Der Tod des Abenteurers, Weltreisenden, Romanciers und kämpferischen Reaktionärs am 13. Juni dieses Jahres fiel mit den bis dahin schlimmsten Ausschreitungen gegen manches Symbol seines vielgeliebten christlichen Abendlandes im Zuge der „Black-Lives-Matter“-Bewegung zusammen; wenig später wurden diese in Frankreich wiederum übertroffen durch mehrere Morde und Enthauptungen, unter anderem in der größten Kirche des einmal mehr einschlägig heimgesuchten Nizza. Derartige Verheerungen hatte Jean Raspail lange vorausgesehen, unermüdlich vor ihnen gewarnt, und war trotz resultierender persönlicher Nachteile unbeugsam und mit heiterer Gelassenheit für die Verteidigung des Eigenen und seine anderen Überzeugungen und Passionen eingetreten: Kleinstvölker kurz vor ihrem Erlöschen, verlorene Sachen und die versprengte Schar ihrer letzten Verfechter sowie, nicht ohne jeden Zusammenhang mit den davor Genannten, das katholische Christentum in seiner unzeitgeistigen Form und das monarchische Prinzip. Von diesen beiden soll hier die Rede sein.
Von Konrad Markward Weiß
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Das Wort soll Jean Raspail selbst, vor allem aber sein Werk haben: An die 40 Bücher, hervorgegangen auch aus Reisen über vier Kontinente – sie ergeben, in den Worten von Martin Lichtmesz, den „Kontinent Raspail“ –, sowie eine solche Fülle an leidenschaftlicher Parteinahme für Gott und König, daß sich die gegenüber der Literatur sonst so verbreiteten geschraubten Interpretationen erübrigen. Dergleichen hatte sich der Schriftsteller stets verbeten und auch wenig Neigung verspürt, sich selbst zu interpretieren: „Alles, was ich zu sagen hatte, ist in meinen Büchern“. Ad fontes!
In einem seiner frühen Werke, „Terres saintes et profanes“ (1960), einem Streifzug durch die Stätten des Evangeliums, gesteht Raspail, „lauwarm im Glauben“ gewesen zu sein: „Zu viele unterschiedliche Riten und Religionen, denen Millionen anhängen, sind in den zehn Jahren, seit ich die Welt durchreise, vor meinen Augen vorbeigezogen, als daß mein Glaube unerschütterlich geblieben wäre“. Und trotzdem: Die Wüste vor den Toren Jerusalems, in die Christus sich zurückgezogen hatte, so „winzig, dass die Sahara, die Kalahari, die Gobi oder sogar die Atacama sie tausendmal enthalten könnten, erdrückt mit einem Gewicht, das keine Wüste der Welt jemals wird wiegen können“.
Dann schlägt Raspail zum ersten Mal deutlich den Akkord aus Katholizismus und Königtum an, auf die heute denkbar verfänglichste Art, indem er das Epos der Kreuzfahrer besingt, insbesondere jenes Königs von Jerusalem besingt, der im Alter von 13 Jahren, bereits schwer von der Lepra gezeichnet, den Thron bestieg und mit 24 Jahren starb: „Balduin IV., der das ganze Jahr über an den Grenzen seines wankenden Königreiches kämpfte, es von Wunden übersät durchritt, halb blind, gefolgt von vierhundert getreuen Rittern und vom Heiligen Kreuz, das von einem Bischof getragen wurde und eine ganze Armee wert war. […] Er, dieser lebenslang Sterbende, hatte das Heilige Land durch die bloße Kraft seines Geistes gehalten, gegen die Moslems und die großen, von Ehrsucht durchdrungenen Feudalherren. Nach ihm brach innerhalb von nur zwei Jahren das Verderben über das Königreich herein, das sich nicht mehr davon erholen sollte“.
