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ÄußeDogmatische Kriegführung - Die CIA und die Besetzung des katholischen Denkens

Der Priester Leonard Edward Feeney (1897–1978) war bis Ende des Zweiten Weltkriegs einer der profiliertesten Jesuiten und katholischen Publizisten der USA. 1945 wurde er zum Seelsorger des katholischen Studentenzentrums Saint Benedict Center an der Harvard University ernannt und geriet dort in schwere Konflikte mit weniger dogmatischen Katholiken – u.a. forderte der damalige Student Robert Kennedy vom zuständigen Erzbischof die Entlassung Feeneys. Wegen zunehmend radikaler Lehren wurde Feeney aus Rom mehrfach verwarnt, seiner Ämter entkleidet und schließlich 1953 wegen fortgesetzten Ungehorsams exkommuniziert.

In religiöser Hinsicht werden die Vereinigten Staaten von Amerika oft erst einmal mit den „Pilgervätern“ assoziiert, radikalen englischen Puritanern, die sich von der Staatskirche losgesagt hatten und eine vollständige Gemeindeautonomie einforder­ten. Ihre Ankunft an Bord der „Mayflower“ im Jahr 1620 gilt als Begründung der geargwöhnten Herrschaftsschicht der „wei­ßen angelsächsischen Protestanten“ („White Anglo-Saxon Protestants“, WASPs), die über Jahrhunderte exklusiv die Geschic­ke der USA zu steuern schien. Als mit John F. Kennedy 1960 erstmals ein Katholik zum Präsidenten gewählt wurde, raunten viele Bürger von einem Loyalitätsproblem – immerhin müsse ein gläubiger Katholik doch Anweisungen aus Rom Folge lei­sten. Daß der Katholizismus in den jungen USA vorwiegend eine Sache der als Einwanderer zweiter Klasse angesehenen Iren und Italiener war und er erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein institutionelles Eigenleben entwickelte, hat ihn in der öffent­lichen Wahrnehmung stark in den Hintergrund treten lassen. Der folgende Text soll zeigen, wie aktiv er hingegen tatsächlich ist. Er stammt von einer – nicht vom Vatikan anerkannten – Abspaltung der Glaubensgemeinschaft „Sklaven des unbefleck­ten Herzens Mariens“ („Slaves of the Immaculate Heart of Mary“), die wiederum aus dem katholischen Studentenzentrum Saint Benedict Center an der Harvard University hervorgegangen war.

Von Bruder André Marie1

Die katholische Journalistin Bree Dail sprach unlängst mit einem Fach­mann für Informationskampfführung („Information Operations“, IO2) über Propaganda und den strategischen Ein­satz von „Fake News“. Daniel P. Gabriel arbeitet mittlerweile im privaten Sektor, doch war zuvor Beamter der CIA und unterstützte die Informationskampffüh­rung der „Agency“ mit seinem Fachwis­sen über Kommunikationstechnik und Journalismus. Seine Erläuterungen über „PsyOps“ (Psychologische Kampffüh­rung), „Schwarze Propaganda“, „False-Flag“-Operationen und ähnliche geheim­dienstliche Gepflogenheiten stammen von einem ehemaligen Staatsdiener, der nicht nur deshalb ein Profi in diesen Me­thoden ist, weil ausländische Regierun­gen, Nichtregierungsorganisationen und Terroristen sich ihrer bedienen, sondern auch, weil die US-Regierung sie lange Zeit genutzt hat und noch immer nutzt. Es handelt sich bei ihnen ganz einfach um das Handwerkszeug der Geheim­dienste, einschließlich unserer eigenen.

Ich will mit einem Ausschnitt aus dem Interview3 in das eigentliche Thema ein­steigen:

BD: Was ist die grundsätzliche Defini­tion der IO?

