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„Die Christenverfolgung findet dort statt, wo der Islam regiert“

Viele Kirchenfunktionäre sehen sich eher als „Funktionäre des neuen Totalitarismus der Gender-Ideologie, der Klimareligion und des Kults der Erde“. Auch unter Priestern und sogar Bischöfen findet man immer mehr „Kollaborateure mit der Ideologie der herrschenden Meinungsdiktatur“.
„In einer Gesellschaft der Menschlichkeit opfern sich die Erwachsenen und die Starken, damit die Schwächsten, das heißt die geborenen und ungeborenen Kinder, leben. In einer Gesellschaft, die die Abtreibung legalisiert, werden die Schwächsten […] geopfert, damit die Erwachsenen und Starken leben.“

Die deutsche Kirche und das deutsche Christentum brauchen dringend neue mutige Bekenner

Athanasius Schneider wurde 1961 in Tokmak (Kirgisien in der damaligen Sowjetunion) geboren und ist Weihbischof im Erz­bistum Astana in Kasachstan. Er stammt aus einer schwarzmeerdeutschen Familie und war schon im Alter von 12 Jahren da­von überzeugt, Priester werden zu wollen. In Österreich trat er dem Orden der Regularkanoniker vom Heiligen Kreuz bei, danach studierte er Theologie und Philosophie in Brasilien, wo er insgesamt sieben Jahre lang wirkte. Die Priesterweihe er­hielt er 1990, 1997 wurde er in Rom promoviert. Schneider war Generalrat der Ordensleitung in Rom, Studiendirektor des Priesterseminars von Karaganda und ist seit 2006 Weihbischof für das Bistum Karaganda. Er beherrscht außer seiner Mutter­sprache Deutsch zehn weitere Sprachen, darunter Italienisch, Englisch, Russisch, Lateinisch, Griechisch und Portugiesisch. Schneider veröffentlichte Beiträge für die Online-Magazine kath.net und kreuz.net, in denen er sich u.a. kritisch zur Entwick­lung der katholischen Kirche äußerte. Seiner Meinung nach befindet diese sich in der vierten großen Krise seit ihrem Entste­hen. Außerdem publiziert er Bücher über die Kommunion. Im unlängst im Ares-Verlag erschienenen Sammelwerk „Nation, Europa, Christenheit. Der Glaube zwischen Tradition, Säkularismus und Populismus“ ist Schneider mit einem eigenen Bei­trag vertreten.

Mit Athanasius Schneider sprachen Mag. Wolfgang Dvorak-Stocker und Bernd Kallina

Euer Exzellenz, Sie sind ein hoher katholi­scher Würdenträger mit internationalen Er­fahrungen und Einblicken in das religiöse Leben vieler Völker und Nationen. Inwiefern hebt sich die heutige Lage des Christentums in Deutschland von der in anderen Ländern ab?

Was einem als erstes äußeres Merkmal im kirchlichen Leben in Deutschland ins Auge springt, das ist der materielle, fi­nanzielle Reichtum. Durch das Kirchen­steuersystem macht die deutsche Kirche den Eindruck einer Art Staatskirche, und durch ihren finanziellen Reichtum ist sie gleichsam ein großer Arbeitgeber gewor­den. Wenn es auch zweifellos aufrichtige Christen gibt, die in den Strukturen der deutschen Kirche als bezahlte Arbeiter tätig sind, so gibt es erwiesenermaßen viele bezahlte Christen, die eher als Funktionäre ihre Aufgaben ausüben, und zwar immer mehr als „Parteifunktionä­re“ und Funktionäre des neuen Totalita­rismus der Gender-Ideologie, der Klima­religion und des Kults der Erde. Leider muß man zu solchen gutbezahlten und von den gleichgeschalteten öffentlichen Medien protegierten kirchlichen Arbei­tern auch nicht wenige Pfarrer und sogar Bischöfe zählen. Man erkennt heute in Deutschland unter den Kirchenmännern eine immer größer werdende Zahl von Kollaborateuren mit der Ideologie der herrschenden Meinungsdiktatur. Wie leuchtend und heroisch hebt sich dage­gen das Beispiel des Muts und des Wi­derstands des katholischen Klerus in der Zeit des Kulturkampfs unter Reichskanz­ler Bismarck und unter der nationalso­zialistischen Diktatur ab. Die deutsche Kirche und das deutsche Christentum brauchen dringend neue mutige Beken­ner.

„Erstes Opfer einer Ego-Gesell­schaft: das ungeborene Kind“

Trotz materiellen Wohlstands erscheint Eur­opa religiös ausgehöhlt und innerlich schwach. So werden gerade Kinder, die doch das Fundament der Zukunft sind, von vielen als Bedrohung der Gegenwart und als Ein­schränkung der Lebensqualität gesehen. In Ihrem „Mahnwort an die Christen Deutsch­lands“ sprechen Sie von einem „Siegeslauf der Anti-Kind-Mentalität“ und haben durch Ihre Teilnahme beim 6. „Marsch für das Le­ben“ ein Zeichen der Hoffnung gesetzt. Mit Erfolg?

