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Abendland und Literatur

Hermann Broch, geboren 1886 in Wien, konvertierte 1909 vom Judentum zum Katholizismus und emigrierte nach dem Anschluß zuerst nach Großbritannien und dann in die USA, wo er 1951 verstarb.

Hermann Brochs „Die Schlafwandler“ und die „Wertezersplitterung“ nach dem Untergang des Habsburgerreichs

Nach dem Untergang des Habsburgerreichs setzte gerade in der Romanliteratur eine intensivere Debatte über die Dimension kultureller Herkunft ein. Ein wichtiger Zugang war dabei die Frage, wie das Vergangene vergegenwärtigt und in der Gegenwart quasi aufgehoben werden kann. Der historische Hintergrund für diese literarische Tendenz liegt auf der Hand: Großreiche mit einer Dauer von etlichen Jahrhunderten brechen am Ende des Ersten Weltkriegs innerhalb relativ kurzer Zeit zusammen. Das nachhaltige Vakuum gerade im kulturellen Bereich erweist sich als unermeßlich. Besonders trifft dies auf das Habsburgerreich und seine territorialen Erben zu. Insofern erstaunt es nicht, daß sich einige Schlüsselromane der Umbruchszeit gemäß dem Motto „Zukunft braucht Herkunft“ (Odo Marquard) mit dem Erbe von „Kakanien“ als konkret-faßbarem Teil der abendländischen Überlieferung auseinandergesetzt haben.

Von Univ.-Prof. Dr. Felix Dirsch

Stellvertretend für literarische Vergegenwärtigungstechniken sind klassische Texte von Hermann Broch, Joseph Roth und Robert Musil anzuführen. Sie stehen in einer längeren Traditionslinie von epochemachenden Schriften, die die Aufhebung des Früheren in der Gegenwart auf zentrale Weise thematisieren. Die großen innovativen Autoren von Proust bis Joyce ragen dabei als Vorbilder heraus.

Wenn sich Vergangenes nicht einfach in toto in der Gegenwart bewahren und im hegelschen Sinn aufheben läßt, so sind (auch schriftliche) Rituale der Trauer um Unwiederbringliches doch möglich und geboten. Es geht weniger um das Festhalten am Alten, sondern mehr um Versuche einer möglichen Rettung des Guten und Gebotenen aus früheren Zeiten – und das in einer neuen Art und Weise. Die großen Ideenromane von Broch, Roth und Musil wollen, jedenfalls in wohlbestimmter Hinsicht, das alte Österreich unter völlig veränderten Bedingungen wiederbeleben. Wo bei ihnen Österreich steht, könnte man allgemeiner auch Abendland einsetzen; denn die Habsburger repräsentierten das Heilige Römische Reich länger und ausdrücklicher als das erst viel später mächtiger werdende Preußen, das sich schließlich durchgesetzt hat – mit allen bekannten Folgen und Spätfolgen, so jedenfalls eine bestimmte Deutung der jüngeren deutschen Geschichte. Das überlieferte Erbe soll das jetzige Zusammenleben befruchten, ist die Intention der erwähnten Schriftsteller der sogenannten klassischen Moderne. Betrachten wir in gebotener Kürze Hermann Broch. Er ist (wie der Klagenfurter Robert Musil) in jenem Teil Altösterreichs geboren, der nach 1918 diesen Namen behalten hat: nämlich in Wien. Dennoch spielt sein bekanntestes Werk, „Die Schlafwandler“, an anderen Orten als denen seines Heimatlandes. Da der Untergangsgestus in dieser Romantrilogie keine nur marginale Rolle spielt, ist auch hier die Relevanz Spenglers im Hintergrund zu beachten. Brochs Umschreibung für die Dekadenzperspektive lautet: „Zerfall der Werte“. Broch gilt wie Musil als einer der wichtigen Autoren der sogenannten klassischen Moderne. Dementsprechend zahlreich sind die Sekundärinterpretationen. Aus der Fülle der Literatur sind besonders die Arbeiten des wohl bedeutendsten deutschsprachigen Broch-Forschers, des Germanisten Paul M. Lützeler, der Jahrzehnte in den USA gelehrt hat, heranzuziehen.

