Archiv > Jahrgang 2019 > NO IV/2019 > Christus bei den Deutschen 

Christus bei den Deutschen

Das überlebensgroße Gero-Kreuz aus dem 10. Jahrhundert gilt als erste monumentale Plastik seit der Antike und hat die Christusdarstellungen der gesamten Romanik beeinflußt.
Auch das mehr als 1000 Jahre alte Ringelheimer Kreuz zählt zu den bedeutendsten Werken der frühchristlichen Kunst in Deutschland.
Schon aus der Zeit der Salier stammt das aus Bronze gefertigte Mindener Kreuz, das Christus ebenfalls ohne Dornenkrone und Spuren der Geißelung zeigt.

Als die Deutschen, vor allem durch irische und angelsächsische Glaubensboten, das Christentum im 6. und 7. Jahrhundert kennenlernten, nahmen sie es an, ohne es noch wirklich zu begreifen. Manche, wie die Sachsen und Friesen, wehrten sich auch dagegen, denn es widersprach ihrer kämpferischen Einstellung, einen Mann zu verehren, der sich widerstandslos hatte ans Kreuz nageln lassen. Und daß dieser sogar ein Gott sein sollte, überstieg bei weitem ihre Vorstellungskraft. So mußte ih­nen die Taufe durch die bereits christianisierten Franken förmlich aufgezwungen werden.

Von Eduard Josef Huber

Wie wenig dieser Christus in das tra­ditionelle Weltbild der Germanen paßte, zeigt sich nicht zuletzt daran, daß diese anfangs vor allem Gott Vater ver­ehrten. Ein oberster Gott, der die Welt mit allem, was darauf ist, durch sein Wort geschaffen hatte, entsprach weit eher ihrer Vorstellung. So hat die Vereh­rung des Weltenschöpfers ihren Aus­druck im ältesten Gedicht in deutscher Sprache gefunden, dem herrlichen Wes­sobrunner Gebet, in dem Christus über­haupt nicht erwähnt wird:

Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista,

Dat ero ni uuas noh ufhimil,

noh paum noh pereg ni uuas,

ni […] noheinig noh sunna ni scein,

noh mano ni liuhta, noh der mareo seo.

Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo,

enti do uuas der eino almahtico cot,

manno miltisto enti dar uuarun auh ma­nake mit inan

cootlihhe geista.1

(Das erfragte ich mit Staunen als der Wunder größtes: daß weder die Erde war noch der Himmel droben, weder Baum noch Berg, […] daß die Sonne nicht schien noch der Mond leuchtete, noch die weite See. Als da rein gar nichts war an Enden und Wenden, da war der eine allmächtige Gott, der freigebigste der Männer, und da waren bei ihm auch vie­le göttliche Geister.)

Ganz ähnlich schreibt noch Herger, ein Sänger des 12. Jahrhunderts (um 1150 bis 1180) in einem Gebet an Gott Vater:

Wurze des waldes

und grieze des goldes

und elliu apgründe

diu sint dir, hêrre, in künde:

diu stênt in dîner hende.

allez himeleschez her

daz enmöht dich niht volloben an ein en­de.2

(Frei übersetzt: Wurzeln des Waldes und Adern des Gol­des  und alle Abgründe sind dir, Herr, bekannt,  sie ruhen in deinen Händen. Das ganze himmlische Heer kann niemals dein Lob vollenden.)

Auch hier ist von Christus noch nicht die Rede. Umso erstaunlicher ist es, daß ge­rade in Deutschland sehr früh eindrucks­volle Kruzifixe geschaffen wurden, wie das Kruzifix des Erzbischofs Gero (969–976) im Kölner Dom: „Der überlebens­große Kruzifixus mit dem sorgfältig mo­dellierten Körper und dem leidensge­zeichneten Antlitz blieb 1248 beim Brand der Kirche verschont. Christus ist hier im Augenblick des Todes festgehalten, je­nem Moment also, der die Menschheit der göttlichen Gnade teilhaftig werden läßt. Das Gerokreuz entstand in Köln als erste monumentale Plastik seit der Anti­ke. Daß es die Christusdarstellungen der gesamten Romanik beeinflußt hat, ver­wundert bei der Ausdruckskraft dieser Erlöserfigur nicht.“3 In dieser Tradition steht das Ringelheimer Kruzifix in Hil­desheim (um 1000), das auch überlebens­groß ist (Höhe 262 Zentimeter). Ebenso bedeutend ist das Bron­zekruzifix aus der Benediktiner­abtei Essen-Werden (das soge­nannte Helmstedter Kreuz), das aus der Zeit um 1060 bis 1080 stammt. Da wird Christus den Deutschen so eindrucksvoll vor Augen gestellt, daß sie wohl an ihn glauben mußten.

