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Die Glattjochkapelle

Ein eigenartiger Bau in den Wölzer Tauern

Auf dem Glattjoch in den Niederen Tauern in der Steiermark (Bezirk Liezen) steht auf 1989 Metern Seehöhe ein urtümliches Bauwerk, welches von den wenigen Einheimischen, die davon noch vage Kenntnis hatten, als Kapelle bezeichnet wurde. Das Glattjoch ist eine Einsattelung im Hauptkamm der Wölzer Tauern zwischen dem Hohenwart (2363 m) und der Hochweberspitze (2375 m), die den direkten Übergang vom Donnersbachtal im Norden in das Schöttltal ermöglicht, welches nach Süden zu bei der Stadt Oberwölz in das Wölzertal mündet. Die Trasse eines alten Karren- und Saumweges ist auf beiden Seiten des Jochs bis hinunter auf eine Seehöhe von ungefähr 1400 m auszumachen. Von dieser Kapelle und damit zusammenhängenden Überlieferungen erzählte im Juni 1994 dem Verfasser erstmals Josef W., der Mesner-Altbauer aus Donnersbach, als er den Bergwanderer auf der Beireutalm über Nacht beherbergte. Das dadurch geweckte Interesse war am nächsten Morgen Anlaß, zum Joch aufzusteigen.

Von Volker Fauler

Die Kapellenreste werden im damali­gen Zustand dem uninformierten Wanderer lediglich als belangloser Stein­haufen erschienen sein, umso mehr, als die grandiose Aussicht vom Joch aus weitaus eher die Aufmerksamkeit in An­spruch nimmt. Neben Geröllhalden und Naturfelsformationen der Umgebung sprang das eingestürzte Steinbauwerk auch nicht weiter ins Auge; eher noch be­merkenswert erschienen die grasbewach­sene Straßentrasse hinunter ins Schöttltal sowie der aus dem Grün der Vegetation hervorstechende „Steinkreis“ etwas un­terhalb der Kapelle.

Für den aufmerksamen Betrachter je­doch deutlich wahrnehmbar war die künstliche Aufschichtung eines mächti­gen Trockenmauerwerkes. Den Bauinge­nieur irritierte dabei allerdings der von dem üblichen Einsturzbild zerstörter Ge­bäude abweichende erste Eindruck der dachlosen Ruine: Die westliche Seiten­mauer, welche ab dem tiefsten Fußpunkt fast vier Meter über das natürliche Ter­rain aufragte, wies eine offenbar gewoll­te zunehmende Neigung der Außenseite nach innen auf und bot nicht ein übliche Bild des Verfalls. Bestieg man den Stein­trümmerhaufen, so fiel als Nächstes die ungewöhnliche Dicke des Mauerwerks auf, dessen innere Seitenflächen eine au­genscheinlich ebenfalls gleichmäßig ein­wärts gerichtete Neigung aufwiesen, was trotz des im Inneren der Ruine liegenden Versturzmaterials ausnehmbar war. Und vollends verblüffend war die Ausfüh­rung der Innenkanten zwischen der Hin­terwand (Südwand) und den Seitenwän­den: Die von der Vertikalen abweichen­den Wandneigungen waren – soweit ein­sehbar – in gleichmäßig zunehmenden Auskragungen der horizontalen Steinla­gen sorgfältig geschichtet hergestellt!

Diese ungewöhnlichen Merkmale und die beeindruckende Kubatur weckten das Interesse des Fachmanns und gaben Anlaß zur Erforschung des geheimnis­vollen Bauwerkes; umso mehr, als neben diesem Gebäude mehrere Gegebenheiten nicht natürlichen Ursprungs ins Auge fielen: Ein Steinkreis von ungefähr 5 m Durchmesser, ein Wasserloch mit einem Durchmesser von rund 80 cm, eine recht­eckige, etwa 60 x 150 cm große und 10 cm tiefe Bodeneintiefung, zwei einlagige Steinkreise, ein Mauerrest quer zur Hangneigung, ein beiderseits des Jochs vorhandener, sorgfältig angelegter 1,50 bis 1,70 m breiter Weg sowie verschiede­ne Kleinfunde am Joch und in der nähe­ren Umgebung.

Wer baute hier wann und wozu?

Je weiter Geschichte zeitlich zurück­greift, desto weniger handfeste Beweise für Fakten sind im Regelfall vorhanden, und umso mehr ist der Forscher auf Indi­zien und Überlegungen angewiesen. Das Dasein dieses Bauwerks hingegen, seine faktische Realität, ist real sichtbar und im Wortsinn begreifbar, seine Aussagekraft damit wuchtiger und eindrucksvoller als die eines Schriftstücks, welches doch nur die momentane Ansicht eines Autors über ein zurückliegendes Faktum oder Ereignis wiedergibt. Jede Steinschicht, je­der Mörtelrest ist eine einzigartige Ur­kunde, die im Gegensatz zur schriftli­chen Überlieferung der objektive histori­sche Tatbestand selbst ist. Im Vergleich dazu bieten die wenigen überkommenen Schriftdokumente aus einer Ära wie je­ner des Frühmittelalters nur Beschrei­bungen von historischen Fakten, die man glauben kann oder auch nicht, zumal, wenn solche wiederum nur auf Abschrif­ten beruhen. Vergleichsweise wenige, meist jeweils auf ein spezifisches Thema zugeschnittene Schriften genügen den Geisteswissenschaftlern, um daraus in langen Überlegungen und Ableitungen von Überlegungen ihrer Vorgänger Ge­schichte zu rekonstruieren. Damit wer­den sie den historischen Fakten höchst­wahrscheinlich meist nahekommen, se­hen dann aber in der Schlüssigkeit ihrer Überlegungen den Beweis für die Rich­tigkeit ihrer Gedankenkonstruktionen. Aber ergibt sich damit wirklich ein fakti­scher Beweis oder nur ein (in sich) logi­scher Zirkelschluß?

Naturwissenschaftler, Archäologen oder Ingenieure sehen – auf ihr Fach be­zogen – eine solcherart sich ergebende Indizienkette nur als Hypothese an, wel­che sie durch Analyse und Überprüfung von real vorhandenem Material mit na­turwissenschaftlichen Methoden zu veri­fizieren versuchen. Für eine solche eigenartige Baustruk­tur an diesem extravaganten Platz muß man zunächst folgende Fragen klären: Wer kam auf die Idee für den Bau hier am Joch? Die Frage, von wem der Bau er­richtet worden sei, kann zeitlich einge­schränkt werden, wenn man zunächst das Wann sowie das Warum und Woher der Bauweise zu ergründen versucht. Das Wozu wird in sämtlichen Überle­gungen wohl nur in einer sakralen Funk­tion zu finden sein.

Die bislang wenigen wissenschaftli­chen und bautechnischen Veröffentli­chungen zu Kragwölbungsbauten waren und sind wenig aufschlußreich bezüglich deren Baugeschichte. Mangels schriftli­cher Dokumente dazu gaben also zunächst mündliche Überlieferungen und Erzählungen Einheimischer erste Hinweise zu dem Bauwerk am Glattjoch. Übereinstimmend wurde es als „Kapelle“ bezeichnet und wurde auf seinerzeit darin befindliche Bilder und Statuen hingewiesen, von deren Nochvorhandensein der Autor sich in mehreren Fällen vergewissern konnte. Real wirkende Erzählinhalte erstreckten sich allerdings nur bis Ende des 18. Jahrhunderts zurück.
Weitere Mitteilungen etwa von „Heidengräbern“ und „erfrorenen Kapuzinern“ am Joch wirkten eher sagenhaft und anzweifelbar; zu denken gab allerdings, daß sie sich alle unabhängig voneinander auf einen Entstehungszeitraum des Baus vor 1000 und mehr Jahren bezogen.

Auf einem uralten Höhenweg in den Niederen Tauern standen die Reste eines urtümlichen Bauwerkes, das starke Ähnlichkeit mit frühmittelalterlichen irischen Kirchen aufwies. Jetzt wurde die Kapelle auf dem Glattjoch rekonstruiert und auch Licht in die historischen Hintergründe ihrer Entstehung gebracht.