Wenn man sich für die Wahrheit und für den Respekt vor Gottes Geboten und damit für die Würde des Menschen und das wahre und beständige Wohl der Ge­sellschaft einsetzt, dann ist „Erfolg“ ein zweitrangiges Kriterium. Das Gute wird in der Regel unter Mühen und Opfern gesät und bringt oft erst nach langen Jah­ren und nach einigen Generationen Frucht. Wir erleben heute die Schaffung der Gesellschaft eines gnadenlosen Ego­ismus, der alles aus dem Weg räumt, was das Ausleben der eigenen und immer maßloser werdenden Wünsche auch nur im Geringsten einschränkt. Die Losung lautet hier: „Ich, und nur ich!“

Das erste Opfer der Gesellschaft des Egoismus ist das schwächste und schutz­loseste Wesen, nämlich das ungeborene Kind. Der Genozid der ungeborenen Mitbürger vollzieht sich unter zynischem Applaus der Mehrheit der politisch Ver­antwortlichen und der Volksvertreter. Der Genozid der Abtreibung wird als ei­ne monströse Schandtat der Völker des 20. und 21. Jahrhunderts in die Geschich­te eingehen. „Märsche für das Leben“ sind ein Hoffnungszeichen und ein Licht inmitten der Barbarei der Unmenschlich­keit. In einer Gesellschaft der Mensch­lichkeit opfern sich die Erwachsenen und die Starken, damit die Schwächsten, d.h. die ungeborenen und die geborenen Kin­der, leben. In der Gesellschaft, die die Abtreibung legalisiert, werden die Schwächsten und die ungeborenen Kin­der geopfert, damit die Erwachsenen und die Starken leben. Hoffnung und Zukunft gibt es nur dort, wo die Hingabe und der Schutz für die Schwächsten Vor­rang hat. Mögen sich in Deutschland die „Märsche für das Leben“ immer mehr

ausweiten und zu einem nationalen Wi­derstand werden, der sagt: „Wir werden zum Genozid der Ungeborenen nicht mehr schweigen! Wir protestieren!“ Be­denkenswert bleibt die Aussage von Juli­us Fu?ík, eines tschechischen Wider­standskämpfers gegen den Nationalso­zialismus: „Fürchte nicht deine Feinde, schlimmstenfalls können sie dich töten. Fürchte nicht deine Freunde, schlimm­stenfalls können sie dich verraten. Fürch­te die Gleichgültigen, weil mit deren schweigender Zustimmung die schänd­lichsten Verbrechen auf der Welt verübt werden.“

Brüssel-Europa ist Arm der marxi­stischen Kulturrevolution

Ein Blick auf die politischen Einigungsbe­strebungen in Europa kann keineswegs opti­mistisch stimmen. Die EU-Verfassung blen­det bewußt ihre christlichen Wurzeln aus. Dieses säkulare Brüssel-Europa besteht of­fenbar nur aus rein ökonomischen und admi­nistrativen Strukturen. Ist es da verwunder­lich, daß sich eine starke „populistische Gegen­strömung“ bemerkbar ge­macht hat?

Das säkulare Brüs­sel-Europa besteht si­cherlich nicht nur aus rein ökonomischen und administrativen Strukturen. Solch eine Sicht wäre zu naiv. Es handelt sich um eine wesentlich ideologi­sche Struktur. Das Brüssel-Europa ist in der Tat ein mächtiger politischer Arm für die gesellschaftliche Ver­wirklichung der letzten Phase der marxisti­schen Kulturrevoluti­on. Dies zeigt sich hauptsächlich in drei Totalitarismen: in einem Totalitarismus der Materie, wo die Materie, etwa das Klima und die sogenannte Mutter Erde, alles bestimmend ist, in einem Totalita­rismus der Gleichheit, der die Evidenz der zwei biologischen Geschlechter von Mann und Frau ausschließt, sowie in ei­nem Totalitarismus des Atheismus, der die Materie und den Menschen zu einem „Gott“ erhebt. Der Ausdruck „populisti­sche Gegenströmung“ ist eine tendenti­öse und polemische Parole, um jeden Wi­derstand gegen die alles beherrschende Partei der „Gleichschaltung“ von vorn­herein zu diskreditieren. Das erinnert an ähnliche Methoden der Sowjetdiktatur, wo Kritiker gegen Kommunismus und Marxismus des Delikts der „antisowjeti­schen Propaganda“ und, wenn die Kriti­ker Katholiken oder Priester waren, des Delikts der „vatikanischen Spionage“ be­schuldigt wurden.

Sehen Sie im „Populismus“, wie er abschät­zig von den alten säkularen Eliten benannt wird, vielleicht auch mögliche Ansatzpunkte einer Neubelebung traditionell christlicher Werte?

Die Formierung eines gesellschaftli­chen und politischen Widerstands gegen das Monopol des Einheitsdenkens der sogenannten säkularen politischen Eliten ist lobenswert und notwendig. Eine sä­kulare Gesellschaftsordnung führt von ihrem Wesen her zu einer Gesellschaft ohne Gott, weil darin alles Religiöse aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet wird. In erster Linie wird dabei der Ein­fluß der einzigen übernatürlichen Offen­barungsreligion, und das ist das Chri­stentum, systematisch auf die rein priva­te Sphäre reduziert und der Mensch, nicht der sich offenbarende Gott, zum Schöpfer und Richter von Wahr und Falsch, von Gut und Böse erklärt. Diese Sichtweise gehört übrigens zum Wesens­kern des Freimaurertums.

