Für den Römer Vitruv war die Architektur „die Mutter aller Künste“. Heute scheint es, daß sie nur noch das Stiefkind von Bauvorschriften und Spekulanten ist, sozusagen die Nachgeburt des technokratischen 20. Jahrhunderts. Viele Menschen glauben, ästhetische und schöne Architektur sei ein Relikt der Vergangenheit, heutzutage müsse alles dem funktionalen Kommerz unterworfen sein. Aber dem ist nicht so: Menschliche und optisch ansprechende Architektur gibt es nach wie vor, man muß sie nur finden.
Von Christoph Bathelt
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Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte man in allen Bereichen der Künste bemerken, wie es immer schwerer wurde, sich auf einen konsensuellen Schönheitsbegriff zu einigen. War es in den vorangegangenen Zeiten selbstverständlich, sich nicht nur an den klassischen Normen von Maß und Ästhetik zu orientieren, sondern auch handwerkliche Traditionen und fachliche (Er-)Kenntnisse der Vorgänger gründlichst zu studieren, führten die politischen Revolutionen auch zu radikalen Änderungen in der Bildenden Kunst und Architektur. Die Motive der einzelnen Proponenten waren dabei durchaus verschieden: Adolf Loos sorgte 1912 mit seinem Haus für die Firma Goldman & Salatsch am Michaelerplatz in Wien für einen Skandal. Kaiser Franz Joseph kommentierte: „Das Haus ist ganz hübsch, nur die Hofburg muß weg“, und ließ angeblich die Vorhänge schließen. Dem Haus – im Volksmund „Haus ohne Augenbrauen“ genannt – wurde aufgrund der fehlenden Ornamente „unanständige Nacktheit“ vorgeworfen, weshalb extra Blumenkästen an den Fenstern angebracht werden mußten, um die Nüchternheit zu lindern. Doch das Gebäude war und blieb bis heute ein Solitär, mit edlen Materialien und Proportionen.
Nach dem Ersten Weltkrieg war vor allem die soziale Frage ein drängendes Problem, und das „Rote Wien“ begann in der ganzen Stadt mit dem Bau von dringend benötigten Gemeindebauten. Obwohl diese schnell errichtet und vor allem für die Arbeitermassen der Millionenmetropole Wien gedacht waren, blieb dennoch genug Aufmerksamkeit für ästhetische Formen, Kleinteiligkeit und liebevolle „Kunst am Bau“. Denn damals bestand das Ziel der Sozialdemokratie nicht nur in der Bekämpfung der herrschenden Not und dem Bestreben nach materiellem Aufstieg, sondern auch in der geistigen Bildung, an die in den Elendsquartieren der Vorkriegszeit nicht zu denken gewesen war. Daher hatten diese Anlagen neben den Wohnquartieren auch Bibliotheken, Kindergärten, Waschräume und – natürlich – ein Parteibüro der sozialdemokratischen Bezirksgruppe. Dementsprechend groß war die Dankbarkeit der Klientel, und so waren diese Wohnanlagen auf Jahrzehnte stets ein Zentrum roter Wählerschaft. Die Dimensionen waren und sind grandios: Der 1930 eröffnete Karl-Marx-Hof in Wien gilt noch heute als der größte zusammenhängende Wohnbau der Welt. Ähnliche Projekte gab es in ganz Europa, vor allem im noch größeren Berlin (damals nach Los Angeles und London die größte Stadt der Welt). Hier gab es viele originelle und schöne Lösungen, wie die sogenannte Ringsiedlung Siemensstadt oder die Waldsiedlung „Onkel Toms Hütte“, die den Bewohnern Luft und Licht bieten sollte. Eine Sonderform ist der Backsteinexpressionismus, der einen Kompromiß zwischen traditionellen und dennoch widerstandsfähigen Werkstoffen, insbesondere für moderne Großbaulösungen, zu erreichen suchte. Bekannte Bauten dieses Stils sind das Chilehaus in Hamburg und das Anzeiger-Haus in Hannover.
