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Wenn ich es unternehmen darf, Ihnen einige Bemerkungen über die Sprache als Ausdruck der Nation vorzutragen, so erlauben Sie mir, mich zunächst einmal, scheinbar ohne Ansehung ihrer eigentlich nationalen Bestimmtheit, dem Geheimnis und der Gewalt der menschlichen Sprache überhaupt zuzuwenden. Vielleicht gelingt es mir aber, gerade von dorther auch unserem weiteren Thema einiges an Licht und Gewicht zuwachsen zu lassen.
Von Paul Alverdes
Es sei mit einer ganz allgemeinen Bemerkung begonnen. Es scheint zum Wesen des Menschen zu gehören, daß ein jedes tiefere Nachsinnen über sich selbst, welchem Zusammenhang auch immer es gelte, ihn am Ende ganz unausweichlich an die Grenzen seiner selbst, vor das Unausforschliche und Unerklärbare führt. Dazu gehört auch seine Eigenschaft, eine Sprache zu haben und sprechen zu können. Auf einen flüchtigen Blick hin freilich mag das nicht weiter verwunderlich erscheinen, vielmehr so simpel und natürlich, wie daß wir atmen und daß wir sehen und gehen und hören können. Jedenfalls scheint sich hinter einer täglich und stündlich, und in der Regel unachtsam genug geübten Funktion von Geheimnissen und gar von Gewalt nicht mehr zu verbergen, als hinter jenen anderen mit der körperlichen Beschaffenheit des Menschen zusammenhängenden Übungen und Gaben auch.
Es kann nun nicht meine Aufgabe sein, mich mit Ihnen in die verschiedenen Lehren und Anschauungen zu vertiefen, welche der Mensch, von alters her schon, über den Ursprung der Sprache entwickelt hat. Es genüge für unseren Zusammenhang, daß auch eine Mutmaßung ihres übernatürlichen, ihres göttlichen Ursprungs nicht erst seit der christlichen Erschaffungslehre immer wieder aufgetaucht ist; während auf eine solche Anschauungsweise, was die Eigenschaften des Hörens und Sehens und des aufrechten Ganges angeht, eigentlich niemand hat kommen mögen. Nun versteht sich, daß die abendländische Wissenschaft, vorzüglich des vergangenen Jahrhunderts, uns auch Lehren von dem Ursprung und der Ausbildung der menschlichen Sprache entwickelt hat, nach welcher es auch hier eigentlich nichts mehr, oder so gut wie nichts mehr, zu rätseln und zu wundern gibt. Danach ist der Mensch zu seiner Sprache gekommen, wie zu vielen anderen seiner allmählich erworbenen Eigenschaften und Fähigkeiten auch. Er hat sie in einem auf ungeheure Zeiträume verteilten Prozeß aus Urlauten, welche ihm wie dem Tiere eigentümlich waren, ganz allmählich entwickelt. Gestehen wir, daß für uns, die das Schicksal in eine götterferne Zeit gestellt hat, eine solche Lehre viel Verführendes birgt. Daß ein Gott, oder einer seiner Boten, sich dermaleinst sollte herabgelassen haben, unseren noch tierischen Mund zu entsiegeln, durch Anhauchen mit Atem der Himmlischen oder Auflegen einer Engelshand, das will, für immer mehr von uns, nur noch als die sehnsüchtige Erfindung von Dichtern allenfalls Geltung haben. Daß aber unser Menschengeschlecht in einem ähnlich vorgestellten Prozesse in der Tat sehr vieles zu entwickeln und auszubilden vermocht hat, was seinen frühesten Vorfahren auch nicht an der Wiege gesungen ward, das scheint ganz unwiderleglich erwiesen. Warum sollte sich’s also auch mit der Sprache nicht ebenso verhalten? Und so schiene auch hier eine uralte, rätselnde Unruhe des Menschengeistes gestillt, ein uraltes Geheimnis seiner selbst nun keines mehr.
