Auf dem Glattjoch in den Niederen Tauern in der Steiermark (Bezirk Liezen) steht auf 1989 Metern Seehöhe ein urtümliches Bauwerk, welches von den wenigen Einheimischen, die davon noch vage Kenntnis hatten, als Kapelle bezeichnet wurde. Das Glattjoch ist eine Einsattelung im Hauptkamm der Wölzer Tauern zwischen dem Hohenwart (2363 m) und der Hochweberspitze (2375 m), die den direkten Übergang vom Donnersbachtal im Norden in das Schöttltal ermöglicht, welches nach Süden zu bei der Stadt Oberwölz in das Wölzertal mündet. Die Trasse eines alten Karren- und Saumweges ist auf beiden Seiten des Jochs bis hinunter auf eine Seehöhe von ungefähr 1400 m auszumachen. Von dieser Kapelle und damit zusammenhängenden Überlieferungen erzählte im Juni 1994 dem Verfasser erstmals Josef W., der Mesner-Altbauer aus Donnersbach, als er den Bergwanderer auf der Beireutalm über Nacht beherbergte. Das dadurch geweckte Interesse war am nächsten Morgen Anlaß, zum Joch aufzusteigen.
Von Volker Fauler
Die Kapellenreste werden im damaligen Zustand dem uninformierten Wanderer lediglich als belangloser Steinhaufen erschienen sein, umso mehr, als die grandiose Aussicht vom Joch aus weitaus eher die Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Neben Geröllhalden und Naturfelsformationen der Umgebung sprang das eingestürzte Steinbauwerk auch nicht weiter ins Auge; eher noch bemerkenswert erschienen die grasbewachsene Straßentrasse hinunter ins Schöttltal sowie der aus dem Grün der Vegetation hervorstechende „Steinkreis“ etwas unterhalb der Kapelle.
Für den aufmerksamen Betrachter jedoch deutlich wahrnehmbar war die künstliche Aufschichtung eines mächtigen Trockenmauerwerkes. Den Bauingenieur irritierte dabei allerdings der von dem üblichen Einsturzbild zerstörter Gebäude abweichende erste Eindruck der dachlosen Ruine: Die westliche Seitenmauer, welche ab dem tiefsten Fußpunkt fast vier Meter über das natürliche Terrain aufragte, wies eine offenbar gewollte zunehmende Neigung der Außenseite nach innen auf und bot nicht ein übliche Bild des Verfalls. Bestieg man den Steintrümmerhaufen, so fiel als Nächstes die ungewöhnliche Dicke des Mauerwerks auf, dessen innere Seitenflächen eine augenscheinlich ebenfalls gleichmäßig einwärts gerichtete Neigung aufwiesen, was trotz des im Inneren der Ruine liegenden Versturzmaterials ausnehmbar war. Und vollends verblüffend war die Ausführung der Innenkanten zwischen der Hinterwand (Südwand) und den Seitenwänden: Die von der Vertikalen abweichenden Wandneigungen waren – soweit einsehbar – in gleichmäßig zunehmenden Auskragungen der horizontalen Steinlagen sorgfältig geschichtet hergestellt!
Diese ungewöhnlichen Merkmale und die beeindruckende Kubatur weckten das Interesse des Fachmanns und gaben Anlaß zur Erforschung des geheimnisvollen Bauwerkes; umso mehr, als neben diesem Gebäude mehrere Gegebenheiten nicht natürlichen Ursprungs ins Auge fielen: Ein Steinkreis von ungefähr 5 m Durchmesser, ein Wasserloch mit einem Durchmesser von rund 80 cm, eine rechteckige, etwa 60 x 150 cm große und 10 cm tiefe Bodeneintiefung, zwei einlagige Steinkreise, ein Mauerrest quer zur Hangneigung, ein beiderseits des Jochs vorhandener, sorgfältig angelegter 1,50 bis 1,70 m breiter Weg sowie verschiedene Kleinfunde am Joch und in der näheren Umgebung.
Je weiter Geschichte zeitlich zurückgreift, desto weniger handfeste Beweise für Fakten sind im Regelfall vorhanden, und umso mehr ist der Forscher auf Indizien und Überlegungen angewiesen. Das Dasein dieses Bauwerks hingegen, seine faktische Realität, ist real sichtbar und im Wortsinn begreifbar, seine Aussagekraft damit wuchtiger und eindrucksvoller als die eines Schriftstücks, welches doch nur die momentane Ansicht eines Autors über ein zurückliegendes Faktum oder Ereignis wiedergibt. Jede Steinschicht, jeder Mörtelrest ist eine einzigartige Urkunde, die im Gegensatz zur schriftlichen Überlieferung der objektive historische Tatbestand selbst ist. Im Vergleich dazu bieten die wenigen überkommenen Schriftdokumente aus einer Ära wie jener des Frühmittelalters nur Beschreibungen von historischen Fakten, die man glauben kann oder auch nicht, zumal, wenn solche wiederum nur auf Abschriften beruhen. Vergleichsweise wenige, meist jeweils auf ein spezifisches Thema zugeschnittene Schriften genügen den Geisteswissenschaftlern, um daraus in langen Überlegungen und Ableitungen von Überlegungen ihrer Vorgänger Geschichte zu rekonstruieren. Damit werden sie den historischen Fakten höchstwahrscheinlich meist nahekommen, sehen dann aber in der Schlüssigkeit ihrer Überlegungen den Beweis für die Richtigkeit ihrer Gedankenkonstruktionen. Aber ergibt sich damit wirklich ein faktischer Beweis oder nur ein (in sich) logischer Zirkelschluß?
Naturwissenschaftler, Archäologen oder Ingenieure sehen – auf ihr Fach bezogen – eine solcherart sich ergebende Indizienkette nur als Hypothese an, welche sie durch Analyse und Überprüfung von real vorhandenem Material mit naturwissenschaftlichen Methoden zu verifizieren versuchen. Für eine solche eigenartige Baustruktur an diesem extravaganten Platz muß man zunächst folgende Fragen klären: Wer kam auf die Idee für den Bau hier am Joch? Die Frage, von wem der Bau errichtet worden sei, kann zeitlich eingeschränkt werden, wenn man zunächst das Wann sowie das Warum und Woher der Bauweise zu ergründen versucht. Das Wozu wird in sämtlichen Überlegungen wohl nur in einer sakralen Funktion zu finden sein.
Die bislang wenigen wissenschaftlichen und bautechnischen Veröffentlichungen zu Kragwölbungsbauten waren und sind wenig aufschlußreich bezüglich deren Baugeschichte. Mangels schriftlicher Dokumente dazu gaben also zunächst mündliche Überlieferungen und Erzählungen Einheimischer erste Hinweise zu dem Bauwerk am Glattjoch. Übereinstimmend wurde es als „Kapelle“ bezeichnet und wurde auf seinerzeit darin befindliche Bilder und Statuen hingewiesen, von deren Nochvorhandensein der Autor sich in mehreren Fällen vergewissern konnte. Real wirkende Erzählinhalte erstreckten sich allerdings nur bis Ende des 18. Jahrhunderts zurück.
Weitere Mitteilungen etwa von „Heidengräbern“ und „erfrorenen Kapuzinern“ am Joch wirkten eher sagenhaft und anzweifelbar; zu denken gab allerdings, daß sie sich alle unabhängig voneinander auf einen Entstehungszeitraum des Baus vor 1000 und mehr Jahren bezogen.

• Die „Kapelle“ ist eine vorrömische Kult- oder Begräbnisstätte illyrisch-norischer oder keltisch-tauriskischer Herkunft, die später christianisiert wurde.
