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Allgemeine Gleichheit

Idee und Wirklichkeit

Gleichheit ist nichts Vorgegebenes, sondern zunächst lediglich rationales Konstrukt, menschliche Vorstellung. Die Natur kennt nur ungleiche Arten, Unterarten und Individuen, keine egalitären, sondern hierarchische Ordnungen. Als Lebewesen, als biologische Gattung unterliegt auch der Mensch der Naturgesetzlichkeit. Gleichwohl hat er die Idee der allgemeinen Gleichheit entwickelt und sie während der letzten Jahrhunderte in begrenztem Maße auch in die Wirklichkeit umgesetzt. Dadurch entstand und entsteht zuvor nicht Dagewesenes – gleichsam ein sekundärer Schöpfungsakt, dessen Umfang und Wirkung allerdings meist bei weitem überschätzt werden.

Von Dr. Ulrich March

 

Das Christentum postuliert die Gottesebenbildlichkeit des Menschen und vertritt daher im Prinzip den Gleichheitsgedanken, ohne jedoch die hierarchische Ordnung der Welt grundsätzlich in Frage zu stellen. – Das Bild des polnischen Malers Henryk Siemiradzki stellt die Christenverfolgung von Kaiser Nero da, der standhafte Gläubige lebendig verbrennen ließ.
Die Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ist bis heute der Wahlspruch der französischen Republik.

Der Begriff „gleich“ wurde von Anfang an auf Personen und Personengruppen bezogen, die sich aufgrund ihrer Herkunft, ihrer soziokulturellen Stellung und ihrer Lebensgewohnheiten ähneln. Früh ausgeprägt war das damit verbundene Zusammengehörigkeitsgefühl beim Adel. So nannten sich die Spartiaten, die Führungsschicht im antiken Sparta, ausdrücklich „die Gleichen“. Später erwuchsen auch bei Bauern, Bürgern und der Arbeiterschaft aus persönlicher Nähe und gemeinsamer Interessenlage Genossenschafts- und Identitätsbewußtsein. Entsprechendes gilt nicht nur in gesellschaftlich-vertikaler, sondern durchweg auch in ethnisch-horizontaler Hinsicht, also für Siedlungsverbände, Stämme und Völker. Große Bedeutung gewann die Vorstellung von menschlicher Gleichheit erstmals um die Mitte des 1. vorchristlichen Jahrtausends. In Athen und anderen griechischen Stadtstaaten strebte man damals „Isonomia“ an, eine „Ordnung staatsbürgerlicher Gleichheit“ (Ch. Meyer), die gleiche Teilhabe aller Bürger an politischen Entscheidungen ermöglicht. Von den drei logisch denkbaren Herrschaftsformen – einer, eine Minderheit oder das Volk regiert – kam damit die dritte ins Spiel. Schon bald wurde das demokratische Prinzip rigoros gehandhabt, indem man öffentliche Ämter nach dem Losverfahren und immer nur auf kurze Zeit vergab. Die Verfassungswirklichkeit sah allerdings anders aus, da nur alteingesessene Männer politische Rechte hatten, die übergroße Mehrheit der Bevölkerung also ausgeschlossen blieb, nicht nur Frauen, Sklaven und Fremde, sondern auch die zahlreichen Neubürger.

Bald wurde dann der Begriff „gleich“ bereits auf die gesamte Menschheit bezogen, nämlich von der Stoa, einer seit dem 3. Jahrhundert vor Christus aufkommenden philosophischen Lehre, die vor allem dadurch Bedeutung erlangte, daß sie die römische Führungsschicht in besonderem Maße ansprach. Dank seiner geistigen Befähigung, so ihre Grundvorstellung, hat der Mensch teil an der göttlichen Weltvernunft, dem alles durchwaltenden „Logos“, und damit auch die Verpflichtung, sich dessen durch entsprechendes Verhalten würdig zu erweisen. Die Gleichheit der Menschen ist also doppelt begründet, metaphysisch und ethisch. Im weiteren Verlauf der Antike erwuchs hieraus das Ideal der „Humanitas“, des freien, sich selbst bestimmenden Menschen, der die Möglichkeit und die Pflicht habe, seine Anlagen in vollem Umfang zu entwickeln.

