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Die Bekehrung des Florian Klenk

Der Wutbauer Christian Bachler
© C. Bachler

Ein modernes Märchen

Florian Klenk hat sich als Investigativjournalist und Chefredakteur des „Falter“ einen Namen gemacht. Sein Kollege Giovanni di Lorenzo meint dazu, „man möchte nichts ausgefressen haben und wissen, dass Florian Klenk einem auf der Spur ist“. Investigation stößt nicht überall auf Sympathie, vor allem nicht bei jenen, die in den „Panama Papers“ erwähnt oder in die „Ibiza-Affäre“ verwickelt sind. Klenks Weg ist gepflastert mit dem Sturz von Regierungen, Rücktritten von Ministern und Parteiführern, und selbst hohe Beamte der Justiz und der Staatsanwaltschaft waren durch seine Berichte gezwungen, ihre Ämter aufzugeben. Korruption, Steuer- und Subventionsbetrug, Medien- und Stimmenkauf, Menschenhandel, Mißstände im Polizeiapparat und im Strafvollzug sind der Stoff, der sich in vielen seiner Reportagen niederschlägt. Nicht selten legt er sich mit Vertretern der „Zivilgesellschaft“ an, wenn dort Meinungen geäußert werden, die dem Rechtsempfinden des studierten Juristen widersprechen.

Von Univ.-Doz. Friedrich Romig

Von einem solchen Widerspruch handelt auch sein letztes, im Herbst 2021 erschienenes Buch „Bauer und Bobo“. Die Freundschaft führte zur Bekehrung des Florian Klenk. Jetzt ist Florian Klenk alles andere als ein „Bobo“. Die Mischung von liberalen Bourgois-Bohemians, linken Weltverbesserern, Demokratie- und Gleichheitsfanatikern paßt nicht mehr auf ihn. Die Begegnung mit einem Bauern ließ ihn zu einem hochkonservativen Mitbürger werden.
Die Geschichte dieser Verwandlung ist schnell erzählt: Klenk hatte sich durch die Verteidigung eines Innsbrucker Richters im berühmtgewordenen „Kuhurteil“ den Zorn von Bauern, ihren Organisationen und sogar der Regierung unter Bundeskanzler Kurz zugezogen. Klenk gab in einem Artikel im „Falter“ dem Richter recht, welcher einen Bauern verurteilt hatte, der seine wildgewordenen Kühe nicht beaufsichtigte. Diese trampelten auf einem vielbegangenen Gebirgswanderweg eine Frau zu Tode. Der Bauer wurde zur Zahlung einer lebenslangen Rente an die Hinterbliebenen verurteilt. Die Bauern und ihre Sprecher sahen in dem Urteil das Ende der Bewirtschaftung von Almen. Klenk legte im „Falter“ den Sachverhalt dar und verteidigte das vom Innsbrucker Richter auf insgesamt 106 Seiten sorgfältig begründete Gerichtsurteil. In einem gut inszenierten und faktenreichen Facebook-Video nahm Bachler den „Falter“-Artikel aufs Korn. Das führte zu einer Einladung von Bachler und Klenk in die von dem Milliardär Bruno Mateschitz gesponserte Talk-Show „Im Hangar“, bei der es zu heftigen, kontrovers geführten Debatten mit den Bauernvertretern kam. Bachler ist kein Unbekannter: Seit langem betreibt er eine eigene, vielgeklickte Facebook-Seite, auf der er die Agrarpolitik der EU, die Bauernvertreter in den Parlamenten und Landwirtschaftskammern auf das Heftigste kritisiert und angreift. Als „Wutbauer“ agiert er unter seinem Namen: Christian Bachler.

