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Populismus im Sprachgebrauch des Mainstreams ist kein substanzreicher Begriff, sondern lediglich eine Schmähvokabel gegen rechtsalternative Parteien im Sinn von „unverantwortlich simplifizierende Demagogie“. Eine ernsthafte Beschäftigung mit diesem Phänomen ergibt jedoch, daß daraus abgeleitete Vorwürfe z. B. in Richtung AfD oder FPÖ entweder nicht zutreffen oder in gleichem Maß alle Parteien kennzeichnen. Politologische Aussagekraft gewinnt „Populismus“ nur in nichtdenunziatorischer Wortbedeutung. Dann kennzeichnet er den Zustand einer Demokratie, bezogen auf das Verhältnis von „Elite“ und „Volk“. Sein Erstarken indiziert den Ausbruch einer Repräsentationskrise und zeigt eine vielfach gesunde Reaktion auf die Zumutungen verordneter Alternativlosigkeit. „Populismus“ bildet den Komplementärbegriff zu „Postdemokratie“.
Von Prof. Dr. Günter Scholdt
In der Postdemokratie wird Volksherrschaft nur mehr institutionell simuliert, in Wirklichkeit jedoch durch mehr oder weniger korruptive Loyalitätsbindung mächtiger Sozialkräfte ersetzt. Gemäß dem Ideal parlamentarischer Demokratie fallen die politischen Entscheidungen im Wettbewerb der Parteien. Die Postdemokratie neigt jedoch dazu, wählerbedingte Unsicherheiten zu minimieren und die herrschende politmediale Klasse zu verdauern. Sie kostümiert sich dabei als Regiment alternativloser Rationalität um der Zukunft willen und geriert sich als kaum zu befragende Expertokratie. In Abwehr solcher Anmaßung definierte Philippe de Villiers Populismus daher als „Schrei der Völker, die nicht sterben wollen.“ Und Alexander Gauland schrieb: „Populismus entsteht, wenn ein Establishment den Gesellschaftsvertrag mit einem Volk mehr oder weniger aufkündigt“. Er realisiere sich gegenwärtig als „globale Bewegung gegen die Allmacht der Globalisierung“, „der Seßhaften gegen die Mobilen“, der „Demokraten gegen Autokraten“.
Letzteres ist besonders brisant. Denn der herrschenden Klasse gilt Widerspruch zunehmend als nostalgisch-ewiggestrige, irrationale oder gar illegitime Obstruktion, gegen die auch mal robuste Mittel erlaubt sind. Das erspart die Mühe diffiziler Argumentation und regelt statt dessen vieles administrativ-juristisch per Verfassungsgericht, „Verfassungsschutz“ und nicht zuletzt „zivilgesellschaftliche“ Gewalt. Dies wiederum gefährdet den Rechtsstaat. Und so berührt die Art, wie man hierzulande mit wirklicher Opposition umgeht, die prekäre Frage, ob wir überhaupt noch in einer intakten Demokratie leben. Die Hauptschwäche vieler systemkonformer „wissenschaftlicher Analysen“ liegt in einer von der Kausalität her falschen Deutung von Populismus als Herausforderung oder Unterminierung der Demokratie. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Zunächst zeigen sich massive politische Verwerfungen samt obrigkeitlichen Anmaßungen. Erst darauf reagiert „das Volk“ mit Protest gegen bürokratische Verknöcherungen und programmatische Selbstzufriedenheit einer Elite mit schwindendem Massenkontakt. Populismus blüht, wenn eine Demokratie marode geworden ist, wozu diese Staatsform leider tendiert. Insofern taugt er als Lackmustest für deren jeweilige Qualität. Wichtiger, als vor ihm zu warnen, ist, sich mit seinen Ursachen zu beschäftigen.
