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Nachruf auf Maschkiavelli

Günter Maschke 1970 vor dem Amtsgericht München, das ihn wegen Fahnenflucht zu einem Jahr Gefängnis verurteilte.

Ein abenteuerliches Herz hat aufgehört, zu schlagen

Er war einer jener freien und eigensinnigen Geister, die einen kleinen Kreis treuer Gefährten um sich hatten, aber nicht eigentlich schulbildend geworden sind. Von Anfang an „immer dagegen“, suchte dieser riesenhafte Mann mit seinem rundlichen Querkopf die „Wollust des Provokateurs“ nach allen Seiten auszukosten.

Von Siegfried Gerlich

Der sich selbst zum „Antiliberalen par excellence“ stilisierte, besaß dabei in hohem Maße, was unsere liberalen Zeitgenossen für sich reklamieren und doch so häufig vermissen lassen: menschliche Offenheit, intellektuelle Neugier, politische Streitlust. So dezidiert er aber deren politisches Lager bekämpfte, so notorisch haderte er auch mit allen anderen. Weit davon entfernt jedoch, mit seinem Eigensinn bloß zu kokettieren, hatte er für alle und keinen eine ernste Lektion parat: „Nichts korrumpiert das Denken so sehr wie die Angst vor dem Beifall von der falschen Seite.“ Und ebensowenig bekümmerte es ihn, wenn der Beifall von der „richtigen“ Seite ausblieb. Dieser „Partisan, der die Waffen nimmt, wo er sie kriegen kann“, war den Konservativen allemal zu rechts und den Rechten wiederum zu links. Als „manischer Leser“, der den diagnostischen Wert der marxistischen Lehre bis zuletzt zu schätzen wußte, verachtete er die „Lesefaulheit und latente Theoriefeindschaft vieler Rechter, die glauben, mit ihren Affekten auszukommen“. Besonders bitter mußte dem nationalen Lager freilich sein eingestandener Mangel an Liebe zu Volk und Vaterland aufstoßen. Ihn selbst hingegen brachte ins Grübeln, daß die Rechten, die sein pessimistisches Menschenbild doch im Grunde teilten, die Deutschen immer so brav und treuherzig verteidigten, als wäre ausgerechnet ihnen der Sündenfall erspart geblieben. Daß auch Deutsche aus krummem Holz geschnitzt sind, ließ er allerdings nicht als Ausrede für Defaitismus gelten: „Man muß seiner Fahne treu bleiben, auch wenn das Schiff sinkt. Die Weltstunde ist an unserem Volk vorübergegangen, und wir sind – einstweilen noch – Fellachen de luxe. Falls wir aber wirklich in einer postheroischen Zeit leben, ist alles verloren. Dann sind wir der letzte Dreck. Dann sollen meinetwegen die Insekten oder die Kröten über die Erde herrschen.“

Also sprach Günter Maschke. Dieselbe Schonungslosigkeit, mit der er den Rest der Welt zu attackieren liebte, legte er jedoch auch sich selbst gegenüber an den Tag. Anders als jene unfreiwillig vereinsamten Rebellen, deren opportunistische Talente nur nie entdeckt wurden, beendete der unkorrumpierbare Maschke seine publizistische Karriere im Juste Milieu allemal selbst, um sich in ein wirtschaftlich prekäres Privatgelehrtendasein zurückzuziehen. Dieser Unbestechlichkeit, aber auch der Freimütigkeit, mit der er politische Selbstkritik üben und persönliche Selbstzweifel äußern konnte, war es geschuldet, daß weder Freund noch Feind ihm je seine intellektuelle und menschliche Redlichkeit abgesprochen haben, wie immer sonst sie über seine politischen Leidenschaften oder seine persönliche Angriffslust, die jeden treffen konnte, denken mochten.

