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Der böse Zwilling – „Verschwörungstheorien“ als Simulacren des Mainstreams

Facebook-Eintrag von RTL-Star Sonja Zietlow,
die daraufhin mit einer Welle von Haßpostings
konfrontiert wurde und sich gezwungen sah,
ihr Benutzerprofil ganz zu löschen.

Von Fabio Witzeling

„Haß“ und „Hetze“ waren während der Migrationskrise die gängigsten Kampfbegriffe des linken Establishments, um jegliche Debatte im Keim ersticken zu können. Die Corona-Krise hat einen neuen hervorgebracht. Andersdenkende werden nun als „Verschwörungstheoretiker“ abgestempelt und abgewertet. Ihnen steht der „Experte“, der Wahrheitsverkünder gegenüber. Dabei ist jede Seite nur eine Projektion der anderen.

„Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur.“ Wird ein Beitrag, gleich in welchem Medium, mit diesem Satz eingeleitet, erübrigt sich meist die weitere Rezeption. Es folgt in der Regel eine leichtfüßige Aburteilung der absurdesten Gedankenkonstruktionen im Namen einer oft selbst nicht verstandenen Wissenschaftlichkeit. Er zeigt an, daß man hier so wie die nun omnipräsenten Virologen und Epidemiologen Reproduktionszahlen zur Verbreitung dieser geistigen bzw. politischen Krankheit vortragen wird, ohne auch nur eine Minute für die Reflexion des Begriffes „Verschwörungstheorie“ an sich oder dessen, was alles darunter fällt, aufzuwenden. Der Begriff allein soll Bilder von aluhuttragenden Schreihälsen evozieren, die, keinem rationalen Argument mehr zugänglich, im Internet und vermehrt auch auf der Straße ihre Wahnvorstellungen verbreiten.

So lächerlich ihre Theorien auch scheinen mögen – oder im Sinne des Strohmannarguments durch Unterschieben eigenwilliger Interpretationen und Übertreibungen gemacht werden –, darf natürlich auch ihre Gefährlichkeit nicht unterschlagen werden. Denn wo Pathologisierung herrscht, ist die Kriminalisierung nicht weit. „Verschwörungstheorien gefährden die Demokratie“, lautet der einhellige Tenor unzähliger „Experten“. Und folgerichtig sollen wieder einmal zum Schutz der Demokratie deren eigene Grundlagen beschnitten werden. „Verschwörungstheorie“ ist dabei neben dem „Haß“ einer von jenen vagen Kampfbegriffen, die jede weitere Diskussion erübrigen sollen. Diese bieten den Vorteil, auch legitime Kritik an vorherrschenden Paradigmen diskursiv abzuriegeln, indem diese mit wirren Hirngespinsten in eine Kategorie gepreßt wird. Kaum je wird der Begriff in den etablierten Medien kritisch behandelt oder nach den tieferen Ursachen für die derzeitige „Hochkonjunktur“ gefragt. Sie komme quasi aus dem Nichts, habe nichts mit der Realität zu tun, und schon gar nicht stehe sie auch nur irgendwie im Zusammenhang mit den Denk- und Handlungsweisen der „Experten“. Die Vehemenz, mit der vor ihnr gewarnt wird und mit der sie auch bekämpft werden soll, weist jedoch auf etwas anderes hin.

Ursachenforschung

Dabei gäbe es für die Erforschung ihrer Wurzeln einige äußerst interessante Ansätze. So hat der Schweizer Psychiater und Freud-Schüler C.G. Jung in den 1950er Jahren das Phänomen der UFO-Sichtungen aus einer tiefenpsychologischen Perspektive beschrieben und seine Bedeutung im Kontext der kritischen geopolitischen Verhältnisse zu jener Zeit analysiert. Ohne sich auf ein banales Verständnis von Wissenschaft zu berufen und sich dem einfachen, aber einträglichen Geschäft der Pathologisierung hinzugeben, erforschte er die Auswirkungen des Atomzeitalters und dessen gewaltigen Vernichtungspotentials auf das kollektive Unbewußte. Das UFO-Phänomen erschien in diesem Licht als massenhaft auftretende Projektion von unbewußten Wünschen und Ängsten in den Himmel, von wo die Erlösung aus der Ausweglosigkeit kommen sollte. Er verglich das mit religiösen Kollektivvisionen zum Beispiel der Kreuzfahrer bei der Belagerung Jerusalems oder der gläubigen Volksmenge von Fatima.