Zu echtem Populismus gehört nämlich ein Schuß Klassenkampf, konkret: eine nach Millionen zählende Gesellschaftsschicht, die sich berechtigterweise unberücksichtigt, übervorteilt oder mißachtet sieht. Nicht jede Unzufriedenheit wächst sich zur (gar international getragenen) Bewegung aus. Um der jeweiligen Regierungsfähigkeit willen ist das auch gut so. Bei Europas relativer ökonomischer Prosperität bedurfte es daher schon gewaltiger Erschütterungen, bevor sich breite Massen plötzlich für eine so spaßfreie Materie wie Politik interessierten. Üblicher ist es, sich mehr oder weniger murrend von anderen vertreten zu lassen und auf Brot und Spiele zu konzentrieren. Nun aber nötigen bedrückende Verhältnisse dazu. Im aktuellen Populismus äußert sich die realistische Sorge vor Altersarmut, verminderter Sicherheit und zunehmender Entfremdung im eigenen Land. Auf der Basis einer zerrütteten Demographie erleben viele den Schwund der Geldwertstabilität, die schleichende Enteignung durch Minuszinsen sowie wirtschaftliche Verwerfungen unter globalem Druck und hochideologischen Vorgaben. One-World-Visionen lassen bislang gehegte sozialstaatliche Zukunftshoffnungen verdämmern, während kostspielige „Eliten“-Projekte dominieren. Das reicht von der Demontage der Nationen und Heimaten über totale Inklusion bis zur Klimareligion, von Gender-Mainstreaming samt sexueller Indoktrination bereits bei Kindern über sprachpolizeiliche Reglements bis zu einer Justizpolitik, die den Rechts- zum Gesinnungsstaat ummodelt.
Demgemäß verkörpert Populismus den Protest gegen Technokraten, die von Berliner, Wiener, Brüsseler oder New Yorker Grünen Tischen aus bloß noch anordnen und das im Begriff „Demokratie“ enthaltene „Volk“ zur Phrase werden lassen. Die besten Repräsentanten einer Alternative tun dies mit Worten, die Mißstände nicht rabulistisch verschleiern, sondern in gebotener Drastik zur Kenntlichkeit bringen. Ihr Spott gilt tückischen Korrektheitsformeln, die unseren zumindest halbtotalitären Maulkorb täglich enger zurren.
Nach dieser Inhaltsskizze meiner jüngst erschienenen „Populismus“-Schrift lenkt das Stichwort „Maulkorb“ alias „Mundschutz“ zur zweiten Komponente meines Themas über. Der Band kam noch vor dem hiesigen Lockdown auf den Markt und wird in diesem Artikel sozusagen weitergeschrieben. Schließlich bieten die aktuellen Turbulenzen zusätzliche drastische Belege für meine Kernthesen, zumal ich das elitelastige westliche Corona-Management für verhängnisvoll halte. Ich stimme zwar darin überein, daß eine besonders gefährdete Personengruppe erhöhte Aufmerksamkeit und Schutz beanspruchen darf. Doch sehe ich unüberschreitbare Grenzen, wo ganze Volkswirtschaften gefährdet und die Bürger (inklusive der Alten) in ihrer Selbstbestimmung massiv beeinträchtigt werden. Zudem darf man bezweifeln, daß Corona auch nur annähernd die Gefahr darstellt, die in manchen Panik fördernden Pestvergleichen medial vermittelt wird. Offen lasse ich hier, ob der Lockdown gänzlich als „Fehlalarm“ (Sucharit Bhakdi) oder wenigstens anfangs als Entscheidung zu beurteilen ist, die trotz erschreckender Unverhältnismäßigkeiten noch verantwortungsbewußt getroffen wurde. Man sollte die Motive unserer Politiker nicht pauschal per Freund-Feind-Polemik bewerten, wie dies umgekehrt gegenüber Alternativen durchweg geschieht. Jenseits von machtverliebter oder lobbyistischer Bösartigkeit erklärt sich vieles aus einer systembedingten Informationsglocke. Darüber hinaus konzediere ich einzelnen Funktionären in einer menschlich so bewegenden Frage, schlicht Gefühlen gefolgt zu sein. Angesichts medialer Dauerberieselung mit weltweitem Horror aus Todeszahlen und -bildern bewahrt man schwer kühlen Kopf.