• Die rechteckig-gestreckte Bauweise der „Kapelle“ unterscheidet sich bautechnisch sehr wesentlich von den runden oder fallweise quadratischen Grundrissen von Trullis in Apulien, von den Nuraghen Sardiniens wie auch von den istrischen Hirtenbauten, deren Erbauer illyrischer, italischer oder etruskischer Abstammung waren; mitteleuropäische Kelten der La-Tène-Zeit hatten bis in die römische Periode hinein jedoch heilige Haine, Thingstätten und Tumuli (kreisförmige Hügelgräber) als Kultplätze verwendet.
• Die Kultstätte wurde ständig oder aber zeitweilig von einem Priester/Einsiedlermönch betreut.
• Das Glattjoch als buchstäblicher Höhepunkt eines beschwerlichen und nicht ungefährlichen Transportwegs war der Ort für ein Dankgebet, für ein Opfer an Gott oder die Götter und Platz für eine ausgiebige Rast. Hier zweigten auch Wege zu den in der Nähe angenommenen Bergwerken ab, womit das Heiligtum am Joch auch für Knappen von Bedeutung gewesen sein konnte.
• Die „Kapelle“ und die benachbarten Artefakte (u.a. die berichtete ummauerte „Herdstelle“) sind Reste einer Einsiedelei, die während der Neumissionierung des bayerisch-österreichischen Raums im 7. bis 10. Jahrhundert von irischen Wandermönchen erbaut wurde.
Die Beschreibung eines Einsiedlerlebens durch den angelsächsischen Theologen Beda Venerabilis (ca. 672–735) trifft exakt auf die Gegebenheiten am Glattjoch zu, auf die Analogien mit den „Zellen“ und entlegenen Kleinklöstern dieser Epoche. Das Zurückziehen in die Einsamkeit zum Zwiegespräch mit Gott, wie sie Antonius der Große (251–356) im damals vorwiegend christlichen Ägypten vorlebte, fand in verschiedensten Eremiten- und Mönchsgemeinschaften Nachfolger. Überliefert sind u.a. solche des Ägypters Pachomius (292–346), des Basilius von Anatolien (ca. 330–379) oder des Benedikt von Nursia (ca. 480–547), dessen Regeln bis heute maßgeblich für mehrere christliche Orden sind.
Im äußersten Extrem wurde dieses Bedürfnis nach Weltferne auf der uralten Klosterinsel Skellig Michael gelebt, die gleich einem versunkenen Hochalpengipfel weit draußen vor der Südwestküste Irlands im Atlantik liegt: Über beschwerlich zu erklimmende 700 Steinstufen gelangt man zu der kleinen Klosteranlage, die auf engstem Raum in 170 Meter Seehöhe direkt am Abgrund über die an die steil aufragenden Felsen schlagende Meeresbrandung hingebaut ist. Das von einer Mauer umfaßte Gebäudeensemble besteht aus zwei Oratorien, einer Kleinkirche und mehreren Bienenkorbhütten, die sämtlich in Kragkonstruktion aus mörtellosem Trockenmauerwerk errichtet sind. Ein Ort, wie er einsamer nicht sein könnte, besonders während der Winterzeit, wenn die Insel wegen der Stürme generell nicht erreichbar ist und für Monate in Nebel und Finsternis versinkt; diese entlegene Stätte dienten in der ursprünglichen Konzeption ausschließlich der Kontemplation.
Von der historischen Logik her gesehen muß die Errichtung der Glattjochkapelle in einer Zeit erfolgt sein, die zwischen dem erstmaligen Auftreten westeuropäisch-irischer Mönche im Alpenraum (das Wirken des heiligen Amandus von Maastricht ist für die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts bezeugt) und den Gründungen der im näheren Umkreis des Glattjochs befindlichen Ordensklöster liegt: In der Steiermark sind dies Göß (gegründet 904), St. Lambrecht (1066), Admont (1074) und Seckau (1142). Ein solches frühmittelalterliches, heute nicht mehr genau lokalisierbares Missionskloster, welches wohl bereits im Laufe des 9. oder 10. Jahrhunderts wieder aufgegeben wurde, ist aufgrund von mittelalterlichen Ortsbezeichnungen („… im / beim Kloster …“) im Bereich des Marktes Irdning anzunehmen.
In der Frühzeit der Missionierung des österreichischen Ostalpenraumes erfolgten zahlreiche derartige Gründungen von Missionsklöstern vom Benediktinerstift St. Peter in Salzburg aus, wie namenskundliche Hinweise in vielen Ortsnamen mit dem Wortteil „-münster“ zeigen: Altmünster am Traunsee und Kremsmünster, beide in Oberösterreich gelegen, wie Altomünster in Bayern; und öfters stehen Scoti1, Vertreter der keltischen Kirche, mit der Gründungsgeschichte dieser Stätten in Verbindung.
Als Angehörige der keltischen Kirche mit ihren von der römischen Liturgie abweichlerischen Riten werden diese zunächst akzeptierten „Mitarbeiter im Weinberg des Herrn“ späterhin von der Amtskirche mit Hinweisen auf „heidnische“ Stätten, „Heidengräber“, „wilde Wurzeln“ und ähnlich abwertende Bezeichnungen verunglimpft worden oder überhaupt der Damnatio memoriae verfallen sein. Mit dem Wiedererstarken der römischen Kirche verlor die Mitarbeit der in die Hierarchiestruktur nicht einzuordnenden Wanderkleriker zusehends an Bedeutung und wurde der zentralistischen Kirchenpolitik wohl sogar ein Dorn im Auge: Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan. Mit der Auflassung der kleinen Pionierklöster der Scoti und der Zusammenfassung ihrer Mitglieder in größeren Gemeinschaften wurde eine einheitlich-straffe Ausrichtung der Kirchenorganisation und von Glaubensinhalten durchgesetzt.
Die bauliche Übereinstimmung der Kapelle auf dem Glattjoch mit den frühchristlichen Oratories Irlands ist jedenfalls verblüffend hoch, ebenso das Vorhandensein weiterer für ein Kleinkloster irisch-gallischer Zuordnung üblicher Anlagen: Die „Herdstelle“ kann von der Größe her der Rest einer Bienenkorbhütte zu Koch-, Essens- und Versammlungszwecken gewesen sein, ebenso zwei Steinringe Reste der Behausungen von je ein bis drei Mönchen. Der Mauerrest im Nordwesten unterhalb der Kapelle könnte analog zu irischen Beispielen Teil der Umfriedung des „heiligen Bezirks“ gewesen sein. Die Ähnlichkeit der Baustrukturen Irlands mit der Glattjochanlage findet eine (zufällige?) Entsprechung in der äußerlichen Erscheinung irischer Mönche im Vergleich mit den „Kapuzinern“ der heimischen Überlieferung.
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Schon seit vorrömischen Zeiten war der „Salzweg“ eine der wichtigsten überregionalen Verkehrsverbindungen vom Ennstal über das Donnersbachtal und das Glattjoch ins Schöttltal und weiter ins Wölzertal und Murtal, um die Bewohner Kärntens und der Untersteiermark mit dem notwendigen Mineral aus den Bergwerken Hallstatts, später Aussees zu versorgen.
Verkehrsgeographisch bildet der Weg über das Glattjoch die kürzeste Verbindung zwischen dem Salzkammergut und dem oberen Murtal, überregional zwischen Salzburg im Norden sowie Kärnten, Friaul und Slowenien im Süden. Wichtigstes Handelsgut auf der Glattjochroute war bis zum Beginn des Industriezeitalters das Salz aus dem Salzkammergut im Austausch gegen Waren aus dem Süden. Vor und während der römischen Provinzialzeit gelangten aus den norischen Eisenabbau- und Verhüttungsgebieten im Bereich um Friesach und Hüttenberg damals hochwertige Eisen- und Stahlprodukte über das Glattjoch nach Norden. Zu allen Zeiten nahmen Landesprodukte wie Felle, Fleisch, Häute, Käse, getrocknete Alpenkräuter, Arzneien u.a.m. in beide Richtungen hier ihren Weg.
