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In religiöser Hinsicht werden die Vereinigten Staaten von Amerika oft erst einmal mit den „Pilgervätern“ assoziiert, radikalen englischen Puritanern, die sich von der Staatskirche losgesagt hatten und eine vollständige Gemeindeautonomie einforderten. Ihre Ankunft an Bord der „Mayflower“ im Jahr 1620 gilt als Begründung der geargwöhnten Herrschaftsschicht der „weißen angelsächsischen Protestanten“ („White Anglo-Saxon Protestants“, WASPs), die über Jahrhunderte exklusiv die Geschicke der USA zu steuern schien. Als mit John F. Kennedy 1960 erstmals ein Katholik zum Präsidenten gewählt wurde, raunten viele Bürger von einem Loyalitätsproblem – immerhin müsse ein gläubiger Katholik doch Anweisungen aus Rom Folge leisten. Daß der Katholizismus in den jungen USA vorwiegend eine Sache der als Einwanderer zweiter Klasse angesehenen Iren und Italiener war und er erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein institutionelles Eigenleben entwickelte, hat ihn in der öffentlichen Wahrnehmung stark in den Hintergrund treten lassen. Der folgende Text soll zeigen, wie aktiv er hingegen tatsächlich ist. Er stammt von einer – nicht vom Vatikan anerkannten – Abspaltung der Glaubensgemeinschaft „Sklaven des unbefleckten Herzens Mariens“ („Slaves of the Immaculate Heart of Mary“), die wiederum aus dem katholischen Studentenzentrum Saint Benedict Center an der Harvard University hervorgegangen war.
Von Bruder André Marie1
Die katholische Journalistin Bree Dail sprach unlängst mit einem Fachmann für Informationskampfführung („Information Operations“, IO2) über Propaganda und den strategischen Einsatz von „Fake News“. Daniel P. Gabriel arbeitet mittlerweile im privaten Sektor, doch war zuvor Beamter der CIA und unterstützte die Informationskampfführung der „Agency“ mit seinem Fachwissen über Kommunikationstechnik und Journalismus. Seine Erläuterungen über „PsyOps“ (Psychologische Kampfführung), „Schwarze Propaganda“, „False-Flag“-Operationen und ähnliche geheimdienstliche Gepflogenheiten stammen von einem ehemaligen Staatsdiener, der nicht nur deshalb ein Profi in diesen Methoden ist, weil ausländische Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und Terroristen sich ihrer bedienen, sondern auch, weil die US-Regierung sie lange Zeit genutzt hat und noch immer nutzt. Es handelt sich bei ihnen ganz einfach um das Handwerkszeug der Geheimdienste, einschließlich unserer eigenen.
Ich will mit einem Ausschnitt aus dem Interview3 in das eigentliche Thema einsteigen:
BD: Was ist die grundsätzliche Definition der IO?
DG: Die IO werden oft „PsyOps“ genannt, „Propaganda“, „aktive Maßnahmen“ oder „verdeckte Einflußnahme“. Der Wortgebrauch – und die Methodik – hängt meist von der Organisation oder staatlichen Behörde ab, die dafür bezahlt [Hervorhebungen durch A.M.]. Ausgegangen wird aber immer vom Grundprinzip, daß die Absicht darin besteht, zu „informieren“, um das Verhalten zu beeinflussen – oder, in manchen Fällen, um ein bestimmtes Verhalten zu verhindern. So gesehen, ist es wirklich so einfach wie beim Marketing oder in der Werbebranche, wo das strategische Ziel darin liegt, Verhalten zu verändern. Der Unterschied – und das mag in manchen Fällen bedrohlich erscheinen – liegt darin, daß der Auftraggeber im Verborgenen bleibt. Im staatlichen Bereich reicht dieses Spektrum von „weißer“ Propaganda (offen) bis hin zu „schwarzer“ Propaganda (verdeckt oder, in gewissen Fällen, einem Dritten untergeschoben – „FalseFlag“).
Vor diesem Hintergrund möchte ich weitergeben, was ich aus einem erstaunlichen Buch von David A. Wemhoff erfahren habe: „John Courtney Murray, Time/Life, and the American Proposition“, mit dem provokanten Untertitel „How the CIA’s Doctrinal Warfare Program Changed the Catholic Church“.
