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Manfred und Marek

Aspekte der schwierigen Nachbarschaft von Deutschen und Polen

Für den richtigen Westdeutschen (zum Beispiel aus dem Rheinland oder den umliegenden Dörfern) mag es unverständlich sein, worüber ich hier schreibe. Wer aber von Ostdeutschen abstammt (also richtig aus dem Osten, wo heute Polen und Ruß­land liegen), dem geht zuweilen durch den Kopf, wie es eigentlich steht mit unserm Verhältnis zu Polen – und zwar, bevor man auf Auschwitz zu sprechen kommt. Bei dem Jenenser Satiriker Bernd Zeller las ich hierzu am 27. Januar 2020: „Es ist durchaus in Ordnung, wenn jemand wegen Auschwitz in die Politik geht. Wer sagt, dass er wegen Auschwitz in die Politik gegangen ist, dem soll man auch sonst nichts glauben.“ Es geht im folgenden – das sei vorweg gesagt – nicht um eine Revision des Status quo, sondern um die Einschätzung: Wie halte ich es mit meinem Nachbarn – und dieser mit mir?

Von Dr. Helmut Roewer

Man tut sicher nichts Falsches, das Ver­hältnis zwischen Deutschen und Polen als eine mehrhundertjährige Geschichte von Streit und Gewalt zu bezeichnen. Ob das mit den Auseinandersetzungen zwi­schen slawischen und germanischen Stämmen begann, mag dahinstehen. Man sollte diese (fast graue) Vorzeit zu­mindest im Auge behalten, da aus der Zuordnung als slawisch oder germa­nisch später die wunderlichsten Ablei­tungen durch deutsche und polnische Nationalisten zusammenphantasiert worden sind. In etwa so: Es bestehe ein polnischer Anspruch auf slawisches Siedlungsgebiet und vice versa. Es hande­le sich um germanisches, also urdeut­sches Land, und Ähnliches.

Die Berufung auf solche scheinbar vor­handenen (Rechts)-Titel hat Anlaß zu drastischen Auseinandersetzungen gege­ben. Die letzten davon endeten in den 1940er Jahren unter Fremdaufsicht. Die beiden europäischen großen Verlierer des Zweiten Weltkriegs – die Deutschen und die Polen – hatten sich dem Diktat der Siegermächte zu beugen. Beide Kriegsverlierer verloren auch ihre staatli­che Souveränität, die einen expressis ver­bis, die anderen zumindest faktisch. In beiden Ländern machten sich die Leute ans Werk, mit den aufgezwungenen Ver­hältnissen zu Rande zu kommen. Doch jetzt kommt der Unterschied: Die einen akzeptierten ihr Schicksal, die anderen nicht. Der Grund für diese unterschiedliche Eigenwahrnehmung wurzelt in der ge­zielt unterschiedlich ausgestalteten Kriegsschuldpropaganda der Sieger­mächte. Diese sah so aus, daß den Deut­schen die Alleinschuld am Ausbruch und den Schandtaten des Zweiten Weltkriegs zugewiesen wurde. Bei dieser Konstruk­tion ging es anfangs vor allem um eines: Die späteren Siegermächte – vor allem Großbritannien und die USA – verspür­ten bereits in der Auftaktphase des Zwei­ten Weltkriegs die Notwendigkeit, den eigenen Völkern einen Schurken präsen­tieren zu können, gegen den die Krieg­führung unabweisbar nötig sei.

Die anglo-amerikanische Geschichts­schreibung hat bis zum heutigen Tage an dieser Schurkendarstellung festgehalten. Sie ist anglo-amerikanischer Staatsmy­thos geworden: Wir, die Guten, im Kampf gegen das ewig Böse. Dieser My­thos wurde bewußt installiert, um von der eigenen Kriegsmitverursachung ab­zulenken. Hierfür erwies es sich als prak­tisch, nach Abschluß der Kampfhandlun­gen den einmal eingeschlagenen Weg der Schurkenzuweisung beizubehalten. Die einschlägigen Kampagnen wurden durch gewaltige Geldzahlungen – bevor­zugt über die Rockefeller-Stiftung und den Council on Foreign Relations – fi­nanziell abgesichert.Für das Modell der deutschen Allein­schuld war es aus Gründen der Logik notwendig, dem deutschen Schurken ein polnisches Erst-Opfer gegenüberzustel­len. Auch hierbei ist es bis zum heutigen Tage geblieben. Die Polen zehren noch heute von dieser Opferrolle. Davon wird zu sprechen sein. Alle ursprünglich Beteiligten an die­sen Manövern wußten, daß die einseitige Schurkenfixierung der Deutschen nur et­wa die Hälfte der Wahrheit beschrieb. Ih­nen kam bei ihrem Tun entgegen, daß die Deutschen sich wirklich wie Schurken aufführten. Was sie an Untaten begingen, erscheint aus unserer heutigen Warte un­entschuldbar und wird hier auch nicht entschuldigt. Was allerdings nach meiner höchst persönlichen Auffassung der Ergänzung bedarf, ist die vorsätzlich ver­zerrte Geschichte von Ursache und Wir­kung der entscheidenden Ereignisse.

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Polen tritt auf

Nach unvollkommenen deutschen Ver­suchen während des laufenden Ersten Weltkriegs (1914–1918) betrat der polni­sche Staat zum Jahreswechsel 1918/19 als Mündel der westalliierten Siegermächte die europäische politische Arena. Bis da­hin waren das Land und seine Bevölke­rung zwischen Deutschland, dem zaristi­schen Rußland und der habsburgischen Donaumonarchie aufgeteilt gewesen. Im 19. Jahrhundert bis 1918 war diese Auf­teilung komplett. Preußen-Deutschland und Rußland sowie Österreich-Ungarn hatten gemeinsame Landesgrenzen.

Die Installierung eines polnischen Na­tionalstaats 1918/19 war nur möglich, weil die polnischen nationalen Bestre­bungen durch die Siegermacht Frank­reich forciert wurden, um dem besiegten Deutschland einen dauerhaften Krisen­herd an seiner Ostflanke einzupflanzen. Diese französische Rechnung ging auf. Die folgenden Jahre bis 1934 waren eine Zeit massiver Auseinandersetzungen zwischen Polen und seinen Anrainer­staaten – einer davon war Deutschland.

Die polnische Aggressivität stützte sich auf einen innen- und einen außenpo­litischen Pfeiler: eine sich selbst installie­rende nationalistische Militärdiktatur (das „Obristen-Regime“) und die militä­rische und finanzielle Unterstützung durch Frankreich. Dessen Außenpolitik setzte anderthalb Jahrzehnte lang auf deutsche Nachbarstaaten, nämlich Polen und die Tschechoslowakei, von denen man zu Recht annahm, daß sie wegen der auf ihrem Territorium wohnenden, Millionen betragenden deutschen Bevöl­kerungsminderheiten dem Deutschen Reich ununterbrochen massive Probleme bereiten würden.

Nachdem die blutigen Auseinander­setzungen zwischen Deutschen und Po­len um das Industrierevier in Schlesien 1920 nach französischem Eingreifen ein Ende gefunden hatten, beschränkte sich Polen bei seinen Westausdehnungsambi­tionen auf Versuche, Großbritannien und Frankreich zu Präventivkriegen gegen das entwaffnete Deutsche Reich anzustif­ten. Der letzte dieser Versuche fand im März 1933 statt. Der Einmarsch sollte nach den Planungen des polnischen Dik­tators am Montag, dem 6. März 1933, be­ginnen – dem Tag nach den Reichstags­wahlen, wenn es nach seinen Vorstellun­gen im Reich keine handlungsfähige Re­gierung gab und folglich keinen organi­sierten Widerstand.

Der Einmarsch fand nicht statt. Das ist bekannt. Weniger hingegen, daß es die Engländer waren, die abgewunken hat­ten. Sie hatten zwei gewichtige Gründe: Innenpolitisch war in Großbritannien der Kampf gegen die Folgen der Weltwirt­schaftskrise das Thema Nummer eins, und außenpolitisch widersprach der pol­nische Wunsch britischen Interessen, kei­ne dominante Großmacht auf dem Konti­nent aufkommen zu lassen. Denn genau das stand zu befürchten, wenn man die polnische Propaganda von einem Polen von Meer zu Meer ernst nahm. Mit den beiden polnischen Meeren waren die Ostsee und das Schwarze Meer gemeint. Man sollte das im Hinterkopf behalten, wenn man in heutigen polnischen Ver­lautbarungen vom „Intermarium“-Kon­zept liest.

Hitler tritt auf

Heutige Mainstream-Geschichtsinterpre­ten sind sich einig – wenn sie denn das Präventivkriegskonzept des Jahres 1933 überhaupt erwähnen –, daß dessen Um­setzung die Welt vor den Untaten des NS-Regimes bewahrt hätte. Mag sein. Doch wenn man schon spekuliert, ist die Frage sicher erlaubt, was das polnische Regime – es war diktatorisch, nationali­stisch, militant und strikt antisemitisch – mit seiner Herrschaft in Mitteleuropa an­gestellt hätte. Gut, man weiß es nicht.

Die eigentliche Überraschung auf den polnischen Nichtangriff hin verursachte die deutsche Seite. Es waren die ersten außenpolitisch bedeutsamen Schritte des neuen deutschen Reichskanzlers: Er schloß einen Nichtangriffspakt mit Po­len. Das war nach dem damaligen Stand der Dinge in der Tat eine Sensation, denn bis dahin waren sich während der ge­samten Zeit der Weimarer Republik (1918–1933) alle politischen Kräfte einig darüber gewesen, daß es mit Polen so lange keinen friedlichen Ausgleich geben werde, wie die Abtrennung von West­preußen und Oberschlesien (deren An­nexion, wie man sagte) nicht revidiert sei.