Im Gebirge kam meist nur die Verwendung einachsiger Wagen in Betracht, mit denen allerdings nur geringe Lasten von höchstens 200 kg befördert werden konnten. Wege mit kurzen Serpentinen und größer angelegten Steigungen, auf denen Menschen und Tragtiere schneller vorankamen, waren für die Säumerei vorteilhaft und konnten bei entsprechender Breite trotz enger Kurvenradien auch mit einachsigen Fahrzeugen benutzt werden. Die meisten der heute noch sichtbaren alten Straßen- und Saumpfadabschnitte sind wohl am ehesten dem Mittelalter und der Neuzeit zuzuschreiben oder waren gegebenenfalls zur römischen Provinzialzeit von einheimischen Wirtschaftstreibenden errichtet worden. Die Säumerei mit Tragtieren über das Glattjoch war spätestens seit der römischen Provinzialzeit üblich.
Der Glattjochweg gewann um die erste Jahrtausendwende zunehmend an Bedeutung, als die alten Römerstraßen über die beiden Tauernpässe in den Jahrhunderten der Völkerwanderung und der Kolonisation mangels ständiger Betreuung zu nicht mehr befahrbaren Saumpfaden herabgekommen waren.
Die bajuwarische Kolonisation im österreichischen Alpenraum erfolgte zunächst punktuell an geeigneten Stellen inmitten eines eroberten Gebiets, das vorwiegend aus Urwald, Mooren, Ödland und Gebirge bestand. Die fränkischen und späterhin deutschen Könige schenkten davon umfangreiche Gebiete an ihre militärischen wie geistlichen Gefolgs-leute, wohl auch in der politischen Absicht, durch deren Kolonisationsarbeit wie auch Glaubensverkündigung die eigene Macht im Neuland für die Zukunft zu festigen. Die belehnten Fürsten und Bischöfe entsandten bajuwarische Neusiedler in das bis dahin vorwiegend von Slawen und wenigen nach der Völkerwanderung noch verbliebenen Romanen bewohnte Land nördlich und südlich des Glattjochs und ließen hier ab dem 7. Jahrhundert erste Gutshöfe – Curtes – auf den in mühseliger Arbeit urbar gemachten Ländereien errichten.
Die Gründung von deutschen „Königshöfen“ in den zuvor nur von wenigen slawischen Familien besiedelten Wald- und Gebirgsgebieten Karantaniens (also der Obersteiermark und Kärntens) sollte um die Jahrtausendwende Herrschaftsansprüche der deutschen Könige absichern. Klostergründungen Salzburgs und die Vergabe von Lehen an geistliche und weltliche Würdenträger festigten die Machtverhältnisse. So schenkte Kaiser Heinrich II. 1007 dem Bischof Egilbert von Freising die Güter Oberwölz, Lind und Katsch.
Aus einem solchen karolingischen Curtis des 8. Jahrhunderts ist später der Irdninger Meierhof hervorgegangen. Dieser, der bestehenden, im Gebiet Altirdnings zu lokalisierenden Slawensiedlung gegenüber gelegen, stand im Besitz nicht des Salzburger Erzbischofs, sondern des Landesfürsten – also ursprünglich des bairischen Herzogs, ab 788 des fränkischen Königs – und ging in weiterer Folge auf die Markgrafen bzw. Herzöge der Steiermark über.
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Daß kirchliche Missionierung und weltliche Herrschaftsausübung eng miteinander verquickt waren und die Entsendung von Glaubensboten gleichzeitig eine politische und sogar wirtschaftliche Einflußnahme darstellte, hatte schon provinzialrömische Tradition. Der enge Konnex zwischen Klerikern, Beamten und Militär war seit dem 6. Jahrhundert eine Notreaktion auf die immer größere Bedrängnis der römischen Grenzen durch fortwährende Raubzüge von „Barbaren“ und durch den Druck der in Bewegung geratenen germanischen Völker aus dem Norden und Osten. Mit dem Mailänder Edikt Kaiser Konstantins im Jahre 313 war das Christentum anerkannt und schließlich 352 Staatsreligion geworden; führende christliche Beamte und Militärs des römischen Imperiums übernahmen ebenso Kirchenämter wie andererseits wenig später Kleriker staatliche Hoheitsaufgaben oder Lehen empfingen. Ein unaufhaltsames Durchdringen und Aufgehen der versinkenden antiken Welt in die sie überlagernde christliche erfolgte, und damit die Übernahme römischer Werte durch das Christentum. Die politische Gliederung Roms wurde zur Grundlage der jungen Amtskirche.
Unter Kaiser Julian (360–363) verwalteten Prätorianerpräfekten als höchste römische Zivilbeamte die ihnen zugewiesenen Territorien, die Präfekturen des römischen Reiches. Diese waren in von Vikaren geleitete Diözesen untergliedert, die jeweils wiederum aus mehreren Provinzen bestanden. Unmittelbar nach dem Tod des Kaisers Theodosius I. (395) erforderte die zunehmende Bedrohung der italisch-illyrischen Präfektur von Norden und Osten her dringend den Austausch ziviler Vicarii (lat. für „Stellvertreter“, heute ein Klerikerrang) durch hohe Militärs im Range von Comites („Begleiter“, heute das Adelsprädikat „Graf“). Unter diesen wiederum leiteten Duces („Führer“, später für „Herzog“) als Befehlshaber die Grenztruppen. Dies macht verständlich, daß eine beträchtliche Anzahl frühchristlicher Heiliger ursprünglich Soldaten gewesen waren:
Mamertinus war ursprünglich Militärtribun und Zivilgouverneur, bevor ihn seine Mitbürger in Favianis (Mautern) zum Stadtbischof wählten, der seine bisherigen Aufgaben in Verwaltung und Verteidigung unter den geänderten Umständen des Rückzugs der römischen Staatlichkeit weiter unter jetzt christlichen Insignien wahrnahm. Severin (410–482) war zuerst Vir illustrissimus des römischen Senatorenstandes, bevor er um 457 als Magister militum (d.i. etwa „Feldmarschall“) die Verteidigung der donauländischen Provinzen befehligte. Als solcher hat er auch Politik betrieben, ebenso wie seine Zeitgenossen, die Bischöfe Paulinus von Teurnia (nach 472) und der zur Spitze der einheimischen Oberschicht zählende Constantius von Lauriacum (nach 472/476 bis nach 482), Neffe des heiligen Antonius. Mit dem Verfall der politischen Organisation des römischen Reiches trat an die Stelle der Weltentsagung als christliches Lebensideal nun ein die staatliche römische Machtstruktur übernehmendes Christentum. Die Weltkirche Roms war nicht länger nur ein dogmatisch-religiöses Glaubenssystem, sondern war zur staatsformenden Kraft inmitten des politischen Verfalls des Europa der Völkerwanderungszeit geworden.
