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Imperium Europaeum

Leopold Ziegler formulierte schon 1948 die Vision eines „Imperium Europaeum“.

Ein Gedankenspiel

Das britische Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreiches in der EU markiert einen Wendepunkt in der jüngsten politischen Geschichte Europas. Schon vorher war das, was einmal als europäisches Haus entworfen worden war, zu einer einsturzgefährdeten Bauruine verkommen, deren Fundamente sich zunehmend verflüchtigen, während gleichzeitig der Dachstuhl in Flammen steht. Mit dem 23. Juni 2016 jedoch hat der Zerfall der EU endgültig begonnen. Aber was wäre eine Alternative zur Europäischen Union? Wie müßte sich der Kontinent organisieren, um die nach innen so fruchtbare wie span­nungsreiche kulturelle Vielfalt zu erhalten und zugleich nach außen mit machtvoller Ent- und Geschlossenheit aufzutreten? Eine Antwort auf diese Fragen könnte lauten: Europa müsse sich zu einem Reich fortentwickeln, zu einem Imperium Europa­eum.

Von Parviz Amoghli

Dies klingt zunächst gewöhnungsbe­dürftig. Zum einen, weil das herr­schende antiimperialistische Politikver­ständnis Überlegungen hinsichtlich eines neu zu schaffenden Imperiums naturge­mäß verbietet. Dem Reich – es gibt nur eines in der öffentlichen Wahrnehmung, nämlich das Dritte – haftet nichts weni­ger als das Böse schlechthin an. Es steht für staatlich organisierten Terror, Krieg und Vernichtung. Das aber ist absurd. Ganz so, als würde man die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches unter Is­lamophobieverdacht stellen, weil Karl Martell gegen die Mauren zu Felde zog. Zum anderen gelten Reiche gemeinhin als hoffnungslos veraltet. Die kollabie­renden offenen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts haben dafür nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Imperien – das war einmal. Heute ist man weiter, heute ist man im Begriff, einen Weltstaat zu errichten. Jedenfalls in Teilen der EU. In direkter Nachbarschaft zur Union ist das Reichsprinzip allerdings alles andere als ein Auslaufmodell. Beispiel dafür ist neben Rußland die Türkei, die sich im­mer weiter vom kemalistischen Natio­nalstaat weg- und auf ein erneuertes Os­manisches Reich zubewegt. Daß die Führungen in Ankara und Moskau dabei innen- wie außenpolitisch nicht gerade zimperlich vorgehen, hat je­doch mehr mit hergebrachten „asiati­schen“ Herrschaftsformen zu tun als mit einer erneuerten europäischen Reichs­idee, die weder politische Säuberungen noch „kleine grüne Männchen“ kennen würde, sondern – christlich fundiert und ohne Missionierungs- oder Expansions­drang – auf den Prinzipien von Subsidia­rität, Rechtsstaatlichkeit und politischem Ausgleich aufbaut.

Garant der Vielfalt

Die Idee von einem Imperium Europa­eum ist nicht neu. Leopold Ziegler for­mulierte sie bereits 1948. Nur versah er sie damals noch mit einem Fragezeichen: „Imperium Europaeum?“1. In Anbe­tracht des heraufziehenden Kalten Kriegs war wohl nicht mehr drin. Schon gar nicht für einen Philosophen, der nicht ab­lassen wollte von der Son­derstellung Deutschlands. Weshalb Ziegler und sein Europäisches Reich auch bald in Vergessenheit ge­rieten. Dabei wäre ein Reich weitaus besser dazu geeig­net, die Vielfalt an europä­ischen Identitäten unter ei­ner gemeinsamen Obhut zu vereinen, als eine Uni­on, die ihre Mitgliedsstaa­ten in eine am Reißbrett entstandene Zentralbürokratie zwingt. Ein Imperium Europaeum wäre nicht das Dach eines europäischen Hauses, in dem die Völker der Alten Welt, bis vor kurzem noch ohne Exit-Möglichkeit, ei­ner einheitlichen Hausordnung unter­worfen werden sollen. Vielmehr fände sich unter seinem Schirm eine europä­ische Siedlung zusammen, in der jeder Bewohner ein Grundstück sein Eigen nennt, über das er frei und selbständig verfügen kann. Dafür anerkennt er die Hoheit des Reiches, welches ihn nach au­ßen vor Feinden, nach innen in seiner Identität schützt. Oder, wie es Ziegler ausdrückt: „[…] ein solcher Zusammen­schluß allein [vermöchte] die Selbstän­digkeit wurzelhaft abendländischer Wirtschafts- und Gesellschaftsformen, wurzelhaft abendländischer Gesittung und Seinsweise zu retten […]“2