Im „Heerlager der Heiligen“ (1973) bricht das Verderben auch über Frankreich herein. Es ist in seinem schneidenden Duktus und der nur durch Galgenhumor abgemilderten Drastik für Raspails Werk insgesamt wenig charakteristisch – und dennoch sein mit Abstand bekanntestes, bis heute millionenfach verkauftes Buch; für seinen von da an im Juste milieu verfemten Autor war es Fluch und Segen zugleich. Den darin dargestellten Staatenlenkern und Kirchenfürsten fehlt das Heroische gänzlich, nicht aber Raspail schon 1973 ein teils beängstigender Weitblick, wie sich spätestens im Sommer 2015 und seitdem erweisen sollte: Der „Stoßtrupp [protestantischer] Pastoren brachte einen heiligen Haß gegen die westliche moderne Gesellschaft mit, sowie eine komplementäre, überschwängliche Liebe zu allem, was ihr schaden konnte. […] Die Nächstenliebe ist eine sehr bequeme Waffe, wenn man versteht, sie selektiv zu verwenden.“
Und die katholische Kirche?
„Der Vatikan hat eine Erklärung Seiner Heiligkeit des Papstes Benedikt XVI. veröffentlicht: […] ‚Wir beschwören unsere Brüder in Jesu Christo, ihre Seelen und Herzen zu öffnen und mit allen ihren materiellen Gütern den Unglücklichen zu helfen, die Gott uns sendet, um an unsere Türen zu klopfen. […] Nächstenliebe darf kein leeres Wort sein‘. […] ‚Was sagt man dazu!‘ sagte der Präsident. ‚Von einem brasilianischen Papst kann man wohl nichts anderes erwarten. Die Kardinäle wollten im Namen der globalen Kirche einen progressiven Papst. Jetzt haben sie ihn. Ich habe ihn gut gekannt, als er noch Bischof war und Europa mit aufwühlenden Schilderungen des Elends in der Dritten Welt geißelte. Ich habe ihm einmal gesagt, daß er aufhören solle, auf der unwürdigen Mutter herumzuhacken, er würde damit am Ende nur ihren Kindern schaden. Wissen Sie, was er mir geantwortet hat? Nur die Armut sei es wert, geteilt zu werden! Nun, er hat sein Wort gehalten.‘“
Im Vorwort einer Neuauflage von 2006 erklärt Raspail ausdrücklich, „daß der hier dargestellte fiktive Papst unter keinen Umständen mit unserem Heiligen Vater Papst Benedikt XVI. verwechselt werden darf, dem ich mein Vertrauen und meine Hochachtung voller Ehrerbietung erweise“, und 2016 auf die Frage, ob Papst Franziskus sich jenem aus dem „Heerlager“ annähere: „Er ist auf diesem Weg, wenn er so weitermacht, in der Tat. Aber noch einmal: Der Papst ist der Papst. Ich will nicht über ihn urteilen, aber er versteht Europa nicht. Er ist ein Amerikaner. Und wie viele Amerikaner, Süd- oder Nord-, mag er Europa nicht. Sie begreifen nicht, wie es funktioniert.“
'Auch in „Die Axt aus der Steppe“ (1974), vom Autor als „Ursprung und Schlußfolgerung des Heerlagers“ bezeichnet, spart Raspail nicht mit Kritik an der nachkonziliaren Kirche und mit Bewunderung für jene jeweils Letzten ihrer Art, auf drei Erdteilen, die sich trotz allem ihre eigene Identität bewahrt hatten – noch:
„1545 […] war Nagasaki Sitz eines äußerst lebendigen römisch-katholischen Bistums, das zehntausende Gläubige zählte. Ihr Bischof: der Heilige Franz-Xaver. Es folgten die Ausweisung der Priester und aller Ausländer, Folter und Tod für die Missionare, die versuchten an Land zu gehen, die systematische Zerstörung aller Glaubensstätten und Kultgegenstände bis hin zu den bescheidensten Heiligenbildchen, das Abschwören der Schwachen, die Verfolgung der Beharrlichen und schließlich Stille und Finsternis. Ihrer Priester beraubt, verschwanden einige Hundert christliche Japaner im Dunkel der Klandestinität und gruben Riten und Gebete tief in ihrem Gedächtnis ein. Sie gaben diese nur mündlich weiter und zelebrierten sie nur bei seltenen, durch Verrat und Denunziation für ihre Gemeinden entsetzlich mörderischen Anlässen. Die Gebete verloren ihren Sinn, das Lateinische wurde bis zur Unkenntlichkeit entstellt und die Riten verkamen zu mitleiderregenden Karikaturen. Es blieben davon nur Worte und Gesten übrig: das Essentielle, das heißt, meiner Überzeugung nach, der Glaube und die Sehnsucht nach dem Heiligen. […]
Als am Ende des langen Tunnels wieder Licht wurde, als die Überlebenden dieser Katakomben und die kürzlich eingetroffenen katholischen Priester einander begegneten, hatten sie Mühe, sich gegenseitig zu erkennen, außer am Kreuzzeichen. So sehr, daß viele der überlebenden Christen in ihre Refugien zurückkehrten, weil sie eine neuerliche Falle des Dämons vermuteten, noch subtiler als jeglicher Verrat, dem ihre Ahnen zum Opfer gefallen waren. Ein weiteres Jahrhundert lang konnte sie nichts wieder aufstöbern. Sie waren nicht mehr bedroht, eher zu sehr umworben von vatikanischen Missionen aller Art […].