Mit dem Dahinschwinden des römischen Imperiums war das Streben, zum römischen Adel zu gehören, zugunsten des Kirchenadels immer geringer geworden. Während noch um 440 der in den geistlichen Stand Eintretende die „Ehre des Adels“ verlor, seine senatorische Standesqualität, galt bereits eine Generation später der einfache Kleriker mehr als der höchste weltliche Würdenträger. Der häufige Übertritt von wichtigen Mitgliedern der Oberschicht in den geistlichen Stand, ihre Bereitschaft, „die Locken zu verlieren“ und Bischöfe zu werden, verringerte auch den sozialen Abstand zur Mehrheit der Bevölkerung; sie waren damit wahre Volksführer und Häupter ihrer Stadtbezirke geworden, deren Selbstverteidigung nicht mehr von Rom oder Ravenna angeordnet oder gar bezahlt wurde. Die Miles, Soldaten, kämpften damals als Commilitones, als Kameraden im genossenschaftlichen Verband, unter der Führung des Bischofs einen – längerfristig gesehen aussichtslosen – Kampf um die eigene Heimat, ja um die eigene Haut. Die Bischöfe hatten das Erbe Roms angetreten und galten zu Recht als dessen Repräsentanten. Die missionierenden Kleriker dieser Zeit und des Frühmittelalters wußten das Schwert ebenso zu schwingen wie das Weihrauchfaß, denn es herrschten dazumal rauhe Sitten; die Missionspriester saßen nicht bloß im Pferdesattel sicher, sondern waren Magistri, Spezialisten in mancherlei Wissensgebieten und rare Schreibkundige. Der in Pannonien wirkende Salzburger Archipresbyter Altfrit war als „Meister jeder Kunst“, etwa auch als Baumeister und Architekt tätig, ein Priester Swarnagal galt als berühmter Gelehrter.
Während die Völkerwanderung dem weströmischen Reich den Todesstoß gab und dessen Territorien in weiten Teilen Süd- und Westeuropas über lange Zeit auf ein kulturell erschreckend niedriges Niveau zurückwarf, konnte in der Zeit des 5. bis 10. Jahrhunderts in einigen politisch und geographisch entlegenen Randzonen wie etwa Irland und der Provence das spätantike und frühchristliche Erbe bewahrt und zum Teil sogar weiterentwickelt werden, um seinerseits dann in die in Mitteleuropa entstandene Kulturwüste Glaubens- und Kulturboten zu entsenden. Das frühe Christentum, das nach Zeiten der Verfolgung unter dem heidnischen Rom die maßgebliche Religion geworden war, war durch diesen Völkersturm weitgehend vernichtet worden, ebenso wie viele Kulturtechniken und zivilisatorische Errungenschaften aller Art, vom Lesen und Schreiben bis hin zur Metallbearbeitung sowie der Baukunst, von den „schönen Künsten“ ganz zu schweigen.
Nichts war mehr wie zuvor. Auch die neuen Mächte erreichten erst nach Jahrhunderten wieder annähernd ein Kultur- und Zivilisationsniveau, wie es in den ruhigen Perioden der antiken Römerzeit Allgemeingut gewesen war. Die Eroberer vermochten der hochentwickelten antiken Kultur wenig entgegenzusetzen. Sie erkannten deren Vorzüge auch bedingungslos an und trachteten, sie zu übernehmen. In vielen Provinzen blieben die gesamte Verwaltung, der Handel und alles, was Lesen und Schreiben voraussetzte, römisch organisiert. Latein blieb die Rechts-, Verwaltungs-, Unterrichts und Wissenschaftssprache. Die wenigen Gebildeten waren für die jungen neuen Staatsgebilde höchst begehrte Ratgeber und Helfer, wobei es sich bei diesen Viri docti, diesen Gelehrten, fast ausnahmslos um Kleriker handelte, die gleichzeitig als Glaubensboten einer erneuten Christianisierung den Weg ebneten. Zum Gutteil begann diese Bekehrung im Hofstaat der von Residenz zu Residenz ziehenden germanischen Könige bereits in Zeiten, in denen Mitteleuropa unter den prekären Verhältnissen der Völkerwanderung litt und die Glaubenszentren Rom und Byzanz für ihr Überleben Sorge tragen mußten, weshalb sie ihren Glaubensauftrag „Gehet hin und lehret alle Völker“ nur bedingt erfüllen konnten.
Die eigene staatliche Organisation der halbnomadischen Fürsten hatte kaum etwas zu bieten, was dem durchorganisierten Staatsapparat Roms entsprach. Das frühe Frankenreich war weniger ein Staat als eine durch Gefolgschaftstreue verbundene Gemeinschaft von Stämmen, die ihrerseits weitgehend nach eigenem Recht lebten. Es fehlte ein zentralistisches „Rom“, regiert wurde vom Sattel und später von Pfalzburgen aus, den periodisch benutzten Absteigequartieren der Reiterfürsten. Das Verschmelzen der römischen Zivilisation, des Christentums und des Kelten- und Germanentums zu einer neuen „abendländischen“ Kultur erfolgte ab dem Ende des 5. Jahrhunderts unter zunehmender Abgrenzung vom byzantinischen Osten. Konnten die fränkischen Merowinger (486–751) sich noch lange der römischen Verwaltung, ihrer Systeme und ihres Wissens bedienen, welche speziell in der lateinischsprachigen Provence Südfrankreichs am längsten überlebten, so war zur Zeit Karls des Großen und seiner Nachfolger nur noch die Geistlichkeit Träger der „Schriftsprache“ und damit der Gelehrsamkeit und der Wissenschaft.
Das neu erworbene Christentum wurde zunächst mehr als magisch wirksamer Abwehrzauber und weniger als ethisch-religiöser Anspruch begriffen. Getragen wurde es von gallisch-irischen Westeuropäern, welche zwar stammesgeschichtlich den Machthabern näherstanden als die Römer, doch nicht deren staatstragendes Organisationsvermögen besaßen. Erst die Gründung des Frankenreichs (Chlodwig I., 482–511) und seine stetige Entwicklung bis zum Imperium Karls des Großen (768–814), begleitet von der fortschreitenden Christianisierung der vorwiegend germanischen Bevölkerung, schufen mit der Zeit die Grundlagen, die nötig waren, um das politische und kulturelle Erbe Roms anzutreten. Zwar war die Missionierung durch irische Glaubensboten aufgrund des viel zu geringen Angebots an „Arbeitern im Weinberg“ erwünscht, letztlich aber war die organisatorische Einflußnahme Roms auf die fränkische Kirche ausschlaggebend und für die Machthaber zum Aufbau eigener staatlicher Strukturen zweckmäßig. Parallel dazu unterstellte sich Rom dem Schutz des Frankenreichs, und in dieser Kombination gelang es Karl, die Christianisierung als Mittel zur Steigerung und Konsolidierung der Staatsmacht einzusetzen. Die zukünftige Folge dieser gegenseitigen Einflußnahme sollte allerdings der Dauerstreit zwischen Kaiser und Papsttum werden, für Jahrhunderte das Hauptthema der abendländischen Politik.
Die religiösen Unterschiede zwischen Heiden und Christen, zwischen Sekten und Abspaltungen waren nur in eklatanten Fällen Anlaß zu immer wiederkehrenden Kämpfen, deren Ursache zuallererst eine dauernde Raubgier war. Die Goten und Rugier waren zwar Arianer2, aber darum noch keine Feinde der katholischen Kirche. Ferderuch, der Bruder des Rugierkönigs Feletheus, hatte anschauungsmäßig nichts gegen die Severin-Gemeinschaft und ihr Kloster, doch ließ es ausplündern. Bieder meinte er nur, nach dem Tod des Heiligen auf all dessen Wertgegenstände Anspruch zu haben, und nahm sie als Beute über die Donau mit. Zum Teil waren die Oberschichten noch heidnischer Stämme bereits getauft, doch selbst wenn um 400 der Stamm der Sueben sich zum Christentum bekannte, so benahmen sich seine Krieger bei ihrem Überfall auf Passau nicht weniger heidnisch als Alamannen und Thüringer. Berüchtigt war auch die Wildheit der Heruler, die nach 488 – angeblich zusammen mit Franken und Sachsen – die pannonischen Provinzen verheerten. Daß der Trientiner Bischof Vigilius einer heidnischen Bauernschar zum Opfer fiel, weil er allzu unbekümmert ihr Götzensymbol stürzte, ist da durchaus verständlich, und daß der Presbyter von Ioviaco/Aschach als bestes Beutestück zu Ehren des Heidengottes Esus in einem Baum erhängt wurde, mag den Herulern als angemessenes Dankopfer erschienen sein.