Auch Broch nimmt im Hintergrund eine nie genau bestimmte Ganzheit an, die im Prozeß der Moderne verlorengegangen sein muß und wohl auch gar nicht bestimmbar ist. Diese Totalität ist das offene oder versteckte Korrelat des bei Broch explizit erörterten „Zerfalls der Werte“, aber auch sein Unbehagen an dem zunehmenden Pluralismus. Man kann eine Neigung zu künstlerischer Vereinheitlichung erkennen, die sich besonders am Schluß des Romans artikuliert. Die meisten Romanfiguren sehnen sich nach einem „Mysterium der Einheit“. Diese narrativ aufbereitete sukzessive Auflösung grundlegender Ordnungstraditionen ist dem Autor so wichtig, daß er sie in eingeschobenen Kapiteln ausdrücklich problematisiert, obwohl auch die verschiedenen Romanfiguren und die Struktur der Erzählung auf eine solche Tendenz verweisen. Broch hat sich mit dieser Thematik auch theoretisch in extenso beschäftigt. Der dritte Protagonist der Handlung, Huguenau, personifiziert den Trend zur verbreiteten „Anomie“ (Émile Durkheim), indem er eine andere zentrale Figur, Esch, ermordet. Mit herkömmlichen Werttraditionen hat er nichts mehr zu tun. Der Erste Weltkrieg erscheint in dieser Sichtweise als ein Katalysator nihilistischer Tendenzen.

Man hat seine Untersuchungen zum „Zerfall der Werte“ stets als eines der wichtigen kulturpessimistischen Analysefelder Brochs gesehen. Immer wieder schiebt er einzelne Kapitel mit der Überschrift „Zerfall der Werte“ in den Roman ein. Auch sein theoretisches Denken dreht sich in starkem Maße um das seit Nietzsche beinahe inflationär problematisierte, aber schwer faßbare Gebiet der Werte. Nun kannte auch Broch die Vielgestaltigkeit der Werteproblematik, ihren stark relativistischen Grundzug. Im Gegensatz zum üblichen Trend zu eher ungenauen und offenen Bestimmungen der Inhalte von Werten bemüht er sich um eine erstaunlich eindeutige Definition. Wert und Werte zielen für ihn in starkem Maß auf die Überwindung des Todes. Das Thema „Tod“ ist zentral für ihn, wie seine Erzählungen hinreichend (bereits im Titel) belegen. Vergleichbares gilt für „Kultur“, die strukturiert ist, das Leben – im Widerspruch zum Tod – auszustaffieren. Ziel ist die Approximation an das Ziel der Befreiung vom Tod, das natürlich nicht vollständig zu erreichen ist.

Somit ist das Leben ohne Wertkategorie für Broch nicht zu fassen. Er lehnt aber auch einen platonischen Kosmos der Werte, wie ihn Max Scheler in seiner objektiven Wertethik konzipiert, ab; vielmehr treten für ihn Werte nur im Kontext ethisch handelnder Wertsubjekte auf. Ein solches findet sich besonders pointiert bei Hegel in Form des Weltgeistes. Der Wert muß ja gesetzt werden. Der, der ihn setzt, kann ihn auch wieder zurücksetzen, also aufheben. Wer über Werte spricht, kommt um die Thematik des Relativismus nicht herum. Aber auch ihr Verhältnis zur Rationalität und Irrationalität bedarf einer Klärung. Max Weber hat auch in dieser Frage die Richtung vorgegeben, indem er Werte für „polytheistisch“ erklärt, als säkulares Pendant zur Welt der „Götter“. Sie sind subjektivistisch-irrational, und erst recht ist kein wissenschaftliches Urteil über die Richtigkeit eines Wertes möglich. Der häufig zitierte Titel eines kritischen Werks zieht diese Linie weiter aus und spricht von der „Tyrannei der Werte“. Broch wandelt auf diesen Pfaden. Jedes Wertsystem sieht er aus irrationalen Bestrebungen hervorgehen; im Gegensatz dazu existierten immer menschliche Anstrengungen, die Welt im Sinne der menschlichen Daseinsvorsorge umzuformen. Die Neuzeit seit Bacon und Descartes bemühe sich darum mit immer fundierterer Methodik. Trotz der (bis heute folgenreichen) Tendenz verbleibe jedem Wertsystem ein irrationaler Rest, so Broch.