Erklärtermaßen war Maschke ein Mann des „bewaffneten Wortes“, und zwar vornehmlich des gesprochenen Wortes, dessen zuweilen dröhnende Wucht noch das Geschriebene durchdrang und belebte. Wer seinen weit ausholenden Monologen folgte, konnte Zeuge dessen werden, was Kleist „die allmähliche Verfertigung des Gedankens beim Reden“ genannt hatte. Sorgsam und bedächtig wählte Maschke seine Worte, bis sich diese auf ganz unvorhersehbare Weise zu wohldurchdachten Sätzen fügten. Manchmal aber knallten auch Pointen wie aus der Hüfte geschossen, und wenn sie trafen, konnte er sich freuen wie ein Kind. So hatten auch seine Zuhörer immer viel zu lachen; und wer darüber klagte, bei ihm nur wenig zu melden zu haben, traute sich bloß nicht, ein etwas zu langes Atemholen als Einladung zur Gegenrede mißzuverstehen, um dann auch einmal den abendfüllend Redenden zu aufmerksamem Zuhören zu nötigen. Als Schriftsteller wiederum war Maschke ein Stilist alteuropäischer Schule, der sich gern ein antiquarisch gebildetes Publikum vorstellte. Altmodisch war er aber auch in der Treue, die er seiner klappernden Schreibmaschine hielt, und nicht zuletzt in der Verspieltheit, mit der er handgeschriebene Briefe mit „Maschkino“ unterzeichnete.

Der Leninist

Am 15. Januar 1943 in Erfurt geboren, wuchs Maschke mit Adoptiveltern, deren „wohlwollende Vernachlässigung“ ihn zur Selbsterziehung durch unmäßige Lektüre verführte, in Trier auf. Seine Jugendjahre verlebte er vis-à-vis dem Geburtshaus von Karl Marx, und schon frühzeitig verschlang er die Werke Lenins, um späterhin der verbotenen KPD beizutreten. Nach Abschluß einer Lehre als Versicherungskaufmann schrieb sich Maschke an der Technischen Universität in Stuttgart ein, an der Max Bense lehrte und wo er über Gudrun Ensslin, die seinerzeit noch einem „linksliberalen Pazifismus“ anhing, deren Schwester Johanna kennenlernte, die er 1965 in Tübingen zur Frau nahm. Dort spielte Maschke alsbald eine führende Rolle in der situationistischen Gruppe „Subversive Aktion“, für die ihn deren „intellektuell bedeutendste Figur“ Frank Böckelmann angeworben hatte, zu deren Mitgliedern aber auch Bernd Rabehl und Rudi Dutschke gehörten. Der von Dutschke als „Maschkiavelli“ Titulierte bespöttelte diesen seinerseits als „reinen Toren“, der in seiner politischen Romantik vergessen habe, die Machtfrage zu stellen. In Dutschkes Dissertation „Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen“ konnte Maschke nämlich nur einen Versuch sehen, „Lenin aufs Kreuz zu legen“. In Tübingen lehrte indessen auch der Maschke wegen seiner „Wollust am Denken“ faszinierende Ernst Bloch, bei dem der forsche Philosophiestudent durchaus gemischte Gefühle hervorrief: „Der Maschke hat so etwas Leninistisches, gefällt mir nicht, gefällt mir gar nicht! Aber er hat den utopischen Stern im Herzen!“