Voraussetzung dafür ist allerdings ein gesamtkontinentales metaphysisches Fundament, ein paneuropäischer My­thos, der es an Heiligkeit nicht nur mit anderen Göttern, Propheten, Ideologien und -ismen aufnehmen kann, sondern diesen sogar überlegen ist. Nur dann kann ein Imperium Europaeum funktio­nieren. Was passiert, wenn er nicht vorhanden ist, zeigt eine EU, der es von Beginn an genau daran mangelte. Sie hatte und hat kein Feuer, an dem sich ein Herz wär­men oder gar entflammen könnte. Sie verfügt weder über ein Fußballspiel wie die BRD noch über ein Utopia wie die UdSSR noch über sonst etwas, aus dem sich so et­was wie ein kontinentales Pathos und damit eine hö­here Legitimität entwic­keln könnte. Die EU ist le­diglich eine Europa-Ma­schine, die kalt und ge­fühllos den rationalen Wahn ihrer Maschinenfüh­rer exekutiert. Weshalb sie letztendlich auch chancen­los ist gegen die nationalen Widerstände aus den von ihr verwalteten Völkern und erst recht gegen einen fremden Glauben, der kei­nen anderen Gott anerkennt als den eige­nen, und dessen militanter Arm dabei ist, die Welt und Europa mit Krieg und Ter­ror zu überziehen.

Der Kampf geht dem Mythos voraus

Doch woher soll in Zeiten grenzenloser Beliebigkeit jener Europa überspannende Mythos kommen, der nach innen inte­griert und nach außen bereit sowie fähig ist, der invadierenden Gottheit zumin­dest auf Augenhöhe zu begegnen? Das wird sich zeigen. Mythen, zumal solche, auf denen Imperien gründen, las­sen sich nicht konstruieren; sie wachsen. Bevor sie das aber tun können, steht die gewaltsame Auseinandersetzung. Der Kampf geht dem Mythos voraus. Der ei­ne verleiht dem anderen erst seine meta­physische Tiefe und Kraft, aus der ein Reich Legitimität und Legitimation schöpft. Wobei es nicht allein auf Sieg oder Niederlage ankommt. Fast genauso wichtig scheint zu sein, wie das eine oder andere zustande gekommen ist. Es ist dies die Frage nach dem Maß an Herois­mus, mit dem gefochten wurde. Ob es tatsächlich so war oder nicht, ist uner­heblich. Was zählt, ist die Geschichte, die Sage. Ist diese stark genug, kann, wie das Beispiel Serbien/Amselfeld zeigt, selbst eine militärische Katastrophe zum Natio­nalmythos erhoben werden.