Hermann Brochs wichtigstes Werk war die Romantrilogie „Die Schlafwandler“; sein Buch gehört zu den wichtigsten Werken des modernen Romans und wird mit James Joyces „Ulysses“, Thomas Manns „Zauberberg“, Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ in eine Reihe gestellt. Neue Stilelemente, wie etwa der innere Monolog, aber auch das Nachdenken über Träume und neue wissenschaftliche Erkenntnisse prägen das Werk. Postum wurde Hermann Broch für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. In seiner Romantrilogie beleuchtete er den Zerfall gesellschaftlicher Werte; ihr Handlungsbogen spannt sich über das gesamte Wilhelminische Zeitalter.

Katholische Traditionalisten

Die Orientierungskrise, die in der Weimarer Republik, aber auch in Österreich nach 1918 offen zum Vorschein kommt und dem ungehemmt sich artikulierenden wertfreien Pluralismus geschuldet ist, fördert später den Übergang in die Diktatur. Für Broch zeigt sich die Kulturkrise vor allem im Verlust eines Zentralwerts. Dieses Fehlen beobachtet er auch in früheren Epochen, so etwa in den Umbrüchen der frühen Neuzeit, die mit den Begriffen Renaissance, Reformation und Humanismus umschrieben werden. Die katholische Interpretation der Wirklichkeit wurde damals relativiert durch konkurrierende weltliche Daseinsdeutungen, in stärkerem Maße zumindest durch die Oberschicht. Im religiösen Bereich bot die reformatorische Sicht des Glaubens ein konkurrierendes Modell einer anderen Wirklichkeitsperspektive. Die Dekadenzperspektive ist auch bei Broch unübersehbar: Sie ähnelt, wenngleich mit völlig verschiedener Begründung, jener der pointiert auftretenden katholischen Alteuropäer: Romano Guardini („Das Ende der Neuzeit“), Hans Sedlmayr („Verlust der Mitte“) und Christopher Dawson („Gericht über die Völker“), die alle der Generation Brochs angehören. Eine zentrale These jener Gelehrten, die man heute gern abschätzig unter die Rubrik „katholische Traditionalisten“ subsumiert, ist die der Destruktion des einheitlichen christlich-mittelalterlichen Ordo. Diese Tendenz setzte ihrer Meinung zufolge mit den (natürlich sehr distinkten) Geistesströmungen von Humanismus, Renaissance und Reformation ein und entfaltet eine reiche Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart. Aufklärung und Französische Revolution gelten in diesen Weltbildern als zentrale Stationen der Rezeption und Verarbeitung des emanzipatorischen Gedankenguts.

Broch stellt diesen kulturgeschichtlichen Einschnitt am Beginn der Neuzeit ebenfalls heraus, wertet ihn aber nicht. Jeder Ansatz von Streben nach einer Restauration ist ihm fremd. Reflexionen in diese Richtung sind für ihn illusionär. Wenn Broch das Mittelalter keineswegs glorifiziert, lobt er doch die Tendenz dieser Epoche, alle Werte in einem Gesamtsystem zu präsentieren. So sei hier das Leben in seiner ganzen Tiefe und Breite dargestellt worden – ohne die später typische Zersplitterung. Als der Höhepunkt dieser Entwicklung erreicht worden sei, habe der Zerfall der bisherigen Einheit begonnen. Die Auflösung setzte idealtypisch mit der Entstehung und Etablierung des Protestantismus ein. Der (bisweilen sehr blutige) Kampf um die Zentralwerte nahm seinen Anfang, ein immer stärkerer Antagonismus der Partialsysteme also, der sich fortsetzte. Das ist zwar idealtypisch gedacht, da auch die sogenannte mittelalterliche Einheitskultur nicht so einheitlich war, wie Broch sie exponierte. Diese Optik offenbart ein verbreitetes Schema, das von verschiedenen Gelehrten für konsensfähig gehalten wird, nicht nur von katholischen Traditionalisten. Wirkmächtig hat auch John Rawls in dieser Epoche einen Einschnitt manifestiert. Der Bruch der Glaubensspaltung führt seiner Meinung zufolge bis in die unmittelbare Gegenwart.

Obwohl Broch Spengler ausdrücklich kritisierte, sind doch vergleichbare kulturkritische Untertöne in seinem Werk zu finden. In den 1920er Jahren wurden viele Großstadtromane, meist mit kulturkritischem Hintergrund, veröffentlicht. Die Stadt ist nicht nur für Spengler ein Symbol der Zivilisation – als Gegensatz zur Kultur –, auch Thomas Mann, einer der Freunde Hermann Brochs in der Emigration, neigte dieser Sichtweise in seinen frühen und mittleren Schaffensjahren zu.

