Für den richtigen Westdeutschen (zum Beispiel aus dem Rheinland oder den umliegenden Dörfern) mag es unverständlich sein, worüber ich hier schreibe. Wer aber von Ostdeutschen abstammt (also richtig aus dem Osten, wo heute Polen und Rußland liegen), dem geht zuweilen durch den Kopf, wie es eigentlich steht mit unserm Verhältnis zu Polen – und zwar, bevor man auf Auschwitz zu sprechen kommt. Bei dem Jenenser Satiriker Bernd Zeller las ich hierzu am 27. Januar 2020: „Es ist durchaus in Ordnung, wenn jemand wegen Auschwitz in die Politik geht. Wer sagt, dass er wegen Auschwitz in die Politik gegangen ist, dem soll man auch sonst nichts glauben.“ Es geht im folgenden – das sei vorweg gesagt – nicht um eine Revision des Status quo, sondern um die Einschätzung: Wie halte ich es mit meinem Nachbarn – und dieser mit mir?
Von Dr. Helmut Roewer
Man tut sicher nichts Falsches, das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen als eine mehrhundertjährige Geschichte von Streit und Gewalt zu bezeichnen. Ob das mit den Auseinandersetzungen zwischen slawischen und germanischen Stämmen begann, mag dahinstehen. Man sollte diese (fast graue) Vorzeit zumindest im Auge behalten, da aus der Zuordnung als slawisch oder germanisch später die wunderlichsten Ableitungen durch deutsche und polnische Nationalisten zusammenphantasiert worden sind. In etwa so: Es bestehe ein polnischer Anspruch auf slawisches Siedlungsgebiet und vice versa. Es handele sich um germanisches, also urdeutsches Land, und Ähnliches.
Die Berufung auf solche scheinbar vorhandenen (Rechts)-Titel hat Anlaß zu drastischen Auseinandersetzungen gegeben. Die letzten davon endeten in den 1940er Jahren unter Fremdaufsicht. Die beiden europäischen großen Verlierer des Zweiten Weltkriegs – die Deutschen und die Polen – hatten sich dem Diktat der Siegermächte zu beugen. Beide Kriegsverlierer verloren auch ihre staatliche Souveränität, die einen expressis verbis, die anderen zumindest faktisch. In beiden Ländern machten sich die Leute ans Werk, mit den aufgezwungenen Verhältnissen zu Rande zu kommen. Doch jetzt kommt der Unterschied: Die einen akzeptierten ihr Schicksal, die anderen nicht. Der Grund für diese unterschiedliche Eigenwahrnehmung wurzelt in der gezielt unterschiedlich ausgestalteten Kriegsschuldpropaganda der Siegermächte. Diese sah so aus, daß den Deutschen die Alleinschuld am Ausbruch und den Schandtaten des Zweiten Weltkriegs zugewiesen wurde. Bei dieser Konstruktion ging es anfangs vor allem um eines: Die späteren Siegermächte – vor allem Großbritannien und die USA – verspürten bereits in der Auftaktphase des Zweiten Weltkriegs die Notwendigkeit, den eigenen Völkern einen Schurken präsentieren zu können, gegen den die Kriegführung unabweisbar nötig sei.
Die anglo-amerikanische Geschichtsschreibung hat bis zum heutigen Tage an dieser Schurkendarstellung festgehalten. Sie ist anglo-amerikanischer Staatsmythos geworden: Wir, die Guten, im Kampf gegen das ewig Böse. Dieser Mythos wurde bewußt installiert, um von der eigenen Kriegsmitverursachung abzulenken. Hierfür erwies es sich als praktisch, nach Abschluß der Kampfhandlungen den einmal eingeschlagenen Weg der Schurkenzuweisung beizubehalten. Die einschlägigen Kampagnen wurden durch gewaltige Geldzahlungen – bevorzugt über die Rockefeller-Stiftung und den Council on Foreign Relations – finanziell abgesichert.Für das Modell der deutschen Alleinschuld war es aus Gründen der Logik notwendig, dem deutschen Schurken ein polnisches Erst-Opfer gegenüberzustellen. Auch hierbei ist es bis zum heutigen Tage geblieben. Die Polen zehren noch heute von dieser Opferrolle. Davon wird zu sprechen sein. Alle ursprünglich Beteiligten an diesen Manövern wußten, daß die einseitige Schurkenfixierung der Deutschen nur etwa die Hälfte der Wahrheit beschrieb. Ihnen kam bei ihrem Tun entgegen, daß die Deutschen sich wirklich wie Schurken aufführten. Was sie an Untaten begingen, erscheint aus unserer heutigen Warte unentschuldbar und wird hier auch nicht entschuldigt. Was allerdings nach meiner höchst persönlichen Auffassung der Ergänzung bedarf, ist die vorsätzlich verzerrte Geschichte von Ursache und Wirkung der entscheidenden Ereignisse.
Nach unvollkommenen deutschen Versuchen während des laufenden Ersten Weltkriegs (1914–1918) betrat der polnische Staat zum Jahreswechsel 1918/19 als Mündel der westalliierten Siegermächte die europäische politische Arena. Bis dahin waren das Land und seine Bevölkerung zwischen Deutschland, dem zaristischen Rußland und der habsburgischen Donaumonarchie aufgeteilt gewesen. Im 19. Jahrhundert bis 1918 war diese Aufteilung komplett. Preußen-Deutschland und Rußland sowie Österreich-Ungarn hatten gemeinsame Landesgrenzen.
Die Installierung eines polnischen Nationalstaats 1918/19 war nur möglich, weil die polnischen nationalen Bestrebungen durch die Siegermacht Frankreich forciert wurden, um dem besiegten Deutschland einen dauerhaften Krisenherd an seiner Ostflanke einzupflanzen. Diese französische Rechnung ging auf. Die folgenden Jahre bis 1934 waren eine Zeit massiver Auseinandersetzungen zwischen Polen und seinen Anrainerstaaten – einer davon war Deutschland.
Die polnische Aggressivität stützte sich auf einen innen- und einen außenpolitischen Pfeiler: eine sich selbst installierende nationalistische Militärdiktatur (das „Obristen-Regime“) und die militärische und finanzielle Unterstützung durch Frankreich. Dessen Außenpolitik setzte anderthalb Jahrzehnte lang auf deutsche Nachbarstaaten, nämlich Polen und die Tschechoslowakei, von denen man zu Recht annahm, daß sie wegen der auf ihrem Territorium wohnenden, Millionen betragenden deutschen Bevölkerungsminderheiten dem Deutschen Reich ununterbrochen massive Probleme bereiten würden.
Nachdem die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Polen um das Industrierevier in Schlesien 1920 nach französischem Eingreifen ein Ende gefunden hatten, beschränkte sich Polen bei seinen Westausdehnungsambitionen auf Versuche, Großbritannien und Frankreich zu Präventivkriegen gegen das entwaffnete Deutsche Reich anzustiften. Der letzte dieser Versuche fand im März 1933 statt. Der Einmarsch sollte nach den Planungen des polnischen Diktators am Montag, dem 6. März 1933, beginnen – dem Tag nach den Reichstagswahlen, wenn es nach seinen Vorstellungen im Reich keine handlungsfähige Regierung gab und folglich keinen organisierten Widerstand.
Der Einmarsch fand nicht statt. Das ist bekannt. Weniger hingegen, daß es die Engländer waren, die abgewunken hatten. Sie hatten zwei gewichtige Gründe: Innenpolitisch war in Großbritannien der Kampf gegen die Folgen der Weltwirtschaftskrise das Thema Nummer eins, und außenpolitisch widersprach der polnische Wunsch britischen Interessen, keine dominante Großmacht auf dem Kontinent aufkommen zu lassen. Denn genau das stand zu befürchten, wenn man die polnische Propaganda von einem Polen von Meer zu Meer ernst nahm. Mit den beiden polnischen Meeren waren die Ostsee und das Schwarze Meer gemeint. Man sollte das im Hinterkopf behalten, wenn man in heutigen polnischen Verlautbarungen vom „Intermarium“-Konzept liest.
Heutige Mainstream-Geschichtsinterpreten sind sich einig – wenn sie denn das Präventivkriegskonzept des Jahres 1933 überhaupt erwähnen –, daß dessen Umsetzung die Welt vor den Untaten des NS-Regimes bewahrt hätte. Mag sein. Doch wenn man schon spekuliert, ist die Frage sicher erlaubt, was das polnische Regime – es war diktatorisch, nationalistisch, militant und strikt antisemitisch – mit seiner Herrschaft in Mitteleuropa angestellt hätte. Gut, man weiß es nicht.
Die eigentliche Überraschung auf den polnischen Nichtangriff hin verursachte die deutsche Seite. Es waren die ersten außenpolitisch bedeutsamen Schritte des neuen deutschen Reichskanzlers: Er schloß einen Nichtangriffspakt mit Polen. Das war nach dem damaligen Stand der Dinge in der Tat eine Sensation, denn bis dahin waren sich während der gesamten Zeit der Weimarer Republik (1918–1933) alle politischen Kräfte einig darüber gewesen, daß es mit Polen so lange keinen friedlichen Ausgleich geben werde, wie die Abtrennung von Westpreußen und Oberschlesien (deren Annexion, wie man sagte) nicht revidiert sei.