Die Stärkung der Rechtgläubigkeit selbst von Führungsschichten, die schon generationenlang Christen waren, war immer wieder vonnöten, da ein Abgleiten ins Sektiererische speziell in Verbindung mit politischen oder wirtschaftlichen Ursachen häufig war. So mußte Rupert, der „Apostel Bayerns“, die bajuwarische Führungsschicht nicht etwa neu taufen und bekehren, sondern ihre bedrohte Glaubenseinheit stärken. Religiöse und politische Kräftekonstellationen wurden damals vorwiegend von einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten bestimmt. Die Einsetzung des mit päpstlicher Missionsvollmacht ausgestatteten Angelsachsen Bonifaz spielte in die karolingisch-agilolfingischen Familienverhältnisse und die davon abhängige Politik ebensosehr hinein wie das Bemühen der römischen Amtskirche um den Zusammenhalt der ihr anvertrauten Gläubigen. Als politisches Gegengewicht zu dem eher romtreuen Bonifaz wurde der Ire Virgil von den Franken als Bischof von Salzburg favorisiert.
Das von der weltlichen Macht geförderte kirchliche Ziel der Bekehrung war in der Regel mit der gleichzeitigen Akzeptanz politischer Einflußnahme durch die Missionare verbunden. Mission und zugleich eine von der Geistlichkeit getragene Machtausweitung stellte nach damaligem Verständnis keinen Widerspruch dar. Als nach damaligen Bildungsmaßstäben hochgelehrte Männer vertraten diese gleichzeitig mit ihrer Bekehrungstätigkeit auch die Herrschaftsansprüche ihrer Entsender und nahmen größten Einfluß auf nichtreligiöse und politische Belange. Solange die Franken die politische Oberhoheit über die Bajuwaren und somit über deren Ausbreitungsgebiete nach Süden und Osten innehatten, war es für sie selbstverständlich, das religiöse und politische Geschehen dort durch Kleriker ihrer Wahl zu steuern.
Die vergleichsweise späte Missionierung der Slawen war durch die politische Entwicklung geprägt: Baiern selbst war als Herrschaft in sich noch nicht gefestigt; zahlreiche Niederlagen, die es bei seinen Angriffen auf Karantanien hinnehmen mußte, verzögerten hier auch das Wirken der aus oder über Baiern kommenden westeuropäischen Missionare. Eine erste „offizielle Mission“ unter der Führung des Modestus (nachmals „Apostel der Steiermark“ benannt) erfolgte bald nach dem Herrschaftsantritt des Karantanenfürsten Cheitumar 751. Da ein Missionsbischof neben seiner geistlichen Tätigkeit stets auch innenpolitische Aufgaben wahrnahm, etwa den Aufbau einer Verwaltung nach bairischem Muster oder die Beratung bei Regierungsgeschäften, dürfte Modestus’ Tod Anlaß zur Hoffnung vieler von den fremden Segnungen nicht überzeugter Karantanenslawen gewesen sein, bei dieser Gelegenheit die fremde Einflußnahme abschütteln zu können. Nach dem Tod des Modestus gab es mehrere Karantanenaufstände, die als Carmula berichtet sind, womit nach damaligem bairischen Rechtsverständnis eine Rebellion gegen den Agilolfingerherzog gemeint war. Denn die Christianisierung war nicht nur eine Angelegenheit zwischen der Salzburger Kirche und den Karantanenfürsten, sondern wurde gleichzeitig als deren lehensrechtliche Bindung an den bairischen Herzog verstanden.
Um das Jahr 800 waren die Völker Mitteleuropas vom Mittelmeer bis zur Ostsee zwar nominell dem Christentum gewonnen, doch gab es hier und da noch Einsprengsel des alten Glaubens: In den alpinen Grenzgebieten zwischen Baiern, Karantanen und Awaren, aber auch in den Berggegenden des Harzes, in den Moorgebieten der unteren Elbe, der Saale und in den Friesengauen. Von Rom aus wurde dieses Gebiet jedoch als christlich-katholisches Land mit straffer kirchlicher Organisation gesehen, welche dafür sorgen sollte, daß die letzten Überbleibsel heidnischen Glaubens bald verschwanden.
Dahin, daß das Christentum von den Menschen als Teil ihres ureigenen Seins verinnerlicht wurde, bedurfte es noch Jahrhunderte. Träger dieser Pastoralarbeit waren zum größten Teil Mönche und auch der niedrige Klerus. Die hohe Geistlichkeit konnte diese Aufgabe nicht übernehmen, denn die fränkischen Machthaber besetzten die Bischofsstellen mit ihnen Vertrauten vorwiegend aus dem Adel oder gebildeter Herkunft, als zuverlässige Verwalter ihrer Politik. Nach der Eignung für das Kirchenamt wurde nicht groß gefragt, denn nur wenige Heimische – Franken, Baiern, Schwaben, fallweise auch zuverlässige Sachsen – waren vorhanden, um durch Befehlsgewohnheit die Autorität zu besitzen, ihre Aufgaben als Bischöfe wahrnehmen zu können, auch wenn sie nicht die Bildung und Lebensführung aufwiesen, um Vorbild für ihre Gemeinden zu sein. Die wenigen gelehrten Fremden aber benötigte Karl der Große in seiner Hofkanzlei, in den Pfalzen, für seine großen Schulen.
Die Pfarren der Gemeinden und die Eigenkirchen der Adels- und Königsgüter aber mußte man besetzen, so gut es eben ging. Von dieser niederen Geistlichkeit, die ihre religiösen Aufgaben zusätzlich zu einem Broterwerb ausübte, ging kaum ein pastoral-erzieherischer Einfluß aus. Spätere Ansätze zu einer von der Kirchenhierarchie ausgehenden Volksseelsorge wurden durch die langjährigen Wirren nach Karls Tod zunichte gemacht, denn der Bischof und Erzbischof war jetzt vollends Weltmann und Politiker, der zusehen mußte, sich in den politischen Machtkämpfen zu behaupten. Eine geistig-überzeugungsmäßige Verankerung des Christentums im einfachen Volk war zwischen 700 und 1000 daher vor allem dem Wirken von Mönchen zu verdanken.

Abgesehen vom Wirken angelsächsischer und westfränkisch-gallischer Kleriker erfolgte die Christianisierung West-und Mitteleuropas in der Zeit vom 6. bis zum 8. Jahrhundert in beträchtlichem Umfang durch die Missionstätigkeit von Clerici vagantes („Wandermönchen“) der iro-schottischen Kirche, welche die Glaubensverbreitung unabhängig von der römischen Amtskirche nach ihrer eigenen Liturgie und Gutdünken wahrnahmen. Die ab dem 7. Jahrhundert einsetzende Mission im ostfränkisch-bajuwarischen Raum durch die Scoti, wie die iro-schottischen Mönche auf dem Festland genannt wurden, kam der gezielten und wohlüberlegten Strategie der fränkischen Machthaber entgegen. Vermutet werden als politische Beweggründe für die Karantanenmission neben dem bajuwarischen Wunsch nach eigener Einflußausweitung auch das fränkische, speziell Pippins Interesse an besserer Kontrolle des nordöstlichen Vorfeldes der Langobarden auf der Alpensüdseite mit seinen wichtigen Pässen. Da erst mit dem kaiserlichen Entscheid von 811 die Abgrenzung der Einflußbereiche der Bischofssitze Salzburg und Aquileia durch die Drau festgelegt wurde, war die Errichtung von Missionsklöstern beiderseits des Ostalpenhauptkamms wesentlicher Teil der politischen Agenda.
