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Als die Deutschen, vor allem durch irische und angelsächsische Glaubensboten, das Christentum im 6. und 7. Jahrhundert kennenlernten, nahmen sie es an, ohne es noch wirklich zu begreifen. Manche, wie die Sachsen und Friesen, wehrten sich auch dagegen, denn es widersprach ihrer kämpferischen Einstellung, einen Mann zu verehren, der sich widerstandslos hatte ans Kreuz nageln lassen. Und daß dieser sogar ein Gott sein sollte, überstieg bei weitem ihre Vorstellungskraft. So mußte ihnen die Taufe durch die bereits christianisierten Franken förmlich aufgezwungen werden.
Von Eduard Josef Huber
Wie wenig dieser Christus in das traditionelle Weltbild der Germanen paßte, zeigt sich nicht zuletzt daran, daß diese anfangs vor allem Gott Vater verehrten. Ein oberster Gott, der die Welt mit allem, was darauf ist, durch sein Wort geschaffen hatte, entsprach weit eher ihrer Vorstellung. So hat die Verehrung des Weltenschöpfers ihren Ausdruck im ältesten Gedicht in deutscher Sprache gefunden, dem herrlichen Wessobrunner Gebet, in dem Christus überhaupt nicht erwähnt wird:
Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista,
Dat ero ni uuas noh ufhimil,
noh paum noh pereg ni uuas,
ni […] noheinig noh sunna ni scein,
noh mano ni liuhta, noh der mareo seo.
Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo,
enti do uuas der eino almahtico cot,
manno miltisto enti dar uuarun auh manake mit inan
cootlihhe geista.1
(Das erfragte ich mit Staunen als der Wunder größtes: daß weder die Erde war noch der Himmel droben, weder Baum noch Berg, […] daß die Sonne nicht schien noch der Mond leuchtete, noch die weite See. Als da rein gar nichts war an Enden und Wenden, da war der eine allmächtige Gott, der freigebigste der Männer, und da waren bei ihm auch viele göttliche Geister.)
Ganz ähnlich schreibt noch Herger, ein Sänger des 12. Jahrhunderts (um 1150 bis 1180) in einem Gebet an Gott Vater:
Wurze des waldes
und grieze des goldes
und elliu apgründe
diu sint dir, hêrre, in künde:
diu stênt in dîner hende.
allez himeleschez her
daz enmöht dich niht volloben an ein ende.2
(Frei übersetzt: Wurzeln des Waldes und Adern des Goldes und alle Abgründe sind dir, Herr, bekannt, sie ruhen in deinen Händen. Das ganze himmlische Heer kann niemals dein Lob vollenden.)
Auch hier ist von Christus noch nicht die Rede. Umso erstaunlicher ist es, daß gerade in Deutschland sehr früh eindrucksvolle Kruzifixe geschaffen wurden, wie das Kruzifix des Erzbischofs Gero (969–976) im Kölner Dom: „Der überlebensgroße Kruzifixus mit dem sorgfältig modellierten Körper und dem leidensgezeichneten Antlitz blieb 1248 beim Brand der Kirche verschont. Christus ist hier im Augenblick des Todes festgehalten, jenem Moment also, der die Menschheit der göttlichen Gnade teilhaftig werden läßt. Das Gerokreuz entstand in Köln als erste monumentale Plastik seit der Antike. Daß es die Christusdarstellungen der gesamten Romanik beeinflußt hat, verwundert bei der Ausdruckskraft dieser Erlöserfigur nicht.“3 In dieser Tradition steht das Ringelheimer Kruzifix in Hildesheim (um 1000), das auch überlebensgroß ist (Höhe 262 Zentimeter). Ebenso bedeutend ist das Bronzekruzifix aus der Benediktinerabtei Essen-Werden (das sogenannte Helmstedter Kreuz), das aus der Zeit um 1060 bis 1080 stammt. Da wird Christus den Deutschen so eindrucksvoll vor Augen gestellt, daß sie wohl an ihn glauben mußten.
In der Antike dagegen wurde der Gekreuzigte nie dargestellt. Man bevorzugte das Symbol der Crux gemmata, das mit Edelsteinen geschmückte griechische oder lateinische Kreuz. Ein spätes und kostbares Beispiel dafür ist das Reichskreuz des deutschen Kronschatzes, das in der Schatzkammer der Wiener Hofburg aufbewahrt wird.