DG: Die IO werden oft „PsyOps“ ge­nannt, „Propaganda“, „aktive Maßnahmen“ oder „verdeckte Einflußnahme“. Der Wort­gebrauch – und die Methodik – hängt meist von der Organisation oder staatlichen Be­hörde ab, die dafür bezahlt [Hervorhebungen durch A.M.]. Ausgegangen wird aber immer vom Grundprinzip, daß die Absicht darin be­steht, zu „informieren“, um das Verhalten zu beeinflussen – oder, in manchen Fällen, um ein bestimmtes Verhalten zu verhindern. So gesehen, ist es wirklich so einfach wie beim Marketing oder in der Werbebranche, wo das strategische Ziel darin liegt, Verhalten zu verändern. Der Unterschied – und das mag in manchen Fällen bedrohlich erscheinen – liegt darin, daß der Auftraggeber im Verbor­genen bleibt. Im staatlichen Bereich reicht dieses Spek­trum von „weißer“ Propaganda (offen) bis hin zu „schwar­zer“ Propaganda (verdeckt oder, in ge­wissen Fällen, ei­nem Dritten unter­geschoben – „Fal­seFlag“).

Vor diesem Hin­tergrund möchte ich weitergeben, was ich aus einem erstaunlichen Buch von David A. Wemhoff erfahren habe: „John Court­ney Murray, Time/Life, and the Ameri­can Proposition“, mit dem provokanten Untertitel „How the CIA’s Doctrinal Warfare Program Changed the Catholic Church“.

Die CIA und der Amerikanismus

Ebenso wie „Fake News“ (bei denen es sich oft um „PsyOps“ handelt) ist auch der „Deep State“ ein brandaktuelles The­ma im amerikanischen Alltag. Wemhoffs Werk schildert die Entstehung dieses „Deep State“, indem es auf die Geschich­te unserer Geheimdienste während und, in weiterentwickelter Form, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eingeht. Diese historische Erzählung enthält um­fassende Zitate aus Primärquellen über psychologische Kampfführung und das, was von den damit betrauten Fachleuten innerhalb dieser Dienste „dogmatische Kriegführung“ genannt wurde.

Zu den Figuren des Buchs gehören Henry Luce, der Gründer des Medienim­periums um die Zeitschriften „TIME“, „Life“ und „Fortune“, seine Ehefrau (und Konvertitin zum Katholizismus) Clare Boothe Luce, der antikatholische Fanatiker Paul Blanshard (Autor des hy­sterischen Buchs „American Freedom and Catholic Power“), C.D. Jackson, staatlicher Propagandist und Spezialist für „PsyOps“ sowie Vorstandsmitglied bei Time, Inc., Edward P. Lilly, katholi­scher Historiker, Intellektueller und Spe­zialist für „PsyOps“ mit Lehrauftrag an der Katholischen Universität von Ameri­ka, William „Wild Bill“ Donovan, Mitbe­gründer der CIA, John Foster Dulles, Au­ßenminister unter Eisenhower und Vater von Avery Kardinal Dulles4, sowie John Courtney Murray, der liberale Jesuit, der die Kirchenlehre im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Kirche und Staat än­dern wollte5. Sie alle zählen in diesem Buch zu den Schurken. Es gibt auch ein paar prominente „gute Kerle“, die her­vorgehoben werden, darunter insbeson­dere der Theologe und Herausgeber der „American Ecclesiastical Review“, Mon­signore Joseph Clifford Fenton, sowie der Moraltheologe des Ordens der Re­demptoristen, Pater Francis Connell.

Sorgfältig dokumentiert mit hunder­ten von Verweisen auf tatsächliche Äußerungen der Schlüsselfiguren, ihre Auto­biographien, Biographien und – beson­ders bezeichnend – ihre persönlichen Briefwechsel, die in zahlreichen Archi­ven ausgewertet wurden, zeichnet das Buch die Zusammenarbeit mit dem ent­stehenden „Deep State“ sowohl während als auch nach dem Zweiten Weltkrieg nach und zeigt auf, wie Luce die Sache der „Vier Freiheiten“ Roosevelts6 voran­bringen wollte, indem er den „Amerika­nischen Lehrsatz“7 beförderte; jene mo­derne politische und ökonomische Ideo­logie, die all das, was die Kirche verur­teilt hat, in einem einzigen Wort zusam­menfaßt: Liberalismus.

