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Die „ewige Linke“ (Ernst Nolte) betritt zurzeit mit ihren lautstarken Akteuren ebenso machtbewußt wie schrill in einem neuen Kostüm, aber mit dem alten Körper die Bühne westlicher Demokratien. Sie hat ihre verbrauchte und nur noch lächerlich wirkende Verkleidung der politischen Korrektheit, mit der sie die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten umerzieherisch traktiert hatte, etwas in den Hintergrund treten lassen. Nunmehr spreizt sie sich der verblüfften Öffentlichkeit auf dem Laufsteg der Mainstreammedien unter dem Modeetikett der Cancel culture. Cancel culture hätte eigentlich das Wort des Jahres 2020 werden können, worauf der Mainzer Historiker Andreas Rödder zu Recht hinweist, wäre nicht die „Corona-Pandemie“ dazwischengekommen. Aber auch ohne diesen semantischen Spitzenplatz ist das Label nicht nur in aller Munde, es prägt inzwischen in befremdlicher Form die kulturellen Debatten, soweit diese überhaupt noch stattfinden können. Denn: Im linksideologischen Kampf der Cancel culture um – angeblich – mehr Gleichheit für alle und gegen Diskriminierung werden uneinsichtige Bürger äußerst ungleich behandelt und aus der Diskussion, dem „herrschaftsfreien Diskurs“ (Jürgen Habermas), rigoros ausgegrenzt. Was nicht mehr gesagt werden darf, kann man z.B. einer „Stellungnahme der Forschungsstelle für Interkulturelle Studien“ der Universität Köln vom August 2020 entnehmen. Wer das Kopftuch als ein „Zeichen der Unterdrückung“ bezeichnet oder gar behauptet, der Islam gehöre in einem normativen Sinne „nicht zu Deutschland“, mache sich „menschenverachtender und -feindlicher Äußerungen“ schuldig. Und „Schuldige“, die auch in Straßennamen, NS- und Kolonialvergangenheiten sowie bei alten, weißen Männern zu finden sind, werden – diskriminierend – entlarvt und angeprangert. Also das bekannte linke Kulturkampfmuster im neuen Gewand.
Mit Dr. Marc Jongen sprach Bernd Kallina
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Cancel culture (CC) heißt die neue linksideologische Kulturkampfstrategie, deren Akteure eine unerwünschte Kommunikation als moralisch oder politisch unzulässig zu unterbinden trachten. Ihre zurzeit zu beobachtenden Auswirkungen scheinen das ältere Ärgernis der politischen Korrektheit (PC) noch zu übertreffen. Wie konnte es zu dieser Steigerung kommen?
Cancel culture, übersetzt Streich- oder Abbruchkultur, ist die aggressiv gewordene politische Korrektheit; Hypermoralismus in Aktion sozusagen. Betroffen sind häufig Prominente, die mit diesen Maßnahmen öffentlich geächtet und deren Karrieren zerstört werden. Cancel culture spielt sich aber auch im virtuellen Raum ab, wenn etwa Plattformen wie Facebook oder Twitter entscheiden, Nutzer, die sich unbotmäßig gegenüber der hegemonialen Ideologie verhalten haben, den digitalen Tod sterben zu lassen. Es ist hier tatsächlich eine Steigerungsspirale der Maßnahmen zu konstatieren, die sich immer schneller dreht und an die paranoide Dynamik des jakobinischen Terrors oder der stalinistischen Schauprozesse erinnert, auch wenn man die Opfer heute auf subtilere, unblutige Weise erledigt. Wir assistieren dem Amoklauf eines historisch lange aufgestauten Ressentiments von „Erniedrigten und Beleidigten“ und, mehr noch, des Narzissmus deren selbsternannter Erben und Sachwalter unter den „Privilegierten“. Zu erwarten ist, daß auch diese Revolution ihre Kinder fressen und daß sie an den ihr innewohnenden Widersprüchen zugrunde gehen wird. Bis dahin wird sie allerdings noch schlimme Verheerungen kultureller und psychosozialer Art anrichten.
Die freiheitsfeindlichen Einflußfaktoren in Form von PC plus CC kommen zeitverzögert aus den USA. Was sagt das über deren deutsche und europäische Unterstützer aus, wie erklären Sie sich diese Form von transatlantischer Nachahmung und linker Gefolgschaftsbereitschaft?