In der Antike dagegen wurde der Gekreuzigte nie dargestellt. Man bevorzugte das Symbol der Crux gemmata, das mit Edel­steinen geschmückte griechi­sche oder lateinische Kreuz. Ein spätes und kostbares Beispiel dafür ist das Reichskreuz des deutschen Kronschatzes, das in der Schatzkammer der Wiener Hofburg aufbewahrt wird.

Die christliche Durchwurze­lung Deutschlands

Doch freundeten sich die Deut­schen offenbar schon im frühen Mittelalter mit dem leidenden Gottesknecht des Propheten Isaias an. Die empfindsame Sei­te ihres Wesens entwickelte ein tiefes Mitleid mit dem, der für die Sünden der Menschheit frei­willig einen grausamen Tod auf sich genommen hatte. Dies setzte freilich ein Sündenbewußtsein voraus, das ihre germanischen Vorfahren noch nicht ent­wickelt hatten. Aber im hohen Mittelalter waren durch den Einfluß der zahlreichen Klöster offenbar alle Voraussetzungen gegeben, die christliche Botschaft in ihrer ganzen Breite und Tiefe zu erfassen.

Nun eiferten Könige und Bischöfe dar­um, dem verehrten Gottessohn möglichst prächtige Wohnstätten zu schaffen, und so entstanden nicht nur Klosterkirchen wie in Murbach, Maria Laach, Hirsau, Maulbronn usw., sondern auch die ge­waltigen Kaiserdome in Bamberg, Spey­er, Mainz und Worms. Und alsbald wett­eiferten auch die aufstrebenden Städte um den Ruhm, den prächtigsten Dom zu bauen: Straßburg, Köln, Ulm, Lübeck, Danzig und viele andere. Auch die Literatur nahm sich schon früh der Verbreitung der christlichen Botschaft an. Die Deutschen interessier­ten sich anscheinend doch für jenen rät­selhaften Gottessohn, dessen Wesen und Wirken so schwer zu begreifen war. Es kann kaum ein Zufall sein, daß sich die ersten Langgedichte in deutscher Spra­che mit dem Leben Jesu befassen: der alt­niedersächsische „Heliand“ (um 830), dessen Verfasser wir nicht kennen, und der althochdeutsche „Krist“ Otfrieds von Weißenburg (geschrieben 863–871), eine Evangelienharmonie in fünf Bänden.

Im Hohen Mittelalter wandte sich die Dichtung dann wieder weltlichen The­men zu, dem Rittertum und der Minne. Aber das neben dem Nibelungenlied be­deutendste Epos, Wolfram von Eschen­bachs „Parzival“, befaßt sich doch mit dem christlichen Thema der Suche des Menschen nach Vollkommenheit. Auch das berühmte Falkenlied des Kürnber­gers endet überraschend mit einer Ge­betsformel:

Got sende si zesammene,

die gerne geliep wellent sîn.

Selbst in Liebesdingen wird nun Gott an­gerufen.

Wie tief das Christentum inzwischen in das Seelenleben der Deutschen einge­drungen war, zeigte sich vor allem in der deutschen Mystik: bei Meister Eckhart, bei Heinrich Seuse und Johannes Tauler, ebenso bei Gertrud von Helfta und Mechthild von Magdeburg. Vor allem die Liebesekstasen der letzteren Frau, die alles übersteigen, was die weltliche Min­nelyrik hervorgebracht hat, beweisen eindrucksvoll, wie nah doch zumindest einige Deutsche Christus gekommen wa­ren.

