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Entscheidungsschlacht um eine Krone

Im September jährt sich zum 700. Mal die Schlacht von Mühldorf am Inn, die letzte große Ritterschlacht der europäischen Geschichte. Die Niederlage Friedrichs des Schönen von Österreich und seine folgende Aussöhnung mit dem schließlich zum Kaiser gekrönten Ludwig von Bayern ist ein wesentlicher Meilenstein in der Geschichte des Aufstiegs des Hauses Habsburg im römisch-deutschen Reich. Der folgende Text und die Bilder sind aus dem mittlerweile vergriffenen Buch von Hubert Gundolf „Um Österreich! Schlachten unter Habsburgs Krone“ entnommen.

Die Schlacht bei Mühldorf in einer zeitgenössischen Buchminiatur aus der Handschrift „Willehalm von Oranse“ von 1334.
(Bild aus „Um Österreich! Schlachten unter Habsburgs Krone“)
Friedrich der Schöne von Österreich. (Aus „Um Österreich! Schlachten unter Habsburgs Krone“)
Die Gefangennahme Friedrichs des Schönen in der Schlacht von Mühldorf am Inn in einem Gemälde des 19. Jahrhunderts.
Versöhnung Ludwig des Bayern mit seinem Gegenkönig Friedrich dem Großen anno 1825

Mühldorf am Inn, 28. September 1322

Das beginnende 14. Jahrhundert war eine eigenartige Zeit. Auf der einen Seite bemühte man sich, prachtvolle Gotteshäuser zu errichten, auf der anderen legte man gewaltige Festungen an, und das in ganz Mitteleuropa. Das Königtum gewann an Macht, die Kurfürsten hingegen büßten sie ein, dafür beanspruchte das Papsttum die Alleingewalt auch über die weltlichen Ächte. In Ungarn starb das Geschlecht der Arpaden aus, in Böhmen das der P?emysliden. Der seit 1298 regierende König Albrecht I., ein Habsburger, schaltete kurzerhand die Kurfürsten aus, mußte dem Papst allerdings den Gehorsamseid leisten, um von Rom anerkannt zu werden. Auch Morde gab es: König Wenzel III. von Böhmen fiel ebenso einem Mörder zum Opfer wie 1308 König Albrecht, den sein eigener Neffe Johann – später „Parricida“, Vatermörder, genannt – ums Leben brachte. In diese unruhige Zeit fiel auch eine Erfindung, welche das Kriegswesen revolutionieren sollte: die des Schießpulvers, wohl durch den Mönch Berthold Schwarz, das bald als Antriebsmittel für Geschosse verwendet wurde.

Nach dem Tod Albrechts I. kam es in Speyer zum Vergleich zwischen dem neugewählten König Heinrich VII. von Luxemburg und den Söhnen des Verstorbenen: Herzog Friedrich I. der Schöne, wie er genannt wurde, und sein Bruder Leopold I. wurden erneut mit Österreich und der Steiermark belehnt; Leopold blieb zudem Verwalter der habsburgischen Vorlande. Aber dadurch entstanden Konflikte zwischen Habsburgern und Wittelsbachern, deren Herzog Otto III. kurz vor seinem Tod seinen Vetter Ludwig IV. zum Vormund sowohl für seinen Sohn Heinrich den Jüngeren als auch für die Söhne seines verstorbenen Bruders Stephan I. bestimmt hatte. Aus diesem Grund fühlte sich der niederbayerische Adel in seinen Rechten geschmälert und rief – gemeinsam mit Stephans Witwe – die Habsburger zu Hilfe. Schon am 9. November 1313 kam es unweit von Gammelsdorf bei Landshut in Bayern zur Schlacht, in der das Heer Herzog Friedrichs des Schönen gegen die Truppen Ludwigs IV. von Bayern eine schwere Niederlage hinnehmen mußte. Der Konflikt schwelte dennoch weiter.

Kurz zuvor, am 24. August 1313, war König Heinrich VII. auf seinem Italienzug bei Siena gestorben. Wer sollte sein Nachfolger werden? Die Kurfürsten konnten sich nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen; an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, am 19. und 20. Oktober 1314, wurden daher der Habsburger Friedrich I. der Schöne, Herzog von Österreich und Steiermark, sowie der Wittelsbacher Ludwig IV., Herzog von Oberbayern, gewählt.
Ludwig erhielt zwar mehr Stimmen – die der Kurfürsten von Mainz, Trier, Böhmen, Brandenburg und Sachsen-Lauenburg – als Friedrich, aber das Mehrheitsprinzip galt noch nicht als verbindlich. Zudem wurde er zwar am rechten Ort, in Aachen, nicht aber mit den echten Insignien gekrönt. Friedrich der Schöne – gewählt von Köln, Pfalz und Sachsen-Wittenberg – ließ sich hingegen am falschen Ort, in Bonn, aber mit den echten Reichsinsignien krönen. Da es zur Zeit dieser Doppelwahl keinen gewählten Papst gab – Klemens V. war am 20. April gestorben und sein Nachfolger noch nicht bestimmt –, existierte keine Instanz, die über diesen Streit im Reich hätte entscheiden können.