Vor Nagasaki, in der Koreastraße, bilden einige unzugängliche Inseln die Nachhut des japanischen Archipels, ein paar Felsen im Sturm. 1956 war ich dort gewesen. […] Fünfzehn Jahre später eroberte die katholische Konzilskirche die Festung. Sie gaben nach. Nach langer Überredung hat man ihnen echte Priester aufgezwungen, vom allerneuesten Modell, mit Garantie, man hat drei Jahrhunderte eines igelgleichen Glaubens ausgelöscht, der mehr wert war als alle elenden Bußübungen zusammen, über die Rom zu Fall kommt. Ach! Die schöne Liturgie, die sie als Prämie obendrauf bekamen! Und das gekonnte Wegzaubern des Glaubens! […] Zur Stunde, wo ich schreibe, hat der taumelnde Papst Paul VI. soeben verkündet, daß gerade weil er Petrus sei, der Nachfolger Petri, er sich als Hindernis empfinden würde, für die zu wünschende Vereinigung der Kirchen und überhaupt sämtlicher Religionen, ob christlich oder nicht. Auch er bereit, sich selbst auszulöschen. In der allgemeinen, irgendwie noch monotheistischen humanitären Kotze, die uns überfluten wird, werden nicht einmal die Altchristen von Nagasaki überleben. Schade! Sie zumindest zweifelten nicht …“
Der Sinn für das Heilige einerseits und das Symbol, die Liturgie, die Haltung, andererseits also: Für Jean Raspail waren das die beiden fundamentalen Elemente des Glaubens, die er auch im persönlichen Gespräch immer wieder bekräftigte: „Im allgemeinen ist das Empfinden für das Heilige immanent oder eben nicht. Ich glaube, eine gewisse religiöse Natur zu haben, das ist alles. Aber ich darf Ihnen mitteilen, daß ich sehr froh bin, katholisch zu sein“. Und: „Man fand sich einem Willen zur Zerstörung der Symbole des Heiligen gegenüber; sprich der Liturgie, der Heiligenverehrung, man ist sehr weit gegangen; […] manche Konsequenzen des Konzils sind überhaupt nicht die, die man ursprünglich gewollt hat; es war überhaupt nicht die Rede davon, das Lateinische völlig aufzugeben, noch davon, den Altar umzudrehen, eine außerordentlich schwerwiegende Sache, die unternommen wurde; jetzt ist man in einer Art Theater, man hat gute Lust, orthodox zu werden […]. Es gab einen ungeheuren Schaden, der angerichtet worden ist, und wenn man den Sinn für das Heilige verliert, haben die Leute keine Lust mehr, eine Religion zu haben – und genau das ist geschehen. […] Warum hat man uns die römische Liturgie genommen […], die schon ganz für sich allein eine Zivilisation ist?“