Doch freundeten sich die Deutschen offenbar schon im frühen Mittelalter mit dem leidenden Gottesknecht des Propheten Isaias an. Die empfindsame Seite ihres Wesens entwickelte ein tiefes Mitleid mit dem, der für die Sünden der Menschheit freiwillig einen grausamen Tod auf sich genommen hatte. Dies setzte freilich ein Sündenbewußtsein voraus, das ihre germanischen Vorfahren noch nicht entwickelt hatten. Aber im hohen Mittelalter waren durch den Einfluß der zahlreichen Klöster offenbar alle Voraussetzungen gegeben, die christliche Botschaft in ihrer ganzen Breite und Tiefe zu erfassen.
Nun eiferten Könige und Bischöfe darum, dem verehrten Gottessohn möglichst prächtige Wohnstätten zu schaffen, und so entstanden nicht nur Klosterkirchen wie in Murbach, Maria Laach, Hirsau, Maulbronn usw., sondern auch die gewaltigen Kaiserdome in Bamberg, Speyer, Mainz und Worms. Und alsbald wetteiferten auch die aufstrebenden Städte um den Ruhm, den prächtigsten Dom zu bauen: Straßburg, Köln, Ulm, Lübeck, Danzig und viele andere. Auch die Literatur nahm sich schon früh der Verbreitung der christlichen Botschaft an. Die Deutschen interessierten sich anscheinend doch für jenen rätselhaften Gottessohn, dessen Wesen und Wirken so schwer zu begreifen war. Es kann kaum ein Zufall sein, daß sich die ersten Langgedichte in deutscher Sprache mit dem Leben Jesu befassen: der altniedersächsische „Heliand“ (um 830), dessen Verfasser wir nicht kennen, und der althochdeutsche „Krist“ Otfrieds von Weißenburg (geschrieben 863–871), eine Evangelienharmonie in fünf Bänden.
Im Hohen Mittelalter wandte sich die Dichtung dann wieder weltlichen Themen zu, dem Rittertum und der Minne. Aber das neben dem Nibelungenlied bedeutendste Epos, Wolfram von Eschenbachs „Parzival“, befaßt sich doch mit dem christlichen Thema der Suche des Menschen nach Vollkommenheit. Auch das berühmte Falkenlied des Kürnbergers endet überraschend mit einer Gebetsformel:
Got sende si zesammene,
die gerne geliep wellent sîn.
Selbst in Liebesdingen wird nun Gott angerufen.
Wie tief das Christentum inzwischen in das Seelenleben der Deutschen eingedrungen war, zeigte sich vor allem in der deutschen Mystik: bei Meister Eckhart, bei Heinrich Seuse und Johannes Tauler, ebenso bei Gertrud von Helfta und Mechthild von Magdeburg. Vor allem die Liebesekstasen der letzteren Frau, die alles übersteigen, was die weltliche Minnelyrik hervorgebracht hat, beweisen eindrucksvoll, wie nah doch zumindest einige Deutsche Christus gekommen waren.
Da es nun aber Frauen naturgemäß leichter fällt, einen Mann zu lieben, suchten sich die Männer eine Frau als Gegenstand ihrer Liebe und fanden diese in der Jungfrau und Gottesmutter Maria. Zwar entstand der Marienkult in den romanischen Ländern, in Italien und Frankreich, wurde aber doch von den Deutschen begeistert übernommen. Nicht nur die meisten Kathedralen wurden nun Maria geweiht, es wurden vor allem zahllose Marienstatuen geschaffen, die ihre höchste Ausdrucksform in den „schönen Madonnen“ der Spätgotik fanden. Daneben entstanden vor allem in der frühen Renaissance herrliche Mariengemälde, wie das Kölner Dombild von Stephan Lochner, die Madonna im Rosenhag von Schongauer und die Madonnenbilder Holbeins und Dürers.
Alles, was wir da sehen, deutet darauf hin, daß die Deutschen im Laufe des Mittelalters zu einer zutiefst christlichen Nation herangereift waren, und vielleicht wären sie es auch geblieben, wenn nicht die unchristliche Machtpolitik der Päpste seit dem 11. Jahrhundert das Selbstbewußtsein der Deutschen so schwer gekränkt hätte.