 

In Wagrain aus dem Buch „Landleben vor 100 Jahren“ von Dr. Karl Kaser, V.F.Sammler, € 22,00

Drei Tage auf dem Hof

In einem Video gab Bachler die Talkshow „Im Hangar“ wieder .Dieses Video wurde 250.000mal angeklickt. Bachler nannte in diesem Video Klenk einen „Bobo, der von nichts eine Ahnung hat“. Klenk wurde zum Gespött vieler „Follower“ und mit Haßkommentaren überschüttet. Zum Schluß des Videos setzte Bachler eine Geste, die Klenk nachdenklich machte. Bachler lud Klenk zu einem mehrtägigen „Praktikum“ auf seinen Bergbauernhof ein. Klenk solle lernen, was sich dort abspielt, und dann nicht mehr unbedarft sprechen, urteilen und publizieren.

Klenk nahm die Einladung im September 2019 an und gesteht, in den drei Tagen seines Praktikums Erfahrungen gemacht zu haben, die sein Leben und seine ganze Weltsicht von Grund auf veränderten. Er, „der feine Pinkel aus der Stadt“, für den Existenzangst ein Fremdwort war, bekam ad oculus vorgeführt, was es heißt, von früh bis spät zu schuften und nichts weiter anzuhäufen als neue Schulden.
Während der Arbeit sprachen die beiden viel miteinander. Bachler erläuterte Sinn und Hintersinn jeder Tätigkeit, Klenk nahm lernbegierig auf, was Bachler ihm sagte. Das begann schon bei der Abholung in Unzmarkt, den Einkäufen Bachlers im Lagerhaus von Raiffeisen entlang der kaum endenden Regale. Bachler kaufte um 40 Euro eine Schmiere für seine Yaks, asiatische Rinder, die die Rasenschmiele fressen, ein scharfes, spitzes Gras, welches die Kühe verschmähen. Gäbe es die Yaks nicht, würden die Kühe bald kein für sie genießbares Gras auf der Alm mehr finden. Die Yaks aber werden wiederum von Leberegeln gequält, die ihre inneren Organe mit tödlichen Folgen zersetzen. Bachler reibt das Fell seiner Yaks mit dem teuren Medikament Closamectin ein, das über die Haut eindringt und die Egel unschädlich macht. Doch damit kommt es zu einem neuen Problem: Die Mistkäfer, die über die Fladen der Yaks kriechen, sterben an diesem Medikament, die Fladen der Yaks werden nicht zersetzt, sie bleiben liegen und die Almwiese ungedüngt.

Bachler zitiert eine dänische Agrarökonomin, die die ganze Almwirtschaft verschwinden sieht, von den großen Mastbetrieben verdrängt. In Dänemark, so sagt sie, seien Schweinemastbetriebe erst ab 10.000 Schweinen rentabel. Sechs Euro verdiene ein Bauer pro Sau, die die Sonne nie gesehen haben. Für 6,66 Euro per kg liefert der Gastrogroßhändler Transgourmet Schweinefilet an die Supermärkte und Gaststätten. Da könne Bachler mit seinen 60 Schweinen nicht mit. Rinderfilet ist bei dem Gastrogroßhändler um 16,66 Euro aus Deutschland zu haben. Es kommt aus der Fleischfabrik von Toennies, in der alle 20 Sekunden ein Rind geschlachtet wird. Bachler verlangt und bekommt für das Filet 70 Euro von seinen Kunden, die er per Post beliefert und die das würzige Fleisch der Almkühe zu schätzen wissen. Klenk, so beschreibt er seine erste Unterhaltung mit Bachler, hat in den wenigen Minuten im Lagerhaus mehr gelernt als in einem Interview mit einem Professor der Bodenkultur. In kürzester Zeit habe er begriffen, „dass da etwas gründlich durcheinandergeraten ist in den Alpen. Globalisierung, Fleischindustrie und Klimawandel verändern das hinterste Gebirgstal“.