Als einer der bekanntesten iro-schottischen Wandermissionare hat Columban „der Jüngere“ (540–615) mit seiner Peregrinatio eine Rechristianisierung auf dem europäischen Festland angestoßen; die wieder ins Heidentum abgeglittene gallo-römische Landbevölkerung westlich des Alpenbogens bekehrte er erfolgreich aufs Neue, wobei er die in seiner irischen Heimat übliche Form des Christentums lehrte. Zur Zeit des spätrömischen Reiches war das Christentum hauptsächlich in den Städten und größeren Siedlungen präsent und nur sporadisch auf dem Land. Im Gefolge dieser erfolgreichen iro-schottischen Mission sorgte im 7. Jahrhundert eine hauptsächlich vom fränkischen Adel getragene Bewegung für die Gründung von ungefähr 300 neuen Klöstern – zunächst des Benediktinerordens – als geistliche Zentren, womit die Bewohner des ländlichen Raumes erstmals direkt erreicht wurden. Durch ihr landwirtschaftliches Wissen und ihre Wirtschaftsinitiativen waren diese Klöster prägend für das Entstehen einer europäischen Kulturlandschaft.
Seit Beginn ihrer Mission sahen es die irischen Wanderprediger und Mönche als ihre ureigene Aufgabe an, den Heiden das Evangelium nahezubringen, wobei sie vor allem die Nähe zum einfachen Volk suchten, dessen Mentalität ihnen aufgrund der eigenen ländlichen Herkunft vertraut war. Eine Billigung oder gar Beauftragung durch Rom und die römische Geistlichkeit oder kirchen- und machtpolitische Überlegungen, wie sie Vertreter der englischen und der gallischen Kirche anstellten, dürften für die Männer, die sich zuvorderst als zur Nachfolge Christi in dienender Rolle berufen verstanden, kein Thema gewesen sein. Da aber viele von ihnen lesen und schreiben konnten, wurden sie gerne von den Machthabern der Gastländer mit Aufgaben der Glaubensverbreitung und der Verwaltung betraut. Ihr Feuereifer und ihre sich nicht nur auf Glaubensdinge beziehende Streitlust verstrickte die irischen Kleriker immer wieder in Auseinandersetzungen. Als Abkömmlinge echter Kelten waren sie Individualisten, die originelle eigene Ansichten entwickelten und Widerspruch liebten. Diese ordnungswidrige Nonkonformität führte zu manch politischen Händeln und auch zu Vertreibungen, wie etwa jener von Sankt Columban aus dem Frankenreich durch König Theuderich. Ebenfalls gab es immer wieder gravierende religiöse Auffassungsunterschiede und ernste Konflikte mit Rom. So wurde den irischen Äbten wie auch den keltischen Christen in Frankreich und Nordwestspanien vorgeworfen, daß sie das Osterfest nicht am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond feierten, sondern nach griechischem Ritus am dritten Tag danach. Auf dem Konzil von Whitby im Jahr 663 wurde dieser liturgische Zwist zwischen keltischer und römischer Kirche, der sogenannte Osterstreit, zugunsten der letzteren entschieden.
Ein anderer Dorn im Auge Roms blieb der unstreitige Missionierungserfolg der Iren von ihrem Zentrum Iona aus im Wettstreit mit der römisch ausgerichteten Kirche Englands, die in Canterbury ihren Hauptsitz hatte. Ausgehend vom Kloster Lindisfarne, welches der Nachfolger Columbans I., Abt Aidan, gegründet hatte, gewann die keltische Kirche zudem Einfluß im britischen Northumbria und bekehrte auch einen Großteil der germanischen Bevölkerung nördlich des Hadrianswalls. Von den zahlreichen iro-schottischen Missionaren sind namentlich Eustasius (gest. 629), Killian (gest. 689), Pirmin und der Mönch Gallus (gest. 645) aus dem Gefolge des Columban bekannt. Aufgrund einer Erkrankung begleitete Gallus seinen Abt nicht weiter, sondern blieb zurück. Aus seiner kleinen Einsiedelei entstand im Jahr 614 das bekannte Kloster Sankt Gallen im Bodenseeraum. Zeitgleich in der Mission tätig waren bei den Bajuwaren auch westfränkische Kleriker wie der Bischof von Poitiers, Emmeran (gest. 652), und Corbinian, der spätere Bischof von Freising (gest. 730).
Die Heiligenlegenden sprechen von Baiern als einem um die Mitte des 8. Jahrhunderts bereits bekehrten Land, trotz der Klage, daß das bairische „Christentum jung und von Heiden wie Häretikern bedroht“ sei. Diese Zustandsschilderung stimmt mit den Beobachtungen Bonifaz’ eine Generation nach Emmeran, Rupert und Corbinian noch immer überein. Eine spätere Phase irischen Wirkens im 11. Jahrhundert betraf die sogenannten Schottenklöster, die aber bereits nach den Ordensregeln Benedikts geführt wurden. Auf Initiative des 1070 nach Regensburg gekommenen Iren Marianus Scottus gründeten dessen asketisch lebende Mönchsgemeinschaften mehrere Klöster in Mitteleuropa, das östlichste davon sogar in Kiew.
Irland war als einziges Land Westeuropas stets frei von lateinischer Zivilisation und von römischer Herrschaft, deren politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen das übrige Europa wie auch später die hierarchische Organisation der römischen Kirche bestimmten. Vereinzelt werden zwar zur Spätzeit der römischen Herrschaft Britanniens bereits Priester von Albyn (England) nach Irland gekommen sein, doch erfolgte die irische Christianisierung letztendlich durch den heiligen Patrick (385/89–461) und durch einen einheimischen Klerus mit einem beträchtlichen Anteil an übergetretenen Druiden in seinen Reihen, die den neuen Glauben vielleicht nur als Ergänzung zu ihrer bisherigen Sicht verstanden.
Die Vita von Columban dem Älteren / Colum Cille (522–597) ist archetypisch für einen irischen Kleriker, einen Scotus: Der „Crimthann“ ( „Fuchs“) genannte Clanangehörige der nördlichen Uí Néill (O’Neill) begann seine geistliche Laufbahn mit dem frühen Eintritt in das Kloster des Finnian von Clonard und gründete die Klöster in Durrow und Doire (Co. Derry) sowie ca. 50 weitere, kleinere Kirchen in Irland und Schottland.
Als streitlustiger Kelte löste Columban einen „Bücherkrieg“ aus, als er heimlich ein Buch des heiligen Finnian von Moville aus dessen Bibliothek in Drumm Finn abschrieb und es in der weiteren Folge zu einer Schlacht zwischen Colum Cilles Sippe und dem Hochkönig Diarmait mac Cerbaill kam. Columban wurde vorübergehend exkommunziert und begab sich 563 oder 565 ins Exil nach Alba (Schottland). Mit zwölf Gefährten gründete er dort ein Kloster auf der Insel Iona, von dem aus er bei den Pikten Schottlands missionierte. Angesehen und hochgeehrt kehrte er später mehrmals nach Irland zurück und wirkte als Ratgeber und Vermittler an dortigen Königshöfen. Nach späteren Hagiographien habe er die Vertreibung der Filid (Dichter) aus Irland verhindert und sei der Schöpfer lateinischer und altirischer Kirchenhymnen.