Mein Mißtrauen gegenüber etlichen höchsten Entscheidungsträgern und weltweiten Meinungslenkern wie Profiteuren ist jedoch groß. Denn üblicherweise werden Maßnahmen, die solche globalen Verluste hervorrufen, von potenten Einflußträgern zumindest gebremst. Wenn es diesmal ausblieb, fragt sich: Welchen Nutzen könnten Großmächte, Börsen und Milliardärsklüngel, NGOs, Arbeitgeber, Parteien und andere Lobbyisten bzw. die von ihnen erbeuteten Staaten trotz aller Schäden davon haben, selbst wenn bei einzelnen Protagonisten auch mal Philanthropisches mitspielen mag? Siegt doch Menschenliebe in Politik und Geschichte erfahrungsgemäß nur, wenn sie mit handfesten geschäftlichen oder politischen Vorteilen harmoniert. Solches festzustellen, gilt zwar als Verschwörungstheorie, selbst wenn ich meinen Verdacht noch einschränke. Ich sehe hinter allem nämlich nicht unbedingt einen von Anfang an durchgezogenen Plan finsterer Drahtzieher um weltpolitischer und wirtschaftlicher Ziele willen. Aber mir scheint, daß sehr einflußreiche Kräfte Wuhan als Chance betrachten und in ihrem Sinne nutzen. Nachdem die Angstlawine aber erst einmal die Massen erreichte, entwickelte sie ihre Eigendynamik und erschwerte, was Führung und Geführte betrifft, zu unterscheiden, wer Treiber und wer Getriebener ist. Darüber hinaus entfalten sich Effekte gemäß der Chaostheorie.
Fragen wir also präziser nach Interessen, die eine so einheitliche Weltmeinung schuf. Denn es gibt neben Milliarden Verlierern auch zahlreiche Gewinner. Rein ökonomisch stärkt jede Krise die Großen und vernichtet Kleine, die nun teils zu Schnäppchenpreisen aufzukaufen sind. Dies geschieht in einer Dimension, die den Finanzwissenschaftler Stefan Homburg vom „größten Umverteilungsprogramm in Friedenszeiten“ zu Lasten der Steuerzahler sprechen ließ. Auch der Anstieg bestimmter Aktienkurse im Wirtschafts- und Finanzbereich – ich nenne stellvertretend nur die IT- und natürlich die Pharmabranche – ist ein Indikator dafür, welche kurzfristigen Gewinnchancen sich gerade durch künstlich geschaffene Nachfrage und gigantische Wiederaufbausubventionen auftun. Vorteile ergeben sich ebenso für Regierungen; in Deutschland sogar vor einem entscheidenden Wahljahr. Lockdown-Vertreter können sich dem Volk als starke und fürsorgliche (Lebens-)Retter inszenieren. Und eine zuvor eingeschüchterte, medial bespielte Masse schluckt dieses Narrativ. Alle wichtigen Sozialgruppen hängen im Zuge staatlicher Hilfsmaßnahmen künftig noch mehr am Tropf pekuniärer „Wohltaten“. Jenseits des ohnehin überversorgten Staatsfunks stützt man „freie“ Verlage und Medien, um – kein Scherz! – „die Vielfalt“ zu erhalten. Für staatliche Presseförderung wurden in Deutschland zunächst schon mal 220 Millionen Euro reserviert. Hinzu kommen pro Jahr Dutzende von Anzeigen-Millionen der Bundesregierung – ein Bonus für uniforme Servilität. Regierungsfromme Schriftsteller, Sportler und Unterhaltungs-„Künstler“ werden pekuniär umgarnt. Selbst Fußballprofis und deren Clubs dürfen trotz ihrer irrwitzigen Gehälter mit öffentlichem Bakschisch rechnen (z.B. per Kreditanstalt für Wiederaufbau oder Landesbürgschaft). Tun sie schließlich alles, um sich als systemrelevante Musterschüler auszuzeichnen. Filmproduzenten werden mit hohen zweistelligen Millionensummen per Rettungspaket „Neustart Kultur“ alimentiert. Propaganda war in Krisenzeiten schon immer Chefsache.