An der Gründung der „Sklaven des unbefleckten Herzens Mariens“ war 1949 neben Feeney noch Catherine Goddard Clarke beteiligt, die 1940 das Saint Benedict Center eröffnet hatte. Nach Feeneys Exkommunizierung und zunehmender Isolierung innerhalb des Universitätsbetriebs überführten sie ihre Glaubensgemeinschaft in das nahegelegene Dorf Still River, wo sie eine Kapelle errichteten und ein Leben als „katholische Kommune“ aufnahmen. Nach Clarkes Tod formierten sich verschiedene Fraktionen, die zu einer mehrfachen Aufspaltung der Gemeinschaft führen sollten. Feeney und Clarke wurden nebeneinander auf dem Kapellhof beerdigt.

Der Deep State und der Liberalismus

Um alle Amerikaner dazu zu bringen, diese Ansichten zu übernehmen, mußten Luce und seine Bundesgenossen das ka­tholische Denken verändern; anstatt die offen feindselige Herangehensweise ei­nes Paul Blanshard zu wählen, entschied sich Luce deshalb für einen subtileren Weg, der die Mitarbeit angesehener Ka­tholiken selbst einschloß. Edward P. Lilly war nützlich, doch längst nicht so sehr wie Pater John Courtney Murray, der li­berale Jesuit, der Luces Ehefrau Clare Boothe Luce nahestand und in Luces Zeitschriften als ein Märtyrer für die Sa­che des Amerikanismus innerhalb der katholischen Kirche dargestellt wurde8.

Teil dieser Glorifizierung Murrays war die Verteufelung seiner Kritiker, ein­schließlich der Funktionäre des Heiligen Stuhls, die (wie Kardinal Ottaviani) Mur­rays Arbeit verurteilt hatten, und der fachkundigen amerikanisch-katholi­schen Theologen Monsignore Fenton und Pater Connell, die es wagten, Mur­ray im Namen der authentischen katho­lischen Tradition zu kritisieren. Luces häufiges Schwärmen für Murray und Dämonisieren von dessen katholischen Kritikern war eine erfolgreiche Übung in psychologischer Kampfführung.

Der Plan der „dogmatischen Kampfführung“

Was die „dogmatische Kriegführung“ anging, wie C.D. Jackson sie bevorzugt nannte, so war der Plan ziemlich ein­fach: Veränderung der Weise, in welcher Katholiken über die Kirche, Amerika, Pluralismus, das Verhältnis zwischen den Religionen und andere Themen, die die Frage der Beziehung zwischen Kir­che und Staat berührten, dachten. Das würde unweigerlich schwerwiegende Auswirkungen darauf haben, wie die amerikanischen Katholiken über sich selbst dachten – und nicht nur die ame­rikanischen Katholiken, denn die Agen­da der Beförderung des „Amerikani­schen Lehrsatzes“ war noch viel weiter gesteckt. Auch in Europa, Lateinamerika und Asien sollten die katholischen Län­der verändert werden. Die USA waren soeben siegreich aus dem Zweiten Welt­krieg hervorgegangen und auf dem We­ge, ein Weltreich zu werden, welches das im Krieg zerstörte Britische Empire ablö­ste. Dies war das „Amerikanische Jahr­hundert“ (ein von Luce geprägter Aus­druck)9, und die messianische Demokra­tie würde sich bis in den letzten Winkel der Erde ausbreiten! Luces internationale Publikationen, die im Ausland mit den Netzwerken von US-Geheimdienstagen­ten zusammenarbeiteten, sollten die Zugpferde dieser amerikanischen Mis­sionierung sein. Bevor mir übertriebene Rhetorik vorgeworfen wird, weil ich das Wort „Missionierung“ verwende, möch­te ich festhalten, daß C.D. Jackson und Henry Luce ihr Anliegen „das Evangeli­um der Demokratie“ nannten.

Ich erwähnte, daß Luces Unternehmen mit den aufstrebenden Geheimdiensten „zusammenarbeiteten“. Diese Kooperati­on war keineswegs eine gelegentliche oder zufällige, sondern sehr eng. Es gab sozusagen eine Drehtür zwischen Luces Zeitschriften und den US-Diensten, so daß es sich bei vielen Autoren von „TI­ME“, „Life“ und „Fortune“ um CIA-Ve­teranen handelte. Bis 1953 hatte C.D. Jackson – der bereits mit einem Bein in der Regierung und mit dem anderen in Time, Inc. stand – erfolgreich ein Netz­werk zwischen der Regierung Eisenho­wer, der CIA und, durch Henry Luce, der amerikanischen Presse gewoben. Eine erstaunliche Leistung.