Allein, wenn wir nun unseren Blick zunächst einmal von dem Werdenden auf das Gewordene richten, und uns nur einmal diese oder jene beliebig herangezogene Eigenschaft unseres Werkzeuges Sprache des Genaueren betrachten und bedenken, – so stellt sich dennoch das Geheimnis, das Wunder alsbald wieder her, und am Ende dürfen wir auch hier jenes Glückes wenigstens teilhaftig werden, das uns, als ein Rest vielleicht von großartigeren und kühneren Übereinstimmungen unter Menschen, einstweilen doch hat bleiben sollen: das Unausforschliche schweigend zu verehren. Ein solcher Blick nämlich macht uns zuvörderst mit der wichtigsten Grundtatsache unseres Zusammenhanges wiederum vertraut, daß die Sprache – und es gehört auch ihr physiologisches Werkzeug oder Instrument der sprachbildenden Stimme untrennbar dazu, ohne welche sie ja ursprünglich nicht zu denken ist –, daß sie, um mich der unübertrefflichen Prägung Wilhelm von Humboldts zu bedienen, daß sie „das bildende Organ der Gedanken“ ist. Das bedeutet also nichts Geringeres, als daß sich die Sprache in einem untrennbaren Zusammenhang mit der Erscheinung des menschlichen Bewußtseins, des menschlichen Geistes schlechthin befindet, – mit jener Gegebenheit also, welche unser Menschengeschlecht von allen andern uns bekannten Lebewesen überhaupt so weltenweit unterscheidet.
Cogito, ergo sum; ich denke, also bin ich, sagte Descartes, und nannte es die unmittelbar gewisseste Wahrheit. Wir dürfen sie getrost erweitern und sagen: loquor, ergo homo sum, ich spreche, also bin ich ein Mensch. Wenn dem aber so ist, dann hat jedes Nachdenken über die Sprache von der ungeheuren und nie genug zu bewundernden und nie auszuschöpfenden Grundtatsache des menschlichen Denkvermögens auszugehen. Zu welchen Ergebnissen im einzelnen es auch führen mag, – nimmermehr können diese nun als von ihr gänzlich gesondert und abgetrennt erscheinen. Noch die scheinbar abgelegensten Winkel einer grammatischen Sonderuntersuchung wie die erste Fibel des ABC-Schützen blieben von dorther, als von dem Lichte des Schöpfer-Geistes selber, wunderbar erhellt. Und das gilt auch umgekehrt: keine Untersuchung des Denkens wird ohne die Tatsache, ohne die Gegenwart der Sprache möglich sein.
Freilich, wir kennen Vorgänge in unserem Inneren von großer Gewalt, welche sich wie ohne Gedanken, und also wortlos vollziehen. Empfindungen und Neigungen, Furcht und Wut, Zorn und Haß, Begierde, Freude und Trauer, um von andern zu schweigen, sie sind uns auch ohne jenes bildende Organ der Gedanken vorstellbar, ja geläufig. Wir vermögen wortlos zu lieben und zu verachten, anzuhangen und zu verehren, zu vertrauen und uns zu fürchten. Allein, wenn wir uns auch vor Rangsetzungen zu hüten haben, so müssen wir uns doch eingestehen, daß es allen diesen Empfindungen gesetzt ist, untertan zu werden, gehorsam und botmäßig dem Gedanken, der Satzung, dem im Worte gegenwärtig und wirksam gewordenen Geist. Nicht der Mut überwindet den Anfall der Furcht, nicht Gelassenheit den Zorn und nicht Demut die Überhebung, sondern vor ihnen allen der Geist. Wir vermögen es kaum in einem Augenblick der Schwäche, der Erbärmlichkeit, den uns herabwürdigenden Affekt kraft Willens durch einen anderen, ihn aufhebenden zu ersetzten. Dazu bedarf es eines geistigen Vorganges, welcher, ob er sich nun auch wortlos, stillschweigend vollziehe, dennoch immer zugleich auch ein Vorgang der Sprache ist. Wir können uns nämlich, oder ein Anderer, ja ein Anderes, kann uns zusprechen, zureden, und damit, mit Worten, mit Sprache also, jene Verwandlung in uns bewirken. Damit haben wir zugleich ein erstes, allgemeines Beispiel für das, was wir unter Geheimnis und Gewalt oder Macht der Sprache überhaupt verstehen wollen.