Dieser Befund ist nur die halbe Wahrheit, tatsächlich haben wir es mit einem Reimport europäischer Impulse zu tun. Die Radikalisierung der postkolonialen und auch der identitätspolitischen Theoriebildung – und hier hat ja die Cancel culture ihren Ursprung – hat in der Tat in den USA stattgefunden. Diese Theoriebildung ist aber ohne die Arbeiten französischer Philosophen wie Jacques Derrida, Michel Foucault und anderer „postmoderner“ Theoretiker nicht denkbar. Als Ende der 1960er Jahre viele linke Aktivisten zu dem Ergebnis kamen, daß eine Veränderung der US-Gesellschaft am effektivsten mit kulturrevolutionären Mitteln zu erreichen sei, so war auch das ein von dem italienischen Kommunisten Antonio Gramsci geborgter Gedanke. Daß man in Europa die in den USA erfolgreichen Strategien kopiert, ist vor diesem Hintergrund nicht schwer nachvollziehbar und zeigt im übrigen, daß Amerika nicht nur im Bereich der Massenkultur, sondern auch im Bereich der „hochkulturellen“ Culture wars die führende Exportnation in der globalisierten Welt ist.
„Der rationale Dialog mündiger Bürger“, so lautete einst das hehre Ziel demokratischer Kommunikation in der alten Bundesrepublik Deutschland, sozusagen als Reaktion auf die – auch – sprachtotalitären deutschen Vergangenheiten von NS-Ära und DDR-Realität. Doch diese aufgeklärte Phase relativ freier Rede ist längst vorbei. Welche Rolle spielte bei dieser Negativspirale die ’68er-Revolte mit ihrem „Marsch durch die Institutionen“?
Unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs und dessen Greuel haben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ die Theorie vertreten, daß der Prozeß der Aufklärung in sein Gegenteil umgeschlagen sei und für all die Unterdrückung der Freiheit, die zu eliminieren er angetreten war, mittlerweile selbst verantwortlich zeichne. Was in bezug auf die historische Epoche der Aufklärung wohl eine allzu steile These darstellt, das hat sich – ironischerweise – mit Blick auf die selbsternannten Erben der Aufklärung, die ’68er-Generation, als durchaus zutreffend erwiesen. In einer selbsterfüllenden Prophezeiung haben die Gründer der Frankfurter Schule ihre eigene Wirkung auf den Geist der Bundesrepublik kryptisch vorweggenommen. Nach dem erfolgreichen „Marsch durch die Institutionen“ ist offenkundig geworden, daß den „emanzipatorischen Errungenschaften“ der ’68er-Bewegung ganz unmittelbar ein Schatten innewohnt, der für die fundamentalen gesellschaftlichen Erosionsprozesse seit den frühen 1970er Jahren verantwortlich ist. Er zeigte sich in aller Deutlichkeit schon ganz zu Anfang der Bewegung, als auf Demonstrationen Plakate von Staatsverbrechern wie Lenin oder Mao Zedong mitgetragen wurden. Diesen totalitären Geist hat Jürgen Habermas schon früh und sehr treffend als Linksfaschismus bezeichnet. Der „rationale Dialog mündiger Bürger“, den Sie erwähnen, der von Habermas propagierte „zwanglose Zwang des besseren Arguments“, hat – bei allen ehrenwerten Aspekten dieses Ideals – in der Praxis übrigens nie wirklich funktioniert. Zu wenig ernst war es seinen Propagandisten, allen voran Habermas selbst, mit der rationalen Prüfung wirklich aller Argumente, zu sehr haben auch sie ausgegrenzt, diffamiert und mit schmutzigen Methoden gearbeitet, exemplarisch zu sehen an der akademischen Vernichtung Ernst Noltes im sogenannten Historikerstreit. Zumindest ein Gutes hat es vielleicht, wenn die neuen Jakobiner jetzt die Maske fallen lassen und zur offenen Repression des Gegners übergehen: Der politische Gegensatz in diesem Kulturkampf liegt jetzt in seiner ganzen schmittschen Schärfe offen zutage, die Zeit der Vernebelung der Verhältnisse in postpolitischer Pseudorationalität hat ein Ende.