Die Position des Vatikans

Ohne hier die betroffenen Fragen der Glaubenslehre im Detail thematisieren zu wollen, so muß doch daran erinnert werden, daß Papst Leo XIII. in seiner En­zyklika „Longinqua“ von 1895 deutlich festgestellt hatte, daß die Situation zwi­schen Kirche und Staat in den Vereinig­ten Staaten nicht als Ideal angesehen werden könne. Das war eine anstandslo­se Fortführung der beständigen katholi­schen Lehre zu gesellschaftlichen Fragen. Nachdem diese Maßnahme wenig Erfolg gezeitigt hatte, verfaßte Leo das Schrei­ben „Testem benevolentiae nostrae“, das an den faktischen Primas von Amerika gerichtet war, James Kardinal Gibbons von Baltimore. Die Irrlehre wurde von Leo höchstselbst als „Amerikanismus“ bezeichnet, und ihre Anhänger als „Ame­rikanisten“ – deren Oberhaupt Gibbons war! John Courtney Murray war im Grunde ein Amerikanist, der sein Fest­halten an vom Papst verurteilten Irrleh­ren mit einem Rückgriff auf ein neomo­dernistisches Konzept der dogmatischen Weiterentwicklung im Gegensatz zur au­thentischen Auffassung von der Weiter­entwicklung des Dogmas rechtfertigen wollte. Es würde hier zu weit führen, auf Murrays Rolle beim II. Vaticanum, seine Polemiken gegen Monsignore Fenton oder seine letztendliche Apotheose als (scheinbarer) Siegbringer für die Sache des Amerikanismus einzugehen.

Das CIA-Programm zur „dogmati­schen Kriegführung“ brachte zu diesem Zweck seine gewaltigen Ressourcen zur Anwendung. Wir sprechen hier von ei­ner verdeckten Operation, die Henry Lu­ces internationales Medienimperium be­nutzte, um die Weise zu verändern, in der Katholiken denken – erst in Amerika, dann im Ausland. Das war nichts ande­res als eine Anstrengung angelsächsisch-protestantischer Oligarchen, das katholi­sche Denken zu besetzen. Ihre Auswir­kungen halten zum großen Teil bis heute an. Die CIA verfügte in Rom sogar über eine Universität, die „Pro Deo“, geleitet vom belgischen CIA-Agenten und Domi­nikanerpater Felix Morlion. Ihre Aufgabe war es, lateinamerikanische Geistliche im Sinne des „Amerikanischen Lehrsatzes“ zu indoktrinieren.10 In Spanien stellte sich Luces Netzwerk mit aller Macht der traditionellen katholischen Gesellschafts­ordnung entgegen, die dort von General Franco aufrechterhalten wurde, der – durch Luces aktualisierten Beitrag zur angelsächsisch-protestantischen „Schwarzen Legende“11 – in der ameri­kanischen Presse gründlich verleumdet wurde.

Die amerikanischen Theologen Joseph Clifford Fenton (1906–1969; rechts) und Francis Jeremiah Connell (1888–1967; vorn) waren begehrte Ratgeber katholischer Würdenträger und Institutionen bis hin zum Zweiten Vatikanischen Konzil, vermochten die Liberalisierung der Kirche in den USA jedoch nicht aufzuhalten.
Die Glaubensgemeinschaft der „Sklaven des unbefleckten Herzens Mariens“ („Slaves of the Immaculate Heart of Mary“) entstand 1949 aus einem katholischen Studentenzentrum an der Harvard University. Sie hat sich insbesondere der Missions-arbeit und der Propagierung des Dogmas „Extra ecclesiam nulla salus“ verschrieben. Nach mehreren Abspaltungen gibt es heute sowohl kanonisch anerkannte wie auch nicht anerkannte „Slaves“-Zirkel. Bild: catholicism.org
Der amerikanische Medientycoon Henry R. Luce (1898–1967) mit seiner zweiten Gattin Clare Boothe Luce (1903–1987). Das katholische Ehepaar führte einen intensiven medialen Feldzug für die Liberalisierung von Kirche und Gesellschaft; privat pflegten sie eine „offene“ Ehe, in der Mrs. Luce (1953–1956 US Botschafterin in Italien) zahlreiche hochrangige Politiker und Militärs zu ihren Liebhabern zählte.