Mit herzlicher Verachtung strafte Maschke allerdings die Bundeswehr, und nach deren Ablehnung seiner Kriegsdienstverweigerung beging er kurzerhand Fahnenflucht. Über Paris und Zürich gelangte er nach Wien, wo er 1965 dem Sozialistischen Deutschen Studentenverbund beitrat und als wortführender Kommunarde die „Kritische Theorie“ Theodor W. Adornos und Herbert Marcuses propagierte, bis Bruno Kreisky „den jungen Westdeutschen, der meine Studenten aufwiegelt“, in Abschiebehaft nahm. Das rettende Asyl, das ihm 1968 Kuba gewährte, bewahrte Maschke gleichwohl nicht vor der Enttäuschung über den „politischen Artisten und Überlebenskünstler“ Fidel Castro und den „mitleiderregenden Dilettanten“ Che Guevara. Maschkes unerschrockene Regimekritik, zu der auch sein Einsatz für die von Castro verfolgten Homosexuellen gehörte, sowie seine Freundschaft zu dem dissidenten Dichter Heberto Padilla führten bereits 1969 zu seiner Ausweisung – die insofern nur zu seinem Besten war, als kurz nach Maschkes Rückkehr nach Deutschland seine Hilfsdienste für eine Umsturzpläne schmiedende oppositionelle Gruppe bekannt wurden, für die er in absentia zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Aber dafür trat der ehemalige Deserteur klaglos seine ausstehende Haft in Landsberg an, wo er die Gefängnisbibliothek betreute und sich in die Schriften Max Horkheimers vertiefte. Im Gefängnis begann Maschke allmählich auch, seine leninistisch gestählten linken Grundüberzeugungen zu revidieren, ohne zu ahnen, in welche schweren Depressionen ihn dieser schmerzliche Revisionsprozeß noch stürzen sollte. Daß er seinen langen Weg nach dem Rechten aber schließlich fortsetzen konnte, war nicht zuletzt der freundschaftlichen Begleitung Armin Mohlers zu verdanken, der den von ihm anfangs als „Marxisten von rechts“ beargwöhnten Maschke schon bald als „edlen Menschen“ zu schätzen lernte.

Wegbegleiter Carl Schmitt und Armin Mohler

Als geistige Wegbegleitung zu seiner politischen Neuverortung war freilich das Werk Carl Schmitts von weit größerer Bedeutung. Bereits mit seiner „Kritik des Guerillero“ (1973) lieferte Maschke nicht nur eine radikale Entzauberung des kubanischen Revolutionsmythos, sondern überdies eine kongeniale Ergänzung zu Schmitts „Theorie des Partisanen“ (1963). Zur ersten persönlichen Begegnung kam es endlich 1979, und nach Maschkes stets anekdotenreifer Erinnerung empfing ihn der Hausherr Schmitt bereits an der Türschwelle mit einer vorauseilenden Rechtfertigungsrede: „Noch 1932 habe ich vor den Nationalsozialisten gewarnt, und 1936 bin ich von dem SS-Organ ‚Das Schwarze Korps‘ massiv angegriffen worden.“ Woraufhin der Besucher mit entwaffnender Dreistigkeit erwiderte: „Da waren doch noch einige Jahre dazwischen. Aber mich interessieren Ihre Jahre 1933 bis 1936 wenig. Man kann nicht sein ganzes Leben ununterbrochen anständig sein.“ Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft: Als engagierter Herausgeber und hochkompetenter Kommentator von Schmitts Werk sollte Maschke maßgeblich zu dessen internationaler Anerkennung beitragen. Als erstes machte er sich jedoch daran, ausgerechnet Schmitts als antisemitisch verfemtes Hobbes-Buch „Der Leviathan“ (1937) in seiner neugegründeten „Edition Maschke“ wiederzuveröffentlichen – eine Kühnheit, von der Schmitt ihn vergeblich abzuhalten versuchte: „Wenn das geschieht, erklärt Menachim Begin der Bundesrepublik den Krieg!“

