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Bei der Volksabstimmung vor einhundert Jahren, am 28. September 1919, geht es um die Zukunft des Großherzogtums in den Ardennen: Soll man sich an Belgien anschließen oder doch lieber selbständiger Staat bleiben? Falls man die Unabhängigkeit bevorzugt, stellt sich eine weitere Frage: Monarchie oder Republik? Letzteres wünschen sich die Sozialisten und die Liberalen. Rechtskonservative und Christlich-Soziale wollen an Großherzogin Charlotte festhalten.
Von MMag. Erich Körner-Lakatos
Um die Ereignisse 1918/19 besser zu verstehen, erweist es sich eingangs als notwendig, die Geschichte des Großherzogtums kurz zu beleuchten. Luxemburg kann auf eine lange Tradition zurückblicken: Schon im frühen Mittelalter entsteht rund um die Festung Lucilinburhuc (Lützelburg) eine kleine Herrschaft. Deren Grafen sind für das Haus Habsburg lästige Mitbewerber im Kampf um die Führung des Reiches. Sie stellen, mit Unterbrechungen, von 1308 bis 1437 den deutschen König und römischen Kaiser. Neben so kraftvollen Herrschern wie Karl IV., der sein Stammland zum Herzogtum erhebt, Böhmen zum Kernland seines Geschlechts ausgestaltet und 1348 die deutsche Universität Prag begründet, trifft man auf tragische Gestalten wie Jobst, den Markgraf von Mähren. Jodocus, wie sich der Edelmann latinisiert nennt, bringt 1410 zwar die Mehrheit der sieben Kurfürsten hinter sich, doch noch vor der Annahme der Wahl zum deutschen König stirbt er am 18. Jänner 1411 einen geheimnisumwitterten Tod. Die Zeitgenossen munkeln von Gift. Damit ist der Weg frei für seinen Cousin Sigismund, mit dessen Ableben die Luxemburger im Mannesstamme erlöschen.
Nach einem burgundischen Interregnum fällt das Herzogtum im 15. Jahrhundert an das Haus Habsburg, 1797 ist es als Wald-Bezirk (Département des Forêts) Teil des revolutionären Frankreich. Der Wiener Kongreß nimmt eine Rangerhöhung zum Großherzogtum vor und verbindet Luxemburg mit dem Königreich der Vereinigten Niederlande. Die Personalunion unter dem Zepter der Oranier existiert freilich nur auf dem Papier, Den Haag verwaltet das Land wie eine holländische Provinz. 1839 verleibt sich Belgien den Westteil1 ein, der Osten verbleibt weiter – freilich an etwas längerer Leine, weil die Landverbindung zu Holland unterbrochen ist – in niederländischer Hand. Gleichzeitig gehört das Großherzogtum bis 1866 zum Deutschen Bund. Nach dessen Auflösung versucht Hollands Wilhelm III., das Ländchen an Frankreich zu verkaufen. Der Kuhhandel mißlingt, da Preußen sich querlegt.
1890 ist das Jahr der Abnabelung von Den Haag. Wilhelm III. stirbt, seine Tochter Wilhelmina tritt das Erbe an. In Holland, aber nicht in Luxemburg, da hier die Lex Salica gilt, also das Stammesrecht der salischen Franken; das Salische Gesetz sieht nur die männliche Erbfolge vor (in terram salicam mulieres ne succedant). Damit hat die Personalunion ihr Ende, das Land ist nunmehr tatsächlich selbständig.
Der neue Großherzog schreibt sich Adolf2 und entstammt einer Nebenlinie der Dynastie der Oranier, nämlich dem Haus Nassau-Weilburg. Er hat 1866 als Verbündeter Österreichs sein Stammland, das Herzogtum Nassau, an die Preußen verloren. Nebenbei: Obwohl Adolf in seinem nassauischen Stammland eine ausgesprochen reaktionäre – nämlich auf die Wiederherstellung der absoluten Fürstenmacht gerichtete – Politik verfolgt, ist er dort unglaublich volkstümlich.