Das Christentum hat durch die von ihm geförderte harmonische Verbindung und das Zusammenwirken von Natur und übernatürlicher Offenbarung eine in der Menschheitsgeschichte einmalige Kultur geschaffen. Aus dem Chaos des Zerfalls der griechisch-römischen Kultur haben die christlich gewordenen Barba­ren die europäische Kultur geschaffen. Ohne die europäische Kultur der tradi­tionell christlichen Werte hätte die Menschheit keine kulturellen Errungen­schaften wie beispielsweise die einmali­ge musikalische Schönheit des Gregoria­nischen Chorals und der Architektur der Gotik, Genies wie Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Kopernikus, Leonar­do da Vinci, Leibniz, die bekanntesten christlichen Maler und Musiker. Ohne das Christentum, d.h. die traditionell christlichen Werte, könnte die Mensch­heit heute die Musik beispielsweise eines Mozart und Beethoven nicht hören. Die Mönche des Mittelalters haben die Wer­ke der heidnischen griechischen und rö­mischen Schriftsteller und Philosophen vor der Zerstörung durch die Wirren der Völkerwanderungszeit gerettet. Das Christentum hat in Europa auch die er­sten Universitäten sowie die ersten allge­meinen Schulen und Krankenhäuser ge­schaffen. Unsere Gesellschaft ist auf dem Weg in den Abgrund der Barbarei, d.h. der Unkultur. Europa kann nur durch die traditionell christlichen Werte auf Dauer erneuert werden, und zwar durch die Förderung der treuen und monoga­men Ehe, der Familie – und möglichst der kinderreichen Familie –, die Verteidi­gung des unschuldigen und des schwächsten menschlichen Lebens, die Ehrfurcht und Achtung vor den Kranken und Alten, die Erziehung der Jugend zu den Tugenden der Nächstenliebe, der Dankbarkeit, der Treue, der Keuschheit.

Islamische Einwanderung wurde vom „Politbüro“ in Brüssel gefördert

Viele besorgte Christen betrachten die wach­sende Islamisierung in Europa als ernste Ge­fahr. Eine unaufhaltsame Entwicklung?

Die wachsende Islamisierung Europas hängt hauptsächlich von zwei Faktoren ab. Der entscheidende Faktor dabei ist politischer Natur. Die großen Ströme von islamischen Einwanderern in den letzten Jahren wurden vom „Politbüro“ in Brüssel aktiv gefördert und von den EU-Mitgliedstaaten ihre Aufnahme ver­langt. Staaten wie z.B. Ungarn, Polen und die Slowakei, die die Aufnahme von christlichen statt islamischen Einwande­rern beschlossen, wurden daraufhin von Brüssel gemaßregelt und mit Sanktionen bedroht. Der andere Faktor besteht in der Verbreitung des religiösen Relativismus, d.h. der Theorie, daß alle Religionen von Gott positiv gewollt und vor ihm gleich seien. Diese Theorie wird in unserer Zeit leider von maßgeblichen Vertretern des Heiligen Stuhls und von den meisten Episkopaten der katholischen Kirche in Europa gefördert.

Hinzu kommt ja, daß in islamisch geprägten Staaten grausame Christenverfolgungen stattfinden. Müssen wir nicht damit rech­nen, daß sich bei steigendem Einfluß des Is­lam bei uns die Gefahr ähnlicher Konstella­tionen ergibt?

Eine Diskriminierung und verschie­denartige Verfolgung der Christen findet dort statt, wo der Islam ein Land poli­tisch und sozial regiert. Der Islam hat von seiner Natur her einen totalitären Anspruch, denn die soziale Idealform des Islam besteht in der Verwirklichung der Scharia in allen Bereichen des öffent­lichen Lebens. Wie sollen die europä­ischen Bürger damit umgehen? Es ist notwendig, die Öffentlichkeit auf jene Elemente der Scharia aufmerksam zu machen, die z.B. Frauen und Nichtmusli­me diskriminieren und heute in nicht wenigen vom politischen Islam be­herrschten Ländern – leider ohne Ein­spruch der sogenannten europäischen Demokraten – praktiziert werden.

Weihbischof Athanasius Schneider.
„Ohne Zweifel wird die heute sogenannte alte Messe mit geringen, sinnvollen und nützlichen Änderungen […] die Messe der Zukunft sein.“

Prinzip der offenen Grenzen wird bürgerkriegsähnliche Zustände hervorrufen

Zur Migrationsfrage ganz generell: Viele ka­tholische Funktionäre, Priester, ja sogar Bi­schöfe meinen, daß die christliche Nächsten­liebe offene Grenzen verlange und die Euro­päer geradezu verpflichtet seien, all jene, die sich mit Booten über das Mittelmeer zu uns aufmachen, auch aufzunehmen. Aber gibt es nicht eine Grenze dieser propagierten „Fern­stenliebe“, vor allem dann, wenn sie zu desa­strösen Verwerfungen in den Aufnahmelän­dern führt, die wir tagtäglich beobachten können?

Das Prinzip der offenen Grenzen wird früher oder später zu Unordnung im so­zialen und politischen Leben eines jeden Staates führen und sogar anarchische oder bürgerkriegsähnliche Zustände her­vorrufen. Mit Unordnung und Chaos ist niemandem geholfen, weder der einhei­mischen Bevölkerung noch den Immi­granten. Es wäre gegen das Naturrecht und auch gegen die Tugend der Klug­heit, wenn ein Vater unkontrolliert Leute in sein Haus aufnähme, die dann seinen eigenen Kindern an Leib und Seele Scha­den zufügen.

Der westafrikanische Kardinal Robert Sarah hat sich in der Migrationsfrage sehr restrik­tiv festgelegt: Europa drohe durch fortgesetz­te Immigration sogar der Untergang. Er sag­te weiter, daß Gott kein Propagandist für Migration war und ist. Wenn Priester und Bischöfe sich auf das Wort Gottes beriefen, um illegale Massenmigration zu unterstüt­zen, würden sie die Bibel falsch auslegen. Tei­len Sie diese Aussage?