Hypothesen zur Entstehung und zum historischen Hintergrund der „Kapelle“

• Die „Kapelle“ ist eine vorrömische Kult- oder Begräbnisstätte illyrisch-norischer oder keltisch-tauriskischer Herkunft, die später christianisiert wurde.

• Die rechteckig-gestreckte Bauweise der „Kapelle“ unterscheidet sich bau­technisch sehr wesentlich von den run­den oder fallweise quadratischen Grund­rissen von Trullis in Apulien, von den Nuraghen Sardiniens wie auch von den istrischen Hirtenbauten, deren Erbauer illyrischer, italischer oder etruskischer Abstammung waren; mitteleuropäische Kelten der La-Tène-Zeit hatten bis in die römische Periode hinein jedoch heilige Haine, Thingstätten und Tumuli (kreis­förmige Hügelgräber) als Kultplätze ver­wendet.

• Die Kultstätte wurde ständig oder aber zeitweilig von einem Priester/Ein­siedlermönch betreut.

• Das Glattjoch als buchstäblicher Höhe­punkt eines beschwerlichen und nicht ungefährlichen Transportwegs war der Ort für ein Dankgebet, für ein Opfer an Gott oder die Götter und Platz für eine ausgiebige Rast. Hier zweigten auch We­ge zu den in der Nähe angenommenen Bergwerken ab, womit das Heiligtum am Joch auch für Knappen von Bedeutung gewesen sein konnte.

• Die „Kapelle“ und die benachbarten Artefakte (u.a. die berichtete ummauerte „Herdstelle“) sind Reste einer Einsiede­lei, die während der Neumissionierung des bayerisch-österreichischen Raums im 7. bis 10. Jahrhundert von irischen Wan­dermönchen erbaut wurde.

Die Beschreibung eines Einsiedlerle­bens durch den angelsächsischen Theo­logen Beda Venerabilis (ca. 672–735) trifft exakt auf die Gegebenheiten am Glatt­joch zu, auf die Analogien mit den „Zel­len“ und entlegenen Kleinklöstern dieser Epoche. Das Zurückziehen in die Ein­samkeit zum Zwiegespräch mit Gott, wie sie Antonius der Große (251–356) im da­mals vorwiegend christlichen Ägypten vorlebte, fand in verschiedensten Eremi­ten- und Mönchsgemeinschaften Nach­folger. Überliefert sind u.a. solche des Ägypters Pachomius (292–346), des Basi­lius von Anatolien (ca. 330–379) oder des Benedikt von Nursia (ca. 480–547), des­sen Regeln bis heute maßgeblich für mehrere christliche Orden sind.
Im äußersten Extrem wurde dieses Be­dürfnis nach Weltferne auf der uralten Klosterinsel Skellig Michael gelebt, die gleich einem versunkenen Hochalpen­gipfel weit draußen vor der Südwestkü­ste Irlands im Atlantik liegt: Über be­schwerlich zu erklimmende 700 Steinstu­fen gelangt man zu der kleinen Kloster­anlage, die auf engstem Raum in 170 Meter Seehöhe direkt am Abgrund über die an die steil aufragenden Felsen schla­gende Meeresbrandung hingebaut ist. Das von einer Mauer umfaßte Gebäude­ensemble besteht aus zwei Oratorien, ei­ner Kleinkirche und mehreren Bienen­korbhütten, die sämtlich in Kragkon­struktion aus mörtellosem Trockenmau­erwerk errichtet sind. Ein Ort, wie er ein­samer nicht sein könnte, besonders wäh­rend der Winterzeit, wenn die Insel we­gen der Stürme generell nicht erreichbar ist und für Monate in Nebel und Finster­nis versinkt; diese entlegene Stätte dien­ten in der ursprünglichen Konzeption ausschließlich der Kontemplation.

Von der historischen Logik her gese­hen muß die Errichtung der Glattjochka­pelle in einer Zeit erfolgt sein, die zwi­schen dem erstmaligen Auftreten west­europäisch-irischer Mönche im Alpen­raum (das Wirken des heiligen Amandus von Maastricht ist für die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts bezeugt) und den Grün­dungen der im näheren Umkreis des Glattjochs befindlichen Ordensklöster liegt: In der Steiermark sind dies Göß (gegründet 904), St. Lambrecht (1066), Admont (1074) und Seckau (1142). Ein solches frühmittelalterliches, heute nicht mehr genau lokalisierbares Missionsklo­ster, welches wohl bereits im Laufe des 9. oder 10. Jahrhunderts wieder aufgege­ben wurde, ist aufgrund von mittelalter­lichen Ortsbezeichnungen („… im / beim Kloster …“) im Bereich des Marktes Ird­ning anzunehmen.

In der Frühzeit der Missionierung des österreichischen Ostalpenraumes erfolg­ten zahlreiche derartige Gründungen von Missionsklöstern vom Benediktiner­stift St. Peter in Salzburg aus, wie na­menskundliche Hinweise in vielen Orts­namen mit dem Wortteil „-münster“ zei­gen: Altmünster am Traunsee und Kremsmünster, beide in Oberösterreich gelegen, wie Altomünster in Bayern; und öfters stehen Scoti1, Vertreter der kelti­schen Kirche, mit der Gründungsge­schichte dieser Stätten in Verbindung.

Als Angehörige der keltischen Kirche mit ihren von der römischen Liturgie ab­weichlerischen Riten werden diese zu­nächst akzeptierten „Mitarbeiter im Weinberg des Herrn“ späterhin von der Amtskirche mit Hinweisen auf „heidni­sche“ Stätten, „Heidengräber“, „wilde Wurzeln“ und ähnlich abwertende Be­zeichnungen verunglimpft worden oder überhaupt der Damnatio memoriae ver­fallen sein. Mit dem Wiedererstarken der römischen Kirche verlor die Mitarbeit der in die Hierarchiestruktur nicht einzu­ordnenden Wanderkleriker zusehends an Bedeutung und wurde der zentralisti­schen Kirchenpolitik wohl sogar ein Dorn im Auge: Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan. Mit der Auflassung der kleinen Pionierklöster der Scoti und der Zusammenfassung ihrer Mitglieder in größeren Gemeinschaften wurde eine einheitlich-straffe Ausrichtung der Kir­chenorganisation und von Glaubensin­halten durchgesetzt.

Die bauliche Übereinstimmung der Kapelle auf dem Glattjoch mit den früh­christlichen Oratories Irlands ist jeden­falls verblüffend hoch, ebenso das Vor­handensein weiterer für ein Kleinkloster irisch-gallischer Zuordnung üblicher An­lagen: Die „Herdstelle“ kann von der Größe her der Rest einer Bienenkorbhüt­te zu Koch-, Essens- und Versammlungs­zwecken gewesen sein, ebenso zwei Steinringe Reste der Behausungen von je ein bis drei Mönchen. Der Mauerrest im Nordwesten unterhalb der Kapelle könn­te analog zu irischen Beispielen Teil der Umfriedung des „heiligen Bezirks“ ge­wesen sein. Die Ähnlichkeit der Baus­trukturen Irlands mit der Glattjochanla­ge findet eine (zufällige?) Entsprechung in der äußerlichen Erscheinung irischer Mönche im Vergleich mit den „Kapuzi­nern“ der heimischen Überlieferung.

Alte“ Fernverbindung über die Niederen Tauern.

Verkehrsweg über die Niederen Tauern

Schon seit vorrömischen Zeiten war der „Salzweg“ eine der wichtigsten über­regionalen Verkehrsverbindungen vom Ennstal über das Donnersbachtal und das Glattjoch ins Schöttltal und weiter ins Wölzertal und Murtal, um die Be­wohner Kärntens und der Untersteier­mark mit dem notwendigen Mineral aus den Bergwerken Hallstatts, später Aus­sees zu versorgen.