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„Gendersprache ist ästhetisch häßlich und sachlich falsch“
Als jüngster Umerziehungsversuch haben wir es mit dem sogenannten Gendern zu tun. Da findet – jenseits jeglichen Verständnisses in der breiten Masse der normalen Bevölkerung – eine erzwungene Diskussion darüber statt, ob man sich nun mit den Formulierungen „Liebe Leser“, „Liebe Leserinnen und Leser“, „Liebe Leser*innen“ oder „Liebe Leser_innen“ sprachlich ausdrücken soll. Wie wirkt das auf Sie?
Absurd und abstoßend. Natürlich verändert sich Sprache im Laufe der Zeit, aber sie verändert sich langsam und organisch. Im Falle des Genderns will eine kleine Gruppe von Ideologen der großen Mehrheit neue Sprachregeln top-down aufdrücken. Dabei lehnen zwei Drittel der Deutschen die Gendersprache ab, wie eine Umfrage der Tageszeitung „Die Welt“ kürzlich ergeben hat. Und das völlig zu Recht, denn die Gendersprache ist ästhetisch häßlich, sie ist sachlich falsch – Studenten sind eben keine „Studierenden“, Schläfer keine „Schlafenden“ usw. – und führt künstlich Trennungen ein, wo früher eine Einheit stand: „Die Briten“ sind etwas anderes als „Britinnen und Briten“ oder gar „die Brit_innen“. Diese gezielte Veränderung des Bewußtseins durch Sprache, inklusive Sanktionen für alle, die sich nicht fügen, kennen wir von totalitären Regimen, sie widerspricht diametral der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.
Nicht nur die als „binär“ verteufelte Geschlechterordnung soll aber dekonstruiert werden, sondern auch Familie, Volk, Nation und Kultur. Sie alle werden als unterdrückerische, gesellschaftliche „Konstrukte“ gebrandmarkt, mit dem Ziel, sie um einer obskuren „Emanzipation“ willen zu beseitigen. Der Genderismus und die Gendersprache sind also Teil eines Generalangriffs nicht nur auf unsere kulturellen Grundlagen, sondern auch auf die menschliche Natur, auf der diese beruhen. Gegen Kritik hat sich die Genderideologie vollständig immunisiert und spricht damit allen Kriterien seriöser Wissenschaft Hohn. Nur als offensichtliche Lüge in Permanenz und dank massiver staatlicher Förderung kann sie sich an der Macht halten.
Nicht der Besitz von Produktionsmitteln im Sinne der Güterproduktion, sondern deren Verfügung in bezug auf die Sinnproduktion und die Bewußtseins- und Normenbeherrschung einer Bevölkerung macht heute die Fronten der Klassenherrschaft aus. So der Soziologe Helmut Schelsky schon vor Jahrzehnten. Damit knüpfte er an die Sichtweisen zur politischen Bedeutung „kultureller Hegemonie“ im Sinne des italienischen Marxisten Antonio Gramsci an. Diese realistischen Lageanalysen über Abläufe moderner Kulturkämpfe haben allerdings konservativen Kräften bislang kaum geholfen, denn: Nach wie vor überwiegt eine gesellschaftlich-politische Deutungsherrschaft von links. Was muß anders werden?
Diese Lageanalysen wurden ja auf konservativer Seite gar nicht angestellt, von sehr kleinen, theorieaffinen neurechten Kreisen einmal abgesehen. Die sogenannten bürgerlichen Parteien haben diesbezüglich vollständig versagt, sie haben sich jahrzehntelang auf die träge Masse ihrer bisherigen Stammwähler verlassen und deren kontinuierliches Schrumpfen in Kauf genommen, solange sie in wechselnden Koalitionen, zunehmend in „großen“, also linkslastigen, weiter die Regierung stellen konnten. Mit dem Resultat, daß die Linksverschiebung von CDU, CSU und FDP heute ein wahrscheinlich unumkehrbares Ausmaß erreicht hat.
Und was folgt daraus?