Antikommunismus als Deckmantel

Eine der Methoden, mit denen Katholi­ken dazu getrieben wurden, die Gültig­keit des „Amerikanischen Lehrsatzes“ anzuerkennen, war der Kreuzzug gegen den Kommunismus. Darauf hinzuwei­sen, bedeutet nicht, mit dem Kommunis­mus zu sympathisieren, den die Kirche selbst in Gänze verurteilt hat und den wir als das Übel, das er ist, verwerfen müssen. Nichtsdestoweniger war es Teil der „dogmatischen Kriegführung“, Ka­tholiken davon zu überzeugen, daß sie im Daseinskampf gegen die rote Bedro­hung ihre exklusiven Ansprüche ablegen und sich der großen Sache des amerika­nischen Exzeptionalismus12 anschließen müßten. Der Kreuzzug gegen den Kom­munismus lenkte die amerikanischen Katholiken mindestens von der göttli­chen Berufung ab, ihre nichtkatholischen Landsleute in die Kirche zu holen oder es wenigstens zu versuchen. Auch verführte die Atmosphäre des „Vergeßt dieses, be­kämpft jenes“ die Katholiken zu einer Art von gleichgültiger Haltung gegenüber den Gläubigen anderer Religionen (in der Lebensschutzbewegung können wir derzeit Ähnliches beobachten). Ange­sichts dessen sind die Worte Schwester Catherines13 in Kapitel 12 von „The Loy­olas and the Cabots“ bezeichnend:

Uns wurde gelegentlich vorgeworfen, daß wir Kommunisten seien, aufgrund der Ver­stimmung unter Katholiken, die aus unserem Beharren entstanden sei, uns zur Doktrin der Kirche über die Erlösung zu bekennen, so wie sie geschrieben steht […]. Es sei nicht die Zeit, um Zwietracht zu säen, hieß es; es sei vielmehr Zeit, alles andere zu verges­sen und eine geschlossene Front gegen den Kommunismus zu bilden. Wir erwi­derten, daß es, so furchtbar der Kommunis­mus auch ist, eine sogar noch größere Gefahr für die Menschheit gibt. Unser Herr sagt (Mt 10,28): „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten kön­nen, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann!“14 Es wäre in keinster Weise ein Sieg, wenn wir vereint gegen den Kom­munismus stünden, nur um durch unsere Mißachtung der Gebote Gottes den geist­lichen Kampf zu verlieren und zur Hölle zu fahren. Wir müssen beide gewinnen – den Kampf gegen den Kommunismus, damit wir hier auf Erden in Freiheit leben können, und den Krieg gegen den Höllenfürst, damit wir in alle Ewigkeit in Seligkeit mit Gott le­ben können.

Es gibt in Wemhoffs Buch zwei Stellen, an denen Pater Leonard Feeney erwähnt wird. Beim ersten Mal zitiert der Autor wohlwollend etwas, das unser Vater in „The Point“15 über Henry Luce geschrie­ben hat, einen Artikel namens „Our Thir­ty-Third Degree Enemies“. Auch wenn Pater Feeney nicht alles wußte, was Wemhoff enthüllt, so war er sich doch insgesamt des mächtigen und schädli­chen Einflusses Luces bewußt:

Die Gesamtauflage der Publika­tionen von Luce soll ungefähr sie­ben Millionen Stück betragen. In Wahrheit haben sie aber ein Vielfaches dieser Zahl an Le­sern. „Life“ beispielsweise wird in Amerika von so gut wie jedem gelesen oder zumin­dest angesehen, der auf einen Haarschnitt oder eine Zahnfül­lung wartet. „TIME“, mit einer an­geblichen Auflage von eineinhalb Mil­lionen, wird in erster Linie von denjenigen gelesen, die sich viel darauf einbilden, zur gesellschaftlichen, finanziellen oder intellek­tuellen Elite zu gehören. Wenn sie sich nicht der allwöchentlichen Prüfung unterziehen könnten, „TIME“ zu lesen, hätten sie nicht das Gefühl, auf die entscheidende Frage „Sind Sie gut informiert?“ mit einem ehrli­chen Ja antworten zu können.

