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Seine naturwissenschaftlich grundierten Thesen zum „Klimawandel“ und zur „Energiewende“ verdienen in Zeiten ideologisch verfestigter Meinungsfronten erhöhte Aufmerksamkeit: So hält er den aktuellen Panikjournalismus über auffällige Phänomene der Erderwärmung für eine Ursache unserer fehlerhaften Energiepolitik, sieht die CO2-Problematik in ihrer Wirkung auf das Klima differenzierter als die offiziösen Lautsprecher und erklärt die deutsche Energiewende für gescheitert. Die Rede ist von Fritz Vahrenholt, von 1991 bis 1997 sozialdemokratischer Umweltsenator in Hamburg. Der promovierte Naturwissenschaftler lehrt als Professor im Fachbereich Chemie der Universität Hamburg der norddeutschen Hansestadt, war u.a. Windkraftunternehmer und publizierte einen Bestseller, in dem er den Fokus der Politik auf Wind und Solar fachkundig kritisiert. Die von ihm prophezeite Notlage sei nun für alle sichtbar eingetreten, sagt Fritz Vahrenholt und hebt zusammenfassend hervor: „Die deutsche Energiekrise ist hausgemacht, und der Rußland-Ukraine-Krieg verschärft sie“.
Mit Univ.-Prof. Vahrenholt sprach Bernd Kallina
Herr Professor Vahrenholt, in Ihrer Wikipedia-Personalie steht anklagend, daß Sie weltweit anerkannte klimawissenschaftliche Erkenntnisse leugneten. Nach dieser Lesart sind Sie ja ein ganz schlimmer Mensch, ein gefährlicher „Klimaleugner“ gar. Müssen wir uns vor Ihnen in Acht nehmen?
Nein! Meinen tendenziösen Wikipedia-Eintrag im Netz habe ich engstirnigen Klimaaktivisten zu verdanken. Noch vor zehn Jahren war ich einer der gefeierten Helden der Umweltbewegung. Aber seitdem ich mich kritisch mit den Klimawissenschaften beschäftige, werden solche Vorwürfe laut. Ich leugne gar nichts, stelle aber ebenso fest wie andere Wissenschaftler auch, daß wir es seit ca. 150 Jahren mit einer Erderwärmung zu tun haben. Zudem betone ich, dass CO2 ein Klimagas ist. Die Sonneneinstrahlung wird von der Erde als Wärmestrahlung reflektiert und von CO2 aufgenommen. Dadurch tritt ein Erwärmungseffekt auf. Der Streit in der Wissenschaft geht heute allein darum, wie groß dieser Effekt in Wirklichkeit ist, denn es gibt auch natürliche Erwärmungsursachen, die nicht vom CO2 herrühren.
Welche natürlichen Zusammenhänge sind für die verstärkte Erwärmung relevant?
Man kann nachweisen, daß die Sonneneinstrahlungsdauer in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen ist, weil sich die Wolken verdünnt haben. Das hat einen großen Teil der Erwärmung ausgemacht. Es ist höchst fragwürdig, 100 Prozent der Erwärmung von etwa 1 Grad seit 1860 allein dem CO2 anzulasten. Es spricht viel dafür, daß ein Beitrag von allenfalls 50 Prozent dem CO2 zuzumessen und der Rest natürlichen Ursprungs ist. Dazu gehören die 60jährigen, stark schwankenden Ozeanzyklen oder das Zusammenspiel von Sonneneinstrahlung und Wolken. Wenn aber nur ein Teil der Erwärmung auf CO2 zurückzuführen ist, verringern sich die Erwärmungsprognosen der Zukunft und wir gewinnen Zeit, die Energieversorgung der Zukunft umweltfreundlicher zu gestalten sowie uns an eine geringere Erwärmung anzupassen.
Sie sind Naturwissenschaftler und begegnen Fragen des Klimawandels und dessen Problemen mit besonderem Verständnis. Was sticht dabei ins Auge?