Gott hat alles in der Schöpfung mit Weisheit und rechter Ordnung geregelt. Wenn Gott in der Heiligen Schrift auch dazu mahnt, Fremde und Flüchtlinge aufzunehmen und ihnen Nächstenliebe zu erweisen, so beziehen sich diese Wor­te nicht auf Massen, sondern eher auf in­dividuelle Fälle. Gott hat nicht die Ak­zeptanz der Invasion Fremder unter dem Namen von der Liebe zu den Fremden befohlen. Das wäre gegen den Sinn der Gerechtigkeit und gegen die Vernunft.

In Ihrem Beitrag für das Buch „Nation, Eur­opa, Christenheit“ unter dem Titel „Die Hoffnungslosigkeit einer Stadt des Menschen ohne Gott. Mahnworte an die Christen Deutschlands“ weisen Sie auf Hunderte von Brandanschlägen in katholischen Kirchen in Frankreich hin. Höhepunkt: der Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris. In der Symbolik des negativen Geschehens sehen Sie auch positive Zeichen. Welche meinen Sie?

Ein beeindruckendes positives Zei­chen war z.B. das spontane Gebet von mehreren Hundert Menschen, die sich angesichts der brennenden Kathedrale Notre-Dame auf das Straßenpflaster oder den Gehsteig knieten, den Rosenkranz beteten und Lieder sangen. Unter ihnen sah man viele junge Menschen. Eine Si­tuation von Verfolgung, und das sind die systematischen Brandanschläge auf sa­krale Gegenstände der katholischen Kir­che im Grunde genommen, erzeugt eine heilsame Gegenreaktion in den Reihen der noch glaubenden Menschen. Man­che, wenn auch nicht so viele, fühlen sich dann zum Bekennermut aufgerufen. In solchen Situationen leuchtet dann vor Gott das Licht des Muts der Christen, die furchtlos ihren Glauben bekennen und gegen den Strom schwimmen, heller als die Feuerflammen der Brandanschläge.

Gebet heißt „Erheben der Seele zu Gott“

Themenwechsel zu Fragen der Liturgiere­form: Als Argument für die Liturgiereform wurde oft ins Treffen geführt, daß die Ge­meinde nicht in der Messe beten, sondern die Messe beten solle. Daher die Zelebration in der Volkssprache und das vernehmliche Beten des Kanons durch den Priester. Andererseits hat Kardinal Sarah, der Präfekt der Kongre­gation für den Gottesdienst, „die Kraft der Stille“ (so der Titel seines Buchs) gerade bei der Zelebration der Heiligen Messe hervorge­hoben. Lassen sich diese Anliegen zusam­menbringen?

Zunächst sollte man klären, in was das Gebet eigentlich besteht. Nach der tradi­tionellen, allgemeinen Definition heißt Gebet das „Erheben der Seele zu Gott“. Das ist das, was die Gläubigen im Zen­trum der Meßliturgie auf den Zuruf des Priesters „Empor die Herzen!“ (Sursum corda!) antworten: „Wir haben sie [d.h. unsere Herzen] beim Herrn!“ (Habemus ad Dominum!). Das grundlegende Wort hier ist „beim Herrn“. Es gibt verschiedene Mittel, die uns helfen, unsere Herzen, unsere Gedanken, unser innerstes Streben und Wollen zu Gott zu erheben. Das kann das mündli­che Gebet sein, das kann einfach ein ge­sammeltes Schweigen sein, ein Betrach­ten, Schauen und Zuhören voll Glauben und Liebe und Staunen. Die Seele des mündlichen Gebets ist allerdings das in­nere Gebet, das Gebet ohne Worte, die inneren Akte der Liebe zu Gott, des Danks und der Anbetung. Gott schätzt in besonderer Weise das innere Gebet, wie es uns die Heilige Schrift in der Geschich­te der Anna im 1. Buch Samuel 1,12 lehrt, oder wo Gott die Menschen davor warnt, nur mit den Lippen zu beten und das Herz weit weg von Ihm zu haben (vgl. Jes. 29,13 und Math. 15,8). Die Meßliturgie ist natürlich das offizi­elle und feierlichste öffentliche Gebet der Kirche. Man soll jedem die Freiheit las­sen, in der Weise daran teilzunehmen, wie er sein Herz am besten zu Gott erhe­ben kann. Für nicht wenige Menschen ist dafür ein innerliches, schweigendes Teil­nehmen hilfreich oder die Verrichtung der anbetenden Körpergesten wie Ver­neigung und Knien, oder auch ein schweigendes Betrachten und Hören dessen, was der Priester, die Altardiener und der Chor an äußeren Gesten, münd­lichem Gebet und Gesängen Gott zum Lobe darbringen. Das Zweite Vatikani­sche Konzil hat das Schweigen sogar als eine der Formen der tätigen Teilnahmean der Meßliturgie genannt (vgl. „Sacro­sanctum Concilium“, 30).

Ein wesentliches Anliegen der Messe ist die Förderung von Andacht und Ehrfurcht. Nun wurde der Empfang der Heiligen Kommuni­on sowohl stehend als auch in die ausge­streckte Hand ermöglicht. Verschleiert dies nicht die Bedeutung des Akts der Kommuni­onsspendung? Führt dies nicht zu einem Verlust der Gottesfurcht?