Die Auffahrt zum Hof in einem schrottwertigen Auto mit Sprung in der Windschutzscheibe wird zur nächsten Lehrstunde. Zuvorkommend erspart Bachler dem Praktikanten die Fahrt mit der engspurigen Murtalbahn, die vor 100 Jahren gebaut wurde und mit abgewetzten Sitzbänken in den Waggons durch das hintere Tal zuckelt. Die Bahn, so Bachler, sei Symbol für das Absterben der Talschaft. Man solle sich von der Kitschkulisse nicht täuschen lassen. Ein Drittel der Bevölkerung sei nach dem Zweiten Weltkrieg abgewandert, die Kleinbauern hätten verkauft, die maschinell gut ausgerüsteten Großbetriebe böten kaum noch Beschäftigung und kämpften selbst ums Überleben. Zahlreiche Gastwirtschaften hätten zugesperrt, Hotel- und Pensionen seien zu Saisonbetrieben geworden, die ihre Arbeitskräfte kurzfristig aus dem Ausland holten. Schulen würden geschlossen, weil der Nachwuchs fehle. Die Talschaft stünde „vor dem Abgrund“: wirtschaftlich, kulturell-gesellschaftlich, bevölkerungs- und altersmäßig. Einst, und das galt auch noch einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, lebte Österreich von den Tälern, jetzt veröden sie.

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Die Hauptstadt-Land-Verbindung

Die drei Tage des arbeits- und gedankenreichen Praktikums verlaufen wie im Fluge. Auf der Heimfahrt, noch in Bus und Zug, konzipiert Klenk den Bericht über sein Praktikum am Almhof. Eine Woche später erscheint er im „Falter“. Bachler gibt ihn auf Facebook wieder. Er wird sowohl von seinen „Followern“ als auch von „Falter“-Lesern, Bauern, Vertretern der Landwirtschaft, Touristen und Naturliebhabern angeklickt. Klenk lädt Bachler nach Wien und zu einem Gegenbesuch in die „Falter“-Redaktion ein. Dort soll er Redaktionsmitglieder kennenlernen, die ganz ähnlich denken wie er: Erhaltung der bäuerlichen Klein- und Mittelbetriebe, Ablehnung der Massentierhaltung, der Fleischfabriken, Schutz des Artenreichtums, der Landschaftspflege, der Hausschlachtung, der Selbstversorgung, des Handwerks, der bäuerlichen Gesellschaft und Tradition.

Bachler nimmt die Einladung an, doch statt nach Wien zu fahren, gibt er vor, „unabkömmlich“ zu sein. Klenk dagegen macht im Herbst 2020 zusammen mit seinem Sohn Leo „Urlaub auf dem Bauernhof“ von Bachler. Rührend die Schilderung, wie sein Sohn Leo mit den Tieren auf dem Bauernhof herumtollt, sie füttert und tränkt, gemeinsam mit den Erwachsenen eine verlaufene Kuh sucht und den Forst durchkämmt.
Heimgekehrt nach Wien, erhält Klenk den Hilferuf eines bäuerlichen Freundes und Nachbarn von Bachler. Dessen Hof soll versteigert werden. Bachler und seine betagte Mutter würden ihre Lebensaufgabe verlieren, Bachler sei ja schon seit längerer Zeit depressiv und jetzt schwer suizidgefährdet. Seine Freunde machten sich große Sorgen um ihn. Klenk solle mit ihm reden.

Der Hintergrund: Bachler hat sich verschuldet, kann die Kredite nicht bedienen. Der Gläubiger, die Raiffeisen-Genossenschaft, klagt und erwirkt durch ein Gerichtsurteil die Versteigerung des Hofes. Der Hof samt Almen und Jagdgebiet ist laut Schätzgutachten rund 1.012.000 Euro wert und diente zur Bürgschaft von für einen Almbauern horrenden Schulden in Höhe von ca. 400.000 Euro. Die Raiffeisenkasse in Murau stellte einen Bruchteil dieser Gesamtschulden, nämlich 135.000 Euro, fällig und erwirkte ein Versteigerungsurteil des gesamten Almhofes samt aller Grundstücke, lebenden und toten Inventars mit einem Schätzwert von über einer Million Euro. Dieses Mißverhältnis zwischen dem Wert des Hofes und dem wegen 135.000 Euro erwirkten Versteigerungsurteil sorgt für Empörung bei vielen Bauern.