Verkehrsgeographisch bildet der Weg über das Glattjoch die kürzeste Verbin­dung zwischen dem Salzkammergut und dem oberen Murtal, überregional zwi­schen Salzburg im Norden sowie Kärn­ten, Friaul und Slowenien im Süden. Wichtigstes Handelsgut auf der Glatt­jochroute war bis zum Beginn des Indu­striezeitalters das Salz aus dem Salzkam­mergut im Austausch gegen Waren aus dem Süden. Vor und während der römi­schen Provinzialzeit gelangten aus den norischen Eisenabbau- und Verhüttungs­gebieten im Bereich um Friesach und Hüttenberg damals hochwertige Eisen- und Stahlprodukte über das Glattjoch nach Norden. Zu allen Zeiten nahmen Landesprodukte wie Felle, Fleisch, Häu­te, Käse, getrocknete Alpenkräuter, Arz­neien u.a.m. in beide Richtungen hier ih­ren Weg.

Im Gebirge kam meist nur die Verwen­dung einachsiger Wagen in Betracht, mit denen allerdings nur geringe Lasten von höchstens 200 kg befördert werden konn­ten. Wege mit kurzen Serpentinen und größer angelegten Steigungen, auf denen Menschen und Tragtiere schneller voran­kamen, waren für die Säumerei vorteil­haft und konnten bei entsprechender Breite trotz enger Kurvenradien auch mit einachsigen Fahrzeugen benutzt werden. Die meisten der heute noch sichtbaren al­ten Straßen- und Saumpfadabschnitte sind wohl am ehesten dem Mittelalter und der Neuzeit zuzuschreiben oder waren ge­gebenenfalls zur römischen Pro­vinzialzeit von einheimischen Wirtschaftstrei­benden errichtet worden. Die Säumerei mit Tragtieren über das Glattjoch war spätestens seit der römi­schen Provinzi­alzeit üblich.

Der Glattjoch­weg gewann um die erste Jahr­tausendwende zunehmend an Bedeutung, als die alten Römer­straßen über die beiden Tauern­pässe in den Jahr­hunderten der Völkerwanderung und der Kolonisation mangels ständiger Betreuung zu nicht mehr befahrbaren Saumpfaden herabge­kommen waren.

Frühe bajuwarische Strukturen

Die bajuwarische Kolonisation im öster­reichischen Alpenraum erfolgte zunächst punktuell an geeigneten Stellen inmitten eines eroberten Gebiets, das vorwiegend aus Urwald, Mooren, Ödland und Gebir­ge bestand. Die fränkischen und später­hin deutschen Könige schenkten davon umfangreiche Gebiete an ihre militäri­schen wie geistlichen Gefolgs-leute, wohl auch in der politischen Absicht, durch deren Kolonisationsarbeit wie auch Glaubensverkündigung die eigene Macht im Neuland für die Zukunft zu fe­stigen. Die belehnten Fürsten und Bi­schöfe entsandten bajuwarische Neu­siedler in das bis dahin vorwiegend von Slawen und wenigen nach der Völker­wanderung noch verbliebenen Romanen bewohnte Land nördlich und südlich des Glattjochs und ließen hier ab dem 7. Jahr­hundert erste Gutshöfe – Curtes – auf den in mühseliger Arbeit urbar gemach­ten Ländereien errichten.

Die Gründung von deutschen „Kö­nigshöfen“ in den zuvor nur von weni­gen slawischen Familien besiedelten Wald- und Gebirgsgebieten Karantani­ens (also der Obersteiermark und Kärn­tens) sollte um die Jahrtausendwende Herrschaftsansprüche der deutschen Kö­nige absichern. Klostergründungen Salz­burgs und die Vergabe von Lehen an geistliche und weltliche Würdenträger festigten die Machtverhältnisse. So schenkte Kaiser Heinrich II. 1007 dem Bi­schof Egilbert von Freising die Güter Oberwölz, Lind und Katsch.

Aus einem solchen karolingischen Curtis des 8. Jahrhunderts ist später der Irdninger Meierhof hervorgegangen. Dieser, der bestehenden, im Gebiet Al­tirdnings zu lokalisierenden Slawensied­lung gegenüber gelegen, stand im Besitz nicht des Salzburger Erzbischofs, son­dern des Landesfürsten – also ursprüng­lich des bairischen Herzogs, ab 788 des fränkischen Königs – und ging in weite­rer Folge auf die Markgrafen bzw. Her­zöge der Steiermark über.

Der rote Pfeil zeigt die Lage des Klosters.

Mission mit Kreuz und Schwert

Daß kirchliche Missionierung und weltli­che Herrschaftsausübung eng miteinan­der verquickt waren und die Entsendung von Glaubensboten gleichzeitig eine po­litische und sogar wirtschaftliche Einflußnahme darstellte, hatte schon provinzialrömische Tradition. Der enge Konnex zwischen Klerikern, Beamten und Militär war seit dem 6. Jahrhundert eine Notreaktion auf die immer größere Bedrängnis der römischen Grenzen durch fortwährende Raubzüge von „Bar­baren“ und durch den Druck der in Be­wegung geratenen germanischen Völker aus dem Norden und Osten. Mit dem Mailänder Edikt Kaiser Konstantins im Jahre 313 war das Christentum aner­kannt und schließlich 352 Staatsreligion geworden; führende christliche Beamte und Militärs des römischen Imperiums übernahmen ebenso Kirchenämter wie andererseits wenig später Kleriker staat­liche Hoheitsaufgaben oder Lehen emp­fingen. Ein unaufhaltsames Durchdrin­gen und Aufgehen der versinkenden an­tiken Welt in die sie überlagernde christ­liche erfolgte, und damit die Übernahme römischer Werte durch das Christentum. Die politische Gliederung Roms wurde zur Grundlage der jungen Amtskirche.

Unter Kaiser Julian (360–363) verwal­teten Prätorianerpräfekten als höchste römische Zivilbeamte die ihnen zuge­wiesenen Territorien, die Präfekturen des römischen Reiches. Diese waren in von Vikaren geleitete Diözesen untergliedert, die jeweils wiederum aus mehreren Pro­vinzen bestanden. Unmittelbar nach dem Tod des Kaisers Theodosius I. (395) er­forderte die zunehmende Bedrohung der italisch-illyrischen Präfektur von Norden und Osten her dringend den Austausch ziviler Vicarii (lat. für „Stellvertreter“, heute ein Klerikerrang) durch hohe Mili­tärs im Range von Comites („Begleiter“, heute das Adelsprädikat „Graf“). Unter diesen wiederum leiteten Duces („Füh­rer“, später für „Herzog“) als Befehlsha­ber die Grenztruppen. Dies macht ver­ständlich, daß eine beträchtliche Anzahl frühchristlicher Heiliger ursprünglich Soldaten gewesen waren:

Mamertinus war ursprünglich Militär­tribun und Zivilgouverneur, bevor ihn seine Mitbürger in Favianis (Mautern) zum Stadtbischof wählten, der seine bis­herigen Aufgaben in Verwaltung und Verteidigung unter den geänderten Um­ständen des Rückzugs der römischen Staatlichkeit weiter unter jetzt christli­chen Insignien wahrnahm. Severin (410–482) war zuerst Vir illustrissimus des rö­mischen Senatorenstandes, bevor er um 457 als Magister militum (d.i. etwa „Feld­marschall“) die Verteidigung der donau­ländischen Provinzen befehligte. Als sol­cher hat er auch Politik betrieben, ebenso wie seine Zeitgenossen, die Bischöfe Pau­linus von Teurnia (nach 472) und der zur Spitze der einheimischen Oberschicht zählende Constantius von Lauriacum (nach 472/476 bis nach 482), Neffe des heiligen Antonius. Mit dem Verfall der politischen Orga­nisation des römischen Reiches trat an die Stelle der Weltentsagung als christli­ches Lebensideal nun ein die staatliche römische Machtstruktur übernehmendes Christentum. Die Weltkirche Roms war nicht länger nur ein dogmatisch-religi­öses Glaubenssystem, sondern war zur staatsformenden Kraft inmitten des poli­tischen Verfalls des Europa der Völker­wanderungszeit geworden.