Während auf dem europäischen Festland das Ende des Römerreichs und die Völkerwanderungszeit eine Stagnation, ja einen Rückschritt in religiöser, kultureller und zivilisatorischer Hinsicht mit sich brachten, blieben in Irland althergebrachte Gebräuche und das Wissen der Druiden erhalten und wurden unter christlichen Vorzeichen weiterentwickelt. Die Filid, vorchristlich-keltische Intellektuelle, erforschten von hochgelegenen Orten aus die Geheimnisse des Himmels, den Lauf der Gestirne, der Natur und der Götter. Unter christlichen Vorzeichen führten Mönche diese Tradition an denselben Plätzen weiter, die nun dem Erzengel Michael geweiht waren, wie Monte Sant’Angelo und das Marienheiligtum bei Cividale (vormals dem Erzengel zugedacht) in Italien, die Insel Mont-Saint-Michel in Frankreich, aber auch St. Michel d’Observatoire (!) in der Provence, St. Michael in Cornwall und als westlichster Punkt Europas die Insel Skellig Michael vor der irischen Halbinsel Kerry. All diese Stätten standen trotz der räumlichen Distanzen in einem inneren Zusammenhang miteinander, mit ähnlichen Zielsetzungen und Forschungen. Die Sankt-Michael-Patrozinien der Klöster Mondsee und Mattsee, des Klosters Honau auf einer Insel im Rhein (gegründet 772) und anderer sind desselben Ursprungs und standen so wie St. Peter in Salzburg unter irischem Einfluß.
Läuterung durch Askese und harte Lebensbedingungen und gemäß den Vorbildern der frühchristlichen Wüstenväter in Abkehr von der Welt in mystischer Gottesschau in ferner Einsamkeit zu leben, sahen die christlich-irischen Anachoreten als Lebensziel, um nicht nach biblischer Vorstellung „durch ein Gebundensein an festen Ort Körper und Geist erschlaffen zu lassen“. Oftmals lebten innerhalb einzelner Klöster rigorose Einsiedler noch in abgesonderter Klausur von ihren Mitbrüdern ausschließlich der Besinnung und dem Gebet. Ähnliche Extrembeispiele solcher mönchischen Weltflucht stellen noch heute die Meteoraklöster in Griechenland sowie buddhistische Klöster wie Taktsan („Tigernest“) in Bhutan dar; lagemäßig sind sie noch übertroffen vom Kleinkloster auf der Atlantikinsel Skellig Michael. Buchstäblich auf die Spitze getrieben wurde dort das Bedürfnis nach Abgeschiedenheit in Form einer vom Kloster nochmals abgesonderten Klause auf dem Südgipfel der Insel, welche nur über einen gefährlich ausgesetzten Klettersteig erreichbar ist.
Der Überlieferung nach wurde in dem vom irischen Abt Màel Ruain (gest. 792) gegründeten Orden von Mönchseremiten, der Célí Dé, anglisiert Culdees („Diener Gottes“), einem ausgeprägten Marien- und Michaelskult gehuldigt. Als Abt von Finglas eines der beiden Häupter der Célí Dé, nahm der Ire Dupliter an der zweiten Salzburger Karantanenmission teil und könnte zwischen 774 und 776 in Karantanien gewirkt haben. Damit ist ein Bezug Dupliters und Gleichgesinnter zur Eremitage auf dem Glattjoch denkbar. Diese eigenartigen individuellen Klosterliturgien und ihre höchst strengen Vorschriften ließen sich kaum mit dem römisch-hierarchischen Kirchenverständnis verbinden. Als „aus einer wilden Wurzel stammend“ verunglimpft, erregte diese irische Form von Religiosität Anstoß in Rom, und so ist es nicht weiter verwunderlich, daß bisher nur zwei der vielen sonst in Irland bekannten Heiligen „zur Ehre der Altäre“ im römisch-katholischen Heiligenkosmos erhoben wurden.
Im Gegensatz zu der römisch ausgerichteten Ordnung der angelsächsischen Kirche Britanniens fehlte der keltischen Mönchskirche insgesamt eine einheitlich gültige Struktur in Form und Leitung; der Interessenabstimmung der römischen Kirchenhierarchie mit der weltlichen Politik hatte der individuell geprägte keltische Klerus nichts Adäquates entgegenzusetzen und mußte sich somit im Laufe der Zeit allmählich den Vorgaben Roms anpassen.
Die irischen Individualkleriker erwarben sich durch die Bekehrung des einfachen Volkes große Verdienste, erfuhren aber in der religionspolitischen Geschichtsschreibung bis auf Ausnahmen nicht die gleiche Würdigung wie die rombezogenen Missionare aus Britannien und Gallien. Denn die Wandermönche waren selbstbestimmte Liberi (Freie nach der baierischen Lex) und pilgerten und missionierten nach ihrem eigenen Gutdünken, gegebenenfalls aufgrund eines generellen Auftrags. Als irische Konkurrenz zur päpstlichen oder erzbischöflichen Sendung wurden die Peregrini samt ihren Kleinklöstern und Einsiedeleien in ihrer Eigenständigkeit seitens der Kirche Roms als quasi „illegal“ angesehen, auch wenn ihre Existenz für die kirchen- und machtpolitische Agenda offiziell unerheblich war. Dennoch konnten nach der Pionierzeit der abendländischen Heidenmission und nach erfolgter Glaubensfestigung, zu der alle christlichen Kräfte gebraucht worden waren, solche Eigenständigkeiten irisch-keltischer Herkunft seitens Roms nicht länger geduldet werden. Spätestens mit der cluniazensischen Klosterreform des 12. und 13. Jahrhunderts kamen diese „aus wilder Wurzel hervorgegangenen“ irisch-christlichen Kleinklöster und Eremitagen ab zugunsten disziplinierter, mächtiger Orden wie der Benediktiner, Zisterzienser, Kartäuser, Augustiner- Chorherren und später der Dominikaner. „Wie die Gewohnheit dem Wohnen und der Seßhaftigkeit verwandt ist, so können sich Recht und Gesetz nur dort entwickeln, wo Beständigkeit herrscht“, denn „wo Stabilität ist, dort ist Religion“, hieß es da. So konnte es geschehen, daß die Iren, die frühchristianisierten gelehrten Söhne des heiligen Patrick, im Hochmittelalter als Barbaren und Wilde, als Outsider verspottet, ja gehaßt wurden, weil sie sich als Unstete nicht in die römische Organisationsstruktur einfügten und zudem mit ihrer abwegigen Liturgie eine zu erfolgreiche Missionskonkurrenz des römisch ausgerichteten Klerus waren. Die autoritäre Zentralkirche stellte nicht zum letzten Mal Konformität über Frömmigkeit.
Keltisch-christliche Kleinklöster und Einsiedeleien als Vorposten der von Salzburg ausgehenden Missionierung im teils herrenlosen, teils umkämpften Ostalpenland des ehemaligen Noricum waren politisch sicherlich so lange akzeptiert oder erwünscht, wie die Positiva wie Bekehrung der Heiden und Einflußnahme auf die Bevölkerung zur Stärkung der höchst labilen Herrschaftsstrukturen dieser Zeit den abweichlerischen Individualismus dieser eigenartigen Heiligen überwogen.

Während Kragkuppelbauten mit rundem (zentrisch-symmetrischem) Grundriß seit dem Neolithikum errichtet wurden, waren Kragwölbungsbauten mit rechteckig-gestrecktem (linear-symmetrischem) Innenraum nach bisherigem Wissen lediglich in zwei Regionen Europas anzutreffen, nämlich in West- und Mittelirland und andererseits in Südwestfrankreich und auf den Balearen. Die frühgeschichtlichen Navetas aus der Zeit 1300–820 v. Chr. waren Grabanlagen, die Oratories in Irland aus dem 6. und 11. Jahrhundert dienten der Meditation und dem Gebet. Die Bories Südfrankreichs waren eine bodenständige Bauform, die als Cabanes gauloises, als „gallische Hütten“, bereits zur Zeit der Eroberung dieses Gebietes und seiner Einverleibung als Provincia Narbonensis in das römische Imperium bekannt waren.