Immer wieder arbeitet sich Raspail an der Bedeutung von Liturgie und Symbolen – letztlich dem Element der Schönheit – im und für den katholischen Glauben ab: „Die ewige Liturgie ist kein Selbstzweck, sondern bloße Illustration der Tatsache, daß man in der Gegenwart Gottes nicht ohne die Schönheit leben kann“, so in „Les Yeux d’Irène“ (1983); und mit unkonventionellem Zugang fährt er fort: „Hübschen Mädchen begegnet man hier nicht mehr. Ein ganzer Flügel der katholischen Kirche, und nicht der unwesentlichste, jener, der von der Sinnlichkeit herrührte, ist für immer zusammengebrochen. In unseren Tagen besteht keinerlei Zusammenhang mehr zwischen dem katholischen Glauben und der Schönheit der Frauen, und, in weiterer Konsequenz, zwischen dem Glauben und der Schönheit insgesamt.“ In ganz anderem Ton in „Le Jeux du Roi“ (1976): „Der erste Christ, der den genialen Einfall hatte, sich vor den Augen des wachhabenden Zenturios vor dem Palast mit großer Geste demonstrativ zu bekreuzigen, rettete Gott, der seit Jahrzehnten inmitten allgemeiner Gleichgültigkeit darbte. Der Zenturio zog sein Schwert, das Blut des Christen floß und hinterließ das Zeichen. […] Die katholischen Heere töteten, plünderten, schändeten im Namen Gottes. In goldene Gewänder gehüllte Bischöfe segneten die Kämpfer. Man warf die Banner der Besiegten vor den Altären zu Boden. Mönche entzündeten Scheiterhaufen. Die Sünder bedeckten sich mit Asche. Vermummte Büßer schritten durch die Gassen der Städte und hinterließen dabei die Spur ihres Blutes auf dem Pflaster. […] Behelmte Eroberer pflanzten das Kreuz an allen Ecken und Enden der Welt auf. Nichts als Gesten, fürchterliche, großartige. Unvorstellbare Abfolge unsinniger Gesten. Wie hätte man da nicht glauben können? Nach alldem! Das ganze Abendland warf sich nieder, und die halbe Erde mit ihm. Inzwischen haben wir uns beruhigt. […] Heute erkennt man die Pfarrer nicht einmal mehr. Sie haben aufgehört, sichtbar zu sein, und verstecken sich im Grau der Alltagsgesten. Weil wir alle ach so intelligent geworden sind, ist Gott nur mehr ein Konzept. Ein Konzept aber kann auf Haltung verzichten.“
Es wäre allerdings verfehlt, anzunehmen, daß der praktizierende Katholik Raspail nur in fernen Ländern oder Jahrhunderten Geistliche nach seinem Geschmack gefunden und aus der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart der Kirche keine Hoffnung für die Zukunft geschöpft hätte: „Ich weiß, daß es eine Erneuerung gibt und diese Erneuerung weitaus mehr traditionell ist – sagen wir traditionell, um es zu vereinfachen – als irgendetwas anderes. Jedenfalls in der französischen Kirche. Ich bin davon überzeugt, daß die katholische Welt von den Mönchen gerettet werden wird. […] Es ist ein ganzer Strom von Gebeten, der aus diesen Klöstern kommt.“ In „La Miséricorde“ (2018), dem letzten Werk, das der Schriftsteller neu veröffentlichte, bekräftigt er diese Hoffnung: „Die Mönche sind die demütigen Fürsten dieser Welt. Sie werden sie retten“. Hier zeichnet er auch den Alltag der immer selteneren Landpfarrer nach, die unter widrigen Umständen in entlegenen, viel zu großen Gemeindegebieten ihre immer spärlichere Herde mit aufopferungsvoller Hingabe hüten – oft mit mäßiger Unterstützung durch ihre Oberen.