Schön, daß Baden-Württemberg nun staatliche Kapitalaufstockungen für krisengefährdete Unternehmen beschloß. Nur verlieren zuvor selbstbewußte Mittelständler damit ein weiteres Stück Unabhängigkeit. Auch öffentliche Großaufträge fördern gewiß keine der Regierung unerwünschte Ansicht. Internationale Konzerne waren zwar ohnehin ideologisch auf Kurs. Aber auch ihnen hilft man, wie etwa in der Autobranche, durch Kaufprämien, die zugleich kompensieren, was Management-Mißwirtschaft in Kombination mit grüner Politik angerichtet hat. Doch frühere Sünden sind schnell vergessen, wo als alleinschuldig inzwischen das Virus gilt. Selbst Ladenhüter wie der Hybrid oder sonstige Haldenprodukte finden nun wohl doch noch ihre Käufer. Und wir gelangen, was von den Linken bis zu den „Konservativen“ offenbar niemanden stört, einen weiteren Schritt zum Staatssozialismus, dessen Hauptmerkmal bekanntlich die Ineffizienz ist.
Unseren „Eliten“ dient dies als Testlauf zu einer äußerst bequemen Herrschaftsform, die sie im Geheimen stets favorisierten. Ohne wesentliches Dreinreden des „Volks“, das ihnen ohnehin nur mehr als unspezifische „Bevölkerung“ gilt. Man regiert weithin per Erlaß, gemäß dem Notverordnungsmodell aus der Endphase Weimars, bei marginalisierter tatsächlicher Opposition, die sich öffentlich praktisch nicht mehr wirksam darstellen kann. Einnahmengedeckte Haushalte – Schnee von gestern. Und im Windschatten öffentlicher Aufmerksamkeit lassen sich auch diverse andere Projekte wie die Erhöhung des Rundfunkbeitrags fast in Minuten durchsetzen oder unter den Teppich kehren. Es zählen, eindimensional und alternativlos, nur „richtige“ Experten. Wer widerspricht, gilt als „Wirrkopf“, der „Fake News“, „Haß und Hetze“ verbreitet.
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Auch eine (gewiß fürchtenswerte) Weltregierung rückt via WHO etwas näher. Und die EU erhält eine tüchtige Bluttransfusion. In Brüssel wurde gerade ein Aufbauplan über 1,8 Billionen Euro beschlossen. Bei solcher Lizenz zum umverteilenden Gelddruck (im Verein mit den EZB-Aufkäufen toxischer Staatsanleihen in ähnlicher Größenordnung) nähern wir uns mit Riesenschritten einer Fiskalunion. So läßt sich bei geschwächtem Widerspruch der Süden unterstützen oder die Klimaagenda unterfüttern. Und führende Eurokraten ziehen ein weiteres Trumpf-As aus dem Ärmel, mit dem sie „Rebellen“ wie Ungarn und Polen per Zuteilung aus dem Aufbaufonds disziplinieren wollen, weil die doch tatsächlich rechtsstaatsgefährdend Meinungen gängelten. Eine Pharisäer-Groteske, wo gleichzeitig eurokratische Zensurgesetze kursieren oder vorbereitet werden, die Kritik am EU-Monster erschweren oder als Zuckerbrot Hofberichterstattung finanziell belohnen. Auch national haben sich unsere Sauberfrauen und -männer einiges einfallen lassen.
Kein Wunder, daß bei solchen Vorteilen und kurzfristigen Chancen unsere Politik- und Wirtschafts-„Elite“ dem Ganzen nach einer Allensbach-Umfrage „einmütig wie selten“ applaudiert. Und spricht man mit ihren Repräsentanten oder Claqueuren, wenn sie sich überhaupt auf Diskussion statt Denunziation einlassen, so fallen Sprechblasen wie: „Mehr Homeoffice find ich toll.“ Ihre Kinder, falls vorhanden, hatten übrigens – im Gegensatz zu etlichen Stadtbewohnern – während der Einsperrung in der Regel im Garten noch genügend Auslauf. Dazu verfügen sie vom Gehalt her über einen breiteren finanziellen Speckgürtel, der solche Gelassenheit fördert. Ähnlich reagierten Beamte und andere im weitesten Sinne Staatsverköstigte mit der Grundeinstellung „Mein Gehalt läuft weiter“. Das gilt auch für Rentner, denen man in Deutschland – nur so läßt sich einhellige Zustimmung garantieren – gerade rund 4 % Erhöhung bewilligt hat. Da ich selbst dazu gehöre, nehme ich’s protestlos hin. Aber vielleicht sollten wir uns rechtzeitig die Frage stellen, wer denn nun die auf uns alle zukommende Superrechnung bezahlt. Mit einer reduktionistischen Weltsicht, wonach Strom aus der Steckdose und Geld von den Banken bzw. aus deren Druckereien kommt, ist nämlich noch nicht alles gesagt.