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Wie das deutsche Königtum überhaupt mit dem Papsttum in Beziehung trat und dann in Konflikt geriet, dürfte allgemein bekannt sein. Nur zur Erinnerung: Es begann mit der Kaiserkrönung Karls des Großen am Weihnachtstag 800, die diesem nach der Darstellung seines Biographen Einhard gar nicht recht war. Jedenfalls sah sich Karl weiterhin vor allem als Rex Francorum et Langobardorum und erst in zweiter Linie als Romanorum Imperator Augustus. Daß die Kaiserwürde nicht bei den Franken bzw. Franzosen blieb, sondern auf die Sachsen und damit auf die Deutschen überging, ergab sich aus der Politik Ottos des Großen, der die italienische Königin Adelheid aus den Händen des Usurpators Berengar von Friaul befreite und heiratete, wodurch er zum Herrn Italiens wurde, so daß sich der Papst veranlaßt sah, ihn zum Kaiser zu krönen.
So entwickelte sich das Ottonische System, eine Dyarchie, die dem Kaiser den weltlichen, dem Papst den geistlichen Vorrang einräumte. In der Praxis aber lag die Vormacht immer beim Kaiser, der auch die Bischöfe einsetzte. Dieses System zerbrach bekanntlich im Investiturstreit, der sich von 1075 bis 1122 hinzog und zu einem tiefen Zerwürfnis zwischen den Deutschen und der römischen Kirche führte. Der Auslöser, wenn auch nicht der tiefere Grund des Konflikts war die Politik des machtbesessenen Papstes Gregor VII., wie sie in seinem „Dictatus Papae“ von 1075 vorgezeichnet war.
Da heißt es z.B. in These 8: „Er [der Papst] allein darf sich der kaiserlichen Insignien bedienen“, und in These 12: „Ihm ist es erlaubt, Kaiser abzusetzen.“ Damit wurde die traditionelle Ordnung völlig auf den Kopf gestellt. Wie weit Gregors Größenwahn ging, verrät These 12: „Des Papstes Füße allein haben alle Fürsten zu küssen.“4
Die schärfste Waffe im Kampf gegen das Kaisertum war neben dem Bannfluch These 27: „Er vermag Untertanen von ihrer Treueverpflichtung gegen Ungerechte zu entbinden.“ Das erlaubte ihm in der Auseinandersetzung mit Heinrich IV. auch, Fürsten von ihrem Lehenseid zu entbinden, den sie dem Kaiser geschworen hatten. Und leider gab es deutsche Fürsten, die sich daraufhin gegen Heinrich erhoben und ihn zwangen, sich vom Bann zu lösen – sonst wäre es nie zu jenem berühmten Canossagang gekommen. Im Bewußtsein der Deutschen spielte dies später jedoch keine Rolle mehr. Was blieb, war das Bild eines deutschen Kaisers, der im Büßerhemd vor der verschneiten Burg Canossa einen Papst um die Rücknahme des Bannfluchs anflehte.
Da begann das herrliche und fein gewobene Gewand aus Deutschtum und Christentum einzureißen, denn der Papst beanspruchte nicht nur, Stellvertreter Christi zu sein, sondern auch die weltliche Herrschaft über Könige innezuhaben, was eindeutig dem Wort Christi widersprach: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh 18,36). Man geht also kaum fehl in der Annahme, daß Luthers Revolte gegen das Papsttum eine späte, aber folgenschwere Reaktion der Deutschen auf die maßlosen Ansprüche des Papsttums war. Nicht, daß das Luthertum eine Abwendung von Christus bedeutet hätte, aber es führte halt doch nicht nur zu einer Abkehr von den traditionellen Formen des Christentums, sondern auch von der übrigen Christenheit, die dem alten Glauben treu blieb. Die Unsicherheit, was denn nun der rechte Glaube sei, bedeutete am Ende doch eine Schwächung des christlichen Glaubens, auch wenn es im 16. Jahrhundert zunächst nach einer Wiederbelebung des wahren, auf dem Evangelium beruhenden Glaubens aussah.