Mit dem Dahinschwinden des römi­schen Imperiums war das Streben, zum römischen Adel zu gehören, zugunsten des Kirchenadels immer geringer gewor­den. Während noch um 440 der in den geistlichen Stand Eintretende die „Ehre des Adels“ verlor, seine senatorische Standesqualität, galt bereits eine Genera­tion später der einfache Kleriker mehr als der höchste weltliche Würdenträger. Der häufige Übertritt von wichtigen Mitglie­dern der Oberschicht in den geistlichen Stand, ihre Bereitschaft, „die Locken zu verlieren“ und Bischöfe zu werden, ver­ringerte auch den sozialen Abstand zur Mehrheit der Bevölkerung; sie waren da­mit wahre Volksführer und Häupter ih­rer Stadtbezirke geworden, deren Selbst­verteidigung nicht mehr von Rom oder Ravenna angeordnet oder gar bezahlt wurde. Die Miles, Soldaten, kämpften damals als Commilitones, als Kamera­den im genossenschaftlichen Verband, unter der Führung des Bischofs einen – längerfristig gesehen aussichtslosen – Kampf um die eigene Heimat, ja um die eigene Haut. Die Bischöfe hatten das Er­be Roms angetreten und galten zu Recht als dessen Repräsentanten. Die missionierenden Kleriker dieser Zeit und des Frühmittelalters wußten das Schwert ebenso zu schwingen wie das Weihrauchfaß, denn es herrschten dazumal rauhe Sitten; die Missionsprie­ster saßen nicht bloß im Pferdesattel si­cher, sondern waren Magistri, Speziali­sten in mancherlei Wissensgebieten und rare Schreibkundige. Der in Pannonien wirkende Salzburger Archipresbyter Alt­frit war als „Meister jeder Kunst“, etwa auch als Baumeister und Architekt tätig, ein Priester Swarnagal galt als berühmter Gelehrter.

Während die Völkerwanderung dem weströmischen Reich den Todesstoß gab und dessen Territorien in weiten Teilen Süd- und Westeuropas über lange Zeit auf ein kulturell erschreckend niedriges Niveau zurückwarf, konnte in der Zeit des 5. bis 10. Jahrhunderts in einigen po­litisch und geographisch entlegenen Randzonen wie etwa Irland und der Pro­vence das spätantike und frühchristliche Erbe bewahrt und zum Teil sogar weiter­entwickelt werden, um seinerseits dann in die in Mitteleuropa entstandene Kul­turwüste Glaubens- und Kulturboten zu entsenden. Das frühe Christentum, das nach Zeiten der Verfolgung unter dem heidnischen Rom die maßgebliche Reli­gion geworden war, war durch diesen Völkersturm weitge­hend vernichtet worden, ebenso wie viele Kulturtechni­ken und zivilisatori­sche Errungenschaf­ten aller Art, vom Lesen und Schreiben bis hin zur Metallbe­arbeitung sowie der Baukunst, von den „schönen Künsten“ ganz zu schweigen.

Nichts war mehr wie zuvor. Auch die neuen Mächte er­reichten erst nach Jahrhunderten wie­der annähernd ein Kultur- und Zivilisationsniveau, wie es in den ruhigen Perioden der antiken Rö­merzeit Allgemeingut gewesen war. Die Eroberer vermochten der hochentwickel­ten antiken Kultur wenig entgegenzuset­zen. Sie erkannten deren Vorzüge auch bedingungslos an und trachteten, sie zu übernehmen. In vielen Provinzen blieben die gesamte Verwaltung, der Handel und alles, was Lesen und Schreiben voraus­setzte, römisch organisiert. Latein blieb die Rechts-, Verwaltungs-, Unterrichts und Wissenschaftssprache. Die wenigen Gebildeten waren für die jungen neuen Staatsgebilde höchst begehrte Ratgeber und Helfer, wobei es sich bei diesen Viri docti, diesen Gelehrten, fast ausnahms­los um Kleriker handelte, die gleichzeitig als Glaubensboten einer erneuten Chri­stianisierung den Weg ebneten. Zum Gutteil begann diese Bekehrung im Hof­staat der von Residenz zu Residenz zie­henden germanischen Könige bereits in Zeiten, in denen Mitteleuropa unter den prekären Verhältnissen der Völkerwan­derung litt und die Glaubenszentren Rom und Byzanz für ihr Überleben Sorge tragen mußten, weshalb sie ihren Glau­bensauftrag „Gehet hin und lehret alle Völker“ nur bedingt erfüllen konnten.

Die eigene staatliche Organisation der halbnomadischen Fürsten hatte kaum et­was zu bieten, was dem durchorganisier­ten Staatsapparat Roms entsprach. Das frühe Frankenreich war weniger ein Staat als eine durch Gefolgschaftstreue ver­bundene Gemeinschaft von Stämmen, die ihrerseits weitgehend nach eigenem Recht lebten. Es fehlte ein zentralistisches „Rom“, regiert wurde vom Sattel und später von Pfalzburgen aus, den peri­odisch benutzten Absteigequartieren der Reiterfürsten. Das Verschmelzen der römischen Zivi­lisation, des Christentums und des Kel­ten- und Germanentums zu einer neuen „abendländischen“ Kultur erfolgte ab dem Ende des 5. Jahrhunderts unter zu­nehmender Abgrenzung vom byzantini­schen Osten. Konnten die fränkischen Merowinger (486–751) sich noch lange der römischen Verwaltung, ihrer Syste­me und ihres Wissens bedienen, welche speziell in der lateinischsprachigen Pro­vence Südfrankreichs am längsten über­lebten, so war zur Zeit Karls des Großen und seiner Nachfolger nur noch die Geistlichkeit Träger der „Schriftsprache“ und damit der Gelehrsamkeit und der Wissenschaft.

Das neu erworbene Christentum wur­de zunächst mehr als magisch wirksamer Abwehrzauber und weniger als ethisch-religiöser Anspruch begriffen. Getragen wurde es von gallisch-irischen Westeuro­päern, welche zwar stammesgeschicht­lich den Machthabern näherstanden als die Römer, doch nicht deren staatstra­gendes Organisationsvermögen besaßen. Erst die Gründung des Frankenreichs (Chlodwig I., 482–511) und seine stetige Entwicklung bis zum Imperium Karls des Großen (768–814), begleitet von der fortschreitenden Christianisierung der vorwiegend germanischen Bevölkerung, schufen mit der Zeit die Grundlagen, die nötig waren, um das politische und kul­turelle Erbe Roms anzutreten. Zwar war die Missionierung durch irische Glau­bensboten aufgrund des viel zu geringen Angebots an „Arbeitern im Weinberg“ erwünscht, letztlich aber war die organi­satorische Einflußnahme Roms auf die fränkische Kirche ausschlaggebend und für die Machthaber zum Aufbau eigener staatlicher Strukturen zweckmäßig. Par­allel dazu unterstellte sich Rom dem Schutz des Frankenreichs, und in dieser Kombination gelang es Karl, die Chri­stianisierung als Mittel zur Steigerung und Konsolidierung der Staatsmacht ein­zusetzen. Die zukünftige Folge dieser ge­genseitigen Einflußnahme sollte aller­dings der Dauerstreit zwischen Kaiser und Papsttum werden, für Jahrhunderte das Hauptthema der abendländischen Politik.

Die religiösen Unterschiede zwischen Heiden und Christen, zwischen Sekten und Abspaltungen waren nur in eklatan­ten Fällen Anlaß zu immer wiederkeh­renden Kämpfen, deren Ursache zualler­erst eine dauernde Raubgier war. Die Goten und Rugier waren zwar Arianer2, aber darum noch keine Feinde der katho­lischen Kirche. Ferderuch, der Bruder des Rugierkönigs Feletheus, hatte an­schauungsmäßig nichts gegen die Seve­rin-Gemeinschaft und ihr Kloster, doch ließ es ausplündern. Bieder meinte er nur, nach dem Tod des Heiligen auf all dessen Wertgegenstände Anspruch zu haben, und nahm sie als Beute über die Donau mit. Zum Teil waren die Ober­schichten noch heidnischer Stämme be­reits getauft, doch selbst wenn um 400 der Stamm der Sueben sich zum Chri­stentum bekannte, so benahmen sich sei­ne Krieger bei ihrem Überfall auf Passau nicht weniger heidnisch als Alamannen und Thüringer. Berüchtigt war auch die Wildheit der Heruler, die nach 488 – an­geblich zusammen mit Franken und Sachsen – die pannonischen Provinzen verheerten. Daß der Trientiner Bischof Vigilius einer heidnischen Bauernschar zum Opfer fiel, weil er allzu unbeküm­mert ihr Götzensymbol stürzte, ist da durchaus verständlich, und daß der Pres­byter von Ioviaco/Aschach als bestes Beutestück zu Ehren des Heidengottes Esus in einem Baum erhängt wurde, mag den Herulern als angemessenes Dankop­fer erschienen sein.