Wenn man sich die weltweite Klimageschichte vergegenwärtigt, dann wird man feststellen können, daß es auch vor dem Auftreten des anthropogenen Klimawandels ganz erhebliche Klimaschwankungen gegeben hat. In den Jahren 8000 bis 6000 v.Chr. hat es z.B. eine ganz starke Warmzeit gegeben, da waren große Teile der Sahara grün. Es war bis zu 3 Grad wärmer als heute und feuchter. Im Süden der Sahara wird es heute grüner. Wir hatten eine mittelalterliche Wärmeperiode, die der heutigen in Europa gleicht und sehr gut dokumentiert ist. An der Küste Grönlands wurde damals Landwirtschaft betrieben, es gab Wein in England – und das hat alles ohne CO2 stattgefunden. Die kleine Eiszeit, die vor 150 Jahren zu Ende ging, war die kälteste Periode seit 2000 Jahren und ebenfalls natürlichen Ursprungs. Deswegen muß man den natürlichen Klimaschwankungen einen höheren Stellenwert beimessen. Damit will ich das CO2 nicht kleinreden, denn auch ich bin der Auffassung, daß wir uns bemühen müssen, die zusätzlichen Emissionen, die der Mensch in die Umwelt gebracht hat, in den Griff zu bekommen. Nur: Das geht nicht von heute auf morgen.
Was folgt daraus für die turbulente Klimadiskussion?
Daß die Realität der CO2-Klimagas-Folgen nicht so dramatisch ausfällt, wie uns einige einflußreiche Akteure erzählen wollen. Die erwecken ja den Eindruck, daß die Welt in wenigen Jahren untergeht, sie gar wie ein glühender Feuerball demnächst verbrennt, was natürlich Unsinn ist. Es ist erschreckend, daß irregeführte junge Klimaaktivisten, die fest an diese Weltuntergangsszenarien glauben, sich dann protestierend auf Asphaltstraßen kleben. Selbst der Weltklimarat erwartet in seinem wahrscheinlichsten Szenario einen Temperaturanstieg von 0,5 Grad bis 2060, das ist alles andere als ein Weltuntergang. Deswegen müssen wir dagegenhalten und sagen: Nein, hört auf mit der angstmachenden Übertreibung. Wir müssen zwar etwas tun, aber wir haben noch genügend Zeit, um Fehlentwicklungen zu korrigieren. Schließlich dürfen wir nicht übersehen, daß alles, was in den letzten 150 Jahren an zivilisatorischer Entwicklung stattgefunden hat, ohne Kohle, Öl und Gas nicht stattgefunden hätte, wie z.B. der Rückgang des Hungers in der Welt, die Verdoppelung der Lebenserwartung weltweit, der Rückgang der Kindersterblichkeit, kurzum: unser Wohlstand.
Könnte man Ihre relativierende Position zur CO2-Problematik so zusammenfassen? „Ja, der Mensch beeinflußt das Klima. Allerdings spielen auch andere Klimafaktoren eine wichtige Rolle, wobei eine genaue und realistische Quantifizierung der Anteile noch aussteht.“
Ja, so könnte man das verkürzt darstellen. Hinzu kommt, was meistens unter den Tisch fällt: Es trifft zwar zu, daß wir negative Auswirkungen haben, z.B. den Meeresspiegelanstieg von etwa zwei Millimetern pro Jahr. Wir haben aber auf der anderen Seite auch eine positive Wirkung von CO2: Die Erde wird durch das CO2 grüner, die Photosynthese der Pflanzen nimmt zu. Wir haben eine Steigerung an Nahrungsmittelerträgen, denn auch das Früchtewachstum vergrößerte sich um ca. 15 Prozent in den letzten 40 Jahren. Das ist eine unglaubliche Menge, die dazu beigetragen hat, daß eine wachsende Menschheit sich immer noch einigermaßen ernähren konnte und kann. Ich will damit das CO2 nicht verharmlosen, aber wenn man in der Schule aufgepaßt hätte, wüßte man: CO2 ist die Grundlage des Lebens.
„Brennende Wälder, ausgetrocknete Flüsse und Seen, schmelzendes Eis und in der Folge Lawinen – der Sommer sucht uns mit vielen Katastrophen heim, die auf ‚Erderwärmung‘ zurückgehen“, so das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in einer der letzten Ausgaben. Sehen Sie den Zusammenhang auch so plakativ?