Nach Schmitts Tod im Jahre 1985 nahm Maschkes Leben eine so folgerichtige wie folgenreiche Wendung. Seit Anbruch des „roten Jahrzehnts“ war der freie und forsche Publizist für die „FAZ“ tätig gewesen, doch als sein Nachruf auf den Verstorbenen von deren langjährigem Mitherausgeber Dolf Sternberger mit einer wütenden Anti-Schmitt-Suada quittiert wurde, kam es zum Bruch. Und angesichts noch weiterer Schmährufe auf seinen geistigen Mentor holte Maschke mit seinem Buch „Der Tod des Carl Schmitt“ (1987) zu einer großangelegten Apologie aus, die in einer scharfen Polemik gegen Jürgen Habermas gipfelte, welche „St. Jürgen“, der in Maschke den „einzigen Renegaten der 68er-Bewegung“ erblickte, das Fürchten lehrte. Seit Ende der 1980er-Jahre publizierte Maschke dann fast nur noch in dezidiert rechten Zeitschriften wie Caspar Schrenck-Notzings „Criticón“, Hans-Dietrich Sanders „Staatsbriefen“ und Heinz-Theo Homanns „Etappe“. Als Gastautor beehrte er gelegentlich auch die konservative „Junge Freiheit“, die ihm aber eigentlich schon zu liberal war, und beim Karolinger Verlag gründete und betreute er die „Bibliothek der Reaction“. Des weiteren nahm Maschke Anfang der 1990er-Jahre einen Lehrauftrag an der Marineschule La Punta in Peru an, um deren Offizieren Schmitts Strategie der Partisanenbekämpfung beizubringen – nicht ohne auch selbst mit der Waffe auf Seiten der Regierung Fujimori gegen den „Leuchtenden Pfad“ zu kämpfen, dessen Anführer Abigael Guzmán ironischerweise Linksschmittianer war.

Hans-Dietrich Sander und Reinhold Oberlercher

Mit Hans-Dietrich Sander und Reinhold Oberlercher, den beiden anderen herausragenden Köpfen der radikalen deutschen Rechten, verband Maschke zumindest dies, daß auch sein politischer Lebens- und Denkweg im radikal linken Lager seinen Anfang genommen hatte. Der bekennende „Dutschkist“ und „Nationalmarxist“ Oberlercher entwickelte sich jedoch schon beizeiten zu einem nicht nur theoretisch virtuosen, sondern auch ideologisch doktrinären Querfront-Extremisten, dessen typisch deutsche Konsequenzenmacherei Maschke gegen den Strich ging: „Es gibt in Oberlercher einen Riß zwischen dem intellektuellen Hochseilku?nstler und dem von dumpfen Impulsen getriebenen SA-Mann. Man muß schon eine Prise weltma?nnisch sein ko?nnen.“ Ganz ähnlich urteilte Maschke auch über Sander, der die von Mohler so getauften „Konservativen Revolutionäre“ zu heiligen römischen „Reichsdenkern“ zu adeln suchte. Wenn er diesen letzten Ghibellinen auch für „einen unserer besten Leute“ hielt, der „phantastisch gute Sachen geschrieben“ habe, so beschmunzelte er dessen Wiedererweckung des mittelalterlichen Staufermythos doch als bloße „bildungsbu?rgerliche Turnu?bung“. Und als Charakter war Sander für Maschke „ein ewiger Hitlerjunge, der ein furchtbarer Moralisierer sein konnte: am liebsten ha?tte er uns zu jahrzehntelangem Kna?ckebrotessen verdonnert. Mich hielt er sowieso fu?r einen welschen Bruder, weil ich dem deutschen Volke doch ein wenig ferner stehe.“ Von diesen deutschen, allzu deutschen Geistern trennte Maschke aber nicht nur sein frankophiler Esprit, sondern auch das längere Verweilen auf der liberal bis konservativen Mittelstrecke des von Mohler modellierten politischen Hufeisens, dessen linkes und rechtes Ende sich eben nur beinahe berührten. Gründlich arbeitete sich Maschke am Scheitern des Konservatismus ab, den er seit dem Untergang des grundbesitzenden Adels zu einem scheinoppositionellen Begleitphänomen des bourgeoisen Liberalismus herabgesunken sah, um dessen letzten Vertretern schließlich nahezulegen, „sich als Konservative abzuschaffen, um als Nationalrevolutionäre wiederaufzuerstehen“.