Gänzlich unheroische Verbrechen wie die nationalsozialistischen Vernichtungs­orgien – das beweist die Berliner Repu­blik – eignen sich hingegen genausowe­nig zur Mythenbildung wie der ebenfalls zutiefst antiheldische, administrative Akt, durch den am 1. Januar 1993 aus der Europäischen Gemeinschaft die Europä­ische Union wurde. Hierbei kommt hin­zu, daß ein Mythos Bilder braucht, die zur Ikone taugen, die über Generationen und Jahrhunderte hinweg die Phantasie der Menschen immer wieder aufs Neue anregen. Insbesondere, wenn dieser My­thos ein europäisches Reich überwölben soll. Romulus und Remus an den Zitzen der Wölfin ist ein solches Bild, die Kai­serkrönung Karls des Großen ein ande­res. Dagegen hat die Maastrichter Zu­sammenkunft von gesichts- und namen­losen Regierungschefs, die das Ergebnis jahrelanger Verhandlungen von ebenso gesichts- und namenlosen Beamten un­terzeichnen, so viel Ikonographisches wie das Gruppenfoto des Vorstandes ei­nes mittelständischen Unternehmens nach Bekanntgabe der neuen CSR-Richt­linien.

Das verheißt zunächst nichts Gutes. Bedeutet es doch, daß es zuerst noch schlimmer wird, bevor es besser werden kann. Die Zeichen der Zeit deuten jeden­falls in diese Richtung. So ist das einzige, was den Verantwortlichen als Antwort auf die Fliehkräfte innerhalb der Union einfällt, ein stures „Jetzt erst recht“. Zu mehr reicht es nicht, damit ist das Ende der Vorstellungskraft der EU-Admini­stratoren erreicht. Daß ihre Phantasielo­sigkeit der Agonie der Union nur weiter Vorschub leistet, wollen sie nicht sehen. Statt dessen liefern sie die von ihnen ver­walteten Völker dem „Heerlager der Heiligen“ aus und befördern damit das heraufziehende Chaos weiter. Schon heute gehören kriegsmäßig gerüstete Po­lizisten zum Stadtbild, sind Anschläge und Angriffe auf Einheimische an der Ta­gesordnung und ganze Stadtteile zu Operationsbasen der Angreifer gewor­den. Was wird erst passieren, wenn die wirtschaftliche Lage eskaliert und die Be­stechungsgelder, mit denen sich die EU derzeit noch halbwegs Ruhe und Ord­nung erkauft, nicht mehr gezahlt werden können? Was, wenn Millionen illegal ein­gewanderter Jungmänner im wehrfähi­gen Alter mit Herrenmenschattitüde an und in den europäischen Gesellschaften gescheitert sein werden? Und sie sich dennoch das nehmen, von dem sie glau­ben, es stünde ihnen zu? Wer wird sie dann davon abhalten? Maastricht-Euro­pa sicher nicht. Selbst wenn es dazu wil­lens wäre, es wäre nicht in der Lage.

Mythen brauchen Bilder, die zur Ikone taugen, wie Romulus und Remus an den Zitzen der Wölfin.
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Christlich fundiert?

Die Folgen sind absehbar: Die Gräben, die den Kontinent gegenwärtig bereits durchziehen, werden sich vertiefen, die EU wird weiter zerfallen und der mole­kulare Bürgerkrieg, in dem es um nichts weniger geht als um das Sein oder Nicht­sein des europäischen Zivilisationsent­wurfes, wird sich ausweiten. Am Ende dieses Kampfes wird ein neues Europa stehen. Vorausgesetzt, Eu­ropa ist im „Clash of Civilizations“ nicht unterlegen, könnte dies die Geburtsstun­de eines Imperium Europaeum sein. Und es gibt guten Grund, anzunehmen, daß eine solche, nach dem Römischen und dem Heiligen Reich dritte, Neugrün­dung Europas wahrscheinlich christlich fundiert sein würde.