Auf Dauer gesehen führt solch eine Geste bei den meisten Menschen, vor al­lem auch bei Kindern und Jugendlichen, zum Verlust zunächst des vollen Glau­bensbewußtseins von der realen Gegen­wart des Herrn und der Wesensverwand­lung, aber dann auch zum allmählichen Verlust der äußeren Ehrfurcht, so daß der Kommunionsempfang leicht zu et­was Gewöhnlichem wird. Die beschrie­bene Geste enthält nämlich das Mini­mum an äußerer Anbetung und Erha­benheit und gleicht eher der Geste, wie man gewöhnliche Nahrung zu sich nimmt, nämlich indem man die Speise mit der Hand anfaßt und sich selbst zum Mund führt. Ferner steht man.Niemand würde eine gewöhnliche Speise kniend einnehmen oder sie sich von einem anderen in den Mund legen lassen. Das ist nur bei Kleinkindern der Fall, die darauf angewiesen sind, daß die Erwachsenen ihnen die Speise in den Mund legen. Allerdings hat der Herr zu allen, und an erster Stelle zu den Erwach­senen, gesagt: „Wenn ihr das Reich Got­tes nicht wie ein Kind aufnehmt, kommt ihr nicht in das Himmelreich“ (Lk. 18,17). Ist die Aufnahme der Heiligen Kommu­nion, des wahren Leibes und Blutes des Herrn mit Seiner Gottheit, nicht mehr als das Himmelreich? Deshalb ist die innere, aber auch die äußere Geste des Kindes und des demü­tigen Zöllners im Augenblick des Kom­munionsempfangs eben die jahrhunder­telang bewährte Geste des Kniens und der direkten Mundkommunion. Für den heiligsten Augenblick des Kommunionsempfangs gilt in besonde­rer Weise die Aussage des Heiligen Tho­mas von Aquin: „Was du kannst, das sollst du wagen!“ (Quantum potes, tantum aude!), d.h. was du an Ehrfurcht und Lie­be dem Herrn innerlich und äußerlich geben kannst, das sollst du wagen.

Kritiker der Liturgiereform wenden ein, daß die Änderung der Zelebrationsrichtung um 180 Grad den Opfercharakter der Messe ge­genüber dem Mahlcharakter aufgegeben habe und daß in den neuen, zusätzlich zum römi­schen Kanon eingeführten Hochgebeten we­sentliche Glaubenswahrheiten nicht mehr vorkämen. Dennoch ist der Novus Ordo Mis­sae die gültige, ordentliche Form des römi­schen Ritus. Auch Benedikt XVI. hat von zwei Anwen­dungsformen des ei­nen römischen Ritus gesprochen. Sind diese Kritikpunkte also falsch oder nicht wichtig?

Die Kritikpunk­te am Novus Ordo Missae sind natür­lich berechtigt, weil darin unbe­streitbar Elemente enthalten sind, die den Opfercharak­ter schwächen und eher den Mahlcha­rakter im protestantischen Sinne begün­stigen, wie z. B. die neuen Opferungsge­bete, die eigentlich Tischgebete aus der jüdischen Sabbathfeier sind. Das Zweite Eucharistische Hochgebet enthält sehr schwache Ausdrücke hinsichtlich des Opfercharakters. Diese Tatsache führte dazu, daß mehrere protestantische Pasto­ren erklärten, mit den neuen Opferungs­gebeten und dem Zweiten Eucharisti­schen Hochgebet ohne weiteres das pro­testantische Abendmahl feiern zu kön­nen, jedoch niemals mit den alten Opfe­rungsgebeten und dem Römischen Meß­kanon. Der ganze rituelle Ablauf der Neuen Messe ist eher als eine Gemeinde­versammlung gestaltet, so daß der Prie­ster gleich zu Beginn wie bei einer weltli­chen Veranstaltung die Gemeinde be­grüßt und dann auch im Verlauf der Fei­er persönliche Kommentare nach eige­nem Ermessen einbauen kann. Was für ein diametraler Gegensatz ist das zum überlieferten Ritus, wo zu Be­ginn der Priester mit der ganzen Ge­meinde durch Gebete, Psalmen, das Schuldbekenntnis und gegebenenfalls das Gloria sich zunächst und sogar visu­ell ganz Gott zuwendet. Erst danach wendet sich der Priester mit dem liturgi­schen Gruß „Der Herr sei mit euch“ den Gläubigen zu. Der Ablauf der Neuen Messe hat im Gegensatz zur überliefer­ten und konstanten Meßform eine Ten­denz zum Anthropozentrismus, was am anschaulichsten durch die „Versus-populum“-Zelebration zum Ausdruck kommt, eben wie in einem geschlossenen Kreis.

Ganz wesentlich ist aber doch die Verfäl­schung der Wandlungsworte. Christus ist zwar für alle gestorben, aber seine Erlösungs­kraft ist nur wirksam, wenn der einzelne Mensch sie annimmt. Daher muß es bei der Kelchkonsekration „für viele“ und nicht „für alle“ heißen, wie dies in allen Sprachen und allen Zeiten auch immer der Fall war. Nur in der Neuen Messe lautet die Formel anders. Papst Benedikt XVI. hat daher die Rückkehr zu den richtigen Wandlungsworten angeord­net. Zumindest im deutschen Sprachraum haben ihm die Bischöfe aber keinen Gehorsam geleistet. Was ist zu tun?

In der Neuen Messe im lateinischen Original waren die Wandlungsworte korrekt wiedergegeben, nämlich „für viele“, ebenso in anderen Sprachen wie im Französischen und in den slawischen Sprachen. Neuerdings sind sie auch im Englischen und Spanischen korrekt wie­dergegeben. Die unkorrekte Überset­zung ist noch im Italienischen, im Portu­giesischen und im Deutschen verblieben. Leider hat Papst Franziskus das Anliegen Papst Benedikts XVI. in diesem Punkt nicht unterstützt und erlaubt den ge­nannten Sprachregionen, weiterhin bei der unkorrekten Übersetzung zu verblei­ben.