Ebenso wie „Fake News“ (bei denen es sich oft um „PsyOps“ handelt) ist auch der „Deep State“ ein brandaktuelles Thema im amerikanischen Alltag. Wemhoffs Werk schildert die Entstehung dieses „Deep State“, indem es auf die Geschichte unserer Geheimdienste während und, in weiterentwickelter Form, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eingeht. Diese historische Erzählung enthält umfassende Zitate aus Primärquellen über psychologische Kampfführung und das, was von den damit betrauten Fachleuten innerhalb dieser Dienste „dogmatische Kriegführung“ genannt wurde.
Zu den Figuren des Buchs gehören Henry Luce, der Gründer des Medienimperiums um die Zeitschriften „TIME“, „Life“ und „Fortune“, seine Ehefrau (und Konvertitin zum Katholizismus) Clare Boothe Luce, der antikatholische Fanatiker Paul Blanshard (Autor des hysterischen Buchs „American Freedom and Catholic Power“), C.D. Jackson, staatlicher Propagandist und Spezialist für „PsyOps“ sowie Vorstandsmitglied bei Time, Inc., Edward P. Lilly, katholischer Historiker, Intellektueller und Spezialist für „PsyOps“ mit Lehrauftrag an der Katholischen Universität von Amerika, William „Wild Bill“ Donovan, Mitbegründer der CIA, John Foster Dulles, Außenminister unter Eisenhower und Vater von Avery Kardinal Dulles4, sowie John Courtney Murray, der liberale Jesuit, der die Kirchenlehre im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Kirche und Staat ändern wollte5. Sie alle zählen in diesem Buch zu den Schurken. Es gibt auch ein paar prominente „gute Kerle“, die hervorgehoben werden, darunter insbesondere der Theologe und Herausgeber der „American Ecclesiastical Review“, Monsignore Joseph Clifford Fenton, sowie der Moraltheologe des Ordens der Redemptoristen, Pater Francis Connell.
Sorgfältig dokumentiert mit hunderten von Verweisen auf tatsächliche Äußerungen der Schlüsselfiguren, ihre Autobiographien, Biographien und – besonders bezeichnend – ihre persönlichen Briefwechsel, die in zahlreichen Archiven ausgewertet wurden, zeichnet das Buch die Zusammenarbeit mit dem entstehenden „Deep State“ sowohl während als auch nach dem Zweiten Weltkrieg nach und zeigt auf, wie Luce die Sache der „Vier Freiheiten“ Roosevelts6 voranbringen wollte, indem er den „Amerikanischen Lehrsatz“7 beförderte; jene moderne politische und ökonomische Ideologie, die all das, was die Kirche verurteilt hat, in einem einzigen Wort zusammenfaßt: Liberalismus.
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Um alle Amerikaner dazu zu bringen, diese Ansichten zu übernehmen, mußten Luce und seine Bundesgenossen das katholische Denken verändern; anstatt die offen feindselige Herangehensweise eines Paul Blanshard zu wählen, entschied sich Luce deshalb für einen subtileren Weg, der die Mitarbeit angesehener Katholiken selbst einschloß. Edward P. Lilly war nützlich, doch längst nicht so sehr wie Pater John Courtney Murray, der liberale Jesuit, der Luces Ehefrau Clare Boothe Luce nahestand und in Luces Zeitschriften als ein Märtyrer für die Sache des Amerikanismus innerhalb der katholischen Kirche dargestellt wurde8.
Teil dieser Glorifizierung Murrays war die Verteufelung seiner Kritiker, einschließlich der Funktionäre des Heiligen Stuhls, die (wie Kardinal Ottaviani) Murrays Arbeit verurteilt hatten, und der fachkundigen amerikanisch-katholischen Theologen Monsignore Fenton und Pater Connell, die es wagten, Murray im Namen der authentischen katholischen Tradition zu kritisieren. Luces häufiges Schwärmen für Murray und Dämonisieren von dessen katholischen Kritikern war eine erfolgreiche Übung in psychologischer Kampfführung.