Die Stärkung der Rechtgläubigkeit selbst von Führungsschichten, die schon generationenlang Christen waren, war immer wieder vonnöten, da ein Abglei­ten ins Sektiererische speziell in Verbin­dung mit politischen oder wirtschaftli­chen Ursachen häufig war. So mußte Ru­pert, der „Apostel Bayerns“, die bajuwa­rische Führungsschicht nicht etwa neu taufen und bekehren, sondern ihre be­drohte Glaubenseinheit stärken. Religi­öse und politische Kräftekonstellationen wurden damals vorwiegend von einzel­nen hervorragenden Persönlichkeiten be­stimmt. Die Einsetzung des mit päpstli­cher Missionsvollmacht ausgestatteten Angelsachsen Bonifaz spielte in die karo­lingisch-agilolfingischen Familienver­hältnisse und die davon abhängige Poli­tik ebensosehr hinein wie das Bemühen der römischen Amtskirche um den Zu­sammenhalt der ihr anvertrauten Gläubi­gen. Als politisches Gegengewicht zu dem eher romtreuen Bonifaz wurde der Ire Virgil von den Franken als Bischof von Salzburg favorisiert.

Das von der weltlichen Macht geför­derte kirchliche Ziel der Bekehrung war in der Regel mit der gleichzeitigen Ak­zeptanz politischer Einflußnahme durch die Missionare verbunden. Mission und zugleich eine von der Geistlichkeit getra­gene Machtausweitung stellte nach da­maligem Verständnis keinen Wider­spruch dar. Als nach damaligen Bil­dungsmaßstäben hochgelehrte Männer vertraten diese gleichzeitig mit ihrer Be­kehrungstätigkeit auch die Herrschafts­ansprüche ihrer Entsender und nahmen größten Einfluß auf nichtreligiöse und politische Belange. Solange die Franken die politische Oberhoheit über die Baju­waren und somit über deren Ausbrei­tungsgebiete nach Süden und Osten in­nehatten, war es für sie selbstverständ­lich, das religiöse und politische Gesche­hen dort durch Kleriker ihrer Wahl zu steuern.

Die vergleichsweise späte Missionie­rung der Slawen war durch die politische Entwicklung geprägt: Baiern selbst war als Herrschaft in sich noch nicht gefe­stigt; zahlreiche Niederlagen, die es bei seinen Angriffen auf Karantanien hin­nehmen mußte, verzögerten hier auch das Wirken der aus oder über Baiern kommenden westeuropäischen Missio­nare. Eine erste „offizielle Mission“ unter der Führung des Modestus (nachmals „Apostel der Steiermark“ benannt) er­folgte bald nach dem Herrschaftsantritt des Karantanenfürsten Cheitumar 751. Da ein Missionsbischof neben seiner geistlichen Tätigkeit stets auch innenpo­litische Aufgaben wahrnahm, etwa den Aufbau einer Verwaltung nach bairi­schem Muster oder die Beratung bei Re­gierungsgeschäften, dürfte Modestus’ Tod Anlaß zur Hoffnung vieler von den fremden Segnungen nicht überzeugter Karantanenslawen gewesen sein, bei die­ser Gelegenheit die fremde Einflußnahme abschütteln zu können. Nach dem Tod des Modestus gab es mehrere Karanta­nenaufstände, die als Carmula berichtet sind, womit nach damaligem bairischen Rechtsverständnis eine Rebellion gegen den Agilolfingerherzog gemeint war. Denn die Christianisierung war nicht nur eine Angelegenheit zwischen der Salz­burger Kirche und den Karantanenfür­sten, sondern wurde gleichzeitig als de­ren lehensrechtliche Bindung an den bai­rischen Herzog verstanden.

Um das Jahr 800 waren die Völker Mit­teleuropas vom Mittelmeer bis zur Ost­see zwar nominell dem Christentum ge­wonnen, doch gab es hier und da noch Einsprengsel des alten Glaubens: In den alpinen Grenzgebieten zwischen Baiern, Karantanen und Awaren, aber auch in den Berggegenden des Harzes, in den Moorgebieten der unteren Elbe, der Saale und in den Friesengauen. Von Rom aus wurde dieses Gebiet jedoch als christlich-katholisches Land mit straffer kirchlicher Organisation gesehen, welche dafür sor­gen sollte, daß die letzten Überbleibsel heidnischen Glaubens bald verschwan­den.

Dahin, daß das Christentum von den Menschen als Teil ihres ureigenen Seins verinnerlicht wurde, bedurfte es noch Jahrhunderte. Träger dieser Pastoralar­beit waren zum größten Teil Mönche und auch der niedrige Klerus. Die hohe Geist­lichkeit konnte diese Aufgabe nicht über­nehmen, denn die fränkischen Machtha­ber besetzten die Bischofsstellen mit ih­nen Vertrauten vorwiegend aus dem Adel oder gebildeter Herkunft, als zu­verlässige Verwalter ihrer Politik. Nach der Eignung für das Kirchenamt wurde nicht groß gefragt, denn nur wenige Hei­mische – Franken, Baiern, Schwaben, fallweise auch zuverlässige Sachsen – waren vorhanden, um durch Befehlsge­wohnheit die Autorität zu besitzen, ihre Aufgaben als Bischöfe wahrnehmen zu können, auch wenn sie nicht die Bildung und Lebensführung aufwiesen, um Vor­bild für ihre Gemeinden zu sein. Die we­nigen gelehrten Fremden aber benötigte Karl der Große in seiner Hofkanzlei, in den Pfalzen, für seine großen Schulen.

Die Pfarren der Gemeinden und die Eigenkirchen der Adels- und Königsgü­ter aber mußte man besetzen, so gut es eben ging. Von dieser niederen Geistlich­keit, die ihre religiösen Aufgaben zusätz­lich zu einem Broterwerb ausübte, ging kaum ein pastoral-erzieherischer Einfluß aus. Spätere Ansätze zu einer von der Kirchenhierarchie ausgehenden Volks­seelsorge wurden durch die langjährigen Wirren nach Karls Tod zunichte ge­macht, denn der Bischof und Erzbischof war jetzt vollends Weltmann und Politi­ker, der zusehen mußte, sich in den poli­tischen Machtkämpfen zu behaupten. Ei­ne geistig-überzeugungsmäßige Veran­kerung des Christentums im einfachen Volk war zwischen 700 und 1000 daher vor allem dem Wirken von Mönchen zu verdanken.

 

Irische Mission in Mitteleuropa

Abgesehen vom Wirken angelsächsi­scher und westfränkisch-gallischer Kleri­ker erfolgte die Christianisierung West-und Mitteleuropas in der Zeit vom 6. bis zum 8. Jahrhundert in beträchtlichem Umfang durch die Missionstätigkeit von Clerici vagantes („Wandermönchen“) der iro-schottischen Kirche, welche die Glau­bensverbreitung unabhängig von der rö­mischen Amtskirche nach ihrer eigenen Liturgie und Gutdünken wahrnahmen. Die ab dem 7. Jahrhundert einsetzende Mission im ostfränkisch-bajuwarischen Raum durch die Scoti, wie die iro-schot­tischen Mönche auf dem Festland ge­nannt wurden, kam der gezielten und wohlüberlegten Strategie der fränkischen Machthaber entgegen. Vermutet werden als politische Beweggründe für die Ka­rantanenmission neben dem bajuwari­schen Wunsch nach eigener Einflußaus­weitung auch das fränkische, speziell Pippins Interesse an besserer Kontrolle des nordöstlichen Vorfeldes der Lango­barden auf der Alpensüdseite mit seinen wichtigen Pässen. Da erst mit dem kai­serlichen Entscheid von 811 die Abgren­zung der Einflußbereiche der Bischofssit­ze Salzburg und Aquileia durch die Drau festgelegt wurde, war die Errichtung von Missionsklöstern beiderseits des Ostal­penhauptkamms wesentlicher Teil der politischen Agenda.

