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Die religiöse Situation in der Europäischen Union

Europa ist seit Jahrhunderten in einen katholischen, einen orthodoxen und einen protestantischen Teil gespalten. Zum Islam bekennen sich nur Volksgruppen in Albanien, Bosnien und Bulgarien sowie in Rußland, wo es in dessen europäischem Teil auch eine dem tibetischen Buddhismus anhängende Volksgruppe gibt.

Auf dem Weg zum anthropozentrischen Atheismus

Die Europäische Union ist ein säkularer Staatenbund. Das bedeutet nicht, daß sie ein glaubensfreies Gebiet darstellt, sondern nur, daß die Religionsgemeinschaften vom Staat getrennt sind. Die Idee der Säkularisierung ist ein Begriff europäischen Ursprunges, was auch der Grund dafür ist, daß die Europäer die dadurch entstandene Lockerung der religiösen Strenge besser vertragen als Menschen, die einen solchen geschichtlichen Prozeß nicht kennen. Der Glaube, vor allem die Glaubenszugehörigkeit, ist aber noch immer ein wichtiger Teil des europäischen Lebens. Bevor wir uns mit den Religionen und dem Stand des Glaubens in der Europäischen Union näher befassen, betrachten wir kurz, wie die allgemeine religiöse Lage in Europa zurzeit aussieht.

Von Dr. Slavko Leban

Der Anteil der sogenannten Agnostiker, die oft für Atheisten gehalten werden, was aber nicht stimmt (sie sind nur skeptische Gläubige), beträgt 13,6%, jener der Atheisten 10,4%; es gibt 6% Muslime, andere Religionen machen 2,6?% aus. Zu den letzteren zählen ostasiatische Glaubensrichtungen (überwiegend in Großbritannien, Frankreich und Deutschland) wie auch Wiederbelebungsversuche der vorchristlichen europäischen Religionen, etwa des germanischen, keltischen oder slawischen Heidentums. Die Zahl der Muslime nimmt zu; die meisten von ihnen leben im europäischen Teil Rußlands (13–20 Millionen). Weitere europäische Muslime leben im europäischen Teil der Türkei (mehr als neun Millionen). Zu den eingesessenen Muslimen Europas gehören auch die Muslime auf dem Balkan: Infolge der mehr als 500 Jahre langen osmanischen Herrschaft in Südosteuropa leben heute Muslime in Bosnien und Herzegowina (2,2 Millionen), Albanien (1,4–2,5 Millionen), wie auch in kleineren Gemeinden in Nordmazedonien (Albaner und Torbeschen), Bulgarien, Griechenland (die Pomaken im Grenzgebiet zwischen Griechenland und Bulgarien), Serbien, Montenegro (Sandžaklije), Rumänien und dem Kosovo (Albaner und Goranen), worunter muslimische Slawen dominieren. In Bosnien und Herzegowina stellen die Muslime mit über 40?% den größten Bevölkerungsanteil im Lande.

Vergleicht man jüngere Erhebungen über den Bevölkerungsanteil der Christen in Europa mit Zahlen aus dem Jahr 1970, so zeigt sich, daß das Christentum in Europa stagniert, was größtenteils auf die politische Entwicklung zurückzuführen ist. 1970 lebten im östlichen Teil des europäischen Kontinents, der damals kommunistisch war, 57,2?% Christen; heute, ein halbes Jahrhundert später, leben dort 85% Christen. Im westlichen Teil Europas ist die Situation genau umgekehrt. 1970 lebten in Europa circa 20 Millionen Muslime (3% der Bevölkerung); im Jahre 1990 war die Zahl der Muslime auf 4,1% gestiegen und liegt heute bei 6% (46 Millionen). Nach den Resultaten einer Hochrechnung im Jahre 2011 sollen 2030 in Europa 58 Millionen Muslime leben (8% der Gesamtbevölkerung). Es ist interessant und vor allem aussagekräftig, einen Blick auf die Verteilung der Religiosität in der EU zu werfen: Die führenden nichtreligiösen Länder sind Frankreich, Tschechien, Schweden, die Niederlande, Estland, Deutschland, Belgien und Slowenien; die wichtigsten religiösen Länder sind Rumänien (wo der Anteil der Nichtgläubigen an der Gesamtbevölkerung nur 1% beträgt) und Malta (2%). So zumindest die Statistik.
Es muß betont werden, daß die bloße statistische Erfassung der Konfessionszugehörigkeit wenig über die wirkliche Situation der Religiosität in Europa aussagt. Eines ist allerdings klar: Die große Mehrheit der Menschen ist heute irgendwie religiös, und die Religion ist ein wesentlicher Bestandteil des Menschen, sein natürlicher und normaler Zustand. Die Religiosität in der Europäischen Union ist vor allem unter älteren Menschen, Frauen und Menschen mit geringem Ausbildungsgrad verbreitet; politisch stehen sie überwiegend rechts.

In bezug auf Religion und die damit verbundene Kultur und Zivilisation wird die heutige Europäische Union durch drei Grundpfeiler bestimmt: durch die Zivilreligion des anthropozentrischen Atheismus, durch das Christentum mit seinen Konfessionen und durch den Islam. Auf diese drei Grundpfeiler wollen wir nun näher eingehen.

In der Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das katholische Christentum des Mittelalters wiederentdeckt. Der preußische Architekt und Maler Karl Friedrich Schinkel feiert in diesem Bild einen imaginären gotischen Dom am Wasser. Heute ist es in der Alten Nationalgalerie in Berlin ausgestellt. – Das katholische Christentum prägte die Geistesgeschichte Europas für Jahrhunderte und ist heute noch im größten Teil des Kontinents vorherrschend.

