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Verdrängungsmythos und Nachkriegsdeutsche

Von Univ.-Prof. Paul Gottfried

In seinem Sammelband „Jenseits der Linie“ setzte sich der jüngst hingeschiedene österreichische Philosoph Rudolf Burger 2008 mit einem Thema auseinander, das in seiner späteren Publizistik mehrmals vorkommt, nämlich mit dem Bestreben gewisser Autoren, den deutschen Überlebenden des Zweiten Weltkriegs eine bedrückende Geistesstörung zuzuschreiben. Ausgehend von dem von Alexander und Margarete Mitscherlich im Jahr 1967 veröffentlichten Erfolgsbuch „Die Unfähigkeit zu trauern“ schwang sich die darin aufgestellte These zu einem Dogma auf, wonach die Deutschen, die die Scheußlichkeiten der Hitlerzeit mitgemacht hatten, die bloße Erinnerung an diese Greueltaten verdrängt hätten. So erdrückend sei die Last dieser Vergangenheit, daß die Betroffenen das leiseste, in Panik versetzende Gedenken daran verdrängen würden. Im Sinne ihrer freudianisch gefärbten Seelenheilkunde flehte das Psychoanalytiker-Ehepaar die Deutschen an, eine aufrichtige Aufarbeitung der Naziepoche vorzunehmen. Sie legten ihren Landsleuten diese Anweisung nicht etwa deshalb ans Herz, um Sühne für eine Kollektivschuld zu leisten. Vielmehr wurden die Deutschen zu diesem Gedenken angehalten, damit sie von einem Dämon entlastet werden könnten.

Bis zu jener Stunde, wenn der Holocaust und andere Naziuntaten die angemessene Anerkennung finden würden, so die Mitscherlichs, könne man nicht hoffen, die Gemarterten von ihren Qualen zu erlösen. Im Unterschied zu sonstigen Aufrufen zur Vergangenheitsbewältigung schienen die Mitscherlichs darauf aus zu sein, die Deutschen nicht zu selbstzerfleischenden Bußriten anzuhalten, sondern ihnen zu einem ausgeglichenen Zusammenleben zu verhelfen. Aber diese Pauschalbeurteilung bedarf der Einschränkung. Auch wenn das scheinbar entlastende Heilmittel den Adressaten innere Erleichterung verschaffen sollte, bot es ebenso den grölenden Deutschenhassern ein Einfallstor.

Burgers sinnreicher Auffassung nach geht die Diagnose der Mitscherlichs auf dreierlei Weise fehl: Erstens sei es kaum wahrscheinlich, daß die Deutschen, deren Heimat zur „Stunde null“ in Ruinen lag, in erster Linie von ihren Erinnerungen an Nazigreueltaten gequält wurden. Die gedemütigten Deutschen hätten sich wohl eher mit anderen Lasten konfrontiert gesehen, beispielsweise sich aus den Trümmerhaufen herauszuwühlen, Nahrung aufzutreiben und dem Zugriff der randalierenden, Frauen vergewaltigenden Rotarmisten zu entfliehen. Burger kann überhaupt nicht begreifen, wie die geschlagenen, ausgehungerten Deutschen in Anbetracht ihres eigenen Schicksals von Erinnerungen an Naziverbrechen hätten ergriffen sein sollen. Zweitens seien Freuds Tiefenpsychologie und Verdrängungsmechanismus nur auf den einzelnen, nicht auf eine gesamte Nation anwendbar. Freud habe seine Repressionstheorie zur Entlastung eines verklemmten Individuums entwickelt, das seine unerfreulichen Erinnerungen vergeblich zu verscheuchen versuche. Er habe seine Heilkunde nie massenhaft einsetzen wollen.