Was die „dogmatische Kriegführung“ anging, wie C.D. Jackson sie bevorzugt nannte, so war der Plan ziemlich einfach: Veränderung der Weise, in welcher Katholiken über die Kirche, Amerika, Pluralismus, das Verhältnis zwischen den Religionen und andere Themen, die die Frage der Beziehung zwischen Kirche und Staat berührten, dachten. Das würde unweigerlich schwerwiegende Auswirkungen darauf haben, wie die amerikanischen Katholiken über sich selbst dachten – und nicht nur die amerikanischen Katholiken, denn die Agenda der Beförderung des „Amerikanischen Lehrsatzes“ war noch viel weiter gesteckt. Auch in Europa, Lateinamerika und Asien sollten die katholischen Länder verändert werden. Die USA waren soeben siegreich aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen und auf dem Wege, ein Weltreich zu werden, welches das im Krieg zerstörte Britische Empire ablöste. Dies war das „Amerikanische Jahrhundert“ (ein von Luce geprägter Ausdruck)9, und die messianische Demokratie würde sich bis in den letzten Winkel der Erde ausbreiten! Luces internationale Publikationen, die im Ausland mit den Netzwerken von US-Geheimdienstagenten zusammenarbeiteten, sollten die Zugpferde dieser amerikanischen Missionierung sein. Bevor mir übertriebene Rhetorik vorgeworfen wird, weil ich das Wort „Missionierung“ verwende, möchte ich festhalten, daß C.D. Jackson und Henry Luce ihr Anliegen „das Evangelium der Demokratie“ nannten.
Ich erwähnte, daß Luces Unternehmen mit den aufstrebenden Geheimdiensten „zusammenarbeiteten“. Diese Kooperation war keineswegs eine gelegentliche oder zufällige, sondern sehr eng. Es gab sozusagen eine Drehtür zwischen Luces Zeitschriften und den US-Diensten, so daß es sich bei vielen Autoren von „TIME“, „Life“ und „Fortune“ um CIA-Veteranen handelte. Bis 1953 hatte C.D. Jackson – der bereits mit einem Bein in der Regierung und mit dem anderen in Time, Inc. stand – erfolgreich ein Netzwerk zwischen der Regierung Eisenhower, der CIA und, durch Henry Luce, der amerikanischen Presse gewoben. Eine erstaunliche Leistung.
Ohne hier die betroffenen Fragen der Glaubenslehre im Detail thematisieren zu wollen, so muß doch daran erinnert werden, daß Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika „Longinqua“ von 1895 deutlich festgestellt hatte, daß die Situation zwischen Kirche und Staat in den Vereinigten Staaten nicht als Ideal angesehen werden könne. Das war eine anstandslose Fortführung der beständigen katholischen Lehre zu gesellschaftlichen Fragen. Nachdem diese Maßnahme wenig Erfolg gezeitigt hatte, verfaßte Leo das Schreiben „Testem benevolentiae nostrae“, das an den faktischen Primas von Amerika gerichtet war, James Kardinal Gibbons von Baltimore. Die Irrlehre wurde von Leo höchstselbst als „Amerikanismus“ bezeichnet, und ihre Anhänger als „Amerikanisten“ – deren Oberhaupt Gibbons war! John Courtney Murray war im Grunde ein Amerikanist, der sein Festhalten an vom Papst verurteilten Irrlehren mit einem Rückgriff auf ein neomodernistisches Konzept der dogmatischen Weiterentwicklung im Gegensatz zur authentischen Auffassung von der Weiterentwicklung des Dogmas rechtfertigen wollte. Es würde hier zu weit führen, auf Murrays Rolle beim II. Vaticanum, seine Polemiken gegen Monsignore Fenton oder seine letztendliche Apotheose als (scheinbarer) Siegbringer für die Sache des Amerikanismus einzugehen.