Den Baum soll man nach den Früchten er­kennen, heißt es im Matthäus-Evangelium. Nun hat sich zumindest im katholischen Eu­ropa die Zahl der Gottesdienstbesucher in den letzten Jahrzehnten um mehr als 70 % verringert. Hat die Liturgiereform dazu bei­getragen oder einfach ihre Ziele nicht er­reicht, weil der Zeitgeist stärker war?

Meines Erachtens haben beide Fakto­ren mitgewirkt: der Zeitgeist und die un­glückliche Liturgiereform mit ihren ent­sakralisierenden Elementen. Wenn im Gottesdienst das Heilige, Erhabene, Übernatürliche nicht mehr deutlich ge­nug zum Ausdruck kommt, spüren die Menschen eine Langeweile und sagen sich, daß sie anderswo bessere Unterhal­tung haben können; vor allem ist es die Jugend, die so reagiert. Man verkennt die Tatsache, daß die menschliche Seele, und auch die der Jugendlichen, sich nach Ho­hem und eindeutig Heiligem sehnt.

Die von Erzbischof Lefebrve begründete Priesterbruderschaft Sankt Pius X. steht „nicht außerhalb der Kirche“: „Die Vollmachten, die Papst Franziskus den Priestern der Pius-Bruderschaft erteilte, nämlich allgemeine Beichtvollmacht und die Möglichkeit der Assistenz bei Eheschließungen, versetzt die Bruderschaft in eine wesentlich andere kanonische Position als in den Jahren davor.“ – Erzbischof Lefebrve mit Pater Schmidberger.
„Die Ergebnisse der Amazonassynode werden sicherlich keinen dauerhaften Bestand haben. Sie wurden nämlich nicht auf Christus, den Felsen der Wahrheit, sondern auf Sand gebaut und werden wie die im Tiber versenkten Pachamama-Götzenbilder vom Winde verweht werden.“ – Der altem Tiroler Adel entstammende österreichische Lebensschützer und katholische Aktivist Alexander Tschugguel (Bild) bekannte sich zur Entfernung der heidnischen Statuetten aus der römischen Kirche Santa Maria in Traspontina. Auch die deutschen Kardinäle Walter Brandmüller und Gerhard Ludwig Müller bezeichneten das Aufstellen der Figuren in einer katholischen Kirche als Skandal.

Die „alte“ Messe wird die Messe der Zukunft sein

Mit dem Motu proprio „Summorum Pontifi­cum“ hat Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 die tridentinische Messe als „außerordentli­che Form des Römischen Ritus“ wieder zuge­lassen. Welchen Stellenwert hat die „alte“ Messe heute in der Kirche, welchen Stellen­wert soll sie in Zukunft haben?

Ich würde von der Sache her vorschla­gen, daß die „alte“ Messe nicht „außeror­dentliche Form des Römischen Ritus“, sondern „überlieferte“ bzw. „beständige Form des Römischen Ritus“ genannt wird. Außerordentlich sollte eigentlich die Neue Messe heißen, weil deren Ge­stalt, so wie sie ist, vor 1969 nie existiert hat und am grünen Tisch von Theoreti­kern und liturgischen Revolutionären fa­briziert worden ist. Die „beständige“ Form des Römischen Ritus ist dagegen organisch und fast unbemerkbar ohne wahrnehmbare Brüche über mehr als 1500 Jahre gewachsen (soweit dokumen­tarisch feststellbar), und zwar nicht durch den Beitrag von verkopften Aka­demikern, sondern aus einem intensiven Glaubens- und Gebetsleben mehrerer Generationen und großer, heiliger Bi­schöfe und Päpste. Ohne Zweifel wird die heute soge­nannte alte Messe mit geringen, sinnvol­len und nützlichen Änderungen in den Meßrubriken, Meßformularien und dem Kalender die Messe der Zukunft sein. Das sieht man schon an der Tatsache, daß die „alte“ Messe auf der ganzen Welt vor allem Kinder und Jugendliche anzieht. Das ist wiederum ein Beweis dafür, daß das Wahre, das Heilige und das Schöne eine mächtige übernatürliche Anzie­hungskraft hat für jene Seelen, die Gott aufrichtig suchen.

Ist eine neue Liturgiereform überhaupt denk­bar? Im 1988 von Johannes Paul II. zugelas­senen Zairischen Meßritus werden etwa im Wortgottesdienst außer den Heiligen auch die Vorfahren angerufen.

Es gab im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder Reformen in der Liturgie. Allerdings waren sie so vorsichtig, daß man die Reformen kaum wahrnahm. Die Heilige Messe, die z.B. im 13. Jahrhun­dert gefeiert wurde, war in ihrem äuße­ren Ablauf beinahe die gleiche wie die Messe nach dem Konzil von Trient, so daß der einfache gläubige Katholik nach diesem Konzil von einer Reform kaum etwas merkte. Das ersieht man an den Ausgaben des „Missale Romanum“ und den Meßkommentaren aus den Jahrhun­derten vor dem Konzil von Trient und danach, und zwar, was den Meßritus selbst betrifft. Grundlegend bleibt der vom Zweiten Vatikanischen Konzil auf­gestellte Grundsatz: „Schließlich sollen keine Neuerungen eingeführt werden, es sei denn, ein wirklicher und sicher zu er­hoffender Nutzen der Kirche verlange es. Dabei ist Sorge zu tragen, daß die neuen Formen aus den schon bestehenden ge­wissermaßen organisch herauswachsen“ („Sacrosanctum Concilium“, 23). Dieser Grundsatz wurde leider bei der nach dem Konzil stattgefundenen Liturgiere­form weitgehend nicht beachtet, mit den bedauerlichen Folgen, die wir alle fest­stellen. Die Kirche wird aus der verkehr­ten Vorgehensweise bei der nachkonzili­aren Liturgiereform sicherlich eine Lehre ziehen und in Zukunft bei einer Liturgie­reform so vorgehen, wie sie es zu allen Zeiten tat: ohne Brüche, vorsichtig und organisch.