Theoretisch hätte nun mit der Abkehr vom Heiligen- und Reliquienkult Christus selbst wieder stärker in den Vordergrund treten sollen, aber Religion folgt keiner rationalen Logik. Indem Luther das Geheimnis der Transsubstantiation, d.h. der Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi ablehnte, entfernte er auch die Realpräsenz, nämlich die beständige reale Gegenwart Christi, aus dem Leben seiner Gemeinden. Zwar behauptete er im Abendmahlstreit mit Zwingli, daß Christus im Augenblick des Empfangs der Hostie gegenwärtig sei, aber die Verehrung eines Allerheiligsten im Tabernakel lehnte er ebenso ab wie die stille Heilige Messe und das Fronleichnamsfest, das ihm als das unnützeste Jahresfest erschien. So wurde Christus den Gläubigen doch allmählich fremder.
Diesen Mangel auszugleichen, schenkte Luther den Deutschen dafür seine Bibelübersetzung, aber es ist eine protestantische Legende, es habe sich dabei um die erste in deutscher Sprache gehandelt. Es gab nämlich bereits vor Luther 18 solcher Übersetzungen, davon 14 in hochdeutscher und vier in niederdeutscher Sprache. Neu war allerdings, daß die Protestanten im Gegensatz zu den Katholiken nun eifrig die Bibel lasen; etwas anderes blieb ihnen nach Luthers Sola-scriptura-These auch gar nicht übrig. Aber sie lasen nicht nur das Evangelium, sondern mit dem gleichen Eifer auch das Alte Testament, was allmählich zu einer Hebraisierung des Christentums führte.
Diese neue Hinwendung zum Judentum schien nicht nur Luther, sondern auch den anderen Reformatoren nötig, da sie im traditionellen Katholizismus eine gewisse Paganisierung, d.h. eine zu große Nähe zum antiken Heidentum, ja eine Art von Götzendienst zu erkennen glaubten. Darum wurden nun die Heiligenbilder und vor allem die Statuen in „Götzenkammern“ weggeschlossen, falls sie nicht zur Zeit des Bildersturms zerschlagen oder verbrannt wurden.
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Aber Christus kam dadurch seinen Gläubigen kaum näher. Während die Katholiken in ihren feierlichen Gottesdiensten und Prozessionen die Nähe Gottes erfuhren, erschien er den Protestanten nur noch im „Wort Gottes“, d.h. in der Bibel und der Sonntagspredigt. Und ihre Theologie, die den Faden zur altkirchlichen Tradition zerrissen hatte, wurde zu einem Teilgebiet der Philologie: Es ging um die rechte Auslegung des geschriebenen Wortes, ganz im Sinne des zeitgenössischen Humanismus, der sich mit großem Elan auf antike Texte stürzte.
Auf katholischer Seite kehrten dagegen mit der italienischen Renaissance heidnische Formen und Vorstellungen zurück. Gott Vater erschien fast wie der Göttervater Zeus, Christus beinahe als jugendlicher Hermes oder Apoll, die Engel, die in der Heiligen Schrift immer als Männer in weißen Gewändern oder als Jünglinge erscheinen, verwandelten sich in nacktärschige Putten, die dann zu Hunderten die Barockkirchen bevölkerten.
Sensible Gläubige, die in einer romanischen Krypta den tiefen Ernst des christlichen Glaubens und in einer gotischen Kathedrale eine Ahnung göttlicher Geheimnisse erfahren, kommen sich in einer Barockkirche wie in einer Theateraufführung vor: alles festlich und großartig und bunt, und doch auch oberflächlich und stellenweise geradezu lächerlich. Norddeutsche Protestanten fühlen sich von diesem süddeutschen Barock eher abgestoßen, während sich Katholiken darin wohlfühlen, haben sie doch von Kind an gelernt, über alle Einzelheiten hinwegzusehen und eine solche Kirche nicht nur als Gesamtkunstwerk zu würdigen, sondern als Vorsaal des himmlischen Vaterhauses zu betrachten, wo Glück und Seligkeit herrschen.