Als einer der bekanntesten iro-schotti­schen Wandermissionare hat Columban „der Jüngere“ (540–615) mit seiner Pere­grinatio eine Rechristianisierung auf dem europäischen Festland angestoßen; die wieder ins Heidentum abgeglittene gallo-römische Landbevölkerung west­lich des Alpenbogens bekehrte er erfolg­reich aufs Neue, wobei er die in seiner irischen Heimat übliche Form des Chri­stentums lehrte. Zur Zeit des spätrömi­schen Reiches war das Christentum hauptsächlich in den Städten und größe­ren Siedlungen präsent und nur spora­disch auf dem Land. Im Gefolge dieser erfolgreichen iro-schottischen Mission sorgte im 7. Jahr­hundert eine hauptsächlich vom fränki­schen Adel getragene Bewegung für die Gründung von ungefähr 300 neuen Klö­stern – zunächst des Benediktinerordens – als geistliche Zentren, womit die Be­wohner des ländlichen Raumes erstmals direkt erreicht wurden. Durch ihr land­wirtschaftliches Wissen und ihre Wirt­schaftsinitiativen waren diese Klöster prägend für das Entstehen einer europä­ischen Kulturlandschaft.

Seit Beginn ihrer Mission sahen es die irischen Wanderprediger und Mönche als ihre ureigene Aufgabe an, den Heiden das Evangelium nahezubringen, wobei sie vor allem die Nähe zum einfachen Volk suchten, dessen Mentalität ihnen aufgrund der eigenen ländlichen Her­kunft vertraut war. Eine Billigung oder gar Beauftragung durch Rom und die rö­mische Geistlichkeit oder kirchen- und machtpolitische Überlegungen, wie sie Vertreter der englischen und der galli­schen Kirche anstellten, dürften für die Männer, die sich zuvorderst als zur Nachfolge Christi in dienender Rolle be­rufen verstanden, kein Thema gewesen sein. Da aber viele von ihnen lesen und schreiben konnten, wurden sie gerne von den Machthabern der Gastländer mit Aufgaben der Glaubensverbreitung und der Verwaltung betraut. Ihr Feuereifer und ihre sich nicht nur auf Glaubensdinge beziehende Streitlust verstrickte die irischen Kleriker immer wieder in Auseinandersetzungen. Als Abkömmlinge echter Kelten waren sie Individualisten, die originelle eigene An­sichten entwickelten und Widerspruch liebten. Diese ordnungswidrige Nonkon­formität führte zu manch politischen Händeln und auch zu Vertreibungen, wie etwa jener von Sankt Columban aus dem Frankenreich durch König Theude­rich. Ebenfalls gab es immer wieder gra­vierende religiöse Auffassungsunter­schiede und ernste Konflikte mit Rom. So wurde den irischen Äbten wie auch den keltischen Christen in Frankreich und Nordwestspanien vorgeworfen, daß sie das Osterfest nicht am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond feierten, son­dern nach griechischem Ritus am dritten Tag danach. Auf dem Konzil von Whitby im Jahr 663 wurde dieser liturgische Zwist zwischen keltischer und römischer Kirche, der sogenannte Osterstreit, zugunsten der letzteren entschieden.

Ein anderer Dorn im Auge Roms blieb der unstreitige Missionierungserfolg der Iren von ihrem Zentrum Iona aus im Wettstreit mit der römisch ausgerichte­ten Kirche Englands, die in Canterbury ihren Hauptsitz hatte. Ausgehend vom Kloster Lindisfarne, welches der Nach­folger Columbans I., Abt Aidan, gegrün­det hatte, gewann die keltische Kirche zudem Einfluß im britischen Northum­bria und bekehrte auch einen Großteil der germanischen Bevölkerung nördlich des Hadrianswalls. Von den zahlreichen iro-schottischen Missionaren sind namentlich Eustasius (gest. 629), Killian (gest. 689), Pirmin und der Mönch Gallus (gest. 645) aus dem Gefolge des Columban bekannt. Auf­grund einer Erkrankung begleitete Gal­lus seinen Abt nicht weiter, sondern blieb zurück. Aus seiner kleinen Einsiedelei entstand im Jahr 614 das bekannte Klo­ster Sankt Gallen im Bodenseeraum. Zeitgleich in der Mission tätig waren bei den Bajuwaren auch westfränkische Kle­riker wie der Bischof von Poitiers, Em­meran (gest. 652), und Corbinian, der spätere Bischof von Freising (gest. 730).

Die Heiligenlegenden sprechen von Baiern als einem um die Mitte des 8. Jahr­hunderts bereits bekehrten Land, trotz der Klage, daß das bairische „Christen­tum jung und von Heiden wie Häreti­kern bedroht“ sei. Diese Zustandsschil­derung stimmt mit den Beobachtungen Bonifaz’ eine Generation nach Emmeran, Rupert und Corbinian noch immer über­ein. Eine spätere Phase irischen Wirkens im 11. Jahrhundert betraf die sogenann­ten Schottenklöster, die aber bereits nach den Ordensregeln Benedikts geführt wurden. Auf Initiative des 1070 nach Re­gensburg gekommenen Iren Marianus Scottus gründeten dessen asketisch le­bende Mönchsgemeinschaften mehrere Klöster in Mitteleuropa, das östlichste davon sogar in Kiew.

Christentum im irischen Verständnis

Irland war als einziges Land Westeuro­pas stets frei von lateinischer Zivilisation und von römischer Herrschaft, deren po­litische, gesellschaftliche und wirtschaft­liche Strukturen das übrige Europa wie auch später die hierarchische Organisati­on der römischen Kirche bestimmten. Vereinzelt werden zwar zur Spätzeit der römischen Herrschaft Britanniens bereits Priester von Albyn (England) nach Irland gekommen sein, doch erfolgte die irische Christianisierung letztendlich durch den heiligen Patrick (385/89–461) und durch einen einheimischen Klerus mit einem beträchtlichen Anteil an übergetretenen Druiden in seinen Reihen, die den neuen Glauben vielleicht nur als Ergänzung zu ihrer bisherigen Sicht verstanden.

Die Vita von Columban dem Älteren / Colum Cille (522–597) ist archetypisch für einen irischen Kleriker, einen Scotus: Der „Crimthann“ ( „Fuchs“) genannte Clanangehörige der nördlichen Uí Néill (O’Neill) begann seine geistliche Lauf­bahn mit dem frühen Eintritt in das Klo­ster des Finnian von Clonard und grün­dete die Klöster in Durrow und Doire (Co. Derry) sowie ca. 50 weitere, kleinere Kirchen in Irland und Schottland.

Als streitlustiger Kelte löste Columban einen „Bücherkrieg“ aus, als er heimlich ein Buch des heiligen Finnian von Movil­le aus dessen Bibliothek in Drumm Finn abschrieb und es in der weiteren Folge zu einer Schlacht zwischen Colum Cilles Sippe und dem Hochkönig Diarmait mac Cerbaill kam. Columban wurde vorüber­gehend exkommunziert und begab sich 563 oder 565 ins Exil nach Alba (Schott­land). Mit zwölf Gefährten gründete er dort ein Kloster auf der Insel Iona, von dem aus er bei den Pikten Schottlands missionierte. Angesehen und hochgeehrt kehrte er später mehrmals nach Irland zurück und wirkte als Ratgeber und Ver­mittler an dortigen Königshöfen. Nach späteren Hagiographien habe er die Ver­treibung der Filid (Dichter) aus Irland verhindert und sei der Schöpfer lateini­scher und altirischer Kirchenhymnen.