Vom 4. nachchristlichen Jahrhundert an bestimmte dann das Christentum die europäische Geistesgeschichte, das vom Judentum die Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit übernommen hatte. In seiner Kernbotschaft – Menschheitserlösung, Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe – kommt der Gleichheitsgedanke deutlich zum Ausdruck: „Einer ist euer Meister, ihr aber seid alle Brüder.“ Damit wird eine Sonderstellung des Menschen, eine allen gemeinsame Würde nicht politisch oder philosophisch, sondern religiös begründet. In gesellschaftlicher Hinsicht trug die Kirche allerdings zur Stabilisierung der Ungleichheit bei, indem sie die diesseitige hierarchische Ordnung stützte und ein gerechteres Jenseits verkündete. Bis zur frühen Neuzeit strebten lediglich einige sektiererische Gruppen, so die südfranzösischen Katharer oder die Münsteraner Wiedertäufer, reale Gleichheit bereits im diesseitigen Leben an. Im Unterschied zum Mittelalter war das Renaissancezeitalter anthropozentrisch orientiert. Die Humanisten verbreiteten unter Rückgriff auf die Antike die Idee einer jedem einzelnen zukommenden, nicht auf den religiösen Bereich beschränkten Würde, die sich ausschließlich aus dem Menschsein ergebe. „Du allein hast eine Entwicklung, ein Wachsen nach freiem Willen, du hast Keime eines Lebens in dir, das aller Art sein kann“, heißt es in Pico dela Mirandolas „Rede über die Menschenwürde“ (1486). Das Renaissanceideal des „Uomo singolare“ widerspricht freilich in kultureller Hinsicht jeder Form „allgemeiner“ Gleichheit.

Ihren eigentlichen Durchbruch erlebte die Gleichheitsidee im 18. Jahrhundert. Zwar blieb die fürstliche Alleinherrschaft vorerst erhalten, und die beginnende Industrialisierung hatte neue soziale Ungleichheiten im Gefolge. In der Epoche des „aufgeklärten Absolutismus“ vollzog sich jedoch ein grundsätzlicher Wandel des Staatsverständnisses, der die Entwicklung zu einer egalitären politisch-sozialen Ordnung anbahnte. Der einzelne Mensch wurde nicht mehr ausschließlich als Untertan und Objekt staatlichen Zugriffs, sondern auch als eigenständige Person verstanden, der eine gewisse Freiheit des Denkens und Handelns zuzubilligen sei, nicht nur aus ethischen Gründen, sondern auch in wohlverstandenem Gesamtinteresse. In einer ganzen Reihe europäischer Staaten waren schon in vordemokratischer Zeit Rechtsgleichheit und allgemeine Glaubens-, Gewissens- und Meinungsfreiheit im Prinzip gewährleistet. Nachdem bereits infolge der Erfindung des Buchdrucks und im Zuge der Reformation der Alphabetisierungsgrad beträchtlich angestiegen war, wurde jetzt nahezu überall die Schulpflicht eingeführt, eine Voraussetzung für das bald danach aufblühende Bibliotheks- und Pressewesen und damit für die Teilhabe größerer Bevölkerungskreise am geistig-sozialen Austausch.

Unter der Parole „Liberté, égalité, fraternité!“ erhob dann die Französische Revolution politisch-soziale Gleichheit zum verbindlichen politischen Ziel. Es begann eine Epoche, die durch Ausweitung, Radikalisierung und Realisierung der Gleichheitsidee gekennzeichnet war und deren Ende sich bis heute noch nicht absehen läßt. Aus einem Ordnungsprinzip wurde ein konkretes Programm für immer mehr Lebensbereiche, aus einer Leitvorstellung ein Dogma, aus der Idee eine Ideologie. Gleichheitsanhänger nehmen seither für sich wie selbstverständlich Andersdenkenden gegenüber eine höhere politische Moral in Anspruch – die Geburt des Gutmenschentums unserer Tage. Der Widerstand gegen die neuen, revolutionären Gleichheitsideen läßt sich nicht einfach dadurch erklären, daß bis dahin Privilegierte um ihre Besitzstände fürchteten. Beiden Seiten ging es zwar auch, aber nicht nur und häufig nicht einmal in erster Linie um handfeste Interessen, sondern um grundsätzliche, tief verankerte Überzeugungen. Rund anderthalb Jahrhunderte nach Beendigung der Religionskriege standen sich wieder zwei Parteien mit Ausschließlichkeitsanspruch gegenüber, die im jeweils anderen nicht den Gegner sahen, mit dem man sich auseinanderzusetzen, sondern den Feind, den man zu vernichten hatte.