Adolf schließt 1905 im gesegneten Alter von 88 Jahren die Augen; sein Sohn Wilhelm IV.3 entledigt sich durch das neue Familienstatut vom 16. April 1907 der Lex Salica, um Tochter Marie-Adelheid die Thronfolge zu sichern. Im Ersten Weltkrieg besetzen deutsche Truppen das Land. Großherzogin und Regierung bleiben im Amt.Mag. Erich Körner-Lakatos
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Ende August 1914 schlägt Kaiser Wilhelm II. für einen Monat sein Hauptquartier im Gebäude der deutschen Botschaft in Luxemburg-Stadt auf. Das bringt die blutjunge Großherzogin Marie-Adelheid in Verlegenheit, weil mit dem ungebetenen Gast ein Mindestmaß an protokollarischen Höflichkeiten auszutauschen ist, was ihr nach Kriegsende zum Verhängnis wird. Die Krise im Land bricht unmittelbar nach dem Abzug der deutschen Truppen und dem Einmarsch französigierung der nationalen Einheit unter dem Vorsitz von Émile Reuter4, seit 28. September 1918 Staatsminister (Premier), daneben Außen- und Innenminister, wird der Lage kaum Herr. In der Abgeordnetenkammer (Chambre des Députés5) fordern die Abgeordneten des antiklerikalen „Linken Blocks“ aus Sozialisten und Liberalen die Absetzung der Dynastie. Sie werfen der Großherzogin vor, während des Kriegs Beziehungen zur Besatzungsmacht unterhalten zu haben und durch ihr Eingreifen in das politische Leben die Rechte begünstigt zu haben.
Der Antrag von Sozialisten – sie fordern die republikanische Staatsform – und Liberalen – die wiederum liebäugeln mit einem Anschluß an Belgien – wird im Dezember 1918 von einer knappen Mehrheit der Rechtspartei6 sowie der kleinen Volkspartei mit 21 zu 19 Stimmen bei zwei Enthaltungen abgelehnt. Gegen das Votum des „Linken Blocks“ angenommen wird hingegen eine Resolution der Rechtspartei, die ein Referendum über die künftige Staatsform fordert. Das entsprechende Gesetz dazu ergeht am 18. März 1919. Daneben brechen die während des Kriegs angestauten sozialen Spannungen auf. Grund dafür sind die harte Arbeit in den Fabriken, die Wohnungsnot sowie unsägliche hygienische Zustände vor allem im Süden des Landes. Im Mai 1917 scheitert ein großer Streik: Die großherzogliche Gendarmerie und die im Land einquartierten Preußen dulden keine Unordnung hinter der Front. Im Dezember kommt es in Esch-Alzette zu Geschäftsplünderungen durch die hungernde Bevölkerung; daraufhin beschließt die Kammer Teuerungszulagen für Bedienstete einzelner Branchen und den achtstündigen Arbeitstag für alle.
Trotzdem treten um die Jahreswende 1918/19 linksradikale Gruppen auf den Plan und rufen am 9. Jänner in der Hauptstadt die Republik aus. Mit dabei ist auch die Miniatur-Armee des Landes, die sogenannte Freiwilligenkompanie – sie ist der jahrelangen deutschen Befehle und des preußischen Drills überdrüssig. Ihr Anführer, der Sergeant-Major Emile Eiffes, fordert vehement die Republik. Der überwiegende Teil der Bevölkerung verhält sich eher gleichgültig. Dann bereiten französische Truppen7 dem Spuk ein Ende. Für viele Linke ist es eine böse Überraschung, daß ausgerechnet Soldaten des republikanischen Gallien dem monarchischen System zu Hilfe eilen. Sie bewachen die Ministerien und umstellen die Kaserne der Freiwilligenkompanie. Ein im Februar 1919 auf Veranlassung von Regierungschef Georges Clemenceau verfaßter Untersuchungsbericht bringt ans Tageslicht, daß der kommandierende französische General de La Tour seine Kompetenzen überschritten habe. Er sei berechtigt gewesen, im Nachkriegsluxemburg für Ruhe und Ordnung zu sorgen, nicht aber, eine Änderung der Staatsform zu verhindern.