Was not tut, ist eine Repolitisierung des bürgerlichen Lagers, im Zuge derer auch die traditionelle bürgerliche Theorieverachtung und Denkfaulheit überwunden werden muß. Nur, wer sich theoretisch Rechenschaft darüber ablegen kann, was im Land und in der Welt schiefläuft, und vor allem darüber, wohin er selbst will, kann in der Politik langfristig Erfolg haben. Das hat der durchschlagende Erfolg der politischen Linken eindrücklich gezeigt. Die gute Nachricht ist, daß dieser Aufwachprozeß auf bürgerlicher, besser: konservativer Seite endlich begonnen hat, und zwar mit Gründung und Aufstieg der AfD. Unsere doch beachtlichen Erfolge an der Wahlurne wie in den sozialen Medien geben Hoffnung, daß die linke politmediale Kulturhegemonie sukzessive aufgebrochen werden kann.
„Angebliche Menschenliebe steigert sich zum aggressiven Selbsthaß“
Ziel linker Identitätspolitik ist einerseits vor allem z.B. ein Kampf gegen Rassismus, d.h. die weltweite Aufhebung gruppenbezogener Benachteiligungspolitik. Andererseits ist – primär in Deutschland – ein „Rassismus nach innen“ mit einer Fülle von deutschfeindlichen Äußerungen auffällig: Erinnert sei hier an linke Jugendliche, die auf schwarz-rot-goldene Fahnen urinierten, oder an eine grüne Bundestagsvizepräsidentin, die mehrfach durch antideutsche Parolen auffiel – bis hin zu aktuellen Bestrebungen, aus dem grünen Wahlprogramm das Wort „Deutschland“ zu streichen. Wie widersprüchlich ist die linke Antirassismuskampagne?
Sie ist vollkommen widersprüchlich, auch wenn es die linken Ideologen fertigbringen, das Offenkundige zu leugnen. So exemplarisch die „Spiegel“-Kolumnistin Margarete Stokowski. Diskriminierung, so stellte sie fest, sei „eine Erfahrung, die Weiße und Männer als solche in dieser Welt nicht machen“ könnten. Und zwar deshalb, weil Weiße und Männer „standardmäßig“ die Macht in der Gesellschaft innehätten. Diese verquere Logik zeigt, wie sehr sich der Rassismusdiskurs von aller Empirie losgekoppelt hat und sich in Dogmen bewegt, die – bei Licht besehen – ihrerseits einen eklatant rassistischen Charakter haben. Der Schatten der angeblichen Menschenliebe, die die Antirassisten zur Schau stellen, ist ein glühendes Ressentiment, das sich nicht selten zum aggressiven Haß bzw. Selbsthaß steigert. Die antideutschen Ausfälle, die Sie genannt haben, sind anschauliche Beispiele dafür. Gegenmittel gegen den Rassismuswahn bleibt das beharrliche Verweisen auf empirische Evidenzen und auf die Regeln der Vernunft. Auch dieser Wahn wird am Ende dem Licht der Wahrheit weichen müssen.
„Biodeutsche“ Akteure von links bekommen inzwischen auch migrantische Schützenhilfe beim manipulativen „NS-Schuldkampagnenmanagement“. So griffen unlängst z.B. die beiden in Berlin lebenden Künstler Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah eine Berliner Buchhandlung an, „um alle Deutschen zu treffen“, wie die „FAZ“ Anfang März berichtete. Sie schlugen vor, von den in Deutschland geborenen Deutschen zukünftig als „Menschen mit Nazihintergrund“ zu sprechen.
Aus der Episode kann man ersehen, daß erniedrigendes Verhalten und Verachtung sich selbst gegenüber zu einer ebensolchen Behandlung durch andere geradezu einladen. Wer sich wie ein getretener Hund verhält, der wird früher oder später auch getreten. Den migrantischen Deutschlandverächtern ist dabei der geringste Vorwurf zu machen, schuld ist der deutsche Ethnomasochismus, der letztlich auch nichts anderes verdient hat. Man mag sich allerdings nicht vorstellen, welches gesellschaftliche Klima in 20 Jahren in Deutschland herrschen wird, wenn die systematische Heranzüchtung einer antideutschen Mentalität bei Einwanderern wie bisher weitergeht. Auch hier liegt aber das Antidot nahe am Gift: Wenn sich die Deutschen vom Nationalstolz mancher Einwanderer auch nur ein Scheibchen abschneiden, dann wird das zu ihrer Genesung wesentlich beitragen.