Broch und Spengler

Keine Abstiegsoptik kommt ohne Angabe einer bestimmten Phase (oder mehrerer Phasen) des Niedergangs aus, in der sich aus der Sicht des Autors kritische Erscheinungen häufen. Diese werden später in der Gesamtbetrachtung als Umbruch hin zum Negativen gedeutet. Bei Spengler, dessen Zivilisationskritik deutliche Parallelen zu Broch zeigt, ist das entscheidende Stadium der endgültige Wechsel von der Epoche der Kultur zu jener der Zivilisation, im Sinne seiner zyklisch fundierten Morphologie: der Übergang in die Zeit des Winters. Während Broch die entsprechende Zäsur erkenntniskritisch begründet, steht bei Spengler die Biologie im Vordergrund methodischer Überlegungen. Er hebt die Zeit um 1800 stark als Phase der Transformation hervor.

Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts entstehen Systeme, denen der einzelne sich häufig qua Geburt zugehörig fühlt und die Wirkungen ausüben, beispielsweise bürgerlich-kommerzielle. Daß Broch diese Einflußfaktoren kritisch betrachtet, sieht man schon daran, daß er Huguenau als Angehörigen eines solchen Systems herausstellt. Er exponiert ihn als wertfreien Menschen, der wohl nicht zufällig zum Mörder wird. Das heißt selbstredend nicht, daß die Zugehörigkeit zu diesem gesellschaftlichen Sachbereich automatisch ein derartiges Verhalten disponiert. Dennoch hat für den österreichischen Kulturpessimisten die „Anomie“ maßgeblich mit der wertzerfallbedingten Zurückgeworfenheit des Individuums auf sich selbst, quasi als „letzte Zerspaltungseinheit“, zu tun. Die Art der Formulierung läßt auf die Sicht des Autors schließen: Das Individuum sei auf „eigene empirische Autonomie“ gestellt, was zwangsweise zu einer „Privattheologie“ führe. Daß die Autonomisierung der Kultursachbereiche, die „Wertzersplitterung“, im Widerspruch zum religiösen Totalsystem stehe, wird ausdrücklich vermerkt. Dieses kenne lediglich eine Wahrheit, einen Logos, der Rationalität verkörpere, die sich gegen äußere Irrationalität abgrenze. Als solche trete vor allem das Böse in Erscheinung. Dieses äußere Antisystem sei ebenso als Totalität zu begreifen wie sein Gegenteil. Gefährlicher für den überlieferten Glauben seien die Partialsysteme, unter denen Broch Äußerungsformen wie Kapitalismus, Nationalismus und Revolution versteht, letztlich alles Zerstörer, zumindest aber „Zerrbilder des wahren Wertsystems“.

Diese Bestimmung ist, rund eineinhalb Jahrzehnte nach Beendigung des Ersten Weltkriegs, nicht weiter verwunderlich. Das große Ringen zwischen 1914 und 1918, das einen massiven Einschnitt in der Geschichte des Abendlands darstellt, rief die Polarisierung der Werte Leben und Tod auf existentiellste Weise für viele Millionen in Erinnerung. Der Tod gilt Broch aufgrund seiner Ewigkeit als Eingangstor des Göttlichen in die Welt. Sichtbar intendiere er eine absolute Fundierung von Werten. Wahrnehm- und Beobachtbares schaffe immer ein Stück Sicherheit, während die Zukunft unsicher ist und öfters Unheilvolles erwarten läßt. In diesem Kontext gewinnt auch das Kunstwerk seine Bedeutung, das eine konservative Essenz besitzt. Dieses Urteil widerspricht nicht der progressiven politischen Gesinnung der meisten Vertreter der modernen Kunst.
Broch ordnet das irrationale Element des Daseins dem Konservatismus zu, besonders in dessen romantischer Ausprägung. Diese thematisiert das Fühlen und das „Erahnen des Blutes“, wie sich Broch ausdrückt.