Darüber hinaus habe der renommierte Vordenker der Tiefenpsychologie seine Patienten als Opfer einer Geisteskrankheit behandelt, nicht als Mittäter an Ungeheuerlichkeiten, die es ablehnten, ihre jeweils unterschiedlichen Verantwortlichkeitsgrade einzugestehen. Obwohl letztere Betrachtung nicht aus dem Mitscherlich-Werk abzuleiten ist, da die Autoren nicht der ganzen deutschen Nation pauschal den Schwarzen Peter zuschieben, wurde die angesprochene Verdrängung über die Jahre hinweg mit der Betonung der „deutschen Schuld“ in Deckung gebracht. Der Verdrängungsbegriff wurde auf dieser Grundlage stufenweise überarbeitet, bis er folgendermaßen umschlug: Die Nachkriegsdeutschen hätten eine zentnerschwere kollektive Schuld von sich abgewälzt, indem sie die Pflicht von sich wiesen, ihrer unrühmlichen Beteiligung am Dritten Reich ins Gesicht zu sehen. An dieser schon zur Genüge bekannten Rüge hakt Burger nachdrücklich ein. Er mahnt uns, daß die „Mechanik des Vergessens“ nicht zur Ordnung der Verdrängung gehöre. Einem vorsätzlich vergessenden Täter könne man seine Nichtachtung oder Gleichgültigkeit mit Recht vorwerfen, nicht aber jemandem, der ohne sein Zutun einer Erinnerungsrepression zum Opfer gefallen ist.

Alexander und Margarete Mitscherlich: Von der behaupteten Verdrängung der NS-Verbrechen gab es zwar keine Spur, doch führt eine klare ideologische Linie von dieser Unterstellung zu den weiter entwickelten antideutschen Positionen.

Von wegen verdrängt

Weit gefehlt wäre es ohnehin, eine augenfällige politische Absicht im Werk der Mitscherlichs zu verleugnen. Der innere Zusammenhang ihrer Akzentuierung der Verdrängung und der Zielsetzung der deutschen Linken, die die verachtete Bonner Regierung aufs Korn nahmen, tritt aus den Rezensionen deutlich hervor. Ein Bewunderer namens Tobias Freimüller, der zu der Anthologie „50 Klassiker der Zeitgeschichte“ einen wohlwollenden Kommentar über „Die Unfähigkeit zu trauern“ beitrug, äußert sich darin entsprechend: „Die Autoren führten die kollektive ,Unfähigkeit? der Deutschen zu trauern auf ihre massenhafte Integration in die nationalsozialistische Volksgemeinschaft zurück.“ Des weiteren: „Die Diagnose einer politisch-konservativen Nation, die sich vorerst nicht auf die demokratische Gesinnung ihrer Bürger stützen könne, fand in den Rezensionen des Buches breite Zustimmung. Es herrscht Konsens, dass es den Autoren zum ersten Mal überzeugend gelungen sei, den inneren Nachweis für ‚das verblüffende Phänomen des sozialen und politischen Immobilismus des Bonner Staats‘ zu führen.“

Selbstverständlich sind Schlüsselbegriffe wie „demokratisch“, „politisch-konservativ“ und „Immobilismus“ unverkennbar von Freimüllers Linksorientierung geprägt. Diese Meinungsäußerungen eines Engagierten bezeugen, daß „Die Unfähigkeit zu trauern“ beileibe nicht als eine apolitische Arbeit zu interpretieren ist. Und Freimüller spricht stellvertretend für die Deuter und Rezensenten, die das geschätzte Werk für eine deutsche Vergangenheitsaufarbeitung einspannen. Die Gleichsetzung des „Bonner Staats“ mit der Erstickung einer „demokratischen Gesinnung“ übergeht in ihrer Anklage das beiseite geschobene Überdeutliche, nämlich den Wiederaufbau eines deutschen Nationalstaats im Schatten der sowjetischen Diktatur, aus den Trümmern eines zerbombten Landes mit einem geschundenen Bürgertum. Ebenso falsch ist es, die Errichtung einer demokratischen deutschen Regierung im Westen, die sich auf einen geeinten Mittelstand und eine mitwirkende Arbeiterschaft stützte, zu unterschätzen. Ausgeblendet wird diese Errungenschaft von Freimüller und seinesgleichen, weil sie beileibe nicht mit deren antinationaler Grundlinie zusammenpaßt.