Dies mag mit Blick auf den aktuellen Zustand der Kirchen befremdlich schei­nen. Schließlich ist die eine, die prote­stantische, ist eher darum bemüht, mus­limische Glaubensvorschriften durchzu­setzen, als Brandanschläge auf ihre Got­teshäuser auch nur zu erwähnen. Wäh­rend die andere, katholische, ein Flücht­lingsboot zum Kultobjekt erhebt, wohl wissend, daß auf genau solchen Booten Christen von Muslimen wegen ihres Glaubens gequält, ermordet oder über Bord geworfen werden. Doch das sind nur die politischen Ma­chenschaften der amtierenden Heilsver­waltungen. Die Heilsbotschaft hat damit nichts zu tun. Sie eignet sich nicht für Podcasts oder Talkshowauftritte. Sie ist auf Ewigkeit angelegt und damit allen aktuellen Ersatzreligionen überlegen. Ohne Christentum ist Europa nicht vor­stellbar und umgekehrt. Daher hat Hou­ellebecq Recht, wenn er Maurice Dantec zitiert, der „einzig eine spirituelle Macht wie das Christentum oder das Juden­tum“ dazu imstande sieht, „mit einer an­deren spirituellen Macht wie dem Islam zu kämpfen“.3 Und zu siegen. Sofern es Europa gelingt, seine Wehleidigkeit und Hasenfüßigkeit abzulegen und sich zu dem zu bekennen, was es eigentlich ist: das christliche Abendland.

Allerdings wäre ein Imperium Euro­paeum kein Gottesreich, ein fundamen­talistisches schon gar nicht. Allein des­halb, weil die Entwicklung der europä­ischen Geistes- und Ideenwelt seit Des­cartes unumkehrbar ist. Die Aufklärung hat über das Gottesgnadentum trium­phiert. Eine Renaissance des Christen­tums würde daran vermutlich nichts Grundsätzliches ändern. Seine Aufgaben lägen in anderen Bereichen. Zum Bei­spiel darin, als metaphysisches Regula­tiv die Vernunft davor zu bewahren, in einen wahnhaften Rationalismus – Stich­wort: Gender Mainstreaming – umzu­schlagen. Darüber hinaus gehört es zur jahr­hundertealten Tradition europäischer Reiche, daß zwar mythisch überhöhte, doch von Menschenhand geschaffene Gesetzestexte deren verfassungsmäßi­ges Rückgrat bildeten. Im Imperium Ro­manum war es das Zwölftafelgesetz, im Sacrum Imperium die Goldene Bulle. Daran anschließend läßt sich ein Reich denken, das auf einem Kodex ruht, der Überlieferung und moderne Rechtsstaat­lichkeit in sich vereint sowie kurz und allgemein genug gehalten ist, um zur Le­gende werden zu können. Also das Ge­genteil zu den hunderten engbedruckten und in feinstem Juristensprech abgefaß­ten Seiten des Vertrags von Lissabon.

Das führt zu der Frage nach der Ver­faßtheit eines Imperium Europaeum. Würde es demokratisch, republikanisch, oligarchisch oder monarchisch organisiert sein? Oder vielleicht als bislang unbekannter Hybrid, als eine noch unvorstellbare machtpolitische Misch- beziehungsweise Zwischenform daherkommen?

Der Kölner Erzbischof, Kardinal Woelki, hat ein Flüchtlingsboot als Altar benutzt und im Dom aufstellen lassen, „wohl wissend, daß auf genau solchen Booten Christen von Muslimen wegen ihres Glaubens gequält, ermordet oder über Bord geworfen werden“.

Vorbild Österreich-Ungarn?

Die Möglichkeiten sind vielfältig. Aus heutiger Sicht erscheint sicherlich eine demokratische Variante wünschenswert und auch wahrscheinlich. Doch gewiß ist das keineswegs. Eine Demokratie bedarf eines Demos, eines Volks, aber das exi­stiert auf europäischer Ebene nicht. Im Gegenteil sieht es derzeit eher danach aus, als würden sich die Völker Europas immer weiter voneinander entfernen, an­statt sich anzunähern. Gut möglich, daß sich das in jener Auseinandersetzung, die der Reichsgründung vorausginge, än­dern würde. Genausogut ist es aber mög­lich, daß sich die Alte Welt in eine Mon­archie verwandelt, in der sich der Regent im Stile Kaiser Franz Josephs „An meine Völker“ wendet. Dafür spricht, daß im Verfassungskreislauf auf die Demokratie die Ochlokratie, die Herrschaft des Pö­bels, als Vorstufe der Monarchie folgt. Und wer wollte mit Blick auf den grassie­renden Sittenverfall nicht bestätigen, daß Mitte der 2010er Jahre überall in Europa die Plebejer auf dem Vormarsch sind?