Die Zivilreligion des anthropozentrischen Atheismus

Das geistige und politische Fundament der liberalen Demokratie in der Europäischen Union stellt eine heidnische Glaubenslehre dar, die an sich weit jenseits des Christentums und der christlichen Tradition Europas steht: die Zivilreligion des anthropozentrischen Atheismus. Sie ist keine Religion im tradierten Sinne, sondern eine religiös aufgemachte politische Kultur, in der auch einige religiöse Aspekte eine Rolle spielen. Der Begriff Zivilreligion ist ein Produkt der Aufklärung. Die Zivilreligion ist zwar nicht der größte, allerdings der politisch mächtigste religiöse Grundpfeiler der Europäischen Union. Diese genuin politische Glaubenslehre stellt sich gegenüber den anderen zwei Grundpfeilern offiziell zwar als tolerant dar; diese Toleranz ist in Wirklichkeit aber Gleichgültigkeit, die bei den radikalen Antitraditionalisten in einen rücksichtslosen Haß übergeht. Die Priester der Zivilreligion sind auf dem Wege, die Verdrängung der anderen zwei positiven Religionen in die Privatsphäre zu vollenden, sie sozusagen zu verweltlichen. Der neue Glaube unternimmt alles, die lähmende Decke seines größten Widersachers, des Christentums, in ein echtes Leichentuch zu verwandeln. Die Vulgarität dieser Zivilreligion verleugnet die wahre Natur des Menschen und dient vor allem der politischen Klasse, um den entwurzelten Menschen durch ideologische Bearbeitung zu entchristianisieren und auf den Weg zum Fortschritt zu bringen. Die Schwäche der Zivilreligion besteht darin, daß sie in bezug auf Symbole konfessionell, aber von den religiösen Konfessionen selbst losgelöst ist. Sie bedient sich jüdisch-christlicher Symbole, Metaphern und Rituale, allerdings nicht, um dem europäischen Staatsgebilde einen göttlichen Ursprung zu verleihen, wie zum Beispiel in den USA, sondern um durch ihre „Religiosität“ den Einfluß anderer Religionen zu zähmen. Die Zivilreligion besitzt zwar keine nationaleuropäische Tradition, es wird allerdings seitens der politischen Klasse alles unternommen, um mit Hilfe des Konzeptes einer politisch korrekten Leitkultur einen zivilreligiösen Symbolschatz zu konstruieren. Der anthropozentrische Atheismus stellt eine politische Religion dar, die mit erbarmungsloser Intransigenz der Beförderung des liberalen Totalitarismus dient. Um von der Bevölkerung akzeptiert zu werden, schöpft sie aus der Substanz der anderen Religionen, allerdings ausschließlich oberflächlich und seelenlos. Die Dogmen der Zivilreligion sind absolut und können allein durch politisches Handeln weder verändert noch abgeschafft werden. Die Zivilreligion wirkt nicht im Sinne einer Mobilisierung der Masse, sondern dient der Verschleierung der Absichten der politischen Klasse. Ihre Aufgabe ist eigentlich die Demobilisierung der Masse im Sinne des Trägers der Gemeinschaft. Durch die Fixierung auf eine fiktive Freiheit schafft sie die Grundlage für den blinden Gehorsam der Demobilisierten. Nach Meinung der politischen Klasse soll dieser rationale Glaube an die gesellschaftlichen Ideale den Unterschied zwischen der demokratischen Europäischen Union und der nichtdemokratischen übrigen Welt unterstreichen. Die Religion ist allerdings keine Sache des Verfahrensmusters.

Diese Zivilreligion hat mehrere Apostel; der führende Jünger ist die politische Klasse. Die durch und durch diesseitsbezogene Zivilreligion vertritt ein anthropozentrisches Weltbild und ist mit vielen aus dem Christentum übernommenen Werten durchwoben. Es handelt sich bei ihr um einen politischen Glauben, der ein konsequentes Vehikel der Philosophie der Aufklärung darstellt. Die heutige Zivilreligion des anthropozentrischen Atheismus ist die fundamentalistischste der europäischen Religionen, also am intolerantesten gegenüber Andersdenkenden. Das Wesentliche der Zivilreligion, sozusagen ihr apostolisches Dogma, ist die Ideologie der Gleichheit; weitere wichtige Dogmen sind Demokratie, Menschenrechte und das Gedenken an den Holocaust. Der Unterschied zwischen der Zivilreligion und den anderen beiden Grundpfeilern besteht darin, dass die erstere nichts Unveränderliches kennt. Was sie kennt und ehrt, ist der Relativismus. In der Auseinandersetzung mit dem Christentum fühlt sie sich als Siegerin, was sie zurzeit durchaus auch ist, doch der Kampf ist nicht beendet. Es sollte nämlich nicht vergessen werden, daß angesichts der geschichtlich verbürgten Überlebensfähigkeit des Christentums der Siegesjubel vorschnell sein könnte. Auch gegenüber dem dritten Grundpfeiler ist die Zivilreligion im Vorteil, allerdings ausschließlich wegen ihrer zahlenmäßigen Größe. Sie lobt die Gleichheit und betrachtet sich im Vergleich mit den anderen als gleicher. Die Realität berührt die Zivilreligion nicht, ihr genügt ihre eigene Wahrheit.

Das Christentum

Zunächst etwas Grundsätzliches: Es wäre durchaus verkehrt, das Christentum als Religion rein nach seinen weltlichen Vertretern zu bewerten, weil dadurch sowohl die mythische als auch die symbolische Struktur dieser Weltreligion nicht angemessen respektiert würde. Die christliche Religion stellt nämlich in ihrem Kern etwas Außerweltliches dar. Das ist wichtig, zu wissen.

Aufgrund des Einflusses der aggressiven Zivilreligion wie auch infolge der weltlichen Egozentrik des im Verfall befindlichen Bürgertums bekennt sich der zeitgenössische europäische Mensch vor allem zur irdischen Glückseligkeit. Diese moderne europäische Beatitudo spiegelt zugleich den Abstieg der gesellschaftlichen und auf indirekte Weise auch politischen Mission des Christentums wider. Obwohl sich die Zahl der Christen in den westlichen europäischen Ländern seit 1975 um 20?% verringert hat, konnte der prozentuelle Anteil der Menschen christlichen Glaubens in Europa aufgrund der Verringerung der Zahl von Atheisten und Agnostikern in Osteuropa nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 gleichbleiben. Der katholischen Kirche gehören 278 Millionen Menschen an; das ist knapp ein Viertel der weltweiten Katholiken. Mit 200 Millionen Gläubigen stellt die orthodoxe Kirche die zweitgrößte christliche Gemeinschaft in Europa dar. Etwa 69 Millionen Menschen sind protestantisch, 26 Millionen anglikanische Christen; rund 100 Millionen Menschen werden keiner Religion zugeordnet. Die nackten Zahlen verdeutlichen den Trend: Vor 100 Jahren lebten in Europa und Nordamerika 80 % aller Christen, heute leben zwei Drittel der weltweiten Christenheit in Asien, Afrika und Lateinamerika.

Das Christentum gilt als geistig-kulturelles Fundament Europas, als europäische Tradition und Zivilisation, die europäische Identität schlechthin; man bezeichnet es als Muttersprache Europas. Dieses kategorische Urteil stellt die Begleitmusik aller Sonntagsreden in der Europäischen Union dar, stimmt mit der Wirklichkeit aber nur zum Teil überein. Es wird nämlich weder erwähnt noch exemplifiziert, daß die erwähnte Muttersprache bei den Zeitgenossen mittlerweile stumm geworden ist. Die christlichen Kirchen und andere religiöse Gemeinschaften werden in der EU anerkannt, und nach Art. 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird die freie Ausübung der Religion gewährleistet. Es ist aber nicht leicht zu erkennen, ob diese Erklärung eher eine Wunschrichtung anzeigt oder politisches Dekor vorgeführt wird. Es ist ratsam, sich hier mit der Wirklichkeit zu beschäftigen. Diese Wirklichkeit ist keineswegs so optimistisch und freiheitsliebend. Etwas zuzulassen, heißt nämlich noch lange nicht, diesem keine Schwierigkeiten zu bereiten. Das europäische Christentum befindet sich schon seit längerer Zeit in einer Krise sowohl des Glaubens als auch der kirchlichen Institutionen. Die Kirchen, vor allem die evangelische und katholische, sind sowohl im sozialen und karitativen Bereich als auch im Bildungswesen stark engagiert, wobei aber das christliche Profil immer mehr zur Randerscheinung wird. Der Niedergang der christlichen Kirchen zum Status eines gemeinnützigen Vereins für die Almosenverteilung wird von der politischen Klasse reichlich befördert. Schon 1958 schrieb der damalige Theologieprofessor Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., hierzu: „Die Statistik täuscht. Das dem Namen nach christliche Europa ist seit langem zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen heraus auszuhöhlen droht. Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden. Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst. Die Betroffenen eignen sich nicht mehr einfach dem Glauben zu, sondern machen eine sehr subjektive Auswahl aus dem Bekenntnis zur Kirche zu ihrer eigenen Weltanschauung.“ Keine optimistischen Worte, weitblickende aber sehr wohl!