Das CIA-Programm zur „dogmatischen Kriegführung“ brachte zu diesem Zweck seine gewaltigen Ressourcen zur Anwendung. Wir sprechen hier von einer verdeckten Operation, die Henry Luces internationales Medienimperium benutzte, um die Weise zu verändern, in der Katholiken denken – erst in Amerika, dann im Ausland. Das war nichts anderes als eine Anstrengung angelsächsisch-protestantischer Oligarchen, das katholische Denken zu besetzen. Ihre Auswirkungen halten zum großen Teil bis heute an. Die CIA verfügte in Rom sogar über eine Universität, die „Pro Deo“, geleitet vom belgischen CIA-Agenten und Dominikanerpater Felix Morlion. Ihre Aufgabe war es, lateinamerikanische Geistliche im Sinne des „Amerikanischen Lehrsatzes“ zu indoktrinieren.10 In Spanien stellte sich Luces Netzwerk mit aller Macht der traditionellen katholischen Gesellschaftsordnung entgegen, die dort von General Franco aufrechterhalten wurde, der – durch Luces aktualisierten Beitrag zur angelsächsisch-protestantischen „Schwarzen Legende“11 – in der amerikanischen Presse gründlich verleumdet wurde.
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Eine der Methoden, mit denen Katholiken dazu getrieben wurden, die Gültigkeit des „Amerikanischen Lehrsatzes“ anzuerkennen, war der Kreuzzug gegen den Kommunismus. Darauf hinzuweisen, bedeutet nicht, mit dem Kommunismus zu sympathisieren, den die Kirche selbst in Gänze verurteilt hat und den wir als das Übel, das er ist, verwerfen müssen. Nichtsdestoweniger war es Teil der „dogmatischen Kriegführung“, Katholiken davon zu überzeugen, daß sie im Daseinskampf gegen die rote Bedrohung ihre exklusiven Ansprüche ablegen und sich der großen Sache des amerikanischen Exzeptionalismus12 anschließen müßten. Der Kreuzzug gegen den Kommunismus lenkte die amerikanischen Katholiken mindestens von der göttlichen Berufung ab, ihre nichtkatholischen Landsleute in die Kirche zu holen oder es wenigstens zu versuchen. Auch verführte die Atmosphäre des „Vergeßt dieses, bekämpft jenes“ die Katholiken zu einer Art von gleichgültiger Haltung gegenüber den Gläubigen anderer Religionen (in der Lebensschutzbewegung können wir derzeit Ähnliches beobachten). Angesichts dessen sind die Worte Schwester Catherines13 in Kapitel 12 von „The Loyolas and the Cabots“ bezeichnend:
Uns wurde gelegentlich vorgeworfen, daß wir Kommunisten seien, aufgrund der Verstimmung unter Katholiken, die aus unserem Beharren entstanden sei, uns zur Doktrin der Kirche über die Erlösung zu bekennen, so wie sie geschrieben steht […]. Es sei nicht die Zeit, um Zwietracht zu säen, hieß es; es sei vielmehr Zeit, alles andere zu vergessen und eine geschlossene Front gegen den Kommunismus zu bilden. Wir erwiderten, daß es, so furchtbar der Kommunismus auch ist, eine sogar noch größere Gefahr für die Menschheit gibt. Unser Herr sagt (Mt 10,28): „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann!“14 Es wäre in keinster Weise ein Sieg, wenn wir vereint gegen den Kommunismus stünden, nur um durch unsere Mißachtung der Gebote Gottes den geistlichen Kampf zu verlieren und zur Hölle zu fahren. Wir müssen beide gewinnen – den Kampf gegen den Kommunismus, damit wir hier auf Erden in Freiheit leben können, und den Krieg gegen den Höllenfürst, damit wir in alle Ewigkeit in Seligkeit mit Gott leben können.
