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Luxemburg am Scheideweg

Die Luxemburger stellten zwischen 1308 und 1437 mit Heinrich VII., Karl IV., Wenzel dem Faulen und Sigismund vier römisch-deutsche Könige. Der bedeutendste unter ihnen war Karl IV. (Bild), Begründer der ältesten deutschen Universität in Prag, Bauherr des Veitsdoms und Schöpfer der „Goldenen Bulle“, des ersten „Grundgesetzes“ des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation.

Großherzogtum, Republik oder Verlust der Selbständigkeit?

Bei der Volksabstimmung vor einhundert Jahren, am 28. September 1919, geht es um die Zukunft des Großherzogtums in den Ardennen: Soll man sich an Belgien anschließen oder doch lieber selbständiger Staat bleiben? Falls man die Unabhängigkeit bevorzugt, stellt sich eine weitere Frage: Monarchie oder Republik? Letzteres wünschen sich die Sozialisten und die Libera­len. Rechtskonservative und Christlich-Soziale wollen an Großherzogin Charlotte festhalten.

Von MMag. Erich Körner-Lakatos

Um die Ereignisse 1918/19 besser zu verstehen, erweist es sich eingangs als notwendig, die Geschichte des Groß­herzogtums kurz zu beleuchten. Luxem­burg kann auf eine lange Tradition zu­rückblicken: Schon im frühen Mittelalter entsteht rund um die Festung Lucilin­burhuc (Lützelburg) eine kleine Herr­schaft. Deren Grafen sind für das Haus Habsburg lästige Mitbewerber im Kampf um die Führung des Reiches. Sie stellen, mit Unterbrechungen, von 1308 bis 1437 den deutschen König und römischen Kaiser. Neben so kraftvollen Herrschern wie Karl IV., der sein Stammland zum Her­zogtum erhebt, Böhmen zum Kernland seines Geschlechts ausgestaltet und 1348 die deutsche Universität Prag begründet, trifft man auf tragische Gestalten wie Jobst, den Markgraf von Mähren. Jodo­cus, wie sich der Edelmann latinisiert nennt, bringt 1410 zwar die Mehrheit der sieben Kurfürsten hinter sich, doch noch vor der Annahme der Wahl zum deut­schen König stirbt er am 18. Jänner 1411 einen geheimnisumwitterten Tod. Die Zeitgenossen munkeln von Gift. Damit ist der Weg frei für seinen Cousin Sigis­mund, mit dessen Ableben die Luxem­burger im Mannesstamme erlöschen.

Nach einem burgundischen Interre­gnum fällt das Herzogtum im 15. Jahr­hundert an das Haus Habsburg, 1797 ist es als Wald-Bezirk (Département des Forêts) Teil des revolutionären Frank­reich. Der Wiener Kongreß nimmt eine Rangerhöhung zum Großherzogtum vor und verbindet Luxemburg mit dem Kö­nigreich der Vereinigten Niederlande. Die Personalunion unter dem Zepter der Oranier existiert freilich nur auf dem Pa­pier, Den Haag verwaltet das Land wie eine holländische Provinz. 1839 verleibt sich Belgien den Westteil1 ein, der Osten verbleibt weiter – freilich an etwas längerer Leine, weil die Land­verbindung zu Holland unterbrochen ist – in niederländischer Hand. Gleichzeitig gehört das Großherzogtum bis 1866 zum Deutschen Bund. Nach dessen Auflö­sung versucht Hollands Wilhelm III., das Ländchen an Frankreich zu verkaufen. Der Kuhhandel mißlingt, da Preußen sich querlegt.

1890 ist das Jahr der Abnabelung von Den Haag. Wilhelm III. stirbt, seine Toch­ter Wilhelmina tritt das Erbe an. In Hol­land, aber nicht in Luxemburg, da hier die Lex Salica gilt, also das Stammesrecht der salischen Franken; das Salische Ge­setz sieht nur die männliche Erbfolge vor (in terram salicam mulieres ne succedant). Damit hat die Personalunion ihr Ende, das Land ist nunmehr tatsächlich selb­ständig.
Der neue Großherzog schreibt sich Adolf2 und entstammt einer Nebenlinie der Dynastie der Oranier, nämlich dem Haus Nassau-Weilburg. Er hat 1866 als Verbündeter Österreichs sein Stamm­land, das Herzogtum Nassau, an die Preußen verloren. Nebenbei: Obwohl Adolf in seinem nassauischen Stamm­land eine ausgesprochen reaktionäre – nämlich auf die Wiederherstellung der absoluten Fürstenmacht gerichtete – Po­litik verfolgt, ist er dort unglaublich volkstümlich.