Während die Zahl der Christen weltweit ansteigt, geben die christlichen Kirchen Europas ein Bild sowohl qualitativer als auch quantitativer Erosion ab. Die Ursachen dieser Krise sind vielseitig und liegen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Glaubensgemeinschaft. Die Angriffe auf das Christentum, vor allem auf die katholische Kirche, sind keine Überraschung; sie sind Teil der jahrhundertealten Strategie der Zerstörung der europäischen Tradition. Die erwähnten Angriffe sind auch kein europäisches Spezifikum: Angefangen vom Märtyrertod Jesu über die Massenverfolgungen der Christen nach seinem Tod bis zu heutigen Benachteiligungen und Erniedrigungen der Christen in kommunistischen und islamischen Staaten gehört das Christentum zu den meistverfolgten Religionen in der Geschichte. Obwohl die Lage der Christen in Asien und Afrika nicht mit der Lage der Christen in Europa gleichzusetzen ist, bedeutet das nicht, daß die europäischen Christen frei von Nachstellungen wären. Wenn auch nach einer moderneren Art und Weise, verfährt man doch auch heute noch nach dem Muster umstürzlerischer Pläne des frühen 19. Jahrhunderts: „Unser Ziel ist jenes von Voltaire und der Französischen Revolution: die vollkommene Vernichtung des Katholizismus und selbst der christlichen Idee.Die Abneigung dem Christentum gegenüber ist heute besonders auf der öffentlichen und institutionellen Ebene sichtbar. Auf diese Probleme hat Papst Benedikt XVI. in seinem Interview mit dem deutschen Publizisten Peter Seewald vortrefflich hingewiesen, als er unter anderem sagte, daß es nicht wenige Gebiete im Leben der Menschen gebe, in denen man heute viel Mut brauche, um sich zum Christentum zu bekennen. Der Papst sprach von der Gefahr „angepasster Christentümer, die dann als menschenfreundliche Weisen des Christseins von der Gesellschaft freudig aufgegriffen und dem vorgeblichen Fundamentalismus derer gegenübergestellt werden, die so stromlinienförmig nicht sein mögen. Die Gefahr einer Meinungsdiktatur wächst, und wer nicht mithält, wird ausgegrenzt […]. Eine etwaige künftige antichristliche Diktatur würde vermutlich viel subtiler sein als das, was wir bisher kannten. Sie wird scheinbar religionsfreundlich sein, aber unter der Bedingung, dass ihre Verhaltens- und Denkmuster nicht angetastet werden.“

Viele Gläubige meinen, sich dem Zeitgeist annähern zu müssen. Das ist kein Wunder, da der Abweichung vom Zeitgeist eine Art gesellschaftlicher Marginalisierung des verirrten Gläubigen folgt. Ein möglicher Diskurs darüber wird durch den Mühlstein des Relativismus zermalmt. Das Gemeinsame sowie das durch und durch Auffälligste in der Einstellung der politischen Klasse den christlichen Kirchen gegenüber ist, daß sie das soziale Engagement der Kirchen ins Zentrum der Religiosität verschiebt – erstens wird dadurch das Sakrale marginalisiert und die Schwächung des Glaubens in der Bevölkerung vorangetrieben, zweitens werden die Kirchen in den eigentlichen Aufgabenbereich der herrschenden Politik eingebunden. Auf diese Art und Weise bleiben die christlichen Kirchen ihrem Prinzip des Altruismus treu, vernachlässigen jedoch das Sakrale, welches ihre eigentliche Hauptaufgabe darstellt. Es muß diesbezüglich allerdings betont werden, daß die politische Klasse diesen kirchlichen Sozialdienst nur so lange würdigt, wie er im Rahmen der politischen Korrektheit bleibt. Die Duldung der Religionen beruht auf der Tatsache, daß die politische Klasse es für nützlich hält, die Freigiebigkeit der großen Kirchen für ihre eigenen Ziele einspannen zu können. Das Ziel dieser Politik der Garantie ist die Ausschaltung des christlichen Glaubens aus dem gesellschaftlichen Leben als Teil der Generalabrechnung mit Vergangenheit und Tradition. Der religiöse Inhalt wird verbannt, das Heilige banalisiert und das Übernommene zu Kitsch veredelt. Angesichts des angesprochenen Unterschiedes zwischen den Kirchen sei folgendes gesagt: Die katholische Kirche ist sowohl die am heftigsten angegriffene religiöse Institution als auch die mächtigste und die konsequenteste Kraft, die sich der zeitgenössischen politischen Klasse widersetzt. Die Säkularisierung, die heute als Fortschritt gilt, ist im Grunde nicht die Loslösung des Staates aus den Bindungen an die Kirche, sondern die Trennung der Kirche von der politischen Macht, wodurch der Einfluß des christlichen Kulturgutes auf das Geistesleben in der Gesellschaft erheblich verringert wurde. Unabhängig davon stand die christliche Kirche zu allen Zeiten vor der Frage: Wie kann die einmalige und einzigartige Botschaft vom Heil in Jesus Christus so an die Öffentlichkeit gebracht werden, daß sich Menschen unterschiedlicher Herkunft, verschiedener Prägung und aus divergenten politischen Sphären durch den Gottessohn angesprochen fühlen, ohne daß die Verkündigung aus Gründen falscher Rücksichtnahme verkürzt oder ausgeweitet wird? Diese Frage ist in der zeitgenössischen liberal-permissiven Massengesellschaft ein großes Problem geworden; die Anbiederung an den Zeitgeist hat sich als folgenschwere Kontamination erwiesen.

Die evangelisch-lutherische Hallgrimskirche in der isländischen Hauptstadt Reykjavik wurde 1974 fertiggestellt. Sie ist das größte Kirchengebäude Islands und soll in ihrer Architektur die Basaltsäulen, die die isländische Landschaft prägen, ebenso widerspiegeln wie die weiße Farbe der Gletscher. Insbesondere im Norden Europas dominieren heute die evangelischen Kirchen.