Es gibt in Wemhoffs Buch zwei Stellen, an denen Pater Leonard Feeney erwähnt wird. Beim ersten Mal zitiert der Autor wohlwollend etwas, das unser Vater in „The Point“15 über Henry Luce geschrieben hat, einen Artikel namens „Our Thirty-Third Degree Enemies“. Auch wenn Pater Feeney nicht alles wußte, was Wemhoff enthüllt, so war er sich doch insgesamt des mächtigen und schädlichen Einflusses Luces bewußt:
Die Gesamtauflage der Publikationen von Luce soll ungefähr sieben Millionen Stück betragen. In Wahrheit haben sie aber ein Vielfaches dieser Zahl an Lesern. „Life“ beispielsweise wird in Amerika von so gut wie jedem gelesen oder zumindest angesehen, der auf einen Haarschnitt oder eine Zahnfüllung wartet. „TIME“, mit einer angeblichen Auflage von eineinhalb Millionen, wird in erster Linie von denjenigen gelesen, die sich viel darauf einbilden, zur gesellschaftlichen, finanziellen oder intellektuellen Elite zu gehören. Wenn sie sich nicht der allwöchentlichen Prüfung unterziehen könnten, „TIME“ zu lesen, hätten sie nicht das Gefühl, auf die entscheidende Frage „Sind Sie gut informiert?“ mit einem ehrlichen Ja antworten zu können.
„Fortune“ hat eine vergleichsweise kleine Auflage und wird weniger stark für Kontrollzwecke gebraucht als die anderen beiden, wird es doch fast ausschließlich von Hochgradmaurern gelesen, die von dem Gut im Titel der Zeitschrift16 besessen sind.
Luce tut so, als sei der Zweck seiner Magazine, besonders von „TIME“ und „Life“, die unvoreingenommene, informative Berichterstattung über Neuigkeiten und Ereignisse. Das ist jedoch offenkundig nicht so. Die Nachrichten sind für Luce nur ein Vehikel, um seine Botschaften zu übermitteln. Jeder Artikel, jedes Bild, jede Satire und jede Schlagzeile, die er druckt, dient einem klaren Ziel der Indoktrination und hat irgendeine Aussage, die er seinen Lesern einhämmern will.
Die zweite Erwähnung Pater Feeneys kommt viel weiter hinten im Buch, wenn das II. Vaticanum stattfindet und Murrays Feind, Monsignore Fenton, als Peritus in Rom weilt. Indem er aus dem Tagebuch Fentons zitiert, weist Wemhoff nach, daß eine der größten Sorgen, mit denen dieser große Theologe nach Rom kam, jene um den verpfuschten Fall Pater Feeneys17 war, und daß
dank der falschen Handhabung des ganzen Falls viele, wenn nicht alle amerikanischen Katholiken ernsthaft davon überzeugt sind, daß die Kirche in irgendeiner Weise das Dogma aufgegeben habe, wonach es außerhalb der Kirche keine Erlösung gibt.
Monsignore Fenton stellte einem Amtsträger des Heiligen Offiziums gegenüber fest, daß „der Sache Christi in der Welt geschadet statt geholfen wird, wenn das Konzil sich nicht mit Nachdruck zur Notwendigkeit der Kirche für die Erlösung bekennt“. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, detailliert zu schildern, was beim II. Vaticanum geschah, doch drängt sich eine Formulierung Papst Benedikts XVI. auf, in der er vom „Konzil der Medien“ spricht, das nach Ansicht Ratzingers eine ganz andere Realität darstellte als das tatsächliche Konzil, jenes „der Väter“18. Henry Luces Medienimperium war ein Teil davon, bis an die Zähne bewaffnet mit seinen dogmatischen Geschossen, einschließlich der fortwährenden Heroisierung John Courtney Murrays und der damit einhergehenden Verteufelung seiner Gegner auf dem Konzil.
Nachdem Luce und die Amerikanisten das katholische Denken erfolgreich besetzt hatten, konnten sie es weiter manipulieren, so wie es nicht nur in bezug auf die gleichgültige Haltung und die Beziehung zwischen Kirche und Staat geschah, sondern, nach dem Konzil, auch in Sachen Empfängnisverhütung, Ehescheidung und in anderen gesellschaftlichen Belangen nicht geringer Bedeutsamkeit.