Nach kurzem Zögern entschließt sich Klenk, seinem neugewonnen Freund zu helfen. Wie kann es sein, so fragt er in einem Artikel für den „Standard“ am 25. November 2021, „dass ein Mann, der von früh bis spät rackert, auf seinen Urlaub verzichtet, in einer bescheidenen Kammer wohnt, ein verbeultes Auto fährt, auf jeden Luxus verzichtet und keine Familie zu ernähren hat, so prekär lebt?“. Bachler hat ihm bislang nie etwas von der bevorstehenden Versteigerung und seiner Schuldenlast erzählt. Klenk muß ihm die Hilfe geradezu aufdrängen. Seinem Sohn erklärt er, was eine Versteigerung bedeutet: Ruin für den Schuldner und Gewinn für Schnäppchenjäger. Der elfjährige Leo kreiert zusammen mit seiner Zwillingsschwester ein Plakat mit Photos von der Alm, das eine von Klenk initiierte Website schmückt, die zur Rettung des Almhofes durch Spenden aufruft. Der Spendenaufruf zeigt Wirkung, er wird 4400 Male angeklickt. Innerhalb weniger Minuten sind 93.000 Euro auf dem PayPal-Konto Bachlers eingegangen, und wenig später sind es genug, um die von Raiffeisen eingeklagte Summe auf den Tisch zu legen.

Die Versteigerung ist damit noch nicht abgesagt. Der Jurist Dr. Florian Klenk verschafft sich den Versteigerungsakt. Bachler hat ihn sich nie angesehen, sondern den Kopf in den Sand gesteckt. Der Versteigerungstermin ist für den 20. Oktober 2020 in Murau angesetzt, höchste Eile also geboten. Bei solch hohen Beträgen herrscht Anwaltszwang. Bachler kann nicht einmal angeben, wer ihn bei Gericht vertritt. Klenk kümmert sich um kompetente anwaltliche Vertretung. Und dann kommt das Glück ihm zu Hilfe. Wegen der Pandemie wird die Versteigerung auf unbestimmte Zeit vertagt.

Solidarität jenseits der Lagergrenzen

Die bereits eingegangene Summe ist naturgemäß ist nicht genug, um den Almhof zu sanieren. Die Gesamtschulden Bachlers betragen, wie bereits angeführt, mehr als 400.000 Euro. Klenk spricht deshalb den Rockstar Gabalier an. Gabalier hat Klenk im vollgefüllten Münchener Stadion wegen des Kuhurteils vor der jubelnden Masse als Ochse verspottet, „der in der Weihnachtskrippe noch fehlt“. Gabalier warf Klenk vor, er würde „nichts von Tradition und christlichen Festen halten“. Klenk kannte die andere Seite des Volksrockers. Gabalier wuchs wie Bachler in der Steiermark auf. 2006 nahm sich sein Vater Wilhelm Gabalier († 53) das Leben. Er übergoß sich vor dem Haus der Familie mit Benzin und verbrannte. Das Motiv blieb ungeklärt, einen Abschiedsbrief gab es nicht. Zwei Jahre später erhängte sich die Lieblingsschwester von Gabalier. Sie wurde mit dem den Tod ihres Vaters nicht fertig. Das Lied, das Gabalier damals zum Tod seiner Lieblingsschwester komponierte („Amoi seg ma uns wieder“), brachte für den Volks-Rock’n’Roller den Durchbruch. Klenk hat mit Volksmusik nichts am Hut, aber er kennt die vielen Charityaktivitäten von Gabalier und weiß auch, daß dieser nach der Handelsakademie-Matura das juristische Studium begann. Klenk ruft Gabalier an und bittet um Hilfe für Bachler. Gabalier läßt sich den Fall schildern und verspricht Prüfung. Wenig später bringt er auf seiner Facebookseite den „Falter“-Beitrag und bittet seine Fans, den Almhof und seinen hochverschuldeten Besitzer zu retten. Viele der 240.000 Fans von Gabalier öffnen nun ihre Sparbüchsen. Insgesamt treffen innerhalb zweier Tage von 12.829 Spendern 416.811,25 Euro auf dem PayPal-Konto von Bachler ein, der daraufhin sein Konto sperrt und weitere Spenden abweist. Bachler kann jetzt seine Schulden zurückzahlen, doch den „Bauer als Millionär“ zu spielen, liegt ihm fern.

