![]() |
Im Herbst 2020 hat Aserbaidschan, unterstützt von Israel und der Türkei, Armenien einen großen Teil des Kernlands Artzach (Bergkarabach) entreißen können. Artur Danielyan gibt dem neuen Ministerpräsidenten Paschinjan die Hauptschuld daran. Von Soros-finanzierten Medien wird er als der intellektuelle Führer der „Armenischen Neuen Rechten“ bezeichnet, während er sich und seine Bewegung als ökonomisch links, kulturell rechts, als echte „Konservative“ bezeichnet.
Mit dem Aktivisten sprach Manuel Ochsenreiter.
Herr Danielyan, in Armenien scheint sich gerade ein bislang „gefrorener“ politischer Konflikt aufzuheizen. Die Regierung um Nikol Paschinjan, der 2018 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, und seine Anhänger bilden ein Lager, das andere ist das um die „alte“ Regierung mit der Republikanischen Partei. Wo in diesem Konflikt positioniert sich eigentlich Ihre Bewegung?
Leider haben Sie absolut recht. Anstatt einer Agenda haben wir in Armenien derzeit eine Arena. Anstatt eines Dialogs der Ideologien bellen die politischen Lager sich nur noch gegenseitig an. Ich will direkt sein: Paschinjans Regime hat eine „armenophobische“ Stimmung erzeugt, die sich auch im eigenen Land ausbreitet. Aber: Daß Paschinjan überhaupt an die Regierung gekommen ist, hat mit dem Handeln und auch Versagen der Regierungen vor ihm zu tun. Niemand in der politischen Arena will das derzeit akzeptieren. Und niemand will wirklich Verantwortung übernehmen. Aber die Basis von Politik sollte doch Verantwortung sein. Für unsere Bewegung bedeutet das: Wir haben uns dafür entschieden, an dem Gebell in der Arena nicht teilzunehmen. Statt dessen bauen wir unsere Infrastruktur weiter aus, wir arbeiten noch mehr und härter, wir ziehen immer mehr Unterstützer und Mitglieder an – und wir üben uns in der ideologischen Debatte.
![]() |
Sie wurden quasi über Nacht zu einem der wichtigsten Bösewichter für die von George Soros finanzierte Nachrichtenplattform „Eurasianet“. Man nennt Sie dort den intellektuellen Führer der „Armenischen Neuen Rechten“.
Der Artikel von „Eurasianet“ war nicht das erste Mal, daß Soros-finanzierte Medien uns ins Visier genommen haben, aber es war das erste Mal, daß sie behaupteten, wir seien die Ideologen hinter einer „Armenischen Neuen Rechten“. Soros-geführte Medien berichteten bereits Mitte 2017 über unsere Aktivitäten. Und wie das alte Sprichwort schon sagt: Zuerst haben sie versucht, uns zu ignorieren, dann haben sie angefangen, uns zu verspotten. Jetzt ist es für sie an der Zeit, uns zu bekämpfen. Deshalb hat „Eurasianet“ eine Geschichte voller Manipulationen und offensichtlichen Lügen über uns erfunden.
Sie sehen sich nicht als „Armenische Neue Rechte“?
Wenn es um Ökonomie geht, sind wir ganz klar links. Geht es um Kultur, sind wir rechts. Aber die am besten passende Bezeichnung wäre einfach „konservativ“.
Was wollen Sie denn „konservieren“?
Heute geht es vor allem doch darum, den Menschen an sich zu schützen und zu erhalten. Ich meine das völlig ernst. Tausende Jahre lang haben sich unsere Vorfahren mit der Frage nach dem Sinn des Lebens befaßt, im Prinzip die drängendste Frage aller philosophischen Werke. Im 21. Jahrhundert scheint es aber plötzlich so, als akzeptiere die große Mehrheit in den sogenannten zivilisierten Ländern, daß das menschliche Leben keinen besonderen Wert mehr zu haben scheint. Einerseits geht man nur noch den Instinkten und dem Hedonismus nach – der Mensch wird wieder mehr und mehr zum Tier. Andererseits verliert man sich mehr und mehr in virtuellen sozialen Netzwerken, Videospielen usw. Auf beide Arten schafft man es, den Menschen am Ende abzutöten. Wir wollen aber das menschliche Leben und seinen Wert erhalten. Wir wollen sicherstellen, daß wenigstens unser armenisches Volk nicht auf diesem selbstzerstörerischen Pfad bleibt, sondern einen Ausweg findet. Und darüber hinaus verstehen wir, daß dies nicht nur uns als Armenier etwas angeht, sondern die ganze Menschheit. Eine ganze Welt voller diverser Kulturen und Völker ist heute in Gefahr. Dieser Bedrohung wollen wir etwas entgegensetzen.