Und während unsere erlauchten Regierungshäupter den EU-Kompromiß im Umfang von 1.800.000.000.000 Euro als „historischen Tag“ feiern, mache man sich klar, daß diese Summe – sonstige Verluste durch Ankurbelung der Notenpresse oder Geldschöpfung per EZB nicht gezählt – jeden einzelnen EU-Bewohner vom Baby bis zum Greis mit 4000 Euro Schulden belastet. Für eine Kleinfamilie z.B. wären’s schon 16.000. Dagegen verzischen, falls jemand gerade ein Auto billiger kauft, dergleichen „Staatsgeschenke“ wie Schnee in der Sonne. Und bislang noch zahlungsfähige Länder bzw. deren Bürger trifft es zusätzlich.
Regierungen tun bei solchen Umverteilungsgroßtaten so, als hätten sie Geld. Aber auch die reichsten von ihnen haben nur Schulden. Und die wiederum zahlen einige mehr, andere weniger, wie z.B. Großkonzerne, die bekanntermaßen Steuersparexperten sind. Dagegen trifft’s mal wieder vor allem kleine Selbständige durch Tausende von Insolvenzen, oder Arbeiter und Angestellte, deren (künftige) Kündigung im Schatten von Corona viel geräuschloser und quasi „organisch“ vonstatten geht. Solche Personal-„Sanierungen“ nähern sich in bestimmten Bereichen fast Kahlschlägen. Die Zahl der Arbeitslosen steigt, die der Kurzarbeiter sogar auf ein in der Nachkriegszeit unvorstellbares Niveau. Zentral traf es die Touristikbranche, darunter auf Jahre ruinierte Wirte, die kaum vor Begeisterung jodeln, wenn man ihnen bei ohnehin ausbleibenden Gästen weniger Mehrwertsteuer abnimmt. Es trifft den Mittelstand, darunter (mir persönlich bekannte) Firmengründer, vor deren Aufbauleistung ich den Hut ziehe und die jetzt – mit ungewissem Ausgang – alles aufbieten, um nur zu überleben. Hinzu kommen folgenreiche Ausbildungsverluste durch Schulschließungen für mindestens einen Jahrgang, von Einbußen an ohnehin kaum noch gefragter umfassender Bildung gar nicht erst zu reden.
Die Regierungen feiern in spektakulären TV-Auftritten ihre „Helden der Gesundheitsarbeit“, während sie gleichzeitig unterbezahlten Verkäuferinnen oder Kellnern im Hochsommer zumuten, acht Stunden mit der medizinisch bedenklichen Schutzmaske rumzulaufen. Man wird zur kurzfristigen Kompensation (besonders vor Wahlen) die finanzielle Gießkanne zum Einsatz bringen, zumal die Leute nun auf Knopfdruck konsumieren sollen. Doch welche Augenwischerei angesichts der gewaltigen Vernichtung von Volksvermögen, die die Schere zwischen Basis und „Elite“ noch weiter öffnet! Sprechen wir daher über diesen – Populismus fördernden – Interessengegensatz zweier Schichten, die David Goodhart „Somewheres“ und „Anywheres“ nannte.