Hobbes oder Donoso Cortés

Damit stand für Maschke fest, daß unter allen Wegen der durch die Mitte nicht nach Rom führt; und wie sehr es ihn tatsächlich in das geistige Hoheitsgebiet der heiligen Stadt zog, bezeugen nicht nur sein Argwohn gegenüber dem von Helmut Plessner so genannten „antirömischen Affekt“ der Deutschen, deren nationale Engstirnigkeit Maschke mit europäischem Weitblick zurückwies, sondern mehr noch seine abgründige Hinwendung zu den ihm von Schmitt nahegelegten katholischen Reaktionären Joseph de Maistre, Louis de Bonald und vor allem Juan Donoso Cortés, dessen umfangreiches Hauptwerk „Essay über den Katholizismus, den Liberalismus und den Sozialismus“ (1851) er geduldig ins Deutsche übertrug. Im Zuge dieser „katholischen Verschärfung“ aber offenbarte die Lücke in Mohlers Hufeisen ihre ganze Tücke. Gewiß wußte Maschke seine revolutionären und reaktionären Denkfiguren so nonchalant miteinander zu verkuppeln, als stünden sie sich nicht von Haus aus fremd und letztlich feindlich gegenüber. Dennoch beweist gerade Maschkes berühmtestes Buch „Das bewaffnete Wort“ (1997), in dem er die brillantesten seiner zwischen 1973 und 1993 erschienenen Essays versammelte, daß sich der gegenrevolutionäre Katholizismus, dem er sich in seinen Meisterjahren annäherte, nicht einfach mit dem sozialrevolutionären Marxismus seiner Lehrjahre zu einer nationalrevolutionären Synthese verschmelzen ließ, ohne daß im Ernstfall eine ideologische Kernschmelze drohte, die das Geisteskraftwerk Maschke zersprengen würde.

Eine solche „Zweideutigkeit der Entscheidung“ spürte Maschke in einem gleichnamigen Aufsatz von 1988 allerdings auch bei Schmitt auf, der in seinen Sympathien zwischen der „veritas“ der Kirche und der „auctoritas“ des Staates hin- und herschwankte. Als ein der „Hegung des Krieges“ verpflichteter Jurist glaubte Schmitt wie einstmals Hobbes in der Epoche der europäischen Religionskriege, daß eine heillose Welt, in der die zu einer politischen Existenz verurteilte Menschheit sich notwendig in Freund- und Feind-Gruppierungen zerspalten mußte, allein durch die heilsame Herrschaft eines souveränen, säkularen Staates ertra?glich zu gestalten sei. Dieser Hobbessche „Leviathan“ sollte absoluten Gehorsam fordern und dafür absolutistischen Schutz bieten, indem er im „Behemoth“ die Mächte des religiösen Aufruhrs niederrang und den sozialen Frieden wiederherstellte. Als politischer Theologe hingegen hielt es Schmitt eher mit Cortés, der jene noch so grausamen Konfessionskriege als unvermeidliche Folge des Sündenfalls hinnahm und die katholische Kirche sogar zu einem neuerlichen Kampf gegen den säkularen Staat aufrief, da er in Atheismus, Anarchie und Sozialismus die wahren Übel erblickte. Wenn aber Schmitts gesamtes Denken eine „fiktive Konfrontation“ zwischen dem agnostischen Etatisten Hobbes und dem katholischen Theokraten Corte?s in sich austrug, dann erwies sich der große Staatsrechtslehrer doch wahrlich als „Brandstifter und Feuerwehrmann in Personalunion“.