Da es nun aber Frauen naturgemäß leichter fällt, einen Mann zu lieben, such­ten sich die Männer eine Frau als Gegen­stand ihrer Liebe und fanden diese in der Jungfrau und Gottesmutter Maria. Zwar entstand der Marienkult in den romani­schen Ländern, in Italien und Frankreich, wurde aber doch von den Deutschen be­geistert übernommen. Nicht nur die mei­sten Kathedralen wurden nun Maria ge­weiht, es wurden vor allem zahllose Ma­rienstatuen geschaffen, die ihre höchste Ausdrucksform in den „schönen Madon­nen“ der Spätgotik fanden. Daneben ent­standen vor allem in der frühen Renais­sance herrliche Mariengemälde, wie das Kölner Dombild von Stephan Lochner, die Madonna im Rosenhag von Schon­gauer und die Madonnenbilder Holbeins und Dürers.

Alles, was wir da sehen, deutet darauf hin, daß die Deutschen im Laufe des Mit­telalters zu einer zutiefst christlichen Na­tion herangereift waren, und vielleicht wären sie es auch geblieben, wenn nicht die unchristliche Machtpolitik der Päpste seit dem 11. Jahrhundert das Selbstbe­wußtsein der Deutschen so schwer ge­kränkt hätte.

Im hohen Mittelalter setzte eine rege Bautätigkeit ein, Könige und Bischöfe wetteiferten geradezu um die Errichtung möglichst prächtiger Gotteshäuser. So entstanden die rheinischen Kaiserdome ebenso wie bedeutende Klosterkirchen (im Bild Maria Laach). Im Spätmittelalter traten die aufstrebenden Städte mit ihren gotischen Domen hinzu.
Auf antike Vorbilder geht das Reichskreuz als Crux gemmata zurück, das mit Edelsteinen geschmückt ist, aber den Gekreuzigten nicht zeigt.
Der „Heliand“ ist das erste Langgedicht in deutscher Sprache, das sich mit dem Leben Jesu befaßt. – Ausgabe von 1917.
Der althochdeutsche „Krist“ von Otfrid von Weißenburg ist auch in digitalisierter Ausgabe erhältlich.

Der Investiturstreit führt zur Reformation

Wie das deutsche Königtum überhaupt mit dem Papsttum in Beziehung trat und dann in Konflikt geriet, dürfte allgemein bekannt sein. Nur zur Erinnerung: Es be­gann mit der Kaiserkrönung Karls des Großen am Weihnachtstag 800, die die­sem nach der Darstellung seines Biogra­phen Einhard gar nicht recht war. Jeden­falls sah sich Karl weiterhin vor allem als Rex Francorum et Langobardorum und erst in zweiter Linie als Romanorum Imperator Augustus. Daß die Kaiserwürde nicht bei den Franken bzw. Franzosen blieb, son­dern auf die Sachsen und damit auf die Deutschen überging, ergab sich aus der Politik Ottos des Großen, der die italieni­sche Königin Adelheid aus den Händen des Usurpators Berengar von Friaul be­freite und heiratete, wodurch er zum Herrn Italiens wurde, so daß sich der Papst veranlaßt sah, ihn zum Kaiser zu krönen.

So entwickelte sich das Ottonische Sy­stem, eine Dyarchie, die dem Kaiser den weltlichen, dem Papst den geistlichen Vorrang einräumte. In der Praxis aber lag die Vormacht immer beim Kaiser, der auch die Bischöfe einsetzte. Dieses Sy­stem zerbrach bekanntlich im Investitur­streit, der sich von 1075 bis 1122 hinzog und zu einem tiefen Zerwürfnis zwi­schen den Deutschen und der römischen Kirche führte. Der Auslöser, wenn auch nicht der tiefere Grund des Konflikts war die Politik des machtbesessenen Papstes Gregor VII., wie sie in seinem „Dictatus Papae“ von 1075 vorgezeichnet war.