Mit diesem Grundsatz deutscher Außenpolitik brach Hitler radikal. Er entwickelte die Vorstellung, daß Polen ein willkommener Pufferstaat gegen das bolschewistische, nach Weltherrschaft strebende Regime in der Sowjetunion sei. Auch dies war ein Bruch mit den Aktionen der deutschen Diplomatie, die über ein Jahrzehnt lang die sowjetische Karte als ein As im Ärmel beim Spiel gegen Polen betrachtet hatte.
Das war jetzt passé. Zu ihrer Enttäuschung mußte die Bevölkerung Danzigs 1933/34 bemerken, daß aus Hitlers Aktionen eines mit Sicherheit nicht resultieren würde, und zwar die baldige Wiedereingliederung dieser deutschen Großstadt ins Reich. Danzig war nämlich 1919 nach dem Siegerwillen aus dem deutschen Staatsverband herausgelöst und unter Mandat des Völkerbunds gestellt worden, um den Polen einen funktionierenden Freihafen an der Ostsee zu verschaffen. Diese blödsinnige Konstruktion sollte schließlich den Zweiten Weltkrieg auslösen.
Mit der deutschen Aufrüstung ab 1935 wurde der deutsche Diktator waghalsiger. Sein außenpolitisches Ziel Nummer eins, die Folgen des Friedensdiktats von Versailles zu beseitigen, rückte in Griffweite der praktischen Politik: erneut Seestreitkräfte nach einem entsprechenden Flottenabkommen mit Großbritannien, Rückholung der Saar nach einer Volksabstimmung, tatsächlicher Anschluß Österreichs, der dortzulande bereits Ende 1918 vom Parlament beschlossen, aber von den alliierten Siegern verboten worden war, Angliederung des Sudetenlandes mit britisch-französisch-italienischem Segen, erfolgreiche Rückforderung des Memellandes von Litauen. Doch dann geriet Sand ins Getriebe des vermeintlichen Selbstläufers.
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Das Jahr 1939 wurde für das NS-Regime zum außenpolitischen Wendepunkt. Der Stolperstein trug den Namen Polen. Gleich nach der Einverleibung des Sudetenlandes im Herbst 1938 machte Hitler den Polen ein erstes Angebot zur Regelung der Korridorfrage. Hinter dem Stichwort verbarg sich das Problem, daß das Reich durch die Siegermächte in zwei nicht zusammenhängende Teile zerschnitten worden war, um Polen einen Landzugang zur Ostsee zu gewähren. So war Westpreußen polnisch geworden. Es lag als fremdes Territorium zwischen Ostpreußen und dem übrigen Reichsgebiet. Die Polen taten in den 20 Jahren, die dieser Zustand dauerte (1919–1939), alles in ihrer Macht Stehende, um den Verkehr zwischen den beiden Reichsteilen zu behindern. Deutschland bot nun an, den Korridor mit einer exterritorialen Straße und einer ebensolchen Eisenbahntrasse zu queren, die Polen hierfür finanziell zu entschädigen und die Abspaltung von Westpreußen an Polen völkerrechtlich anzuerkennen. Polen zeigte sich spröde. Daraufhin erhöhte Hitler im März 1939 das deutsche Angebot. Es betraf das bis dato auf tschechischem Territorium gelegene Gebiet von Teschen einschließlich der fast ausschließlich von Deutschen bewohnten Stadt Oderberg. Zu diesem Angebot konnte es nur deshalb kommen, weil Anfang März 1939 die Fliehkräfte des tschechoslowakischen Vielvölkerstaats zur Zersprengung des Staatsverbands geführt hatten. Ermutigt durch das Beispiel der Sudetendeutschen beschlossen auch die Slowaken den Austritt aus der seit 20 Jahren bestehenden Republik und erklärten ihre Selbständigkeit.
An dieser Stelle griff das Deutsche Reich ein. Es anerkannte die slowakische Sezession und nötigte die Resttschechei, wie man das Gebiet damals nannte, sich unter deutsches Protektorat zu stellen. Wer dabei genau was tat, ist äußerst umstritten, jedoch hier nicht das Thema. Vielmehr erlaubte Hitler den Polen, die eigens zu diesem Zweck ihre Streitkräfte mobilgemacht hatten, den gewaltsamen Zugriff auf Teschen. Hitler sah das Teschen-Geschenk als eine Art Vorauszahlung für das Korridorgeschäft an. Darin sollte er sich gleich zweifach täuschen: (1) Die Polen nahmen Teschen, gaben aber nichts zurück. (2) Mit der Besetzung von Prag verließ Hitler das bis dato von den ehemaligen Siegermächten tolerierte Tableau einer Korrektur der Folgen von Versailles. Damit öffnete er zugleich ein Fenster ungeahnter Größe – und zwar für antideutsche Propaganda. Deutschland auf dem Weg zur Weltherrschaft bevölkerte fortan die Schlagzeilen anglo-amerikanischer Kriegspropaganda.
Man kann die deutschen und die polnischen Ereignisse des Jahres 1939 nicht richtig verstehen, wenn nicht die Aktionen des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt mit ins Bild einfließen. Mittlerweile gibt es eine überbordende Vielzahl von Mosaiksteinchen, die ein recht genaues Bild entstehen lassen. Zu diesem Bild gehört, daß der US-Präsident im Jahre 1933 an die Macht kam, fast zeitgleich mit dem späteren Erzfeind Adolf H. Die Laufbahn beider Politiker weist erstaunliche Parallelen auf. Beide wurden durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise an die Spitze ihrer Länder katapultiert. In beiden Ländern herrschte millionenfache Arbeitslosigkeit. Beide versprachen, damit aufzuräumen. Die Konzepte beider waren ähnlich, eine durch Planwirtschaftsvorgaben gelenkte Privatwirtschaft.
In Deutschland funktionierte dieses Modell erstaunlich gut, nicht so in den USA. Dort stiegen gleich nach der Wiederwahl von Roosevelt im Herbst 1937 die Arbeitslosenzahlen wieder bedrohlich an. Nunmehr schaltete der US-Präsident auf ein Patentrezept um, dessen Funktion er als junger, aufstrebender Politiker im Ersten Weltkrieg kennengelernt hatte: Beteilige dich an einem fernen Krieg, und die US-Wirtschaft boomt. An diese Erkenntnis hielt er sich. Weltschurken gab es genug: Deutschland, Italien, Japan – in dieser Reihenfolge der Abscheubekundungen. Gegen sie würde man Krieg unterstützen. Roosevelts Kriegsambitionen waren in salbungsvollen Floskeln versteckt: Kranke müsse man in Quarantäne stecken. Von dem Geschenk, das Hitler mit der Besetzung von Prag dem US-Präsidenten und seiner Propaganda vom Weltbösewicht machte, war schon die Rede. Sie füllte die Schlagzeilen. Doch unbemerkt vom Publikum lief eine ganz andere Geschichte ab: eine kriegsanstiftende US-Geheimdiplomatie, die sich auf Roosevelts Lieblingsfeind Deutschland konzentrierte. Die einzelnen Schritte schälten sich nur für die notwendig Einzuweihenden in Großbritannien und Polen heraus. Ihr Zwischenziel auf dem Weg zum Krieg: Es mußte jegliche Einigung über den Korridor zwischen Deutschland und Polen unterbunden werden. Um aus Briten und Polen deutsche Kriegsgegner zu machen, nutzten die US-Diplomaten unterschiedliche Instrumentarien. Das seit Jahren permanent klamme Großbritannien wurde mit dem Schuldenknüppel erpreßt. Bei den ohnehin kriegsfrohen Polen genügten vage Versprechungen, vor allem, daß sie an der Spitze einer breiten antideutschen Koalition fechten würden. Letzteres glaubten Polens Obristen nur zu gern, zumal die Briten ihnen im März 1939 etwas scheinbar unermeßlich Wertvolles schenkten: eine Bestandsgarantie für den polnischen Staat. Heute weiß man darüber zwei merkwürdige Dinge: (1) Der britische Premier Chamberlain hätte diese Beistandsgarantie ohne nötigende Aufforderung aus Washington nicht gegeben. (2) In einer geheimen Zusatzabrede zwischen Großbritannien und Polen war klargestellt, daß sich die Garantie nur auf einen Krieg mit Deutschland, also nicht auf die Hauptgefahr aus der Sowjetunion bezog.
Die Folgen der britischen Garantie ließen nicht auf sich warten. Fortan verweigerte sich Polens Außenminister Beck jeglichem Gespräch mit dem Deutschen Reich über die Korridorfrage. Zeitgleich wurde die antideutsche Propaganda hochgefahren, die seit 1934 ein eher bescheidenes Dasein geführt hatte. Darauf folgte die Tat. Sie bestand aus schikanösen Maßnahmen gegen die Angehörigen der deutschen Minderheit: Schulschließungen, Gewerbeverbote, geduldete körperliche Übergriffe des Mobs und schließlich ein gezieltes, provokatives Eingreifen in Danzig.