So ein Panikjournalismus ist höchst ärgerlich, weil er einer wissenschaftlichen Nachprüfung nicht standhält. Ein seriöses Nachrichtenmagazin dürfte so eigentlich nicht berichten, das ist billiger Boulevardjournalismus, der, wenn irgendwo ein Waldstück brennt, das gleich ursächlich mit der Erderwärmung in Verbindung bringt. Fakt ist aber, daß die Waldbrandfläche auf der Erde von 1900 bis 2020 kontinuierlich zurückgegangen ist, und zwar von 4,3 % auf 3 % im Jahre 2000. Seitdem messen wir die Waldbrandfläche noch präziser per Satellitenaufklärung und konnten feststellen, daß sie sogar noch weiter heruntergegangen ist, seit 2000 bis heute sogar von 3 % auf 2,5 %.
Wie das?
Weil wir kontinuierlich die Waldbrandbekämpfung verbessert haben. Wir vergessen immer wieder die Adaption, d.h., daß sich der Mensch an Klimaveränderungen anpassen kann. Das Gleiche gilt für andere Extremereignisse. Bei jeder Flut, bei jeder Dürrekatastrophe, bei jedem Sturm wird sofort dieser Kurzschluß „Klimawandel“ gezogen. Aber auch hier kann das wissenschaftlich nicht belegt werden. Selbst Dürreperioden haben nicht zugenommen. Seit über 100 Jahren zeigt der Dürremonitor immer wieder Schwankungen, aber mit gleichbleibender Tendenz.
Lassen Sie mich also zusammenfassen: Wenn man sich die Fakten in der Statistik seit 1920 anschaut und die Toten durch Fluten und Dürren und anderen Extremereignissen erfaßt, zeigt sich ein kontinuierlicher Rückgang. Waren es in den 1920er Jahren noch 500.000 Menschen, die jährlich bei Umweltkatastrophen zu Tode kamen, gingen die Zahlen in den weiteren Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts um mehr als 90 % zurück. 2010 waren nur noch 18.000, in 2020 14.000 und in 2021 7.000 Todesopfer zu beklagen. Das ist doch mehr als überraschend. Aber es ist erklärlich, wenn wir uns vor Augen führen, daß wir uns besser auf Extremereignisse vorbereitet haben. Daher finde es schlimm, sie wahrheitswidrig propagandistisch zu mißbrauchen. Menschen so in Angst zu versetzen, führt zu absehbar falschen politischen Schlußfolgerungen, die leider beabsichtigt sind.
Absichtliche Angstpropaganda warum?
Weil nur so die schwerwiegenden Eingriffe der Energiepolitik, wie wir sie in den letzten Jahren erlebt haben, den Bürgern beizubringen sind. Wenn man vor 20 Jahren etwa gesagt hätte, wir zerstören die deutsche Automobilindustrie, wir wollen keine deutschen Diesel und Benziner mehr produzieren: Dann hätten alle kopfschüttelnd entgegnet, nein, so ein Schwachsinn wird in Deutschland nicht passieren. Aber durch tägliche Panikmache, vor allem über öffentlich-rechtliche Medien, wurde tatsächlich ein Klima der Angst erzeugt, so daß wir inzwischen bereit sind, unseren eigenen Wohlstand aufs Spiel zu setzen.
Das hat dazu geführt, daß in Deutschland seit 20 Jahren eine wissenschaftsfeindliche Energiepolitik betrieben wird, die die Energieversorgung unsicherer, instabiler und teurer gemacht hat. Wir haben die höchsten Strompreise der Welt, und die Menschen nehmen das – bis jetzt – immer noch geduldig hin, weil ihnen jeden Tag gesagt wird, daß sie selbst an der Entwicklung schuld seien.
Die propagierte Energiewende, die uns vor negativen Klimafolgen schützen sollte, hat sich in eine handfeste Energiekrise verwandelt. Sie bezeichnen letztere als „selbstgemacht“, sie sei nicht primär mit dem Ukrainekrieg in Verbindung zu bringen.
In der Tat: Die Energiekrise hat schon vor dem Ukrainekrieg begonnen. Wir haben bereits 2021 eine erhebliche Steigerung der Strom- und Gaspreise feststellen können. Ein ganz wesentlicher Auslöser ist die Politik selbst. Die EU-Politik hat z.B. CO2 seit 2005 mit einem eigenen Preis belegt, der allerdings erst infolge der Interventionen der EU 2021 massiv anzog. Seit Ende letzten Jahres zahlt man für eine Tonne CO2, die man in der Industrie ausstößt, 90 Euro. Umgerechnet führte das zu einer Preisverdoppelung von Kohlestrom, aber auch zur Verteuerung von Gasstrom. Das war politische Absicht. Man wollte CO2 bewußt teuer machen, um die alternativen Energien zu befördern. Das war der Kern des „Green Deal“ der EU. Im Ergebnis sahen wir eine Verdreifachung bis Vervierfachung der Energiepreise. Hinzu kam in den letzten zwei Jahren die gleichzeitige Schließung der Kohlekraftwerke nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, was am Ende zu Energieknappheiten führte. Man hat zusätzlich die Öl- und Gasexploration zurückgedrängt sowie, z.B. in England, keine neuen Gasfelder mehr erschlossen.