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Im Zentrum medialer Aufmerksamkeit stehen die Anywheres, eine beruflich wie privat äußerst mobile, ihrem Geburtsland vielfach entfremdete Schicht, polyglott mit „tragbarer Identität“ und einem auf Karriereerfolg basierendem hypertrophen Selbstbewußtsein. Nationale Bindung gilt ihnen im Prinzip als rückständig. Einer (finanziellen) Verantwortung dafür entziehen sie sich häufig. Obwohl sie zahlenmäßig kaum mehr als ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen, besitzen sie durch ihre Wirtschaftskraft, politische Verflechtung und Dominanz im Informations-, Unterhaltungs- und Kulturbereich überproportionalen Einfluß. Wer sie herausfordert, hat es mit einem geballten Imperium zu tun, das auch über bedeutende mediale und administrative Hilfstruppen verfügt, von internationalen Organisationen ganz zu schweigen. Ihnen gegenüber stehen die dem Populismus eher zuneigenden Somewheres. Es handelt sich um die größere Sozialgruppe im Staat, seßhaft, heimatverbunden und im Schnitt schlechter bezahlt, die unter den schnellen Veränderungen der Moderne am meisten leiden. Sie sehen sich wirtschaftlich bedroht, emotional verunsichert und durch Globalisierung, Massenimmigration und drastische Kompetenzverlagerung an eine weitgehend anonyme Eurokratie auch politisch zunehmend verdrängt. Hinzu kommen Einbußen an innerer Sicherheit. Beim Hinweis darauf bescheidet man die Frustrierten vielfach mit moralischen Belehrungen aus der Warte von Personen, die in Parallelwelten leben und die gesellschaftlichen Folgen (vorläufig) nur vermittelt spüren. Und wenn mal wieder eines der weltweiten Elitenprojekte in den Sand gesetzt wurde, wie 2008 die Bankenkrise, werden sie für die Reicheren auch noch zur Kasse gebeten.
Das aktuelle Corona-Management versetzt ihnen einen weiteren ökonomischen Schlag, den Anywheres deutlich weniger spüren. Schließlich kann man auch per PC und Videokonferenz beruflich kommunizieren und privat per Skype globale Kontakte halten. Immerhin fällt auf, in welchem Rekordtempo, wechselnden globalen Agenden folgend, jeweils frühere Überzeugungen über Bord gehen. Schon die Greta-Manie führte zur kuriosen Paradoxie, als ausgerechnet diejenigen, die sonst ununterbrochen um den Erdball jetten, heute Frankfurt, morgen Singapur oder New York („Schnell noch im Guggenheim-Museum vorbei!“), unsere ebenso konsum- und reisegeilen Jüngsten in eine Klimahysterie versetzetn. Corona treibt diesen Meinungswandel, der kurzfristig durch neue Direktiven wie „Black lives matter“ relativiert werden kann, auf die Spitze. Denn ausgerechnet Globalisten mutieren plötzlich zu Grenzschließern. Genmais-Verächter tragen keine Bedenken, genomverändernde, kaum erprobte Impfstoffe zu empfehlen, sofern sie nicht aus Rußland kommen. Leidenschaftliche Datenschützer, die Vereine mit aberwitzigen Vorgaben über die Weitergabe von Mitgliederadressen quälen, befürworten nun, daß man zum schnellen Bier dem Kneipenwirt Anschrift und Telefonnummer auszuhändigen hat. Von Corona-Apps ganz abgesehen. In Altenheimen vollzieht sich seit Wochen ungerügt tägliches Zwangsfiebermessen, flankiert durch die Drohung, jederzeit wieder im Zimmer interniert zu werden.
Das – nochmals gesagt – sind die gleichen Anywheres, die uns Globalisierung als Höhepunkt menschlicher Entwicklung priesen und heimatliches Traditionsbewußtsein zerstörten, wie aktuell in ihrer Panik dessen ökonomische Grundlagen. Dieselben, die unsere Demographie durch Feminismus- und Gender-Exzesse so zerrütteten, daß sich jetzt von der Wählerstruktur her die Angstmotive so dominierend auswirken. Und was ist von jenen zu halten, die sonst ständig Solidarität mit der ganzen Menschheit im Munde führen und nun schamlos ignorieren, welche makabren Todesziffern Wirtschaftskrisen besonders der Dritten Welt bescheren? Die UN teilte bereits im April dieses Jahres mit, der Lockdown „könnte die Zahl der am schlimmsten von Hunger betroffenen Menschen in diesem Jahr verdoppeln. Es sei zu erwarten, dass mehr Menschen infolge der verheerenden wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sterben würden als an der Krankheit selbst“. Jeder halbwegs Gebildete konnte dies schon vor Monaten an fünf Fingern abzählen. Aber als es Tübingens grüner Bürgermeister Boris Palmer sagte, mutierte er binnen Stunden zur bundesrepublikanischen Unperson, der man per Shitstorm ein qualvolles Sterben wünschte. Dergleichen Gegenbilanzen behandeln unsere Qualitätsmedien nur ungern und eher unter „ferner liefen“, während 14tägige Quarantänen von Unterhaltungsstars die Schlagzeilen beherrschen, oder, als Höhepunkt der Berichterstattung, die Erkrankung staatsmännischer Corona-„Leugner“ – quasi als himmlische Bestrafung.