Auch heute könnte man nach den tieferen Ursachen für solche Kollektivvorstellungen fragen. Ein Zusammenhang zwischen dem in vielen „Verschwörungstheorien“ vorkommenden Motiv der von dunklen Eliten geplanten Bevölkerungsreduktion mit einem allgemeinen Gefühl der totalen Ersetzbarkeit ist nicht von der Hand zu weisen. Der mit der Corona-Krise einhergehende Kontrollverlust und die fast widerstandslose Einschränkung der Bürgerrechte sind sicher besser mental zu erfassen, wenn ein personales Feindbild (z.B. Bill Gates) verfügbar ist. Die Sehnsucht nach Mythen bleibt auch in einer komplexen, postmodernen Gesellschaft, der evolutionär geformte, tribalistische Denkschemata kaum noch gerecht werden, lebendig. In einer Werteordnung, wo flache und vage Verfahrensregeln wie „Toleranz“ und „Gleichberechtigung“ ganz oben stehen und der Mensch dahinter nur als hedonistisches Konsumvieh bleibt, wird diese sicher nicht befriedigt.

Auch das Bedürfnis nach Selbsterhöhung durch ein vermeintlich tieferes Wissen darüber, „was bzw. wer dahintersteckt“, steigt in einer Zeit, in der man schmerzlich vor Augen geführt bekommt, daß man eben nicht zu den „Systemrelevanten“ gehört und ohne größere Auswirkungen von heute auf morgen seine Arbeit einstellen kann. Statt dessen gehören dazu staatlich finanzierte „Experten“, die in zeittypischen Streams vor glücklich plazierten Bücherwänden zugeschaltet werden, um uns daheimbleibenden Überflüssigen zu erklären, was wir zu glauben und wie wir lieber nicht zu denken haben.

Die Annahme, daß hinter ihrer stereotypen Sprache, den unhinterfragbaren Selbstverständlichkeiten und der Einigkeit der Analyse eine durchgeplante Verschwörung stecke, ist für den durchschnittlichen Rezipienten naheliegender als die Rückführung auf eine abstrakte Medienlogik, die sogenannte Fast thinkers und deren Flachheit nun einmal bevorzugt. Wer kann es ihnen verdenken, daß sie angesichts dessen und der neuen Möglichkeiten durch die sozialen Medien (jeder wird zum Sender) glauben, sich quasi selbst zum Experten machen zu können und jene Zusammenhänge zu kommunizieren, die für sie plausibel erscheinen?

Expertendämmerung

Man kann von derartigen Deutungsmodellen halten, was man will, die etablierten Experten vermeiden es tunlichst, sich im größeren Kontext auf eine solche Ebene der Analyse zu begeben. Und das aus gutem Grund. Sie könnten dadurch darauf aufmerksam werden, daß ihr eigenes Handeln wohl doch etwas mit dem vermehrten Aufkommen der „Verschwörungstheorien“ zu tun hat und – noch schlimmer – ihre eigenen Denkmuster denen der von ihnen so verachteten „Verschwörungstheoretiker“ gar nicht so unähnlich sind.

Das zeigt uns ein Blick auf die Mechanismen, mittels derer diese selbst auf Kontrollverluste reagieren: Als Donald Trump entgegen aller Erwartung und Bemühungen zum Präsidenten der USA gewählt wurde, verbreitete sich allerorts die bis heute unbestätigte Theorie der „russischen Bots“. Zur Zeit der Migrationskrise, als sich ein Großteil der Bevölkerung von der mit allem Nachdruck propagierten Willkommenskultur abwandte, sahen sich die etablierten Experten plötzlich von einer Welle des irrationalen „Hasses“ überrollt, die quasi aus dem Nichts kam. Speziell in Österreich wird Wahlsiegen der FPÖ gerne die Anwendung von NLP-Techniken, die in den Augen der „Experten“ wohl so etwas wie Zauberformeln darstellen, unterstellt, um sich nicht mit den eigenen Schwächen auseinandersetzen zu müssen. Solche flachen Erklärungsmodelle dienen vor allem dazu, das fragil gewordene Selbstbild vor einem mit größter Wahrscheinlichkeit schmerzhaften Reflexionsprozeß zu schützen, und unterscheiden sich höchstens in Äußerlichkeiten von den so abstrusen „Verschwörungstheorien“. Nicht zuletzt ist auch der Begriff der „Verschwörungstheorie“ selbst eine solche Projektionsfläche für die Angst vor dem Verlust der Deutungshoheit und damit des eigenen Selbstwertes.

Quasi spiegelbildlich projizieren beide Seiten die eigenen unbewußten Ängste aufeinander bzw. bewerfen einander mit den gleichen Anschuldigungen (Panikmache, Käuflichkeit, Ignoranz gegenüber den Wissenschaften etc.). In puncto Reflexionslosigkeit stehen sie einander nicht viel nach. Epistemologischen Problemen wird mit Wunschdenken, Scheinplausibilitäten und Polemik begegnet. Nur der eigenen Seite falle die tiefgreifende Reflexion qua Selbstanspruch als Kernaufgabe zu. Jedoch führt die beschriebene Medienlogik im Zusammenspiel mit einer allgemeinen Abschottung der Milieus der Experten zu einer Negativauslese, die in der Reflexion eher einen Wettbewerbsnachteil darstellt. Ob die gegenwärtigen Verwerfungen und die daraus resultierende Verknappung der Ressourcen zu einem Paradigmenwechsel führen, bleibt abzuwarten.

 

 

 

 

 
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