War es jahrzehntelang in erster Linie die erwähnte NS-Dauervergangenheitsbewältigung, die Deutschland geschichtspolitisch dominierte, ist im CC-Zeitalter – jetzt zusätzlich – unsere marginale Kolonialvergangenheit an der Reihe. Eine rein selektive Geschichtsrückschau auf negative Ereignisse dieser Zeit soll einen emanzipatorischen Fortschritt herbeiführen. Worauf läuft das in Wirklichkeit hinaus?
Auf die Abschaffung Deutschlands als Nation und Kultur. Dieser doppelte Boden macht diesen neuen Schulddiskurs mit seiner moralinsauren Außenseite derart toxisch. Die Diskussion um die deutsche Kolonialvergangenheit ist ja im Kontext der postkolonialistischen Debatte zu sehen, die das Weißsein an sich an den Pranger stellt. Es schwappt hier ein internationaler Schulddiskurs ins schulderprobte Deutschland herein, der sich anschickt, die hiesige NS-bezogene „Vergangenheitsbewältigung“ in einem größeren Schuldzusammenhang „aufzuheben“. Damit kratzt er, nebenbei bemerkt, inzwischen auch ganz offiziell am deutschen Unvergleichbarkeitsdogma in bezug auf die NS-Verbrechen. Zur Beurteilung dieses aus den „postkolonialen Studien“ hervorgegangenen „Dekolonialismus“ verweise ich auf ein Manifest, das 80 renommierte Intellektuelle im französischen Nachrichtenmagazin „Le Point“ veröffentlicht haben, darunter Alain Finkielkraut, Élisabeth Badinter und Jacques Le Goff. Sie attestieren den dekolonialen Antirassisten, die Prinzipien von Meinungsfreiheit und Universalität zu unterminieren. Sie beuteten „unaufhörlich Schuldgefühle der einen aus“ und heizten „das Ressentiment der anderen an“; sie schürten „interethnischen Haß und Spaltungen“. Finkielkraut nannte den Antirassismus den Kommunismus des 21. Jahrhunderts – dem ist nichts hinzuzufügen.
In einer Deutschlandfunksendung vom 30. Juli 2015 äußerte sich der renommierte Philosoph Peter Sloterdijk in höchst unkorrekter Form zur Migrationsfrage. O-Ton: „Daß eine allzu attraktive Nation ein Abwehrsystem aufzurichten habe, zu dessen Konstruktion eine wohltemperierte Grausamkeit vonnöten sei.“ Herr Jongen, Sie waren in Karlsruhe an der Kunsthochschule sein Assistent. Warum hat ihn dieses Statement, das ja nichts anderes als „robuste Abwehr an der Grenze“ bedeutete, nicht den Kopf gekostet? Anders gefragt: Hat ihn seine feste Verankerung im linken Establishment gerettet?
Es gab ja einige solcher Statements von ihm in den letzten Jahren. Aber der öffentliche Gegenwind hat dann regelmäßig zu drei Schritten zurück geführt. Nicht zuletzt durch ausgiebiges AfD-Bashing war Sloterdijk in letzter Zeit bemüht, seine Selbstverortung im linksliberalen Justemilieu ostentativ unter Beweis zu stellen. Trotzdem scheint mir, daß er es sich mit den wirklichen Linken mittlerweile endgültig verscherzt hat. „Rechte“ Lunte hatten sie ja schon länger gerochen, spätestens seit „Zorn und Zeit“ und „Im Weltinnenraum des Kapitals“. Da Sloterdijk aber auch den dissidenten Kräften zum unfreien und muffigen Mainstream eine klare Absage erteilt hat, schwebt er nach meiner Wahrnehmung inzwischen in einer Art Limbus, mehr zwischen den Fronten als über den Dingen, und bringt sich so um den Großteil seiner möglichen Wirksamkeit als Intellektueller. Das soll aber niemanden daran hindern, seine Werke aus besseren Zeiten als Steinbruch der Ideen und Quell der Inspiration zu nutzen.
Herr Jongen, Sie stammen aus Südtirol. Hat Sie der dort Jahrzehnte währende Kampf um Volksgruppenrechte für Ihre deutschen Landsleute in besonderer Weise sensibel gemacht, speziell in Fragen ethnischer Zugehörigkeit?