Der Leser erinnert sich: Die deutsche Großstadt Danzig war von den alliierten Siegermächten aus dem Reichsverband herausgelöst und völkerrechtlich dem Völkerbund unterstellt worden, an der Spitze ein Völkerbundkommissar. Dem Staat Polen waren weitgehende Rechte in Zoll-, Post und Hafenfragen eingeräumt worden. Nunmehr ging Polen dazu über, die Souveränität Danzigs vollends in Frage zu stellen und die Stadt als polnisch zu bezeichnen. Auf den Protest der Stadtorgane reagierten die Polen mit der Einstellung der Zollabfertigung, so daß eines der Danziger Hauptexportprodukte, nämlich Margarine, in der Sommerhitze des Jahres 1939 für jedermann bemerkbar zu vergammeln begann. Als das Deutsche Reich eine erste Demarche an Polen absetzte, reagierte die Obristenclique mit dem Hinweis, daß die Danziger Verhältnisse eine innerpolnische Angelegenheit seien, in die von außen einzugreifen Krieg mit Polen bedeute. Diese nachgerade selbstmörderischen Handlungen und Äußerungen speisten sich aus zwei Quellen: (1) Die polnische Führung glaubte, eigentlich wider besseren Spionagewissens, daß die deutsche Wehrmacht nur ein Pappkamerad sei. Sie befeuerte die Kriegslust ihrer Truppen durch den Hinweis, daß die tapfere polnische Kavallerie ihre Pferde drei Tage nach Kriegsbeginn in der Havel würde tränken können. (2) Den aktuellen Anstoß für die polnischen Aktivitäten hatte eine britische Geheimbotschaft ausgelöst. Diese besagte, das Kabinett in London habe unter Ausschluß der Öffentlichkeit beschlossen, die britische Beistandsgarantie auf Danzig auszudehnen. Das war eine Lüge, denn der britische Premier hatte genau das nicht getan. Doch diejenigen, die die Lüge fabrizierten und transportierten, waren Kriegsfreunde aus dem Foreign Office und dem Auslandsdienst MI6. Ihnen lag daran, daß die Polen die Provokationen hin zu einem Casus belli beschleunigten. Flankiert wurde dieses Tun durch das Auftreten des US-Botschafters in Warschau, der die polnische Führung beschwor, keinen Zoll zurückzuweichen.
Hitler berief sich bei seinen oft wenig rational erscheinenden Entscheidungen auf die Vorsehung. Das war eine Art übernatürliche Macht, von der er behauptete, daß sie ihn lenke. In diesem Fall gab ihm die Vorsehung ein, Polen mit Krieg zu überziehen. Heutige NS-Bekämpfer sind sich darin einig, daß der Angriffsbefehl gegen Polen ein Kriegsverbrechen gewesen sei, auf das der Diktator seit Jahren hingearbeitet habe. Man kann diese Ansicht vertreten, aber sie stimmt mit den Fakten nicht so richtig überein. (1) Die Kriegsvorbereitungen gegen Polen lassen sich ziemlich genau datieren, und zwar anhand der Weisung „Fall Weiß“. Das war eine Kriegsvorbereitungsweisung für den Fall, daß Polen sich nach dem britisch-polnischen Bündnis feindselig zeigen sollte. Die einschlägige Weisung erging im April 1939. (2) Es kommt bei der Beurteilung der Ereignisse des Jahres 1939 weniger darauf an, wie wir einen derartigen Konflikt heutzutage lösen würden; statt dessen sollte man zumindest erwähnen, was damals üblich war. Üblich war, daß eine Nation zu den Waffen griff, wenn ihre Landsleute durch einen anderen Staat mißhandelt und die geltenden Regeln des staatlichen Miteinanders vorsätzlich und provokativ verletzt wurden.
Mit dieser Feststellung wird nichts entschuldigt. Einen Angriff nur unter der Fragestellung zu bewerten, ob es hierfür nach den geltenden völkerrechtlichen Vorstellungen eine Rechtfertigung gab, hat nichts damit zu tun, ob dieser Angriff angemessen und unter dem Gesichtspunkt des Wohls des eigenen Volks klug war. Genau das ist – nun gut, wir kennen das Ergebnis – zu bezweifeln. Hitlers Angriffsbefehl löste einen Krieg ins Blaue aus. Einen Krieg, den Hitler in dem dann tatsächlich eintretenden Umfang nicht wollte. Er glaubte nicht daran, daß Frankreich und schon gar nicht Großbritannien Deutschland den Krieg erklären würden. Über diese Ignoranz sind wir durch zahlreiche Zeugen informiert.
Hitlers Entschluß basierte auf einer sträflichen Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse. So hatte er keine Ahnung von der Zerrüttung des polnisch-französischen Verhältnisses im Sommer 1939. Er hatte keine Ahnung davon, daß man nicht die Briten, sondern die Franzosen im September 1939 zum Jagen tragen mußte, und er wußte nichts darüber, welchen amerikanischen Drucks es bedurft hatte, um den britischen Premier Chamberlain zum Kriegskurs gegen das Deutsche Reich zu veranlassen. Nimmt man diese Faktoren zusammen, kommt für den deutschen Führer ein mindestens so verheerendes Bild heraus wie das, was der Mainstream heute so gerne von ihm zeichnet. Er, der sich eine Art Unfehlbarkeit zubilligte, beherrschte das nicht, was sein bewunderter Amtsvorgänger Otto von Bismarck aus dem Handgelenk konnte. Hitler beherrschte die Kunst des richtigen Augenblicks nicht. Er ließ sich durch polnische Aktionen zu einem förmlichen Krieg provozieren und tat damit genau das, was seine Feinde von ihm erwarteten, nämlich: angreifen. Ein kaltschnäuziges Abwarten unter verbaler Bloßstellung der polnischen Unrechtsakte hätte seine Gegner vor unlösbare Probleme gestellt und die Polen – um nicht das Gesicht zu verlieren – vor die Wahl zwischen dem vielfach angedrohten Angriff gegen das Deutsche Reich und der Rückkehr an den Verhandlungstisch. Dazu kam es bekanntlich nicht, weil der angeblich geniale Führer ihnen zuvorkam. Der deutsch-polnische Krieg begann am 1. September 1939, der europäische Krieg zwei Tage danach, am 3. September 1939, und der Zweite Weltkrieg 1941, also erst knapp zwei Jahre später.
Der militärische Teil des deutsch-polnischen Kriegs dauerte nicht viel länger als drei Wochen. In dieser Zeitspanne zerplatzten die britisch-französisch-polnischen Propagandablasen eine nach der anderen:
Keine deutschen Proletariermassen riefen zum Generalstreik gegen Hitlers Mobilmachung auf – richtig war vielmehr, daß sich Kriegsbegeisterung nicht zeigen mochte. Das deutsche Volk registrierte den Kriegsbeginn mit eisigem Schweigen (wer’s nachvollziehen möchte, lese die „Meldungen aus dem Reich“, die der Inlands-SD Woche für Woche für einen winzigen Leserkreis im Staats- und Parteiapparat zusammenstellte). Da mochte der eigens einberufene Reichstag seinem Führer noch so applaudieren, wie er wollte – kein Funke sprang über.
Kein deutscher Hund wurde mit blankem Säbel binnen Tagesfrist hunderte Kilometer bis zur Havel zurückgejagt – richtig war vielmehr, dass sich deutsche Kampfpanzer als von polnischen Ulanenlanzen unverwundbar erwiesen. Tausende tapferer polnischer Kavalleristen, denen man das Gegenteil versichert hatte, lagen Anfang September 1939, von deutschen Maschinengewehren buchstäblich niedergemäht, tot auf der Rominter Heide.
Kein deutscher Militärapparat brach unter den gewaltigen See-, Land- und Luftschlägen der verbündeten Schutz-und Garantiemächte Frankreich und Großbritannien zusammen – richtig war lediglich, daß beide (Frankreich allerdings nur nach heftigem britischen Druck) dem Deutschen Reich am 3. September 1939 den Krieg erklärten. So hatte es die Kriegspartei innerhalb der britischen Konservativen seit Monaten geplant. So war es unter maßgeblicher Beteiligung von Winston Churchill ausgeführt worden. Weiter geschah jedoch nichts. Ein paar britische Langstreckenbomber warfen nachts viele Propagandaflugblätter und einige Sprengbomben über dem westlichen Reichsgebiet ab, und die französische Armee rückte in die Verteidigungsanlagen der Maginotlinie ein, wo sie die Folgemonate tatenlos zubrachte.
Statt polnischer Luftschlösser lernte die Welt den Blitzkrieg kennen. Er hieß nicht von vornherein so, sondern erst nach dem Polenfeldzug. Noch etwas später ging der Begriff in die anglo-amerikanische militärische Sprachwelt ein. Der Blitzkrieg, das war die Kombination von gepanzerten Großverbänden mit direkter Luftunterstützung in einem offensiven Bewegungskrieg. Seine Erfolgsstrategie war, den Feind zu stellen, mit geballter Feuerkraft durchzubrechen und in die Tiefe seines Raums vorzustoßen, um dann beizudrehen, den Gegner einzukesseln und zu vernichten. Letzteres war die Aufgabe der nachfolgenden, nichtgepanzerten Verbände, während die Panzer zum nächsten Schlag ausholten. Gegen diese Art der Kriegführung wehrten sich die Polen tapfer, aber chancenlos. Ihr Offizierskorps dachte noch in den Kriegsannahmen des 19. Jahrhunderts. Seine Kriegserfahrungen stützten sich auf den Kampf gegen die undisziplinierten Horden der Roten Armee in den frühen 1920er Jahren. Die Wehrmacht war von anderem Kaliber.