Frühchristliche irische Wallfahrer kamen über den Ärmelkanal und reisten auf den sicheren römischen Verkehrswegen entlang der Flüsse Loire und Rhône durch gallo-römisches Gebiet südwärts zum Mittelmeer, um hier in Küstennähe auf den vorhandenen Staatsstraßen nach Rom oder weiter zu den biblischen Stätten des Orients zu gelangen. Auf ihrem Weg kamen sie durch diese gallischen Dörfer und errichteten nach dem Bauprinzip der dort gesehenen Bories in ihrer Heimat Oratories genannte Gebetsräume, die durch die rechteckig-gestreckte Raumordnung und die Ost- Westorientierte Ausrichtung den liturgischen Anforderungen entsprachen, was bei den üblichen runden Bienenkorbhütten nicht gegeben gewesen war.
Der adelige und schon als Abt von Aghaboe berühmte Ferghal „der Geometer“ war 743 auf Einladung des fränkischen Hausmeiers Pippin III. in das Frankenreich gekommen und war, latinisiert jetzt Virgilius genannt, bereits 749 oder 755 als 7. Bischof von Salzburg inthronisiert worden. Virgil sandte in der Folgezeit mehrere „offizielle“ Missionarsgruppen ins Gebiet seines Salzburger Tätigkeitsbereichs, das sich vom Inn im Westen bis zu Drau und Save im Südosten erstreckte. Parallel dazu waren einzeln auftretende Scoti, wie etwa der heilige Amandus und zahlreiche ungenannt gebliebene Kleriker, als „freie“ Missionare in der Steiermark und in Kärnten in der Slawenbekehrung tätig, wenn auch mit wechselndem Erfolg; denn die Bekehrung dieser Incredulagens der slawischen Karantanen war schwierig und aufgrund der andauernden Kämpfe zwischen Baiern und Karantanen um die Vorherrschaft in diesen Gebieten ebenso gefährlich.
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Die ohne viel Kontakt zu den Machthabern missionierenden Scoti schreckten davor freilich nicht zurück. Ihr Sendungsbewußtsein und ihr friedfertiges und offenes wie unerschrockenes Auftreten erreichte das einfache Landvolk auf Augenhöhe, nicht „hoch zu Roß“, und war wohl mit ein Grund ihrer Missionserfolge. Unter manchen anderen Stätten errichteten sie im Raum Irdning-Donnersbach ein heute verschollenes, doch in alten Dokumenten erwähntes kleines Kloster, zu dem die Expositur am Glattjoch errichtet wurde. Der Bau der Klause auf dem Glattjoch läßt sich aufgrund des geschichtlichen Zusammenhangs mit Virgil und der Karantanenmissionierung auf den Zeitraum von 700 bis 900 einschränken. Die Glattjochkapelle weist exakt die Baumuster und Proportionen der in dieser Ära in Irland errichteten Oratories auf und ist die einzige ihrer Art in Mitteleuropa. Das Buch „Irische Mission in Österreich und die steirische Glattjochkapelle“ beweist durch eine lückenlose Indizienkette, daß die Anlage auf der Jochhöhe im Frühmittelalter von irischen Mönchen und Klerikern geschaffen wurde. Aus den verschiedenen Wissensgebieten und Informationsquellen, die zum Teil mit dem Thema im engeren Sinn wenig gemein zu haben schienen, letztendlich aber doch die gesammelten Erkenntnisse abrundeten, formt sich dabei schließlich eine Gesamtübersicht: Die große Zahl von Teilinformationen läßt sich ohne ei- nen einzigen Widerspruch wie ein Puzzle zu einem in sich logischen Ganzen fügen. Bis zum Beweis des Gegenteils bildet die vorliegende Darstellung daher wohl die reale historische Wirklichkeit ab.
Unbeeinflußt von Glaubens- und machtpolitischen Entwicklungen blieb die Ka- pelle am Joch viele Jahrhunderte intakt als Andachtsstätte für die hier Rast haltenden Säumer, Pilger und Wanderer. In wenigen Jahren nach dem ersten Auftreten Martin Luthers hatte ein Großteil der obersteirischen Bevölkerung den evangelischen Glauben angenommen. Mit der von den Machthabern eingeleiteten Gegenreformation zu Anfang des 17. Jahrhunderts stieg der Druck auf die hier lebenden Protestanten, die ihren Glauben bald nur mehr im Geheimen ausüben konnten. Nach der Zerstörung evangelischer Kirchen (wie etwa Neu- haus bei Trautenfels) bzw. deren Rekatholisierung wird die von der Obrigkeit schwer erreichbare Glattjochkapelle als evangelische Andachtsstätte und als Relaisstation zum Austausch von Nachrichten und Schriften sowie zur Fluchthilfe für verfolgte Glaubensbrüder ein wichtiger Bezugsort für die protestantische Sache gewesen sein. Irgendwann in den folgenden Jahrzehnten muß dieser doch offenkundig geworden und wahrscheinlich auf Anordnung der Behörden bewußt zerstört worden sein, wie die Untersuchung des Einsturzbildes ergab. Mit der Glaubensfreiheit durch das Toleranzpatent Kaiser Josefs II. Im Jahre 1781 wurde auch die Wiederherstellung der Glattjochkapelle zulässig, die wissenschaftlich ungefähr auf das Jahr 1805 datiert werden konnte. Wirtschaftliche und verkehrspolitische Entwicklungen des 19. Jahrhunderts ließen in der Folge den Ort in Bedeutungslosigkeit veröden und bis herauf in unsere Zeit in Vergessenheit sinken. Das laut einer Augenzeugin 1943 noch großteils intakte Kapellengewölbe wurde vom damaligen Viehhalter eingestürzt, da dieser das hier Schatten suchende Almvieh durch drohenden Einsturz gefährdet sah. 1994 berichtete der Almbauer J. Wallner dem Verfasser von der Kapelle und den sie betreffenden Überlieferungen und gab damit den Anlaß zur 1995 erfolgenden Freilegung, zum Wiederaufbau 1996 und zur Ausgestaltung in den Folgejahren. Eine ökumenische Segnung der wiedererrichteten Kapelle fand am 27. Juni 1998 statt. Ein Kreis von Aktiven, der sich Anfang 2017 im Verein „Kuratorium Glattjochkapelle“ zusammenschloß, trägt seither Sorge für die Kapelle, ihre weitere Erforschung und wissenschaftliche Untersuchung sowie erforderliche Reparaturmaßnahmen. Bausystembedingte Senkungen machten eine 2008 errichtete stählerne Stützkonstruktion erforderlich. Die 2013 vermutlich durch Blitzschlag beschädigte Giebelvormauer wurde wieder hergerichtet. Eine Schutztür verhindert seit 2019 das bis dahin obligate Zuwehen des Inneren mit Schnee. Seit 1998 wird jährlich jeweils am letzten Junisamstag zu Mittag eine Bergmesse an der Glattjochkapelle gefeiert.
Zum Buch Irische Mission in Österreich und die steirische Glattjochkapelle.
Anmerkungen
1. Scoti wurden die irischen Wanderkleriker im latinisierten Sprachgebrauch der Festlandeuropäer deswegen genannt, weil sich das irische Einflußgebiet auch auf das südwestliche Schottland und seine vorgelagerten Inseln erstreckte.
2. Der Theologe Arius (ca. 260–327) betrachtete die im Bekenntnis von Nicäa (325) behauptete Wesensgleichheit von Gott/Gott- Vater und Sohn als Irrlehre. Die 381 zum Dogma erhobene Dreifaltigkeit mit einem Gott gleichrangigen Sohn und dem Heiligen Geist waren aus seiner theologischen Sicht noch häretischer. Umgekehrt wurde und wird aus Sicht der Vertreter der Trinitätslehre der Arianismus als Häresie betrachtet.