Ungeachtet dessen wäre eine Struktur zu erhoffen, die aus einem System ge­genseitiger Abhängigkeiten zwischen den beiden Ebenen Reich und Nationen/Völker besteht, so daß die gegenseitige Kontrolle gewährleistet wäre. Zur Unterstreichung seines föderalen Charakters, seiner Übernationalität und Überkonfessionalität ist es sogar denk­bar, daß das Reich auf eine Hauptstadt als Machtzentrale verzichtet. Die Folge wäre eine ans 21. Jahrhundert angepaßte Reiseregentschaft, die, dem Reisekaiser­tum des Mittelalters vergleichbar, die un­auflösliche Verbindung zwischen Haupt und Gliedern demonstriert und regelmä­ßig erneuert.
Ebenso wie der Mythos, die inneren Strukturen und Hierarchien wird sich die Stellung eines geeinten Europas in der Welt ebenfalls erst dann zeigen, wenn sich der Kontinent als Imperium neu konstituiert haben wird. Dennoch lassen sich auch hierüber Vermutungen an­stellen. Zum Beispiel, daß das Reich idealerweise aus den Erfahrungen mit dem Chaos, dem es seine Existenz ver­dankt, lernt und allem mis­sionarischen und universali­stischen Eifer abschwört, zu­gleich aber genügend politi­sche, wirtschaftliche und mi­litärische Potenz aufbaut, um sich und seine globalen Inter­essen wirkungsvoll zu schüt­zen.

Derart aufgestellt, fiele dem saturier­ten und selbstbewußten Reich die klassi­sche Rolle Europas als Makler zwischen den Kulturen, zwischen Amerika, Asien und Afrika zu. Eine Aufgabe, der die EU zu keinem Zeitpunkt gewachsen war. Unter ihrer Ägide sind die einst unum­strittenen Beherrscher des Planeten noch nicht einmal in der Lage, im eigenen Haus und Hinterhof für Ordnung zu sor­gen, geschweige denn, sich global als ernst zu nehmender Machtfaktor zu po­sitionieren. Statt als Friedens- und Ord­nungsmacht in einer sich neu ordnenden Welt aufzutreten, ist in den vergangenen Jahren das Eingreifen der EU zum ver­läßlichen Katalysator für Krieg, Bürger­krieg und Zerstörung geworden. Ob ein Imperium Europaeum erfolg­reicher wäre, ist natürlich nicht garan­tiert. Jedoch wären die Voraussetzungen andere. Ausgestattet mit einer charisma­tischen Regentschaft und all den Mitteln und Möglichkeiten, über die ein geeintes Europa verfügt, könnte ein Reich aus ei­ner Position der Stärke heraus agieren. Ganz anders also als eine kakophonische EU, die sich des Kreuzes schämt und, an­statt ihre Außengrenzen wirksam zu schützen, die Sicherheit und Ordnung auf dem Kontinent von den Befindlich­keiten eines orientalischen Despoten ab­hängig macht.