Wie der Krieg gegen die Deutschen ausgehen würde, konnte spätestens 14 Tage nach Kriegsbeginn nicht mehr fraglich sein. Die Reaktionen in den Hauptstädten Europas und Nordamerikas waren allerdings höchst unterschiedlich:
Aus Warschau nahmen die Hilfeersuchen den Ton der Verzweiflung an. Die polnische Regierung begann, ihre Flucht vorzubereiten.
ln Paris fühlte man sich in der kurz vor dem Krieg vorgenommenen negativen Einschätzung der Polen bestätigt. Man hatte das Militärmündel vergeblich davon abzuhalten versucht, mit dem Deutschen Reich Streit anzufangen. Auch wirkte noch der Ärger darüber nach, daß sich die Polen, ohne mit der Wimper zu zucken, an der Seite Deutschlands an der Zerstörung des anderen französischen Mündels, der Tschechoslowakei, beteiligt hatten. Zudem war der französischen Führung sehr wohl bewußt, daß weder im Fall der Tschechoslowakei noch im Falle Polens die eigene Militärdoktrin, das Einnisten in der Maginot-Linie, jemanden daran hindern konnte, in Osteuropa Krieg zu führen, vor allem nicht Deutschland.
ln London tickten die Uhren etwas anders. Seit 1934/35 betrieb man eine erneute Hochrüstung, vor allem bei den Luftstreitkräften. Das 1937 etablierte Ministry of Economic Warfare (MEW), das Ministerium für die Wirtschaftskriegführung, hatte nun seinen Betrieb voll aufgenommen. Man war sich dort sicher, Deutschland werde nach wenigen Monaten Krieg erschöpft aufgeben müssen. Der Wegfall Polens würde unangenehm sein, aber komme nicht überraschend. Eine britische Militärmission hatte in den letzten Vorkriegstagen den künftigen Verbündeten als militärischen Schwächling bezeichnet. Man tröstete sich damit, daß die weitere Last des Landkriegs bei Frankreich und seiner zahlenmäßig überlegenen Armee liegen werde.
In Washington rieb man sich erfreut – wenn auch heimlich – die Hände. Der ungünstige militärische Gang der Dinge in Polen würde Frankreich und Großbritannien mehr als bislang dazu bringen, in den USA Kriegsmaterial einzukaufen. Solche Geschäfte hatte der US-Kongreß der Regierung zwar strikt untersagt, aber diese umging das Verbot mit windelweichen und scheinheiligen Begründungen. Diese wurden schließlich akzeptiert, denn in den USA gilt und galt: Geschäft ist Geschäft.
In Moskau hatte der Diktator den Kriegsausbruch mit Befriedigung betrachtet. Die kapitalistischen Mächte, so sein Kalkül, würden sich gegenseitig ruinieren. Wenn denn der Kriegsentschluß des Co-Diktators in Berlin durch die deutsch-sowjetischen Abreden vom August 1939 beflügelt worden war, umso besser. Doch der rasante Vormarsch der Wehrmacht war nicht das, was Stalin sich gewünscht hatte. Ganz und gar nicht. Vielmehr mußte er nun befürchten, daß die Deutschen nach wenigen weiteren Tagen ganz Polen besetzt haben würden. Er traute Hitler zu, daß für diesen das geheime Zusatzabkommen zum Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 dann keinen Pfifferling mehr wert sein würde. Diese Abrede teilte Osteuropa einschließlich Polens in zwei Einflußzonen auf, eine deutsche und eine sowjetische. Zum Zusatzabkommen gab es eine Landkarte als Anlage. Auf dieser Karte hatte Stalin eigenhändig mit einem blauen Buntstiftstrich die künftige Grenze gezogen. Beide Außenminister –Ribbentrop und Molotow – hatten den Strich als Grenzregelung abgezeichnet. Nun war es für Stalin höchste Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen. Deshalb marschierte die Rote Armee am 16. September 1939 in Ostpolen ein. Bemerkbaren militärischen Widerstand dagegen gab es nicht mehr.
Der polnische Staat befand sich im Stadium der Selbstauflösung, die Reste der Armee waren in Warschau eingekesselt. Einer deutschen Aufforderung zur Kapitulation folgte die zur Festung erklärte Stadt nicht. Sie wurde daraufhin mit Artillerie beschossen und aus der Luft bombardiert. Der Einmarsch deutscher Truppen folgte auf dem Fuße. Soweit sie es vermochten, flohen die Reste der polnischen Armee und die polnische Führung nach Rumänien und von dort in alle Welt.
Ein selbständiges Polen hatte gerade einmal 20 Jahre Bestand gehabt. Das Land wurde erneut geteilt. Hierbei hielten sich die Deutschen peinlich genau an die Abreden des Hitler-Stalin-Pakts. Gebietsteile des sowjetischen Einflußbereichs, die von der Wehrmacht bereits besetzt worden waren, wie Stadt und Festungsgebiet von Lemberg, wurden an die Rote Armee herausgegeben. Für Polen begann die Zeit der Fremdherrschaft erneut. Es gilt unter Fachleuten als umstritten, auf welcher Seite der neuen Grenze das schlimmere Regime herrschte. Dieser Teilungszustand fand ein Ende, als die Wehrmacht im Juni 1941 die Sowjetunion angegriffen und das Gebiet des ehemaligen Polen bald vollständig besetzt hatte.
Die deutsche Besatzung wäre schon wegen der Kürze ihrer Dauer (1939– 1944/45) kaum der Erwähnung wert, wenn nicht zwei Ereignisse eingeschlossen wären, an denen kein Geschichtserzähler vorbeikommt. Zum einen handelt es sich um die Errichtung einer großen deutschen Rüstungsindustrie auf polnischem Boden (1), zum andern um den Warschauer Aufstand 1944 und seine Niederschlagung (2).
(1) Nach der Besetzung des Landes wurden auf polnischem Boden umfangreiche Industrieanlagen für die deutsche Kriegswirtschaft errichtet. Sie wurden mit Zwangsarbeitern betrieben. Soweit es sich hierbei um Juden handelte, waren diese im gesamten besetzten Europa einschließlich Deutschlands gewaltsam zusammengetrieben und mit der Bahn an die Zielorte in Polen deportiert worden. An Ort und Stelle wurden die Arbeitsfähigen in Arbeitslager überführt, etliche Kinder zur Zwangsadoption ausgesucht und die Arbeitsunfähigen in Vernichtungslager überstellt, wo sie ermordet wurden. Eine erhebliche Zahl der hiervon betroffenen polnischen Juden war nur deswegen von der deutschen Besatzung mit Präzision und einiger Leichtigkeit zu erfassen gewesen, weil es eine bemerkbare Kollaboration mit antisemitisch gesinnten Polen gab. Diesen Umstand heute in Polen zu erwähnen, ist dortzulande unter Strafe gestellt.
(2) Auf Kollaboration beruhte auch der Erfolg der deutschen Besatzung, polnischen Widerstand im Keim zu ersticken. Die Deutschen konnten ausnutzen, daß es in Polen drei miteinander verfeindete politische bzw. ethnische Hauptrichtungen gab: die polnischen katholischen Nationalisten (weitgehend identisch mit dem polnischen Vorkriegsregime und dessen Anhängern), die polnischen Sozialisten bzw. Kommunisten (identisch mit den vom Vorkriegsregime definierten Staatsfeinden) und die Ukrainer, denen ein deutsches Vorgehen gegen das ehemalige polnische Herrenvolk gelegen kam. Beide polnischen Hauptrichtungen hatten ihre Unterstützer im Ausland, die polnischen Kommunisten in Moskau und die polnischen Nationalisten in einer Exilregierung, die in Großbritannien residierte.
Dort, in London, beschloß man im Sommer 1944, der als unmittelbar bevorstehend vermuteten Besetzung der Hauptstadt Warschau durch die Rote Armee zuvorzukommen und an Ort und Stelle einen Aufstand auszulösen, der die deutsche Besatzung hinwegfegen sollte. Die Aufständischen glaubten, Grund zur Eile zu haben, denn die 1944er Sommeroffensive der Roten Armee hatte die deutsche Heeresgruppe Mitte buchstäblich ausgelöscht, so daß die russischen Panzerspitzen in den ersten Augusttagen 1944 an einigen Stellen die Weichsel erreicht hatten. Dort allerdings blieben sie stehen, was bei den Aufständischen niemand für möglich gehalten hatte. So gewannen eilig zusammengekratzte deutsche Sicherungs- und Partisanenbekämpfungsverbände Zeit, sich der Bekämpfung der Aufständischen zu widmen.