Katechon

Aber schon nach dem Übergang von der absolutistischen zur bürgerlichen Epoche hatte der pazifizierende Agnostizismus die Glaubenssubstanz des militanten Katholizismus ausgehöhlt, zu dem sich freilich der monarchistische Denker Charles Maurras noch in der faschistischen Epoche stolz bekannte: „Je suis athe?e, mais je suis catholique.“ Auch der junge Schmitt fühlte sich zuweilen als Atheist oder Gnostiker, der allenfalls an einen „boshaften Scho?pfer dieser Welt“ noch glauben mochte; und wenn der reife Schmitt seinen zu einer „politischen Form“ gehärteten Katholizismus vor einem zynischen Machiavellismus bewahren wollte, dann blieb ihm als letztes Bollwerk des Glaubens allein noch die Kirche als Aufhalter („Katechon“) des Antichristen. Denn die frohe Botschaft von der Wiederkehr Christi hatte er ebenso hoffnungslos fahrenlassen wie Dostojewskis Großinquisitor, der sich nicht einmal durch den stummen Kuß des ungebeten erschienenen Christus noch aus seiner katechontischen Verpanzerung erlösen ließ. Religiös weit unmusikalischer als Schmitt räumte wiederum Maschke ein, nie mehr gewesen zu sein als ein „Atheist, der an seinem Unglauben zweifelt“, zumal „meine katholische Sehnsucht eher ein Problem der Ästhetik war und eines der Bewunderung einer funktionierenden und durchaus fürsorglichen Macht“. Umso entschiedener aber glaubte Maschke an die Lehre von der Erbsünde „als Einstieg zu einer realistischeren Anthropologie“, die den Menschen nicht nur als „gefährlich“, sondern auch als „böse“ anerkennt. Hierfür genügte ihm schon ein Blick auf die von der natürlichen Unschuld des Menschen überzeugte humanitaristisch-hedonistische Linke, die sich längst mit dem neoliberalen Globalkapitalismus und dem angloamerikanischen Menschenrechtsimperialismus arrangiert hatte.

Hauptfeind Liberalismus

In dieser Glaubenssache wurde Maschke jedenfalls nie von Zweifeln geplagt: daß der Hauptfeind das liberal-kapitalistische Weltsystem war und sozial- wie nationalrevolutionäre Widerstandsbewegungen insbesondere gegen den US-amerikanischen „Schurkenstaat Nr. 1“ grundsätzlich im demokratischen Recht waren. Dabei wußte Maschke, daß auch die von ihm favorisierte autoritäre Demokratie nur durch „eine hohe Kompetenz“ und ein „reges Interesse des Demos“ vor totalitären Deformationen bewahrt werden kann. Und als Schüler Schmitts erinnerte er daran, daß bereits die Französische Revolution „den Begriff des totalen Feindes“ geprägt sowie „die Errichtung einer totalitären Demokratie und die Schaffung eines Neuen Menschen“ beabsichtigt hatte. Entsprechend waren die „Volksdemokratien“ stalinistischer, maoistischer und castroistischer Provenienz für Maschke nichts als „angewandter Rousseau“ und auch die Nationalsozialisten lediglich „braune Jakobiner“. Insoweit pflichtete er Jacob Talmon bei, der in seinem Hauptwerk „Die Geschichte der totalitären Demokratie“ (1952) darüber belehrt hatte, welche staatsterroristische Gewalt ein „Volkswillen“ entfesseln kann, der nicht durch Gewaltenteilung aufgefächert und durch Rechtsstaatlichkeit gebändigt wird. Gleichwohl konnte Maschke sich nie dazu durchringen, diese Sicherheitsvorkehrungen des liberalen Verfassungsstaates zu verteidigen, denn in unserer westlichen Gegenwart sah er die „Freiheit des einzelnen“ gerade nicht durch eine „totale Staatlichkeit“, sondern vielmehr durch den „weichen Totalitarismus“ einer politisch korrekten Zivilgesellschaft bedroht. Und angesichts eines deutschen Grundgesetzes, das „von einem exzessiven Mißtrauen gegenüber dem behaupteten Souverän, dem Volk, erfüllt ist“, hielt er den hierzulande einzig zulässigen „Verfassungspatriotismus“ für tendenziell undemokratisch. Zwar lehnte Maschke die Demokratie in ihrer illiberalen Reinform ebenfalls ab, weil deren Totalisierung des Politischen unweigerlich zu „Tugend und Terror“ führen müsse; ein reiner Liberalismus jedoch, der durch „Ökonomie plus Ethik“ eine antidemokratische Neutralisierung des Politischen betreibe und obendrein die kulturelle Dekadenz befördere, schien ihm bloß noch verächtlich.