Die evangelische Kirche

Die evangelische Kirche, die sich theologisch in etwa gleichermaßen von der römisch-katholischen wie von der orthodoxen Kirche unterscheidet, pflegt ein spezifisches Verhältnis zur politischen Klasse. Der Unterschied zur römisch-katholischen Kirche ist, daß sie von der politischen Klasse nicht ansatzweise so sehr angegriffen wird wie diese. Im Vergleich mit der orthodoxen Kirche in Ost- und Südosteuropa ist festzustellen, daß es zwischen der politischen Klasse und dem Protestantismus keine strategische Zusammenarbeit gibt, sondern nur eine punktuelle. Eine inoffizielle, auf bestimmten Fragmenten der Ideologie beruhende Symphonie der Freundschaft zwischen der zeitgenössischen politischen Klasse und dem Protestantismus gibt es also. Der Grund liegt vornehmlich in der geistigen und geistlichen Situation der zeitgenössischen westlichen Massengesellschaft. Nicht nur die dem Glauben ablehnend gegenüberstehenden Menschen, sondern auch viele Protestanten neigen zur Relativierung der westlichen Tradition, weil sie meinen, daß die Grundsätze des privaten und gesellschaftlichen Lebens nicht exklusiv an überlieferte Formen gebunden sein sollten, sondern sich stärker dem herrschenden Zeitgeist öffnen müßten. Diese Einstellung ist der römisch-katholischen und orthodoxen Kirche fremd. Der allgemeine Zustand der evangelischen Kirche in Europa, die mit der Theorie von der christlichen Schuld zu liebäugeln beginnt, bietet hinsichtlich des Konservatismus und seiner traditionellen Werte als Bollwerk gegen die politisch korrekte Meinung relativ wenig Substanz. Die Theoretiker der Politik der Schuld (Paul Gottfried) setzen die hierarchisch aufgebaute Institution der christlichen Kirche mit dem Patriarchat gleich und behaupten, daß das Kreuz für das ungerechte Leiden in der gesamten Geschichte stehe und das Christentum summarisch für unbeschränkte Zeit angeklagt werden sollte, um an der Befreiung aller unterdrückten Gruppen zu arbeiten. Diese eigentlich löbliche Einstellung wurde derart ausgeweitet, daß aus dem gut Gemeinten das Gegenteil geworden ist. Diese im Grunde masochistische Einstellung ist zwar in den Vereinigten Staaten entstanden, gewinnt aber auch in Europa immer mehr an Boden. Überspitzt gesagt: Das Christentum wurde durch zeitgeistnormierte Umdeutungen des Sündenfalls modernisiert. Der Begriff „Buße“, der im Sinne der Religion die Umkehr des Menschen zu Gott bedeutet, von dem er sich durch die Sünde entfernt hat, wurde in einen Ausdruck der politisch korrekten Bekenntnisse umgewandelt.

In der erwähnten Symphonie stellt der liberale Protestantismus einen herausragenden Faktor dar. Das Markante an ihm ist die Selbstzerstörung des Glaubens, was sich am auffälligsten in dem großen Verlust der Basis der Gläubigen widerspiegelt. Die kirchenpolitischen Veranstaltungen der Protestanten ähneln kulturpolitischen Gedenktagen, an welchen die Menschen an die bedauerliche Vergangenheit des Christentums erinnert werden und das Leid der Welt der bösen Wirtschaft angelastet wird. Diese pauschale Kritik des marktwirtschaftlichen Handelns und die Dämonisierung der Vergangenheit formen das geistige Fundament der linksliberalen politischen Einstellung der Mehrheit der Protestanten. Die Verkündung des Evangeliums stellt im Protestantismus ein zutiefst individuelles Ereignis dar, das aber weder den einzelnen noch die Gemeinschaft der Gläubigen daran hindert, mit dem weltlichen Zeitgeist in einen Dialog zu treten. Die protestantische Apologie des Individuums, aus der sich ein radikal vom einzelnen ausgehender Glaube entwickelt, nährt den zeitgenössischen Individualismus. Unabhängig davon, ob man dem zeitgenössischen Protestantismus kritisch oder lobend gegenübersteht: An der erwähnten Entwicklung der Religiosität in der evangelischen Kirche trägt nicht der Protestantismus die Schuld, sondern ihre zeitgenössischen Würdenträger, die sich offensichtlich dem herrschenden Zeitgeist anbiedern. Ob sie das vorsätzlich tun oder weil sie unfähig sind, sich gegen den Feind zu wehren, ist irrelevant. Für die Herrschaft des Individualismus gibt es keine monokausale Erklärung. Es steht aber fest, daß die Grundlage des modernen Individualismus eine christliche Idee ist, wobei der Protestantismus mit seiner Lehre von der grundlegenden persönlichen Beziehung des einzelnen zu Gott eine besondere Rolle übernahm.

Die orthodoxen Kirchen finden sich im Osten Europas, hier herrscht eine engere Verbindung zwischen Kirche und Nation als im Westen. – Die wiedererrichtete Bagrati-Kirche bei Kutaissi.
Ein Fresko aus dem nahegelegenen Gelati-Kloster.

Die Orthodoxie

Die orthodoxe Kirche, die christliche Institution des byzantinischen Ritus, unterscheidet sich von den beiden anderen christlichen Kirchen, wobei man feststellen muß, daß sie sowohl theologisch als auch in bezug auf die Tradition der römisch-katholischen Kirche wesentlich nähersteht. Ihr wichtigster Glaubenstext ist das Glaubensbekenntnis von Konstantinopel aus dem Jahre 381. Die orthodoxe Kirche wird durch die starke Hinwendung zur Mystik und die tiefe Traditionstreue charakterisiert, was sich in der Bedeutsamkeit der Klöster widerspiegelt, die für die zwei anderen Konfessionen nicht eigentümlich ist. Zentrale Feste der Orthodoxie sind Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Mariä Himmelfahrt; diese Feste – außer Ostern – werden nach dem julianischen Kalender gefeiert. Von der römisch-katholischen Kirche unterscheidet sich die orthodoxe Kirche durch die Ablehnung eines Jurisdiktionsprimates des Papstes und seiner Unfehlbarkeit, durch die Hinzufügung des Filioque ins Glaubensbekenntnis und durch manche Differenzen in der Sakramentenlehre. Die orthodoxe Kirche verkündet den Glauben nicht durch Werbung der Worte oder durch öffentliche Events, sondern durch die Einladung, den Herrn und Erlöser Jesus Christus im geistlichen und liturgischen Leben der Kirche kennenzulernen. Der Glaube ist für die Orthodoxie eine nie endende Liebe zum Herrn. Die Orthodoxie ist ein überzeugter Gegner des allgegenwärtigen Relativismus in der Gegenwart, in welchem sie eine trügerische Lehre sieht, die den Menschen in die Irre führt. Die Teilnahme der Menschen am Konsum und das Streben nach materiellem Wohlstand sind nach Meinung der Orthodoxie nicht das Problem an sich. Sie werden erst zum Problem als Methode der irdischen Macht, die Menschen vom Glauben an Gott abzulenken und die christliche Religion zu vernichten beziehungsweise ins Abseits zu schieben.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in den Ländern des europäischen Ostens und Südostens hat das orthodoxe Christentum eine allumfassende Renaissance erfahren. Es sei allerdings hervorgehoben, daß die orthodoxen Kirchen für diesen Systemwechsel sozialethisch dürftig vorbereitet waren. Aufgrund ihrer Autokephalie (die jeweilige nationale Kirche ist eigenständig) ist die orthodoxe Kirche nicht in der Lage, dem Ruf nach einer sozialethischen Erneuerung genügend entgegenzukommen; ein Equipment wie jenes der hierarchisch strukturierten römisch-katholischen Kirche steht den orthodoxen Kirchen nicht zur Verfügung. Durch die enge Verbindung zur Nation, in der sie wirkt, kann sich die orthodoxe Kirche gegen Angriffe von außen viel effizienter wehren als die anderen christlichen Konfessionen. Sie ist zugleich gegen eine Zersetzung von innen noch ziemlich widerstandsfähig. Die Orthodoxie ehrt die Würde des Menschen genauso wie die anderen christlichen Konfessionen, ist mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 allerdings nicht ganz einverstanden, da sie in diesem Akt des Säkularismus eine Untergrabung des göttlichen Verständnisses von der Würde des Menschen sieht. In bezug auf die Beziehung des Staates und der politischen Klasse zur christlichen Orthodoxie muß betont werden, daß sie ganz anders ist als in den westeuropäischen Ländern des Katholizismus und Protestantismus, wo die Trennung von Kirche und Staat auf allen Gebieten sehr tief ist. Obwohl sich die orthodoxe Kirche nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus sowohl theologisch als auch weltlich radikalisiert hat, indem sie sich immer öfter und lauter als eine moralische Letzt-Instanz darstellt, herrscht zwischen ihr und der politischen Klasse eine unglaublich gut funktionierende Zusammenarbeit. Wenn man weiß, daß die Mehrheit der zeitgenössischen politischen Klasse in diesen Ländern aus ehemaligen Kommunisten besteht, mag es verwunderlich erscheinen, daß die Marxisten, Stalinisten, Leninisten, Titoisten und anderen atheistischen ehemaligen Machthaber als regelmäßige Kirchenbesucher in den ersten Reihen sitzen und mit der Kirche kooperieren. Das Wunder ist aber nicht unlogisch, da beide mit dem Nationalismus behaftet sind. Außerdem hat die neue/alte politische Klasse in diesen Ländern in der wiederbelebten orthodoxen Kirche den nötigen geistigen Machtfaktor entdeckt. Die angesprochene Freundschaft zwischen dem Sakralen und dem Weltlichen hat aber auch eine andere Seite. Wegen des ethnopatriotischen Charakters der Orthodoxie kann ihre Bindung an die weltliche Macht problematisch werden. Zwei Beispiele: Der Ökumenische Patriarch Bartolomaios I., ein Grieche, hat die Makedonische Orthodoxe Kirche nicht anerkannt, die sich vor 50 Jahren von der Serbischen Kirche getrennt hat, aber unter dem Einfluß der Schutzmacht USA hat der Patriarch der Abspaltung der Ukrainischen Orthodoxen Kirche von der Russischen Kirche zugestimmt.