Wie sie dies taten, gehört vermutlich zu den brutalsten Einsätzen, die während des Zweiten Weltkriegs unter deutschem Befehl stattfanden. Besonders taten sich in Weißrußland rekrutierte SS-Einheiten, die vor der Roten Armee geflohen waren und nun in einer Weise plünderten, marodierten und mordeten, daß sich die deutsche Führung zur Wahrung der Truppendisziplin dazu gezwungen sah, sie aus dem Verkehr zu ziehen und ihre Anführer hinzurichten. Um auch dies zu erwähnen: Die Aufständischen ersuchten alle Welt um Hilfe. Es war vergebens. Der britische Premier Winston Churchill, der eine Versorgung der Aufständischen aus der Luft mit Hilfe von Langstreckenbombern der Royal Air Force vorschlug, biß bei Stalin auf Granit. Es hätte nämlich dessen Zustimmung bedurft, um die Maschinen nach dem Lastenabwurf und vor ihrem Rückflug nach Großbritannien auf sowjetischen Feldflugplätzen auftanken zu lassen. Indessen: Der sowjetische Diktator winkte ab. Das, was in Warschau passierte, paßte in sein Kalkül. Es war dies die Vernichtung der noch am Leben befindlichen nationalistisch-katholischen polnischen Führung. Dieses Geschäft besorgten die Deutschen für ihn.
So kam der Aufstand zum Erliegen. Die Überlebenden kapitulierten. Sie wurden – wider Erwarten – nicht als Freischärler an Ort und Stelle erschossen oder aufgehängt, sondern wie reguläre Kriegsgefangene behandelt und abgeführt. Die sowjetische 1945er Januaroffensive brachte dann das endgültige Ende der deutschen Besatzung, aber nicht die Befreiung Polens, wie man heutzutage in manchem deutschen Geschichtsbuch nachlesen kann, sondern nur die Ablösung des einen Besatzers durch den nächsten.
Zwischen dem 28. November und dem 1. Dezember 1943 kam die Polenfrage beim ersten Zusammentreffen der „Großen Drei“ – das waren Roosevelt, Churchill und Stalin –in Teheran explizit zur Sprache. Hierbei zeigte sich, daß Stalin auf jeden Fall den Teil Vorkriegspolens zu behalten beabsichtigte, den er sich nach Kriegsausbruch im September 1939 angeeignet hatte. Für Churchill war das ein Problem. Schließlich war Großbritannien 1939 offiziell und mit propagandistischem Getöse wegen Polens Unversehrtheit in den Krieg gegen Deutschland gezogen. Eine Zustimmung zur erneuten Teilung des Landes würde man der Öffentlichkeit schwerlich erklären können. Roosevelt hingegen mußte auf eine starke polnischstämmige Minderheit in den USA Rücksicht nehmen – jedenfalls dann, wenn er im November 1944 erneut und damit zum vierten Mal die Wahl zum US-Präsidenten gewinnen wollte.
Beide Westpolitiker hatten zudem Beklemmungen, daß sie mit einer Zustimmung zu den Plänen Stalins de facto ihr Gütesiegel unter die Bestimmungen des Hitler-Stalin-Pakts vom 23. August 1939 setzen würden. Stalin wandte ein, daß es ihm um nichts anderes gehe als um die Wiederherstellung der Curzon-Linie. Diese östliche Grenze Polens war 1919 von den alliierten Siegermächten des Ersten Weltkriegs festgelegt worden. Das damals noch junge Sowjetrußland hatte niemand gefragt. Jetzt, so der sowjetische Diktator listig, könne wohl niemand etwas dagegen haben, wenn er die von den alliierten Experten gefundene Lösung umsetze. Um zu verstehen, worum es ging, muss man für einen Moment in die unmittelbare Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs zurückblenden. Ein unabhängiges Polen zu gründen, war gemeinsamer Wunsch der Sieger. Ihre Motive waren unterschiedlich. Frankreich wollte, daß das Deutsche Reich an seiner Ostgrenze unablässig Streit hatte, Großbritannien hingegen wollte einen Landpuffer gegen die Gefahr der Weltrevolutionierungsideen des bolschewistischen Rußland. Diese Gefahr war konkret. Lenins Rotarmisten waren unterwegs, um über Warschau nach Berlin zu marschieren. Vor den Toren Warschaus wurden sie von einer polnisch-französisch-britischen Allianz gestoppt und in die Flucht geschlagen.
Damit wollten sich die Polen nicht begnügen. Vielmehr setzten sie gen Osten nach, bis sich ihre Kavalleriespitzen weit in Weißrußland und in der Ukraine befanden. Sie kamen erst zum Stehen, als ihre neuen Freunde im Westen ihnen die weiteren Geldmittel für derartige Abenteuer entzogen. Der anschließende Vertrag von Riga bestätigte weitgehend die polnischen Gebietsgewinne. Sie sorgten bis 1939 für Dauerstreit zwischen Polen und der Sowjetunion.
Jetzt, 1943 in Teheran, hatte Stalin es in der Hand, den Streit um die ostpolnischen Gebiete zu seinen Gunsten zu entscheiden. Er legte seine Streichholzschachtel auf den Verhandlungstisch und bemerkte süffisant: Wenn sich denn in den von ihm beanspruchten Gebieten tatsächlich Polen befinden sollten, dann müsse man sie halt verschieben. Was Stalin mit den Streichhölzern, die er seitlich aus der Schachtel schob, vorführte, wurde von den beiden anderen Kettenrauchern ohne weitere Worte verstanden. Gemeint war eine Umsiedlung der zu verschiebenden Polen in die Ostgebiete des Deutschen Reichs. Ihr wurde nicht widersprochen. Allen Beteiligten am Tisch war klar, daß dies zugleich eine zwangsweise Aussiedlung der Deutschen aus Ostdeutschland bedeuten würde. Roosevelt flüchtete sich in Wolkiges, so wie das seine Art war, doch Churchill stimmte der Vertreibung der Polen und der Deutschen durch einen Trick zu. Er einigte sich mit Stalin auf die Definition von Interessensphären. Danach würde Osteuropa Stalins Interessengebiet sein, während Churchill im Gegenzug freie Hand in Griechenland verlangte und erhielt.
Die Folgekonferenzen von London (1944, ohne die „Großen Drei“), Jalta und Potsdam (beide 1945) änderten an den Grundlagen, die in Teheran Gestalt angenommen hatten, nichts Wesentliches mehr. In London wurde die Teilung Deutschlands besprochen und beschlossen, in Jalta die Einbeziehung Mittelosteuropas in den sowjetischen Herrschaftsbereich und in Potsdam die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten und dem Sudetenland.
Die Vertreibung der Deutschen begann noch während der laufenden Konferenz. Um eine gescheite und langfristig haltbare Lösung für das besiegte Deutschland zu finden, reichten die Gemeinsamkeiten der Sieger hingegen nicht mehr aus. Heraus kam nur eine Art von Verwaltungsvereinbarung, nach der sich jeder der Sieger um seine Besatzungszone zu kümmern habe und man sich die Lösung für Deutschland als Ganzes als gemeinsame Aufgabe vorbehielt.
Deutschland als Ganzes, das bedeutete: das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 – also einschließlich der deutschen Ostgebiete, die man soeben den Polen überlassen hatte. Die tatsächliche Grenze zwischen Deutschland und Polen wurde entlang der Oder und der Görlitzer Neiße gezogen. Die Odermündung mit der Hafenstadt Stettin und einem Teil der Insel Usedom wurden den Polen von Stalin darüber hinaus großzügig zugestanden. Dafür sackte er das nördliche Ostpreußen rund um Königsberg bis zur Memel ein. Diese von Stalin vorgenommene Grenzziehung bestimmt auch heute noch die Grenzverhältnisse östlich der Oder. Die Vertreibung der Deutschen aus den deutschen Ostgebieten und dem Sudetenland vollzog sich unter den schlimmstmöglichen Gewalttätigkeiten. Verläßliche Zahlen der von der Vertreibung unmittelbar betroffenen Deutschen und ihrer Todesopfer sind nur schwer zu ermitteln. Aus den frühen 1950er Jahren stammende bundesdeutsche Faustzahlen kommen vermutlich der Wahrheit am nächsten. Danach wurden mindestens 15 Millionen Deutsche vertrieben. Nur zwischen elf und zwölf Millionen überlebten das Desaster von Entkräftung, Hunger, Gewalt, Plünderung, Totschlag und spurlosem Verschwinden.
Die Mehrzahl von ihnen wurde schließlich als Strandgut des Krieges in den Westzonen Deutschlands angeschwemmt. Ihre Integration dauerte Jahre. Sie war nur möglich, weil die Überlebenden selbst es wollten. Sie wollten es mit eisernem Willen. Ihr Ziel war es, wieder auf die Beine zu kommen. Das Erstaunliche an diesen Männern und Frauen war ihre Unauffälligkeit. Sie nahmen jede Arbeit an und hausten unter den abenteuerlichsten Bedingungen. Es war eine Umwelt, die von der Notwendigkeit vorangetrieben wurde, die katastrophalen Folgen des alliierten Bombenkriegs zu überwinden. Und der westdeutsche Staat? Er spendete hie und da einen Lastenausgleich in Form von Geld und den Kindern der Vertriebenen täglich eine Schulmilch.
