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Von Heinz-Siegfried Strelow, M.A.
In Portugal formierte sich in den 1980er Jahren eine grüne Partei, die sich bereits bei ihrer Gründung klar auf der äußersten Linken positionierte und mit den Kommunisten im Wahlbündnis „Convergencia i Unio“ zusammenschloß. In diesem Bündnis treten Grüne und Kommunisten seither bei allen Wahlen in Portugal an. Und genau das wollten viele Mitglieder von Natur- und Umweltschutzverbänden nicht hinnehmen. Deshalb gab es hier auch ein konservatives Gegenangebot. Die Schlüsselfigur hieß dabei über Jahrzehnte hinweg Gonçalo Ribeiro Telles. Im kommenden Jahr jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal. Anlaß genug für einen Rückblick auf sein Leben. Gonçalo Ribeiro Telles wurde am 24. Mai 1922 in Lissabon geboren. Seine Heimat aber war das Städtchen Coruche in der für ihren Wein und die Korkeichen bekannten Region Ribatejo. Der Vater, Joaquim Ribeiro Telles, war Militäroffizier und arbeitete später als Tierarzt in seinem Heimatort. Gonçalos Mutter Gertrudes Guilhermine, eine geborene Gonçalves, stammte aus einer Familie, die etliche Geistliche hervorbrachte. Christentum und ländliches Umfeld gehörten so zu den prägenden Elementen in Ribeiro Telles’ Jugend.
Nach der Schule begann er zunächst ein Studium der Agrotechnik an der Technischen Universität Lissabon, widmete sich aber bereits als Student daneben der Landschaftsarchitektur. Mit seinem Professor Francisco Caldeira Cabral veröffentlichte er das Buch „Die Bäume Portugals“, eine wissenschaftliche Beschreibung aller in Portugal endemischen Arten. Folgerichtig begann seine berufliche Laufbahn 1951 auch in der städtischen Grünverwaltung von Lissabon. Ab 1971 arbeitete er als unabhängiger Landschaftsarchitekt. Zahlreiche Gärten rund um historische Bauwerke, aber auch Parkanlagen im Großraum Lissabon tragen seine Handschrift.
1975 würdigte ihn die portugiesische Hauptstadt mit dem Valmor-Preis für herausragende architektonische Leistungen. 1976 übernahm er an der Technischen Universität Lissabon eine Professur für Landschaftsarchitektur. Seit 1990 hatte Ribeiro Telles zudem eine Gastprofessur an der Universität von Évora inne. Der ihm 2013 verliehene „Sir-Geoffrey-Jellicoe-Preis“, benannt nach dem Gründer der „International Federation of Landscape Architects“ (IFLA), rundete sein berufliches Lebenswerk ab. Im Privatleben war Ribeiro Telles mit Maria da Conceição de Calazans de Sousa verheiratet; das Paar hatte fünf Kinder.
Politisch aktiv zeigte sich Ribeiro Telles bereits in jungen Jahren, als er sich in der Katholischen Landjugendbewegung gegen das Salazar-Regime engagierte, das er aus christlich-konservativen und monarchistischen Gründen ablehnte. Sein überzeugter Katholizismus fand unter anderem Ausdruck in der Mitgliedschaft im „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“. Gemeinsam mit Franciso Sousa Tavares gründete Ribeiro Telles 1957 die „Bewegung Unabhängiger Monarchisten“. Ihm ist es maßgeblich zu verdanken, daß sich 1971 drei monarchistische Widerstandsgruppen im „Movimento Popular Monárquico“ zusammenfinden konnten. Als mit der „Nelkenrevolution“ das Ende der Diktatur kam, entschloß sich auch der Landschaftsarchitekt, die parteipolitische Bühne zu betreten.
Am 25. April 1974 wurde von ihm, Henrique Barrilaro Ruas und anderen Patrioten der „Partido Popular Monárquico“ (PPM) gegründet, die Monarchistische Volkspartei. Sie verstand sich von Anfang an auch als eine ökologische Partei, die sich der Kritik am blinden Fortschrittsglauben und dem Anliegen des Naturschutzes verschrieb. Natürlich war letzteres der Feder des Parteigründers geschuldet. Im ersten Kabinett von Mário Soares bekleidete Ribeiro Telles das Amt des Unterstaatssekretärs für Umweltfragen. In der 1981 von Pinto Balsemão gebildeten bürgerlichen Koalitionsregierung war die Monarchistische Volkspartei, die mit sechs Abgeordneten ins Parlament einzog, durch Ribeiro Telles auch am Kabinettstisch vertreten. Als erstem „Minister für Lebensqualität“ in der Geschichte Portugals oblagen ihm der Umweltschutz, aber auch die Bereiche Regionalisierung, Jagd und Wiederaufforstung.