Auch Burger schneidet diesen entscheidenden Punkt an: „Die Frage, die ich stellen möchte, lautet nicht: Weshalb verdrängen wir? Sondern: Weshalb sagen wir mit solcher Leidenschaft, mit solchem Groll gegen unsere jüngste Vergangenheit, gegen unsere Gegenwart und gegen uns selbst, dass wir verdrängen? Durch welchen Spiralgang sind wir dahin gelangt, zu bejahen, dass wir die Erinnerung an die Nazizeit verneinen, ostentativ zu zeigen, dass wir sie verbergen, dass wir sie verschweigen?“ Dieser Behauptung widersprechen die leicht beweisbaren Fakten jedoch, von den auf die deutsche Niederlage folgenden Nürnberger Prozessen über die fortgeführten Entnazifizierungsverfahren sowie die Inanspruchnahme der deutschen Medien, Bildungsanstalten und Publizistik durch antifaschistische Aktivisten bis hin zu der seit dem Aufstieg der Achtundsechziger durchgreifenden, alle Institutionen der deutschen Gesellschaft umfassenden Vergangenheitsbewältigung. Von wegen „verdrängt“ oder „vergessen“!

Publikumshit Holocaust

Die deutsche Intelligenz behauptet ungebrochen, daß ihre Mitbürger störrisch ignorierten, was doch in Wirklichkeit unentwegt auf sie einprasselt und wovor es kein Entrinnen mehr gibt. Es ist, als ob die Deutschen eine dystopische Landschaft bewohnen würden, wo ihnen ständig aus Lautsprechern verkündet wird, daß sie durch eine Art Sippenhaftung in einen endlosen Holocaust mitverwickelt seien. Ob ihrer Schuldlast sind sie mit einem Fluch behaftet und dazu verurteilt, auf alle Ewigkeit in Sack und Asche umher zu irren. Was die Deutschen mitverschuldeten, ist vermeintlich einzigartig, und jede Bestreitung dieser Einzigartigkeit läuft darauf hinaus, ihre Schmach noch zu steigern. Niemals in der Weltgeschichte hat es eine gewaltigere Unwahrheit gegeben als die Anklage, daß die Deutschen nicht ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Naziverbrechen lenken würden. Burger macht sich über das Ausmaß dieser eindeutigen Verfälschung lustig: „Die Nazizeit boomt, ausgehend von den USA, weltweit, sie ist ein riesiges Geschäft, politisch, moralisch und finanziell.“ „Der Holocaust“, weit davon entfernt, „verdrängt“ worden zu sein und „Widerstand“ gegenüber seiner Aufarbeitung vorzufinden, ist ein Publikumshit. Das Thema wird nicht verdrängt, sondern den Leuten kulturindustriell aufgedrängt und von vielen genossen. Wer sich davor ekelt, der gilt als Antisemit.

Während unsere liberaldemokratischen Sittenwächter jedem politisch mißliebigen Bedenkenträger die Leviten lesen, kommen die offensichtlichsten Schuldigen ungeschoren davon. Die Informanten des Stasi-Geheimdienstes und die Funktionäre der DDR-Scheinopposition, die oft zugleich noch als Spione tätig gewesen waren, brachten es fertig, in die bundesrepublikanische Schickeria und Herrscherklasse aufzurücken. In den ideenpolitisch gleichförmigen Parteien (von welchen die AfD natürlich ausgeschlossen wird) stiegen diese Vorzeigedemokraten wie Angela Merkel und Gregor Gysi in Amt und Würden auf. Während die Regierung unter den Betten nach verkalkten Nazimittätern suchen ließ, beeilten sich Politiker und Medien, die Begünstigten der nur scheinbar verklungenen kommunistischen Diktatur als Kampfgenossen gegen den Faschismus zu begrüßen. Was sich zurzeit zuträgt, ist der Aufbau einer antifaschistischen Frontstellung, die eine ideologisch durchgeformte Parteienstruktur umfaßt. Langjährige Kommunisten werden versöhnlich empfangen, sofern sie sich den aufgetragenen Neuerungen, wie dem Einsatz für LGBT-Minderheiten und der geläufigen Willkommenskultur, anpassen. Dringend aber bleibt die Forderung nach der Niederringung des faschistischen Widersachers; wem konkret dieses entmenschlichende Etikett aufgedrückt wird, hängt davon ab, wer gerade mit Hilfe der Medien im Staate das Ruder übernimmt. Das Brandeisen holt man hervor, um die Unangepaßten, die zu viele Sperenzchen machen, als Nazis zu brandmarken. Zupackend angegangen werden diese Reizthemen in meiner englischsprachigen Neuerscheinung „Antifascism. Course of a Crusade“ (Cornell University Press, 2021), in der ich keine Gefangenen mache.