Sind Sie eine politische Partei oder eine Aktivistengruppe?
Wir haben als eine Gruppe aktiver Blogger angefangen, die zusammengekommen sind, um dem totalitären Linksliberalismus entgegenzuwirken, der uns von außen aufgezwungen wird. Wir hatten das Gefühl, daß da der Postmoderne entgegengewirkt werden muß. Wir hatten gehofft, wir könnten eine politische Fraktion finden und unterstützen, die unsere Ansichten und unsere Bereitschaft teilt, für unser Land und unsere nationale Identität zu kämpfen. Leider stellten wir ein Jahr nach Beginn unserer Aktivitäten fest, daß wir nicht nur von potentiellen Partnern alleingelassen wurden, sondern auch einem zunehmend aggressiven Regime gegenüberstanden. Die Registrierung einer politischen Partei war ein Schritt ohne Alternative. Wir mußten uns vor ausländischen Einflußfaktoren schützen und Gleichgesinnte zusammenbringen. Grundsätzlich war die Gründung einer Partei vom neuen Regime vorgegeben, das im Frühjahr 2018 in Jerewan an die Macht kam. Ein Jahr im Amt dieser Soros-Vertreter hatte zu einer starken Zunahme der Kriminalität geführt, insbesondere im Zusammenhang mit Drogendelikten. Auch die Zahl der Migranten aus Ländern der Dritten Welt hat stark zugenommen. Von Israel unterstützte religiöse Sekten haben Zugang zu staatlichen Institutionen erhalten, traditionelle Werte werden ständig angegriffen, Oppositionsmedien stehen unter beispiellosem Druck von Polizei und Geheimdiensten, und der Herausgeber einer Oppositionszeitung ist sogar in einen Hungerstreik getreten, während er sich in Gewahrsam befand, und einige Wochen später gestorben. All dies wurde von den armenischen Massenmedien aktiv unterdrückt. In Anbetracht der Tatsache, daß wir einen ungelösten Konflikt mit Aserbaidschan haben, stellt dies eine kritische Bedrohung für die nationale Sicherheit dar. Daher haben wir uns entschlossen, eigenständig zu handeln.
![]() |
Was fordern Sie?
Wir fordern die Aufrechterhaltung einer starken militärischen Präsenz, soziale Reformen, die eine positive demographische Entwicklung, ein Bildungssystem, das moralisch einwandfreie Bürger hervorbringen wird, eine für beide Seiten vorteilhafte bilaterale Außenbeziehungsagenda mit allen potentiellen Partnerstaaten und eine nationalstaatlich ausgerichtete Wirtschaft.
Vor allem in den letzten Monaten geriet Ihre Bewegung immer mehr unter Druck seitens der armenischen Regierung. Was wirft man Ihnen vor?
Man wirft uns eine ganze Reihe von Verfehlungen vor, darunter sogar Straftaten. Die Tatsache, daß ich jetzt mit Ihnen spreche und nicht im Gefängnis bin, zeigt, daß diese Vorwürfe an den Haaren herbeigezogen sind. Aber andererseits sind wir Zielscheibe einer Schmutzkampagne der staatlichen Medien. Man hat uns sogar „Terrorismus“ vorgeworfen …
Mit welcher Begründung?
Aufgrund unseres Aussehens und Auftretens – kein Scherz. Dabei sehen wir aus wie durchschnittliche Armenier.
Wie spüren Sie den Druck der Regierung?