Dr. Slavko Leban (geb. 1941) ist promovierter
Allgemeinmediziner und war von
2004 bis 2006 Ministerassistent im kroatischen
Außenministerium. Seit dem Eintritt in den
Ruhestand engagiert er sich vor allem karitativ
und ist u. a. Vizepräsident der kroatischen
Dachorganisation der Behindertenwerkstätten.
Beim vorliegenden Text handelt es sich
um ein stark gekürztes Kapitel aus der im
Frühjahr 2020 im ARES Verlag erschienenen
Streitschrift des Autors:
Slavko Leban
Irrungen und Wirrungen Europas
Mensch und Masse in der modernen Gesellschaft
176 Seiten, brosch.
€ 20,00

Der große Gegner: Rom

Auf dem Feld der Weltanschauung, der Ethik und Moral wie auch der sozialpolitischen Maßnahmen in der zeitgenössischen europäischen Massengesellschaft stellt die römisch-katholische Kirche noch immer den hartnäckigsten Widersacher der politischen Klasse dar, allerdings ebenso den meist angegriffenen und am härtesten bekämpften. Die Angriffe auf die katholische Kirche gehören zu den jahrhundertelangen Herabwürdigungen der europäischen Tradition, deren wichtigste Bewahrerin sie zweifellos ist. Die katholische Kirche, welche mit ihrer Ethik der Askese und Befürwortung der natürlichen Ordnung als letzte Bastion dieser Tradition gelten kann, stellt für die zeitgenössische politische Klasse ein großes Ärgernis dar. Gegen sie wird ein zwar unterschwelliger, jedoch hartnäckiger Kampf geführt. Die Strategie gegen die römisch-katholische Kirche sieht folgendermaßen aus: Zuerst soll das Ansehen der Kirche geschädigt, danach ihr Handlungsspielraum reduziert und die Rolle der Gläubigen in Gesellschaft und Politik aufs Minimum begrenzt werden. Die erwähnten Angriffe sind nicht nur eine Fortsetzung des Hasses auf die Kirche, der die Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution prägte; sie sollen vielmehr auch dem Zweck dienen, diesen hartnäckigen Gegner der neuen, widernatürlichen Anthropologie und der Ideologie der Schaffung einer neuen Menschheit unschädlich zu machen. Die katholische Kirche soll in ein Museum der Rückständigen umgewandelt werden. Angesichts des zahlenmäßigen Übergewichts, ihrer effizienten Organisationsstruktur und ihres weltweiten Einflusses trägt die katholische Kirche die größte Verantwortung für das Fortbestehen des Christentums in Europa. Hat sie aber genug geistige und geistliche Ressourcen, um dieser Aufgabe gerecht zu werden?

Es soll eine Tatsache nicht außer acht gelassen werden, nämlich daß die katholische Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch von inneren Turbulenzen ergriffen worden ist: Der Widerspruch zwischen gottgewollter Kirchenverfassung und zeitgeistorientierter Umwälzung ist eine belastende Wirklichkeit geworden. Im Vordergrund der Anschauung der sogenannten Modernisten steht nicht mehr der Glaube, sondern der Intellektualismus. Für die Modernisten sind die christlichen Dogmen aus der Zeit der Konzile in Nicäa, Konstantinopel und Chalcedon überholt, so daß sie revidiert und durch rational erfahrbare und historisch beständige Erkenntnisse ersetzt werden müssen. Die Traditionalisten erwidern, die Bibel stelle kein Vademecum durch die Fährnisse des Lebens der Gläubigen dar. Die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils hatten im Sinn, die ihrer Meinung nach notwendigen Reformen einzuleiten und die katholische Kirche auf die Zukunft vorzubereiten, ohne den Kern des Glaubens und die Dogmen der Kirchenväter in Frage zu stellen. Unterstützt von gleichgesinnten Periti im Ökumenischen Rat des Zweiten Vatikanischen Konzils hat jedoch eine kleine Gruppe der Modernisten einen Geist des Konzils entfesselt und dadurch sowohl die Kirche als auch den Glauben ins Wanken gebracht. Papst Paul VI., der nach dem Tod von Papst Johannes XXIII. die Leitung des Konzils übernommen und es zum Ende geführt hat, sprach bald nach dem Ende des Konzils vom „Rauch des Satans“, der „in den Tempel Gottes eingedrungen“ sei; es war aber bereits zu spät.

In der Vergangenheit konnten Philosophen und Theologen die christliche Lehre eindeutig formulieren und der Öffentlichkeit präzise darstellen. Der heilige Papst Pius X. gab die Enzyklika „Pascendi“ und die „Lamentabili“ (eine Sammlung verurteilter Lehrsätze) heraus und führte den Antimodernisteneid ein, der durch Papst Paul VI. fünfzig Jahre später wieder abgeschafft wurde. Die Prophezeiung des Pius X., daß der Irrtum in der Zukunft bösartiger als je zuvor zurückkehren werde, wenn die Führer der Kirche nicht wachsam blieben, hat sich bewahrheitet. Viele heutige Theologen und Würdenträger sind nachdem Dialogiker geworden; anstatt die Menschen zu bekehren, haben sie sich selbst vom Zeitgeist bekehren lassen. Sie unterlassen es, die verunsicherten Gläubigen auf alle Tücken der politischen Klasse aufmerksam zu machen, mit der Folge, daß sie dadurch in eine freiwillige Unterwerfung hineingeraten, ohne ihre Situation überhaupt als Unterwerfung begreifen zu können. Ziel des Zweiten Vatikanischen Konzils war es, das christliche Leben unter den Gläubigen weiter zu vertiefen, was aber klar verfehlt worden ist. Die nachprüfbaren statistischen Daten dokumentieren, daß sich die Zahl der Priesterberufungen in der Zeit unmittelbar nach dem Konzil drastisch vermindert hat und die Zahl der Kirchenaustritte gestiegen ist. Ob für diese Entwicklung das Konzil selbst verantwortlich ist oder der Zeitgeist, den die Kirche nicht abzufangen wußte, ist für die Lage des Christentums in Europa nicht entscheidend.