Am 10. Jänner dankt Großherzogin Marie-Adelheid8 ab, am 14. Jänner akzeptiert die Mehrheit der Kammer (hauptsächlich die Rechtspartei und die Volkspartei) den Rücktritt von Marie-Adelheid und ihre Ersetzung durch Charlotte, die Schwester der bisherigen Regentin. Am Tag darauf legt Charlotte den Amtseid ab. Aber es kehrt im Land keine Ruhe ein. Am Sonntag, dem 27. April, ist die Hauptstadt Schauplatz einer Großdemonstration der patriotischen Kräfte mit bis zu 25.000 Teilnehmern, an der Spitze 30 Abgeordnete der Kammer, für die Eigenständigkeit des Landes unter der Regentschaft der Großherzogin Charlotte. Die Teilnehmer berufen sich auf Wilsons Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker.
Einen Höhepunkt erreichen die Unruhen mit der spontanen Kundgebung vom 13. August 1919. Wegen endloser Debatten in der Kammer um die bereits im Winter versprochene Teuerungszulage stürmen erboste Demonstranten das Tagungsgebäude des kleinen Parlaments. Die Abgeordneten suchen Hals über Kopf Schutz – im Keller und auf dem Dachboden des Hauses. Vor dem entscheidenden Referendum über die Staatsform sowie über eine neue Zollunion gemäß dem Gesetz vom 4. Juni 1919 (entweder mit Frankreich oder mit Belgien; die Zollunion mit dem Deutschen Reich ist bereits am 18. Dezember 1918 aufgelöst worden) führt das Land mit Gesetz vom 15. Mai 1919 das allgemeine Wahlrecht ein, das auch für Frauen gilt. Von 34.171 Wahlberechtigten im Jahr 1913 steigt diese Zahl auf 126.194 im Jahr 1919. Die Rechtsparteien erhoffen sich dadurch mehr Zuspruch für die Beibehaltung der herrschenden Dynastie der Nassauer.
Premier Émile Reuter erweist sich als geschickter Taktiker. Gedeckt durch eine Entscheidung der Abgeordnetenkammer vom 12. März 1919 (mit 30 gegen 20 Stimmen) läßt er das Volk am 28. September 1919 nicht einfach über die Frage „Monarchie oder Republik?“ abstimmen, sondern bietet vier Varianten an: Monarchie unter Großherzogin Charlotte, Monarchie unter einer anderen Großherzogin der regierenden Dynastie Nassau (damit zielt er auf die Anhänger der Ex-Herrscherin Marie-Adelheid), Monarchie unter einer anderen Dynastie (gemeint ist das belgische Haus Sachsen-Coburg; Zielgruppe dafür sind die Liberalen, die zwischen einer selbständigen Republik Luxemburg und einem Anschluß an das liberale Königreich Belgien schwanken) und als letzte Variante die Republik.
Da die Damenwelt minder geneigt ist, sich des für sie ungewohnten Wahlrechts zu bedienen, appelliert auf der Frauenseite der Tageszeitung „Luxemburger Wort“ die Kirche zwei Tage vor dem Urnengang an die weiblichen Stimmberechtigen: „Wenn Ihr katholisch seid und Euer Vaterland liebt, solltet Ihr vollzählig am nächsten Sonntag mitstimmen. Tätet Ihr es nicht, so würdet Ihr schwerste Verantwortung auf Euch laden.“
Reuters Kalkül geht auf: Von 126.193 eingetragenen Wählern gehen 90.984 (72,1 %) zur Urne. 66.811 (77,8 %) stimmen für Großherzogin Charlotte, nur 16.885 (19,7 %) für die Republik, da die Sozialisten dazu aufgerufen haben, das Referendum zu boykottieren und ungültige Stimmzettel einzuwerfen. Trotzdem gibt es im industriellen Süden des Landes in einzelnen Gemeinden republikanische Mehrheiten, so in Esch an der Alzette sowie in Rümelingen. Für Marie-Adelheid entscheiden sich 1286 Wähler, das sind anderthalb Prozent; noch weniger, 889 oder 1 %, stimmen für das belgische Königshaus. Was die Zollunion angeht, so verhandelt Luxemburg zuerst mit Belgien. Freilich werden die Unterredungen gestört durch Bestrebungen von Teilen der luxemburgischen Liberalen, darunter viele Weinbauern an der Mosel, das Großherzogtum direkt an Belgien anzuschließen. Im Landessüden neigt man zu Frankreich. Drei Tage vor dem Referendum vertritt das „Escher Tageblatt“ in der Ausgabe vom 25. September 1919 die Auffassung, die „Zukunft der Kinder“ werde von Frankreich besser gesichert als von Belgien. Letzteres sei ein übervölkerter Zwergstaat mit seiner ungesunden Kolonie Kongo und seinen sprachlichen Kämpfen zwischen Wallonen und Flamen, während Frankreich ein international angesehener Machtfaktor sei, ausgestattet mit einem großartigen Kolonialreich.