Auf der Straße werden wir zum Ziel von gewalttätigen Angriffen staatlich gesponserter Mobs – danach wirft man uns vor, wir hätten das provoziert. Man kann das durchaus mit den Antifagruppen in Deutschland und Österreich vergleichen. Ich wünschte, in den letzten drei Jahren hätte es auch nur einen einzigen Vorwurf der Regierung gegeben, über den man vernünftig hätte diskutieren können. Überhaupt, insgesamt muß man leider sagen: Das Bedürfnis an konstruktiven politischen Gesprächen scheint in Armenien – wie in der gesamten westlichen Welt – immer noch abzunehmen. Das gilt eben auch für uns: Man bellt uns an, aber es gibt keine substantielle, faßbare Kritik.
In Armenien kam es vor drei Jahren zu einem Machtwechsel. Die politische Plattform von Nikol Paschinjan gewann an Macht, und er schien vielen Europäern ein typischer Populist im Salvini-Stil zu sein. Ist das ein richtiger oder falscher Eindruck?
Ich glaube nicht, daß es einen Grund für einen Vergleich zwischen Nikol Paschinjan und Matteo Salvini gibt, wenn man bedenkt, daß ihre Ansichten absolut widersprüchlich sind. Paschinjan selbst führt gewöhnlich Mahatma Gandhi und Nelson Mandela als seine Vorbilder an (beide haben ihr jeweiliges Land zerstört und werden von Globalisten verehrt). Er unterhält gute Beziehungen zu Emmanuel Macron und Justin Trudeau aus Kanada. Die Regierung von Paschinjan ist im Begriff, die Istanbuler Konvention zu ratifizieren und den Schutz der Rechte von LGBT-Aktivisten voranzutreiben. Paschinjan ist ein großer Fan der Europäischen Union und internationaler globalistischer Organisationen, die ihn jahrelang gesponsert haben. Nikol Paschinjan ist ein Verbrecher, der an die Macht gekommen ist, indem er mit einflußreichen ausländischen Agenten zusammengearbeitet hat, um die legitime Regierung Armeniens zu stürzen. Um seine Sponsoren zu entlohnen, setzt er sich jetzt für eine globalistische Agenda ein, die die Bausteine unserer Staatlichkeit und unserer nationalen Identität zerstört.
Ihre Beschreibung der armenischen Gesellschaft klingt meist sehr pessimistisch. Was wünschen Sie sich denn für Armenien?
Sehen Sie, jede Gesellschaft, jedes Volk strebt doch eigentlich nach Harmonie, nach einem Klima der sozialen Gerechtigkeit und der Stabilität. Man strebt nach einer Ordnung, in der die kollektiven Ressourcen in Bildung und Wohlstand investiert werden, nicht in Polizei und Militär. Unser kultureller Kompaß sollte auf unsere traditionellen Werte ausgerichtet sein. Das alles, was wir für unser Armenien wollen, ist nicht gerade neu oder gar originell. Viele vor uns haben das ausgesprochen oder gar umgesetzt – seien es die griechischen Stoiker, Jesus Christus oder manchmal sogar moderne Existentialisten.
Was sind die „traditionellen Werte“ Armeniens?
Die kulturelle und nationale Identität Armeniens wurde und wird vor allem von der Armenisch-Apostolischen Kirche geformt. Das gilt bis heute, obwohl es nach wie vor auch Spuren des vorchristlichen Paganismus bei uns gibt – wie übrigens auch bei den anderen europäischen Völkern. In Armenien wird vor allem der Wert der Familie idealisiert. Die Familie hat bis heute alle Angriffe des Materialismus und der postmodernen Propaganda weitestgehend unbeschadet überstanden. Allein dies zeigt, wie fest verankert die Familienwerte bei uns sind.
Welche Bedeutung hat speziell das Christentum in Armenien – neben der Familie?
Es ist unser Glaube – aber auch unsere Tradition. Jeder einzelne Aspekt unserer nationalen Identität wurde durch die Kirche geformt, angefangen mit unserem Alphabet. Unsere Geschichte wurde von Priestern geschrieben, unsere traditionelle Musik, unsere Literatur ebenso. Der Kern unserer Gesellschaft sind in der Tat nach wie vor die christlichen Werte. Kein Wunder, daß genau diese derzeit angegriffen werden seitens westlicher NGOs und anderer Einflußfaktoren.
Wie gestaltet sich die westliche Einflußnahme?