Schon immer hat es von der Machbarkeit einer besseren Welt überzeugte Menschen gegeben, zugleich aber auch andere, die solchen Hoffnungen eher mit Skepsis begegnen und sich lieber am traditionell Bewährten orientieren. Diese Unterschiede luden sich zu Beginn der späten Neuzeit mit neuer politischer Sprengkraft auf. Seither stand das öffentliche Geschehen im Zeichen der Auseinandersetzung zwischen zwei konträren Lagern, für die wenig später die Bezeichnungen „konservativ“ und „progressiv“ üblich wurden. Diese Lager unterschieden sich hauptsächlich in ihrer Einstellung zur Gleichheitsidee, die damit zu einem entscheidenden Kriterium politischer Standortbestimmung wurde. Nach der Sitzordnung der ersten französischen Nationalversammlung, der die anderen Parlamente folgen, spricht man auch von „Rechten“ und „Linken“. Das Rechts-links-Schema ist zwar immer wieder in Frage gestellt und als „Gesäßgeographie“ verspottet worden, hat sich aber bis heute zäh gehalten. Nach der napoleonischen Ära und einer kurzen Phase der Restauration gewannen sowohl die freiheitlichen als auch die radikalen Ideen der Französischen Revolution politisch weiter an Boden. Progressive Bewegungen, in erster Linie der Liberalismus und der gemäßigte Sozialismus, bereiteten den Weg zur parlamentarischen Demokratie; mit dem Marxismus kam aber auch die radikale, auf Umsturz und Gewalt setzende Variante ins Spiel, die ihrerseits nun zur Gefahr für ebendiese Staatsform wurde.

Anders als in den Vereinigten Staaten, wo die Demokratie seit 1776 unangefochten war, begann sie sich in den meisten Staaten Europas erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs durchzusetzen. Erst 1945 wurde sie in Westeuropa und im westlichen Mitteleuropa Regelstaatsform, erst um 1990 auch in weiten Teilen des ehemaligen Ostblocks. In Asien und Südamerika hat sie sich dagegen bis heute nur begrenzt, in Afrika so gut wie gar nicht durchgesetzt. Auch die Egalisierung der Gesellschaft verlief zunächst zögerlich. Der Adel bewahrte lange seine Vorrangstellung, die Massenarmut auf dem Lande und in der Industriearbeiterschaft schwand nur allmählich, Bildungs- und Besitzunterschiede dauerten an. Auch die Teilhabe der Frau am öffentlichen Leben blieb lange stark eingeschränkt. Das änderte sich erst im 20. Jahrhundert, nicht zuletzt als Folge der Weltkriege, in deren Verlauf Millionen Frauen Aufgaben übernahmen, die zuvor den Männern vorbehalten gewesen waren. Beide Weltkriege wirkten auch in anderer Hinsicht egalisierend, da geglaubte Besitzstände sich als hinfällig erwiesen: Das Geld verlor seinen Wert, Wohnungseigentum wurde zerstört, Grund und Boden enteignet, Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts verschwanden in Europa und weiten Teilen der Welt die Reste der alten, geburtsständischen Ordnung. An ihre Stelle trat die offene Leistungsgesellschaft, die, zumindest im Prinzip, niemanden vom Zugang zur Bildung, von beruflicher Tätigkeit, vom öffentlichen Diskurs und von politisch-sozialer Teilhabe ausschließt.

François Babeuf gilt als erster Kommunist. Die von ihm begründete „Verschwörung der Gleichen“ bereitete einen Aufstand gegen die in Frankreich nach dem Sturz Robespierres herrschende Regierung des Direktoriums vor, der jedoch enttarnt wurde. Babeuf wurde im Mai 1797 hingerichtet.