Beim Referendum votieren 60.133 (73 %) für eine Zollunion mit Frankreich, für Belgien kann sich bloß ein starkes Viertel der Wähler (22.242) erwärmen. Frankreich lehnt zur großen Enttäuschung des Großherzogtums eine Zollunion ab und rät der Luxemburger Regierung, sich an Belgien zu wenden. Nach harten Verhandlungen wird am 25. Juli 1921 das Abkommen über die Belgisch-Luxemburgische Wirtschaftsunion (UEBL) unterzeichnet. Es tritt am 22. Dezember 1922 in Kraft.
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Wer ist Charlotte, die sich – wiewohl ihr kleines Reich eine konstitutionelle Monarchie ist – stolz „par la grâce de Dieu Grande-Duchesse de Luxembourg, Duchesse de Nassau etc., etc.“ nennt und aus dem Referendum deutlich gestärkt hervorgeht? Charlotte wird am 23. Jänner 1896 auf Schloß Berg als zweitälteste Tochter des Großherzogs und seiner katholischen Gattin geboren. Am 6. Oktober 1918, einen Monat vor Kriegsende, erfolgt auf Schloß Berg ihre Verlobung mit Felix von Bourbon-Parma, einem Bruder der österreichischen Kaiserin Zita. Nach Kriegsende darf Felix als ehemaliger Offizier der k.u.k. Armee erst im Herbst 1919 in das Großherzogtum einreisen, nachdem Franzosen und Belgier ihr Veto zurückgezogen haben. Am 6. November 1919 erfolgt die Heirat in der Kathedrale von Luxemburg-Stadt.
Es handelt sich um eine Liebesheirat. Dafür spricht der Umstand, daß Charlotte und Felix bereits am 24. März 1919 auf Schloß Wartegg unweit der schweizerischen Gemeinde Rorschach und einige Kilometer westlich der Vorarlberger Ortschaft Höchst die Ehe per procurationem eingehen. Neben dem Bräutigam ist Exkaiser Karl (er ist Felix’ Trauzeuge) samt Gattin Zita anwesend. Um 10:30 Uhr nimmt der Kapuzinerpater Coelestin Schwaighofer in der Schloßkapelle die Trauung vor. Großherzogin Charlotte bleibt in Luxemburg, da die Dynastie noch auf schwachen Beinen steht. Sie wird von ihrer älteren Schwester und Vorgängerin als Großherzogin, Marie-Adelheid, vertreten. Die offizielle Eheschließung am 6. November ist kirchenrechtlich als bloße Bekräftigung des einander bereits gespendeten Sakraments der Ehe zu betrachten. Der am 28. Oktober 1893 auf Schloß Schwarzau im Steinfelde geborene Prinzgemahl ist das elfte9 Kind des letzten regierenden Herzogs von Parma10, dessen Land sich im März 1860 im Zuge der Einigung Italiens per Volksabstimmung an Sardinien angeschlossen hatte. Kaiser Franz Joseph verschafft dem entthronten Haus Bourbon-Parma großzügig eine standesgemäße Bleibe.