Reinheit der Liturgie hängt mit Reinheit des Glaubens zusammen

Die Gemeinschaften der Tradition, wie im deutschen Sprachraum die Priesterbruder­schaft St. Petrus und das „Institut Christus König und Hoherpriester“, halten nicht nur an der „alten“ Messe fest, sondern verurtei­len auch bestimmte Entwicklungen in der Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Kon­zil. Das gilt in besonderem Maße für die Prie­sterbruderschaft St. Pius X., die zwar außer­halb der Kirche steht, jedoch ohne schisma­tisch oder gar häretisch zu sein, und der auch der gegenwärtige Papst weitgehende Zuge­ständnisse gemacht hat. Die Pius-Bruder­schaft wirft Papst Franziskus aber eine völlig neue Anwendung des Begriffs der Barmher­zigkeit vor, die die Notwendigkeit einer ech­ten Bekehrung, auf die es eigentlich ankom­me, zumindest verschleiere. Welche Rolle sol­len die Gemeinschaften der Tradition in der Zukunft spielen?

Zunächst muß ich einwenden, daß die Pius-Bruderschaft nicht außerhalb der Kirche steht. Die Vollmachten, die Papst Franziskus den Priestern der Pius-Bru­derschaft erteilte, nämlich allgemeine Beichtvollmacht und Möglichkeit der As­sistenz bei Eheschließungen, versetzt die Bruderschaft in eine wesentlich andere ka­nonische Position als in den Jahren davor. Es würde sicherlich gegen den gesunden Menschenverstand und die pastorale Sen­sibilität der Kirche verstoßen, die Gläubi­gen auf der einen Seite das Bußsakrament von den Priestern der Pius-Bruderschaft empfangen zu lassen und dann denselben Gläubigen, die gerade von diesen Priestern von ihren Sünden los­gesprochen wurden, zu verbieten, für die Heilige Messe zu blei­ben, die die gleichen Priester anschlie­ßend feiern werden. Eine solche Ausle­gung des Gesetzes wäre äußerst antipa­storal.
Bedenkenswert bleiben hierzu die fol­genden weisen Worte Papst Benedikts XVI.: „In der Rückschau auf die Spaltun­gen, die den Leib Christi im Lauf der Jahrhunderte verwundet haben, entsteht immer wieder der Eindruck, daß in den kritischen Momenten, in denen sich die Spaltung anbahnte, von Seiten der Ver­antwortlichen in der Kirche nicht genug getan worden ist, um Versöhnung und Einheit zu erhalten oder neu zu gewin­nen; daß Versäumnisse in der Kirche mit schuld daran sind, daß Spaltungen sich verfestigen konnten“ (Brief an die Bi­schöfe anläßlich der Publikation des Apostolischen Schreibens motu proprio data „Summorum Pontificum“ vom 7. Ju­li 2007). Die Reinheit der Liturgie hängt unzertrennlich mit der Reinheit des Glaubens zusammen. Deswegen sollten jene Gemeinschaften, die den überliefer­ten Ritus pflegen, sich auch öffentlich in der Kirche mit mutigen und respektvol­len Maßnahmen für die Verteidigung und Wiederherstellung der Reinheit des katholischen Glaubens und der Apostoli­schen Disziplin einsetzen.

Ergebnisse der Amazonassynode werden keinen Bestand haben

Erst vor wenigen Wochen zu Ende gegangen ist die Amazonassynode, mit der sich große Erwartungen ebenso wie große Befürchtun­gen verbunden haben. Wie bewerten Sie, Ex­zellenz, die Ergebnisse?

Die Ergebnisse der Amazonassynode waren eigentlich schon von vornherein beschlossen. Darauf weisen mehrere Fakten hin: Bischof Erwin Kräutler, der emeritierte Bischof der Prälatur Xingu im brasilianischen Amazonasgebiet, be­kannte öffentlich, daß er bei einer Privat­audienz bei Papst Franziskus vor einigen Jahren jene Vorschläge machte, die nun in der Amazonassynode mehrheitlich be­fürwortet wurden, vor allem die Einfüh­rung eines verheirateten Klerus, mehr li­turgische Befugnisse für Frauen (evtl. Diakoninnen), Einbeziehung der indige­nen religiösen heidnischen Riten in die katholische Liturgie, zentrale Stellung der Umweltfragen im Leben der Kirche. Der Papst habe ihm damals gesagt, daß diese Ziele gut seien.
Ein anderes Faktum ist, dass Papst Franziskus in auffallender Weise gezielt extrem liberale Kardinäle, Bischöfe und Theologen zu Mitgliedern der Synode er­nannte, welche dann im Falle von bi­schöflichen Teilnehmern durch ihre be­schließende Stimme und im Falle von Theologen und Laien durch deren massi­ve Lobbyarbeit in den Arbeitsgruppen das vorher erwünschte Ergebnis zustan­de brachten. Die Ergebnisse der Synode sind der Ausdruck einer ganz im Zeitli­chen, Naturalistischen, Materialistischen, Diesseitigen aufgehenden Kirche ohne den Blick auf das Übernatürliche, ohne die wahre Sorge um das ewige Heil der Seelen und das Reich des Himmels. Man gewann den Eindruck einer Kirche, die nicht das Reich des Himmels, sondern fieberhaft das Reich der Erde sucht, sich in ihm einrichten und in ihm aufgehen will. Ein Beweis dafür war das Ärgernis der Akte der religiösen Verehrung der heidnischen Pachamama-Figuren und die religiöse Verehrung der Materie im Bild der „Mutter Erde“, die während der Synode sogar in Kirchen, d.h. im Peters­dom und der Kirche Santa Maria in Traspontina, vollzogen wurden. Der in den letzten Jahrzehnten im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils im Leben der Kirche vorherrschende Anthropo­zentrismus erreichte auf der Amazonas­synode seinen Höhepunkt im Ausdruck eines extremen Naturalismus mit einer Tendenz zur Gnosis und zur Gleichstel­lung aller Religionen. Die Ergebnisse der Amazonassynode werden sicherlich kei­nen dauerhaften Bestand haben. Sie wur­den nämlich nicht auf Christus, den Fel­sen der Wahrheit, sondern auf Sand ge­baut und werden wie die im Tiber ver­senkten Pachamama-Götzenbilder vom Winde verweht werden. Christus, die Wahrheit, wird siegen und der unverän­derliche reine katholische Glaube.