Der Wert von Wemhoffs Buch liegt darin, daß es uns über diese traurige und tragische Geschichte der psychologischen Manipulation und Ablenkung von der wahren Mission der Kirche aufklärt. Wenn wir sie als abschreckendes Beispiel akzeptieren, werden wir besser verstehen, womit wir es zu tun haben, denn wir sind noch heute täglich „dogmatischer Kriegführung“ und anderen Formen von „PsyOps“ ausgesetzt. Was aber viel wichtiger ist: Das Buch kann modernen katholischen Gegenrevolutionären eine starke Motivation liefern, sich neu zu organisieren, diesen Übeln im Namen der fortdauernden katholischen Glaubenslehre und -praxis entgegenzutreten und den steinigen Weg der Missionierung unserer amerikanischen Mitbürgerzu gehen – all diese Tätigkeiten bedürfen des katholischen Glaubens.
Aus dem Amerikanischen von Nils Wegner, M.A.
Anmerkungen
1 Der englischsprachige Originalartikel erschien am 5. Februar 2020 auf catholicism.org, der Internetpublikation der „Slaves of the Immaculate Heart of Mary“. Übersetzung, Einleitung, Zwischentitel und Anmerkungen von Nils Wegner.
2 Während in der breiten Öffentlichkeit vor allem der dramatische Begriff „psychologische Kriegführung“ in Gebrauch ist, stellt in der tatsächlichen militärischen Terminologie „Information Operations“ den Oberbegriff für diverse miteinander verbundene Operationsgebiete wie Spionageabwehr, Verschleierungs- und Täuschunternehmungen, operative Information und elektronische Kampfführung (EloKa).
3 Vgl. Bree A. Dail: „Controlling the Narrative?“, churchmilitant.com vom 4. Februar 2020.
4 Diese Personalie ist besonders pikant: Avery Dulles gehörte zu jenen Harvard-Studenten, die unter dem Einfluß des Saint Benedict Center zum Katholizismus konvertierten, wurde Jesuit und Priester, war Berater der bischöflichen Kommission für den Dialog zwischen Katholiken und Lutheranern in den USA und wurde 2001 mit 82 Jahren noch Kardinal. Sein Onkel Allen Welsh Dulles, der Bruder von John Foster Dulles, war hingegen während des Zweiten Weltkriegs Agent des CIA-Vorläufers OSS (Office of Strategic Services) sowie nach Ernennung durch Präsident Eisenhower 1953–1961 Direktor der CIA selbst.
5 Tatsächlich vertrat Murray bis etwa 1940 durchaus sehr konservative Ansichten, einschließlich der Grundthese der „Slaves of the Immaculate Heart of Mary“, wonach es für Nichtkatholiken keine Erlösung gebe. Mit Beginn seiner Arbeit als Berater für US-Regierungsstellen wurden seine Positionen zusehends liberaler; beim II. Vaticanum schließlich spielte er eine zentrale Rolle bei der Durchsetzung der Erklärung über die Religionsfreiheit „Dignitatis humanae“.
6 In seiner Rede zur Lage der Nation vor dem US-Kongreß am 6. Januar 1941 – also noch lange vor dem offiziellen amerikanischen Kriegseintritt – nannte Präsident Franklin Delano Roosevelt „vier wesentliche Freiheiten des Menschen“ als Grundpfeiler einer zukünftigen Weltordnung: Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, die „Freiheit von Not“ durch weltweite wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie die „Freiheit von Furcht“ durch weltweite Abrüstung bis zur Kriegsunfähigkeit.
7 Die Rede von der „American Proposition“ geht zurück auf den weithin bekannten zweiten Satz der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal …“ („Wir erachten diese Wahrheiten für selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen worden sind …“). Abraham Lincoln rückte diese Textstelle in den Mittelpunkt seiner abolitionistischen Politik und Rhetorik während des Amerikanischen Bürgerkriegs, insbesondere in seiner berühmten „Gettysburg Address“ 1863. Darin wurde das Gleichheitsdogma zum Daseinszweck der Vereinigten Staaten erhoben, eine These, die sich als „Proposition Nation“ bis heute erhalten hat. Demnach sei die US-„Nation“ gerade nicht auf Abstammung und Tradition gegründet, sondern auf abstrakten Werten und Prinzipien, denen sich jedermann anschließen könne. Seit dem US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 hat sich im Kielwasser der Phrase „America first!“ eine wenig einflußreiche politische Strömung in diesem Sinne gebildet, der „Civic Nationalism“ – eine Art „Staatsbürgernationalismus“ analog zum „Verfassungspatriotismus“.