Mit diesem Grundsatz deutscher Au­ßenpolitik brach Hitler radikal. Er ent­wickelte die Vorstellung, daß Polen ein willkommener Pufferstaat gegen das bol­schewistische, nach Weltherrschaft stre­bende Regime in der Sowjetunion sei. Auch dies war ein Bruch mit den Aktio­nen der deutschen Diplomatie, die über ein Jahrzehnt lang die sowjetische Karte als ein As im Ärmel beim Spiel gegen Po­len betrachtet hatte.

Das war jetzt passé. Zu ihrer Enttäu­schung mußte die Bevölkerung Danzigs 1933/34 bemerken, daß aus Hitlers Aktio­nen eines mit Sicherheit nicht resultieren würde, und zwar die baldige Wiederein­gliederung dieser deutschen Großstadt ins Reich. Danzig war nämlich 1919 nach dem Siegerwillen aus dem deutschen Staatsverband herausgelöst und unter Mandat des Völkerbunds gestellt wor­den, um den Polen einen funktionieren­den Freihafen an der Ostsee zu verschaf­fen. Diese blödsinnige Konstruktion soll­te schließlich den Zweiten Weltkrieg aus­lösen.

Mit der deutschen Aufrüstung ab 1935 wurde der deutsche Diktator waghalsi­ger. Sein außenpolitisches Ziel Nummer eins, die Folgen des Friedensdiktats von Versailles zu beseitigen, rückte in Griff­weite der praktischen Politik: erneut See­streitkräfte nach einem entsprechenden Flottenabkommen mit Großbritannien, Rückholung der Saar nach einer Volks­abstimmung, tatsächlicher Anschluß Österreichs, der dortzulande bereits En­de 1918 vom Parlament beschlossen, aber von den alliierten Siegern verboten wor­den war, Angliederung des Sudetenlan­des mit britisch-französisch-italieni­schem Segen, erfolgreiche Rückforde­rung des Memellandes von Litauen. Doch dann geriet Sand ins Getriebe des vermeintlichen Selbstläufers.

Die Erinnerung an die durch den Versailler Vertrag und die Neugründung des Staats Polen abgetrennten deutschen Reichsteile war in der Weimarer Republik eine Selbstverständlichkeit. – Vom Reichsministerium des Innern 1928 herausgegebene Karte für den Schulgebrauch.
Ein polnisches Propagandaplakat der Zwischenkriegszeit verkündet: „Wir sind nicht erst seit gestern hier! Einst: Lübeck und Berlin. Leipzig und Breslau gehörten König Boleslaus. Heute [Polen in den Grenzen bis 1939]. Wir waren weit nach Westen vorgedrungen!“
Momentaufnahme von der Ankunft eines Zugs
mit Heimatvertriebenen im August 1948. Die
originale Bildunterschrift des Allgemeinen
Deutschen Pressediensts lautete: „Was sagen
diese Kinderaugen? Diese deutschen Kinder
sind soeben mit einem Transport aus den polnisch
besetzten Gebieten in einem kleinen Ort
Westdeutschlands angekommen. Zweifel und
Mißtrauen liegen in dem Blick der Mädchen –
denn Heimat und Muttersprache sind ihnen
noch fremd.“

Das fatale Jahr 1939

Das Jahr 1939 wurde für das NS-Regime zum außenpolitischen Wendepunkt. Der Stolperstein trug den Namen Polen. Gleich nach der Einverleibung des Sude­tenlandes im Herbst 1938 machte Hitler den Polen ein erstes Angebot zur Rege­lung der Korridorfrage. Hinter dem Stichwort verbarg sich das Problem, daß das Reich durch die Siegermächte in zwei nicht zusammenhängende Teile zerschnitten worden war, um Polen ei­nen Landzugang zur Ostsee zu gewäh­ren. So war Westpreußen polnisch ge­worden. Es lag als fremdes Territorium zwischen Ostpreußen und dem übrigen Reichsgebiet. Die Polen taten in den 20 Jahren, die dieser Zustand dauerte (1919–1939), alles in ihrer Macht Stehen­de, um den Verkehr zwischen den beiden Reichsteilen zu behindern. Deutschland bot nun an, den Korridor mit einer exterritorialen Straße und einer ebensolchen Eisenbahntrasse zu queren, die Polen hierfür finanziell zu entschädi­gen und die Abspaltung von Westpreu­ßen an Polen völkerrechtlich anzuerken­nen. Polen zeigte sich spröde. Daraufhin erhöhte Hitler im März 1939 das deut­sche Angebot. Es betraf das bis dato auf tschechischem Territorium gelegene Ge­biet von Teschen einschließlich der fast ausschließlich von Deutschen bewohn­ten Stadt Oderberg. Zu diesem Angebot konnte es nur deshalb kommen, weil An­fang März 1939 die Fliehkräfte des tsche­choslowakischen Vielvölkerstaats zur Zersprengung des Staatsverbands ge­führt hatten. Ermutigt durch das Beispiel der Sudetendeutschen beschlossen auch die Slowaken den Austritt aus der seit 20 Jahren bestehenden Republik und erklär­ten ihre Selbständigkeit.

An dieser Stelle griff das Deutsche Reich ein. Es anerkannte die slowakische Sezession und nötigte die Resttschechei, wie man das Gebiet damals nannte, sich unter deutsches Protektorat zu stellen. Wer dabei genau was tat, ist äußerst um­stritten, jedoch hier nicht das Thema. Vielmehr erlaubte Hitler den Polen, die eigens zu diesem Zweck ihre Streitkräfte mobilgemacht hatten, den gewaltsamen Zugriff auf Teschen. Hitler sah das Teschen-Geschenk als eine Art Vorauszahlung für das Kor­ridorgeschäft an. Darin sollte er sich gleich zweifach täuschen: (1) Die Polen nahmen Teschen, gaben aber nichts zu­rück. (2) Mit der Besetzung von Prag ver­ließ Hitler das bis dato von den ehemali­gen Siegermächten tolerierte Tableau ei­ner Korrektur der Folgen von Versailles. Damit öffnete er zugleich ein Fenster un­geahnter Größe – und zwar für antideut­sche Propaganda. Deutschland auf dem Weg zur Weltherrschaft bevölkerte fort­an die Schlagzeilen anglo-amerikani­scher Kriegspropaganda.

Roosevelt schaltet sich ein

Man kann die deutschen und die polni­schen Ereignisse des Jahres 1939 nicht richtig verstehen, wenn nicht die Aktio­nen des US-Präsidenten Franklin D. Roo­sevelt mit ins Bild einfließen. Mittlerwei­le gibt es eine überbordende Vielzahl von Mosaiksteinchen, die ein recht genaues Bild entstehen lassen. Zu diesem Bild gehört, daß der US-Präsident im Jahre 1933 an die Macht kam, fast zeitgleich mit dem späteren Erzfeind Adolf H. Die Laufbahn beider Politiker weist erstaunliche Parallelen auf. Beide wurden durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise an die Spitze ihrer Länder katapultiert. In beiden Ländern herrschte millionenfache Arbeitslosig­keit. Beide versprachen, damit aufzuräu­men. Die Konzepte beider waren ähnlich, eine durch Planwirtschaftsvorgaben ge­lenkte Privatwirtschaft.

In Deutschland funktionierte dieses Modell erstaunlich gut, nicht so in den USA. Dort stiegen gleich nach der Wie­derwahl von Roosevelt im Herbst 1937 die Arbeitslosenzahlen wieder bedroh­lich an. Nunmehr schaltete der US-Präsi­dent auf ein Patentrezept um, dessen Funktion er als junger, aufstrebender Po­litiker im Ersten Weltkrieg kennengelernt hatte: Beteilige dich an einem fernen Krieg, und die US-Wirtschaft boomt. An diese Erkenntnis hielt er sich. Weltschur­ken gab es genug: Deutschland, Italien, Japan – in dieser Reihenfolge der Ab­scheubekundungen. Gegen sie würde man Krieg unterstützen. Roosevelts Kriegsambitionen waren in salbungsvol­len Floskeln versteckt: Kranke müsse man in Quarantäne stecken. Von dem Geschenk, das Hitler mit der Besetzung von Prag dem US-Präsidenten und seiner Propaganda vom Weltböse­wicht machte, war schon die Rede. Sie füllte die Schlagzeilen. Doch unbemerkt vom Publikum lief eine ganz andere Ge­schichte ab: eine kriegsanstiftende US-Geheimdiplomatie, die sich auf Roose­velts Lieblingsfeind Deutschland kon­zentrierte. Die einzelnen Schritte schäl­ten sich nur für die notwendig Einzuwei­henden in Großbritannien und Polen heraus. Ihr Zwischenziel auf dem Weg zum Krieg: Es mußte jegliche Einigung über den Korridor zwischen Deutsch­land und Polen unterbunden werden. Um aus Briten und Polen deutsche Kriegsgegner zu machen, nutzten die US-Diplomaten unterschiedliche Instru­mentarien. Das seit Jahren permanent klamme Großbritannien wurde mit dem Schuldenknüppel erpreßt. Bei den ohne­hin kriegsfrohen Polen genügten vage Versprechungen, vor allem, daß sie an der Spitze einer breiten antideutschen Koalition fechten würden. Letzteres glaubten Polens Obristen nur zu gern, zumal die Briten ihnen im März 1939 et­was scheinbar unermeßlich Wertvolles schenkten: eine Bestandsgarantie für den polnischen Staat. Heute weiß man darüber zwei merk­würdige Dinge: (1) Der britische Premier Chamberlain hätte diese Beistandsgaran­tie ohne nötigende Aufforderung aus Washington nicht gegeben. (2) In einer geheimen Zusatzabrede zwischen Groß­britannien und Polen war klargestellt, daß sich die Garantie nur auf einen Krieg mit Deutschland, also nicht auf die Hauptgefahr aus der Sowjetunion bezog.