Was aber nun einen solchen stillschweigenden Vorgang des Näheren angeht, der sich ja mit Lichtesschnelle oftmals vollzieht, indem wir Mut fassen mitten in der Furcht und uns bändigen mitten im Zorne, so stellen wir ihn uns ja nicht so vor, als vernehme ein inneres Ohr in uns nun Wort für Wort einen längeren oder auch kürzeren Vorhalt, einen Grundsatz oder eine Erinnerung zum Besseren. Wir wissen, daß es sich so nicht verhalten kann. Aber jeder von uns weiß zugleich, daß der Menschengeist die wiederum geheimnisvolle und wunderbare Fähigkeit besitzt, mit einem einzigen Schwingenschlag gewissermaßen des ganzen Inhaltes und Gewichtes von Vorstellungen und Begriffen und Satzungen, von Lebenswerten und Lebensmächten inne zu werden, zu deren Darstellung Wort für Wort oftmals Stunden nicht hinreichten. Wiederum ist es die Sprache, die ihn hierzu ursprünglich in den Stand setzt. Sie lieferte ihm den Zauberschlüssel, der mit einem einzigen Anrühren des Schlosses nun ganze Welten eröffnet. Er sagt nun „Vaterland“, er sagt „Ehre“, er sagt „Freiheit“, er sagt „Adel“ und sagt „Gehorsam“, er sagt „Standhaftigkeit“ und sagt „Barmherzigkeit“, er sagt „Heimat“ und sagt „Volk“ – und ohne daß es nun noch eines weiteren Wortes bedürfe, vermögen ihn Satzungen zu verpflichten, Gelöbnisse zu befeuern, Welten ihn aufs neue zu umarmen.
Wiederum: selbst eines solchen Wortes, als eines inneren Zurufes gewissermaßen, bedarf es bei jenem geistigen Wirken, von dem wir sprachen, sehr häufig in einem genaueren Sinne nicht einmal. Und doch wäre es unmöglich, wenn nicht die Sprache zuvor den Menschen in den Stand gesetzt hätte, dumpfe und verschwommene Empfindungen und Ahnungen zu festigen und zu begrenzen, und in das Licht einer allgemeinen Gültigkeit zu erheben, was ohne sie in dem einsamen Ahnen und Fühlen des Stummen hätte verborgen bleiben müssen.
Lassen Sie mich an diesem Ort gleich von einer anderen wunderbaren Macht der Sprache, ja des einzelnen Wortes etwas anfügen. Ich meine seine Fähigkeit, Welt an sich zu ziehen. Wie ein kräftespeicherndes Element nämlich vermag es das flüchtige Leben irgendeines Ortes oder einer Stunde unbemerkt an sich zu ziehen und zu bewahren, um es zu seiner Zeit wieder freizugeben. Ein jeder von uns hat es einmal erfahren, wie ein bestimmtes Wort, oder auch eine Folge von solchen, ein Kindervers etwa oder ein Trostsprüchlein, von der schläfernden Magd dermaleinst geraunt und längst vergessen, ihm mit einem Male eine ganze Welt heraufbringt: Landschaften, Gesichter, Stimmen und Lüfte, die ohne sein Herauftauchen für immer in dem Brunnen der Vergangenheit wären versunken geblieben. Es ist nichts anderes: ein solches Wort muß mit jener Welt getränkt und geladen gewesen sein. Wenn wir uns aber weiter fragen, warum denn nun gerade dieses eine von hundert, tausend Worten, die ich damals auch gesprochen oder vernommen, so werden wir darauf wohl keine Antwort finden als: es muß wohl wirklich ein Zauberwort gewesen sein, wie es der Dichter gesagt hat:
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.