Gewinn

Gleichheit als Idee setzt geistige Fähigkeit, in der Wirklichkeit die Möglichkeit zu planmäßigem Handeln voraus. Egalität und Rationalität stehen in engem Zusammenhang zueinander. Nicht zufällig ist der Gleichheitsgedanke aus der vernunftbetonten Kultur des Abendlandes erwachsen, nicht zufällig gewinnt er im Aufklärungszeitalter seine heutige Bedeutung. Seit jeher fühlen sich Intellektuelle von egalitären Entwürfen besonders angesprochen. Von einer bestimmten Entwicklungsstufe an regeln anerkannte Normen und bilaterale Absprachen das menschliche Zusammenleben. Das setzt ein Mindestmaß an Gleichheit voraus, jedenfalls Zugehörigkeit zum normengebenden Gesellschaftsverband beziehungsweise wechselseitige Vertragspartnerschaft. Respekt voreinander schafft die Grundlagen für ein zivilisatorisches Miteinander. Auch Tiere können, wie etwa die Beißhemmung gegenüber Artgenossen zeigt, einander respektieren, doch ist ihr Verhalten instinktgesteuert und artgemäß festgelegt. Beim Menschen kommt jedoch mit der Gleichheitskonstruktion ein rationales Element ins Spiel, das es gestattet, den Umgang miteinander aktiv zu gestalten und zu variieren. Gleichheit bedeutet damit schon in frühester Zeit eine kulturelle Errungenschaft.

Im Verlauf der Geschichte hat sich die Gleichheitsidee zunächst in geistig-religiöser, in der Neuzeit auch in politisch-gesellschaftlicher Hinsicht als außerordentlich wirksam erwiesen. Geburtsständische Gesellschaft und monarchisches Gottesgnadentum sind verschwunden, Macht und Mythos von Adel und Krone nur noch ferne Erinnerung. Niemand muß mehr tiefgebeugt vor anderen den Hut ziehen, einstige Herren und einstige Knechte stehen sich insoweit gleichberechtigt gegenüber, als sie sich gleichermaßen in der modernen Leistungsgesellschaft bewähren können. An die Stelle der Fürstenherrschaft ist die Volkssouveränität getreten, die in der demokratischen Mitwirkung aller Bürger zum Ausdruck kommt.

Diese grundlegende Veränderung der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse beruht wesentlich darauf, daß der bereits in der Antike postulierte humane Wert der Menschenwürde seit der frühen Neuzeit immer stärkere Geltung erlangt hat. Menschenwürde hängt, da jedem einzelnen in gleicher Weise eignend, eng mit der Gleichheitsidee zusammen. Menschenwürde und Menschenrechte, offene Gesellschaft und demokratische Staatsform, Rechts- und Chancengleichheit, persönliche Freiheit und Selbstbestimmung stellen eindeutige Errungenschaften der Menschengeschichte dar. Der Grad ihrer Verwirklichung bestimmt heute das Niveau der jeweiligen politischen Kultur.

Grenzen

Gleichheit ist, als Idee und als Wirklichkeit, Menschenwerk und schon von daher stets unvollkommen. Absolute Gleichheit unter zwei oder mehr Personen gibt es nicht; der Begriff „gleich“ ist daher relativ. Gleichheit läßt sich immer nur näherungsweise verwirklichen. Da entsprechende Mängel oder Grenzen in merkwürdigem Gegensatz zu der Aufnahmebereitschaft stehen, die der Gleichheitsidee im allgemeinen entgegengebracht wird, werden manche Umstände oder Folgen von Egalisierungsbestrebungen gern übersehen oder verdrängt, bewußt heruntergespielt oder schöngeredet. Der Hauptgrund dafür, daß es totale Gleichheit unter Menschen nicht gibt und nicht geben kann, ist die Tatsache, daß der Mensch als Lebewesen, als biologische Gattung, den Naturgesetzen unterliegt, die dem Gleichheitsprinzip strikt zuwiderlaufen. Im Augenblick der Zeugung, mit der Vereinigung von Ei- und Samenzelle, erhält jeder einzelne einen spezifischen, nur ihm eigenen genetischen Code, der sein Geschlecht und die Bandbreite seiner körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklungsmöglichkeiten bestimmt. Dieser Code wirkt schicksalhaft, indem er zwar nicht den Ablauf, wohl aber die Rahmenbedingungen des Lebens absteckt – ungeachtet aller späteren Umwelteinflüsse.