Druck der polnischen Obristen

Die Folgen der britischen Garantie ließen nicht auf sich warten. Fortan verweigerte sich Polens Außenminister Beck jegli­chem Gespräch mit dem Deutschen Reich über die Korridorfrage. Zeitgleich wurde die antideutsche Propaganda hochgefahren, die seit 1934 ein eher be­scheidenes Dasein geführt hatte. Darauf folgte die Tat. Sie bestand aus schikanö­sen Maßnahmen gegen die Angehörigen der deutschen Minderheit: Schulschlie­ßungen, Gewerbeverbote, geduldete kör­perliche Übergriffe des Mobs und schließlich ein gezieltes, provokatives Eingreifen in Danzig.

Der Leser erinnert sich: Die deutsche Großstadt Danzig war von den alliierten Siegermächten aus dem Reichsverband herausgelöst und völkerrechtlich dem Völkerbund unterstellt worden, an der Spitze ein Völkerbundkommissar. Dem Staat Polen waren weitgehende Rechte in Zoll-, Post und Hafenfragen eingeräumt worden. Nunmehr ging Polen dazu über, die Souveränität Danzigs vollends in Fra­ge zu stellen und die Stadt als polnisch zu bezeichnen. Auf den Protest der Stadt­organe reagierten die Polen mit der Ein­stellung der Zollabfertigung, so daß ei­nes der Danziger Hauptexportprodukte, nämlich Margarine, in der Sommerhitze des Jahres 1939 für jedermann bemerk­bar zu vergammeln begann. Als das Deutsche Reich eine erste Demarche an Polen absetzte, reagierte die Obristencli­que mit dem Hinweis, daß die Danziger Verhältnisse eine innerpolnische Angele­genheit seien, in die von außen einzu­greifen Krieg mit Polen bedeute. Diese nachgerade selbstmörderischen Handlungen und Äußerungen speisten sich aus zwei Quellen: (1) Die polnische Führung glaubte, eigentlich wider besse­ren Spionagewissens, daß die deutsche Wehrmacht nur ein Pappkamerad sei. Sie befeuerte die Kriegslust ihrer Truppen durch den Hinweis, daß die tapfere pol­nische Kavallerie ihre Pferde drei Tage nach Kriegsbeginn in der Havel würde tränken können. (2) Den aktuellen An­stoß für die polnischen Aktivitäten hatte eine britische Geheimbotschaft ausge­löst. Diese besagte, das Kabinett in Lon­don habe unter Ausschluß der Öffent­lichkeit beschlossen, die britische Bei­standsgarantie auf Danzig auszudehnen. Das war eine Lüge, denn der britische Premier hatte genau das nicht getan. Doch diejenigen, die die Lüge fabrizier­ten und transportierten, waren Kriegs­freunde aus dem Foreign Office und dem Auslandsdienst MI6. Ihnen lag daran, daß die Polen die Provokationen hin zu einem Casus belli beschleunigten. Flan­kiert wurde dieses Tun durch das Auftre­ten des US-Botschafters in Warschau, der die polnische Führung beschwor, keinen Zoll zurückzuweichen.

Eingreifen der Vorsehung

Hitler berief sich bei seinen oft wenig ra­tional erscheinenden Entscheidungen auf die Vorsehung. Das war eine Art übernatürliche Macht, von der er be­hauptete, daß sie ihn lenke. In diesem Fall gab ihm die Vorsehung ein, Polen mit Krieg zu überziehen. Heutige NS-Bekämpfer sind sich darin einig, daß der Angriffsbefehl gegen Po­len ein Kriegsverbrechen gewesen sei, auf das der Diktator seit Jahren hingear­beitet habe. Man kann diese Ansicht ver­treten, aber sie stimmt mit den Fakten nicht so richtig überein. (1) Die Kriegs­vorbereitungen gegen Polen lassen sich ziemlich genau datieren, und zwar an­hand der Weisung „Fall Weiß“. Das war eine Kriegsvorbereitungsweisung für den Fall, daß Polen sich nach dem bri­tisch-polnischen Bündnis feindselig zei­gen sollte. Die einschlägige Weisung er­ging im April 1939. (2) Es kommt bei der Beurteilung der Ereignisse des Jahres 1939 weniger darauf an, wie wir einen derartigen Konflikt heutzutage lösen würden; statt dessen sollte man zumin­dest erwähnen, was damals üblich war. Üblich war, daß eine Nation zu den Waf­fen griff, wenn ihre Landsleute durch ei­nen anderen Staat mißhandelt und die geltenden Regeln des staatlichen Mitein­anders vorsätzlich und provokativ ver­letzt wurden.

Mit dieser Feststellung wird nichts entschuldigt. Einen Angriff nur unter der Fragestellung zu bewerten, ob es hierfür nach den geltenden völkerrechtlichen Vorstellungen eine Rechtfertigung gab, hat nichts damit zu tun, ob dieser Angriff angemessen und unter dem Gesichts­punkt des Wohls des eigenen Volks klug war. Genau das ist – nun gut, wir kennen das Ergebnis – zu bezweifeln. Hitlers An­griffsbefehl löste einen Krieg ins Blaue aus. Einen Krieg, den Hitler in dem dann tatsächlich eintretenden Umfang nicht wollte. Er glaubte nicht daran, daß Frankreich und schon gar nicht Großbri­tannien Deutschland den Krieg erklären würden. Über diese Ignoranz sind wir durch zahlreiche Zeugen informiert.

Hitlers Entschluß basierte auf einer sträflichen Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse. So hatte er keine Ahnung von der Zerrüttung des polnisch-franzö­sischen Verhältnisses im Sommer 1939. Er hatte keine Ahnung davon, daß man nicht die Briten, sondern die Franzosen im September 1939 zum Jagen tragen mußte, und er wußte nichts darüber, welchen amerikanischen Drucks es be­durft hatte, um den britischen Premier Chamberlain zum Kriegskurs gegen das Deutsche Reich zu veranlassen. Nimmt man diese Faktoren zusam­men, kommt für den deutschen Führer ein mindestens so verheerendes Bild her­aus wie das, was der Mainstream heute so gerne von ihm zeichnet. Er, der sich eine Art Unfehlbarkeit zubilligte, be­herrschte das nicht, was sein bewunder­ter Amtsvorgänger Otto von Bismarck aus dem Handgelenk konnte. Hitler be­herrschte die Kunst des richtigen Augen­blicks nicht. Er ließ sich durch polnische Aktionen zu einem förmlichen Krieg provozieren und tat damit genau das, was seine Feinde von ihm erwarteten, nämlich: angreifen. Ein kaltschnäuziges Abwarten unter verbaler Bloßstellung der polnischen Unrechtsakte hätte seine Gegner vor unlösbare Probleme gestellt und die Polen – um nicht das Gesicht zu verlieren – vor die Wahl zwischen dem vielfach angedrohten Angriff gegen das Deutsche Reich und der Rückkehr an den Verhandlungstisch. Dazu kam es be­kanntlich nicht, weil der angeblich geni­ale Führer ihnen zuvorkam. Der deutsch-polnische Krieg begann am 1. September 1939, der europäische Krieg zwei Tage danach, am 3. Septem­ber 1939, und der Zweite Weltkrieg 1941, also erst knapp zwei Jahre später.

Polnische Illusionen und Ernüchterung

Der militärische Teil des deutsch-polni­schen Kriegs dauerte nicht viel länger als drei Wochen. In dieser Zeitspanne zer­platzten die britisch-französisch-polni­schen Propagandablasen eine nach der anderen:

Keine deutschen Proletariermassen riefen zum Generalstreik gegen Hitlers Mobilmachung auf – richtig war viel­mehr, daß sich Kriegsbegeisterung nicht zeigen mochte. Das deutsche Volk regi­strierte den Kriegsbeginn mit eisigem Schweigen (wer’s nachvollziehen möch­te, lese die „Meldungen aus dem Reich“, die der Inlands-SD Woche für Woche für einen winzigen Leserkreis im Staats- und Parteiapparat zusammenstellte). Da mochte der eigens einberufene Reichstag seinem Führer noch so applaudieren, wie er wollte – kein Funke sprang über.

Kein deutscher Hund wurde mit blankem Säbel binnen Tagesfrist hunder­te Kilometer bis zur Havel zurückgejagt – richtig war vielmehr, dass sich deut­sche Kampfpanzer als von polnischen Ulanenlanzen unverwundbar erwiesen. Tausende tapferer polnischer Kavalleri­sten, denen man das Gegenteil versichert hatte, lagen Anfang September 1939, von deutschen Maschinengewehren buch­stäblich niedergemäht, tot auf der Ro­minter Heide.

Kein deutscher Militärapparat brach unter den gewaltigen See-, Land- und Luftschlägen der verbündeten Schutz-und Garantiemächte Frankreich und Großbritannien zusammen – richtig war lediglich, daß beide (Frankreich aller­dings nur nach heftigem britischen Druck) dem Deutschen Reich am 3. Sep­tember 1939 den Krieg erklärten. So hatte es die Kriegspartei innerhalb der briti­schen Konservativen seit Monaten ge­plant. So war es unter maßgeblicher Be­teiligung von Winston Churchill ausge­führt worden. Weiter geschah jedoch nichts. Ein paar britische Langstrecken­bomber warfen nachts viele Propaganda­flugblätter und einige Sprengbomben über dem westlichen Reichsgebiet ab, und die französische Armee rückte in die Verteidigungsanlagen der Maginotlinie ein, wo sie die Folgemonate tatenlos zu­brachte.