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Werfen wir einen abschließenden Blick auf diejenigen, zu deren Heil das Ganze (angeblich) veranstaltet wird. Nun, die Senioren mögen bitte nicht glauben, man hätte sie nachhaltig ins patri- bzw. matriarchalische Sozialherz geschlossen, indem man sich ihnen zuliebe „pro Leben, contra Kommerz“ entschied. Denn zunächst fehlt in dieser Erfolgsbilanz der „Retter“ alles, was gegengerechnet werden müßte: (letale) Schäden durch Vernachlässigung oder operatives Hinauszögern bei anderen Erkrankungen, Fehlbehandlungen und seelische Beeinträchtigungen, die sogar Suizide veranlaßten, Immunitäts- und andere Störungen durch Angst und Immobilität. Wichtiger noch sind mittelfristige Folgen. Denn das Erwachen vieler Alter wird schock- und schmerzhaft sein, wenn sie künftig an noch dürftigerer Fließbandbetreuung, endlosen OP-Wartezeiten, erhöhter Zimmerbelegung, steigenden Krankenkassenbeiträgen und nicht zuletzt einer fast unerschwinglichen persönlichen Pflege merken, was die Stunde geschlagen hat. Denn die Altenversorgung insgesamt profitiert mitnichten davon, wenn man die Wirtschaft verheert, alle Anstrengungen auf einen einzigen Krankheitstyp konzentriert, während andere Übel weitaus größere Schäden anrichten und Lücken ins Versicherungssystem reißen. Ich nenne exemplarisch nur die grassierende Zuckerkrankheit mit rund acht Millionen Betroffenen allein in Deutschland.
Wir müssen uns von Gaukeleien verabschieden, es gäbe für alles Absicherungen. Stellt COVID-19 doch nur eine Form potentieller Virenmutation dar. Wir werden auch künftig mit vergleichbaren Attacken auf unsere Gesundheit kämpfen müssen und ganz anderen Erregern. Der totale Sieg über Epidemien ist eine Illusion wie diejenige vom ewigen Leben. Wollen wir also periodisch die Weltwirtschaft ruinieren, bis jeweils aktualisierte Impfstoffe hergestellt sind, die, wenn sie verantwortungsvoll getestet und nicht leichtsinnig auf den Markt geworfen werden, wieder nur das letzte oder vorletzte Virus betreffen? Ohne ein illusionsloses Verhältnis zum Mach- und Finanzierbaren gewinnt man nichts, zumal gerade die Corona-Krise erwies, wie marode die Gesundheitssysteme fast aller Länder sind. Zudem gibt es viele andere Herausforderungen, die durch Konzentration auf eine Gefahr an Aufmerksamkeit und Geldern einbüßen: von Krebs und Tuberkulose über Masern bis Malaria. Nicht zu vergessen die (angesichts einer auch ideologisch verursachten katastrophalen Alterspyramide) zahlenmäßig explodierenden orthopädischen, Herz-Kreislauf- und psychiatrisch-neurologischen Erkrankungen wie z.B. Demenz. Auch steht der panikgeförderte Wille, eine ganze Gesellschaft in die Pflicht zu nehmen, um das Leben meist Hochbetagter oder Multimorbider um ein paar Monate oder bestenfalls Jahre hinauszustrecken, in schreiendem Kontrast zur irritierenden Leichtfertigkeit, mit der diese Gesellschaft jede Scheu vor der Tötung Ungeborener verlor. 100.000 sind es im Schnitt jährlich in Deutschland. Und so provoziert eine Meldung vom Juli, die grüne Ministerialbürokratie in Stuttgart beabsichtige, Universitätsärzte, die offenbar zunehmend Bedenken trügen, zwangsweise zu Schwangerschaftsabbrüchen zu veranlassen.