Der raspailsche Erzpriester par excellence findet sich in der „Axt“: „Er stand mit beiden Beinen fest in der Gegenwart und rackerte sich […] bei seiner Arbeit als Priester ab wie ein Krieger des Glaubens. Die Ohrfeigen, die er im Religionsunterricht den Kindern verabreichte, und die Donnerwetter, die er von der Höhe seiner Kanzel auf seine Gläubigen niedergehen ließ – denn er versteifte sich auch darauf, die Kanzel zu erklimmen und dort im Namen des allmächtigen Gottes zu donnern, statt sich zu ebener Erde in Spitzfindigkeiten zu ergehen – hatten ihn paradoxerweise allen sympathisch werden lassen. Den ganzen Tag über klapperte er mit groben Tretern und abgewetzter Soutane die Gegend ab und spendete die Sakramente beinahe mit Gewalt. Er war die Christenheit ganz für sich allein, zuzüglich der zwanzig Bauerntrampel, die ihm beim Gottesdienst mit offenen Mündern lauschten. Ich warf das monatliche [bischöfliche] Bulletin in den Kamin, wo Seine Exzellenz der Bischof sich auf seinem Scheiterhaufen wand. ‚Sieh mal einer an!‘ sagte der Abbé, ‚das ist keine schlechte Idee‘. Er ergriff in einem Winkel seiner Bibliothek die vollständige Sammlung des Bulletins und warf das Ganze in die Flammen, die auf einen Schlag bis in den Rauchfang loderten. Der Abbé rieb sich die Hände vor dem Feuer und tänzelte von einem Fuß auf den anderen. ‚Das erste und das letzte Mal, das Licht und Wärme vom Bistum auf mich kommen‘, sagte er“.
Wiederum verfehlt wäre es allerdings, den streitbaren Christen Raspail als engherzigen katholischen Eisenfresser zu betrachten. In seiner sehr persönlichen „Axt aus der Steppe“ zelebriert der Weltreisende auf den Spuren letzter Menschen hoch in den Anden ein indianisches Ritual: „Man möge nicht zu ergründen suchen, ob ich aufrichtig war oder nicht, als ich vor meinem Huaca psalmodierte. Bei der Niederschrift würde ich es verneinen. Beim Erleben würde ich es bejahen. Ich glaube so sehr an Gott, an die Jungfrau, an alle Heiligen, an alle Bildstöcke am Wegesrand, die Statuen aller Hauskapellen, die Gedenk-, Sühne- und Weihekapellen, alle Votivgaben, das Kreuz auf dem Brot, das Weihwasser, die Handlung des Bekreuzigens, ich glaube so sehr an den Teufel, an die Dämonen, an schwarze und weiße Erzengel, an die doppelte Natur des Menschen, an den Kampf zwischen Gut und Böse, daß ich, wie ein forschender Faust, alle Winde anrufe, in allen Ecken. Man kann nie wissen! Bevor ich sterbe, wird jemand oder etwas sich vielleicht dazu entschließen, mir zu antworten.“
Ebenso unorthodox schildert er in „Der Ring des Fischers“ (1995) den Kreuzweg eines alten Mannes, der sich als letzter Gegenpapst durch Südfrankreich seinem eigenen Ende entgegenschleppt. Mag die Grundprämisse auch schismatisch sein – die schriftstellerische Meisterschaft Raspails bewirkt letztlich dennoch, den entsprechend disponierten Leser im Glauben an die Kirche zu stärken. Zwei Kirchen stehen im Mittelpunkt von „Sire“ (1991): die Kathedrale von Reims und die Basilika von Saint-Denis, Krönungs- und Salbungsort bzw. Grablege der französischen Könige. In dieser mitreißenden Mischung aus historischem Bericht und modernem Märchen mit Anleihen beim Politthriller reitet ein junger Bourbone zu Beginn des 20. Jahrhunderts quer durch Frankreich seiner Bestimmung entgegen. Kenntnis davon wird außer einer Handvoll Getreuer niemand erlangen, und dennoch: Was zu tun ist, ist zu tun, auch und gerade ohne Aussicht auf Erfolg oder bloße Wahrnehmbarkeit – wie so oft im Werk und im Leben Raspails ist es die Haltung, auf die es ankommt.