Statt polnischer Luftschlösser lernte die Welt den Blitzkrieg kennen. Er hieß nicht von vornherein so, sondern erst nach dem Polenfeldzug. Noch etwas spä­ter ging der Begriff in die anglo-amerika­nische militärische Sprachwelt ein. Der Blitzkrieg, das war die Kombination von gepanzerten Großverbänden mit direkter Luftunterstützung in einem offensiven Bewegungskrieg. Seine Erfolgsstrategie war, den Feind zu stellen, mit geballter Feuerkraft durchzubrechen und in die Tiefe seines Raums vorzustoßen, um dann beizudrehen, den Gegner einzukes­seln und zu vernichten. Letzteres war die Aufgabe der nachfolgenden, nichtgepan­zerten Verbände, während die Panzer zum nächsten Schlag ausholten. Gegen diese Art der Kriegführung wehrten sich die Polen tapfer, aber chan­cenlos. Ihr Offizierskorps dachte noch in den Kriegsannahmen des 19. Jahrhun­derts. Seine Kriegserfahrungen stützten sich auf den Kampf gegen die undiszipli­nierten Horden der Roten Armee in den frühen 1920er Jahren. Die Wehrmacht war von anderem Kaliber.

Leere Versprechungen der Verbündeten

Wie der Krieg gegen die Deutschen aus­gehen würde, konnte spätestens 14 Tage nach Kriegsbeginn nicht mehr fraglich sein. Die Reaktionen in den Hauptstäd­ten Europas und Nordamerikas waren allerdings höchst unterschiedlich:

Aus Warschau nahmen die Hilfeer­suchen den Ton der Verzweiflung an. Die polnische Regierung begann, ihre Flucht vorzubereiten.

ln Paris fühlte man sich in der kurz vor dem Krieg vorgenommenen negati­ven Einschätzung der Polen bestätigt. Man hatte das Militärmündel vergeblich davon abzuhalten versucht, mit dem Deutschen Reich Streit anzufangen. Auch wirkte noch der Ärger darüber nach, daß sich die Polen, ohne mit der Wimper zu zucken, an der Seite Deutschlands an der Zerstörung des anderen französischen Mündels, der Tschechoslowakei, beteiligt hatten. Zudem war der französischen Führung sehr wohl bewußt, daß weder im Fall der Tschechoslowakei noch im Falle Polens die eigene Militärdoktrin, das Einnisten in der Maginot-Linie, je­manden daran hindern konnte, in Osteu­ropa Krieg zu führen, vor allem nicht Deutschland.

ln London tickten die Uhren etwas anders. Seit 1934/35 betrieb man eine er­neute Hochrüstung, vor allem bei den Luftstreitkräften. Das 1937 etablierte Mi­nistry of Economic Warfare (MEW), das Ministerium für die Wirtschaftskriegfüh­rung, hatte nun seinen Betrieb voll aufge­nommen. Man war sich dort sicher, Deutschland werde nach wenigen Mona­ten Krieg erschöpft aufgeben müssen. Der Wegfall Polens würde unangenehm sein, aber komme nicht überraschend. Ei­ne britische Militärmission hatte in den letzten Vorkriegstagen den künftigen Verbündeten als militärischen Schwäch­ling bezeichnet. Man tröstete sich damit, daß die weitere Last des Landkriegs bei Frankreich und seiner zahlenmäßig überlegenen Armee liegen werde.

In Washington rieb man sich erfreut – wenn auch heimlich – die Hände. Der ungünstige militärische Gang der Dinge in Polen würde Frankreich und Großbri­tannien mehr als bislang dazu bringen, in den USA Kriegsmaterial einzukaufen. Solche Geschäfte hatte der US-Kongreß der Regierung zwar strikt untersagt, aber diese umging das Verbot mit windelwei­chen und scheinheiligen Begründungen. Diese wurden schließlich akzeptiert, denn in den USA gilt und galt: Geschäft ist Geschäft.

In Moskau hatte der Diktator den Kriegsausbruch mit Befriedigung be­trachtet. Die kapitalistischen Mächte, so sein Kalkül, würden sich gegenseitig rui­nieren. Wenn denn der Kriegsentschluß des Co-Diktators in Berlin durch die deutsch-sowjetischen Abreden vom Au­gust 1939 beflügelt worden war, umso besser. Doch der rasante Vormarsch der Wehrmacht war nicht das, was Stalin sich gewünscht hatte. Ganz und gar nicht. Vielmehr mußte er nun befürchten, daß die Deutschen nach wenigen weiteren Tagen ganz Polen besetzt haben würden. Er traute Hitler zu, daß für diesen das ge­heime Zusatzabkommen zum Nichtan­griffspakt vom 23. August 1939 dann kei­nen Pfifferling mehr wert sein würde. Diese Abrede teilte Osteuropa einschließ­lich Polens in zwei Einflußzonen auf, ei­ne deutsche und eine sowjetische. Zum Zusatzabkommen gab es eine Landkarte als Anlage. Auf dieser Karte hatte Stalin eigenhändig mit einem blauen Bunt­stiftstrich die künftige Grenze gezogen. Beide Außenminister –Ribbentrop und Molotow – hatten den Strich als Grenzre­gelung abgezeichnet. Nun war es für Sta­lin höchste Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen. Deshalb marschierte die Rote Armee am 16. September 1939 in Ostpo­len ein. Bemerkbaren militärischen Wi­derstand dagegen gab es nicht mehr.

Der polnische Staat befand sich im Sta­dium der Selbstauflösung, die Reste der Armee waren in Warschau eingekesselt. Einer deutschen Aufforderung zur Kapi­tulation folgte die zur Festung erklärte Stadt nicht. Sie wurde daraufhin mit Ar­tillerie beschossen und aus der Luft bom­bardiert. Der Einmarsch deutscher Trup­pen folgte auf dem Fuße. Soweit sie es vermochten, flohen die Reste der polni­schen Armee und die polnische Führung nach Rumänien und von dort in alle Welt.

Neuerliche Teilung Polens

Ein selbständiges Polen hatte gerade ein­mal 20 Jahre Bestand gehabt. Das Land wurde erneut geteilt. Hierbei hielten sich die Deutschen peinlich genau an die Ab­reden des Hitler-Stalin-Pakts. Gebietstei­le des sowjetischen Einflußbereichs, die von der Wehrmacht bereits besetzt wor­den waren, wie Stadt und Festungsgebiet von Lemberg, wurden an die Rote Armee herausgegeben. Für Polen begann die Zeit der Fremd­herrschaft erneut. Es gilt unter Fachleu­ten als umstritten, auf welcher Seite der neuen Grenze das schlimmere Regime herrschte. Dieser Teilungszustand fand ein Ende, als die Wehrmacht im Juni 1941 die Sowjetunion angegriffen und das Ge­biet des ehemaligen Polen bald vollstän­dig besetzt hatte.

Die deutsche Besatzung wäre schon wegen der Kürze ihrer Dauer (1939– 1944/45) kaum der Erwähnung wert, wenn nicht zwei Ereignisse eingeschlos­sen wären, an denen kein Geschichtser­zähler vorbeikommt. Zum einen handelt es sich um die Errichtung einer großen deutschen Rüstungsindustrie auf polni­schem Boden (1), zum andern um den Warschauer Aufstand 1944 und seine Niederschlagung (2).

(1) Nach der Besetzung des Landes wurden auf polnischem Boden umfang­reiche Industrieanlagen für die deutsche Kriegswirtschaft errichtet. Sie wurden mit Zwangsarbeitern betrieben. Soweit es sich hierbei um Juden handelte, waren diese im gesamten besetzten Europa ein­schließlich Deutschlands gewaltsam zu­sammengetrieben und mit der Bahn an die Zielorte in Polen deportiert worden. An Ort und Stelle wurden die Arbeitsfä­higen in Arbeitslager überführt, etliche Kinder zur Zwangsadoption ausgesucht und die Arbeitsunfähigen in Vernich­tungslager überstellt, wo sie ermordet wurden. Eine erhebliche Zahl der hier­von betroffenen polnischen Juden war nur deswegen von der deutschen Besatzung mit Präzision und einiger Leichtigkeit zu erfassen gewesen, weil es eine bemerkba­re Kollaboration mit antisemitisch ge­sinnten Polen gab. Diesen Umstand heu­te in Polen zu erwähnen, ist dortzulande unter Strafe gestellt.

(2) Auf Kollaboration beruhte auch der Erfolg der deutschen Besatzung, polni­schen Widerstand im Keim zu ersticken. Die Deutschen konnten ausnutzen, daß es in Polen drei miteinander verfeindete politische bzw. ethnische Hauptrichtun­gen gab: die polnischen katholischen Na­tionalisten (weitgehend identisch mit dem polnischen Vorkriegsregime und dessen Anhängern), die polnischen So­zialisten bzw. Kommunisten (identisch mit den vom Vorkriegsregime definier­ten Staatsfeinden) und die Ukrainer, de­nen ein deutsches Vorgehen gegen das ehemalige polnische Herrenvolk gelegen kam. Beide polnischen Hauptrichtungen hatten ihre Unterstützer im Ausland, die polnischen Kommunisten in Moskau und die polnischen Nationalisten in einer Exilregierung, die in Großbritannien re­sidierte.

Dort, in London, beschloß man im Sommer 1944, der als unmittelbar bevor­stehend vermuteten Besetzung der Hauptstadt Warschau durch die Rote Ar­mee zuvorzukommen und an Ort und Stelle einen Aufstand auszulösen, der die deutsche Besatzung hinwegfegen sollte. Die Aufständischen glaubten, Grund zur Eile zu haben, denn die 1944er Som­meroffensive der Roten Armee hatte die deutsche Heeresgruppe Mitte buchstäb­lich ausgelöscht, so daß die russischen Panzerspitzen in den ersten Augusttagen 1944 an einigen Stellen die Weichsel er­reicht hatten. Dort allerdings blieben sie stehen, was bei den Aufständischen nie­mand für möglich gehalten hatte. So ge­wannen eilig zusammengekratzte deut­sche Sicherungs- und Partisanenbekämp­fungsverbände Zeit, sich der Bekämp­fung der Aufständischen zu widmen.