„Der deutschen Hybris vom Herrenmenschen [muß] Einhalt geboten werden, die sich aktu¬ell im Umgang der Berliner Republik mit dem restlichen Europa zeigt. Von der Finanzkrise über die ,Energiewende‘ bis hin zur Einladungspolitik gegenüber Millionen illegaler Einwan¬derer – das bundesdeutsche Wesen, an dem Europa und die Welt genesen soll, war und ist um keinen Erpressungsversuch der Nachbar- und Partnerländer verlegen.“

Deutschlands Rolle

Bleibt noch zu klären, welche Bedeutung Deutschland in einem Imperium Europa­eum zukommen könnte. Naturgemäß wäre es wohl dessen wichtigstes Glied. Nicht nur, weil es das bevölkerungs­reichste Land mit der größten Ausdeh­nung und der größten ökonomischen Po­tenz darstellt. Mindestens genausowich­tig ist seine mehr als tausendjährige Ge­schichte, die wie keine andere National­geschichte in Europa von der Mittellage zwischen Ost und West geprägt worden ist. Das, was im planetarischen Maßstab auf ein zukünftiges Europäisches Reich zukäme – der Ausgleich zwischen den Welten – gehört in seiner kontinentalen Variante zum historischen Erbgut Deutschlands.Bevor das Land aber seine Position als Primus inter pares zum Wohle und Ge­winn Europas einnehmen könnte, müßte zuerst der deutschen Hybris vom Her­renmenschen Einhalt geboten werden, die sich aktuell im Umgang der Berliner Republik mit dem restlichen Europazeigt. Von der Finanzkrise über die „Energiewende“ bis hin zur Einla­dungspolitik gegenüber Millionen il­legaler Einwanderer – das bundes­deutsche Wesen, an dem Europa und die Welt genesen sollen, war und ist um keinen Erpressungsversuch der Nachbar- und Partnerländer verlegen. Daß dadurch nur Unordnung und Rechtlosigkeit befördert werden, in­teressiert im Spreebogen nicht. Die dumpfen Berliner Imperative stehen über der Einheit Europas. Derlei Tendenzen zu begegnen, wä­re die Aufgabe eines Imperium Euro­paeum. Es könnte dies, weil die Reichsidee anderen, höheren Prinzi­pien verpflichtet ist.

Zudem wäre sie als Hüterin der na­tionalen und kulturellen Vielfalt auf dem Kontinent die natürliche Schutz­macht der kleineren, schwächeren Reichsglieder gegen die Vereinnah­mungsbestrebungen der größeren. Zumindest, solange es gelingt, die paneuropäischen Fundamente stetig zu erneuern. Dann sind auch die reichsinternen Rivalitäten und Konflikte nicht zu fürchten. Im Gegenteil, letztendlich waren sie es, die die Entwicklung der Alten Welt fortwährend befeuerten. Die innereuropäische Konkurrenz der Kulturen ist seit Jahrhunderten und durch alle Kriege und Epidemien hin­durch Garantin für technologischen und zivilisatorischen Fortschritt auf dem Kontinent. Warum sollte das in einem europäischen Reich anders sein? Bis dahin wird es freilich noch dau­ern. Vorerst ist es an der Europäischen Union, zu scheitern. Wann und wie das geschehen wird, muß offen blei­ben. Es bleibt allerdings zu hoffen, daß die Alte Welt dann über genug Kraft und Einsicht verfügt, um Euro­pa ein drittes Mal neu zu gründen, diesmal als Imperium Europaeum.

Mit freundlicher Genehmigung der Zeit­schrift TUMULT, wo in der Ausgabe Früh­jahr 2017 der Beitrag bereits abgedruckt war.
Parviz Amoghli, geb. 1971 in Teheran, ar­beitet als Essayist, Hörfunk- und Drehbuch­autor in Berlin. Letzte Buchveröffentli­chung: Schaum der Zeit. Ernst Jüngers Waldgang heute (Erträge 4) Berlin 2016.

Anmerkungen

1 Leopold Ziegler: „Imperium Euro­paeum?“, in: „Merkur“ 2/1948, S. 8.

2 A. a. O.

3 Michel Houellebecq: „Ich bin ein halber Prophet“, faz.net vom 27. Septem­ber 2016.

 
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