Da heißt es z.B. in These 8: „Er [der Papst] allein darf sich der kaiserlichen In­signien bedienen“, und in These 12: „Ihm ist es erlaubt, Kaiser abzusetzen.“ Damit wurde die traditionelle Ordnung völlig auf den Kopf gestellt. Wie weit Gregors Größenwahn ging, verrät These 12: „Des Papstes Füße allein haben alle Fürsten zu küssen.“4

Die schärfste Waffe im Kampf gegen das Kaisertum war neben dem Bannfluch These 27: „Er vermag Untertanen von ih­rer Treueverpflichtung gegen Ungerech­te zu entbinden.“ Das erlaubte ihm in der Auseinandersetzung mit Heinrich IV. auch, Fürsten von ihrem Lehenseid zu entbinden, den sie dem Kaiser geschwo­ren hatten. Und leider gab es deutsche Fürsten, die sich daraufhin gegen Hein­rich erhoben und ihn zwangen, sich vom Bann zu lösen – sonst wäre es nie zu je­nem berühmten Canossagang gekom­men. Im Bewußtsein der Deutschen spielte dies später jedoch keine Rolle mehr. Was blieb, war das Bild eines deut­schen Kaisers, der im Büßerhemd vor der verschneiten Burg Canossa einen Papst um die Rücknahme des Bannfluchs an­flehte.

Da begann das herrliche und fein ge­wobene Gewand aus Deutschtum und Christentum einzureißen, denn der Papst beanspruchte nicht nur, Stellvertreter Christi zu sein, sondern auch die weltli­che Herrschaft über Könige innezuha­ben, was eindeutig dem Wort Christi wi­dersprach: „Mein Reich ist nicht von die­ser Welt“ (Joh 18,36). Man geht also kaum fehl in der Annahme, daß Luthers Revolte gegen das Papsttum eine späte, aber folgenschwere Reaktion der Deut­schen auf die maßlosen Ansprüche des Papsttums war. Nicht, daß das Luther­tum eine Abwendung von Christus be­deutet hätte, aber es führte halt doch nicht nur zu einer Abkehr von den tradi­tionellen Formen des Christentums, son­dern auch von der übrigen Christenheit, die dem alten Glauben treu blieb. Die Unsicherheit, was denn nun der rechte Glaube sei, bedeutete am Ende doch eine Schwächung des christlichen Glaubens, auch wenn es im 16. Jahrhundert zu­nächst nach einer Wiederbelebung des wahren, auf dem Evangelium beruhen­den Glaubens aussah.

Theoretisch hätte nun mit der Abkehr vom Heiligen- und Reliquienkult Chri­stus selbst wieder stärker in den Vorder­grund treten sollen, aber Religion folgt keiner rationalen Logik. Indem Luther das Geheimnis der Transsubstantiation, d.h. der Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi ablehn­te, entfernte er auch die Realpräsenz, nämlich die beständige reale Gegenwart Christi, aus dem Leben seiner Gemein­den. Zwar behauptete er im Abendmahl­streit mit Zwingli, daß Christus im Au­genblick des Empfangs der Hostie ge­genwärtig sei, aber die Verehrung eines Allerheiligsten im Tabernakel lehnte er ebenso ab wie die stille Heilige Messe und das Fronleichnamsfest, das ihm als das unnützeste Jahresfest erschien. So wurde Christus den Gläubigen doch all­mählich fremder.

Christus wird fremder

Diesen Mangel auszugleichen, schenkte Luther den Deutschen dafür seine Bibel­übersetzung, aber es ist eine protestanti­sche Legende, es habe sich dabei um die erste in deutscher Sprache gehandelt. Es gab nämlich bereits vor Luther 18 solcher Übersetzungen, davon 14 in hochdeut­scher und vier in niederdeutscher Spra­che. Neu war allerdings, daß die Prote­stanten im Gegensatz zu den Katholiken nun eifrig die Bibel lasen; etwas anderes blieb ihnen nach Luthers Sola-scriptura-These auch gar nicht übrig. Aber sie la­sen nicht nur das Evangelium, sondern mit dem gleichen Eifer auch das Alte Te­stament, was allmählich zu einer Hebrai­sierung des Christentums führte.

Diese neue Hinwendung zum Juden­tum schien nicht nur Luther, sondern auch den anderen Reformatoren nötig, da sie im traditionellen Katholizismus ei­ne gewisse Paganisierung, d.h. eine zu große Nähe zum antiken Heidentum, ja eine Art von Götzendienst zu erkennen glaubten. Darum wurden nun die Heili­genbilder und vor allem die Statuen in „Götzenkammern“ weggeschlossen, falls sie nicht zur Zeit des Bildersturms zer­schlagen oder verbrannt wurden.