Wie sie dies taten, gehört vermutlich zu den brutalsten Einsätzen, die wäh­rend des Zweiten Weltkriegs unter deut­schem Befehl stattfanden. Besonders taten sich in Weißrußland rekrutierte SS-Einheiten, die vor der Roten Ar­mee geflohen waren und nun in einer Weise plünderten, marodierten und mor­deten, daß sich die deutsche Führung zur Wahrung der Truppendisziplin dazu ge­zwungen sah, sie aus dem Verkehr zu ziehen und ihre Anführer hinzurichten.  Um auch dies zu erwähnen: Die Auf­ständischen ersuchten alle Welt um Hil­fe. Es war vergebens. Der britische Pre­mier Winston Churchill, der eine Versor­gung der Aufständischen aus der Luft mit Hilfe von Langstreckenbombern der Royal Air Force vorschlug, biß bei Stalin auf Granit. Es hätte nämlich dessen Zu­stimmung bedurft, um die Maschinen nach dem Lastenabwurf und vor ihrem Rückflug nach Großbritannien auf so­wjetischen Feldflugplätzen auftanken zu lassen. Indessen: Der sowjetische Dikta­tor winkte ab. Das, was in Warschau pas­sierte, paßte in sein Kalkül. Es war dies die Vernichtung der noch am Leben be­findlichen nationalistisch-katholischen polnischen Führung. Dieses Geschäft be­sorgten die Deutschen für ihn.

So kam der Aufstand zum Erliegen. Die Überlebenden kapitulierten. Sie wur­den – wider Erwarten – nicht als Frei­schärler an Ort und Stelle erschossen oder aufgehängt, sondern wie reguläre Kriegsgefangene behandelt und abge­führt. Die sowjetische 1945er Januaroffensive brachte dann das endgültige Ende der deutschen Besatzung, aber nicht die Be­freiung Polens, wie man heutzutage in manchem deutschen Geschichtsbuch nachlesen kann, sondern nur die Ablö­sung des einen Besatzers durch den nächsten.

Polen als Kriegsbeute

Zwischen dem 28. November und dem 1. Dezember 1943 kam die Polenfrage beim ersten Zusammentreffen der „Gro­ßen Drei“ – das waren Roosevelt, Churchill und Stalin –in Teheran explizit zur Sprache. Hierbei zeigte sich, daß Sta­lin auf jeden Fall den Teil Vorkriegspo­lens zu behalten beabsichtigte, den er sich nach Kriegsausbruch im September 1939 angeeignet hatte. Für Churchill war das ein Problem. Schließlich war Groß­britannien 1939 offiziell und mit propa­gandistischem Getöse wegen Polens Un­versehrtheit in den Krieg gegen Deutsch­land gezogen. Eine Zustimmung zur er­neuten Teilung des Landes würde man der Öffentlichkeit schwerlich erklären können. Roosevelt hingegen mußte auf eine starke polnischstämmige Minder­heit in den USA Rücksicht nehmen – je­denfalls dann, wenn er im November 1944 erneut und damit zum vierten Mal die Wahl zum US-Präsidenten gewinnen wollte.

Beide Westpolitiker hatten zudem Be­klemmungen, daß sie mit einer Zustim­mung zu den Plänen Stalins de facto ihr Gütesiegel unter die Bestimmungen des Hitler-Stalin-Pakts vom 23. August 1939 setzen würden. Stalin wandte ein, daß es ihm um nichts anderes gehe als um die Wiederherstellung der Curzon-Linie. Diese östliche Grenze Polens war 1919 von den alliierten Siegermächten des Er­sten Weltkriegs festgelegt worden. Das damals noch junge Sowjetrußland hatte niemand gefragt. Jetzt, so der sowjetische Diktator listig, könne wohl niemand et­was dagegen haben, wenn er die von den alliierten Experten gefundene Lösung umsetze. Um zu verstehen, worum es ging, muss man für einen Moment in die un­mittelbare Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs zurückblenden. Ein unabhän­giges Polen zu gründen, war gemeinsa­mer Wunsch der Sieger. Ihre Motive wa­ren unterschiedlich. Frankreich wollte, daß das Deutsche Reich an seiner Ost­grenze unablässig Streit hatte, Großbri­tannien hingegen wollte einen Landpuf­fer gegen die Gefahr der Weltrevolutio­nierungsideen des bolschewistischen Rußland. Diese Gefahr war konkret. Lenins Rotarmisten waren unterwegs, um über Warschau nach Berlin zu mar­schieren. Vor den Toren Warschaus wur­den sie von einer polnisch-französisch-britischen Allianz gestoppt und in die Flucht geschlagen.

Damit wollten sich die Polen nicht be­gnügen. Vielmehr setzten sie gen Osten nach, bis sich ihre Kavalleriespitzen weit in Weißrußland und in der Ukraine be­fanden. Sie kamen erst zum Stehen, als ihre neuen Freunde im Westen ihnen die weiteren Geldmittel für derartige Aben­teuer entzogen. Der anschließende Ver­trag von Riga bestätigte weitgehend die polnischen Gebietsgewinne. Sie sorgten bis 1939 für Dauerstreit zwischen Polen und der Sowjetunion.

Jetzt, 1943 in Teheran, hatte Stalin es in der Hand, den Streit um die ostpolni­schen Gebiete zu seinen Gunsten zu ent­scheiden. Er legte seine Streichholz­schachtel auf den Verhandlungstisch und bemerkte süffisant: Wenn sich denn in den von ihm beanspruchten Gebieten tatsächlich Polen befinden sollten, dann müsse man sie halt verschieben. Was Sta­lin mit den Streichhölzern, die er seitlich aus der Schachtel schob, vorführte, wur­de von den beiden anderen Kettenrau­chern ohne weitere Worte verstanden. Gemeint war eine Umsiedlung der zu verschiebenden Polen in die Ostgebiete des Deutschen Reichs. Ihr wurde nicht widersprochen. Allen Beteiligten am Tisch war klar, daß dies zugleich eine zwangsweise Aus­siedlung der Deutschen aus Ostdeutsch­land bedeuten würde. Roosevelt flüchte­te sich in Wolkiges, so wie das seine Art war, doch Churchill stimmte der Vertrei­bung der Polen und der Deutschen durch einen Trick zu. Er einigte sich mit Stalin auf die Definition von Interessensphä­ren. Danach würde Osteuropa Stalins In­teressengebiet sein, während Churchill im Gegenzug freie Hand in Griechenland verlangte und erhielt.

Vertreibung der Ostdeutschen

Die Folgekonferenzen von London (1944, ohne die „Großen Drei“), Jalta und Pots­dam (beide 1945) änderten an den Grundlagen, die in Teheran Gestalt ange­nommen hatten, nichts Wesentliches mehr. In London wurde die Teilung Deutschlands besprochen und beschlos­sen, in Jalta die Einbeziehung Mittelost­europas in den sowjetischen Herrschafts­bereich und in Potsdam die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten und dem Sudetenland.

Die Vertreibung der Deutschen be­gann noch während der laufenden Kon­ferenz. Um eine gescheite und langfristig haltbare Lösung für das besiegte Deutschland zu finden, reichten die Ge­meinsamkeiten der Sieger hingegen nicht mehr aus. Heraus kam nur eine Art von Verwaltungsvereinbarung, nach der sich jeder der Sieger um seine Besatzungszo­ne zu kümmern habe und man sich die Lösung für Deutschland als Ganzes als gemeinsame Aufgabe vorbehielt.

Deutschland als Ganzes, das bedeute­te: das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 – also einschließlich der deut­schen Ostgebiete, die man soeben den Polen überlassen hatte. Die tatsächliche Grenze zwischen Deutschland und Polen wurde entlang der Oder und der Görlit­zer Neiße gezogen. Die Odermündung mit der Hafenstadt Stettin und einem Teil der Insel Usedom wurden den Polen von Stalin darüber hinaus großzügig zu­gestanden. Dafür sackte er das nördliche Ostpreußen rund um Königsberg bis zur Memel ein. Diese von Stalin vorgenom­mene Grenzziehung bestimmt auch heu­te noch die Grenzverhältnisse östlich der Oder. Die Vertreibung der Deutschen aus den deutschen Ostgebieten und dem Su­detenland vollzog sich unter den schlimmstmöglichen Gewalttätigkeiten. Verläßliche Zahlen der von der Vertrei­bung unmittelbar betroffenen Deutschen und ihrer Todesopfer sind nur schwer zu ermitteln. Aus den frühen 1950er Jahren stammende bundesdeutsche Faustzahlen kommen vermutlich der Wahrheit am nächsten. Danach wurden mindestens 15 Millionen Deutsche vertrieben. Nur zwi­schen elf und zwölf Millionen überlebten das Desaster von Entkräftung, Hunger, Gewalt, Plünderung, Totschlag und spurlosem Verschwinden.

Die Mehrzahl von ihnen wurde schließlich als Strandgut des Krieges in den Westzonen Deutschlands ange­schwemmt. Ihre Integration dauerte Jah­re. Sie war nur möglich, weil die Überle­benden selbst es wollten. Sie wollten es mit eisernem Willen. Ihr Ziel war es, wie­der auf die Beine zu kommen. Das Er­staunliche an diesen Männern und Frau­en war ihre Unauffälligkeit. Sie nahmen jede Arbeit an und hausten unter den abenteuerlichsten Bedingungen. Es war eine Umwelt, die von der Notwendigkeit vorangetrieben wurde, die katastropha­len Folgen des alliierten Bombenkriegs zu überwinden. Und der westdeutsche Staat? Er spendete hie und da einen La­stenausgleich in Form von Geld und den Kindern der Vertriebenen täglich eine Schulmilch.