Man spricht heute noch vom Wirtschaftswunder der jungen Bundesrepublik. Mit gleichem Recht sollte man vom Integrationswunder der Vertriebenen sprechen. Vermutlich bedingten beide einander. Ein guter Indikator für dieses Gelingen ist das Schicksal der eigens für die Belange der Vertriebenen gegründeten politischen Partei „Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ (BHE). Sie kam aus den Kinderschuhen kaum heraus und verschwand dann in der Bedeutungslosigkeit. Es blieben die Treffen der verschiedenen Vertriebenenvolksgruppen. Revisionistisches Reden wurde dort bald zur Rarität, man beschränkte sich aufs Erinnern. So ist es noch heute.
Das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen wurde von der Zweiteilung der Nachkriegswelt bestimmt. Der Eiserne Vorhang verlief mitten durch Deutschland. Westlich von ihm wurde der sich bildende westdeutsche Staat Mitglied der Westbündnisse, vor allem der NATO. Dem ostdeutschen Staat erging es kaum anders, sein Militärbündnis hieß Warschauer Pakt. So kam es zum lang andauernden Kuriosum, daß sich Deutsche und Deutsche bewaffnet und als Feinde gegenüberstanden, auf der einen Seite als Gegner der Polen und auf der anderen Seite als deren Verbündete. Ob diese theoretische Feindschaft/Freundschaft einem Praxistest standgehalten hätte, ist zum Glück für alle Beteiligten nie erprobt worden.
Wie es in Wirklichkeit um das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen in dieser Zeit stand, läßt sich bestenfalls spekulativ beantworten. Ich nehme an, daß auf westdeutscher Seite das Verhältnis zu Polen eher von Gleichgültigkeit dominiert war, schließlich war man kein unmittelbarer Nachbar mehr. In der DDR hingegen gab es, wenn ich mich nicht irre, hinter der Fassade der internationalistisch-kommunistischen Völkerfreundschaft eine latente Feindseligkeit. Ob das auch umgekehrt der Fall war, habe ich nicht herausfinden können.
Wie dem auch sei: Nicht nur die Deutschen gingen nach 1945 einen bitteren Weg, in Polen ging der von 1939 weiter. Die Zahlen der aus dem ehemaligen östlichen Polen in die deutschen Ostgebiete zwangsweise Umgesiedelten wurden meines Wissens nie seriös ermittelt. Bereist man die ehemaligen deutschen Ostgebiete, so kommt einem der Verdacht, daß es deutlich weniger waren als die von dort vertriebenen Deutschen. Zum Umsiedlungschaos gesellte sich die lang andauernde sowjetische Zwangsherrschaft, die von der KP Polens und deren Vasallen exekutiert wurde. Entsprechend den Vorgaben aus Moskau wurde nicht nur gegen die polnischen Nationalisten vorgegangen, sondern auch und erneut gegen die polnischen Juden. Im Parteikauderwelsch hieß diese Verfolgung „Kampf gegen das Kosmopolitentum“. Hierbei traf es Kommunisten und Nichtkommunisten gleichermaßen.
Zwei Ereignisse bedürfen einer kurzen Beleuchtung. Zum einen handelt es sich um den deutsch-polnischen Vertrag von 1970. Er löste eine wilde Debatte über etwas aus, was er auch bei bestem gegenteiligen Willen nicht hätte leisten können, nämlich den Verzicht der Bundesrepublik (alt) auf die deutschen Ostgebiete, da die Souveränität der Bundesrepublik damals wegen des Deutschland-Vorbehalts der alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkriegs gar nicht so weit reichte. Immerhin blieb in den Köpfen der Leute das Bild eines deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt hängen, der in Warschau vor dem Denkmal für die Gefallenen des Aufstands niederkniet.
Einen deutlichen Mißton zwischen der DDR und Polen gab es ab den späten 1970er Jahren, als die Polen damit begannen, den kommunistischen Staatsglauben durch den Katholizismus zu unterlaufen. Man sagt, der in Rom als Johannes Paul II. auf den Stuhl Petri gelangte Pole Karol Wojty?a habe hieran einen maßgeblichen Anteil gehabt.
Wenn sich fortan streikende Polen der Danziger Lenin-Werft öffentlich bekreuzigten, wurde das in Westdeutschland in Verkennung der Lage als Folklore gedeutet, während der Ostblock einschließlich der DDR die zutreffende Folgerung zog: Dieses hier war eine Häresie, die nicht geduldet werden durfte, wollte man nicht in Kauf nehmen, daß das ganze sozialistische Gebäude in sich zusammensackte. Demzufolge wurden rund um Polen die Armeen des Warschauer Pakts in Marschbereitschaft versetzt. Der Einmarsch unterblieb, da sich Polens Kommunisten entschlossen, einen General an die Spitze zu stellen und das Kriegsrecht auszurufen. Das Regime bekam die Lage wieder unter Kontrolle. Ob der finstere General mit der dunklen Brille dies durch Brutalität oder Geschick hinbekam, wartet noch auf eine seriöse Aufklärung.
Die Lage in und zwischen den sowjetischen Satellitenstaaten blieb fortan gespannt. Im Ostblock machte der Witz die Runde: Seine Freunde kann man sich aussuchen, seine Brüder nicht. Wer nun genau wann den nächsten Schritt in Richtung der Auflösung der Blöcke machte, ist hier nicht das Thema, sondern es interessiert nur, daß der Ostblock einschließlich seiner Kolonialmacht Sowjetunion 1989–1992 implodierte. Aus diesem Grunde kam auch das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen erneut und unter neuen sowie uralten Aspekten auf die politische Agenda.
Im Herbst 1990 fanden die Verhandlungen zwischen den beiden deutschen Regierungen und den vier Siegermächten – USA, Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien – statt, die den völkerrechtlichen Schlußpunkt unter die deutsche Einheit setzen sollten. Sie führten zu dem sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrag.
Noch heute erscheint es mir wie ein Wunder, daß es überhaupt dazu kam, denn die Zahl der Bremser und Möchtegern-Verhinderer schien unermeßlich. Es waren – um es klar zu sagen – lediglich die USA unter dem Präsidenten George H.W. Bush und dessen Außenminister James Baker, die diese Sache vorantrieben. Die Sowjetunion war gegen Cash zum Mittun bereit, Frankreich und Großbritannien waren strikt dagegen, aber ihren antideutschen Einpeitschern, Mitterand und Thatcher, gingen angesichts der Zustimmung der beiden Großen und dem faktischen Fortgang der Sache die Argumente aus.
Mir ist bis heute unklar, ob die nunmehr ins Bild tretenden Polen aus eigenem Antrieb handelten oder ob Anstiftung aus Frankreich vorlag, jedenfalls verlangten sie kategorisch die Zulassung an den Konferenztisch. Das „Njet“ aus Moskau kam schneller, als sich irgendein Wohlmeinender oder Berufsschuldbeladener öffentlich äußern konnte. Wenn auch sonst vieles mit den Russen zu besprechen war, bei ihrem Nein zu Polen blieben sie eisern.
Die anglo-amerikanischen Sieger schwenkten schnell auf die russische Linie ein. Ihnen schwante, daß die Polen am Verhandlungstisch ein Faß aufmachen würden, in dem sich die Siegerbrause von Teheran befand, die Aufteilung der Welt zwischen Roosevelt, Churchill und Stalin einschließlich der Verschiebung der Polen bis an die Oder und der fiktiven Gestalt von Deutschland als Ganzem (= in den Grenzen von 1937). Listig klammerten die Sieger dieses Problem 1990 aus und schoben es den Deutschen zur Erledigung zu.
Der Leser erinnert sich: Bereits 1970 hatte die sozialliberale Koalition in Bonn den Versuch unternommen, durch bilaterale Verträge der Bundesrepublik mit der DDR und den Ostblockstaaten das Rad der Ostpolitik neu zu erfinden. Um ein Haar wäre Kanzler Willy Brandt wegen dieser Vorhaben gestürzt worden. Nur ein Eingreifen des DDR-Geheimdienstes konnte ihn 1972 vor der Abwahl retten. Die geplante staatsrechtliche Aufgabe der deutschen Ostgebiete war gescheitert, weil man sich dank eines Richterspruchs auf den Standpunkt zurückziehen konnte, daß die Bundesrepublik kein Mandat für Fragen zu Deutschland als Ganzem besaß.
1990 änderte sich die Lage von Grund auf. Deutschland konnte als nunmehr souveräner Staat mit den Polen vereinbaren, was es wollte. Doch wer annahm, in der an der Macht befindlichen CDU-FDP-Regierung würde zumindest die CDU ihren ablehnenden Standpunkt von 1970 beibehalten, sah sich schnell eines Besseren belehrt. Mit dem deutsch-polnischen Abkommen vom November 1990 wurde die Abtrennung der deutschen Ostgebiete an Polen mit einem Federstrich völkerrechtlich anerkannt. Schnell zeigte sich, daß das schnelle Handeln im gewissen Sinne vorschnell gewesen war. Es hätte eher nahegelegen, sich der polnischen Verhandlungsgepflogenheiten der Jahren 1920–1939 zu erinnern. Zu deren Besonderheiten zählte, selbst bei günstigen Regelungen hurtig die Geschenke einzusacken und hernach aufzusatteln. Zuletzt mußte das der angeblich geniale deutsche Führer erleben, der den Polen im Frühjahr 1939 bei der Zerschlagung der Resttschechei das Gebiet von Teschen zukommen ließ, um sie in der Korridorfrage günstig zu stimmen. Die Polen dachten, nachdem sie die Beute eingesackt hatten, im Traum nicht daran, den durchaus berechtigten deutschen Wünschen entgegenzukommen.