Seit Jahrzehnten versucht der Westen, Armenien und das armenische Volk zu „formen“. NGOs, politische Parteien, sogenannte Experten oder zivilgesellschaftliche „Aktivisten“ nehmen unsere traditionellen und kulturellen Grundlagen beständig ins Visier. Eines der Hauptangriffsziele ist in der Tat die Familie und deren Zusammenhalt, aber auch die Kirche und unser Glaube werden angegriffen. Sogar die „nationale Identität“ wird als Konzept in Frage gestellt. Leider ist diese Zersetzungsarbeit oftmals sehr effektiv.
Woran liegt das?
Unterschätzen Sie nicht die Schlagkraft der monopolisierten sozialen Netzwerke im Internet und überhaupt die Rolle der modernen Medien. Totalitäre Regime der Vergangenheit haben Oppositionelle einfach eingekerkert – heute werden alternative Meinungen und Ansichten „gecancelt“, also blockiert. Die moderne „Cancel Culture“ ist durchaus das Äquivalent zum Kerker von früher. Der Zweck ist der Gleiche: Oppositionelle oder oftmals auch nur ein wenig abweichende Meinungen sollen kein Gehör mehr bekommen.
Sie erwähnten den Angriff auf die Familie durch westliche NGOs. Gibt es in Armenien eigentlich eine nennenswerte LGBT-Bewegung – vergleichbar mit anderen osteuropäischen Ländern?
Es gibt eine ganze Reihe von NGOs bei uns, die sich „Toleranz“ gegenüber LGBT-Leuten auf die Fahnen geschrieben haben. Und natürlich werden diese NGOs allesamt mit westlichen Geldern gesponsert. Aber andererseits: In der öffentlichen Meinung ist das Thema bis heute zutiefst unpopulär, trotz dieser Anstrengungen. Ich erwarte aber, daß in Zukunft das LGBT-Thema mit großer Wucht auf uns zukommen wird.
Neben dem westlichen wird auch immer wieder der russische Einfluß auf Ihr Land zum Thema …
Seit der Verkündigung unserer Unabhängigkeit wurde unsere Staatlichkeit von außen ständig angegriffen. Wir waren immer an der Grenzlinie der Einflußsphären der Supermächte. Die Russische Föderation ist in gewisser Weise eine Garantie für unsere nationale Sicherheit, wenn man bedenkt, daß ihre Streitkräfte die Staatsgrenze zur Türkei bewachen. Rußland ist auch der Hauptinvestor unserer Wirtschaft: Mehr als 70 % aller Investitionen stammen aus Rußland. Auf der anderen Seite haben die USA einen mikroskopischen Anteil an unserer Wirtschaft, während ein sehr großer Teil unserer Zivilgesellschaft und unserer Medien ihnen gehört bzw. von ihnen gelenkt wird. In Anbetracht der Tatsache, daß wir als Sicherheitsgefährdung für US-Investitionen in Aserbaidschan gelten, ist diese Situation eine kritische Bedrohung für unsere nationale Sicherheit.
Armenien ist ebenso umgeben von feindlichen oder zumindest nicht immer freundlichen Ländern, wie der Türkei, Aserbaidschan – aber auch Georgien. Mit dem Iran bestehen mehr oder weniger gute und stabile Beziehungen. Wie interpretieren Sie diese Situation?
Die Ergebnisse von Mikheil Saakashvili bei der Förderung der Russophobie in Georgien stellen nicht nur für die russisch-georgischen Beziehungen, sondern auch für die armenisch-georgischen Beziehungen eine Bedrohung dar, da die Russische Föderation unser größter Handelspartner und engster Verbündeter auf internationaler Ebene ist. Diese Risiken werden durch die Zusammenarbeit zwischen Georgien und den Staaten, die Armenien seit mehr als zwei Jahrzehnten blockiert haben, nämlich der Türkei und Aserbaidschan, noch verstärkt. Daher ist unsere konstruktive Beziehung zum Iran von größter Bedeutung. Diese Beziehung wurde jedoch seit der Machtübernahme von Paschinjan ernsthaft gefährdet. Die Flüge zwischen dem Iran und Armenien sind erheblich zurückgegangen, die iranische Seite verweist immer wieder auf ihre Unzufriedenheit mit Paschinjans engen Beziehungen zu Soros und zu westlichen Fonds.