Auf einem nur scheinbar anderen Blatt stand nämlich, daß es laut Maschke die moderne Dekadenz selbst gewesen war, die den Faschismus als extremste Reaktionsbildung aus sich hervorgetrieben hatte. In diesem Sinne hatte er in seinem Essay „Die schöne Geste des Untergangs“ (1980) den Lebens- und Denkweg Pierre Drieu la Rochelles nachgezeichnet und exemplarisch ausgedeutet. Auf eigentümliche Weise schien sogar das Schicksal dieses französischen Romanciers, der aus einem süchtigen Erotomanen zu einem verzweifelten Faschisten wurde, Schmitts berühmtes Diktum „Der Feind ist nur die eigne Frage als Gestalt“ zu bestätigen: „Der faschistische Intellektuelle ist der radikale décadent. Er kann den ihn quälenden Wertnihilismus nur ertragen, weil er glaubt, daß sich das wirkliche Leben erst im Ausnahmezustand enthüllt; im Krieg oder im Augenblick der Gefahr. (Aber) nicht in ihr wurzelt die Gier nach starken Erregungen, sondern sie steigt aus dem Rausch und dem Traum, ist aus flüchtigem Stoff. Nach der Anspannung, die ganz von der schönen Geste lebt, kommt die Erschöpfung, die Verzweiflung, der Zynismus. Der Ästhetiker der Gewalt und der Politik mag dann seine wichtigste Überzeugung wiederfinden: daß die einzige Realität im Leben die Illusion ist.“

Desillusion

Von dem hintergründigen Bekenntnischarakter dieser weisen, wie durchlitten wirkenden Worte geht freilich die Verführung aus, auch Maschkes geistige Biographie als einen französischen Desillusionsroman zu lesen. Denn alles rebellische Großpathos, in das er noch in seinen späten Jahren auszubrechen pflegte, konnte nicht mehr über eine tiefe Resignation hinwegtäuschen, die ihn Adornos „nicht genug zu lobende“ „Minima Moralia“ wiederentdecken ließ. Von Anfang an ein Mensch in der Revolte, ging ihm allmählich die Wahrheit des Mythos von Sisyphos auf, und darüber wurde ihm auch „Der Fremde“ von Albert Camus immer vertrauter. Wenn Maschke am Ende aber bedauerte, in seinem Leben das Private allzusehr dem Politischen geopfert zu haben, dann machte er dieses Versäumnis doch auf anrührende Weise an seiner vierten Frau Sigrid wieder gut, die er in ihren letzten schweren Jahren bis zur Selbstaufopferung gepflegt hat und in die er nach eigenem Bekunden bis zu ihrem Tod verliebt gewesen ist wie am ersten Tag. Danach dämmerten noch einmal seine glücklichen Tage in Peru vor ihm auf, und für Augenblicke verlockte es ihn, in Südamerika seinen Lebensabend zu verbringen. Dies ließ jedoch ein immer näher rückender Intimfeind nicht mehr zu, und Maschke war sich sicher, „General Zucker“ werde ihn zur Strecke bringen.

Zum Besten, was Maschke als Mensch zu bieten hatte, gehörte sein unverwüstlicher schwarzer Humor, der sich aus misanthropischen Abgründen zu nietzscheanischem Gelächter erheben konnte, um schließlich in jene ironische Gelassenheit einzumünden, mit der er beinahe demütig auch seine eigene bescheidene Rolle in der Comédie humaine betrachten konnte: „Man entdeckt, meist schockhaft, was für ein Dummkopf und Feigling man ist, wie kleinmütig, rachsüchtig, heuchlerisch, zur Liebe unfähig. Das Leben besteht aus grauenvollen, absurden Bruchstücken, und man denkt darüber nach, was ER fragen wird an jenem Tage: ‚Günter Maschke, was hast du getan?‘ – ‚Ich habe zwei bis drei gute Aufsätze geschrieben und ansonsten das Meer gepflügt, aber selbst das ohne Fleiß!‘“ Am 7. Februar hörte Maschkiavellis abenteuerliches Herz auf zu schlagen; aber wer kann sagen, ob damit auch sein leidenschaftlicher Geist zur Ruhe gekommen ist?

 

Mit herzlichem Dank entnommen aus „Tumult“ Sommer 2022.

 

 

 
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