Vor allem hat mir die Abstinenz von gewissen bundesdeutschen „Bildungserlebnissen“ einen gesunden Menschenverstand in Sachen kultureller Identität, Heimat, Nationalbewußtsein usw. bewahrt. Und ja: In Südtirol habe ich die deutsche Volksgruppe nicht als „Tätervolk“, sondern als potentiell bedroht erfahren – und mithin berechtigt und sogar dazu aufgerufen, ihre Identität zu verteidigen. Das hat zu meiner politischen Prägung sicherlich beigetragen, wenngleich ich in Südtirol kein dezidierter Streiter für das Volkstum war. Erst die kulturzerstörerischen Maßnahmen der Merkel-Regierung haben mich ins politische Engagement getrieben.
Mit einem „Nationalen Aktionsplan Kulturelle Identität“ fordern Sie im Namen Ihrer AfD-Bundestagsfraktion den Bundestag dazu auf, mehr zur Wahrung und Verteidigung der deutschen Nation im umfassenden Sinne zu unternehmen. Welche Punkte sind Ihnen dabei besonders wichtig?
Grundsätzlich geht es dabei um eine positive Selbstvergewisserung Deutschlands als europäische Kulturnation. Der „Nationale Aktionsplan Kulturelle Identität“ sieht in erster Linie eine Schwerpunktverlagerung in der Gedächtnispolitik von den düsteren auf die hellen Seiten unserer Geschichte vor. Nicht, um einen „Schlußstrich“ zu ziehen oder das Problematische auszublenden, sondern aus der elementaren Einsicht heraus, daß kein Volk auf die Dauer überleben kann, das ein ausschließlich negatives Selbstbild kultiviert. Der Antrag fordert darüber hinaus eine aktivere Unterstützung der Rekonstruktionsbewegung seitens des Bundes. Die Wiedererrichtung des Berliner Stadtschlosses oder von Teilen der Frankfurter Altstadt dürfen nur der Anfang gewesen sein, soll die architektonische Unwirtlichkeit unserer Städte überwunden werden.
Unter meiner Federführung hat die AfD-Bundestagsfraktion außerdem einen Antrag zur Einrichtung einer Deutschen Akademie für Sprache und Kultur gestellt, die nach dem Vorbild der Académie française konzipiert ist. Sie soll in dem Maße nach innen wirken, wie das Goethe-Institut nach außen wirkt. Natürlich hatten beide Projekte keine Aussicht auf Realisierung, aber wir haben damit Zeichen gesetzt, wie Kulturpolitik unter einer AfD-Regierung aussehen würde.
Herr Jongen, die aktuelle Legislaturperiode im Berliner Parlament neigt sich im Herbst dem Ende zu. Sie vertraten dort die AfD seit 2017 als Kulturpolitischer Sprecher der Fraktion. Wenn Sie eine vorläufige Bilanz nach vier Jahren ziehen: Was sticht Ihnen ins Auge?
Ich hatte mir für meine Tätigkeit im Bundestag den Kampf gegen die ideologischen Fehlentwicklungen in diesem Land auf die Fahnen geschrieben. In beiden Ausschüssen – neben dem Kulturausschuß war ich auch noch Vollmitglied im Bildungsausschuß – konnte ich zu allen mir wichtigen Themen substantielle Anträge stellen und insgesamt über 60 Plenarreden halten: zu Erinnerungspolitik, Genderismus, „Haßrede“, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, kultureller Identität und anderem mehr. Daneben war ich noch Mitglied in der Enquetekommission Künstliche Intelligenz und konnte auch in dieser Funktion Akzente setzen. Aus persönlicher Sicht also eine „reiche Ernte“. Im ganzen muß die Bilanz aber eher nüchtern ausfallen. Erschreckend war es für mich, zu sehen, in welchem Ausmaß die ehemals bürgerlichen Parteien sich der politischen Linken mittlerweile anverwandelt haben. Gemeinsam nennen sie sich die „demokratischen Fraktionen“ – die „Deutsche Demokratische Republik“ feiert fröhliche Urständ. Entsprechend realistisch haben wir unseren weiteren politischen Kampf einzuschätzen: Wir werden dafür einen langen Atem und gute Nerven brauchen.