Und US-Präsident Joe Biden verfügte gleich am ersten Amtstag, daß kein weiteres Schiefergas mehr auf staatlichem Grund gefördert werden darf. Als er dann merkte, daß dadurch die Öl- und Gaspreise auch in den USA angestiegen waren, bettelte er in Saudi-Arabien um ein bißchen mehr Ölförderung. Das sind die politischen Entscheidungen, die dazu geführt haben, daß 2021, nachdem wir uns mühsam von der Pandemie erholt hatten und ein wirtschaftlicher Aufschwung winkte, sich die Preise bei Strom verdreifachten und bei Gas vervierfachten. Und nun haben wir seit Februar noch zusätzlich eine Verstärkung der Krise durch die Boykotte von Kohle, Gas und Erdöl aus Rußland, die aufgrund des Kriegs in der Ukraine vereinbart worden sind.
Welche Rolle spielte der Ausstieg aus der Atomenergie durch Kanzlerin Merkel?
Der Ausstieg aus der Kernenergie war ein deutscher Kardinalfehler, dem keine Nation auf der Erde folgte. Die bundesdeutsche Regierung hatte tatsächlich geglaubt, wir könnten sowohl aus der Kohle- und der Kernenergie gleichzeitig aussteigen und trotzdem Energieversorgungssicherheit gewährleisten. Immerhin waren beide Energieträger zu 2/3 für unsere deutsche Stromversorgung verantwortlich. Daß das nicht funktionieren konnte, sehen wir jetzt überdeutlich. Das Geheimnis dieser doppelten Energiewende war ja, daß man klammheimlich sich immer stärker vom russischen Gas abhängig gemacht hatte. Dieses Gas war sozusagen der Eckpfeiler der Berliner Energiewende, und das sollte so weitergehen. Die neue Ampelregierung hatte gleich nach Amtsantritt im letzten Dezember erklärt, ja, wir brauchen noch mehr erneuerbare Energie, aber wir brauchen auch 30 bis 50 neue Gaskraftwerke.
Dazu muß man wissen, daß für jedes neue Windkraftwerk eine Rückfallposition („back-up“) gebraucht wird, weil eine stabile Versorgung auch dann gewährleistet sein muß, wenn der Wind nicht oder nur wenig weht. In ca. 20 % der Zeit eines Jahres ist nahezu kein Wind, und nur 20 % des Jahres liefert der Wind volle Leistung. Und diese Rückfallposition sollte die Ostseepipeline „Nord Stream 2“ liefern. Das war das unausgesprochene Geheimnis der deutschen Energiewende, nur so konnte sie funktionieren, daß man volatile Energien mit Gas abpuffert. Dieser Pfeiler ist jetzt weggebrochen, und insofern steht die Bundesregierung vor einem Scherbenhaufen, ihre Energiewende ist krachend gescheitert.
Selbst die EU hat die Atom- und Gasenergie mit dem umweltfreundlichen Label „grün“ versehen, was aber das deutsche Antikernkraftmilieu kaum beeinflußt hat. Dabei wird ein auffälliger Widerspruch deutlich: Während das grüne Führungspersonal sich gern als postnational, europäisch, gar universalistisch orientiert darstellt, verharrt es in der Kernenergiefrage auf einem deutschen Sonderweg …
Rational kann man das nicht erklären. Das „Unerklärliche“ stellt sich vielleicht in historischer Rückschau so dar: Die grüne DNA stammt aus der Anti-AKW-Bewegung der 1970er Jahre und speist sich aus irrationaler Angst vor der Kernenergie. Sie war und ist eine der wesentlichen Wurzeln der grünen Partei. Damit erweist sich das grüne Personal als nicht in der Lage, diese verengt-ideologische Position in Zeiten der Not, die wir jetzt haben, zur Disposition zu stellen. Das ist, siehe deutsches Grundgesetz, ein schwerer Verstoß gegen den Amtseid, „Schaden vom deutschen Volk abzuwenden“.