Das Zauberwort, – lassen Sie mich bei dem vollen Wortsinne dieses Ausdruckes hier anknüpfen. Zaubern, das nennen wir das Vermögen, oder die Kraft, oder die Kunst, etwas mit übernatürlichen oder uns doch unerklärlichen Mitteln zu bewirken, wobei die uns gewohnten oder geläufigen Zusammenhänge von Ursache und Wirkung aufgehoben scheinen. Und in der Tat wohnt dem Worte, der Sprache, eine solche Kraft inne. Wir müssen, um uns das wieder einmal zu vergegenwärtigen, gar nicht erst nach dem Dichterwort greifen. Da wir es hier ja mit Sprache und nicht mit Dichtung zu tun haben wollen, genüge uns ein einziges kleines Wort aus dem Schatz unserer Sprache, dessen wir in jedem Satze fast bedürfen: das Verbindungswort „und“. Überlegen wir uns einmal, was es eigentlich bedeutet und was es vermag. Es ist ein unscheinbares Wort, in mancher Sprache auf den Stand eines einzigen Vokales herabgesunken; und doch bedeutet es nichts Geringeres als einen magischen Zwang und Bann, einen Zauber und Segenslaut der gewaltigsten Wirkung überhaupt. Er zunächst setzt den Menschen in den Stand, die allerunterschiedlichsten, weltenweit von einander getrennten Dinge und Begriffe und Erscheinungen zu einander zu ordnen oder neben einander zu zwingen, gleichviel einstweilen zu welchem Behufe. Er kann nun sagen: Himmel und Erde, Feuer und Wasser, Nacht und Tag, Tod und Leben. Er kann, indem er sich dieses Zauberzwanges bedient, ein Spiel wie von Dämonen spielen und das Unverträgliche, für den Raum seiner Gedanken wenigstens, zu einander zwingen, und er kann Ordnungen stiften und zu einander binden, was ihm nun dient oder ihn erhebt. Immer aber ist es nicht anders, als sei ihm damit Gewalt gegeben über die Pole des Weltalls selber, die er mit einer einzigen Silbe für sich und alle, die ihn hören, zu einander beugt.
Von solcher Art aber sind der Möglichkeiten unserer Sprache unzählige: ich darf nur an die eine noch hier erinnern, welche die Conjugation unter Vergangenheit und Zukunft begreift, wie sich da mit einem einzigen Griff in die Hebel der Sprache das Gegenwärtige in das Vergangene oder in das Zukünftige wenden muß. Genug hiervon: welche Erfindung, so dürfen wir fragen, des Menschen in späterer Zeit bis auf unsere Tage darf sich mit solchen vergleichen, und mit jenen unzähligen anderen, deren er sich sagend und schreibend immer noch und alltäglich bedient! Es kann sich deren keine einzige an unvorstellbarer Gewalt und Herrlichkeit mit diesen aus dem Wunderreich der Sprache messen! Und welcher Trost endlich und welcher Ruhm des Menschengeschlechts vor allen andern, die auf dieser Erde leben dürfen: daß diese seine Schöpfung oder Begabung nicht in eine späte, sondern in seine morgenfrüheste Zeit fällt, aus welcher außer dieser überhaupt keine Kunde mehr zu uns spricht.
Und vielleicht ist einmal, in jenen morgenfrühen Zeiten, die Sprache überhaupt etwas anderes gewesen, oder doch wenigstens zugleich noch etwas anderes, als das Verständigungs- und Verkehrswerkzeug späterer Zeiten. Vielleicht ist gerade in unserer Zeit die Ahnung oder Mutmaßung nicht mehr allzu vermessen, daß Menschen jener Vorzeit sich auch auf ein Sprechen verstanden haben, in welchem und durch welches wirklich noch magische Kräfte wirkten. In den Sagen nämlich und Mythen und Märchen fast aller Völker erscheint der Weise, der Zauberer, die Hexe, der gute oder böse Geist, die holde oder unholde Fee, welche nicht nur mit Zauberstab und Zauberhut oder -kraut zu zaubern weiß, sondern mit einem Spruch oder Wort.