Euer Exzellenz, unser Gespräch erscheint im Dezember, d. h. zum Jahreswechsel 2019/2020. Die Leser werden Ihre Worte in dieser besinnlichen Zeit lesen, sozusagen zwischen Christmette und Silvesterfeier. Welche Botschaft möchten Sie ihnen mit auf den Weg geben?

Die erschütterndste und zugleich fro­heste Nachricht, die je auf dieser Erde verkündet wurde, war die: Gott ist Mensch geworden und hat unter uns ge­wohnt (vgl. Joh. 1,14). Seither ist diese Erde, die voll von Gewalt und Elend ist, heller und das Tal der Tränen erträgli­cher geworden, denn Gott selbst hat auf dieser Erde gewohnt als wahrer Gott und Mensch in Jesus Christus. Er ist ein klei­nes Kind geworden, hat mit uns alle Un­annehmlichkeiten, Sorgen und Leiden dieses Lebens und sogar noch den Tod und das Grab geteilt. Deshalb ist Sein schönster Name „Gott-mit-uns“, „Em­manuel“. Gott ist die Liebe und die Wahrheit. Auf dem Grab von Warren Carroll, dem Gründer des Christendom College in Front Royal, Virginia (USA) steht dieser tiefsinnige und treffende Satz geschrieben: „Truth exists, Incarnati­on happened“, d.h.: „Die Wahrheit exi­stiert, also ist Gott Mensch geworden“. Seit der Menschwerdung Gottes ist nicht nur der Raum hier auf Erden, sondern auch die Zeit geheiligt. Deshalb werden die Jahre der Geschichte sowie die Jahre unseres Lebens „nach Christi Geburt“ gezählt. Früher schrieb man auch: „im Jahre des Heils“ oder „im Jahre des Herrn“. Bei jedem Jahreswechsel sollten wir immer daran denken, daß Gott Mensch geworden ist, für mich persön­lich ist ER Mensch geworden. Jedes neue Jahr meines Lebens soll noch mehr ein Jahr des Heils, ein Jahr des Herrn wer­den, dann wird unser Leben immer Sinn und Segen haben.

Exzellenz, vielen Dank für dieses Interview.

Felix Dirsch, Volker Münz u. Thomas Wawerka (Hg.)
Nation, Europa, Christenheit
Der Glaube zwischen Tradition, Säkularismus und Populismus
240 Seiten, geb.
€ 19,90

In die große Auseinandersetzung unserer Zeit – „Volk“ gegen „Eliten“ – sind auch die Kirchen involviert. Eine Klarstellung zum Verhältnis des Christen zu Volk, Abendland und Tagespolitik.

Zum Buch "Nation, Europa, Christenheit - Der Glaube zwi­schen Tradition, Säkularismus und Populismus".

Aus dem Inhalt:

l Ein kurzer Blick auf die Bedeutung des Christentums in aktuellen politischen Debatten (von Felix Dirsch / Volker Münz / Thomas Wawerka)

l Biblisch-theologische Grundlegung I: Nächstenliebe und Barmherzigkeit (von Thomas Wawerka)

l Biblisch-theologische Grundlegung II: Volk und Nation (von Godehard Michaelis)

l Linkes und rechtes Christentum im Wi­derspruch einer globalisierungsaffinen und einer heimatnahen Variante (von Felix Dirsch)

l Geisterstunde über Deutschland: Eu­gen Rosenstock-Huessys Analyse aus dem Jahr 1919 (von Lothar Mack)

l Das christliche Europa – Kontinent der Säkularisierung (von Daniel Zöllner)

l Das Kreuz ist die Grenze: Auf dem Weg von Athen nach Jerusalem (von André Thiele)

l Katholischer Traditionalismus in Euro­pa (von Marc Stegherr)

l Chrislam: Wie der christlich-islamische Dialog zur Islamisierung unserer Ge­sellschaft führt (von Jaklin Chatschado­rian)

l Zwischen Globalismus und Extremis­mus: Populismus als Lösung? (von Vol­ker Münz)

l Vernunftgemäßes Ordnungsdenken und aktuelle Gefahren seiner Deformie­rung (von Daniel Führing)

l Die Hoffnungslosigkeit einer Stadt des Menschen ohne Gott: Mahnwort an die Christen Deutschlands (von Athanasius Schneider)

 
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