Radikal anders ging man im faschistischen Italien vor: Hier war es der „Futurismo“, der mit neuen Formen und Konstruktionen andere Wege einschlug, auch im Hinblick auf den Einsatz neuer Technologien und Bedarfsformen, wie bei der Fiat-Tankstelle im eritreischen Asmara oder dem Palazzo della Civiltà Italiana. Letzterer wird oft als „neoklassizistisch“ bezeichnet, auch wenn es trotz seiner Rundbögen einzigartig war und bisher geblieben ist. Diese künstlerische Radikalität sollte die äußere Form des revolutionären Faschismus symbolisieren, denn die Botschaften der Gebäude hatten vor allem ein Ziel: dem System und dem „Duce“ zu huldigen. Mal offen, wie das „Siegesdenkmal“ in Bozen, mal subtil, wie der bereits erwähnte Palazzo: Die Anzahl der Rundbogenarkaden entspricht senkrecht (sechs) „Benito“ und waagerecht (neun) „Mussolini“. Technokratisch geprägt und eine Abkehr von allem Hergebrachten waren die Experimente des deutschen Bauhauses: Hier sollten einerseits neue soziale Ideen möglichst viele erreichen. Es gab Konzepte wie die sogenannte Frankfurter Küche der Wienerin Margarete Schütte-Lihotzky, die im Innern selbst kleiner Wohneinheiten für Qualität sorgte, die Stuttgarter Weißenhofsiedlung oder das „Neue Frankfurt“ Ernst Mays. Eine ähnliche Strömung außerhalb Deutschlands war „De Stijl“ in den Niederlanden.
Durch die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre und die damit einhergehende Not wurden dann viele Siedlungsprojekte sehr populär, in denen Familien die Möglichkeit geboten wurde, auch Kleintiere zu halten und etwas Grünzeug zu pflanzen. Nachdem die sozialistischen „Arbeiterburgen“ von Konservativen immer schon beargwöhnt wurden – im österreichischen Bürgerkrieg 1934 sogar schwer umkämpft und von Artillerie und Kampfflugzeugen beschossen –, entsprachen die kleineren Siedlungstypen eher einem bäuerlichen Ideal und wurden darum auch von den Nationalsozialisten weiter fortgeführt. Hierbei wählte man meist einen Stil, der Bezug nahm auf lokale Bauformen und Traditionen, wie den bereits vor dem Ersten Weltkrieg beliebten „Heimatschutzstil“. Gleichzeitig begann man historische Innenstädte von überbevölkerten Hinterhöfen zu „entrümpeln“ – auch das Wort stammt aus dieser Zeit – und die Straßenfassaden zu restaurieren. Bekannteste Beispiele sind hier Frankfurt am Main und die „Deutsche Siedlungsstadt“ Braunschweig mit dem 1938 geschaffenen „Besenmännchen“. Bei dem, was heute gemeinhin als „Nazistil“ bezeichnet wird, handelt es sich zumeist um einen Neoklassizismus, der vor allem für repräsentative Staats- und Verwaltungsbauten gedacht war und nach den Worten der NS-(Innen-)Architektin Gerdy Troost „Worte aus Stein“ bildet, während die modernistischen Kuben als „Gestotter“ bezeichnet wurden. Nur Unkundige verorten ihn allerdings ausschließlich in Deutschland: Der Blick nach Frankreich (Palais de Chaillot in Paris, 1937), in die USA (Golden Gate Bridge in San Francisco, 1933, Pentagon, 1941) oder nach Belgien (Heysel-Plateau in Brüssel, 1935) beweist dagegen die internationale Beliebtheit dieser Richtung.
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Der Zweite Weltkrieg änderte dann alles: Nach den katastrophalen Zerstörungen des Kontinents war die Not an Wohnraum besonders groß. Aber es schlug auch die Stunde der „Stadtplaner“: Während bereits Hitlers Architekten im „Arbeitsstab Dr. Wolters“ Pläne entwickelten, die zerbombten Städte Deutschlands aus ihrer historischen Enge zu „befreien“ und autogerechte Straßen zu planen, schlug nun die Stunde der Männer aus der zweiten Reihe. Oft waren es die Mitarbeiter ebenjener Gefolgsleute, die ihre Pläne aus den Schubladen zogen und endlich „aufräumen“ konnten, wie Rudolf Hillebrecht in Hannover oder Hans Bernhard Reichow für Wolfsburg, Bielefeld und Limesstadt bei Frankfurt. Auch der bereits erwähnte Ernst May aus Frankfurt wurde wiederentdeckt und konnte sein Konzept der „Trabantenstädte“ nun ausleben und industrialisiert zum Massenphänomen entwickeln. Aus einem natürlichen Miteinander der Siedlungsformen sollte eine technokratisch erdachte Philosophie das Gegenteil suchen: Alles sollte getrennt werden, hier eine Wohnsiedlung, dort ein Industriegebiet, woanders ein Gewerbegebiet. Glück im Unglück hatte die schwerstzerstörte Stadt Mainz – der bisherige Faschistenfreund Le Corbusier, der sich rechtzeitig auf die andere Seite gerettet hatte, kam nicht zum Zug, auch nicht sein Mitarbeiter Marcel Lods, der für die französische Besatzungsmacht einen katastrophalen Plan erarbeitet hatte: Die zu 80 % kriegszerstörte Rheinmetropole hätte bis auf wenige Bauten wie den Dom abgeräumt, durch gleichförmige Wohnplatten ersetzt werden und eine beispielhafte „grüne Stadt“ bilden sollen. Doch auch wenn dieser Plan nicht durchgesetzt wurde, steht er doch symptomatisch für den damaligen Zeitgeist.