Und wie sieht es mit Europa – speziell den Ländern der EU – aus? Wen sehen Sie dort als Ihre „natürlichen Freunde“?
Das ist eine der schwierigsten Fragen für uns. Das Naheliegendste wäre natürlich, daß alle Patrioten mit einer sozialen Grundierung unsere natürlichen Partner und Verbündete wären – also Konservative generell. Aber wenn ich mir die politische Landschaft in Europa ansehe, bekomme ich den Eindruck, daß die Vertreter der politischen Rechten oft nicht verstehen, worum es eigentlich geht. Und die Linken spielen nur noch eine Rolle auf der politischen Bühne. Sie stehen nicht mehr für einen radikalen Wechsel. Wir führten und führen Gespräche mit Vertretern der Rechten, doch es geht sehr schleppend voran. Aber ich verliere nicht die Hoffnung!
Sie betonten die Wichtigkeit der christlichen Lehre und der Kirche für die nationale und kulturelle Identität Armeniens …
… das sind unverhandelbare Grundpfeiler!
![]() |
Wie sehen Sie aber die Rolle der Kirche in Europa? Dort betätigen sich Kleriker beider großer Konfessionen immer wieder als Lobbyisten für LGBT-Anliegen und Masseneinwanderung …
Sehen Sie, die christliche Lehre ist nicht so unsagbar kompliziert und komplex, wie manche gern vorgeben. Es gibt nur einen Gott, die Wahrheit ist das Gute – und jeder Mensch, der danach sucht, kann diese Wahrheit und Gott finden. Die postmodernistische Lehre hingegen behauptet, daß es eine Wahrheit gar nicht gebe, daß es kein Richtig und kein Falsch gebe, daß es sich dabei nur um Meinungen und Ansichten handele. Auf dem europäischen Kontinent, der stramm nach den kapitalistischen Geboten lebt, kommt eine solche Lehre à la „Alles kann, nichts muß“ natürlich an. Ein echtes Christentum kann nicht wirklich gedeihen, wenn es sich diesen Spielregeln unterwirft. Der einzige Weg, daß der christliche Glaube auch in Europa wieder erstarkt, ist meiner Meinung nach der der eindeutigen Stellungnahme in politischen Auseinandersetzungen – auch wenn dies den Eliten nicht schmecken sollte. Es braucht eine präsente, starke und eindeutige Kirche – gerade dort. Die Kirche sollte auch nicht davor zurückschrecken, Allianzen und Partnerschaften mit jenen gesellschaftlichen Gruppen einzugehen, die die gleichen Ziele vertreten. Das können eigentlich nur echte sozialpolitische Gruppen, Patrioten und richtige Konservative sein. Man muß sich dabei auch einmal grundsätzlich über den Zweck einer Kirche klar sein: Den Menschen dabei zu helfen, ein christliches Leben nach den Geboten der Bibel zu führen. Wenn einzelne in den Amtskirchen unbedingt Migranten oder Schwulen und Lesben helfen wollen – warum nicht? Aber das eben nur mit dem Ziel, sie zum Christentum zu führen und von einem Leben nach christlichen Geboten zu überzeugen. Alles andere ist einfach nur materialistische Heuchelei.
Haben Sie eine Strategie gegen die westliche Einflußnahme?
Unsere Hauptstrategie, um diesen Herausforderungen zu begegnen, besteht darin, die Heuchelei ihrer Werte und ihrer Propaganda aufzuzeigen. Es ist sehr amüsant, zu sehen, wie sie Multikulturalismus und Vielfalt fördern, aber am Ende gleichen sie sich sehr. Die gleiche Gehirnwäsche in ihren Augen, die gleichen kopierten Texte, sogar ihr Aussehen ist normalerweise das gleiche. Sie sind diejenigen, die die Menschenrechte als Flagge benutzen, aber in Wirklichkeit die Menschenrechte zum frühestmöglichen Zeitpunkt mißachten. Sie sind diejenigen, die scheinbar für die Redefreiheit kämpfen, aber jede gegnerische Stimme mit allen Mitteln zerstören, die notwendig sind. Diese Heuchelei aufzudecken, ist unsere Hauptwaffe.