Nicht anders verhielten sie sich nach 1990 gegenüber der Bundesrepublik. Besonders ärgerlich ist – aus meiner Sicht – die seinerzeit an den Tag gelegte Ignoranz der deutschen Verhandlungsführer, weil das, was dann kam, voraussehbar war. Bereits im Sommer 1990 hielt der polnische Außenminister Skubiszewski in Vorbereitung seiner Forderung, bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zugelassen zu werden, eine Rede, in der er den polnischen Standpunkt umriß. Er führte u.a. aus: „Es wäre zweckmäßig, wenn wir in der einen oder anderen Form eine gewisse Entschädigung erhielten.“ Da klang an, was bald Wirklichkeit werden sollte. Aber ebenso wurde seinerzeit deutlich, daß es den Polen vor allem um eines ging: Sie wollten um jeden Preis die Rechtssicherheit der deutsch-polnischen Grenze von 1945. Hierfür hätten sie ohne Zweifel einer Schlußstrichregelung zugestimmt. Das unterblieb, die Folgen sollten nicht auf sich warten lassen.
Nach der Zersprengung des Ostblocks nebst deutscher Wiedervereinigung 1990 rückte für etliche Deutsche erstmals das Problem einer polnischen Nachbarschaft ins alltägliche Bewußtsein. Der Grund war: Es setzte sich die polnische Bevölkerung von selbst gen Westen in Bewegung.
(1) Es gab einen ständig zunehmenden Strom polnischer Kraftfahrzeuge, die von eigenwillig agierenden Lenkern auf deutschen Straßen gesteuert wurden. Die Qualität dieser Fahrzeuge paßte sich erst allmählich in den Folgejahrzehnten unseren Standards an, die Originalität ihrer Lenker blieb. Sie eint, daß ihnen die Regeln des deutschen Straßenverkehrsrechts entbehrlich erscheinen.
(2) Ein zweites auffälliges Phänomen der Nachbarschaft wurde der Autodiebstahl. Er fand ausschließlich von West nach Ost statt und wurde durch einen blühenden Schrottauto-Aufkauf ergänzt, der nach dem Motto „aus drei mach zwei“ funktionierte und östlich von Polen einen florierenden Absatzmarkt erschlossen hatte. Ergänzend kam ein gewinnträchtiger Markt für gefälschte Papiere und Kennzeichen aller Art hinzu.
(3) Neben diesen für deutsche Vorstellungen wenig erfreulichen Folgen der sich öffnenden Nachbarschaft soll allerdings auch das Positive nicht verschwiegen werden: Es bildete sich ein spezieller Arbeitsmarkt heraus. Anfangs illegal, später, als Polen der EU beigetreten war, völlig legal kamen polnische Arbeitskräfte in großen Mengen nach Deutschland, die heutzutage in der Land- und in der Bauwirtschaft kaum noch wegzudenken sind. Ob das in Zukunft so bleibt oder diese Arbeitskräfte vom polnischen Binnenmarkt absorbiert werden, mag dahinstehen.
(4) Und schließlich: Es gab die Polenmärkte, die an etlichen Orten der ehemaligen DDR wie Pilze aus dem Boden schossen. Dort wurden vor allem Jagdbeute (aus Wald und Flur und fremden Häusern), landwirtschaftliche Produkte und Diverses aus fragwürdigen Quellen feilgeboten. So, wie sie kamen, verschwanden die Polenmärkte auch wieder. Der grenzüberschreitende Handel mit Illegalem ist geblieben.
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Das Verhältnis des deutschen und des polnischen Staates ein gutnachbarliches zu nennen, kann bestenfalls den Redenschreibern von Bundespräsidenten einfallen, wobei die Amtsinhaber, wenn sie solches von ihren Manuskripten ablesen, der Sache selbst keinen Gefallen tun. Das Verhältnis zwischen beiden Staaten ist weder gut, noch ist derzeit in Aussicht, daß es sich verbessern könnte.
Bevor ich auf die Details zu sprechen komme, ist auf Grundlegendes aufmerksam zu machen. Ich habe den Eindruck, daß sich beide Völker noch nie sonderlich gemocht haben (mein Eindruck, den niemand teilen muß). Ein gravierender Unterschied besteht im öffentlichen Formulieren von Feindseligem. In Deutschland erntet jedermann beim Erzählen von Polenwitzen Mißbilligung, in Polen beim Einschlagen auf den deutschen Esel Applaus. Die Zahl von deutschfeindlichen öffentlichen Äußerungen ist Legion. Das Ungenierte hat manchen Deutschen überrascht, zumal man hierzulande geglaubt hatte, daß die maßgebliche deutsche Beihilfe, Polen einen Platz in der EU zu verschaffen, dort registriert würde. Es war ein Irrtum, der recht bald aufgeklärt wurde, als Polens Staatschef bei einem der ersten EU-Gipfeltreffen, an dem die Polen teilnahmen, die deutsche Regierungschefin mit dem 1945 durch Selbstmord aus dem Amt geschiedenen deutschen Diktator gleichsetzte.
Dieser Vorgang war in doppelter Weise bemerkenswert. Er brachte ungeschminkt zum Ausdruck, wie in Polens Führung wirklich gedacht wurde, und er ließ eine angemessene deutsche Reaktion vermissen. Dieses Ausbleiben einer Reaktion – ein Abbruch des Gesprächs wäre das Mindeste gewesen – bewirkt bei Leuten, die sich wie Halunken benehmen, immer wieder das Gleiche: Es wirkt wie die Einladung zum verschärften Weitermachen. Die Feindseligkeit gipfelte erst vor kurzem in der ruppig vorgetragenen Forderung, daß Deutschland den Polen wegen der im Zweiten Weltkrieg entstandenen Schäden und Verluste Reparationen zu zahlen habe. Hierbei haben die polnischen Repräsentanten offenbar am Versailler Diktat Maß genommen: Die zuletzt von polnischer Seite lautstark genannte Summe belief sich auf neunhundert Milliarden Euro (900.000.000.000).
Ansprüche dieser Art bestehen de jure nicht. Aber es bedürfte keiner diffizilen Ableitungen aus den Siegerregelungen und anderen Vereinbarungen zwischen dem einen oder anderen deutschen Staat einerseits und Polen andererseits, um diesen Rechtsstandpunkt zu begründen. Eine dieser Argumentationen – als Deutscher lächelt man, wenn man sie liest – geht so: Mit dem deutsch-polnischen Vertrag von 1990 wurde die Fortgeltung von Vereinbarungen zwischen der DDR und Polen beschlossen. Zu diesen zählt der wechselseitige Verzicht auf Schadenersatzleistungen, die ihren Ursprung in den Kriegshandlungen des Zweiten Weltkriegs haben.
Wem das zu winkelzügig erscheint, der sollte wenigstens einen kurzen Blick auf die Transferleistungen werfen, die Polen aus der deutschen Staatskasse erhält, seit es EU-Mitglied ist. Nach Berechnungen von Bruno Bandulet sehen diese so aus: Polen ist der mit Abstand größte Profiteur aus den Umlagezahlungen der EU-Mitglieder, Deutschland ist Polens größter Sponsor. Allein in den fünf Jahren 2009–2014 erhielt Polen auf diese Weise 19,3 Milliarden Euro ohne jede Gegenleistung aus der deutschen Steuerkasse. Hinzu kam die Möglichkeit, nach dem Target-II-Verfahren in Deutschland in Milliardenhöhe einzukaufen und dafür anschreiben zu lassen. Das sind Summen, die man hinzurechnen muß, weil klar ist, daß sie niemals zurückgezahlt werden. Nach 2014 ging das Sponsoring selbstredend in steigendem Maße weiter. Nach dem Ausscheiden des Netto-Einzahlers Großbritannien aus der EU verlangen die Nehmerländer, daß die Transferleistungen nicht nur wie gehabt weitergehen, sondern noch gesteigert werden sollen. Der EU-Gipfel, der dies bewirken sollte, ist soeben am Veto der anderen Geberländer (Niederlande, Dänemark, Schweden) gescheitert.
Ich erwähne diese Details, weil sie deutlichmachen, daß Deutschland bei weiteren unverfrorenen Ansagen aus Warschau darauf hinweisen könnte, durch nichts und niemanden zu weiteren Leistungen verpflichtet zu sein. Ich weiß, das wird nichts, so wie die Dinge bei uns im Moment liegen. Das sollte Anlaß sein, auf eine Besonderheit deutscher Politik zu sprechen zu kommen, die nicht zum Wenigsten für deutsch-polnische Mißklänge sorgt.