Bei den folgenden nationalen Wahlen sackte der PPM aber unter 1 %, und auch bei der Europawahl 1989 scheiterte sie mit 2,1 % am Einzug ins Straßburger Parlament. 1993 kam es zur Abspaltung des Großteils des ökologischen Flügels der PPM, wozu auch die Gründer Ribeiro Telles und Barrilaro Ruas gehörten. Sie gründeten am 12. August 1993 den „Movimento Partido da Terra“ (MPT), die „Bewegung Partei der Erde“. Neben dem ökologischen Kernanliegen setzte der MPT einen weiteren Akzent auf den Schutz der portugiesischen Kultur und die „Stärkung der Lusophonie“.
Obwohl in kaum der Hälfte Portugals organisatorisch vertreten, nahm der MPT ab 1995 an allen nationalen Wahlen teil, wobei er Ergebnisse zwischen 0,2 und 0,4 % einfuhr. 2005 konnte er erstmals zwei Abgeordnete in die „Assembleia da República“ entsenden, da man ein Wahlbündnis mit der konservativen Sozialdemokratischen Partei PSD eingegangen war.
Landesweit trat die von Ribeiro Telles gegründete Partei erstmals bei der Europawahl 2009 in Erscheinung. Sie gehörte zu den maßgeblichen Initiatoren des EU-skeptischen Blocks „Libertas“, der insbesondere gegen die Verträge von Lissabon opponierte. Als dessen portugiesischer Spitzenkandidat trat der neue MPT-Vorsitzende Pedro Quartin Graça Simão José an. Die Liste erhielt in Portugal 0,7 % der Stimmen. „Libertas“ errang europaweit nur ein Mandat, das auf den französischen Verbündeten Philippe de Villiers vom „Mouvement pour la France“ (MPF) entfiel.
Bei der Europawahl am 1. Juli 2014 gelang dem MPT dann ein überraschender Durchbruch. Mit 7,1 % der Stimmen wurde er viertstärkste Partei des Landes und konnte die zwei Abgeordneten António Marinho e Pinto und José Inácio Fraia in das EU-Parlament entsenden. Dort hatte auch ihre deutsche Schwesterpartei, die 1982 von Herbert Gruhl gegründete Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP), erstmals ein Mandat errungen. Doch die beiden „dunkelgrünen“ Parteien, die in dem Parteienbündnis „World Ecological Parties“ (WEP) verbunden sind, fanden nicht in einer Fraktion zusammen. Während der ÖDP-Parlamentarier, der Münchener Physiker Prof. Dr. Klaus Buchner, sich der Fraktion der Grünen anschloß, entschieden sich die MPT-Abgeordneten, den Weg in die Fraktion der Liberalen (ALDE) zu wählen. Aus dieser schieden sie aber 2016 aus – Pinto gründete eine eigene Partei, Faria wechselte zu der christdemokratischen EVP-Fraktion. Bei den folgenden Europawahlen 2019 entpuppte sich der MPT-Erfolg als ein kurzer Frühling. Man nahm an dem populistischen Bündnis „Nós, Cidadaos!“ teil, das mit 1,1 % den Einzug ins Europaparlament verfehlte. Aktuell ist der MPT noch im Regionalparlament von Madeira mit einem Abgeordneten vertreten.
Ribeiro Telles nahm auf diese späten Entwicklungen seiner Partei keinen aktiven Einfluß mehr. Er bekleidete den Parteivorsitz bis zum Jahr 2007, danach wurde er zum Ehrenpräsidenten gewählt. Der große alte Mann des ökologischen Konservatismus Portugals fand 2016 beim „IndieLisboa“-Filmfestival eine verdiente Würdigung, als dessen Direktor João Mário Grilo die Dokumentation „Für unsere Erde – Landschaften von Gonçalo Ribeiro Telles“ präsentierte. Am 25. Mai 2017 zeichnete der portugiesische Präsident Marcelo Rebelo de Sousa den 95jährigen mit dem Großkreuz des „Ordens des Infanten Dom Henrique“ aus. Am 11. November 2020 schloß der Grande der ökologischen Bewegung Portugals für immer seine Augen.