„Fortune“ hat eine vergleichsweise kleine Auflage und wird weniger stark für Kontroll­zwecke gebraucht als die anderen beiden, wird es doch fast ausschließlich von Hoch­gradmaurern gelesen, die von dem Gut im Titel der Zeitschrift16 besessen sind.

Luce tut so, als sei der Zweck seiner Maga­zine, besonders von „TIME“ und „Life“, die unvoreingenommene, informative Berichter­stattung über Neuigkeiten und Ereignisse. Das ist jedoch offenkundig nicht so. Die Nachrichten sind für Luce nur ein Vehikel, um seine Botschaften zu übermitteln. Jeder Artikel, jedes Bild, jede Satire und jede Schlagzeile, die er druckt, dient einem klaren Ziel der Indoktrination und hat irgendeine Aussage, die er seinen Lesern einhämmern will.

Die zweite Erwähnung Pa­ter Feeneys kommt viel wei­ter hinten im Buch, wenn das II. Vaticanum stattfindet und Murrays Feind, Monsignore Fenton, als Peritus in Rom weilt. Indem er aus dem Ta­gebuch Fentons zitiert, weist Wemhoff nach, daß eine der größten Sorgen, mit denen dieser große Theologe nach Rom kam, jene um den ver­pfuschten Fall Pater Feeneys17 war, und daß

dank der falschen Handha­bung des ganzen Falls viele, wenn nicht alle amerikanischen Katholiken ernsthaft davon überzeugt sind, daß die Kirche in irgendeiner Weise das Dog­ma aufgegeben habe, wonach es außerhalb der Kirche keine Erlösung gibt.

Monsignore Fenton stellte einem Amtsträger des Heiligen Offiziums ge­genüber fest, daß „der Sache Christi in der Welt geschadet statt geholfen wird, wenn das Konzil sich nicht mit Nachdruck zur Notwendig­keit der Kirche für die Er­lösung bekennt“. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, detailliert zu schildern, was beim II. Vaticanum geschah, doch drängt sich eine Formulierung Papst Benedikts XVI. auf, in der er vom „Konzil der Me­dien“ spricht, das nach Ansicht Ratzin­gers eine ganz andere Realität darstellte als das tatsächliche Konzil, jenes „der Vä­ter“18. Henry Luces Medienimperium war ein Teil davon, bis an die Zähne be­waffnet mit seinen dogmatischen Ge­schossen, einschließlich der fortwähren­den Heroisierung John Courtney Mur­rays und der damit einhergehenden Ver­teufelung seiner Gegner auf dem Konzil.

Fazit

Nachdem Luce und die Amerikanisten das katholische Denken erfolgreich be­setzt hatten, konnten sie es weiter mani­pulieren, so wie es nicht nur in bezug auf die gleichgültige Haltung und die Bezie­hung zwischen Kirche und Staat ge­schah, sondern, nach dem Konzil, auch in Sachen Empfängnisverhütung, Ehe­scheidung und in anderen gesellschaftli­chen Belangen nicht geringer Bedeut­samkeit.

Der Wert von Wemhoffs Buch liegt darin, daß es uns über diese traurige und tragische Geschichte der psychologi­schen Manipulation und Ablenkung von der wahren Mission der Kirche aufklärt. Wenn wir sie als abschreckendes Beispiel akzeptieren, werden wir besser verste­hen, womit wir es zu tun haben, denn wir sind noch heute täglich „dogmati­scher Kriegführung“ und anderen For­men von „PsyOps“ ausgesetzt. Was aber viel wichtiger ist: Das Buch kann moder­nen katholischen Gegenrevolutionären eine starke Motivation liefern, sich neu zu organisieren, diesen Übeln im Namen der fortdauernden katholischen Glau­benslehre und -praxis entgegenzutreten und den steinigen Weg der Missionie­rung unserer amerikanischen Mitbürgerzu gehen – all diese Tätigkeiten bedürfen des katholischen Glaubens.