Adolf schließt 1905 im gesegneten Al­ter von 88 Jahren die Augen; sein Sohn Wilhelm IV.3 entledigt sich durch das neue Familienstatut vom 16. April 1907 der Lex Salica, um Tochter Marie-Adel­heid die Thronfolge zu sichern. Im Ersten Weltkrieg besetzen deutsche Truppen das Land. Großherzogin und Regierung bleiben im Amt.Mag. Erich Körner-Lakatos

Heute hat Luxemburg etwas über 600.000 Einwohner. Bis 1866 gehörte das Großherzogtum zum Deutschen Bund. 1984 wurde Luxemburgisch, ein moselfränkischer Dialekt, zur Nationalsprache erhoben und ist neben dem Deut-schen und Französischen die dritte Amtssprache des Großherzogtums. – Ansicht von Luxemburg-Stadt.
Felix von Bourbon-Parma, ein Bruder von Kaiserin Zita, diente im Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger im österreichischen Heer. 1919 heiratete er die Großherzogin von Luxemburg, das in den vorangegangenen Jahren von deutschen Truppen besetzt gewesen war.

Luxemburg 1919

Ende August 1914 schlägt Kaiser Wil­helm II. für einen Monat sein Hauptquar­tier im Gebäude der deutschen Botschaft in Luxemburg-Stadt auf. Das bringt die blutjunge Großherzogin Marie-Adelheid in Verlegenheit, weil mit dem ungebete­nen Gast ein Mindestmaß an protokolla­rischen Höflichkeiten auszutauschen ist, was ihr nach Kriegsende zum Verhäng­nis wird. Die Krise im Land bricht unmit­telbar nach dem Abzug der deutschen Truppen und dem Einmarsch französi­gierung der nationalen Einheit unter dem Vorsitz von Émile Reuter4, seit 28. September 1918 Staatsminister (Premier), daneben Außen- und Innenminister, wird der Lage kaum Herr. In der Abge­ordnetenkammer (Chambre des Dépu­tés5) fordern die Abgeordneten des anti­klerikalen „Linken Blocks“ aus Soziali­sten und Liberalen die Absetzung der Dynastie. Sie werfen der Großherzogin vor, während des Kriegs Beziehungen zur Besatzungsmacht unterhalten zu ha­ben und durch ihr Eingreifen in das poli­tische Leben die Rechte begünstigt zu haben.

Der Antrag von Sozialisten – sie for­dern die republikanische Staatsform – und Liberalen – die wiederum liebäugeln mit einem Anschluß an Belgien – wird im Dezember 1918 von einer knappen Mehr­heit der Rechtspartei6 sowie der kleinen Volkspartei mit 21 zu 19 Stimmen bei zwei Enthaltungen abgelehnt. Gegen das Votum des „Linken Blocks“ angenom­men wird hingegen eine Resolution der Rechtspartei, die ein Referendum über die künftige Staatsform fordert. Das ent­sprechende Gesetz dazu ergeht am 18. März 1919. Daneben brechen die während des Kriegs angestauten sozialen Spannungen auf. Grund dafür sind die harte Arbeit in den Fabriken, die Wohnungsnot sowie unsägliche hygienische Zustände vor al­lem im Süden des Landes. Im Mai 1917 scheitert ein großer Streik: Die großher­zogliche Gendarmerie und die im Land einquartierten Preußen dulden keine Un­ordnung hinter der Front. Im Dezember kommt es in Esch-Alzette zu Geschäfts­plünderungen durch die hungernde Be­völkerung; daraufhin beschließt die Kammer Teuerungszulagen für Bedien­stete einzelner Branchen und den acht­stündigen Arbeitstag für alle.
Trotzdem treten um die Jahreswende 1918/19 linksradikale Gruppen auf den Plan und rufen am 9. Jänner in der Hauptstadt die Republik aus. Mit dabei ist auch die Miniatur-Armee des Landes, die sogenannte Freiwilligenkompanie – sie ist der jahrelangen deutschen Befehle und des preußischen Drills überdrüssig. Ihr Anführer, der Sergeant-Major Emile Eiffes, fordert vehe­ment die Republik. Der überwiegende Teil der Bevölkerung verhält sich eher gleichgültig. Dann bereiten französi­sche Truppen7 dem Spuk ein Ende. Für vie­le Linke ist es eine böse Überraschung, daß aus­gerechnet Soldaten des republikanischen Galli­en dem monarchischen System zu Hilfe eilen. Sie bewachen die Mini­sterien und umstellen die Kaserne der Frei­willigenkompanie. Ein im Februar 1919 auf Veranlassung von Regierungschef Geor­ges Clemenceau verfaßter Untersu­chungsbericht bringt ans Tageslicht, daß der kommandierende französische Gene­ral de La Tour seine Kompetenzen über­schritten habe. Er sei berechtigt gewesen, im Nachkriegsluxemburg für Ruhe und Ordnung zu sorgen, nicht aber, eine Än­derung der Staatsform zu verhindern.