8 Murray hatte in den späten 1940er Jahren begonnen, rege darüber zu publizieren, daß mit dem siegreichen Krieg der amerikanisch geführte Westen unter Beweis gestellt habe, zu neuen, tieferen Einsichten über Menschenwürde und Religionsfreiheit gelangt zu sein. Die kirchliche Lehre über das Verhältnis zwischen Kirche und Staat sei nicht mehr zeitgemäß; vielmehr sei jedes Individuum selbst in der Lage, in allen religiösen Fragen zu entscheiden. Diese Schriften führten zu Spannungen mit dem Vatikan, der Murray schließlich 1954 mit einem Schreibverbot zum Thema belegte.
9 Die Rede vom „American century“ ist im englischsprachigen Raum vielfach als großspurig und arrogant kritisiert und karikiert worden. Sie hat ihre immensen Nachwirkungen jedoch insbesondere im amerikanischen Neokonservatismus hinterlassen, der mit Ende des 20. Jahrhunderts und der Blockkonfrontation bemüht war, die Stellung der USA als entweder „globale Herrschaft oder globale Führungsrolle“ (so ein Buchtitel Zbigniew Brzezi?skis von 2004) sicherzustellen. Nicht ohne Grund gab sich einer der einflußreichsten neokonservativen Zusammenschlüsse bei seiner Gründung 1997 den Namen „Project for the New American Century“ (PNAC; stellte 2006 die Arbeit ein).
10 Die katholische Hochschule „Istituto di Studi Superiori Pro Deo“ wurde 1946 gegründet und erhielt ihren Namen 1948. Nachdem 1968 ihre Beziehungen zu US-Geheimdiensten bekanntgeworden waren, legte die Hochschule ihren religiösen Charakter ab und ist heute unter dem Namen „Libera Università Internazionale degli Studi Sociali“ eine laizistische Privatuniversität mit enger Anbindung an den italienischen Arbeitgeberverband Confindustria.
11 Als „Schwarze Legende“ („Leyenda negra“) wird die Vorstellung einer im 16. Jahrhundert aufgekommenen internationalen Welle antispanischer und antikatholischer Propaganda bezeichnet.
12 Die Vorstellung von einer transzendentalen Besonderheit der USA zerfällt in drei wesentliche Bestandteile: erstens die staatliche Genese aus einer Revolution heraus, wodurch die Vereinigten Staaten zur „ersten neuen Nation“ (Seymour Lipset) wurden und eine genuin amerikanische Ideologie des Liberalismus/„Amerikanismus“ herausbilden konnten, zweitens den universalistischen Anspruch, die ganze Welt verändern zu müssen und dazu von der Vorsehung ermächtigt worden zu sein, drittens die Vorstellung, aufgrund der ersten beiden Punkte dem Rest der Welt überlegen zu sein.
13 Gemeint ist Catherine Goddard Clarke, die Mitbegründerin des ursprünglichen Saint Benedict Center in Cambridge, Massachusetts, aus dem heraus sich die Glaubensgemeinschaft der „Slaves of the Immaculate Heart of Mary“ gründen sollte.
14 Zit. n. Einheitsübersetzung 2016.
15 „The Point“ war der 1952–1959 von Leonard Feeney im Namen des Sain Benedict Center herausgegebene Rundbrief, der sich den Problemen des scheinbar von allen Seiten attackierten Katholizismus in der modernen Welt widmete. Die Ausgaben sind mittlerweile digitalisiert worden und können unter fatherfeeney. wordpress.com eingesehen werden.
16 „Fortune“ steht für „(finanzielles) Vermögen“.
17 Feeney war aufgrund seines fortgesetzten Ungehorsams gegenüber Anordnungen aus dem Vatikan im Jahr 1953 durch das Heilige Offizium exkommuniziert worden. Seine Beichterlaubnis hatte er bereits 1948 verloren und war 1949 suspendiert worden.
18 Vgl. Gero P. Weishaupt: „Das wahre Konzil der Väter gegen das falsche ‚Konzil der Medien‘“, kathnews.de vom 19. März 2016
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