Aus dem Amerikanischen von Nils Wegner, M.A.

Anmerkungen

1 Der englischsprachige Originalartikel erschien am 5. Februar 2020 auf catholicism.org, der Internetpublikation der „Slaves of the Immaculate Heart of Mary“. Überset­zung, Einleitung, Zwischentitel und Anmer­kungen von Nils Wegner.

2 Während in der breiten Öffentlichkeit vor allem der dramatische Begriff „psycholo­gische Kriegführung“ in Gebrauch ist, stellt in der tatsächlichen militärischen Terminolo­gie „Information Operations“ den Oberbe­griff für diverse miteinander verbundene Operationsgebiete wie Spionageabwehr, Verschleierungs- und Täuschunternehmun­gen, operative Information und elektroni­sche Kampfführung (EloKa).

3 Vgl. Bree A. Dail: „Controlling the Nar­rative?“, churchmilitant.com vom 4. Februar 2020.

4 Diese Personalie ist besonders pikant: Avery Dulles gehörte zu jenen Harvard-Stu­denten, die unter dem Einfluß des Saint Be­nedict Center zum Katholizismus konver­tierten, wurde Jesuit und Priester, war Bera­ter der bischöflichen Kommission für den Dialog zwischen Katholiken und Luthera­nern in den USA und wurde 2001 mit 82 Jah­ren noch Kardinal. Sein Onkel Allen Welsh Dulles, der Bruder von John Foster Dulles, war hingegen während des Zweiten Welt­kriegs Agent des CIA-Vorläufers OSS (Office of Strategic Services) sowie nach Ernennung durch Präsident Eisenhower 1953–1961 Di­rektor der CIA selbst.

5 Tatsächlich vertrat Murray bis etwa 1940 durchaus sehr konservative Ansichten, einschließlich der Grundthese der „Slaves of the Immaculate Heart of Mary“, wonach es für Nichtkatholiken keine Erlösung gebe. Mit Beginn seiner Arbeit als Berater für US-Regierungsstellen wurden seine Positionen zusehends liberaler; beim II. Vaticanum schließlich spielte er eine zentrale Rolle bei der Durchsetzung der Erklärung über die Religionsfreiheit „Dignitatis humanae“.

6 In seiner Rede zur Lage der Nation vor dem US-Kongreß am 6. Januar 1941 – also noch lange vor dem offiziellen amerikani­schen Kriegseintritt – nannte Präsident Fran­klin Delano Roosevelt „vier wesentliche Frei­heiten des Menschen“ als Grundpfeiler einer zukünftigen Weltordnung: Meinungsfrei­heit, Religionsfreiheit, die „Freiheit von Not“ durch weltweite wirtschaftliche Zusammen­arbeit sowie die „Freiheit von Furcht“ durch weltweite Abrüstung bis zur Kriegsunfähig­keit.

7 Die Rede von der „American Propositi­on“ geht zurück auf den weithin bekannten zweiten Satz der amerikanischen Unabhän­gigkeitserklärung: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal …“ („Wir erachten diese Wahrheiten für selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen worden sind …“). Abraham Lin­coln rückte diese Textstelle in den Mittel­punkt seiner abolitionistischen Politik und Rhetorik während des Amerikanischen Bür­gerkriegs, insbesondere in seiner berühmten „Gettysburg Address“ 1863. Darin wurde das Gleichheitsdogma zum Daseinszweck der Vereinigten Staaten erhoben, eine These, die sich als „Proposition Nation“ bis heute erhalten hat. Demnach sei die US-„Nation“ gerade nicht auf Abstammung und Tradition gegründet, sondern auf abstrakten Werten und Prinzipien, denen sich jedermann an­schließen könne. Seit dem US-Präsident­schaftswahlkampf 2016 hat sich im Kielwas­ser der Phrase „America first!“ eine wenig einflußreiche politische Strömung in diesem Sinne gebildet, der „Civic Nationalism“ – ei­ne Art „Staatsbürgernationalismus“ analog zum „Verfassungspatriotismus“.