Als der Weltkrieg ausbricht, weiß Felix im Gegensatz zu seinen Brüdern Sixtus und Xaver, die sich der Armee Belgiens anschließen, was er dem Land, das seiner Familie seit vielen Jahren Gastfreundschaft gewährt, als Ehrenpflicht schuldet: Felix meldet sich als Freiwilliger zum Dragonerregiment Nr. 15 „Erzherzog Joseph“ und bringt es dort bis zum Oberleutnant. Bei einer Frontinspektion widerfährt Kaiser Karl am 11. November 1917 beinahe das Schicksal des Kreuzfahrers Friedrich Barbarossa11. Geistesgegenwärtig rettet Felix seinen Schwager aus den reißenden Fluten des Torre Torrente.12
Der Mai 1940 ist für den früheren k.u.k. Offizier ein bitterer Moment – er muß erleben, wie seine deutschen Waffenbrüder aus dem Weltkrieg das Großherzogtum besetzen. In der Nacht zum 10. Mai 1940 zeichnet sich der Zugriff der Wehrmacht auf das neutrale Land ab. Nach den Plänen der Regierung soll sich die Großherzogin in den Südwesten Luxemburgs zurückziehen. In Lasauvage, beim Dreiländereck Frankreich-Belgien-Luxemburg, stellt der Hüttendirektor Charles Libotte seine Villa zur Verfügung. Das Oberhaupt des Staats möge hier im Schutze der Maginot-Linie den Zusammenbruch der deutschen Offensive abwarten.
Aus alldem wird nichts: Bereits in den Morgenstunden muß Charlotte fliehen, die Wagenkolonne nähert sich in rascher Fahrt der französischen Grenze – kaum eine Viertelstunde vor den Panzerspitzen der Wehrmacht. Die Begleitung drängt zur Eile. Doch einige Meter vor dem Schlagbaum gebietet die Herrscherin Halt. Die Garde präsentiert die Standarte mit dem luxemburgischen Löwen. Die Großherzogin kniet nieder, küßt die Heimaterde – würdevoll und tiefbewegt. Dann stimmen alle die Landeshymne an: „Wo durch die Au die Else zieht …“13
Zusammen mit ihrer Familie und vier der fünf Minister gelingt die Flucht nach Paris, dann weiter nach Bergerac, einer Kleinstadt östlich von Bordeaux. Fünf Tage später reist Charlotte nach Portugal, wo Premier António Salazar unter der Auflage strikter politischer Enthaltsamkeit Gastfreundschaft gewährt. Im September erfolgt die Weiterreise ins kanadische Montreal. Die Großherzogin kehrt erst am 14. April 1945 in ihr Land zurück. Nach 45 Jahren an der Spitze des Großherzogtums dankt Charlotte 1964 zugunsten ihres Sohnes Jean14 ab. Am 8. April 1970 stirbt Prinzgemahl Felix. Die Alt-Großherzogin schließt am 9. Juli 1985 auf Schloß Fischbach für immer die Augen. Ihr Wirken war geprägt vom alten Motto der Luxemburger: „Mir wëlle bleiwe wat wir sin.“
1 Der abgetrennte Westteil – die heutige belgische Provinz Luxemburg mit der Hauptstadt Arel (frz. Arlon) – umfaßt 4418 km², das restliche Großherzogtum bloß 2586 km². 1830/31 sieht es so aus, als würde sich ganz Luxemburg an Belgien anschließen, doch der Deutsche Bund legt sich quer und verstärkt die Besatzung der Bundesfestung Luxemburg-Stadt. Die preußische Garnison zieht erst am 9. September 1867 ab. Grund dafür ist eine Erklärung der Londoner Botschafterkonferenz, die Luxemburg am 11. Mai 1867 für neutral erklärt.
2 Adolf von Nassau (1817–1905); 1890–1905 Großherzog. Die Grafen von Nassau erben 1530 das südfranzösische Fürstentum Orange und nennen sich fortan Nassau-Oranien. Residenz nimmt Adolf auf Schloß Berg (Colmar-Berg) in der gleichnamigen Gemeinde. Bei Aufenthalten in der Hauptstadt wohnt er im ehemaligen Rathaus.