Während auf dem europäischen Fest­land das Ende des Römerreichs und die Völkerwanderungszeit eine Stagnation, ja einen Rückschritt in religiöser, kultu­reller und zivilisatorischer Hinsicht mit sich brachten, blieben in Irland altherge­brachte Gebräuche und das Wissen der Druiden erhalten und wurden unter christlichen Vorzeichen weiterentwic­kelt. Die Filid, vorchristlich-keltische In­tellektuelle, erforschten von hochgelege­nen Orten aus die Geheimnisse des Him­mels, den Lauf der Gestirne, der Natur und der Götter. Unter christlichen Vor­zeichen führten Mönche diese Tradition an denselben Plätzen weiter, die nun dem Erzengel Michael geweiht waren, wie Monte Sant’Angelo und das Marien­heiligtum bei Cividale (vormals dem Erzengel zugedacht) in Italien, die Insel Mont-Saint-Michel in Frankreich, aber auch St. Michel d’Observatoire (!) in der Provence, St. Michael in Cornwall und als westlichster Punkt Europas die Insel Skellig Michael vor der irischen Halbin­sel Kerry. All diese Stätten standen trotz der räumlichen Distanzen in einem inne­ren Zusammenhang miteinander, mit ähnlichen Zielsetzungen und Forschun­gen. Die Sankt-Michael-Patrozinien der Klöster Mondsee und Mattsee, des Klo­sters Honau auf einer Insel im Rhein (ge­gründet 772) und anderer sind desselben Ursprungs und standen so wie St. Peter in Salzburg unter irischem Einfluß.

Läuterung durch Askese und harte Le­bensbedingungen und gemäß den Vor­bildern der frühchristlichen Wüstenväter in Abkehr von der Welt in mystischer Gottesschau in ferner Einsamkeit zu le­ben, sahen die christlich-irischen Ana­choreten als Lebensziel, um nicht nach biblischer Vorstellung „durch ein Ge­bundensein an festen Ort Körper und Geist erschlaffen zu lassen“. Oftmals leb­ten innerhalb einzelner Klöster rigorose Einsiedler noch in abgesonderter Klau­sur von ihren Mitbrüdern ausschließlich der Besinnung und dem Gebet. Ähnliche Extrembeispiele solcher mönchischen Weltflucht stellen noch heute die Meteo­raklöster in Griechenland sowie buddhi­stische Klöster wie Taktsan („Tigernest“) in Bhutan dar; lagemäßig sind sie noch übertroffen vom Kleinkloster auf der At­lantikinsel Skellig Michael. Buchstäblich auf die Spitze getrieben wurde dort das Bedürfnis nach Abgeschiedenheit in Form einer vom Kloster nochmals abge­sonderten Klause auf dem Südgipfel der Insel, welche nur über einen gefährlich ausgesetzten Klettersteig erreichbar ist.

Der Überlieferung nach wurde in dem vom irischen Abt Màel Ruain (gest. 792) gegründeten Orden von Mönchseremi­ten, der Célí Dé, anglisiert Culdees („Die­ner Gottes“), einem ausgeprägten Mari­en- und Michaelskult gehuldigt. Als Abt von Finglas eines der beiden Häupter der Célí Dé, nahm der Ire Dupliter an der zweiten Salzburger Karantanenmission teil und könnte zwischen 774 und 776 in Karantanien gewirkt haben. Damit ist ein Bezug Dupliters und Gleichgesinnter zur Eremitage auf dem Glattjoch denkbar. Diese eigenartigen individuellen Kloster­liturgien und ihre höchst strengen Vor­schriften ließen sich kaum mit dem rö­misch-hierarchischen Kirchenverständ­nis verbinden. Als „aus einer wilden Wurzel stammend“ verunglimpft, erreg­te diese irische Form von Religiosität An­stoß in Rom, und so ist es nicht weiter verwunderlich, daß bisher nur zwei der vielen sonst in Irland bekannten Heiligen „zur Ehre der Altäre“ im römisch-katho­lischen Heiligenkosmos erhoben wur­den.

Im Gegensatz zu der römisch ausge­richteten Ordnung der angelsächsischen Kirche Britanniens fehlte der keltischen Mönchskirche insgesamt eine einheitlich gültige Struktur in Form und Leitung; der Interessenabstimmung der römi­schen Kirchenhierarchie mit der weltli­chen Politik hatte der individuell gepräg­te keltische Klerus nichts Adäquates ent­gegenzusetzen und mußte sich somit im Laufe der Zeit allmählich den Vorgaben Roms anpassen.

Die irischen Individualkleriker erwar­ben sich durch die Bekehrung des einfa­chen Volkes große Verdienste, erfuhren aber in der religionspolitischen Ge­schichtsschreibung bis auf Ausnahmen nicht die gleiche Würdigung wie die rombezogenen Missionare aus Britanni­en und Gallien. Denn die Wandermön­che waren selbstbestimmte Liberi (Freie nach der baierischen Lex) und pilgerten und missionierten nach ihrem eigenen Gutdünken, gegebenenfalls aufgrund ei­nes generellen Auftrags. Als irische Kon­kurrenz zur päpstlichen oder erzbischöf­lichen Sendung wurden die Peregrini samt ihren Kleinklöstern und Einsiede­leien in ihrer Eigenständigkeit seitens der Kirche Roms als quasi „illegal“ ange­sehen, auch wenn ihre Existenz für die kirchen- und machtpolitische Agenda of­fiziell unerheblich war. Dennoch konn­ten nach der Pionierzeit der abendländi­schen Heidenmission und nach erfolgter Glaubensfestigung, zu der alle christli­chen Kräfte gebraucht worden waren, solche Eigenständigkeiten irisch-kelti­scher Herkunft seitens Roms nicht länger geduldet werden. Spätestens mit der cluniazensischen Klosterreform des 12. und 13. Jahrhunderts kamen diese „aus wilder Wurzel hervorgegangenen“ irisch-christlichen Kleinklöster und Ere­mitagen ab zugunsten disziplinierter, mächtiger Orden wie der Benediktiner, Zisterzienser, Kartäuser, Augustiner- Chorherren und später der Dominikaner. „Wie die Gewohnheit dem Wohnen und der Seßhaftigkeit verwandt ist, so kön­nen sich Recht und Gesetz nur dort ent­wickeln, wo Beständigkeit herrscht“, denn „wo Stabilität ist, dort ist Religion“, hieß es da. So konnte es geschehen, daß die Iren, die frühchristianisierten gelehr­ten Söhne des heiligen Patrick, im Hoch­mittelalter als Barbaren und Wilde, als Outsider verspottet, ja gehaßt wurden, weil sie sich als Unstete nicht in die römi­sche Organisationsstruktur einfügten und zudem mit ihrer abwegigen Liturgie eine zu erfolgreiche Missionskonkurrenz des römisch ausgerichteten Klerus wa­ren. Die autoritäre Zentralkirche stellte nicht zum letzten Mal Konformität über Frömmigkeit.

Keltisch-christliche Kleinklöster und Einsiedeleien als Vorposten der von Salz­burg ausgehenden Missionierung im teils herrenlosen, teils umkämpften Ostalpenland des ehemaligen Noricum waren politisch sicherlich so lange ak­zeptiert oder erwünscht, wie die Positiva wie Bekehrung der Heiden und Einflußnahme auf die Bevölkerung zur Stärkung der höchst labilen Herrschafts­strukturen dieser Zeit den abweichleri­schen Individualismus dieser eigenarti­gen Heiligen überwogen.

 

Ursprung und Entwicklung der Oratories

Während Kragkuppelbauten mit run­dem (zentrisch-symmetrischem) Grund­riß seit dem Neolithikum errichtet wur­den, waren Kragwölbungsbauten mit rechteckig-gestrecktem (linear-symme­trischem) Innenraum nach bisherigem Wissen lediglich in zwei Regionen Euro­pas anzutreffen, nämlich in West- und Mittelirland und andererseits in Süd­westfrankreich und auf den Balearen. Die frühgeschichtlichen Navetas aus der Zeit 1300–820 v. Chr. waren Grabanla­gen, die Oratories in Irland aus dem 6. und 11. Jahrhundert dienten der Medi­tation und dem Gebet. Die Bories Süd­frankreichs waren eine bodenständige Bauform, die als Cabanes gauloises, als „gallische Hütten“, bereits zur Zeit der Eroberung dieses Gebietes und seiner Einverleibung als Provincia Narbonensis in das römische Imperium bekannt wa­ren.