Die deutsche Politik hat seit gut zehn Jahren konsequent den Weg des Industrieabbaus durch die vorsätzliche Demontage einer geordneten Energieversorgung und der De-Nationalisierung durch das Hereinholen von Millionen mohammedanischer Analphabeten aus dem Orient und Afrika verfolgt. Die Polen streben aus leicht nachzuvollziehenden Gründen das Gegenteil an. Sie beteiligen sich nicht an der Aufnahme der Volksmassen aus dem Süden und setzen konsequent auf die Verstromung der heimischen Steinkohle. Sie erhoffen sich einen Industrieaufbau, der sie in die Lage versetzt, Deutschland bis zum Jahr 2040 an Wirtschaftskraft zu überflügeln.
Auch wenn man erfahrungsgemäß die polnischen Grundsatzerklärungen nicht eins zu eins in die Wirklichkeit übertragen muß, so machen sie zumindest eines klar: Polen will den von Deutschland eingeschlagenen Weg nicht mitgehen. Es gibt in Deutschland eine Schar von sogenannten Konservativen, die Polen hierfür loben, vielleicht, weil sie heimlich auf Verbündete jenseits der Oder hoffen. Ich bin skeptisch, ob dieser Ansatz eines Schulterschlusses Früchte tragen kann. Vor allem scheint mir die Berufung auf einen gemeinsamen Christengott ein Trugschluß. Deutsche Christen – ganz gleich, ob evangelisch oder katholisch – sind mit Masse universalistisch, das heißt, sie glauben in globalen Dimensionen, dieser Glaube schließt Weltrettungsphantasien ein. Polens Katholiken unterscheiden sich hiervon diametral. Ihr Glaube ist national, wo nicht nationalistisch. Die allseits bekannten zugehörigen Rituale sind es auch. Ihre Maria ist eine Polin, in Czenstochau (Cz?stochowa) kann man sie besichtigen und bei Bedarf anbeten.
Unter den zahlreichen Differenzen zwischen Deutschland und Polen sind die außen- und sicherheitspolitischen Vorstellungen wohl am gravierendsten unterschiedlich und für beide Seiten auch am riskantesten. Polen setzt zu 100 Prozent auf die Vorgaben aus den USA, Deutschland tut dies – ganz verstärkt nach dem Amtsantritt von Donald Trump als US-Präsident – nicht (mehr).
Kurzer Blick zurück: Vor dem Zusammenbruch des Ostblocks, in den Polen zwangsweise eingebunden war, war das Land von Truppen der Roten Armee dicht umstellt. Die Umklammerung endete erst 1994 mit dem Abzug der letzten Verbände der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland aus der ehemaligen DDR. Gleichzeitig begannen die US-amerikanischen Aktivitäten, die ehemaligen Satelliten der Sowjetunion in die NATO herüberzuziehen. Polen, Ungarn und Tschechien traten 1999 der NATO bei, andere ehemalige Ostblockländer folgten drei Jahre später. Dem NATO-Beitritt Polens waren bilaterale US-polnische Absprachen vorausgegangen, die eine Stationierung des von der USA in Europa zu installierenden Raketenabwehrsystems zum Gegenstand hatten. Polen bot sich selbst als Standort an.
In diesem Zusammenhang mag ein kurzer Rekurs auf die NATO das Verständnis der Vorgänge erleichtern. Die 1949 auf Betreiben der USA gegründete NATO war ein politisches und militärisches Bündnis, das neben Kanada die Staaten des westlichen Europa (mit wenigen Ausnahmen) vom Nordkap bis zum Bosporus zu einer antisowjetischen Kampfgenossenschaft zusammenschloß. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor die NATO im Prinzip ihre Existenzberechtigung. Dementsprechend kam die Nato ihrer Selbstauflösung in den 1990er Jahren recht nahe.
Die Auflösung der NATO fand nicht statt, das ist bekannt. Sie konzentrierte sich selbst auf einen neu-alten Gegner – auf Rußland. Diese Änderung kam nicht aus dem Nichts, sondern hatte zwei konkrete Gründe: (1) Durch die Hereinnahme von ehemaligen Ostblockstaaten ins Bündnis wurde dieses fast automatisch antirussisch, denn diese Staaten traten aus einem einzigen Grund der NATO bei: Es war ihre durch die Erfahrungen der Vergangenheit bestehende Angst vor Rußland. Die beitretenden Länder mußte also niemand zum Beitritt nötigen. Sie handelten – aus ihrer Sicht – im eigenen Interesse. Allerdings waren sie, wie sich bald zeigen sollte, in ihren antirussischen Sentiments unterschiedlich. An der Spitze des Antirussischen stand Polen. Wenn es überhaupt eine Konstante in seiner Politik gibt, so ist es der Russenhaß.
Mit diesem antirussischen Element als Grundton der NATO-Doktrin traten Differenzen zwischen der NATO-Vormacht USA und den ursprünglichen europäischen Verbündeten zutage, an deren Spitze Deutschland und Frankreich standen. In beiden Ländern spielt die Russenfurcht kaum eine Rolle. Frankreich sieht sich selbst als globalen Akteur, für den Russland eine unter vielen Größen darstellt, Deutschland hingegen schätzt das russische Riesenreich vor allem als einen willkommenen Geschäftspartner.
(2) Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren die USA nach ihrer Selbsteinschätzung zur einzigen Weltmacht aufgestiegen. Die US-Regierung kam, so glaubte sie, in den 1990er Jahren dem Status einer Weltregierung zum Greifen nahe. Dieses Gedankenmodell – auch als New World Order bezeichnet – erhielt zum Jahrhundertwechsel unübersehbar Risse. Es war der Versuch, die russische Volkswirtschaft von der Wall Street aus zu übernehmen, der am 31. Dezember 1999 scheiterte. Genau an diesem Tag übernahm im Kreml Wladimir Putin das Kommando. In einer eher nach Wochen als nach Monaten bemessenen Frist stoppte er den russischen Ausverkauf und beendete so den amerikanischen Traum.
Nunmehr schaltete die US-Politik auf Rußlandfeindschaft um. Die in den USA erlassenen antirussischen Gesetze legen hierüber unmißverständlich Zeugnis ab. Zugleich wurde der äußere Ring um Rußland enger gezogen. Die baltischen Staaten kamen in die NATO, und die Ukraine erhielt nach mehreren Fehlversuchen im Frühjahr 2014 eine US-freundliche Regierung. Zeitgleich startete der Versuch, der russischen Schwarzmeerflotte den Hauptstützpunkt Sewastopol auf der Krim zu entziehen. Binnen Tagesfrist reagierte Rußland durch die Einverleibung der Krim in den russischen Staat, nachdem man auf der Schwarzmeerhalbinsel im Handstreich eine einschlägige Volksabstimmung hatte stattfinden lassen.
Die Reaktionen in Washington waren von blanker Wut diktiert. Die europäischen Partner wurden gedrängt, Rußland mit einem verschärften Wirtschaftskrieg zu überziehen. Es gab praktisch nur einen Staat, der freudig in diese Kriegstrompete blies: Polen. Andere Länder folgten nur widerwillig, so Deutschland, dessen Abhängigkeit von russischen Rohstoffen selbst den Wirtschaftslaien im Kanzleramt irgendwie zu Bewußtsein gekommen sein muß. Denn im Inland die Abschaffung von Ölheizungen durchzusetzen und auf den Import von russischem Erdgas zu verzichten, macht selbst dort Mühe, wo man glaubt, daß der Strom aus der Steckdose kommt. Jedenfalls setzte man dem Vorhaben der Energieversorger nichts entgegen, eine zweite Gaspipeline zu bauen, diesmal durch die Ostsee („Nord Stream 2“).
Man konnte sich darauf verlassen: Die ersten strikten Gegner, die das Vorhaben auf den Plan rief, waren die Polen. Ihr Motiv: Ein Bündel aus antirussischen und antideutschen Ressentiments, dem Ärger, von einem wohlfeilen Wegelagererzoll abgeschnitten zu sein, weil die Pipeline nicht über polnisches Territorium verläuft, und schließlich und nicht zuletzt der Möglichkeit, den US-Amerikanern zu Gefallen zu sein. Das ist ein riskantes Gebräu.
Es ist die amerikanische Seite dieser Pipeline-Medaille, die ein Doppelgesicht zeigt: Entweder schwenkt der einst beste US-Verbündete, Deutschland, wieder auf die Vorgaben aus Washington um, oder er wird isoliert. Eine Reihe von Ereignissen nötigt zu dieser Folgerung: Die aus der Zeit der US-Außenministerin Hillary Clinton stammende Berichterstattung der US-Botschaft in Berlin (nachlesbar bei „Wikileaks“), der erste Europabesuch des gerade ins Amt gelangten US-Präsidenten Trump, der nicht zufällig Polen galt, wo er zudem das Land als die Mitte Europas bezeichnete, und schließlich die Aufrüstung der polnischen Luftwaffe mit allerneustem amerikanischen Fluggerät, wobei man die ironische Frage aufwerfen darf, ob das hierfür benötigte Kleingeld aus der deutschen Steuerkasse stammt.
Wie dem auch sei: Die Amerikaner machen ernst, und die Polen applaudieren dazu. Im Dezember 2019 haben die USA ein Gesetz erlassen, das den Weiterbau von „Nord Stream 2“ nach US-Recht für strafbar erklärt. Und Deutschland? Dessen Außenminister kämpft gegen rechts, und seine Kanzlerin läßt von Südafrika aus in souveränen Bundesländern die Wahlen annullieren.