Barbara Stöckl vom ORF hatte von der dramatischen Rettungsaktion für den Almhof und seinen Besitzer Wind bekommen und setzte kurzfristig eine Livesendung mit Bachler und Klenk an. Beide sollten über ihre Aktionen zur Rettung des Almhofes berichten. Christian Bachler erschien zum Sendetermin an einem kalten Wintertag völlig übermüdet, unrasiert, in einem Kapuzenpullover mit der provozierenden Aufschrift „Ackerdemiker“. Klenk trug die übliche Kleidung eines Stadtmenschen. Die Sendung schlug ein. Der Almhof und das ganze hintere Murtal wurden selbst für Chinesen und Japaner zu einer touristischen Attraktion. Im Sommer 2020 waren die Fremdenzimmer des Almhofes im Gegensatz zum Vorjahr ausverkauft, Pensionen und Gaststätten sperrten wieder auf. Das Tal schöpfte Hoffnung.

Verblüfft von dieser Wirkung, begann Florian Klenk, nach Erklärungen zu suchen, die diesen durchschlagenden Erfolg ermöglichten. Er begann mit der Untersuchung bei sich selbst, einer „Introspektion“. Er hatte sich nie dafür interessiert, woher und von wem das Fleisch geliefert wurde, das er im Supermarkt, womöglich durch Sonderaktion verbilligt, kaufen konnte. Almwirtschaft und Bauern in Not standen bis zu seinem „Praktikum“ nicht im Mittelpunkt seines Interesses. Selbst seine Familiengeschichte und Herkunft schätzte er nur insoweit, als sie ihm eine sorglose Jugend und Ausbildung ermöglichten. Als Mitarbeiter und später als Chefredakteur des „Falter“ waren Korruption und Skandale der Stoff, um den er sich kümmerte.