Die katholische Kirche hebt die Bedeutung ihrer Sozialethik hervor, deren Grundlage die Enzyklika „Rerum Novarum“ des Papstes Leo XIII. ist und die viele demokratische Tendenzen besitzt. Der heutige Katholizismus befürwortet die Ideen dieser Enzyklika; durch mangelnde Entweltlichung läuft sie aber Gefahr, ihre Sozialethik in säkularer Beliebigkeit aufgehen zu lassen. Diese christliche Lehre war der bestimmende politische Standpunkt aller christdemokratischen Parteien in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Die christdemokratischen Parteien haben nicht nur die wirtschaftlichen und politischen Systeme in Nachkriegseuropa wiederaufgebaut, sondern auch ihre Länder in die westliche Welt integriert. Fast alle christdemokratischen Parteien waren bewußt zentristisch ausgerichtet; ihre Basis wurde durch Einbeziehung der rechten und mittigen Parteien und Fraktionen aufgebaut, ohne dabei mit rechtsaußen stehenden Elementen verbunden zu sein. Ein halbes Jahrhundert danach ist die heroische Zeit der christlichen Demokratie zu Ende gegangen.

Heute muß festgehalten werden, daß die politische Klasse im Rahmen ihrer insgesamt feindlichen Politik gegenüber dem Christentum in den christlichen Gläubigen a priori und prinzipiell diejenigen Menschen sieht, welche als politisch unkorrekte Gesellschaftsangehörige in Betracht kommen. Daraus aber wird deutlich, daß weder die politische Klasse noch alle Gläubigen gleich auf das Verhalten der jeweils anderen Seite reagieren. Ob die zeitgenössische Politik auf einen Christen oder eine Gruppe von Christen mit Mißachtung, Marginalisierung, Verfolgung oder sonstwie reagiert, hängt wesentlich davon ab, wie christlich der jeweilige Gläubige wirklich ist und welche Bereitschaft er zeigt, das Christentum, seine Lehre und Werte zu verteidigen; es ist ebenso wichtig, welche Position in der Gesellschaft dieser Christ innehat. In den Augen der herrschenden politischen Klasse ist der Hauptfeind des Fortschritts die römisch-katholische Kirche mit dem „harten Kern“ ihrer Gläubigen, der praktizierenden, wahren inhaltlichen Christen; dazu gehören ebenso die Christen anderer Konfessionen, sofern sie zum christlichen Dogma genauso fest wie die Katholiken stehen. Im öffentlichen Leben werden sie auf subtile Weise gemaßregelt: Schwierigkeiten bei der Beschäftigung im öffentlichen Dienst und in der Politik, mediale Marginalisierung etc.

Die zeitgenössische zivilreligiös-atheistische Massengesellschaft ist ohne christliche theologische Basis, welcher letztendlich die traditionelle westliche Wertekultur entstammt, nicht zu verstehen. Das Christentum mit seinen treuen Gläubigen stellt zurzeit für die klassische politische Klasse keine politische Gefahr dar, weil es ihm an relevanten machtpolitischen Faktoren fehlt und aufgrund der Überschneidungen zwischen der modernen Säkularisation und dem urchristlichen Wertefundament in einer zersplitterten Massengesellschaft beide Weltanschauungen noch immer – zumindest teilweise – aufeinander angewiesen sind.

Eine andere Gruppe von Christen stellt der Kreis der getauften Heiden dar; so hat der frühere Erzbischof der Diözese Paderborn, Kardinal Degenhardt, diese im Grunde lediglich statistischen Christen vor der EKD-Synode in Bad Wildungen 1988 zutreffend genannt. Daß sie überhaupt als christliche Gläubige gezählt werden, liegt ausschließlich an dem Umstand, daß sie christlich getauft worden sind, wofür sie eigentlich gar nichts können. Als Christen werden sie von der politischen Klasse nie angegriffen. Ganz im Gegenteil, gerade mit dem Status „Christ“ sind sie der politischen Klasse aus mehreren Gründen äußerst willkommen, etwa weil sie durch ihr Verhalten nach dem Motto Jesus ja – Kirche nein! erheblich zur Festigung des Zeitgeistes beitragen. Die rechthaberisch vorgetragene und moralisch anmaßende Selbststilisierung dieser „Christen“, die eine sittlich-permissive Auslegung des Christentums betreiben und die frohe Botschaft offensichtlich als frohen Alltag mißverstanden haben, rückt sie in die Nähe des Gutmenschentums. Sie sind der Überzeugung, mit ihrem Verhalten allseitig gerecht zu handeln. Die freiwillige Unterwerfung dieser „Christen“ beruht hauptsächlich auf der Angst davor, als Feigling enttarnt zu werden.

Neben dem „harten Kern“ der wahren, praktizierenden christlichen Gläubigen und der erwähnten Schar der permissiven Taufscheinchristen gibt es eine große Zahl von Menschen in der heutigen europäischen Massengesellschaft, die nicht nur getauft sind, sondern mit dem Christentum auch eigentlich nicht brechen möchten, aber mit dem Evangelium der Zivilreligion ebenso zurechtkommen. Sie stellen die Mehrheit nicht nur unter den Christen (übrigens aller Konfessionen), sondern auch in der Gesellschaft. Gegenüber der Kirche präsentiert sich dieser Typus als ein Gläubiger, auf den sie rechnen kann: Er feiert Weihnachten und Ostern, heiratet in der Kirche, läßt seine Kinder taufen und sieht in der Kirche – die Katholiken vor allem im Papst – eine große moralische Autorität. Was die politische Klasse betrifft, so akzeptiert er alle ihre Lieblingsthemen: die Ehescheidung, den Schwangerschaftsabbruch, die positive Diskriminierung zum Schutz der Minderheiten und so weiter. Schließlich geht es ihm um sich selbst: Der Kirche und der Tradition seiner Eltern ist er treu geblieben, dem politisch korrekten Menschentum hat er die entsprechende Ehre erwiesen und meint nun, autonom geworden zu sein. Der Zwiespalt wird perfekt, ein durchaus typisches Verhalten für den Individualisten. Der sich zum Christentum bekennende zeitgenössische Massenmensch unterwirft sich einer Idolatrie, allerdings auf eine zwiespältige Art; er säkularisiert sich sozusagen selbst. Die religiösen Idole werden ein Teil seines Intimbereiches, in gewisser Weise für die Zeit danach; das typische Verhalten eines Ahnenden, keinesfalls eines Wissenden oder Überzeugten. Die weltlichen Idole, die heute in Form von materialistischen Pop-Ikonen auftreten, sind entidealisiert und rationalisiert und wurden einem profanen geistigen Klima geopfert. Der gleichzeitig jeglicher mystischen Erhabenheit beraubte zeitgenössische Massenchrist ist nicht mehr in der Lage, diese Trennung von den Idolen zu begreifen. An die Stelle der einst sittsamen und gottergebenen Menschen tritt heute ein Verehrer des Gutmenschentums, der zu jeder Unterwerfung bereit ist. Die institutionelle Krise des Christentums beschrieb am deutlichsten Papst Benedikt XVI. in seiner Freiburger Rede vom 25. September 2011, als er von einer Kirche sprach – er meinte konkret die katholische Kirche –, die „sich in dieser Welt einnistet, selbstgenügsam ist und sich den Maßstäben der Welt angleicht“. Für diesen Zustand des europäischen Christentums sind die Bischöfe verantwortlich. Etliche von ihnen, die eigentlich die lautesten Verteidiger der natürlichen Ordnung sein müßten, schließen Kompromisse mit dem Zeitgeist, auch dort, wo man keine eingehen darf, wodurch das Christentum als europäische Identität und wichtiger Grundpfeiler der europäischen Gesellschaft bedrohlich geschwächt wird.