Es ist schwer zu beurteilen, wie weit Christus heutzutage seinen Gläubigen in der Form der katholischen, evangelischen oder ökumenischen Gottesdienste noch nahegebracht wird. Fromme Protestanten ziehen es vor, Gott im stillen Kämmerlein zu verehren, und die Pietisten suchen ihm in Gemeinschaft mit anderen „in der Stunde“ zu begegnen. Aber daß Christus im Laufe der Neuzeit, insbesondere seit der Aufklärung, immer mehr aus dem öffentlichen Leben der Deutschen zurückgedrängt wurde, ist offensichtlich. Religion ist zur Privatsache erklärt worden, so daß ein Volk als Gesamtheit eigentlich gar keinen Gott mehr haben kann. Bismarcks Wort „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts in der Welt“ wird in dem Maße zur Leerformel, wie jene kaum noch an einen Gott, geschweige denn an jenen Gott glauben, der in Jesus Christus als Mensch erschienen ist.
Religionsstatistiken ergeben, daß es – vom kommunistisch beherrschten China abgesehen – in keiner Weltgegend so viele Ungläubige gibt wie zwischen Ostsee und Erzgebirge. Dort, in der ehemaligen DDR, übertrifft die Zahl der Ungläubigen seit langem die der gläubigen Christen. Da wird man fragen dürfen, warum sich ausgerechnet im Stammgebiet des Luthertums das Christentum so weit zurückgezogen hat. Man ist geneigt, die Abfolge von Nationalsozialismus und Sozialismus sowjetischer Prägung dafür verantwortlich zu machen, aber dann müßte man fragen, warum das Christentum nach 70 Jahren Sowjetherrschaft in Rußland gegenwärtig eine Renaissance erlebt, während es in Mitteldeutschland nahezu tot ist.
Ähnliche Verhältnisse wie hier findet man nur noch in Böhmen und Mähren, den Stammländern der Hussiten und der Mährischen Brüder, was vermuten läßt, daß die Reformbestrebungen des Johannes Hus ebenso wie die Martin Luthers die Menschen eher Christus entfremdet als diesem nähergebracht haben. Der Protestantismus im weitesten Sinne, der als Protestbewegung gegen die katholische Kirche begann, hat schließlich nicht nur die Verbindung zu dieser gekappt, sondern letztlich auch die innere Bindung an Christus geschwächt.
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Daß nicht wenige Protestanten dieses Defizit bemerkt und versucht haben, einen neuen und eigenständigen Weg zu Christus zu finden, beweisen die zahlreichen Sektengründungen, vor allem im ursprünglich puritanischen Amerika. In Deutschland dagegen haben Sekten keine vergleichbare Rolle gespielt, sieht man einmal von den Wiedertäufern des 16. Jahrhunderts ab. Inzwischen ist der Protestantismus hierzulande förmlich eingeschlafen, worüber auch die pompös zelebrierten Kirchentage nicht hinwegtäuschen können. Wenn nur noch zwei Prozent der Kirchenmitglieder regelmäßig an den Gottesdiensten teilnehmen, heißt das doch wohl, daß ihnen ihre Religion ziemlich gleichgültig geworden ist.
Nun steht es aber um den deutschen Katholizismus kaum besser. Auch hier hat sich der Anteil der Kirchenbesucher von 50 Prozent anno 1950 auf etwa zehn Prozent verringert, und der Rest setzt sich sonntags ins Auto und fährt ans Meer oder in die Berge, geht wandern oder radfahren oder in ein Lokal zum Essen. Selbst wenn man den Grad der Religiosität nicht nur am Gottesdienstbesuch abmessen kann, ist die Beobachtung, in Deutschland sei das Christentum „verdampft“, ganz richtig. In welcher Familie wird denn noch gemeinsam gebetet? Wo unterhält man sich noch über Christus? Welche Rolle spielt er überhaupt noch im Privat- wie im öffentlichen Leben? Wer nimmt ihn noch zum Vorbild und wichtigsten Maßstab seines Lebens? Fast unmerklich hat er sich aus dem Bewußtsein der Deutschen entfernt und ist inzwischen so weit weg, daß er dem Auge eines fremden Betrachters kaum noch sichtbar ist. Das ist der tiefere Grund, weshalb es kaum Bekehrungen von Muslimen zum Christentum gibt: Sie haben den Eindruck, in ein gottloses Land zu kommen.