Die Unterschiedlichkeit der Geschlechter beispielsweise läßt sich verringern, aber nicht aufheben, ihr Verhalten allenfalls angleichen. Ungeachtet aller gegenteiligen Bemühungen entscheiden sich Mädchen mehrheitlich für erzieherische und pflegerische, weniger für handwerkliche und technische Berufe. Im Leben wie im Beruf zeigen Frauen weniger Sinn für Rangordnungen und harte Auseinandersetzungen als Männer, dafür aber für Moderation und harmonisches Miteinander. Die vielfach als Skandal empfundene Tatsache, daß sich berufliches Durchschnittseinkommen und Aufstiegsmöglichkeiten von Männern und Frauen oft unterscheiden, erklärt sich unter anderem aus solchen unterschiedlichen Veranlagungen und dem durch Mutterschaft und Kindererziehung bedingten und daher oft geringeren beruflichen Engagement vieler Frauen, ohne daß man ideologische oder konspirative Deutungsmuster heranzuziehen braucht. Trotz aller Bemühungen um gesellschaftliche Egalisierung gibt es nach wie vor Arme und Reiche, Erfolgreiche und Erfolglose, Gebildete und Ungebildete, relativ selbständig Handelnde und mehr oder weniger Abhängige. Einkommens- und Besitzverhältnisse klaffen nach wie vor weit auseinander. In Zeiten von Kriegen und Revolutionen pflegen sich die Unterschiede zwar etwas abzumildern, doch hat sich der vorherige Zustand bisher immer schnell wiederhergestellt, so im größten Teil Europas nach 1945, im Osten des Kontinents nach 1990. In Deutschland erwirtschaften heute trotz egalisierender Steuergesetzgebung ein Prozent Spitzenverdiener ein Sechstel des Gesamteinkommens. Ähnlich sieht es bei allen großen Wirtschaftsnationen aus, auch im kommunistischen China, wo sich neben den Einkommens- auch die Vermögensunterschiede seit Jahren in geradezu dramatischer Weise vergrößern.

Die moderne Gesellschaft ist nach wie vor horizontal wie vertikal stark gegliedert. Denn an die Stelle alter Grenzen und Zwänge sind neue getreten, Standeshierarchien wurden durch Funktionshierarchien ersetzt, durch wirtschaftliche oder kulturelle Eliten und politisches „Establishment“. Nach wie vor gibt es Einflußreiche und Einflußlose, Anordnende und Ausführende, „Oben“ und „Unten“. Die Idee der politischen Gleichheit hat sich in der heutigen repräsentativen Demokratie nur begrenzt realisieren lassen. Der gleichwertigen oder gar gleichen Teilhabe der Bürger an politischen Entscheidungen stehen erhebliche Unterschiede des Macht- und Gestaltungswillens und entsprechender Bereitschaft entgegen. Angesichts der Unmöglichkeit, Millionen von Menschen an einer Stelle zu versammeln, ist an die Stelle der direkten Demokratie fast überall das Repräsentativsystem getreten, in dem der Volkswille nur mehr indirekt, über gewählte Parlamente zur Geltung kommen kann. Demokratie hat damit viel von ihrer Unmittelbarkeit verloren. Die Mitwirkung der meisten Bürger beschränkt sich darauf, alle paar Jahre einen Wahlzettel anzukreuzen. Viele Stimmberechtigte, selbst in demokratischen Musterstaaten wie der Schweiz oder den USA, verzichten auch darauf. Politik ist heute, zumal auf überörtlicher Ebene, nahezu ausschließlich Parteipolitik. Wer etwas bewegen und gestalten möchte, tritt in eine Partei ein – ein einstelliger Prozentsatz der Bevölkerung. Von dieser kleinen Minderheit hat wiederum nur ein winziger Anteil, nämlich Spitzenfunktionäre, Abgeordnete und vor allem Regierungsmitglieder, wirklichen Einfluß auf das politische Geschehen.

 

Totale Gleichheit unter Menschen gibt es nicht und kann es nicht geben, schon durch ihre Erbanlagen unterscheiden sich Menschen voneinander. Auch im Christentum gibt es im Endeffekt keine Gleichheit zwischen dem Heiligen und dem Sünder, dem Mörder und seinem Opfer. – Judas verrät Christus mit einem Kuß, Fresko aus dem 14. Jahrhundert.
Gleichheitsideen, die sich gegen natürliche Gegebenheiten richten, lassen sich nur mit erheblichem Aufwand verwirklichen und richten dauerhaften gesellschaftlichen Schaden an. Auch befördert das Gleichheitsstreben den mit Recht geächteten Neid. – Allegorische Darstellung des Neides in einem Fresko von Giotto.