Familiengeschichte neu entdeckt

Mit der „Introspektion“ änderte sich das. Er wollte mehr über seine Herkunft und Wurzeln erfahren. Zu diesem Zweck interviewte er seinen fast 80jährigen Vater, der als Doktor der Physik Karriere gemacht hatte. Von ihm erfuhr Florian, daß seine Großeltern aus kleinbäuerlichem Milieu stammten. Der Großvater arbeitete als Versicherungsvertreter sehr erfolgreich für eine große Versicherung, mußte Hagel-, Hochwasser-, Dürre- und Brandschäden bewerten. Daneben betrieb er zusammen mit seiner Frau, die in einer Bauernfamilie aufgewachsen war, bis zum Ende der 1950er Jahre einen kleinen Bauernhof, der vieles lieferte, was die Familie an Nahrungsmitteln verzehrte oder eintauschen konnte. Florians Vater hat seine Kindheit und Jugend auf dem in der Nähe von Sankt Pölten gelegenen Hof inmitten der Dorfjugend verbracht. Die der Hauptstraße zugewandten Tore der Höfe blieben tagsüber immer offen, die Kinder konnten ein- und ausgehen und waren überall willkommen. Die Höfe und die Straße waren ihr Spielplatz. An warmen Abenden saßen die Altbauern auf dem Bankerl vor dem Haus und sahen den Spielen zu. Die ganze damals unbefestigte Straße war voller Leben. Neben den Bauernhöfen gab es in Ratzersdorf, so hieß der Ort mit seinen 100 Gebäuden, drei gut frequentierte Gasthäuser und drei Gemischtwarenhandlungen, eine davon betrieb im Hinterhaus auch noch eine Bäckerei. Es gab zwei Schuster, einen Schneider, einen Huf- und Nagelschmied, einen Schmied für die Gerätschaften, später kam dann noch ein Karosseriespengler hinzu. Ratzersdorf war eine sich weitgehend selbstversorgende Gemeinde, man bekam im Dorf also ziemlich alles, was zum Leben notwendig war. Arbeitsplätze gab es auch genug, niemand mußte auspendeln. Auch das kulturelle Leben kam nicht zu kurz. Es gab die Kirche im Dorf, „in der ich“, erzählt Florians Vater, „sogar ministriert habe“. Vom Gottesdienst an den Sonn- und Feiertagen schloß sich kaum jemand aus, die Gelegenheit zur anschließenden Begegnung, dem Meinungsaustausch und dem Wirtshausbesuch wurde gern genutzt. Die Kirtage wurden gemeinsam groß gefeiert, mit Ringelspiel, Tanzkapelle und Vorführungen bis zum Morgengrauen. Es gab eine eigene Theatergruppe, und natürlich ist die Volksschule nicht zu vergessen, in der die Kinder nicht nur Schreiben, Lesen und Rechnen lernten, sondern auch mit der Herkunft und der Geschichte ihres Landes vertraut gemacht wurden.
Florian Klenk fuhr mit seinem Vater sogar nach Ratzersdorf. Das Dorf hatte sich völlig verändert, es gehörte jetzt zum „Speckgürtel“ von St. Pölten. Die alten Gebäude an der Dorfstraße waren adaptiert oder durch neue ersetzt, und viele ehemalige Äcker hatten einem neuen Ortsteil mit eng aneinandergebauten, gesichtslosen Siedlungshäusern Platz machen müssen. An den Rändern des Dorfes herrschte das vorstädtische Einerlei aus Siedlungen, Kreisverkehr, Autohäusern, Tankstellen und Supermärkten und überwucherte die noch junge Vergangenheit.

Die Dorfstraße war jetzt asphaltiert, sie war kein Spielplatz mehr für Kinder, ihr Überqueren an nichtmarkierten Stellen gefährlich. Die meisten Bewohner gehören nun der Mittelschicht an, sind in Pension oder in der nahen Landeshauptstadt tätig. Abends ziehen sie sich in ihre Behausungen zurück, das gesellige Leben stirbt. Ratzersdorf war einst als bäuerliche Gesellschaft eine „Gemeinwohl- und Schicksalsgemeinschaft“, jetzt ist es nur noch eine Rückzugs- und Erholungszone.
Vater Klenk besucht mit seinem Sohn das Grundstück, auf dem einst der Hof der Großeltern stand. Einen Teil des parzellierten Grundstücks und das Gebäude hatte ein junges Ehepaar gekauft und in ein phantasievolles Atriumhaus umgestaltet. Eine dichte Hecke verwehrte den Blick in den Hof, wie es bei vielen Wohngebäuden der Fall ist. Man sondert sich ab, geht nicht mehr auf den anderen zu, das „Private“, Individuelle hat nun den Vorrang vor der Gesellschaft. Aber, wie kann eine Gesellschaft überleben, wenn das Gemeinsame derart vernachlässigt wird?