Ihnen allen ist aus den deutschen Sagen und Märchen vertraut, daß solche Zaubersprüche und Zauberworte aber nun durchaus nicht geheimnisvolle, undurchschaubare Lautbildungen außerhalb des allen geläufigen und erbötigen Wortstandes der Sprache sein müssen. In der Regel unterscheiden sie sich von der Umgangssprache nur dadurch, daß sie in dichterischer Form, daß sie als Gedicht erscheinen. In jenem ehrwürdigen Denkmal, das unter dem Namen der Merseburger Zaubersprüche auf uns gekommen ist, besprechen Himmlische den Schaden an dem Fuße von Baldurs Fohlen:
sose benrenki, soso bluotrenki
sose lidirenki:
ben zi bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin!
Also:
wie Beinverrenkung, so Blutverrenkung, so Gliederverrenkung:
Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Glied, als ob sie geleimet wären!
Das ist, in Stabreimen, nicht anders ein Stück Gedicht und zugleich aber ein mit Zaubermächten wirkendes Wort als:
weh, weh, Windchen,
nimm Kürdchen sein Hütchen,
und laß’n sich mit jagen,
bis ich mich geflochten und geschnatzt
und wieder aufgesatzt,
oder auch:
Zicklein meck, Tischlein deck,
oder endlich:
Jungfer grün und klein,
Hutzelbein,
Hutzelbeins Hündchen,
Hutzel hin und her,
Laß geschwinde sehen, wer draußen wär.
Sie sehen an diesen Denkmälern aus uralten Tagen unseres Volkes, wie das magische Wort zugleich ein gedichtetes sein kann, und umgekehrt. Von dieser Vereinigung hat uns bis auf vergleichsweise trübe und blind gewordene Überreste im Volksbrauch und auch im Volksaberglauben nicht sehr viel bleiben sollen. Aber was ist denn nun Dichtung allein, auch wenn sie nicht unmittelbar heilen und helfen und verwandeln soll, auch heute immer noch anders als Magie, oder besser: als schöpferisches Wunder? Was begibt sich denn, in der Welt, meinetwegen des Geistes nur, die aber so gewiß eine ist, wie diejenige des körperlichen und des Gegenständlichen, – was geschieht also, wenn es da etwa heißt: „Den zwanzigsten ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen …“
Oder:
„Zu Falun in Schweden küßte vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge hübsche Braut …“
Es geschieht nichts geringeres, als daß mit diesen Worten der Welt etwas Neues hinzugefügt wird, das vorher nicht darinnen war. Nun aber soll es bleiben, so lange noch ein lebendiger Mund diese Sätze, und was ihnen folgt, sprechen, so lange ein lebendiges Auge sie sehen mag: so lange wird Lenz durchs Gebirg gehen, und so lange wird die schöne Braut ihr holdes Lächeln lächeln, und wird sich der Tod melden. So lange auch wird sich nichts „nur wiederholen“, sondern es wird immer wieder neu und frisch vor unserm Auge sein, und nicht, als geschehe es in der Vergangenheit, oder als kennten wir’s ja schon; und vermöchte es wohl sonst, uns immer wieder zu Tränen zu bewegen?
Zwar, was ich hier sage, das gilt nicht für die Dichtung allein, es gilt für alle schöpferische Kunst überhaupt, aber vielleicht bin ich damit doch auch für die Behauptung von der schöpferischen Art und Gewalt der Sprache um einiges weniger an Beweisen schuldig geworden.
Lassen Sie mich noch einiges von jener anderen Macht hinzufügen, welche der dichterischen Sprache wenigstens auch heute noch, als ein Rest jener magischen Urkraft gewissermaßen, übrig geblieben ist. Ich meine neben jener weltensetzenden Kraft, welche wir im allgemeinen der epischen und der dramatischen Form der Dichtung zuerkennen, jene andere, die man bewahrend, verwandelnd und erneuernd zugleich nennen darf, und die vorzüglich aus der lyrischen Form oder der unmittelbaren poetischen Anrede zu uns spricht. Gewiß einem jeden von uns war schon einmal oder des öfteren die Erfahrung beschieden, daß ihm ein Gedicht, ein Lied aus dem Gesangbuch, ein gereimter Spruch aus alter Weisheit viel mehr bedeute als nur die in gefälliger Form vorgebrachte, mehr oder weniger beachtenswerte Meinung oder Empfindung eines anderen. Daß ihm vielmehr geschah, als legten sich ihm aus den fremden Worten heraus Hände eines Lebendigen, oder eines lebendigen Geistes auf die Schultern, als spreche ihm einer, oder als spreche „es“ ihm ins innerste Herz. Und wirklich, dieses Andere, dieses „Es“ verwandelte ihn, es hatte Macht, ihn zu stärken, zu trösten, zu bestätigen, aufzurichten. Und was war denn dieses „Es“, auf einen ersten Blick betrachtet? Es waren Worte, es war Gesprochenes, es war Sprache.