Im Augenblick haben wir eine energiepolitische Situation, in der nur noch drei Kernkraftwerke in Betrieb sind. Drei sind vor neun Monaten stillgelegt worden. Strom ist knapp und extrem teuer. Daher hätten schon längst die drei stillgelegten AKW reaktiviert und die Laufzeit der verbliebenen über den 31. Dezember 2022 verlängert werden müssen. Die Grünen wehren sich mit Händen und Füßen gegen eine dringend notwendige Laufzeitverlängerung. U.a. mit falschen Argumenten, nämlich, daß Kernenergie doch nur Strom und kein Gas liefere. Aber gleichzeitig wissen wir, daß in den Sommermonaten noch nie so viel Gas verbrannt worden ist wie in diesem Jahr, weil man ja Kohle abgestellt hat und gleichzeitig die Nachfrage gestiegen ist. Zudem sind französische Kernkraftwerke für längere Zeit ausgefallen, weil sie Korrosionsprobleme aufweisen. Würden sechs Kernkraftwerke und die stillgelegten Braunkohlekraftwerke laufen, würden die Strompreise sofort um mehr als die Hälfte zurückgehen, weil ja die teuersten Gaskraftwerke nicht mehr ins Netz einspeisen müßten. Die teuersten Kraftwerke bestimmen aber den Strompreis.
Halten Sie es für denkbar, daß der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck in der Atomenergiefrage doch noch einlenkt?
Der Druck wird von Tag zu Tag größer. Habeck zögert seit Wochen die Entscheidung hinaus, und es wird immer klarer, daß seine Position unhaltbar ist. Selbst Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich mittlerweile für eine Laufzeitstreckung positioniert. Er hat nun durchsickern lassen, daß er zwei Kernkraftwerke für wenige Monate weiterlaufen lassen würde. Wieso nur zwei? Das ist doch pure Ideologie und ein fauler Kompromiß, um die grünen Wähler nicht allzusehr zu düpieren. Ohne ausreichende Stromversorgung droht Deutschland in den großen Städten das Modell Kapstadt: Zur Vermeidung eines Blackout stellt man dort reihum den Stadtteilen den Strom ab. Da könnte in der Tat ein „Volksaufstand“ drohen, wie ihn Außenministerin Annalena Baerbock bereits ängstlich an die Wand gemalt hat.
Mit diesem faulen Kompromiß haben wir nichts gewonnen. Wir haben eine Knappheitslage für die nächsten Jahre, d.h., wer jetzt wirklich verantwortliche Politik betreibt, muß dem Volk sagen, daß wir sechs Kernkraftwerke brauchen, und zwar so lange, wie es Knappheit und hohe Preise in Deutschland gibt. Uns drohen nicht nur eklatant hohe Strompreise, sondern auch der Verlust der industriellen Arbeitsplätze. Denn mit so hohen Strompreisen ist industrielle Produktion nicht mehr wettbewerbsfähig. Wir sprechen hier von sechs Millionen Arbeitsplätzen, die bedroht sind.
Könnten nicht Versorgungslücken mit Solar- und Windenergie – zumindest teilweise – geschlossen werden? Als ehemaliger Windkraftunternehmer sind Sie doch ein hervorragender Kenner dieser Energiequelle. Wie hilfreich ist Windkraft?
Ja, ich war als Unternehmer in der Windenergie tätig, die erste Offshore-Turbine in der Nordsee trägt meinen Namen „Fritz“. Ich habe bei Shell die Solarenergie großgemacht und weiß insofern, wovon ich rede. Aber genau deswegen sind mir auch die Grenzen beider Technologien vertraut: Sie sind leider unzuverlässig und brauchen Speicher oder Backup-Kraftwerke! Nachts scheint keine Sonne, und im Winter scheint sie kaum. Wenn dann noch für fünf bis zehn Tage kein Wind weht, nennt man das „Dunkelflaute“. Wenn jetzt zusätzlich noch versucht wird, nicht nur die Stromversorgung, sondern auch noch die Mobilität durch E-Autos und die Wärme durch Wärmepumpen ebenfalls auf Strom basieren zu lassen, dann führt das zum absehbaren Zusammenbruch der Energieversorgung. Leider sind wir immer noch nicht soweit, das Speicherproblem, das mit den „Erneuerbaren“ zwangsweise verbunden ist, gelöst zu haben.