Der Urheber dieser Ideen, der Schweizer Le Corbusier – eigentlich Charles-Édouard Jeanneret-Gris –, der sich in den 1930er Jahren bei Mussolini um den Großauftrag zur Planung von Addis Abeba bemühte, galt lange als Ikone des neuen, sterilen Bauens. Mittlerweile ist dieses Klischee dem Bild des inhumanen Technokraten gewichen, dem nicht wenige sogar Autismus zuschreiben. Hans Kohlhoff, selbst renommierter Architekt und Professor für Architektur an der ETH Zürich, schreibt über ihn: „[…] seinen rigorosen städtebaulichen Großprojekten ist ein totalitärer Charakter nicht abzusprechen“. Das Vichy-Regime ernannte ihn zum Verantwortlichen für Städtebau in den zerstörten Gebieten Frankreichs. Wesentlich für ihn ist sein Konzept der „Unité d’Habitation“, das von Marseille ausgehend ab 1952 umgesetzt wurde. Auf Deutsch passend „Wohnmaschinen“ genannt, sollten diese Behausungen „unabhängig von lokalen Gegebenheiten realisiert werden“ und ein „Bauen ohne Konzessionen an den jeweiligen Kontext“ manifestieren. Diese egozentrische Denkweise steht ebenso wie das Flachdach symptomatisch für Le Corbusier und die meisten modernen Planer seiner Schule und hat tatsächlich etwas Autistisches.
Leider gestattet es der begrenzte Platz nicht, hier auf die Entwicklung der 1950er, 1960er und 1970er Jahre einzugehen, die durch Abrißwut, die Verwendung immer minderwertigerer Materialien – billiger Zement, giftiger Asbest etc. –, serielle Betonplatten und immer weniger kreative Schablonen gekennzeichnet ist (Ausnahmen bestätigen – wie so oft – die Regel). Diese Bauten sind heute oft nicht mehr rentabel, ihre Sanierung verschlingt Unsummen, und ihr Abriß geht mit enormen Entsorgungskosten für Sondermüll einher. Stichworte wie „Waschbeton“, „Gropiusstadt“ oder „Köln-Kalk“ rufen bei Kennern nur noch trauriges Nicken hervor. Wiener kennen als Beispiele die „Peer-Albin-Hansson-Siedlung“ und „Am Schöpfwerk“. Ein Warnruf setzte 1964 mit dem Buch „Die gemordete Stadt“ des Publizisten Wolf Jobst Siedler ein, das sich gegen Großwohnanlagen und die Zubetonierung der modernen Städte richtete. Doch wie soll es nun, im Jahr 2021, weitergehen? Die sogenannten Modernisten treten seit Jahren auf der Stelle. Zwar gibt es alle paar Jahre durch Medien gefeierte Großprojekte wie die Gasometer-City, meistens sind es aber eher die Pleiten und Pannen bei gescheiterten Großprojekten, welche die Krise der heutigen Architektur verdeutlichen. Die heimlichen Sieger sind die stillen Projekte, die in der Presse und von den „Fachgremien“ ignoriert werden, die sich aber durch Qualität und vor allem die Nachfrage zukünftiger Bewohner auszeichnen.