 

Nur in wenigen Regionen Europas, wie in Albanien, dem Kosovo und Bosnien ist die Bevölkerung mehrheitlich islamisch. Die Kosovo-Albaner sehen sich aber als durchaus europäisch und lehnen den fanatischen Islamismus saudi-arabischer oder türkischer Prägung strikt ab. Die schönste Stadt des Landes ist Prizren im Süden, nahe dem wichtigsten Grenzübergang zu Albanien.
Die Zivilreligion des anthropozentrischen Atheismus, die ihren Sinn in Konsumismus, Hedonismus und der Erlangung diesseitigen Lebensglückes sieht, ist in der EU zur vorherrschenden „Religion“ geworden. – Das Shoppingcenter Lafayette in Paris in der vorweihnachtlichen Zeit.
(Bildquelle: Wikimedia Commons / Benh LIEU SONG (CC BY-SA 3.0))

Der Islam

Der Islam stellt den kleinsten der besagten drei religiösen Grundpfeiler in der gegenwärtigen europäischen Gesellschaft dar, ist aufgrund der Folgen der Massenzuwanderung von Muslimen in die EU mittlerweile aber ein ernst zu nehmender kultureller und politischer Faktor geworden. Infolge der positiven demographischen Dynamik der Muslime und eines konsequenten Praktizierens sowohl der Religion als auch (und vor allem) des alltäglichen Islam sind die europäischen Muslime in der Lage, als Vorreiter des Multikulturalismus in Europa zu fungieren und dem Kontinent ein neues Gesicht zu verleihen. In Europa (einschließlich des europäischen Teils Rußlands) leben zurzeit etwa 30 Millionen Muslime; man geht davon aus, daß es im Jahr 2030 über 80 Millionen sein werden, doppelt so viele wie 1990. Im Gegensatz zu ihnen nimmt die christliche autochthone Bevölkerung Europas kontinuierlich ab. Um die Entwicklung der Religionen in Europa verständlich zu machen: Im wirtschaftlich führenden Land der Europäischen Union, in Deutschland, sind 2017 150.000 Menschen mehr gestorben, als geboren wurden; ähnlich ist die Situation in den meisten europäischen Ländern, vor allem im Westen. Es gibt hingegen kein einziges Land in der Europäischen Union, in dem signifikant mehr Muslime stürben, als geboren werden. Sprich: Die Muslime stellen die im Durchschnitt jüngste und fruchtbarste Religionsgemeinschaft in der Europäischen Union. Die Statistik deutet darauf hin, daß 2030 jeder zehnte Einwohner Frankreichs muslimisch sein wird (10,3?%), es folgen Belgien mit 10,2?%, Schweden mit 9,9?%, Österreich mit 9,3?%, Großbritannien mit 8,2?% und Deutschland mit 7,1?%. Wenn man heute europäische Bürger befragt, ob der Islam zu Europa gehöre, wird man dennoch in der Regel die Antwort „Nein“ bekommen. Das ist aber ein voreiliges Urteil, weil es nicht sinnvoll ist, mehrere Millionen südostslawischer Muslime als Fremde zu bezeichnen. Auch wenn dabei meist an die muslimischen Zuwanderer gedacht wird, ist die negative Antwort nicht ganz korrekt. Die Muslime in der Europäischen Union sind Realität, viele kamen als eingeladene Gastarbeiter und werden in Europa bleiben. Den Islam nur als Ritus zu betrachten und von den Muslimen zu erwarten, daß sie sich zu einer westlichen Zivilreligion bekehren lassen, stellt sowohl Wunschdenken als auch ein politisches Vabanquespiel dar.

Die meisten Muslime in der EU sind zugewandert. Ob sie als Arbeitskräfte, Wirtschaftsmigranten oder Flüchtlinge in die Europäische Union kommen, ist irrelevant, da sie so oder so zu den Menschen gehören, die in ihrer religiösen, zivilisatorischen und nationalen Herkunft zutiefst verwurzelt sind. Trotz vieler Willkommensgrüße wurden die Einwanderer in ihren neuen Heimatländern als Menschen zweiter Klasse behandelt, worauf sie mit der Bildung von Ghettos in den Großstädten reagiert haben. Dabei waren sie einer dreifachen Belastung ausgesetzt. Es kam erstens zu Spannungen zwischen ihnen und der einheimischen Bevölkerung, weil die Bildung von Ghettos die Kommunikation in einer multikulturellen Gesellschaft erschwert. Zweitens wurden sie leichte Beute für die Prediger des politischen Islam, die ihre Unzufriedenheit mit der sozialen Lage auszunutzen wußten. Und drittens wurde ihnen eine Integration auferlegt, die im totalen Gegensatz zu ihrer Kultur und Tradition stand. Es wird bei jeder Gelegenheit betont, daß sich die Zuwanderer in die liberale und demokratische Gesellschaft der EU integrieren sollten. Was die unkontrollierte Masseneinwanderung etwa seit 2015 betrifft, kann man diese Aufforderung ohne weiteres verstehen. Im Falle der eingeladenen Arbeitskräfte, der sogenannten Gastarbeiter, ist das jedoch unaufrichtig. Keiner hat damals an die Frage ihrer Kultur und Religion gedacht, vor allem, weil man sie als temporäre Arbeitskräfte betrachtete; in ihren Heimatländern sprach man von der zeitweiligen oder vorübergehenden Arbeit. Die Auffassung vom Islam als dominierender Eigenschaft der Gastarbeiter war selten, schon allein aus dem Grunde, daß viele von ihnen überhaupt keine Muslime waren. Das heutige Gerede von Islam und Islamismus, das eher zynisch als realistisch ist, verstärkt die Spannung. Es gibt nur einen Islam. Zwar weist diese Religion zahlreiche Variationen auf, das ist aber kein Alleinstellungsmerkmal des Islam. Am Anfang jeder Zuwanderungswelle vermeiden die Zuwanderer den Konflikt mit ihrem Zielland und gehen Schwierigkeiten aus dem Weg, bis sie sich integriert haben. Integration bedeutet in diesem Fall nicht die Einbettung in die europäische Kultur und Zivilisation, sondern den Anschluß an die vorhandenen islamischen Strukturen innerhalb der Europäischen Union. Ab dann betrachten sie Europa als Dar al-Islam, in dem viele Muslime nach den Regeln der Scharia leben. In Konfliktsituationen berufen sie sich auf die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit.