Stefan Lochners „Madonna im Rosenhag“ (um 1450) entspricht dem Bildtypus der Madonna im Paradiesgarten.
Die „schönen Madonnen“ der Spätgotik sind ein Zeichen der innigen Marienverehrung dieser Zeit. – Madonna von Michael Pacher in der Salzburger Franziskanerkirche.
Auch die „Madonna im Rosenhag“ von Martin Schongauer (1473) zählt zu den bekanntesten Bildern der deutschen Kunstgeschichte.

Aber Christus kam dadurch seinen Gläubigen kaum näher. Während die Ka­tholiken in ihren feierlichen Gottesdien­sten und Prozessionen die Nähe Gottes erfuhren, erschien er den Protestanten nur noch im „Wort Gottes“, d.h. in der Bibel und der Sonntagspredigt. Und ihre Theologie, die den Faden zur altkirchli­chen Tradition zerrissen hatte, wurde zu einem Teilgebiet der Philologie: Es ging um die rechte Auslegung des geschriebe­nen Wortes, ganz im Sinne des zeitgenös­sischen Humanismus, der sich mit gro­ßem Elan auf antike Texte stürzte.

Auf katholischer Seite kehrten dage­gen mit der italienischen Renaissance heidnische Formen und Vorstellungen zurück. Gott Vater erschien fast wie der Göttervater Zeus, Christus beinahe als jugendlicher Hermes oder Apoll, die En­gel, die in der Heiligen Schrift immer als Männer in weißen Gewändern oder als Jünglinge erscheinen, verwandelten sich in nacktärschige Putten, die dann zu Hunderten die Barockkirchen bevölker­ten.

Sensible Gläubige, die in einer romani­schen Krypta den tiefen Ernst des christ­lichen Glaubens und in einer gotischen Kathedrale eine Ahnung göttlicher Ge­heimnisse erfahren, kommen sich in ei­ner Barockkirche wie in einer Theater­aufführung vor: alles festlich und groß­artig und bunt, und doch auch oberfläch­lich und stellenweise geradezu lächer­lich. Norddeutsche Protestanten fühlen sich von diesem süddeutschen Barock eher abgestoßen, während sich Katholi­ken darin wohlfühlen, haben sie doch von Kind an gelernt, über alle Einzelhei­ten hinwegzusehen und eine solche Kir­che nicht nur als Gesamtkunstwerk zu würdigen, sondern als Vorsaal des himmlischen Vaterhauses zu betrachten, wo Glück und Seligkeit herrschen.

Die verlassenen Altäre werden von Dämonen bewohnt

Es ist schwer zu beurteilen, wie weit Christus heutzutage seinen Gläubigen in der Form der katholischen, evangeli­schen oder ökumenischen Gottesdienste noch nahegebracht wird. Fromme Prote­stanten ziehen es vor, Gott im stillen Kämmerlein zu verehren, und die Pieti­sten suchen ihm in Gemeinschaft mit an­deren „in der Stunde“ zu begegnen. Aber daß Christus im Laufe der Neuzeit, ins­besondere seit der Aufklärung, immer mehr aus dem öffentlichen Leben der Deutschen zurückgedrängt wurde, ist of­fensichtlich. Religion ist zur Privatsache erklärt worden, so daß ein Volk als Ge­samtheit eigentlich gar keinen Gott mehr haben kann. Bismarcks Wort „Wir Deut­sche fürchten Gott und sonst nichts in der Welt“ wird in dem Maße zur Leerfor­mel, wie jene kaum noch an einen Gott, geschweige denn an jenen Gott glauben, der in Jesus Christus als Mensch erschie­nen ist.