Detailliert schildert er das hochsymbolische, prächtige Zeremoniell zu Reims – und die abscheuliche Zerstörung und Leichenschändung während „einer sinnbildlichen Episode unserer französischen Revolution: der Plünderung der Gräber von Saint-Denis, auf Anordnung des Nationalkonvents, von 12. bis 25. Oktober 1793, dreizehn Tagen der Schande. […] Womöglich stellte dieser Haß des Volkes eine Art fehlgeleitete Reverenz an die zu Scherben geschlagene Majestät dar. Man haßte Euch so sehr, weil Ihr so lange alles gewesen wart. Mit Eurer Marter ließ man Euch für all das Gute bezahlen, das Euch das Land verdankte, und für die Größe, zu der Ihr es erhoben hattet. […] Es lag etwas auf entsetzliche Weise Heiliges – das unergründliche, plebejische Heilige, jenes, das sich dem Göttlichen widersetzt, jenes, das an Gott zweifeln macht – in der Verbissenheit der Grabschänder, sich wie Termiten mitten durchs Fundament der ersten Jahrhunderte zu graben, so, als sei dies ein neues Recht über Leben und Tod der Vergangenheit, das auf ganz natürliche Weise aus der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte entsprungen wäre.“ Montjoie, „das uralte Banner der Kapetinger-Könige, das der Souverän am Hochaltar von Saint-Denis holen ging, bevor er sich an die Spitze seines Heeres setzte“, stellte für den erklärten Vexillologen Raspail ein Faszinosum und vor allem eine Verbindung zwischen Gott und König dar, in der er die Kirche als bloßen Mittler sah: „Die Krönung und Salbung ist kein Geschäft zwischen der Kirche von Frankreich und dem König. […] Der König steht Gott allein gegenüber.“
Am konzentriertesten finden sich Raspails monarchische Überzeugungen in „Der König ist tot, es lebe der König! Der König jenseits der Meere“ (dt. Antaios 2021). Dort werden ebenso abenteuerliche wie gescheiterte Restaurationsversuche visitiert; dort richtet sich der Schriftsteller an den „Erben von 40 Königen von Frankreich“, deren „Namen eine Litanei bilden, einen beinahe religiösen Gesang, einen Hymnus, in dem sich jene aus weiter Ferne kommenden Klangfarben ineinander schlingen, die zum Crescendo des Schicksals unserer Nation beigetragen haben“. Vor allem aber erhält der solchermaßen adressierte junge Bourbone in diesem höchst unterhaltsamen Monolog Handlungsempfehlungen – nach einer Bestandsaufnahme der tristen Situation des französischen Royalismus, dessen Fundamente dem Thronfolger respektvoll, aber nachdrücklich in Erinnerung gerufen werden: „Das Gottesgnadentum, welches die Könige von Frankreich hervorgebracht hat, ist ein fortgesetzter Strom, der nicht in der Macht des Menschen steht. Es ist für alle Ewigkeit übertragbar unter denjenigen, die Gott erwählt hat. Es kann nicht unterbrochen werden. Man kann die Häupter der christlichen Könige abschlagen, sie verjagen, sie vergessen, die göttliche Gnade strömt dennoch … Überflüssig, es in alle Winde zu rufen. Es würde für den Anfang genügen, daran zu glauben.“
Die „romantische Konzeption“ und Kleinteiligkeit des Heiligen Römischen Reiches schätzte Raspail ebenso wie Österreich und insbesondere Kaiser Franz Joseph – „Ich wäre gern sein Untertan gewesen“ – ganz außerordentlich, mit einem gerade hierzulande interessanten Verweis: „Ihr seid in gewisser Weise der König von Frankreich, Monseigneur, Erbe der ältesten Dynastie Europas, eines ‚Throns‘, auf den Ihr in keiner Weise verzichtet habt – im Gegensatz zu Eurem Vetter Otto von Habsburg, der im Jahre 1963 feierlich alle seine Ansprüche und die seiner Nachkommen in die Hände der Republik Österreich niedergelegt und das Gottesgnadentum über Bord geworfen hat, als er deklarierte, daß er ‚nicht an abstrakte Rechte glaube‘“. Den heute utopischen Charakter einer öffentlichen Berufung auf das Gottesgnadentum gesteht Raspail durchaus zu – aber „wie sonst aus jenem tödlichen Schlaf erwachen, in den die Idee des Königtums versunken ist? Oder, um weniger feierlich zu sprechen, aus dem gemütlichen Alltagstrott bloßen Weiterbestehens, mit dem sie sich begnügt, zwischen einer Seite im „People“-Magazin, irgendwelchen Provinzempfängen und einer Reportage […] in der Glotze?“.