Am 10. Jänner dankt Großherzogin Marie-Adelheid8 ab, am 14. Jänner ak­zeptiert die Mehrheit der Kammer (hauptsächlich die Rechtspartei und die Volkspartei) den Rücktritt von Marie-Adelheid und ihre Ersetzung durch Charlotte, die Schwester der bisherigen Regentin. Am Tag darauf legt Charlotte den Amtseid ab. Aber es kehrt im Land keine Ruhe ein. Am Sonntag, dem 27. April, ist die Hauptstadt Schauplatz einer Großdemonstration der patrioti­schen Kräfte mit bis zu 25.000 Teilneh­mern, an der Spitze 30 Abgeordnete der Kammer, für die Eigenständigkeit des Landes unter der Regentschaft der Groß­herzogin Charlotte. Die Teilnehmer beru­fen sich auf Wilsons Prinzip des Selbstbe­stimmungsrechts der Völker.

Einen Höhepunkt erreichen die Unru­hen mit der spontanen Kundgebung vom 13. August 1919. Wegen endloser Debatten in der Kammer um die bereits im Winter versprochene Teuerungszula­ge stürmen erboste Demonstranten das Tagungsgebäude des kleinen Parlaments. Die Abgeordneten suchen Hals über Kopf Schutz – im Keller und auf dem Dachboden des Hauses. Vor dem entscheidenden Referendum über die Staatsform sowie über eine neue Zollunion gemäß dem Gesetz vom 4. Ju­ni 1919 (entweder mit Frankreich oder mit Belgien; die Zollunion mit dem Deut­schen Reich ist bereits am 18. Dezember 1918 aufgelöst worden) führt das Land mit Gesetz vom 15. Mai 1919 das allge­meine Wahlrecht ein, das auch für Frau­en gilt. Von 34.171 Wahlberechtigten im Jahr 1913 steigt diese Zahl auf 126.194 im Jahr 1919. Die Rechtsparteien erhoffen sich dadurch mehr Zu­spruch für die Beibehaltung der herrschenden Dynastie der Nassauer.

Premier Émile Reuter er­weist sich als geschickter Taktiker. Gedeckt durch ei­ne Entscheidung der Abge­ordnetenkammer vom 12. März 1919 (mit 30 gegen 20 Stimmen) läßt er das Volk am 28. September 1919 nicht einfach über die Frage „Monarchie oder Repu­blik?“ abstimmen, sondern bietet vier Varianten an: Monarchie unter Großher­zogin Charlotte, Monarchie unter einer anderen Groß­herzogin der regierenden Dynastie Nassau (damit zielt er auf die Anhänger der Ex-Herrscherin Marie-Adel­heid), Monarchie unter einer anderen Dynastie (gemeint ist das belgische Haus Sach­sen-Coburg; Zielgruppe da­für sind die Liberalen, die zwischen einer selbständi­gen Republik Luxemburg und einem Anschluß an das liberale Königreich Belgien schwanken) und als letzte Variante die Republik.