Ein weiteres wichtiges Thema für jeden Armenier ist Bergkarabach („Artzach“). Viele Menschen im Westen verstehen nicht, warum diese etwas unwirtliche Region im Südkaukasus so wichtig ist, daß die Armenier dafür sogar in den Krieg ziehen …
(lacht) … deshalb erklären wir es gern immer und immer wieder …
Sie sind im Herbst 2020 selbst in den Krieg gegen Baku gezogen, das Bergkarabach als Teil Aserbaidschans und die Armenier als „Besatzer“ betrachtet. Warum?
Artzach ist der einzige Fleck auf dieser Erde, auf dem Armenier immer schon gelebt haben. Werfen Sie mal einen Blick auf die armenische Geschichte: Wir haben viel von unserem Land verloren. Die antiken Römer und Perser führten auf unserem Territorium große Schlachten, dann kamen die türkischen Stämme aus dem Nordosten. Meine Eltern stammen aus Artzach. Mein DNS-Test zeigt, daß alle meine Vorfahren in Artzach lebten – immer schon. Verstehen Sie mich nicht falsch: Artzach ist mein Geburtsrecht, meine Herkunft. Ich will dies an meine Kinder und Enkel weitergeben. Derzeit versucht man, uns dieses Geburtsrecht wegzunehmen. Dagegen wehren wir uns. Es ist nicht nur ein Stück Land, das war es noch nie. In Artzach haben die Besten unseres Volks gekämpft und sind dort gefallen. In Artzach wurde unsere nationale Integrität nach tausendjähriger Demütigung wiederhergestellt, seit die letzten Kreuzfahrer das Gebiet verließen, das heute als Türkei bekannt ist. Geopolitisch ist Artzach das einzige Hindernis für einen einheitlichen türkischen Block von Bosnien bis nach China. Artzach ist die letzte Festung des Christentums.
In den Medien schien es so, als kämpften einige beherzte Armenier mit schlechten Waffen gegen eine moderne aserbaidschanische Armee. Wie haben Sie den Krieg erlebt?
Ich will es einmal so ausdrücken: Wir haben nicht gegen die aserbaidschanische Armee gekämpft, genaugenommen gibt es nicht einmal so etwas wie eine „aserbaidschanische Armee“.
Das müssen Sie erklären …
Wir kämpften gegen eine Art „türkisch-israelisches Tandem“. Und das war sehr hart für uns. Türkische Infanterie und israelische Technologie verdienen durchaus Respekt. Aber die „Hauptwaffe“ des Feinds befand sich nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Stuhl des armenischen Ministerpräsidenten. Wären wir nicht von hinten erdolcht worden – die Türken hätten keinen Millimeter armenischer Erde erobern können. Wahrscheinlich fühlten wir an der Front ähnlich wie der durchschnittliche deutsche Soldat während des Ersten Weltkriegs. Während wir mit vollem Einsatz gegen den Feind auf dem Schlachtfeld kämpften, verkaufte uns der Feind in unserem Rücken mit einer einzigen Unterschrift.
Sie lehnen die Waffenstillstandsvereinbarung also ab?
Es gibt keine „Waffenstillstandsvereinbarung“.
Sondern?
Armenien hat eine Kapitulation unterzeichnet. Und nur, um es vorwegzunehmen: Fragen Sie mich jetzt nicht danach, wie ich darüber denke!
Was lief aus Ihrer Sicht eigentlich verkehrt in diesem Krieg?
Der Krieg begann ja nicht im Herbst letzten Jahres, sondern bereits 1991, und er hörte niemals auf. Während wir unsere Frontlinie immer mehr befestigten, waren wir naiv, wenn es um das „Hinterland“ ging. Der Feind eroberte uns von innen, nicht von außen. Der Putsch von Paschinjan im Jahr 2018 machte dies quasi möglich. Die Entwicklung war vorgezeichnet.
Wie wird es weitergehen mit Bergkarabach?
Ich kann nicht erkennen, wie die gegenwärtige Situation die Türkei oder Israel zufriedenstellen könnte. Und auch Armenien – ganz offensichtlich! – kann nicht zufrieden sein mit dem jetzigen Zustand. Und ich hoffe, wir werden wieder eine Chance bekommen, entweder zu siegen oder zu sterben. Ich bin mir nur nicht sicher, wann eine solche Chance kommen wird.