Religionsstatistiken ergeben, daß es – vom kommunistisch beherrschten China abgesehen – in keiner Weltgegend so vie­le Ungläubige gibt wie zwischen Ostsee und Erzgebirge. Dort, in der ehemaligen DDR, übertrifft die Zahl der Ungläubi­gen seit langem die der gläubigen Chri­sten. Da wird man fragen dürfen, warum sich ausgerechnet im Stammgebiet des Luthertums das Christentum so weit zu­rückgezogen hat. Man ist geneigt, die Abfolge von Nationalsozialismus und Sozialismus sowjetischer Prägung dafür verantwortlich zu machen, aber dann müßte man fragen, warum das Christen­tum nach 70 Jahren Sowjetherrschaft in Rußland gegenwärtig eine Renaissance erlebt, während es in Mitteldeutschland nahezu tot ist.

Ähnliche Verhältnisse wie hier findet man nur noch in Böhmen und Mähren, den Stammländern der Hussiten und der Mährischen Brüder, was vermuten läßt, daß die Reformbestrebungen des Johan­nes Hus ebenso wie die Martin Luthers die Menschen eher Christus entfremdet als diesem nähergebracht haben. Der Protestantismus im weitesten Sinne, der als Protestbewegung gegen die katholi­sche Kirche begann, hat schließlich nicht nur die Verbindung zu dieser gekappt, sondern letztlich auch die innere Bin­dung an Christus geschwächt.

 

Schon der Renaissance zugehörig ist Hans Holbeins „Darmstädter Madonna“ von 1526.

Daß nicht wenige Protestanten dieses Defizit bemerkt und versucht haben, ei­nen neuen und eigenständigen Weg zu Christus zu finden, beweisen die zahlrei­chen Sektengründungen, vor allem im ursprünglich puritanischen Amerika. In Deutschland dagegen haben Sekten kei­ne vergleichbare Rolle gespielt, sieht man einmal von den Wiedertäufern des 16. Jahrhunderts ab. Inzwischen ist der Protestantismus hierzulande förmlich eingeschlafen, worüber auch die pompös zelebrierten Kirchentage nicht hinweg­täuschen können. Wenn nur noch zwei Prozent der Kirchenmitglieder regelmä­ßig an den Gottesdiensten teilnehmen, heißt das doch wohl, daß ihnen ihre Reli­gion ziemlich gleichgültig geworden ist.

Nun steht es aber um den deutschen Katholizismus kaum besser. Auch hier hat sich der Anteil der Kirchenbesucher von 50 Prozent anno 1950 auf etwa zehn Prozent verringert, und der Rest setzt sich sonntags ins Auto und fährt ans Meer oder in die Berge, geht wandern oder radfahren oder in ein Lokal zum Es­sen. Selbst wenn man den Grad der Reli­giosität nicht nur am Gottesdienstbesuch abmessen kann, ist die Beobachtung, in Deutschland sei das Christentum „ver­dampft“, ganz richtig. In welcher Familie wird denn noch gemeinsam gebetet? Wo unterhält man sich noch über Christus? Welche Rolle spielt er überhaupt noch im Privat- wie im öffentlichen Leben? Wer nimmt ihn noch zum Vorbild und wich­tigsten Maßstab seines Lebens? Fast un­merklich hat er sich aus dem Bewußtsein der Deutschen entfernt und ist inzwi­schen so weit weg, daß er dem Auge ei­nes fremden Betrachters kaum noch sichtbar ist. Das ist der tiefere Grund, weshalb es kaum Bekehrun­gen von Musli­men zum Chri­stentum gibt: Sie haben den Eindruck, in ein gottloses Land zu kommen.

Ernst Jürgen hat einmal geschrieben: „Die verlassenen Altäre sind von Dämo­nen bewohnt.“ Es fragt sich also, welche Dämonen inzwischen die Stelle Christi eingenommen haben. Zur Zeit des Drit­ten Reiches war es der Dämon des Ras­sismus, dem die Deutschen Menschen­opfer darbrachten. Nachdem er durch fremde Mächte vertrieben worden war und der Katholizismus eine kurze Re­naissance erlebt hatte, begannen die Deutschen, den Götzen Mammon in Ge­stalt der D-Mark zu verehren. Nun hat aber Jesus gelehrt: „Niemand kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott die­nen und dem Mammon“ (Mt 6,14), wor­aus folgt, daß die Deutschen aufhörten, Gott zu dienen.