Nach der grundlegenden Auffassung des Islam ist Allah der Herrscher über das ganze Universum, die Menschen sind lediglich seine Statthalter im Diesseits. Eine allumfassende Föderation, unter Umständen auch Konföderation der Muslime mit einem Kalifen an der Spitze ist das Ideal eines islamischen Staates. Die Institution Kalifat hat sowohl religiösen als auch weltlichen Charakter und stellt ein Staatsgebilde der gläubigen Schafe dar, um die sich ein Hirte kümmert. Er beschützt seine Herde und ist verpflichtet, für ihre sämtlichen Bedürfnisse aufzukommen, indem er sie davor bewahrt, in die Irre zu laufen. Nach islamischer Glaubenslehre ist das Christentum eine ketzerische Religion. Auch wenn es nicht zutrifft, sehen Muslime in der heutigen westlichen Lebensweise eine christliche, also heidnische Zivilisation. Die politische Antwort auf diese religiöse Leerstelle heißt al-Islam al-siyasi, der „politische Islam“.

Der politische Islam, auch Islamismus genannt, ist keine straff geführte Organisation, sondern besteht aus zahlreichen Gruppen und Netzwerken. Die Ursprünge des politischen Islam sind bei den Sunniten zu suchen. Als Reaktion sowohl auf die Übernahme westlich-säkularer Ideen als auch auf die Erosion des Islam in den muslimischen Ländern begann in den 1920er Jahren die Politisierung des Islam; in Ägypten wurde 1928 die Muslimbruderschaft gegründet. Initiator war Hasan al-Banna, ein Volksschullehrer aus einer kleinbürgerlichen und traditionalistischen muslimischen Familie. Al-Banna sprach sich für eine islamische Lösung der Identitätsprobleme aus, die damals durch die imperialistische Politik des Westens stark zugenommen hatten. Sein Ziel war eine Revitalisierung des Islam in der Gesellschaft. Die Entstehung und Ausbreitung des politischen Islam ist auf ein schwieriges Verhältnis der islamischen Welt zur Geschichte und auf die leidvolle Beziehung dieses Kulturkreises zum Westen zurückzuführen. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches fand auf allen Ebenen ein regelrechter westlicher Einbruch in die muslimische Welt statt. Das Kernland des Islam wurde zerstückelt, neue Staaten mit willkürlich gezogenen Grenzen ins Leben gerufen, die Beute unter den westlichen Kolonialmächten geteilt, in den neuen islamischen Nationalstaaten prowestliche Herrschaftseliten eingesetzt. Bereits im 19. Jahrhundert hat die westliche Industrielle Revolution traditionelle ökonomische Strukturen der islamischen Staaten zerstört, was zu einer Konfrontation zwischen islamischer Identität und westlicher Lebensart geführt hatte. Zur weiteren Verstärkung der Spannungen trugen die militärische Niederlage Ägyptens im Sechstagekrieg 1967, der Afghanistankrieg, der Erste und Zweite Golfkrieg, das Problem Palästina und schließlich der „Arabische Frühling“ bei.

Um das Ziel einer maximalen Ausbreitung zu erreichen, bedienen sich religiöser wie auch politischer Islam eines Unterfangens, das als Dschihad bekannt ist; ein Begriff, der im Westen pejorative Bedeutung hat. „Dschihad“ heißt soviel wie „Kampf“ oder „Anstrengung“, wobei aus der Heiligen Schrift des Islam nicht eindeutig hervorgeht, ob in diesem Falle eine militärische oder nichtmilitärische beziehungsweise eine offensive oder defensive Anstrengung gemeint ist. Der Islam unterscheidet drei Arten von Anstrengungen: Die erste ist der „große Dschihad“ (al-Dschihad al-akhbar), in dem der Gläubige die schlechten und falschen Eigenschaften in seiner eigenen Seele bekämpfen soll. In einer Fülle von Versen zeigt der Koran, was der Mensch zu tun habe, um einen Zustand der beruhigten Seele herbeizuführen. Die zweite Anstrengung ist der mittlere Dschihad (al-Dschihad al-kabir), in dem der Gläubige in Wort und Predigt für die Sache des Islam eintritt: „So gehorche nicht den Ungläubigen, sondern eifere mit dem Koran wider sie in großem Eifer. (Sure 25:52) Der mittlere Dschihad stellt eine intellektuelle Anstrengung auf dem Wege Gottes dar. Die dritte Anstrengung ist der kleine Dschihad (al-Dschihad al-saghir). Er dient der Verteidigung des Glaubens, von Gut und Leben, die auch mit der Waffe geschehen kann: „Bekämpft sie, bis die Verfolgung aufgehört hat und der Glaube an Allah [frei] ist. Wenn sie jedoch ablassen, dann [wisset], daß keine Feindschaft erlaubt ist, außer wider die Ungerechten.“ (Sure 2:194) Das Wort Dschihad kommt im Koran nur viermal vor und ist nicht eindeutig zu interpretieren. Andere Verse werden hingegen deutlicher, etwa Sure 4:95, wo man lesen kann, der Krieg gegen die Nichtmuslime sei „verdienstvoll“.

Nach Auffassung des einflußreichen islamischen Theologen Jussuf al-Karadawi ist der Begriff politischer Islam insoweit falsch, als die Politik zwangsläufig Teil des Islam sei. Die in Europa oft vertretene abschätzige Trennung des Islam von der Politik ist unsachgemäß; das muß vor allem den zivilreligiösen Herrschern in der EU vor Augen geführt werden. Sie ist darüber hinaus auch schädlich, weit dadurch jede sachliche Auseinandersetzung mit allen Facetten des Islam und der islamischen Welt unmöglich wird. Die Ideologie des politischen Islam fußt zwar zu einem guten Teil auf dem Religiösen, stellt aber trotzdem eine primär politische Angelegenheit dar und kann deshalb nur politisch behandelt werden. Ob die Europäische Union den Islam für integrationsfähig hält oder nicht, ihn als aggressiv oder als friedliebend einstuft oder in dem politischen Islam eine Organisation sieht, die einen militärischen Missionsauftrag verfolgt, ist in bezug auf die geistig-kulturelle und politische Wirklichkeit irrelevant: Der Islam ist europäische Wirklichkeit, der politische Islam europäische politische Realität. Da der Glaube seit Anbeginn der Geschichte die Entelechie des menschlichen Daseins ist, können ihn weder die Macht der zivilreligiösen politischen Klasse noch der Hedonismus der heutigen individualistisch-materialistischen Massengesellschaft in Frage stellen. Die Teilung der Muslime in Friedensapostel und Islamofaschisten, wie sie im Westen manchmal vorgenommen wird, ist Abbild des westlichen politischen Schwachsinns. Selbstverständlich besteht die überwältigende Mehrheit der Muslime in Europa nicht aus Liebhabern von Bomben, sondern aus ganz gewöhnlichen Bürgern, die den Zwängen ihres Alltags nachgehen. Es wäre aber illusorisch, zu glauben, daß sie deshalb willens wären, die zeitgenössische europäische zivilreligiöse Verachtung des transzendenten Herrn zu respektieren. Es gibt auf der Erde keinen Islam, der dazu bereit wäre, das Heil im sündigen Geist des profanen westlichen Materialismus zu suchen. Der Islam braucht das nicht; die Religion und Zivilisation Islam ist kein von dieser Schwäche befallener Kulturkreis. Die heutige, gänzlich diesseitsbezogene Europäische Union ist kein Regel-, sondern ein Sonderfall, mit allen entsprechenden Konsequenzen.

 
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