Bei aller ausdrücklichen Kritik an Spengler sind doch ähnlich kulturkritische Untertöne auch bei Broch in Hülle und Fülle zu finden. Man braucht nur den ersten Teil der „Schlafwandler“-Trilogie aufmerksam zu lesen: Pasenow verkörpert als Romantiker eine nicht lange zurückliegende, aber doch hoffnungslos veraltet erscheinende Welt. Was läßt sich von ihr erhalten? So lautet eine naheliegende Frage. In den 1920er Jahren werden viele Großstadtromane, meist mit kulturkritischem Hintergrund, veröffentlicht. Herausragend ist bis heute Döblins „Berlin Alexanderplatz“, der in seinem Pointillismus kaum überbietbar zu sein scheint. Die Stadt ist für Spengler eines der Symbole der Zivilisation – und keineswegs nur für ihn. Und Zivilisation kommt in der gesamten Epoche, quer durch alle weltanschaulichen Gruppen, ein abschätziger Beigeschmack zu. Fast unisono ordnet man das Stadium des Zivilisatorischen den Werten des Äußerlichen und Westlichen zu, während man Kultur der deutschen Innerlichkeit zuschreibt. Selbst Thomas Mann macht sich in seinen frühen wie mittleren Jahren für eine solche tendenziöse Einschätzung stark. Die Symbole des Zivilisatorischen, allen voran das Geld und dessen Umschlagplätze wie die Institution Börse, werden in diesem Teil ausführlich erörtert. Pasenow beäugt eine solche Einrichtung natürlich mit Argwohn, wie den Kommerz insgesamt. Überall prallt die moderne Welt, vor allem die Großstadt, mit traditionellen Refugien und Orten aufeinander. Das Fabrikgelände gehört für Leutnant Pasenow, den ostelbischen Agrarier, zum „unfaßbaren Netz des Zivilistischen“. Alles geschieht synchron, die alternde Welt besteht neben der neuen: Das Nicht-Mehr existiert neben dem Noch-Nicht – eine Situation, die Broch in der Metapher der Schlafwandler zum Ausdruck bringt.

Broch kommt wie Spengler zu dem Ergebnis, daß der Boden der Metaphysik erschöpft und vor dem Hintergrund eines solchen Diktums die Forderung nach einer neuen Daseinsphilosophie unvermeidlich sei. Beide haben ein Gespür dafür, daß die Zeit dafür reif ist. Polyhistorismus, wie er in „Die Schafwandler“ auf fast unüberbietbare Weise ausgedrückt wird, und Kulturmorphologie, wie sie Spengler unübertrefflich darstellt, komponieren Vielfalt, um sie anschließend im Grunde genommen als dekadent herauszuarbeiten. Denn Ziel ist deren Überwindung. Das Motiv der verlorenen Ganzheit im Hintergrund ist kaum zu übersehen. Als komplementär dazu darf der Relativismus gelten, der – besonders bei Broch, aber auch bei Spengler – als quintessentiell im Hinblick auf die moderne Kultur herausgestellt wird. Daß relativistische Tendenzen bei Broch direkt wie indirekt rezipiert werden, kann angesichts der umstürzenden Entwicklungen in der modernen Naturwissenschaft bald nach 1900 kaum überraschen. Dabei darf aber der Gedanke der Dialektik von Totalem und Relativem nicht vergessen werden.

Der Tod des Vergil

In einer Nähe zum Abendland-Gedanken bewegt sich auch Brochs Roman „Der Tod des Vergil“. 1945 in deutscher wie englischer Sprache erschienen, wird das Thema der Schrift sicherlich von den Jubiläumsfeierlichkeiten (2000. Geburtstag Vergils) 15 Jahre vor der Erstfassung beeinflußt. Denn schon 1935 publizierte der Autor eine kürzere Version, „Die Heimkehr des Vergil“. Broch bekundet Interesse am Thema „Literatur am Ende einer Kultur“, das sich sehr spenglerianisch anhört. Auch in diesem Text ist das Gefühl, in der Spätzeit einer Kultur zu leben, spürbar: Bürgertum, Diktatur, Absterben alter religiöser Formen und Neuaufbrüche – die Parallelen zwischen Brochs und Vergils Biographie sind evident. Brochs Werk ist bis heute Beleg, wie man die Abendland-Problematik behandeln kann, ohne ins explizit katholische Lager wechseln zu müssen, was der konvertierte Taufschein-Katholik wohl hat vermeiden wollen.

 
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