Und der Nachfolgestreit währte lange: volle acht Jahre. Immer wieder kam es zu Scharmützeln und Gefechten zwischen den Truppen Ludwigs und Friedrichs, aber sie führten zu keiner Entscheidung. 1319 sah es aus, als könnte nun und jetzt diese Entscheidung herbeigeführt werden, denn Ende September hatten die Habsburger und die Wittelsbacher ihre Heere bei Mühldorf am Inn, unweit von Altötting, zusammengezogen. Die Stadt gehörte zum Erzstift Salzburg, dessen Erzbischof auf der Seite Österreichs stand. Aber noch ehe es zur Schlacht kam, stellten sich in Ludwigs Heer Unstimmigkeiten zwischen den Ober- und Niederbayern ein; Ludwig mußte sich zurückziehen. Die habsburgischen Truppen nützten die Gelegenheit weidlich aus: Sie drangen plündernd und brennend über Landshut bis Regensburg vor.
Es dauerte fast den Tag genau drei weitere Jahre, bis – abermals bei Mühldorf – die beiden feindlichen Heere einander neuerlich gegenüberstanden. Die kleine Stadt war für Ludwig ebenso ideal gelegen wie für Friedrich. Für die Habsburger war sie der am weitesten vorgeschobene Außenposten, für Ludwig war der Anmarschweg der niederbayerischen und fränkischen Truppen dorthin kürzer.

In Mühldorf ist die Erinnerung an diese Schlacht, die am 28. September 1322 ausgetragen wurde, noch sehr lebendig. Auf der Frauenkirche am schönen Stadtplatz befindet sich ein Fresko dieses blutigen Treffens, und auch die Jetztzeit hat sich der Erinnerung an diese Schlacht angenommen: Erst 1970 stellte der Heimatbund Mühldorf bei der Innkanalbrücke neben der Straße, die nach Neumarkt-St. Veit führt, einen Gedenkstein aus Muschelkalk auf. Und noch immer kann man in den Buchhandlungen von Mühldorf eine Broschüre kaufen, in der Hans Gollwitzer „Die Schlacht von Mühldorf“ ausführlich würdigt. Er schreibt darin: „Friedrich gliederte sein Heer in vier Abteilungen. Von Süden her gesehen, stand er mit der ersten ganz links, das Reichsbanner trug der Ritter Walter von Geroldseck. Die zweite Abteilung führte Friedrichs Bruder, Herzog Heinrich von Österreich. Dessen Banner war dem Marschall Dietrich von Pilichdorf anvertraut. Die Ritter Ulrich und Heinrich von Wallsee hatten ihre Kämpfer unter dem Banner von Steiermark versammelt, und über der vierten Abteilung flatterte das Banner des Erzbischofs von Salzburg. Demgegenüber gliederte Ludwig, der sich abseits hielt und am Kampfe nicht teilnahm, sein Heer nur in drei Gruppen. Auf Friedrich sollten bayerische und nordgauische Ritter stoßen, denen das Fußvolk zugeteilt war. Das Reichsbanner war in der Hand von Konrad von Schlüsselberg. In der Mitte standen die Niederbayern unter ihrem Herzog Heinrich, und neben ihnen die von ihrem König Johann angeführten Böhmen. Ludwig machte sich die Erfahrungen aus der Schlacht von Gammelsdorf im Jahre 1313 zunutze und hielt eine Reserve unter dem Burggrafen Friedrich von Nürnberg zurück.

Nachdem man um 6 Uhr früh in beiden Lagern die heilige Messe gehört und die Fürsten die heilige Kommunion empfangen hatten, brach das Schlachtungewitter los. Die Böhmen überschritten die Isen und drangen auf die bischöflichen Truppen und die Steiermärker ein. Zwar hatten sie schon am Abend zuvor den Übergang über den Fluß erzwungen, doch waren sie von den ungarischen Bogenschützen wieder zurückgetrieben worden. Aber jetzt stießen sie mit Ungestüm vor. Stundenlang wogte der Kampf hin und her, mehr und mehr wurden auch die Österreicher des Herzogs Heinrich in ihn verwickelt. Schließlich wurden die Böhmen niedergekämpft, an die 500 von ihnen gefangengenommen. Gegen das Versprechen, nicht mehr weiterzukämpfen, durften sie sich in einiger Entfernung lagern. Ihr König Johann lag unterdessen hilflos unter seinem Pferd. Ein österreichischer Ritter, der ihn erkannt hatte, half ihm auf, und das, so urteilt ein Chronist, bedeutete die Entscheidung der Schlacht. Jedenfalls eilte jetzt Herzog Heinrich von Niederbayern den bedrängten Böhmen zu Hilfe, umgekehrt griff nun auch Herzog Friedrich in den Kampf ein.