Die Antwort wird im Wege verschiedener Handlungsalternativen gegeben, die allesamt mit einem völligen Rückzug des Thronfolgers aus der Öffentlichkeit und jeglicher Berufstätigkeit beginnen: „Empfang im Schloß von B., Besichtigung der Stadt und des Museums, die jungen Mädchen deuten einen Knicks an, die Herren bedenken Euch mit ihrem Monseigneur, beim Abschiednehmen ruft man „Es lebe der König!“, ein Augenblick starker Gemütsbewegung … aber am Montagmorgen, pünktlich, zu Bürobeginn, mit seinem Aktenkoffer in der Hand, kommt derjenige, der König von Frankreich sein könnte, durch die Tür der Firma, die ihn beschäftigt, legt das Gottesgnadentum gleichzeitig mit seinem Regenmantel an der Garderobe ab und stößt für ein Arbeitsfrühstück zu seinen Kollegen. Schwer durchzuhaltende Dualität, sofern sie auf Dauer angelegt ist. Auf lange Sicht wird das eine das andere verschlingen, und es ist der König, der gefressen werden wird. Es ist kein Wochenend-Hobby, König von Frankreich zu sein, und sei es nur ein König de iure“. Es folgt der Rat, den Weg des Exils zu beschreiten, ein Mysterium um sich zu schaffen und sich auf hochsymbolische Akte zu beschränken. Einen solchen Akt hatte auch Raspail selbst gesetzt, als er am 21. Januar 1993 aus Anlaß des 200. Jahrestags des Justizmordes an Ludwig XVI. am Tatort eine Kundgebung organisierte, zu der sich Zehntausende einfanden, aber keine staatlichen oder kirchlichen Würdenträger Frankreichs – im Gegenteil: Raspail schreibt, er sei „in einer Weise, wie es ihm in seinem gesamten Leben nie zuvor passiert war, von Seiner Exzellenz Kardinal Lustiger zur Schnecke gemacht [worden], den er die Unverfrorenheit gehabt hatte im Wege der Presse um eine Messe für Ludwig XVI. in Notre-Dame de Paris zu ersuchen“.
Aber auch eine über bloße Symbolik hinausgehende, defensive, aber handfeste Strategie schlägt Raspail seinem Prinzen vor – denn wenn die erwähnten Aufstände von „Bonnie Prince Charlie“, der Herzogin von Berry, Mishima und anderen auch gescheitert sein mögen: „Wenigstens hatten sie gelebt. Wenigstens hatten sie in ihrer Jugend versucht, ihre Bestimmung zu erfüllen. […] In der Stunde der Rechenschaft, welche Fragen werdet Ihr Euch da stellen?“ Und stellt seinem königlichen Zuhörer eine weitere, die, so wie Jean Raspails Leben und Werk insgesamt – gerade in unseren Tagen –, weit über den katholisch-monarchistischen Beritt hinausreicht: „Wenn man mich liest, könnte man meinen, daß Ihr für die Vergangenheit steht. Ist es nicht im Gegenteil die Zukunft, die Ihr ankündigt? Im Angesicht der voranschreitenden neuen Welt‚ordnung‘: die Pflicht zum Aufstand.“

Am 3. Juli 2020 gedachten auf Initiative des Vizekonsulats von Patagonien zu Wien Verleger, Freunde und Leser Jean Raspails bei einer Funeralfeier im römischen Ritus in der Wiener Karlskirche mit dem Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart und einem anschließenden Trauerempfang mit Lesungen und Chansons im Ferdinandihof des am 13. Juni im 95. Lebensjahr Verstorbenen.