Vor allem soll an dieser Stelle mit zwei immer gern wiederholten Vorurteilen aufgeräumt werden: Angeblich seien klassische Gebäude nicht mehr finanzierbar, und außerdem sei der Zeitgeschmack ein anderer. Die Technische Universität Chemnitz kam 2010 allerdings zu einem anderen Ergebnis. In der Studie „Zur monetären Bedeutung der Ästhetik von Immobilien und der Ästhetik im Städtebau“ wurde das Bedürfnis nach Schönheit und Wohnkomfort eindeutig nachgewiesen: „Es existiert ein Bedürfnis nach Stil, das prinzipiell unabhängig von Einkommen, Alter, Bildungsgrad oder Geschlecht ist. Dieses Bedürfnis ist offenbar einfach menschlich“, so die Studie. Und was beliebt ist, verkauft sich auch gut! Statt Menschen also in minimalste Hasenställe zu sperren und einem totalitären Weltbild zu huldigen, sollte wieder eine Wertschätzung der Anwohner erfolgen. „Menschen unterscheiden sich also weniger in ihrem Bedürfnis nach Stil, als in ihren Möglichkeiten oder ihrer Bereitschaft, für Stil zu bezahlen“, um noch einmal die Chemnitzer Studie zu zitieren. Der erst kürzlich verstorbene Philosoph und britische Regierungsberater Sir Roger Scruton formulierte es im Jahr 2000 in seinem Buch „Avantgarde und Kitsch“ so: „Die erste Folge des Modernismus war, Hochkultur so schwierig zu machen: Die Schönheit der Umgebung durch eine Mauer von Gelehrsamkeit zuzubauen.“
Es lassen sich daher zwei Trends ausmachen: das Bedürfnis des Wiedererschaffens historisch stadtprägender Gebäude und Plätze sowie das Gestalten von Neubauten im Einklang mit lokalen Bauformen und Traditionen.
Nach dem Krieg galt der ortsbilderhaltende Wiederaufbau noch als einigermaßen selbstverständlich, wofür z.B. München, Nürnberg oder Freudenstadt stehen. Doch schon bald geriet dieses Bestreben in Verruf und galt dann lange Zeit als „rückwärtsgewandt“. Seit Beginn der 1980er Jahre allerdings gelang mit dem Wiederentstehen von „Leuchtturmprojekten“ wie dem Frankfurter Römerberg (1981–1984) und dem Hildesheimer Knochenhaueramtshaus (1986–1989) eine Besinnung auf alte Handwerkstraditionen und die Bedeutung des Mehrwerts von urbanem Lebensgefühl, von der nicht zuletzt der Tourismus profitiert. Dabei handelt es sich nicht nur um einen optischen Zugewinn für die jeweiligen Städte, sondern es geht um mehr: Jedes erfolgreich fertiggestellte Bauwerk führt zu neuem Erkenntnisgewinn bezüglich vergessen geglaubter alter Bautechniken, Werkkunde und stadthistorischen Wissens. Steinmetze, Zimmerleute oder Parkettleger haben die Auftragsbücher gefüllt, und Reiseunternehmer jubeln. „Kunstkritiker“ wie der berüchtigte Stuttgarter Theoretiker Stephan Trüby werden von der Öffentlichkeit nur noch am Rande wahrgenommen, ja sogar ausgelacht. Höhepunkte dieser Entwicklung waren bisher die Wiederherstellung der Dresdner Frauenkirche 2005, der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses (2020/21) und vor allem die Frankfurter Altstadt, die seit 2018 mit zehn rekonstruierten und 20 kleinteilig geplanten Gebäuden die Betonschande des Technischen Rathauses ersetzt und für einen Besucherrekord sorgte.