Man spricht heute noch vom Wirt­schaftswunder der jungen Bundesrepu­blik. Mit gleichem Recht sollte man vom Integrationswunder der Vertriebenen sprechen. Vermutlich bedingten beide einander. Ein guter Indikator für dieses Gelingen ist das Schicksal der eigens für die Belange der Vertriebenen gegründe­ten politischen Partei „Bund der Heimat­vertriebenen und Entrechteten“ (BHE). Sie kam aus den Kinderschuhen kaum heraus und verschwand dann in der Be­deutungslosigkeit. Es blieben die Treffen der verschiedenen Vertriebenenvolks­gruppen. Revisionistisches Reden wurde dort bald zur Rarität, man beschränkte sich aufs Erinnern. So ist es noch heute.

Die Zweiteilung der Welt

Das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen wurde von der Zweiteilung der Nachkriegswelt bestimmt. Der Eiserne Vorhang verlief mitten durch Deutsch­land. Westlich von ihm wurde der sich bildende westdeutsche Staat Mitglied der Westbündnisse, vor allem der NATO. Dem ostdeutschen Staat erging es kaum anders, sein Militärbündnis hieß War­schauer Pakt. So kam es zum lang andau­ernden Kuriosum, daß sich Deutsche und Deutsche bewaffnet und als Feinde gegenüberstanden, auf der einen Seite als Gegner der Polen und auf der ande­ren Seite als deren Verbündete. Ob diese theoretische Feindschaft/Freundschaft einem Praxistest standgehalten hätte, ist zum Glück für alle Beteiligten nie er­probt worden.

Wie es in Wirklichkeit um das Verhält­nis zwischen Deutschen und Polen in dieser Zeit stand, läßt sich bestenfalls spekulativ beantworten. Ich nehme an, daß auf westdeutscher Seite das Verhält­nis zu Polen eher von Gleichgültigkeit dominiert war, schließlich war man kein unmittelbarer Nachbar mehr. In der DDR hingegen gab es, wenn ich mich nicht irre, hinter der Fassade der interna­tionalistisch-kommunistischen Völker­freundschaft eine latente Feindseligkeit. Ob das auch umgekehrt der Fall war, ha­be ich nicht herausfinden können.

Wie dem auch sei: Nicht nur die Deut­schen gingen nach 1945 einen bitteren Weg, in Polen ging der von 1939 weiter. Die Zahlen der aus dem ehemaligen öst­lichen Polen in die deutschen Ostgebiete zwangsweise Umgesiedelten wurden meines Wissens nie seriös ermittelt. Be­reist man die ehemaligen deutschen Ost­gebiete, so kommt einem der Verdacht, daß es deutlich weniger waren als die von dort vertriebenen Deutschen. Zum Umsiedlungschaos gesellte sich die lang andauernde sowjetische Zwangsherr­schaft, die von der KP Polens und deren Vasallen exekutiert wurde. Entsprechend den Vorgaben aus Moskau wurde nicht nur gegen die polnischen Nationalisten vorgegangen, sondern auch und erneut gegen die polnischen Juden. Im Partei­kauderwelsch hieß diese Verfolgung „Kampf gegen das Kosmopolitentum“. Hierbei traf es Kommunisten und Nicht­kommunisten gleichermaßen.

Zwei Ereignisse bedürfen einer kurzen Beleuchtung. Zum einen handelt es sich um den deutsch-polnischen Vertrag von 1970. Er löste eine wilde Debatte über et­was aus, was er auch bei bestem gegen­teiligen Willen nicht hätte leisten können, nämlich den Verzicht der Bundesrepu­blik (alt) auf die deutschen Ostgebiete, da die Souveränität der Bundesrepublik damals wegen des Deutschland-Vorbe­halts der alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkriegs gar nicht so weit reichte. Immerhin blieb in den Köpfen der Leute das Bild eines deutschen Bun­deskanzlers Willy Brandt hängen, der in Warschau vor dem Denkmal für die Ge­fallenen des Aufstands niederkniet.

Einen deutlichen Mißton zwischen der DDR und Polen gab es ab den späten 1970er Jahren, als die Polen damit began­nen, den kommunistischen Staatsglau­ben durch den Katholizismus zu unter­laufen. Man sagt, der in Rom als Johan­nes Paul II. auf den Stuhl Petri gelangte Pole Karol Wojty?a habe hieran einen maßgeblichen Anteil gehabt.

Wenn sich fortan streikende Polen der Danziger Lenin-Werft öffentlich bekreu­zigten, wurde das in Westdeutschland in Verkennung der Lage als Folklore gedeu­tet, während der Ostblock einschließlich der DDR die zutreffende Folgerung zog: Dieses hier war eine Häresie, die nicht geduldet werden durfte, wollte man nicht in Kauf nehmen, daß das ganze so­zialistische Gebäude in sich zusammen­sackte. Demzufolge wurden rund um Polen die Armeen des Warschauer Pakts in Marschbereitschaft versetzt. Der Ein­marsch unterblieb, da sich Polens Kom­munisten entschlossen, einen General an die Spitze zu stellen und das Kriegsrecht auszurufen. Das Regime bekam die Lage wieder unter Kontrolle. Ob der finstere General mit der dunklen Brille dies durch Brutalität oder Geschick hinbe­kam, wartet noch auf eine seriöse Aufklä­rung.

Die Lage in und zwischen den sowjeti­schen Satellitenstaaten blieb fortan ge­spannt. Im Ostblock machte der Witz die Runde: Seine Freunde kann man sich aussuchen, seine Brüder nicht. Wer nun genau wann den nächsten Schritt in Rich­tung der Auflösung der Blöcke machte, ist hier nicht das Thema, sondern es in­teressiert nur, daß der Ostblock ein­schließlich seiner Kolonialmacht Sowje­tunion 1989–1992 implodierte. Aus die­sem Grunde kam auch das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen erneut und unter neuen sowie uralten Aspekten auf die politische Agenda.

Polen nach dem Ostblock

Im Herbst 1990 fanden die Verhandlun­gen zwischen den beiden deutschen Re­gierungen und den vier Siegermächten – USA, Sowjetunion, Frankreich und Groß­britannien – statt, die den völkerrechtli­chen Schlußpunkt unter die deutsche Einheit setzen sollten. Sie führten zu dem sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrag.

Noch heute erscheint es mir wie ein Wunder, daß es überhaupt dazu kam, denn die Zahl der Bremser und Möchte­gern-Verhinderer schien unermeßlich. Es waren – um es klar zu sagen – lediglich die USA unter dem Präsidenten George H.W. Bush und dessen Außenminister Ja­mes Baker, die diese Sache vorantrieben. Die Sowjetunion war gegen Cash zum Mittun bereit, Frankreich und Großbri­tannien waren strikt dagegen, aber ihren antideutschen Einpeitschern, Mitterand und Thatcher, gingen angesichts der Zu­stimmung der beiden Großen und dem faktischen Fortgang der Sache die Argu­mente aus.

Mir ist bis heute unklar, ob die nun­mehr ins Bild tretenden Polen aus eige­nem Antrieb handelten oder ob Anstif­tung aus Frankreich vorlag, jedenfalls verlangten sie kategorisch die Zulassung an den Konferenztisch. Das „Njet“ aus Moskau kam schneller, als sich irgendein Wohlmeinender oder Berufsschuldbela­dener öffentlich äußern konnte. Wenn auch sonst vieles mit den Russen zu be­sprechen war, bei ihrem Nein zu Polen blieben sie eisern.

Die anglo-amerikanischen Sieger schwenkten schnell auf die russische Li­nie ein. Ihnen schwante, daß die Polen am Verhandlungstisch ein Faß aufma­chen würden, in dem sich die Sieger­brause von Teheran befand, die Auftei­lung der Welt zwischen Roosevelt, Churchill und Stalin einschließlich der Verschiebung der Polen bis an die Oder und der fiktiven Gestalt von Deutsch­land als Ganzem (= in den Grenzen von 1937). Listig klammerten die Sieger die­ses Problem 1990 aus und schoben es den Deutschen zur Erledigung zu.

Der Leser erinnert sich: Bereits 1970 hatte die sozialliberale Koalition in Bonn den Versuch unternommen, durch bilate­rale Verträge der Bundesrepublik mit der DDR und den Ostblockstaaten das Rad der Ostpolitik neu zu erfinden. Um ein Haar wäre Kanzler Willy Brandt wegen dieser Vorhaben gestürzt worden. Nur ein Eingreifen des DDR-Geheimdienstes konnte ihn 1972 vor der Abwahl retten. Die geplante staatsrechtliche Aufgabe der deutschen Ostgebiete war geschei­tert, weil man sich dank eines Richter­spruchs auf den Standpunkt zurückzie­hen konnte, daß die Bundesrepublik kein Mandat für Fragen zu Deutschland als Ganzem besaß.

1990 änderte sich die Lage von Grund auf. Deutschland konnte als nunmehr souveräner Staat mit den Polen vereinba­ren, was es wollte. Doch wer annahm, in der an der Macht befindlichen CDU-FDP-Regierung würde zumindest die CDU ihren ablehnenden Standpunkt von 1970 beibehalten, sah sich schnell eines Besseren belehrt. Mit dem deutsch-polni­schen Abkommen vom November 1990 wurde die Abtrennung der deutschen Ostgebiete an Polen mit einem Feder­strich völkerrechtlich anerkannt. Schnell zeigte sich, daß das schnelle Handeln im gewissen Sinne vorschnell gewesen war. Es hätte eher nahegelegen, sich der polnischen Verhandlungsgepflo­genheiten der Jahren 1920–1939 zu erin­nern. Zu deren Besonderheiten zählte, selbst bei günstigen Regelungen hurtig die Geschenke einzusacken und hernach aufzusatteln. Zuletzt mußte das der an­geblich geniale deutsche Führer erleben, der den Polen im Frühjahr 1939 bei der Zerschlagung der Resttschechei das Ge­biet von Teschen zukommen ließ, um sie in der Korridorfrage günstig zu stimmen. Die Polen dachten, nachdem sie die Beu­te eingesackt hatten, im Traum nicht dar­an, den durchaus berechtigten deutschen Wünschen entgegenzukommen.