Wir reden viel über Wasserstoff, der – theoretisch – ein geeignetes Mittel wäre, um Überschußstrom zu speichern. Nur sind wir längst noch nicht so weit, das großtechnisch darstellen zu können. Wir sehen auch hier wieder, das Ganze ist eine Frage der Zeit. Wenn Sie einen Umbau des Energiesystems in Richtung Wind, Sonne, Kernenergie und Speicher machen wollen, dann brauchen Sie eine ganze Generation Zeit, um das erfolgreich abzuschließen. Die Kurzatmigkeit, die die Energiepolitik in Deutschland kennzeichnet, führt am Ende zu erheblichen Wohlstandsverlusten und zum Absturz der deutschen Wirtschaftsleistung. Und wir reißen ganz Mitteleuropa mit. Denn die Strompreise, auch in Österreich, sind in Mitteleuropa miteinander verbunden.
Welche Notmaßnahmen schlagen Sie vor?
Wir haben drei Dinge zu tun: Das Erste ist die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, nicht nur die Streckung. Wir brauchen auch eine Änderung des Kernenergiegesetzes, das ja die Forschung zur Kernenergie zu Energiezwecken in Deutschland faktisch verbietet. Das wäre eine langfristige Weichenstellung in die richtige Richtung. Wir brauchen, zweitens, die Abschaffung des „Fracking“-Verbots in Deutschland. Es ist ja kaum nachvollziehbar, daß wir jetzt Fracking-Gas aus Amerika importieren, wir aber einen eigenen riesigen Schatz im Land haben, der uns die nächsten 20 bis 30 Jahre vollständig autark machen könnte. Wir wissen genau, wo die Standorte in Norddeutschland liegen, wir könnten den Betrieb auch innerhalb eines Jahres hinbekommen.
So schnell, innerhalb eines Jahres, sind Sie sicher?
Ja, das ginge, wenn der politische Wille dazu vorhanden wäre. Ein Beispiel zeigt den Weg: Auf Initiative von Robert Habeck wurde kürzlich ein Gesetz beschlossen, das der Windenergie „öffentliches Interesse“ bescheinigt, d.h. man kann dadurch Beschleunigungen in der Erschließung von „Wind-Vorrang-Gebieten“ bekommen. Anderes Beispiel: Die Flüssigasterminals zum Import von Gas wurden innerhalb von zwei Wochen genehmigt. Warum macht man das nicht auch beim eigenen Gas? Man könnte hierbei genauso sagen, wir haben einen Erdgasnotstand, also erklären wir die Förderung von Erdgas und die Genehmigungsverfahren von Erdgasvorkommen auch zum „öffentlichen Interesse“. Dann wäre die Umsetzung innerhalb eines Jahres zu verwirklichen. Drittens: Die Bundesregierung hat mittlerweile eingeräumt, daß das Stromsystem in Deutschland nicht ohne Kohlekraftwerke auskommt. Alte bzw. stillgelegte Kraftwerke werden wieder reaktiviert. Da stellt sich natürlich die Frage, warum geht man nicht einen Schritt weiter und sagt, wenn wir schon auf die Kohle verstärkt zurückgreifen müssen, dann wenden wir auch eine in Deutschland entwickelte CO2-Abscheidungstechnologie an, sie nennt sich CCS.
Was verbirgt sich hinter dieser Technologie CCS?
Sie wurde in Ostdeutschland entwickelt und kann CO2 aus Kohlekraftwerken abscheiden, damit diese dann in tiefen Schichten, z.B. unterhalb der Nordsee, verpreßt werden kann. Die Norweger nutzen diese Technologie bereits, und sie wäre mittlerweile billiger als die CO2-Strafsteuer von 90 Euro pro Tonne. Doch unglaublich, aber wahr: CCS ist in Deutschland verboten. Man will keine grünen, CO2-freien Kohlekraftwerke, weil man prinzipiell gegen diese Technologie eingestellt ist.
Wie stehen eigentlich die Österreicher bei diesen Fragen zur Energiewende da?