Immerhin ist der Übergang von der Verdrängungszuschreibung zu der landläufigeren Pauschalbeschuldigung, daß die Deutschen ihre Beteiligung an den Missetaten der Hitlerzeit vorsätzlich verdunkelten, noch näher im historischen Zusammenhang zu berücksichtigen. Obwohl die Autoren des „Klassikers“ nicht darauf abzielten, ihre Mitbürger „anzubräunen“ und Verdrängung mit Vertuschung gleichzusetzen, gibt es Hinweise darauf, wo das Paar weltanschaulich zu verorten war. Die Mitscherlichs waren mit ihrer Leserschaft aufs Engste verwachsen, waren Teil des gleichen fortschrittlichen Milieus und verbaten sich nie die Lobeshymnen ihrer linksgesinnten Leser. Ihr Laudator Freimüller geht von der grundlegenden Annahme aus, daß „Verdrängung“ im deutschen Sonderfall eine absichtsvolle Hintansetzung mitbedeute. Einen Sinnunterschied festzustellen, ist nicht mehr der Mühe wert.

Angebracht wäre die Betrachtung, daß diese Verdrängungsbehauptung zu der weiterentwickelten antideutschen Positionierung hinüberführte. Vor dem Marsch der Achtundsechziger durch die deutsche Politiklandschaft war es nicht risikofrei, den deutschen Mitbürgern die Kollektivschuldleier um die Ohren zu hauen. Damals waren die meisten Deutschen weder für eine masochistische Politik anfällig noch für einen fortwährenden antideutschen Diskurs empfänglich. Es war also im Sinne der Überredungskunst angebracht, die heikle Thematik der unauslöschlichen deutschen Schuld schonend anzupacken. Es war so, daß Freuds Tiefenpsychologie in der Nachkriegszeit Konkurrenz hatte. Die beliebtesten Romanautoren flochten in ihre Erzählungen tiefenpsychologische Stichwörter und Gedankengebilde ein, und es erschienen in Hülle und Fülle Ratgeber, die die tiefsitzenden Beweggründe menschlichen Verhaltens im Lichte dieser modischen psychologischen Schule betrachteten. Freudianer wie Erich Fromm und Carl Gustav Jung machten die entsprechenden Vorstellungen der breiten Masse zugänglich und gaben ihre eigenen ideologischen Einschläge hinzu. Zur gleichen Zeit schlug beiderseits des Großen Teichs die Frankfurter Schule mit ihrer eigenwilligen Verquickung von Marx und Freud voll durch.
An die Formulierung und Propagierung der „Unfähigkeit zu trauern“ knüpft sich die Entwicklungsgeschichte eines bis heute sinnstiftenden und noch nicht abgenutzten Begriffs. Hier findet man einen Ausgangspunkt für die Ausformung der von den Achtundsechzigern vorangetriebenen Idée fixe. Daraus erschließt sich auch, warum ein Buch, das – wie Burger klarmacht – recht wenig erläutert, noch heute rühmend erwähnt und zu einem „bedenkenswerten“ Klassiker aufgewertet wird.

 

 
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