Schaden

Gleichheitsideen, die sich gegen natürliche Gegebenheiten und Abläufe richten, lassen sich nur mit erheblichem Aufwand verwirklichen. Erstens muß zunächst einmal die Akzeptanz für Egalisierungsmaßnahmen geschaffen werden, zweitens müssen diese geplant und durchgeführt werden, und drittens bedarf es ständiger Kontrolle, Überwachung und Korrektur der neuen Wirklichkeit. Für die propagandistische Vorbereitung gleichheitsfördernder Aktionen werden Politiker und Publizisten benötigt, für die Errichtung und das dauerhafte Funktionieren entsprechender Einrichtungen Angehörige des öffentlichen Dienstes. Pflegekräfte und Betreuer, Sonderschullehrer und Sozialarbeiter kümmern sich um Benachteiligte, Finanzbeamte ziehen unter anderem progressive Einkommens-, Börsen-, Kapital-, Kapitalertrag- und Luxussteuern ein, Polizisten und Richter sorgen für die Einhaltung entsprechender Gesetze. Zusammengenommen sind dies Millionen, die zumindest einen Teil ihrer Arbeitskraft auf Egalisierungsmaßnahmen verwenden. Daneben sind zahllose Stellen geschaffen worden, deren Inhaber ausschließlich für diese Zwecke tätig sind, etwa die für Betriebe, Dienststellen oder ganze Kommunen zuständigen Gleichstellungsbeauftragten oder die Genderprofessorinnen, von denen inzwischen allein an deutschen Hochschulen rund 250 tätig sind, für die die öffentliche Hand Monatsgehälter in Millionenhöhe aufzubringen hat.

Dauerhafter gesellschaftlicher Schaden ergibt sich auch aus dem Umstand, daß Nivellierung im allgemeinen mit Leistungsminderung verbunden ist. Betroffen sind vor allem Wirtschaft und Bildungswesen. Egalisierende Bestimmungen zu Preisen, Löhnen oder Arbeitszeiten wirken sich – wie alle politisch begründeten Eingriffe in betriebliche Interna – keineswegs immer positiv auf die Produktivität und die Effizienz von Wirtschaftsunternehmen aus. Dies gilt auch für die Frauenquote bei der Einstellung oder Beförderung von Mitarbeitern und der Besetzung der Aufsichtsräte. Derartige Regelungen richten sich gegen das Leistungsprinzip und damit gegen einen wesentlichen gesellschaftlich-politischen Grundsatz der Moderne. Womöglich noch größer sind die im Bildungswesen angerichteten Schäden. Daß Heranwachsende nach Befähigung, Lernverhalten und Auffassungsgabe höchst unterschiedlich sind, ist unbestritten. Daher hat man sich lange für differenzierte Schulsysteme mit homogenen Lerngruppen entschieden. Seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts strebt man jedoch zunehmend genau das Gegenteil an, nämlich integrierte Schulsysteme mit heterogenen, möglichst lange zusammenbleibenden Lerngruppen, neuerdings sogar die vollständige „Inklusion“, den gemeinsamen Unterricht für alle Schüler vom Hochbegabten bis zum geistig Behinderten. Man verspricht sich davon positive soziale Effekte, ordnet also die pädagogische Zielsetzung einer gesellschaftspolitischen unter. Weniger begabte oder befähigte Jugendliche erleben damit in einer Zeit, die für die Persönlichkeitsbildung entscheidend ist, ständig und nachdrücklich die Überlegenheit anderer. Das staatliche Bildungssystem läßt hier gerade die schwächsten seiner jungen Bürger im Stich. Ein so beschaffenes Bildungssystem hat entgegen den Intentionen seiner Befürworter also ausgesprochen unsoziale Auswirkungen; es trägt letztlich zur Stabilisierung gesellschaftlicher Ungleichheit bei.