Erlauben Sie mir, diesen Abschnitt mit Worten wiederum eines deutschen Dichters zu beschließen, in welchen, was ich Ihnen nur anzudeuten vermochte, auf die folgende, und ich denke wohl, unvergeßliche Weise gesagt ist. In dem „Rumänischen Tagebuch“ von Hans Carossa heißt es einmal: „Wie wenige kennen die unbemerkbaren, immer wirkungsbereiten Energien des lebendigen Wortes! Daß es bei Dichtern Strophen gibt, herzgeborene, geladen mit der Kraft ganzer Geschlechter, vergleichbar den radioaktiven Elementen, aber weit wunderbarer, da sie, schon irdisch vernichtet, noch die Kräfte der Welt anziehen und Fluten der Erneuerung verströmen, wer weiß etwas davon? Mächtig genug wären sie, um das Schwungrad auch der ermüdetsten Seele anzutreiben …“
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Vielleicht werden Sie mich nun aber fragen, was denn dies alles mit unserem weiteren Thema von der Sprache als Ausdruck der Nation zu schaffen habe. Ich möchte entgegnen dürfen, daß ich schon bei der Sache gewesen bin, als ich nur von der Sprache überhaupt zu reden anfing, da nämlich Besinnung auf Geheimnis und Ursprung und Wesen der Sprache nichts anderes heißen sollte und kann, als Besinnung auf Ursprung und Geheimnis und Wesen der Nation.
„Die Geisteseigentümlichkeit und die Sprachgestaltung eines Volkes stehen in solcher Innigkeit der Verschmelzung ineinander, daß, wenn die eine gegeben wäre, die andere müßte vollständig aus ihr abgeleitet werden können“, sagt Wilhelm von Humboldt einmal in seiner Untersuchung über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues, und Jakob Grimm nennt ein Volk geradezu „den Inbegriff von Menschen, welche dieselbe Sprache reden“. Damit sind wir bei einer der schwersten Fragen angelangt, welche unserem Thema zugrunde liegen, der Frage nämlich, was denn nun eigentlich die Nation, oder genauer für uns, was denn nun eigentlich das Deutsche sei, und woran es ganz untrüglich zu erkennen wäre? Diese Frage stellen, meine verehrten Zuhörer, das heißt in Ansehung der ungeheuren Geistesräume, die der allerdings nun zaubermächtige Schlüssel des einen Wortes Deutsch vor uns sich auftun läßt, fast verzagen. Zwar gibt es ganz gewiß in Ansehung unserer geschichtlichen Überlieferungen überhaupt, wie alles dessen, was die Künste und das Denken hervorgebracht haben, so etwas wie ein ahnungsvolles Begreifen oder Erkennungsvermögen, oder noch besser: Wiedererkennungsvermögen in uns, das uns ausrufen läßt: das ist einmal deutsch, das muß wohl einer von den Unseren getan oder ersonnen haben. Gestehen wir uns aber zugleich, daß dieses keine völlig zuverlässige Erkennungsmethode sein kann. Gestehen wir es uns getrost einstweilen auch für die körperliche Erscheinung des deutschen Menschen ein, wenn wir von der noch rein gestimmten und gehaltenen Rasse unserer germanischen Altvordern hier absehen dürfen. Stellen wir uns einmal vor, es wäre uns vergönnt, in ein himmlisches Elysium einzutreten, in welchem alle, die unseres Blutes und Volkes und vor uns waren, unter anderen Völkern versammelt wären, und wir sollten sie nun alle nach ihrem Aussehen und Gestalt als unseresgleichen erkennen. Ich glaube kaum, daß wir dieser Aufgabe uns gewachsen zeigen könnten. Vergegenwärtigen wir uns nur einmal die Reihe von auf uns gekommenen Bildnissen großer oder eigentümlicher Deutscher der Vergangenheit, wie sie etwa in der unvergeßlichen Berliner Ausstellung des Olympiajahres versammelt gewesen sind. Da blickt