Ernst Jürgen hat einmal geschrieben: „Die verlassenen Altäre sind von Dämonen bewohnt.“ Es fragt sich also, welche Dämonen inzwischen die Stelle Christi eingenommen haben. Zur Zeit des Dritten Reiches war es der Dämon des Rassismus, dem die Deutschen Menschenopfer darbrachten. Nachdem er durch fremde Mächte vertrieben worden war und der Katholizismus eine kurze Renaissance erlebt hatte, begannen die Deutschen, den Götzen Mammon in Gestalt der D-Mark zu verehren. Nun hat aber Jesus gelehrt: „Niemand kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Mt 6,14), woraus folgt, daß die Deutschen aufhörten, Gott zu dienen.
Da nun aber „auri sacra fames“ („der verfluchte Hunger nach Gold“) niemals gänzlich gestillt werden kann, blieb ein Hohlraum, eine Leerstelle, in die andere Dämonen einrückten, vor allem der Ungeist der Vergangenheitsbewältigung. Waren die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen, ihr zerstörtes Land wieder aufzubauen, um eine Zukunft zu gewinnen, begannen sie, nachdem ein gewisser Wohlstand erreicht war, sich ihrer jüngsten Vergangenheit zuzuwenden, die sie zu „unserer Vergangenheit“ verabsolutierten.
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Die Greuel der Nazidiktatur rückten allmählich so ins Zentrum der Aufmerksamkeit, daß dahinter die gesamte übrige Geschichte verschwand oder allenfalls als Vorgeschichte des Verhängnisses, als „deutscher Sonderweg“, noch ein wenig Beachtung fand. So wurde ganz nebenbei die christliche Tradition des Mittelalters auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt und alles, was an dieser Nation einst gut und heilig gewesen war, dem Vergessen anheimgegeben.Im Gegenzug wurde die Lehre verbreitet, daß die Verbrechen der Nationalsozialisten niemals vergessen oder vergeben werden dürften. Der ehemalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck erklärte daher am 29. Mai 2009 im Bundestag: „Mit der systematischen Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden während der Nazizeit haben die Deutschen unendliche Schuld auf sich geladen – eine Schuld, die niemals vergeht.“ Diese Sichtweise stellt einen eindeutigen Widerspruch zur christlichen Lehre von der Vergebung dar.
Nach allgemeiner christlicher Auffassung ist Christus für die Sünden aller gestorben, so daß grundsätzlich alle Sünden, alle Verbrechen vergeben werden können. Noch in seinen letzten Stunden am Kreuz hat Christus einem Räuber und Mörder vergeben und die tröstlichen Worte gesprochen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein“ (Lk 23,43). Die Deutschen aber sollen nun ewig in der Hölle ihrer Selbstvorwürfe schmoren, ohne jede Hoffnung, daß ihnen jemals vergeben würde. Es wäre Aufgabe des deutschen Episkopats gewesen, dieser gänzlich unchristlichen Position entgegenzutreten und sich so vor das deutsche Volk zu stellen. Statt dessen haben die Bischöfe charakterlos die gängigen Phrasen von der deutschen Schuld nachgebetet und ihren Herrn noch einmal verraten. Es ist, als hätten sie niemals beim Apostel Paulus gelesen: „Das alles kommt von Gott; er hat uns mit sich versöhnt durch Christus und uns das Amt der Versöhnung übertragen. Denn Gott ist es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt, den Menschen ihre Sünden nicht anrechnet und uns die Verkündigung der Versöhnung aufgetragen hat“ (2 Kor 5,18–19).
Das arme, von allen guten Geistern verlassene Volk weiß sich nun nicht anders zu helfen, als sich in den Strudel hirnloser Vergnügungen zu stürzen: in wilde Besäufnisse bis hin zum Komasaufen, in die widerwärtigen Orgien der Schwulenbars und Swingerparties oder in den Höllenlärm von Diskotheken, der Sinn und Geist erschlägt. Während früher andächtige Fronleichnamsprozessionen durch Städte und Dörfer zogen, tobt sich jetzt in der Hauptstadt der Gottlosen die Perversität von Christopher-Street-Day-Paraden aus.