Neben dem erforderlichen personellen und finanziellen Aufwand und den wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Verlusten leistet der Egalisierungsprozeß schließlich dem gesellschaftsschädlichen, daher mit Recht geächteten Neid Vorschub. Der Neider möchte Werte lieber zerstört wissen, als sie anderen zu gönnen. Die differenzierte vormoderne Gesellschaft bot kaum Gelegenheit für sein destruktives Wirken, da in ihr jeder seinen festen Platz hatte und sie überdies Neidvermeidungsmechanismen entwickelt hatte, etwa die Lehre, daß die bestehende Ordnung gottgewollt sei und im Jenseits alle irdische Ungerechtigkeit aufgehoben werde. Das Zeitalter allgemeiner Gleichheitsideen aber eröffnete dem Neider neue Chancen, denn Neid und Gleichheitswille haben als gemeinsame Ursache das Unbehagen an der Ungleichheit. Neider, die sich gezwungen sehen, die Motive ihrer Haltung und ihres Handelns nach außen hin zu verschleiern, haben nunmehr die Möglichkeit, sich auf das Gleichheitsideal zu berufen, unter der Maske der Lauterkeit das eigene Anliegen ins Spiel zu bringen und an entsprechende Gefühle und Wünsche anderer zu appellieren. Neid erhält damit ein Einfallstor, das ohne die Gleichheitsidee verschlossen bliebe.

Gefahren

Verwirklichung von Gleichheit birgt Gefahren für die persönliche Selbstbestimmung und bedroht damit die geistige und politische Freiheit. Zwar werden Freiheit und Gleichheit seit 1789 vielfach in einem Atemzug genannt; tatsächlich bestehen ja auch manche Zusammenhänge. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß beide Ideen einander letztlich widersprechen. Totale Freiheit und totale Gleichheit schließen einander aus. Gleichheit kommt durch Eingriff in den natürlichen Ablauf der Dinge zustande. Das kann in allgemeinem Einvernehmen geschehen, durch freien Beschluß der Beteiligten. Häufig ist allerdings Zwang erforderlich, wobei die Skala der Möglichkeiten von sanfter Steuerung über massiven Druck bis zu blankem Terror reicht. Entsprechend verengen sich die Spielräume, verringern sich Denk- und Handlungsfreiheit. Das Problem konnte sich nicht stellen, solange die überkommene gesellschaftliche und politische Ungleichheit nicht ernsthaft in Frage gestellt wurde. Beim ersten Versuch jedoch, „Liberté“ und „Égalité“ zugleich zu verwirklichen, mußte die Unvereinbarkeit deutlich werden: „Gesetzgeber oder Revolutionäre, die Gleichheit und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Charlatans.“ (Goethe)

Geradezu exemplarisch zeigte sich die Unvereinbarkeit von Freiheit und Gleichheit bereits im Verlauf der französischen Revolution. Unter der Diktatur Robespierres galt jeder als todeswürdig, der in den Verdacht geriet, dessen radikal-egalitäre Politik nicht vorbehaltlos zu billigen. Die Guillotine wurde zum grausigen Symbol der „Égalité“, der Tod zum großen Gleichmacher. Unter Berufung auf die Gleichheitsidee steigerten dann die kommunistischen Diktaturen den in der Französischen Revolution entwickelten Staatsterror zur systematischen Verfolgung ihrer Gegner und zu millionenfachem Massenmord. Laut „Schwarzbuch des Kommunismus“ forderte dieser größte Menschenversuch der Geschichte in weniger als einem Dreivierteljahrhundert mehr als 100 Millionen Tote. Wenn auch die Folgen in totalitären Staaten besonders schrecklich sind, wirkt die freiheitsfeindliche Wirkung egalitärer Bestrebungen auch in freiheitlichen Demokratien. Auch hier kann die persönliche Selbstbestimmung auf dem Gesetzesweg eingeschränkt oder partiell aufgehoben werden. Für Betroffene hat es den gleichen Effekt, ob dies durch Führerbefehl, Politbürobeschluß oder parlamentarische Mehrheitsentscheidung erfolgt. Immer wieder ergeben sich überdies Ausnahmesituationen, so etwa die 2020 aufgetretene Corona-Krise, in denen die Exekutive dazu neigt, auch von der Verfassung garantierte Rechte, etwa Freizügigkeit oder Versammlungsfreiheit, aufzuheben und die an sich geschützte Privatsphäre zu verletzen.