uns neben den königlichen Angesichtern vom Bamberger oder Speyrer Dom Martin Luthers gewaltiges Bauernantlitz entgegen, Hölderlins Sternenmiene neben Grünewalds leidenstrunkenem Schwärmerhaupt, Dürers edelschönes Angesicht neben Caspar David Friedrichs wühlendem Blick, das schmale, apollinisch schöne Antlitz des junge Schiller neben Kleists rätselhaftem runden Kindergesicht; wir gewahren den Kaiser Max neben Friedrich dem Großen, Bismarck und Hindenburg, und Nietzsches adlerhafte Züge neben Schopenhauers gramvollem Stolz, und neben dem Löwenhaupt Ludwigs van Beethoven endlich die anmutige Klarheit Mozarts. So vielfältige Seelenbeschaffenheit, so vielfältiges inneres Geschick, so vielfältig auch die menschliche Erscheinung, Miene, Haltung, Gestalt und Gebärde, in denen sie sich ja ausdrückt, – und das alles sind Deutsche, sind Unseresgleichen!
Und dennoch gibt es oder gäbe es, auch wo der geschulteste Blick noch sich täuschte, ein ganz untrügliches Mittel und Erkennungszeichen: eben die Sprache!
Welches Glück und welche Genugtuung, daß uns auch noch mit dem allerentferntesten unserer Vorväter in morgengrauer Zeit immer noch etwas ganz unmittelbar verbindet, etwas Lebendiges: dauernder als jedes dingliche Erbe sein kann, dauernder als das Gedächtnis selber, unzerstörbar, so lang das Volk selber nicht zugrunde geht, ja, wie die Geschichte anderer Völker lehrt, unzerstörbar noch darüber hinaus: eben die Sprache. Was haben wir denn sonst noch außer ihr, an so lebendigem Erbe? An Gut dieses Lebens, das wirklich weitergereicht von Vätern auf Söhne und Enkel, und wurde lebenslang in Gebrauch genommen von einem jeden – und in welchen Gebrauch oftmals –, und veränderte sich wiederum und wiederum und ward verändert weitergegeben über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg und blieb dennoch das gleiche?
Mit welchen Ehrfurchtsschaudern neigen wir uns wohl über den Griff eines Schwertes, den Demant einer Krone, ein Blatt mit Versen oder Noten oder Befehlen beschriebenen Papieres, von dem wir wissen, dort hat die Hand eines der Unseren vor langer Zeit geruht, und der Becher, den seine Lippen berührt, der Winkel, in dem er geboren, er ist uns heilig, als wohne dort noch immer ein Hauch seines einstmals lebendigen Odems! Um wie vieles ehrwürdiger und teurer muß uns dann erst recht die Sprache sein, denn sie ist ja viel mehr noch und etwas ganz anderes als ein irdisches Ding, durch den Gebrauch und Besitz eines Lebendigen zu höherem Rang erst erhoben! Sie ist selber höheren und höchsten Ranges, ein Unverwesliches, wie aus dem unsterblichen Stoff des Weltgeistes selber erworben. Sie führt uns unseres Weges in den Schoß der Geschichte zurück: wie überliefertes Gesetz, überlieferter Brauch und Gesittung, überlieferte Religion. Von diesen wissen wir, zuverlässig, dann und dann sind sie entstanden, erfunden, angenommen, zum Gesetz erhoben und dann und dann haben sie, als Übereinkunft unter Sterblichen und als Menschenwerk, wieder vergehen und verfallen müssen, nach dem Gesetz alles Menschenwerkes. Die Sprache aber, sie führt uns, da sie weder für unsere Erfahrung noch auch nur für unser Vorstellungsvermögen jemals gemacht und angenommen und zum allgemeinen Gesetz erhoben wurde, wie alles jenes andere Erbe, bis zu jenem unausforschlichen, tief ehrwürdigen Ort in der Weltgeschichte zurück, an welchem mit ihr zugleich unser Volk seine Augen zum ersten Male als deutsches Volk aufgeschlagen haben muß.