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Der zweite, viel wichtigere Trend ist die immer größer werdende Zahl an Neubauten, die keine konkreten Vorbilder haben, aber dennoch in einem regionalen und kulturellen Bezug zu ihrer Umgebung stehen. Diese neuen Projekte werden von Bewohnern und Passanten geliebt, und Trübys Querschüsse und Warnungen vor „rechten Umtrieben“ verhallen zum Glück ungehört. Zu den Altmeistern dieser Baukunst ist der Luxemburger Léon Krier (geboren 1946) zu rechnen. Der Klassizismus gehört für ihn zu den zeitlosesten Stilen, und nicht nur durch seine theoretischen Schriften zu Stadtplanung und Städtebau wurde er weltweit bekannt – auch seine treffenden Karikaturen machen die Verrücktheiten moderner Planer deutlich. Aus diesem Grund wurde er Berater des britischen Thronfolgers Prinz Charles für dessen Modellstadt Poundbury. In diesem Dorf in Dorset soll eine Siedlung mit nachhaltigen Grundsätzen verwirklicht werden. Hier steht vor allem der Mensch im Zentrum, an dem sich Bauvolumina sowie Höhen orientieren. Damit ist Krier natürlich auch ein Gegner von Landschaftszersiedlung und Hochhäusern und befürwortet polyzentrische Siedlungsmodelle – interessanterweise gerade erst von der grünen Stadtverwaltung von Paris als Politikziel ausgegeben, und auch in Wien soll es derzeit gerüchteweise als „neue“ Idee propagiert werden. Der menschliche Maßstab, so Krier, entspreche nicht dem maschinellen, gelte sowohl horizontal wie vertikal und bestehe aus autarken Mischnutzungsvierteln von höchstens 33 Hektar. Diese seien in zehn bis 15 Minuten zu Fuß zu durchqueren; Gebäude sollten in der Höhe auf drei bis fünf Stockwerke oder 100 Stufen begrenzt und von Boulevards oder Parks umgeben sein. Städte wachsen dann durch die Vermehrung unabhängiger Stadtviertel, nicht durch horizontale oder vertikale Überdehnung vorhandener Stadtkerne. Krier war einer der lautstärksten Wortführer gegen die „Brüsselisierung“ – die katastrophale Zerstörung alter Stadtviertel zugunsten von Verwaltungs- und Machtpalästen aus Glas und Stahl, die sich besonders in der EU-Hauptstadt Brüssel manifestierte, und befürwortet Rekonstruktionen. Kritiker werfen ihm vor, er fördere „Architektur ohne eigenen Stil“, gerade weil er persönliche Eitelkeiten zurückstellt und sich an den lokalen Bautraditionen und Eigenheiten orientiert.
In Deutschland sind die bekanntesten Vertreter dieses neuen Bauens die Planer vom Büro Patzschke & Partner Architekten. Während im Jahre 1968 noch überall in Westeuropa alte Gebäude demoliert oder entstuckt wurden, gründeten die Zwillingsbrüder Jürgen und Rüdiger Patzschke ihre Firma. Auch wenn sie vor allem Wohn- und Geschäftshäuser bauen, wurden sie der Öffentlichkeit spätestens durch den Neubau des Luxushotels Adlon in Berlin 1997 bekannt. Die sogenannte Fachpresse und die Kollegenschaft tobten: Das Gebäude sei retrospektiv, reaktionär, kitschig. Der schlimmste Vorwurf lautete: „Der Bau tut so, als sei er immer schon dagewesen.“ Fünf Jahre lang, so die Architekten, hätten sie wegen des Adlon keinen deutschen Auftrag bekommen. Erst allmählich entstanden immer mehr Patzschke-Bauten in der deutschen Hauptstadt, und die törichte Aussage, „als seien sie schon immer dagewesen“ stellt sich nun als Auszeichnung für ihre nachhaltige Qualität heraus. Mittlerweile in der zweiten Generation steht der Name Patzschke für Anspruch, Eleganz und Schönheit jenseits von Modewellen und Trends. Die Planer bekennen sich bewußt zu architektonischen Traditionen und deren angemessener Adaption an heutige Ansprüche und Erfordernisse. Daß sie dabei stets an die Stadt als Ganzes denken, sieht man daran, daß sie als Mitbegründer des Council of European Urbanism (Rat für Europäischen Urbanismus) sowie dem International Network for Traditional Building, Architecture & Urbanism eng mit anderen europäischen Stadtplanern zusammenarbeiten. Patzschke-Gebäude stehen mittlerweile in 15 Ländern der Welt, sogar in Indien wurde ein Büro eröffnet. Der ehemalige Berliner Kultursenator Prof. Dr. Christoph Stölzl meinte: „Wir leben besser und schöner in Städten, seitdem Patzschkes ihre Fackel aufgesteckt haben.“
Ein Vertreter der jüngeren Generation ist der Mainzer Sebastian Treese (Jahrgang 1977). Er ist heuer der erste deutsche Preisträger des Driehaus-Architektur-Preises für Neuen Urbanismus. Der Preis mit dem vollen Namen „The Richard H. Driehaus Prize at the University of Notre Dame“ soll bewußt ein Gegenstück zum modernistischen Pritzkerpreis sein; er existiert seit 2003 und hatte als ersten Laureaten – wie könnte es anders sein – Léon Krier. Das Portfolio Treeses reicht von Villen und Stadthäusern zu großen Apartmenthäusern, die ideal auch in historisch gewachsene Großstädte wie Düsseldorf, Hamburg oder Berlin passen – mit Naturstein, Kleinteiligkeit und viel Geschmack entstehen ganze Straßenzüge neu.