8 Murray hatte in den späten 1940er Jah­ren begonnen, rege darüber zu publizieren, daß mit dem siegreichen Krieg der amerika­nisch geführte Westen unter Beweis gestellt habe, zu neuen, tieferen Einsichten über Menschenwürde und Religionsfreiheit ge­langt zu sein. Die kirchliche Lehre über das Verhältnis zwischen Kirche und Staat sei nicht mehr zeitgemäß; vielmehr sei jedes In­dividuum selbst in der Lage, in allen religi­ösen Fragen zu entscheiden. Diese Schriften führten zu Spannungen mit dem Vatikan, der Murray schließlich 1954 mit einem Schreibverbot zum Thema belegte.

9 Die Rede vom „American century“ ist im englischsprachigen Raum vielfach als großspurig und arrogant kritisiert und kari­kiert worden. Sie hat ihre immensen Nach­wirkungen jedoch insbesondere im amerika­nischen Neokonservatismus hinterlassen, der mit Ende des 20. Jahrhunderts und der Blockkonfrontation bemüht war, die Stel­lung der USA als entweder „globale Herr­schaft oder globale Führungsrolle“ (so ein Buchtitel Zbigniew Brzezi?skis von 2004) si­cherzustellen. Nicht ohne Grund gab sich ei­ner der einflußreichsten neokonservativen Zusammenschlüsse bei seiner Gründung 1997 den Namen „Project for the New Ame­rican Century“ (PNAC; stellte 2006 die Ar­beit ein).

10 Die katholische Hochschule „Istituto di Studi Superiori Pro Deo“ wurde 1946 ge­gründet und erhielt ihren Namen 1948. Nachdem 1968 ihre Beziehungen zu US-Ge­heimdiensten bekanntgeworden waren, leg­te die Hochschule ihren religiösen Charakter ab und ist heute unter dem Namen „Libera Università Internazionale degli Studi Socia­li“ eine laizistische Privatuniversität mit en­ger Anbindung an den italienischen Arbeit­geberverband Confindustria.

11 Als „Schwarze Legende“ („Leyenda negra“) wird die Vorstellung einer im 16. Jahrhundert aufgekommenen internationa­len Welle antispanischer und antikatholi­scher Propaganda bezeichnet.

12 Die Vorstellung von einer transzen­dentalen Besonderheit der USA zerfällt in drei wesentliche Bestandteile: erstens die staatliche Genese aus einer Revolution her­aus, wodurch die Vereinigten Staaten zur „ersten neuen Nation“ (Seymour Lipset) wurden und eine genuin amerikanische Ideologie des Liberalismus/„Amerikanis­mus“ herausbilden konnten, zweitens den universalistischen Anspruch, die ganze Welt verändern zu müssen und dazu von der Vor­sehung ermächtigt worden zu sein, drittens die Vorstellung, aufgrund der ersten bei­den Punkte dem Rest der Welt überlegen zu sein.

13 Gemeint ist Catherine Goddard Clarke, die Mitbegründerin des ur­sprünglichen Saint Benedict Center in Cambridge, Massachusetts, aus dem her­aus sich die Glaubensgemeinschaft der „Slaves of the Immaculate Heart of Mary“ gründen sollte.

14 Zit. n. Einheitsübersetzung 2016.

15 „The Point“ war der 1952–1959 von Leonard Feeney im Namen des Sain Be­nedict Center herausgegebene Rundbrief, der sich den Problemen des scheinbar von allen Seiten attackierten Katholizis­mus in der modernen Welt widmete. Die Ausgaben sind mittlerweile digitalisiert worden und können unter fatherfeeney. wordpress.com eingesehen werden.

16 „Fortune“ steht für „(finanzielles) Vermögen“.

17 Feeney war aufgrund seines fort­gesetzten Ungehorsams gegenüber An­ordnungen aus dem Vatikan im Jahr 1953 durch das Heilige Offizium exkommuni­ziert worden. Seine Beichterlaubnis hatte er bereits 1948 verloren und war 1949 sus­pendiert worden.

18 Vgl. Gero P. Weishaupt: „Das wah­re Konzil der Väter gegen das falsche ‚Konzil der Medien‘“, kathnews.de vom 19. März 2016

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