Christus – wo? Die Protestanten glauben schon lange nicht mehr an die leibliche Gegenwart Christi im Altarsakrament. Und die Katholiken haben die Tabernakel von den Hochaltären ihrer Kirchen geholt und in Seitenkapellen abgeschoben. Dafür haben sie einen „Volksaltar“ in die Vierung gestellt, als wüßte man nicht spätestens seit der unseligen Zeit des Dritten Reichs, daß man dem Volk keine Altäre bauen soll. „Gott allein gebührt die Ehre“, lautet ein alter christlicher Grundsatz. Aber dieser Gott hat sich offenbar zurückgezogen und die Deutschen in einer geistigen Wüste zurückgelassen, durch die wohl demnächst der Sturm des Islam fegen wird. Vor kurzem strahlte der deutsch-französische Sender arte den Dokumentarfilm „Katar: Millionen für Europas Islam“ aus, welcher den Aktivitäten der Organisation „Qatar Charity“ nachging und aufzeigte, wie der Golfstaat mit beträchtlichen Geldsummen nicht nur den Bau von Moscheen und Islamzentren, sondern auch den radikalen Islam der Moslembrüder in Europa fördert.5 Dabei wurde eindeutig nachgewiesen, daß das Ziel aller Bemühungen die Islamisierung Europas ist. Dieser Film stammt nicht zufällig aus französischer Produktion, denn die Franzosen haben einen klareren Blick für die Bedrohungen des Abendlands. Auch die Romane von Jean Raspail und Michel Houellebecq deuten ja in diese Richtung.
Den tieferen Grund für diese Katastrophe hat Robert Sarah, ein Sohn Afrikas, auf den Punkt gebracht: „Die Vorzüge aber, die Europa der Welt zur Verfügung stellen könnte, sind seine Identität, seine zutiefst vom Christentum durchwirkte Kultur. Doch was hat es den muslimischen Neuankömmlingen anderes angeboten als seinen Unglauben und sein barbarisches Konsumdenken? Warum erstaunt es uns, dass diese Neuankömmlinge sich in den islamischen Fundamentalismus zurückziehen? Die Europäer müssen auf ihre vom Evangelium geprägten Sitten und Gebräuche stolz sein. Das wertvollste Geschenk, das Europa den Migranten machen kann, ist nicht an erster Stelle finanzielle Unterstützung und noch weniger eine individualistische, säkularisierte Lebensweise. Das wertvollste Geschenk ist die Teilhabe an seinen christlichen Wurzeln. Sich selbst annehmen, wie man ist, ist eine grundlegende Voraussetzung, um den andern lieben zu können. Angesichts der Gefahr des radikalen Islam müsste das Abendland klar und deutlich machen, unter welchen Bedingungen man an seinem Leben und seiner Zivilisation teilhaben kann. Doch Europa zweifelt an sich selbst und schämt sich seiner christlichen Identität. Und das macht es für die Fremden verächtlich.“6
Was hier über das Abendland insgesamt gesagt ist, gilt kaum für ein anderes Land so sehr wie für Deutschland. Vor allem die Fähigkeit, sich selbst anzunehmen, ist hier völlig verkümmert. Diese Verblendeten, die sich selbst und ihre ganze Geschichte verteufeln und von der christlichen Botschaft kaum noch etwas verstehen, können auch keine christliche Kultur weitergeben. Aber sie werden wahrscheinlich auch ihre nächste Katastrophe erst wieder begreifen, wenn es zu spät ist und die grüne Fahne des Propheten vom Reichstag weht.
1 Wilhelm Braune: Althochdeutsches Lesebuch, 13. Aufl., Tübingen 1958, S. 82 f.
2 Carl von Kraus: Des Minnesangs Frühling. Nach Karl Lachmann, Moriz Haupt und Friedrich Vogt, 32. Aufl., Stuttgart 1959, S. 28 f.
3 Detlev Arens: „Der Dom zu Köln“; in: Hans-Christian Hoffmann (Hg.): Unser Weltkulturerbe, Köln 1998, S. 133.
4 Gerhart Bürk u. Richard Dietrich: Weltgeschichte im Aufriß. Bd. II: Vom Frankenreich bis zum Ende des absolutistischen Zeitalters, Frankfurt a.M. 1954, S. 20 f.
5 Jérôme Sesquin: Katar: Millionen für Europas Islam, Frankreich 2019.
6 Robert Kardinal Sarah: „Europa macht sich verächtlich“; in: CATO. Magazin für Neue Sachlichkeit 6/2019, S. 57–63, hier S. 62.