Da nun aber „auri sacra fames“ („der verfluchte Hunger nach Gold“) niemals gänzlich gestillt werden kann, blieb ein Hohlraum, eine Leerstelle, in die andere Dämonen einrückten, vor allem der Un­geist der Vergangenheitsbewältigung. Waren die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen, ihr zerstörtes Land wieder aufzubauen, um eine Zu­kunft zu gewinnen, begannen sie, nach­dem ein gewisser Wohlstand erreicht war, sich ihrer jüngsten Vergangenheit zuzuwenden, die sie zu „unserer Vergan­genheit“ verabsolutierten.

Albrecht Dürers „Maria mit der Birnenschnit­te“ ist das vielleicht innigste Madonnenbildnis des berühmten altdeutschen Malers.

Die Greuel der Nazidiktatur rückten allmählich so ins Zentrum der Aufmerksamkeit, daß dahinter die gesamte übrige Geschichte verschwand oder allenfalls als Vorgeschichte des Verhängnisses, als „deutscher Sonderweg“, noch ein wenig Beachtung fand. So wurde ganz neben­bei die christliche Tradition des Mittelal­ters auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt und alles, was an dieser Nation einst gut und heilig gewesen war, dem Vergessen anheimgegeben.Im Gegenzug wurde die Lehre ver­breitet, daß die Verbrechen der National­sozialisten niemals vergessen oder ver­geben werden dürften. Der ehemalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck erklärte daher am 29. Mai 2009 im Bundestag: „Mit der systematischen Ver­folgung und Ermordung der europä­ischen Juden während der Nazizeit ha­ben die Deutschen unendliche Schuld auf sich geladen – eine Schuld, die nie­mals vergeht.“ Diese Sichtweise stellt ei­nen eindeutigen Widerspruch zur christ­lichen Lehre von der Vergebung dar.

Was ist noch christlich am christlichen Abendland?

Nach allgemeiner christlicher Auffas­sung ist Christus für die Sünden aller ge­storben, so daß grundsätzlich alle Sün­den, alle Verbrechen vergeben werden können. Noch in seinen letzten Stunden am Kreuz hat Christus einem Räuber und Mörder vergeben und die tröstli­chen Worte gesprochen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein“ (Lk 23,43). Die Deutschen aber sollen nun ewig in der Hölle ihrer Selbstvorwürfe schmoren, ohne jede Hoffnung, daß ih­nen jemals vergeben würde. Es wäre Aufgabe des deutschen Epi­skopats gewesen, dieser gänzlich un­christlichen Position entgegenzutreten und sich so vor das deutsche Volk zu stellen. Statt dessen haben die Bischöfe charakterlos die gängigen Phrasen von der deutschen Schuld nachgebetet und ihren Herrn noch einmal verraten. Es ist, als hätten sie niemals beim Apostel Pau­lus gelesen: „Das alles kommt von Gott; er hat uns mit sich versöhnt durch Chri­stus und uns das Amt der Versöhnung übertragen. Denn Gott ist es, der in Chri­stus die Welt mit sich versöhnt, den Men­schen ihre Sünden nicht anrechnet und uns die Verkündigung der Versöhnung aufgetragen hat“ (2 Kor 5,18–19).

Das arme, von allen guten Geistern verlassene Volk weiß sich nun nicht an­ders zu helfen, als sich in den Strudel hirnloser Vergnügungen zu stürzen: in wilde Besäufnisse bis hin zum Komasau­fen, in die widerwärtigen Orgien der Schwulenbars und Swingerparties oder in den Höllenlärm von Diskotheken, der Sinn und Geist erschlägt. Während frü­her andächtige Fronleichnamsprozessio­nen durch Städte und Dörfer zogen, tobt sich jetzt in der Hauptstadt der Gottlosen die Perversität von Christopher-Street-Day-Paraden aus.