Gegen Mittag schien sich der Sieg den Österreichern zuzuneigen. Da traf Ludwig eine Anordnung, die sich ebenfalls auf eine Gammelsdorfer Erfahrung gründete. Er ließ seine Ritter absitzen und verteilte sie zwischen das mit Spießen bewaffnete Fußvolk. So rückte man gegen die österreichischen Ritter vor. Die langen Spieße brachten deren Pferde zu Fall, über die zu Boden stürzenden Reiter fielen die Ritter mit ihren Schwertern her, bei den Österreichern entstand ein ungeheures Getümmel und eine schier heillose Verwirrung. Jetzt war der Augenblick gekommen, um, wie es Gammelsdorf gelehrt hatte, die Reserve einzusetzen. Hunderte von Reitern erschienen zur Linken der Österreicher, von diesen, wie es heißt, mit Jubel begrüßt. Man glaubte, die sehnlichst erwarteten Truppen des Herzogs Leopold seien endlich eingetroffen. (Leopold weilte mit seinem Heer bei Tettnang, wo er den von den Habsburgern abgefallenen Grafen Montfort belagerte. Die Boten, die Friedrich zu ihm um Hilfe gesandt hatte, waren jedoch von bayerischen Mönchen abgefangen worden.) Aber die Freude verwandelte sich in jähes Erschrecken, als die Reiter nun im Flankenangriff und sogar vom Rücken her auf die Österreicher eindrangen. Inzwischen hatte auf dem anderen Flügel der gerettete König Johann von Böhmen seine Leute, die damit gegen ihr Versprechen handelten, wieder in den Kampf geführt, und damit brach das Unheil mit verheerender Wucht über Friedrichs Truppen herein. Die Ungarn nahmen als erste Reißaus, es kam zur Panik. Friedrich erlag der Übermacht und mußte sich dem Burggrafen von Nürnberg ergeben. Um drei Uhr nachmittags war die Schlacht zu Ende.“

Die Bilanz dieser Auseinandersetzung um die Krone des Reiches: Beide Parteien hatten an die 1100 Tote zu beklagen, doppelt soviel Verwundete, die Österreicher überdies an die 1400 Gefangene, die oft erst Jahre später nach Zahlung eines Lösegeldes wieder freikamen. Friedrich wurde als Gefangener in die Burg Trausnitz (Oberpfalz) gebracht. Sein Bruder Leopold hätte den Kampf um die Reichskrone zweifellos anders entschieden, wäre ihm rechtzeitig von der Schlacht berichtet worden. Leopold dachte nicht daran, Frieden zu geben. Das gesamte Reich litt unter den stets neu aufflammenden Zwistigkeiten, den vielen Streifzügen, Scharmützeln und kleineren Gefechten.
1325 erklärte sich Friedrich bereit, nach Österreich zu gehen, um seinen Bruder umzustimmen. Er gab sein Wort, wieder in die Gefangenschaft zurückkehren zu wollen, sollte ihm seine Mission mißlingen. Aber Leopold blieb starrsinnig, und Friedrich kehrte in die Burg Trausnitz zurück. Die Einlösung seines Versprechens berührte Ludwig IV. so sehr, daß er sich mit Friedrich aussöhnte und ihn zu seinem Mitregenten machte.1 Drei Jahre später, 1328, zog Ludwig nach Rom und ließ sich, da der Papst in Avignon residierte, von städtischen Beamten und einem Kardinal „im Namen des Volkes von Rom“ zum Kaiser krönen.
Friedrich der Schöne überlebte diesen Triumph seines einstigen Feindes nur um zwei Jahre. Am 13. Januar 1330 starb er – erst 44 Jahre alt – auf Burg Gutenstein in Niederösterreich.


1) Es würde der Rechtslage entsprechen, Friedrich den Schönen als Friedrich III. zu den deutschen Königen zu zählen. Das war in der österreichischen Geschichtsschreibung auch lange üblich. In neuerer Zeit wird jedoch allgemein erst der nächste deutsche Habsburgerkönig gleichen Namens, der Vater Maximilians I., als Friedrich III. (1442–1493) angeführt. Dieser Herrscher ist allerdings der dritte Kaiser namens Friedrich.

Die Aussöhnung Friedrich des Schönen mit Ludwig dem Bayern ist eine der romantischsten Geschichten des Mittelalters: Nach einem Jahr in Haft (die man sich wohl als Ehrenhaft vorstellen muß und die Friedrich wohl nicht mit einer Kette an die Wand geschmiedet in einem finsteren Verließ zubringen mußte) erklärte sich dieser bereit, nach Österreich zu gehen, um seinen Bruder Leopold zum Frieden mit Ludwig zu bewegen. Als dies scheiterte, kehrte er – seinem Versprechen gemäß – wieder in die Gefangenschaft zurück. Auch im Mittelalter war eine solche Ehrenhaftigkeit außergewöhnlich und beeindruckte Ludwig demgemäß stark. Er machte Friedrich zum Mitregenten; enge Freundschaft verband die beiden Männer, die von da ab alle Urkunden gemeinsam zeichneten.

Kaiser Ludwig der Bayer.

 
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