Nicht anders verhielten sie sich nach 1990 gegenüber der Bundesrepublik. Be­sonders ärgerlich ist – aus meiner Sicht – die seinerzeit an den Tag gelegte Igno­ranz der deutschen Verhandlungsführer, weil das, was dann kam, voraussehbar war. Bereits im Sommer 1990 hielt der polnische Außenminister Skubiszewski in Vorbereitung seiner Forderung, bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zu­gelassen zu werden, eine Rede, in der er den polnischen Standpunkt umriß. Er führte u.a. aus: „Es wäre zweckmäßig, wenn wir in der einen oder anderen Form eine gewisse Entschädigung erhiel­ten.“ Da klang an, was bald Wirklichkeit werden sollte. Aber ebenso wurde sei­nerzeit deutlich, daß es den Polen vor al­lem um eines ging: Sie wollten um jeden Preis die Rechtssicherheit der deutsch-polnischen Grenze von 1945. Hierfür hät­ten sie ohne Zweifel einer Schlußstrichre­gelung zugestimmt. Das unterblieb, die Folgen sollten nicht auf sich warten las­sen.

Polen in Bewegung

Nach der Zersprengung des Ostblocks nebst deutscher Wiedervereinigung 1990 rückte für etliche Deutsche erstmals das Problem einer polnischen Nachbarschaft ins alltägliche Bewußtsein. Der Grund war: Es setzte sich die polnische Bevölke­rung von selbst gen Westen in Bewe­gung.

(1) Es gab einen ständig zunehmenden Strom polnischer Kraftfahrzeuge, die von eigenwillig agierenden Lenkern auf deutschen Straßen gesteuert wurden. Die Qualität dieser Fahrzeuge paßte sich erst allmählich in den Folgejahrzehnten un­seren Standards an, die Originalität ihrer Lenker blieb. Sie eint, daß ihnen die Re­geln des deutschen Straßenverkehrs­rechts entbehrlich erscheinen.

(2) Ein zweites auffälliges Phänomen der Nachbarschaft wurde der Autodieb­stahl. Er fand ausschließlich von West nach Ost statt und wurde durch einen blühenden Schrottauto-Aufkauf ergänzt, der nach dem Motto „aus drei mach zwei“ funktionierte und östlich von Po­len einen florierenden Absatzmarkt er­schlossen hatte. Ergänzend kam ein ge­winnträchtiger Markt für gefälschte Pa­piere und Kennzeichen aller Art hinzu.

(3) Neben diesen für deutsche Vorstel­lungen wenig erfreulichen Folgen der sich öffnenden Nachbarschaft soll aller­dings auch das Positive nicht verschwie­gen werden: Es bildete sich ein spezieller Arbeitsmarkt heraus. Anfangs illegal, später, als Polen der EU beigetreten war, völlig legal kamen polnische Arbeitskräf­te in großen Mengen nach Deutschland, die heutzutage in der Land- und in der Bauwirtschaft kaum noch wegzudenken sind. Ob das in Zukunft so bleibt oder diese Arbeitskräfte vom polnischen Bin­nenmarkt absorbiert werden, mag dahin­stehen.

(4) Und schließlich: Es gab die Polen­märkte, die an etlichen Orten der ehema­ligen DDR wie Pilze aus dem Boden schossen. Dort wurden vor allem Jagd­beute (aus Wald und Flur und fremden Häusern), landwirtschaftliche Produkte und Diverses aus fragwürdigen Quellen feilgeboten. So, wie sie kamen, ver­schwanden die Polenmärkte auch wie­der. Der grenzüberschreitende Handel mit Illegalem ist geblieben.

 

 

General Wojciech Jaruzelski verkündet im Dezember 1981 das Kriegsrecht in Polen, um den
drohenden sowjetischen Einmarsch zu verhindern.
Auffällig: die demonstrativ ins Bild gerückte
polnische Nationalflagge hinter dem
kommunistischen Militär.

Leisetreter und Lautsprecher

Das Verhältnis des deutschen und des polnischen Staates ein gutnachbarliches zu nennen, kann bestenfalls den Reden­schreibern von Bundespräsidenten ein­fallen, wobei die Amtsinhaber, wenn sie solches von ihren Manuskripten ablesen, der Sache selbst keinen Gefallen tun. Das Verhältnis zwischen beiden Staaten ist weder gut, noch ist derzeit in Aussicht, daß es sich verbessern könnte.

Bevor ich auf die Details zu sprechen komme, ist auf Grundlegendes aufmerk­sam zu machen. Ich habe den Eindruck, daß sich beide Völker noch nie sonder­lich gemocht haben (mein Eindruck, den niemand teilen muß). Ein gravierender Unterschied besteht im öffentlichen For­mulieren von Feindseligem. In Deutsch­land erntet jedermann beim Erzählen von Polenwitzen Mißbilligung, in Polen beim Einschlagen auf den deutschen Esel Applaus. Die Zahl von deutschfeindli­chen öffentlichen Äußerungen ist Legi­on. Das Ungenierte hat manchen Deut­schen überrascht, zumal man hierzulan­de geglaubt hatte, daß die maßgebliche deutsche Beihilfe, Polen einen Platz in der EU zu verschaffen, dort registriert würde. Es war ein Irrtum, der recht bald aufgeklärt wurde, als Polens Staatschef bei einem der ersten EU-Gipfeltreffen, an dem die Polen teilnahmen, die deutsche Regierungschefin mit dem 1945 durch Selbstmord aus dem Amt geschiedenen deutschen Diktator gleichsetzte.

Dieser Vorgang war in doppelter Wei­se bemerkenswert. Er brachte unge­schminkt zum Ausdruck, wie in Polens Führung wirklich gedacht wurde, und er ließ eine angemessene deutsche Reaktion vermissen. Dieses Ausbleiben einer Re­aktion – ein Abbruch des Gesprächs wäre das Mindeste gewesen – bewirkt bei Leu­ten, die sich wie Halunken benehmen, immer wieder das Gleiche: Es wirkt wie die Einladung zum verschärften Weiter­machen. Die Feindseligkeit gipfelte erst vor kurzem in der ruppig vorgetragenen Forderung, daß Deutschland den Polen wegen der im Zweiten Weltkrieg entstan­denen Schäden und Verluste Reparatio­nen zu zahlen habe. Hierbei haben die polnischen Repräsentanten offenbar am Versailler Diktat Maß genommen: Die zuletzt von polnischer Seite lautstark ge­nannte Summe belief sich auf neunhun­dert Milliarden Euro (900.000.000.000).

Ansprüche dieser Art bestehen de jure nicht. Aber es bedürfte keiner diffizilen Ableitungen aus den Siegerregelungen und anderen Vereinbarungen zwischen dem einen oder anderen deutschen Staat einerseits und Polen andererseits, um diesen Rechtsstandpunkt zu begründen. Eine dieser Argumentationen – als Deut­scher lächelt man, wenn man sie liest – geht so: Mit dem deutsch-polnischen Vertrag von 1990 wurde die Fortgeltung von Vereinbarungen zwischen der DDR und Polen beschlossen. Zu diesen zählt der wechselseitige Verzicht auf Schaden­ersatzleistungen, die ihren Ursprung in den Kriegshandlungen des Zweiten Weltkriegs haben.

Wem das zu winkelzügig erscheint, der sollte wenigstens einen kurzen Blick auf die Transferleistungen werfen, die Polen aus der deutschen Staatskasse er­hält, seit es EU-Mitglied ist. Nach Berech­nungen von Bruno Bandulet sehen diese so aus: Polen ist der mit Abstand größte Profiteur aus den Umlagezahlungen der EU-Mitglieder, Deutschland ist Polens größter Sponsor. Allein in den fünf Jah­ren 2009–2014 erhielt Polen auf diese Weise 19,3 Milliarden Euro ohne jede Ge­genleistung aus der deutschen Steuer­kasse. Hinzu kam die Möglichkeit, nach dem Target-II-Verfahren in Deutschland in Milliardenhöhe einzukaufen und da­für anschreiben zu lassen. Das sind Sum­men, die man hinzurechnen muß, weil klar ist, daß sie niemals zurückgezahlt werden. Nach 2014 ging das Sponsoring selbstredend in steigendem Maße weiter. Nach dem Ausscheiden des Netto-Ein­zahlers Großbritannien aus der EU ver­langen die Nehmerländer, daß die Trans­ferleistungen nicht nur wie gehabt wei­tergehen, sondern noch gesteigert wer­den sollen. Der EU-Gipfel, der dies be­wirken sollte, ist soeben am Veto der an­deren Geberländer (Niederlande, Däne­mark, Schweden) gescheitert.

Ich erwähne diese Details, weil sie deutlichmachen, daß Deutschland bei weiteren unverfrorenen Ansagen aus Warschau darauf hinweisen könnte, durch nichts und niemanden zu weiteren Leistungen verpflichtet zu sein. Ich weiß, das wird nichts, so wie die Dinge bei uns im Moment liegen. Das sollte Anlaß sein, auf eine Besonderheit deutscher Politik zu sprechen zu kommen, die nicht zum Wenigsten für deutsch-polnische Miß­klänge sorgt.

