellen, als wenn man devot [= fromm] wäre, und dass man es nicht ist … Ich bin nicht glücklich genug, einen so starken Glauben zu haben, um Berge zu versetzen, und bin zu aufrichtig, um mich anzustellen als wenn ich devot wäre, ohne es zu sein. Derowegen kontentiere [= gebe mich zufrieden] ich mich nur, mich nicht gröblich gegen die Gebote zu versündigen […]. Gott, den allmächtigen, den admiriere ich, ohne ihn zu begreifen; ich lobe und preise ihn morgens und abends und lass ihn ferner walten und ergebe mich in seinen Willen: da wissen euer Liebden denn nun alle meine Devotion.“ Von den Pfaffen hält sie wenig. „Man sieht wohl, dass die Herrn Pfaffen nur ihr divertissement mit der Religion haben und alles für Histörchen halten […]. Alles Übel geschieht, weil man hier […] alles glaubt, was Mönche […] sagen, auch gar ignorant in allen ist.“ (18. Mai 1698)

Im Alter beginnt Ludwig XIV., unter dem Einfluß seiner Mätresse Madame de Maintenon frömmlerisch zu werden, doch das Lasterleben am Hof von Versailles hält an.
In ihrem letzten Brief schrieb Liselotte von der Pfalz, daß sie „die Welt gern verlasse in der Hoffnung, daß mein Erlöser, so vor mich gestorben und auferstanden ist, mich nicht verlassen wird …“. – „Der Tod als Freund“, Holzschnitt von Richard Julius Jungtow nach einer Zeichnung von Alfred Rethel.

Deutsch und lutherisch

1702 ist Liselotte 50 Jahre alt. Von ihrem soeben gestorbenen Mann war sie seit Jahren vernachlässigt worden. Sie lebt völlig zurückgezogen und hat Heimweh. Sie hadert und schreibt am 12. Mai 1702 einer Freundin: „mein Beruf und kindlicher Gehorsam haben mich hergebracht; hier muss ich leben und sterben und mein Verhängnis völlig erfüllen. Meinem Gott diene ich, wie ich’s kann und verstehe, lass ihn im übrigen walten …“ Ihr „fröhliches Herz“, so schreibt sie am 30. Mai 1689, habe sie aber „verloren, seit ich in Frankreich bin“. Einmal versucht sie, in der Familie deutsche Weihnachtssitten einzuführen: „Wie gern hätte ich das Christkindl gesehen. Hier weiß man gar nichts davon.“ (11. Januar 1711) Ihre Heimatliebe begleitet sie bis in die Wochen vor ihrem Tode. Am 1. Oktober 1722 bedankt sie sich für „die schöne Karte [= vielleicht eine der damals aufgekommenen Bilderlandkarten] worin ich schon viel spaziert habe; bin schon von Heidelberg bis nach Frankfurt, von Mannheim nach Frankenthal und von da nach Worms […] Mein Gott, wie macht einen dieses an die alten guten Zeiten gedenken, die leider vorbei sind …“

Oft denkt sie an die deutschen Gottesdienste. Am Himmelfahrtstag 1704 schreibt sie nach Hannover, gewiß werde wieder der Choral „Allein Gott in der Höh …“ in der Kirche gesungen. Sehr witzig macht sie nach, wie dieser Choral gesungen wird: „Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gna – ha-de, dass nun hinfort und immer mehr uns rühren ka-hann kein Scha-ha-de …“ Genau so klingt dieser Choral auch heute noch im evangelischen Gottesdienst! Die alten Choräle sind ihr auch nach Jahrzehnten noch präsent. „Die Psalmen vergesse ich schier alle, die lutherischen Lieder aber kann ich noch dazu singen und hab wenig vergessen“ (31. Mai 1692). Und fünf Jahre später: „Die lutherischen Lieder divertieren recht zu singen; dürfte ich sie hier singen, würde mir die Zeit bei weitem nicht so lang in der Kirch werden.“ (2. Januar 1697) Karfreitag 1705 denkt sie wieder an den Gottesdienst in der Heimat. Wird wohl wieder „Oh Mensch, bewein dein Sünde groß … gesungen? Von diesem gar langen Lied kann ich noch wohl aufs wenigst ein halb Dutzend gesetz [= Strophen] und die Melodie noch perfekt.“