Mir ist bewußt, wie labil die Idee vom Generationenvertrag durch nachwachsende Jahrgänge tatsächlich fundiert ist. Aber grundsätzlich verpflichtet er Jung und Alt. Den stärker gefährdeten Senioren stehen gewiß jedes Recht, jedes Mitgefühl und in vertretbarem Rahmen jede Hilfe zu, sich vor Ansteckung zu schützen. Aber sie sollten auch Vorbilder sein in dem, was sie anderen nicht zumuten. Laut Statistik sind die Jungen an der panischen Grundstimmung zwar ähnlich beteiligt wie die Alten, aber wo bleiben Überlegenheit und Weitsicht? Und wo bleibt deren Souveränität, sich die anmaßende Zwangsbetreuung und Entmündigung durch Corona-Diktatoren auch mal zu verbitten? In Österreich leben etliche, die wenigstens noch einen Erinnerungsbezug zur Landwirtschaft unterhalten, einschließlich der dort gepflegten Mentalität. Die Vorstellung, daß in der Glanzzeit dieses Berufsstands, der schließlich die Landesernährung zu sichern hatte, ein Bauernpatriarch auf dem Altenteil seines persönlichen Schutzes wegen den ganzen Hof ökonomisch gefährdet hätte, ist im Sinne der Zeit schlicht abwegig. Dagegen ist das heutige Politikerpathos, man opfere Menschen eben nicht dem Kommerz, zu einem Gutteil von öffentlicher Scheinheiligkeit geprägt. Denn seit Anbeginn aller Gesellschaft gab es zwischen beidem stets eine Güterabwägung. Und auch wir nehmen schreckliche Todesbilanzen kalt lächelnd in Kauf. Nur muten wir sie vorwiegend den Ärmeren und ihren Staaten zu.
Ich wohne im Saarland, dessen Wohlstand über Generationen dadurch kreiert wurde, daß Menschen (im Bewußtsein gesundheitlicher Schädigungen) unter Tage schufteten und mit 60 Jahren vielfach von Silikose betroffen waren. Ganze Generationen von Männern in den Küstenlandstrichen im Norden wiederum riskierten in Fischfang und Handel auf stürmischen Meeren immer wieder ihre Leben. Stets wurde oder wird abgewogen zwischen Leistungsertrag und Gefahr. Und historisch betrachtet, setzten Völker und Gesellschaften im Aufstieg die sozial akzeptierten Risiken höher an als solche mit dem Abstieg vor Augen, was sich natürlich auch demographisch bemißt. Zugegeben: Größere Risikobereitschaft ergab sich selten ganz freiwillig, war vielfach durch Not bedingt oder sozial einseitig verteilt. So erfreulich es daher ist, daß es unsere Wirtschaftsbasis erlaubt, Risiken zu minimieren, dürfen wir dennoch das Kind nicht mit dem Bad ausschütten, aus Angst vor dem Tod einiger besonders Betroffener eine ganze Gesellschaft in Haft nehmen und etliche ökonomisch in den Selbstmord treiben. Diese „Lösung“ hat mehr von Dekadenz als von Prophylaxe. Und nicht nur Historiker sollten bedenken, was Wirtschaftskrisen in der Geschichte schon anrichteten.
Allzuviele von uns haben ein realistisches Verhältnis zum Machbaren und zum Tod verloren. Wir sperren uns im Prinzip dagegen, daß ein durch Apparatemedizin immer weiter hinausgezögertes künstliches Weiterexistieren durch Krankheitswellen eben zuweilen beendet wird. Dabei können wir den Kampf für die ersehnte Unsterblichkeit ohnehin nicht gewinnen. Und wer von den angeblich Verantwortlichen uns in diesem Wunsch noch bestärkt und dabei panisch Angepaßte als einsichtig Couragierte verklärt, für den gilt, was Friedrich Georg Jünger vor rund acht Jahrzehnten – wenn auch in anderem Kontext – kritisierte:
„Gaukler treiben mit Worten ihr Wesen, Lügner sie deuteln,
Retter, sie retten den Trug, Ärzte, sie scheuen den Tod.
Wollt ihr betrügen das Volk, so schmeichelt ihm schamlos und lobt es,
Dient ihm mit Worten zuerst, eh ihr es redend beherrscht.“