Christus – wo? Die Protestanten glau­ben schon lange nicht mehr an die leibli­che Gegenwart Christi im Altarsakra­ment. Und die Katholiken haben die Ta­bernakel von den Hochaltären ihrer Kir­chen geholt und in Seitenkapellen abge­schoben. Dafür haben sie einen „Volksal­tar“ in die Vierung gestellt, als wüßte man nicht spätestens seit der unseligen Zeit des Dritten Reichs, daß man dem Volk keine Altäre bauen soll. „Gott allein gebührt die Ehre“, lautet ein alter christ­licher Grundsatz. Aber dieser Gott hat sich offenbar zurückgezogen und die Deutschen in einer geistigen Wüste zu­rückgelassen, durch die wohl demnächst der Sturm des Islam fegen wird. Vor kurzem strahlte der deutsch-fran­zösische Sender arte den Dokumentar­film „Katar: Millionen für Europas Is­lam“ aus, welcher den Aktivitäten der Organisation „Qatar Charity“ nachging und aufzeigte, wie der Golfstaat mit be­trächtlichen Geldsummen nicht nur den Bau von Moscheen und Islamzentren, sondern auch den radikalen Islam der Moslembrüder in Europa fördert.5 Dabei wurde eindeutig nachgewiesen, daß das Ziel aller Bemühungen die Islamisierung Europas ist. Dieser Film stammt nicht zu­fällig aus französischer Produktion, denn die Franzosen haben einen klareren Blick für die Bedrohungen des Abendlands. Auch die Romane von Jean Raspail und Michel Houellebecq deuten ja in diese Richtung.

Den tieferen Grund für diese Katastro­phe hat Robert Sarah, ein Sohn Afrikas, auf den Punkt gebracht: „Die Vorzüge aber, die Europa der Welt zur Verfügung stellen könnte, sind seine Identität, seine zutiefst vom Christentum durchwirkte Kultur. Doch was hat es den muslimi­schen Neuankömmlingen anderes ange­boten als seinen Unglauben und sein bar­barisches Konsumdenken? Warum er­staunt es uns, dass diese Neuankömm­linge sich in den islamischen Fundamen­talismus zurückziehen? Die Europäer müssen auf ihre vom Evangelium ge­prägten Sitten und Gebräuche stolz sein. Das wertvollste Geschenk, das Europa den Migranten machen kann, ist nicht an erster Stelle finanzielle Unterstützung und noch weniger eine individualisti­sche, säkularisierte Lebensweise. Das wertvollste Geschenk ist die Teilhabe an seinen christlichen Wurzeln. Sich selbst annehmen, wie man ist, ist eine grundle­gende Voraussetzung, um den andern lieben zu können. Angesichts der Gefahr des radikalen Islam müsste das Abend­land klar und deutlich machen, unter welchen Bedingungen man an seinem Leben und seiner Zivilisation teilhaben kann. Doch Europa zweifelt an sich selbst und schämt sich seiner christlichen Iden­tität. Und das macht es für die Fremden verächtlich.“6

Was hier über das Abendland insge­samt gesagt ist, gilt kaum für ein anderes Land so sehr wie für Deutschland. Vor allem die Fähigkeit, sich selbst anzuneh­men, ist hier völlig verkümmert. Diese Verblendeten, die sich selbst und ihre ganze Geschichte verteufeln und von der christlichen Botschaft kaum noch etwas verstehen, können auch keine christliche Kultur weitergeben. Aber sie werden wahrscheinlich auch ihre nächste Kata­strophe erst wieder begreifen, wenn es zu spät ist und die grüne Fahne des Pro­pheten vom Reichstag weht.

Anmerkungen

1 Wilhelm Braune: Althochdeutsches Le­sebuch, 13. Aufl., Tübingen 1958, S. 82 f.

2 Carl von Kraus: Des Minnesangs Früh­ling. Nach Karl Lachmann, Moriz Haupt und Friedrich Vogt, 32. Aufl., Stuttgart 1959, S. 28 f.

3 Detlev Arens: „Der Dom zu Köln“; in: Hans-Christian Hoffmann (Hg.): Unser Welt­kulturerbe, Köln 1998, S. 133.

4 Gerhart Bürk u. Richard Dietrich: Welt­geschichte im Aufriß. Bd. II: Vom Franken­reich bis zum Ende des absolutistischen Zeit­alters, Frankfurt a.M. 1954, S. 20 f.

5 Jérôme Sesquin: Katar: Millionen für Eu­ropas Islam, Frankreich 2019.

6 Robert Kardinal Sarah: „Europa macht sich verächtlich“; in: CATO. Magazin für Neue Sachlichkeit 6/2019, S. 57–63, hier S. 62.

 

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com