Nachdem Frankfurt in den 1920er Jahren der Motor für technokratisches und nüchternes Bauen war, könnte es nun die Avantgarde bilden, die kalten Innenstädte wieder mit ästhetischer Architektur zu beleben und zur ursprünglichen Idee unserer Städte, die aus dem Miteinander von Leben, Arbeiten und Flanieren bestand, zurückzukehren. Hier ist es vor allem der Architekt Prof. Christoph Mäckler mit dem von ihm gegründeten Institut für Stadtbildkunst, von dem viele wichtige Impulse ausgehen und dessen Ideen auch im Ausland mit großen Interesse beobachtet werden. Veränderungen, die keine Verbesserungen sind, gelten bei ihm als Verschlechterung. Er scheut sich nicht davor, zu fordern, daß Architektur „schön“ sein solle.
Lustigerweise verwenden Kritiker gern Ausdrücke, die ihnen bei eigenen Projekten fehlen: So wurde unlängst bei einem vierstöckigen Haus von Igor Brncic in München bemängelt, eine geplante historisierende Fassade sei nicht nur „unpassend“, sondern würde zudem nicht mit der Glasfassade eines Kinos „harmonieren“, und die „massive Höhenentwicklung“ berge Risiken. Während die Stadt Wien wie so oft moderne Trends verschläft und nach wie vor dem Schuhkartonprinzip huldigt oder sich von windigen Geschäftemachern vorführen läßt, gibt es andernorts positive Beispiele: In Luxemburg, Polen, Lettland, Ungarn, sogar in Rußland und Brasilien sorgt man dafür, daß gewachsene Stadtbilder nicht durch kalte und menschenfeindliche Materialien zerstört werden. Das gilt es zu dokumentieren und zu verbreiten, um die Bevölkerung mit positiven Ideen zu überzeugen und ein Umdenken möglich zu machen.
Der Begleittext zum abgebildeten Beispiel der Firma Colum Mulhern Architecture Traditionnelle (Fertigstellung 2021) bringt es auf den Punkt: „Das Ziel der neuen klassischen Bewegung ist weder ein Einfrieren der Zeit noch eine Option für den architektonischen Stil. Ziel ist es vielmehr, die gesamte Architektur im Sinne der Architekturphilosophie wieder klassisch zu machen. Man kann ältere Stile wiederverwenden oder neue erstellen, aber von diesem überlegenen Rahmen aus. Dieses neue Mischnutzungsprojekt in Luxemburg ist das Musterbeispiel eines zukünftigen kontinentaleuropäischen Gebäudetyps. Der Maßstab, die Aufteilung der Fassade und der Grad der Dekoration bieten einen einfachen, aber sehr ästhetischen und funktionalen Neuzugang. Durch das Ändern von Farben, Fenstern oder das Hinzufügen von Ornamenten kann es sich mit tausenden von Variationen in den mittelgroßen Städten Europas ausbreiten und trotzdem ein individuelleres Aussehen bieten.“
Kritik kommt meistens nur von etablierten Klüngel-Architekten, ortsbekannten Immobilienspekulanten, die selbst in Innenstädten nicht vor Hochhäusern zurückschrecken, und ihren Claqueuren, die es sich in den Redaktionsstuben bequemgemacht haben. Die Bevölkerung und die Tourismusexperten sehen es naturgemäß anders. Schließen wir mit den Worten des großen Karl Friedrich Schinkel (1781–1841): „Es gibt auch eine Rückwirkung der schönen Kunst auf die Moral; die Freiheit der Empfindung überhaupt, durch bestimmte Bilder dargestellt im Felde des rein Schönen, schließt alles Egoistische aus; das Bestreben des Künstlers ist, daß alle einen Genuß am Höchsten mitempfinden sollen.“