Ein Buch über die Rückbesinnung

Diese Frage durchzieht das Schlüsselkapitel „Christian Bachler erzählt – die Biografie eines Bergbauern“ (S. 90–99). Der Vater von Christian starb im Jahr 2003 mit 53 Jahren. „Ich war damals 20 Jahre alt“, erzählt Christian, „und musste den Hof übernehmen“. „Dazu musste ich zuerst einmal 300.000 Euro in die Hand nehmen, den Stall ausbauen, die Maschinen erneuern, ein größeres Grundstück zukaufen. Ich hatte die Landwirtschaftsschule in Murau besucht. Dort haben sie uns eingetrichtert, wir sollten größer werden, investieren und modernisieren, die EU würde das fördern, die Landwirtschaftskammer uns helfen, die Förderanträge zu stellen, den ‚Businessplan‘ vorzulegen. Die Fördermittel flossen, doch sie wurden umgestellt und nach und nach immer weniger. Neue Auflagen wurden uns auferlegt, die geförderten Almflächen verringert, und weil Kontrolleure behaupteten, wir hätten die EU durch Einrechnung von unproduktiven Flächen betrogen, mussten Fördermittel sogar zurückgezahlt werden. Dazu kam der Verfall des Milchpreises. Erst forderte man uns auf, mehr Milch zu erzeugen, ‚die Chinesen saufen uns aus‘, dann aber blieb die Nachfrage aus, statt 40 Cent bekamen wir nur noch 20. Die Schulden begannen mich zu erdrücken. Raiffeisen verlangte Verzugszinsen von bis zu 14,75 %. Ich wollte mich aufhängen, ich habe nur noch an den Strick gedacht.“

Daß Christian Bachler dieses Schicksal erspart blieb, ist Florian Klenk, dem Investigativjournalisten, den Spendern und Helfern zu verdanken. Heute vermarktet Bachler das Fleisch seiner Rinder und seiner mehr als 100 Freilandschweine, die auf dem höchstgelegenen Bergbauernhof der Steiermark dreimal so langsam wie konventionelle Schweine heranwachsen, selbst. Und er sagt von sich (wieder laut dem zitierten „Standard“-Artikel): „Ich bin jetzt der Bauer, der ich immer sein wollte. Wir schaffen ein großartiges Leben für das Vieh und ein tolles Produkt für den Konsumenten.“ Die Erzählung der Versöhnung des „Wutbauers“ mit seinem Kritiker ist ein Dokument der Zeitgeschichte, wie es ganz selten anzutreffen ist. Journalism at its best. Das Buch ist spannend geschrieben, der Rezensent konnte es nicht weglegen, er las es in einem Zug durch. Es erlaubt den Blick „in das brutale System von Agrarindustrie und Subventionspolitik“, das zusammen mit der Klimakatastrophe „praktisch jeden Tag mehr dem Landwirt die Existenzgrundlage raubt“, schrieb Cathrin Kalweit in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 4. Oktober 2021. Der „Tagesspiegel“ vom 11. Oktober 2021 nennt das Buch „einen deftigen Essay über die Teufelskreise in der Landwirtschaft“, einen wahren „Agrar-Thriller“, der zugleich „durch das barocke Nebeneinander von Schönheit und Verfall eine verhaltene Melancholie“ vermittelt.

Das Fazit, das Florian Klenk im „Epilog“ (S 150–154) zieht, ist eindeutig: Wir stehen am Abgrund, und jeder „Fort-Schritt“ bringt uns ihm näher. „Fast alle sind sich sicher, dass sich etwas ändern muss“. „Der wütende und zornige Bachler hat es uns desinteressierten und wohlstandsverwöhnten Städtern reingesagt. Schaut her, wie wir Bauern leben, seht her, was der Welthandel mit unseren Höfen, unserer Kultur, unserer Natur und unseren Tieren macht, seht her, wie ihr unsere soziale Lage und damit auch eure Lebensgrundlage ignoriert.“ Das Buch „ist mein Versuch, das gespaltene Verhältnis unserem bäuerlichen Erbe gegenüber offenzulegen, ein Zwiespalt, den wir auch im Umgang mit der Kreatur zeigen, die wir als ‚Nutztiere‘ halten und quälen“. „Ich bin froh, den sturen und streitbaren Christian Bachler kennen gelernt zu haben“. Und wir dürfen froh sein, daß uns Florian Klenk durch seine Reportage über dieses Kennenlernen zum Nachdenken anregt, was eigentlich im Leben wirklich wichtig ist: der Glaube, die Hoffnung und Liebe.

Florian Klenk
Bauer und Bobo
Wie aus Wut Freundschaft wurde
160 Seiten, HC
Paul Zsolnay Verlag, 2021
€ 20,00

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com