Häufiger und gefährlicher sind allerdings Freiheitsbeschränkungen, die auf andere Weise zustande kommen. Auch in modernen Demokratien herrscht vielfach ein Konformitätsdruck, der schon bald nach deren Aufkommen beobachtet worden ist. Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb Alexis de Tocqueville über die Demokratie in Amerika: „Dieser unauslöschliche und immer flammendere Haß der demokratischen Völker gegen die geringsten Vorrechte begünstigt die schrittweise Konzentration in eine Staatsgewalt außerordentlich. Ich kenne kein Land, in dem im allgemeinen weniger geistige Unabhängigkeit und wirkliche Diskussionsfreiheit besteht als in Amerika.“ Diese Gleichförmigkeit der öffentlichen Meinung hat sich im Zeitalter der Massenmedien, der sozialen Netze und „Echokammern“ erheblich verstärkt. Auch hochkomplexe Gegenstände werden oft vergröbert dargestellt und einseitig beurteilt, wobei sich diese Tendenz in den letzten Jahren noch einmal deutlich verstärkt hat. Sie betrifft auch und gerade die Gleichheitsidee, die vielfach uneingeschränkt und kritiklos bejaht wird.

Publizisten, Literaten und Kritiker, die mehrheitlich den Gleichheitsgedanken vertreten, üben erheblichen Einfluß auf Sprache und Denken der Menschen aus. Egalitäre Begriffe und Strukturen („Partnerschaft“, „sozial“, „solidarisch“, „Common sense“) werden positiv, gegenteilige negativ oder mit ironischer Distanz konnotiert („Krautjunker“, „höhere Tochter“, „nach Gutsherrn Art“). Noch weiter gehen Bestrebungen, neue, ausschließlich positiv besetzte Begriffe einzuführen. Mit Wendungen wie „Gendermainstreaming“ (engl. „main“ = „hauptsächlich“, „maßgeblich“) oder „Political Correctness“ beansprucht man die Deutungshoheit in wesentlichen politischen Fragen, indem man die eigene Ansicht zur einzig gültigen erklärt. Auffällig ist, daß auch Leute, die sich selbst als kritisch betrachten, solchen und ähnlichen Anmaßungen so wenig entgegentreten, vielfach sogar die Gleichheitsidee zur eigenen Glaubenssache erheben. Bereits Robespierre feierte im Zeichen von Aufklärung, Gleichheitskult und Terror die Göttin der Vernunft. Der angeblich wissenschaftlich fundierte Marxismus kennt sakrosankte Texte und kultische Rituale. Heutige Intellektuelle treten als Missionare und Ketzerverfolger auf. Auch Rationalität kann zum Mythos werden.

Ergebnisse

Die Idee der allgemeinen Gleichheit hat sich als wirkmächtige historische Kraft erwiesen und ausgehend von Europa vor allem in den letzten Jahrhunderten das Denken und Handeln der Menschen zunehmend bestimmt. Sie hat unsere geistige und politische Welt grundlegend geändert: Vorstellungen und Ordnungssysteme, die für alle Ewigkeit begründet schienen, sind neuen Denk- und Wertesystemen sowie anderen gesellschaftlichen Strukturen gewichen, die ebenfalls Dauer beanspruchen. Sicherlich stellt eine auf den Prinzipien von Gleichheit und Menschenwürde beruhende Ordnung im Vergleich zu vorangegangenen Geschichtsepochen eine Verbesserung dar. Sie war und ist freilich bis heute mit beträchtlichen Defiziten und irritierenden Begleitumständen verbunden. Die Idee Gleichheit verkommt leicht zur Ideologie und läßt sich grundsätzlich nur in begrenztem Ausmaß realisieren, mit Kosten und Verlusten, Schäden und Gefahren. Im Namen der Gleichheit sind Menschen erniedrigt, ihrer Freiheit beraubt, gequält und ermordet worden. Auch in demokratischen Rechtsstaaten und unter freiheitlichen Rahmenbedingungen kann Egalisierung die persönliche und politische Selbstbestimmung beeinträchtigen.

Einerseits werden Höchstwerte menschlichen Daseins verwirklicht, andererseits verzerrt oder verletzt. Kein Wunder, daß sich an der Frage der Gleichheit die Geister scheiden. Im nachhinein ist zunächst Abgelehntes immer wieder akzeptiert worden, etwa die demokratische Staatsform mit gleichen Bürgerrechten. Andererseits hat man sich bei Egalisierungsprozessen mit dem Erreichten nie zufriedengegeben und die Messlatte immer höher gelegt. Denn jeder Erfolg läßt weitere Ungleichheiten deutlich werden, zu deren Beseitigung im Interesse sozialer Gerechtigkeit nun erneut aufgerufen wird. Um persönliche und politische Gleichheit, insbesondere um ein angemessenes Verhältnis zwischen Gleichheit und Freiheit, wird auch in Zukunft gerungen werden.

 
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