Die deutsche Politik hat seit gut zehn Jahren konsequent den Weg des Indu­strieabbaus durch die vorsätzliche De­montage einer geordneten Energiever­sorgung und der De-Nationalisierung durch das Hereinholen von Millionen mohammedanischer Analphabeten aus dem Orient und Afrika verfolgt. Die Po­len streben aus leicht nachzuvollziehen­den Gründen das Gegenteil an. Sie betei­ligen sich nicht an der Aufnahme der Volksmassen aus dem Süden und setzen konsequent auf die Verstromung der hei­mischen Steinkohle. Sie erhoffen sich ei­nen Industrieaufbau, der sie in die Lage versetzt, Deutschland bis zum Jahr 2040 an Wirtschaftskraft zu überflügeln.

Auch wenn man erfahrungsgemäß die polnischen Grundsatzerklärungen nicht eins zu eins in die Wirklichkeit übertra­gen muß, so machen sie zumindest eines klar: Polen will den von Deutschland eingeschlagenen Weg nicht mitgehen. Es gibt in Deutschland eine Schar von soge­nannten Konservativen, die Polen hierfür loben, vielleicht, weil sie heimlich auf Verbündete jenseits der Oder hoffen. Ich bin skeptisch, ob dieser Ansatz eines Schulterschlusses Früchte tragen kann. Vor allem scheint mir die Berufung auf einen gemeinsamen Christengott ein Trugschluß. Deutsche Christen – ganz gleich, ob evangelisch oder katholisch – sind mit Masse universalistisch, das heißt, sie glauben in globalen Dimensio­nen, dieser Glaube schließt Weltrettungs­phantasien ein. Polens Katholiken unter­scheiden sich hiervon diametral. Ihr Glaube ist national, wo nicht nationali­stisch. Die allseits bekannten zugehöri­gen Rituale sind es auch. Ihre Maria ist eine Polin, in Czenstochau (Cz?stochowa) kann man sie besichtigen und bei Bedarf anbeten.

Friedensschalmeien und Kriegstrompeten

Unter den zahlreichen Differenzen zwi­schen Deutschland und Polen sind die außen- und sicherheitspolitischen Vor­stellungen wohl am gravierendsten un­terschiedlich und für beide Seiten auch am riskantesten. Polen setzt zu 100 Pro­zent auf die Vorgaben aus den USA, Deutschland tut dies – ganz verstärkt nach dem Amtsantritt von Donald Trump als US-Präsident – nicht (mehr).

Kurzer Blick zurück: Vor dem Zusam­menbruch des Ostblocks, in den Polen zwangsweise eingebunden war, war das Land von Truppen der Roten Armee dicht umstellt. Die Umklammerung en­dete erst 1994 mit dem Abzug der letzten Verbände der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland aus der ehe­maligen DDR. Gleichzeitig begannen die US-amerikanischen Aktivitäten, die ehe­maligen Satelliten der Sowjetunion in die NATO herüberzuziehen. Polen, Ungarn und Tschechien traten 1999 der NATO bei, andere ehemalige Ostblockländer folgten drei Jahre später. Dem NATO-Beitritt Polens waren bilaterale US-polni­sche Absprachen vorausgegangen, die eine Stationierung des von der USA in Europa zu installierenden Raketenab­wehrsystems zum Gegenstand hatten. Polen bot sich selbst als Standort an.

In diesem Zusammenhang mag ein kurzer Rekurs auf die NATO das Ver­ständnis der Vorgänge erleichtern. Die 1949 auf Betreiben der USA gegründete NATO war ein politisches und militäri­sches Bündnis, das neben Kanada die Staaten des westlichen Europa (mit weni­gen Ausnahmen) vom Nordkap bis zum Bosporus zu einer antisowjetischen Kampfgenossenschaft zusammenschloß. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetu­nion verlor die NATO im Prinzip ihre Existenzberechtigung. Dementspre­chend kam die Nato ihrer Selbstauflö­sung in den 1990er Jahren recht nahe.

Die Auflösung der NATO fand nicht statt, das ist bekannt. Sie konzentrierte sich selbst auf einen neu-alten Gegner – auf Rußland. Diese Änderung kam nicht aus dem Nichts, sondern hatte zwei kon­krete Gründe: (1) Durch die Hereinnah­me von ehemaligen Ostblockstaaten ins Bündnis wurde dieses fast automatisch antirussisch, denn diese Staaten traten aus einem einzigen Grund der NATO bei: Es war ihre durch die Erfahrungen der Vergangenheit bestehende Angst vor Rußland. Die beitretenden Länder mußte also niemand zum Beitritt nötigen. Sie handelten – aus ihrer Sicht – im eigenen Interesse. Allerdings waren sie, wie sich bald zeigen sollte, in ihren antirussischen Sentiments unterschiedlich. An der Spit­ze des Antirussischen stand Polen. Wenn es überhaupt eine Konstante in seiner Politik gibt, so ist es der Russenhaß.

Mit diesem antirussischen Element als Grundton der NATO-Doktrin traten Dif­ferenzen zwischen der NATO-Vormacht USA und den ursprünglichen europä­ischen Verbündeten zutage, an deren Spitze Deutschland und Frankreich stan­den. In beiden Ländern spielt die Rus­senfurcht kaum eine Rolle. Frankreich sieht sich selbst als globalen Akteur, für den Russland eine unter vielen Größen darstellt, Deutschland hingegen schätzt das russische Riesenreich vor allem als einen willkommenen Geschäftspartner.

(2) Nach dem Zusammenbruch der So­wjetunion waren die USA nach ihrer Selbsteinschätzung zur einzigen Welt­macht aufgestiegen. Die US-Regierung kam, so glaubte sie, in den 1990er Jahren dem Status einer Weltregierung zum Greifen nahe. Dieses Gedankenmodell – auch als New World Order bezeichnet – erhielt zum Jahrhundertwechsel unüber­sehbar Risse. Es war der Versuch, die russische Volkswirtschaft von der Wall Street aus zu übernehmen, der am 31. Dezember 1999 scheiterte. Genau an diesem Tag übernahm im Kreml Wladi­mir Putin das Kommando. In einer eher nach Wochen als nach Monaten bemes­senen Frist stoppte er den russischen Ausverkauf und beendete so den ameri­kanischen Traum.

Nunmehr schaltete die US-Politik auf Rußlandfeindschaft um. Die in den USA erlassenen antirussischen Gesetze legen hierüber unmißverständlich Zeugnis ab. Zugleich wurde der äußere Ring um Rußland enger gezogen. Die baltischen Staaten kamen in die NATO, und die Ukraine erhielt nach mehreren Fehlver­suchen im Frühjahr 2014 eine US-freund­liche Regierung. Zeitgleich startete der Versuch, der russischen Schwarzmeer­flotte den Hauptstützpunkt Sewastopol auf der Krim zu entziehen. Binnen Tages­frist reagierte Rußland durch die Einver­leibung der Krim in den russischen Staat, nachdem man auf der Schwarzmeerhalb­insel im Handstreich eine einschlägige Volksabstimmung hatte stattfinden las­sen.

Die Reaktionen in Washington waren von blanker Wut diktiert. Die europä­ischen Partner wurden gedrängt, Ruß­land mit einem verschärften Wirtschafts­krieg zu überziehen. Es gab praktisch nur einen Staat, der freudig in diese Kriegstrompete blies: Polen. Andere Län­der folgten nur widerwillig, so Deutsch­land, dessen Abhängigkeit von russi­schen Rohstoffen selbst den Wirtschafts­laien im Kanzleramt irgendwie zu Be­wußtsein gekommen sein muß. Denn im Inland die Abschaffung von Ölheizun­gen durchzusetzen und auf den Import von russischem Erdgas zu verzichten, macht selbst dort Mühe, wo man glaubt, daß der Strom aus der Steckdose kommt. Jedenfalls setzte man dem Vorhaben der Energieversorger nichts entgegen, eine zweite Gaspipeline zu bauen, diesmal durch die Ostsee („Nord Stream 2“).

Man konnte sich darauf verlassen: Die ersten strikten Gegner, die das Vorhaben auf den Plan rief, waren die Polen. Ihr Motiv: Ein Bündel aus antirussischen und antideutschen Ressentiments, dem Ärger, von einem wohlfeilen Wegela­gererzoll abgeschnit­ten zu sein, weil die Pipeline nicht über polnisches Territori­um verläuft, und schließlich und nicht zuletzt der Möglich­keit, den US-Amerika­nern zu Gefallen zu sein. Das ist ein ris­kantes Gebräu.

Es ist die amerika­nische Seite dieser Pipeline-Medaille, die ein Doppelgesicht zeigt: Entweder schwenkt der einst be­ste US-Verbündete, Deutschland, wieder auf die Vorgaben aus Washington um, oder er wird isoliert. Ei­ne Reihe von Ereignissen nötigt zu dieser Folgerung: Die aus der Zeit der US-Au­ßenministerin Hillary Clinton stammen­de Berichterstattung der US-Botschaft in Berlin (nachlesbar bei „Wikileaks“), der erste Europabesuch des gerade ins Amt gelangten US-Präsidenten Trump, der nicht zufällig Polen galt, wo er zudem das Land als die Mitte Europas bezeich­nete, und schließlich die Aufrüstung der polnischen Luftwaffe mit allerneustem amerikanischen Fluggerät, wobei man die ironische Frage aufwerfen darf, ob das hierfür benötigte Kleingeld aus der deutschen Steuerkasse stammt.

Wie dem auch sei: Die Amerikaner machen ernst, und die Polen applaudie­ren dazu. Im Dezember 2019 haben die USA ein Gesetz erlassen, das den Weiter­bau von „Nord Stream 2“ nach US-Recht für strafbar erklärt. Und Deutschland? Dessen Außenminister kämpft gegen rechts, und seine Kanzlerin läßt von Süd­afrika aus in souveränen Bundesländern die Wahlen annullieren.

 
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