3 Wilhelm IV. (1852–1912); Statthalter ab 4. April 1902, Großherzog ab 17. November 1905. Der reformierte Protestant ist Vater von sechs Töchtern, die allerdings katholisch erzogen werden, nach dem Bekenntnis von Wilhelms portugiesischer Gattin Maria Anna.
4 Émile Reuter (geb. 2. August 1874 in Bofferdingen, gest. 14. Februar 1973 in Luxemburg); Rechtsanwalt, 1914 Gründungsmitglied der Rechtspartei (Parti de la droite), der Vorgängerpartei der Christlich-Sozialen; von 1926 bis 1959 (!) Präsident der Abgeordnetenkammer.
5 Am 28. Juli bzw. 4. August 1918 findet eine Wahl nach den Regeln des Ancien régime (nur eine beschränkte Anzahl von betuchten Männer ist wahlberechtigt) statt. Hierbei erhält die Rechtspartei 23 von insgesamt 53 Sitzen, die Liberalen zehn, die Sozialisten zwölf, die Volkspartei fünf und die Unabhängigen drei. Die erste allgemeine und geheime Wahl zur Abgeordnetenkammer findet am 26. Oktober 1919 statt, also kurz nach dem Referendum vom 28. September. Die Rechtspartei verbessert ihre Sitzzahl von 23 auf 27 von insgesamt 48 und erhält damit die absolute Mehrheit, während die Sozialisten von zwölf auf acht, die Liberalen von zehn auf sieben und die Volkspartei von fünf auf zwei Sitze abrutschen.
6 Vorläuferin der heutigen CSV (Christlich-Soziale Volkspartei).
7 Frankreichs Soldaten bleiben bis 1925 im Großherzogtum.
8 Die zeitlebens kränkelnde Ex-Großherzogin (geb. 15. Juni 1894 auf Schloß Berg, gest. 24. Jänner 1924 auf Schloß Hohenburg in Bayern) zieht sich vorübergehend in ein Kloster der Karmeliterinnen in Modena zurück; vier Jahre später haucht sie – nicht einmal 30 Jahre alt – ihr Leben aus. Ihre robuste Schwester Charlotte, bloß anderthalb Jahre jünger als Marie-Adelheid, überlebt sie um 61 Jahre.
9 Felix hat 23 (!) Geschwister, einige davon sind geistig behindert; die meisten Kinder stammen aus der Ehe von Herzog Robert mit der portugiesischen Infantin Maria Antonia, die trotz dieses Kinderreichtums beinahe ein Jahrhundert lebt (von 1862 bis 1959). Eine ihrer Töchter, Kaiserin Zita, erreicht ebenfalls das gesegnete Alter von 97 Jahren.
10 Der letzte regierende Herzog von Parma ist Robert von Bourbon-Parma, geb. 9. Juli 1848 in Florenz, gest. 16. November 1909 in Villa Reale delle Pianone (Pianone liegt in der Toskana nahe der Küstenstadt Viarèggio).
11 Kaiser Friedrich I. Barbarossa ertrank beim Dritten Kreuzzug am 10. Juni 1190 im kleinasiatischen Fluß Saleph (heutiger Name: Göksu).
12 Der Monarch zeichnet Felix dafür mit der Goldenen Tapferkeitsmedaille aus. Die von Kaiser Karl gestiftete Auszeichnung wird im Weltkrieg insgesamt 137mal verliehen.
13 Nicht alle goutieren die Abreise des Staatsoberhaupts. So formuliert die „Volksstimme – Wochenblatt für die Interessen des schaffenden Volks“ (Organ der luxemburgischen KP) in ihrer zwar gedruckten, aber nicht mehr ausgelieferten Ausgabe vom 16. Mai 1940: „Die geflohene Dynastie und die geflohenen Regierungsmitglieder sind im Zug dieser Entwicklung – Neuwahlen und Bildung einer wahrhaften Volksregierung – auszubürgern, weil sie als Verräter an Land und Volk gehandelt haben.“
14 Jean wird am 5. Jänner 1921 auf Schloß Berg geboren; er starb am 23. April 2019 in Luxemburg.