Versuchen wir aber nicht, uns einen solchen Vorgang im einzelnen vorzustellen. Wie wir uns auch halten, und welches notwendige Zugeständnis wir auch jener Lehre von einer allmählichen Entwicklung und Ausbildung der Spracheinzelheiten aus früherem Einzelnen zu machen haben, – so bleibt immer das Wunder und nicht weiter Erklärbare, daß, wie es Humboldt am Überzeugendsten dargelegt hat, daß auch jede frühe Einzelheit der Sprache immer schon alle späteren voraussetzt und innehält, gleichviel, ob sie nun schon gefunden waren oder nicht.
Und welches Gewicht, welchen unabdingbaren Rang, welches königliche Vorrecht gibt nun endlich die Verschiedenheit der menschlichen Sprachen gerade und erst recht der eigenen! Und damit aber, um das vorwegzunehmen, auch der eigenen Nation, oder dem Begriffe des Nationalen. Die Wissenschaft hat uns zwar unwiderleglich bewiesen, daß sehr viele der abendländischen Sprachen auf einen gemeinsamen Sprachahnen zurückweisen. Das soll uns nicht daran hindern, in der Namengebung und Wortsetzung, wie sie als von derjenigen anderer grundverschieden nun auf uns hat kommen sollen, einen Akt von schicksalhafter und schicksalbestimmender Hoheit und Gewalt zu erblicken, welcher an Wirkung bis auf die fernsten Geschlechter der Nachkommen vielleicht nur noch die Landnahme, das Aufrichten der Grenzmarken und die Verwandlungen der Religion verglichen werden dürfen. Wenn nämlich, wie wir es darzustellen versuchten, die Sprache wirklich das bildende Organ der Gedanken ist, als ohne welches Gedanken gar nicht entwickelt und gebildet werden können, dann liegt einem jeden sprachlichen, bewußter machenden Vorgang ein tieferer, ursprünglicherer, ein seelischer Vorgang zugrunde.
Wiederum rühren wir damit an ein Geheimnis. Niemand vermag nämlich zu sagen, was einen schöpferischen Künstler, einen Musiker etwa, dazu bestimmt, einer gewissen Empfindung oder Rechnung seines künstlerischen Genius nun gerade mit einer ganz bestimmten, und keiner anderen Ordnung und Folge von Tönen Ausdruck zu verleihen, – obwohl ihm doch die ganze Dimension seiner Kunst offen zu stehen scheint. Auch der Künstler selber wird uns die Antwort auf diese Frage schuldig bleiben. Allenfalls wird er sagen: mögen andere es anders machen, ich mußte es so machen. Er gibt also seine persönliche Antwort auf den Andrang seiner Empfindung, mehr noch: auf den Andrang der Schöpfung, der Welt schlechthin. Er gibt also, in einem weiteren Sinne, ein Zeugnis seiner Wesensanschauung, seiner Weltansicht. Nichts anderes aber bedeutet die Empfängnis und die Schöpfung der Sprache und eines jeden ihrer Glieder durch die Väter unseres Volkes. Daß Himmel nun Himmel heißt, und Liebe Liebe, und Heimat Heimat, ja daß „und“ und „noch“ und „Sein“ und „Werden“, und trotz, jeweils, hier und dort, lebendig, tot und ewig nun so lauten wie sie lauten, darin drückt sich in der Tat eine Weltansicht aus. Es ist die Antwort des zum Bewußtsein seiner selbst erwachenden Volksgeistes schlechthin auf die Tatsache des Lebens auf dieser Erde. Hinfort hat er Macht, geheimnisvoll und schicksalhaft, das Wesen der Nation zu bestimmen.
Gekürzte Fassung einer Rede von der Bremer Wissenschaftlichen Gesellschaft, abgedruckt in „Das Innere Reich“, Heft 8 des 4. Jahrganges (1937).