Österreich kann sich den durch Deutschland beeinflußten Strompreisen nicht entziehen. Es gibt einen europäischen Strommarkt. Allerdings hat Österreich eine viel bessere Ausgangslage, weil das Land aus einem sehr großen Schatz an Wasserkraft schöpfen kann. Es gibt zwar auch eine Abhängigkeit von Gas aus Rußland. Aber das Land hat Erdgasvorkommen, z.B. sind in Niederösterreich große Vorkommen an Schiefergas vorhanden, die werden jetzt untersucht. Da sind uns die Österreicher sogar voraus. Sie haben sich zwar vor Jahrzehnten gegen die Kernenergie ausgesprochen, aber wer so riesige Wasservorkommen besitzt, kann sich das leisten!
Die Beziehungen zu Rußland sind durch den Ukrainekrieg massiv gestört. Trotzdem plädieren Sie für eine realpolitische Interessenpolitik auf längere Sicht. Könnte dabei der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder eine Vermittlerrolle spielen? Von ihm stammt ja der Vorschlag, „Nord Stream 2“ in Betrieb zu nehmen.
Im Augenblick sind derartige Überlegungen völlig verpönt. Denn Rußland hat „Nord Stream 1“ nun stillgelegt, als Antwort auf den Wirtschaftsboykott. Und sicher auch, um Druck auf eine Öffnung von „Nord Stream 2“ zu erzeugen. Fakt ist, daß wir Erdgas auf den Weltmärkten verstärkt einkaufen, damit den Erdgaspreis insgesamt in die Höhe treiben und Rußland mit weniger Erdgas mehr verdient als vorher.
Vor diesem Hintergrund muß doch die Frage erlaubt sein, ob es eigentlich richtig sein kann, einen Boykott durchzuhalten, der dem Boykotteur mehr schadet als dem zu Boykottierenden. Denn wenn Deutschland dadurch nicht nur in eine Rezession, sondern in eine Depression hineingerät, dann wird es nicht mehr in der Lage sein, irgendeinen Beitrag zur humanitären und finanziellen Unterstützung für die Ukraine zu leisten. Wir können der Ukraine doch nur beistehen, wenn Deutschland wirtschaftlich stark bleibt.
Dann zur Rolle von Altkanzler Schröder als möglicher Vermittler, der sich ja dafür ausgesprochen hat, über die Eröffnung der Ostseepipeline „Nord Stream 2“ nachzudenken. Ich glaube nicht, daß die USA und die Ukraine Schröder als Vermittler akzeptieren würden. Aber: Wenn das im Ergebnis dazu beitragen könnte, den Ukrainekrieg und unsere Energiekrise zu entschärfen, warum nicht?
Apropos Gaslieferungen: Stimmt es eigentlich, daß die Russen der Ukraine weiterhin Gas liefern?
Ja, sicher. Die Ukraine bezieht nach wie vor Gas aus Rußland und deswegen war auch die Position des Präsidenten Selenskyj, Deutschland müsse den Gasimport aus Rußland abstellen, unglaubwürdig, weil die Ukraine nicht nur selbst das russische Gas nutzt, sondern auch am durchgeleiteten Gas der südosteuropäischen Pipeline Geld verdient.
In seinem neuen Buch „Die Vernunft und ihre Feinde“ geht Thilo Sarrazin auch auf Überlegungen zum „Kampf gegen den Klimawandel“ ein und stellt die interessante Frage: „Was ist denn, wenn wir durch den deutschen Beitrag für die CO2-freie Zukunft die Leistungs- und Exportkraft unserer Wirtschaft in größerem Umfang beschädigen, gleichwohl aber das Ziel der weltweiten Reduktion im CO2-Ausstoß verfehlen, weil große Emittenten wie China, Indien oder der afrikanische Kontinent ihren Beitrag nicht leisten?“
Sarrazins Frage ist völlig berechtigt. Ich würde das Fragezeichen weglassen. Durch unseren Absturz als starke Wirtschaftsnation werden wir die weltweiten CO2-Emissionen nicht ändern. Wir haben 2 % der weltweiten Emissionen. Wir können die Gesamtemissionen nur dadurch ändern, dass wir gute Beispiele geben. Das gute Beispiel wäre z.B., eine praktikable Kohletechnologie zu entwickeln, die CO2-arm ist. Damit könnte man die Chinesen beeindrucken und auch von ihnen verlangen, diesen Weg zu gehen. Das wäre eine Aufgabe, die viel mehr bewirken würde, als wenn sich Deutschland von der Klippe stürzt.
Herr Professor Vahrenholt, vielen Dank für dieses Gespräch.