Frühchristliche irische Wallfahrer ka­men über den Ärmelkanal und reisten auf den sicheren römischen Verkehrswe­gen entlang der Flüsse Loire und Rhône durch gallo-römisches Gebiet südwärts zum Mittelmeer, um hier in Küstennähe auf den vorhandenen Staatsstraßen nach Rom oder weiter zu den biblischen Stät­ten des Orients zu gelangen. Auf ihrem Weg kamen sie durch diese gallischen Dörfer und errichteten nach dem Bau­prinzip der dort gesehenen Bories in ih­rer Heimat Oratories genannte Gebets­räume, die durch die rechteckig-ge­streckte Raumordnung und die Ost- Westorientierte Ausrichtung den liturgi­schen Anforderungen entsprachen, was bei den üblichen runden Bienenkorbhüt­ten nicht gegeben gewesen war.

Glattjochkapelle – ein irisches Oratory!

Der adelige und schon als Abt von Agha­boe berühmte Ferghal „der Geometer“ war 743 auf Einladung des fränkischen Hausmeiers Pippin III. in das Franken­reich gekommen und war, latinisiert jetzt Virgilius genannt, bereits 749 oder 755 als 7. Bischof von Salzburg inthronisiert worden. Virgil sandte in der Folgezeit mehrere „offizielle“ Missionarsgruppen ins Gebiet seines Salzburger Tätigkeits­bereichs, das sich vom Inn im Westen bis zu Drau und Save im Südosten erstreck­te. Parallel dazu waren einzeln auftreten­de Scoti, wie etwa der heilige Amandus und zahlreiche ungenannt gebliebene Kleriker, als „freie“ Missionare in der Steiermark und in Kärnten in der Sla­wenbekehrung tätig, wenn auch mit wechselndem Erfolg; denn die Bekeh­rung dieser Incredulagens der slawi­schen Karantanen war schwierig und aufgrund der andauernden Kämpfe zwi­schen Baiern und Karantanen um die Vorherrschaft in diesen Gebieten ebenso gefährlich.

Die Glattjochkapelle mit der neuen Sützkonstruktion (2008).

Die ohne viel Kontakt zu den Macht­habern missionierenden Scoti schreckten davor freilich nicht zurück. Ihr Sendungsbewußtsein und ihr friedfertiges und offenes wie unerschrockenes Auftreten erreichte das einfache Landvolk auf Augenhöhe, nicht „hoch zu Roß“, und war wohl mit ein Grund ihrer Missionserfolge. Unter manchen anderen Stätten errichteten sie im Raum Irdning-Donnersbach ein heute verschollenes, doch in alten Dokumenten erwähntes kleines Kloster, zu dem die Expositur am Glattjoch errichtet wurde. Der Bau der Klause auf dem Glattjoch läßt sich aufgrund des geschichtlichen Zusammenhangs mit Virgil und der Karantanenmissionierung auf den Zeitraum von 700 bis 900 einschränken. Die Glattjochkapelle weist exakt die Baumuster und Proportionen der in dieser Ära in Irland errichteten Oratories auf und ist die einzige ihrer Art in Mitteleuropa. Das Buch „Irische Mission in Österreich und die steirische Glattjochkapelle“ beweist durch eine lückenlose Indizienkette, daß die Anlage auf der Jochhöhe im Frühmittelalter von irischen Mönchen und Klerikern geschaffen wurde. Aus den verschiedenen Wissensgebieten und Informationsquellen, die zum Teil mit dem Thema im engeren Sinn wenig gemein zu haben schienen, letztendlich aber doch die gesammelten Erkenntnisse abrundeten, formt sich dabei schließlich eine Gesamtübersicht: Die große Zahl von Teilinformationen läßt sich ohne ei- nen einzigen Widerspruch wie ein Puzzle zu einem in sich logischen Ganzen fügen. Bis zum Beweis des Gegenteils bildet die vorliegende Darstellung daher wohl die reale historische Wirklichkeit ab.

Volker Fauler
Irische Mission in Österreich und die steirische Glattjochkapelle
192 Seiten, geb. V. F. Sammler, 2019
€ 30,00

Die Kapelle in der Gegenwart

Unbeeinflußt von Glaubens- und machtpolitischen Entwicklungen blieb die Ka- pelle am Joch viele Jahrhunderte intakt als Andachtsstätte für die hier Rast haltenden Säumer, Pilger und Wanderer. In wenigen Jahren nach dem ersten Auftreten Martin Luthers hatte ein Großteil der obersteirischen Bevölkerung den evangelischen Glauben angenommen. Mit der von den Machthabern eingeleiteten Gegenreformation zu Anfang des 17. Jahrhunderts stieg der Druck auf die hier lebenden Protestanten, die ihren Glauben bald nur mehr im Geheimen ausüben konnten. Nach der Zerstörung evangelischer Kirchen (wie etwa Neu- haus bei Trautenfels) bzw. deren Rekatholisierung wird die von der Obrigkeit schwer erreichbare Glattjochkapelle als evangelische Andachtsstätte und als Relaisstation zum Austausch von Nachrichten und Schriften sowie zur Fluchthilfe für verfolgte Glaubensbrüder ein wichtiger Bezugsort für die protestantische Sache gewesen sein. Irgendwann in den folgenden Jahrzehnten muß dieser doch offenkundig geworden und wahrscheinlich auf Anordnung der Behörden bewußt zerstört worden sein, wie die Untersuchung des Einsturzbildes ergab. Mit der Glaubensfreiheit durch das Toleranzpatent Kaiser Josefs II. Im Jahre 1781 wurde auch die Wiederherstellung der Glattjochkapelle zulässig, die wissenschaftlich ungefähr auf das Jahr 1805 datiert werden konnte. Wirtschaftliche und verkehrspolitische Entwicklungen des 19. Jahrhunderts ließen in der Folge den Ort in Bedeutungslosigkeit veröden und bis herauf in unsere Zeit in Vergessenheit sinken. Das laut einer Augenzeugin 1943 noch großteils intakte Kapellengewölbe wurde vom damaligen Viehhalter eingestürzt, da dieser das hier Schatten suchende Almvieh durch drohenden Einsturz gefährdet sah. 1994 berichtete der Almbauer J. Wallner dem Verfasser von der Kapelle und den sie betreffenden Überlieferungen und gab damit den Anlaß zur 1995 erfolgenden Freilegung, zum Wiederaufbau 1996 und zur Ausgestaltung in den Folgejahren. Eine ökumenische Segnung der wiedererrichteten Kapelle fand am 27. Juni 1998 statt. Ein Kreis von Aktiven, der sich Anfang 2017 im Verein „Kuratorium Glattjochkapelle“ zusammenschloß, trägt seither Sorge für die Kapelle, ihre weitere Erforschung und wissenschaftliche Untersuchung sowie erforderliche Reparaturmaßnahmen. Bausystembedingte Senkungen machten eine 2008 errichtete stählerne Stützkonstruktion erforderlich. Die 2013 vermutlich durch Blitzschlag beschädigte Giebelvormauer wurde wieder hergerichtet. Eine Schutztür verhindert seit 2019 das bis dahin obligate Zuwehen des Inneren mit Schnee. Seit 1998 wird jährlich jeweils am letzten Junisamstag zu Mittag eine Bergmesse an der Glattjochkapelle gefeiert.

Zum Buch Irische Mission in Österreich und die steirische Glattjochkapelle.

Anmerkungen
1. Scoti wurden die irischen Wanderkleriker im latinisierten Sprachgebrauch der Festlandeuropäer deswegen genannt, weil sich das irische Einflußgebiet auch auf das südwestliche Schottland und seine vorgelagerten Inseln erstreckte.
2. Der Theologe Arius (ca. 260–327) betrachtete die im Bekenntnis von Nicäa (325) behauptete Wesensgleichheit von Gott/Gott- Vater und Sohn als Irrlehre. Die 381 zum Dogma erhobene Dreifaltigkeit mit einem Gott gleichrangigen Sohn und dem Heiligen Geist waren aus seiner theologischen Sicht noch häretischer. Umgekehrt wurde und wird aus Sicht der Vertreter der Trinitätslehre der Arianismus als Häresie betrachtet.

 
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