Ihr religiöser Sinn ist kritisch. Liselotte stellt Fragen, die sie in die Nähe späterer protestantischer Bibelkritik bringen. Was haben z.B. die Bücher Prediger und Hohelied Salomo in der Bibel zu suchen? (6. Mai 1700) Warum haben die Zeitgenossen Jesus Christus und seine Gefährten nicht näher ausgefragt? Manche Frage, die das Neue Testament offenläßt, wäre doch so zum Nutzen der Christenheit beantwortet worden. „Ich admiriere [= wundere mich] oft, wie man zu unseres Herrn Christi Zeiten so gar wenig curieux [= wißbegierig] gewesen; […] den Lazarus hätte man brav von jener Welt examinieren sollen. Wäre mein Bruder vom Tod erstanden, ich würde ihn gewiss nicht ungefragt gelassen haben.“ (27. Juli 1708) Liselotte glaubt nicht, nur weil man es verlangt. Als ihr neuer Beichtvater von ihr unbedingten Glauben an die von der Kirche gelehrten Wunder fordert, wehrt sie ab: „Ich habe ihm platt heraus gestanden, dass ich zu alt bin, um einfältige Sachen zu glauben“ (18. April 1709).
Am 9. Juli 1719 berichtet sie in der Rückschau auf den 1715 gestorbenen Ludwig XIV.: „Es ist ein Elend, wenn man meint, devot zu sein und nur zu glauben, was einem die Pfaffen weis wollen machen. Unser seliger König war so. Er wusste kein Wort von der Heiligen Schrift; man hat es ihm nie lesen lassen; meinte, dass wenn er nur seinen Beichtvater anhörte und sein Paternoster plappelte, wäre schon alles gut, und er wäre ganz gottesfürchtig.“

Das Leben nach dem Tode

Der Glaube an das Leben nach dem Tode war bei den damaligen Strömungen geradezu in Mode gekommen. Liselotte ist völlig nüchtern und zugleich völlig evangelisch. Unter dem 2. August 1696 schreibt sie: „Nach meinem Sinn sollte ich eher glauben, dass alles zugrunde geht, wenn wir sterben.“ Aber, und nun wird sie, die von Haus aus eher reformiert ist, ganz lutherisch: „Die Gnade Gottes, deucht mir, kann allein die Seele unsterblich glauben machen, denn natürlicherweise kommt es einem nicht eben in den Kopf.“ Der Katholizismus, dem Liselotte nun schon seit fast 50 Jahren angehört, bleibt ihrem Herzen fremd. Sie schreibt am 11. Dezember 1717: „Wir müssen der Vernunft folgen, so Gott uns gegeben, ihn aber im Übrigen gewähren lassen und seinem Willen unterwerfen. Und“ – sie zitiert nun offenbar ganz unbewußt wörtlich Luthers Übersetzung dieser Stelle aus dem Johannesevangelium – „weil er die Welt so geliebt, dass er uns seinen eingeborenen Sohn geben, auf dass alle, so an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben, so können wir wohl ruhig und zufrieden sein.“ Aber sie ist auch nicht unkritisch gegenüber Luther und der Reformation, im Gegenteil: „Dr. Luther ist gewesen wie alle Geistlichen in der Welt, so alle gern Meister sein wollen und regieren […]. Aber hätte er an das gemeine Beste der Christenheit gedacht, würde er sich nicht separiert [= also die Kirchentrennung betrieben] haben […] aber hätte er Rom gewähren lassen und Frankreich und den Teutschen allgemach den Irrtum gewiesen, würde er vielmehr ausgerichtet haben.“
Liselotte zweifelt oft an ihrem Glauben, aber sie hält an der Bibel fest. Am 22. April 1719 schreibt sie: „Nichts wird mich nie hindern, meine teutsche Bibel zu lesen […]. Wie ich in Frankreich kam, war es jedermann verboten, die Bibel zu lesen, hernach über ein paar Jahr wurde es jedermann erlaubt. Die constitution, so so groß Lärmen macht, hat es wieder verbieten wollen. Ich lachte, sagte: Ich werde die constitution folgen und kann wohl versprechen, die Bibel nicht auf französisch zu lesen, denn ich lese sie allezeit in Teutsch.“

Am 3. Dezember 1722 schreibt sie ihren letzten Brief: „Ich werde täglich elender, möchte wohl ein schlimm End nehmen […]. Nimmt mich Gott zu sich, müsst Ihr euch in dem getrösten, dass ich ohne Reue noch Leid sterb, die Welt gern verlasse in der Hoffnung, dass mein Erlöser, so vor mich gestorben und auferstanden ist, mich nicht verlassen wird, und wie ich ihm treu geblieben, dass er sich auch meiner an meinem letzten End erbarmen wird … Es mag im übrigen gehen, wie es will.“ Fünf Tage später, am 8. Dezember 1722, stirbt die Herzogin von Orleans, welche im Herzen Liselotte von der Pfalz geblieben war.

 
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