Da die Damenwelt minder geneigt ist, sich des für sie ungewohnten Wahlrechts zu bedienen, appelliert auf der Frau­enseite der Tageszeitung „Luxemburger Wort“ die Kirche zwei Tage vor dem Ur­nengang an die weiblichen Stimmberech­tigen: „Wenn Ihr katholisch seid und Euer Vaterland liebt, solltet Ihr vollzählig am nächsten Sonntag mitstimmen. Tätet Ihr es nicht, so würdet Ihr schwerste Verantwor­tung auf Euch laden.

Reuters Kalkül geht auf: Von 126.193 eingetragenen Wählern gehen 90.984 (72,1 %) zur Urne. 66.811 (77,8 %) stim­men für Großherzogin Charlotte, nur 16.885 (19,7 %) für die Republik, da die Sozialisten dazu aufgerufen haben, das Referendum zu boykottieren und ungül­tige Stimmzettel einzuwerfen. Trotzdem gibt es im industriellen Süden des Lan­des in einzelnen Gemeinden republikani­sche Mehrheiten, so in Esch an der Alzet­te sowie in Rümelingen. Für Marie-Adel­heid entscheiden sich 1286 Wähler, das sind anderthalb Prozent; noch weniger, 889 oder 1 %, stimmen für das belgische Königshaus. Was die Zollunion angeht, so verhan­delt Luxemburg zuerst mit Belgien. Frei­lich werden die Unterredungen gestört durch Bestrebungen von Teilen der lu­xemburgischen Liberalen, darunter viele Weinbauern an der Mosel, das Großher­zogtum direkt an Belgien anzuschließen. Im Landessüden neigt man zu Frank­reich. Drei Tage vor dem Referendum vertritt das „Escher Tageblatt“ in der Ausgabe vom 25. September 1919 die Auffassung, die „Zukunft der Kinder“ werde von Frankreich besser gesichert als von Belgien. Letzteres sei ein übervöl­kerter Zwergstaat mit seiner ungesunden Kolonie Kongo und seinen sprachlichen Kämpfen zwischen Wallonen und Fla­men, während Frankreich ein internatio­nal angesehener Machtfaktor sei, ausge­stattet mit einem großartigen Kolonial­reich.

Beim Referendum votieren 60.133 (73 %) für eine Zollunion mit Frankreich, für Belgien kann sich bloß ein starkes Viertel der Wähler (22.242) erwärmen. Frankreich lehnt zur großen Enttäu­schung des Großherzogtums eine Zoll­union ab und rät der Luxemburger Re­gierung, sich an Belgien zu wenden. Nach harten Verhandlungen wird am 25. Juli 1921 das Abkommen über die Bel­gisch-Luxemburgische Wirtschaftsunion (UEBL) unterzeichnet. Es tritt am 22. De­zember 1922 in Kraft.

Großherzogin Charlotte, 1896–1985.
Großherzogin Charlotte folg­te ihr Sohn Jean von Nassau auf den Thron, der am 23. April 2019 verstarb. Der regierende Großherzog von Luxemburg ist Heinrich Her­zog von Nassau und Prinz von Bourbon-Parma.

Großherzogin Charlotte

Wer ist Charlotte, die sich – wiewohl ihr kleines Reich eine konstitutionelle Mon­archie ist – stolz „par la grâce de Dieu Grande-Duchesse de Luxembourg, Duchesse de Nassau etc., etc.“ nennt und aus dem Referendum deutlich gestärkt hervor­geht? Charlotte wird am 23. Jänner 1896 auf Schloß Berg als zweitälteste Tochter des Großherzogs und seiner katholischen Gattin geboren. Am 6. Oktober 1918, ei­nen Monat vor Kriegsende, erfolgt auf Schloß Berg ihre Verlobung mit Felix von Bourbon-Parma, einem Bruder der öster­reichischen Kaiserin Zita. Nach Kriegs­ende darf Felix als ehemaliger Offizier der k.u.k. Armee erst im Herbst 1919 in das Großherzogtum einreisen, nachdem Franzosen und Belgier ihr Veto zurück­gezogen haben. Am 6. November 1919 erfolgt die Heirat in der Kathedrale von Luxemburg-Stadt.

Es handelt sich um eine Liebesheirat. Dafür spricht der Umstand, daß Charlot­te und Felix bereits am 24. März 1919 auf Schloß Wartegg unweit der schweizeri­schen Gemeinde Rorschach und einige Kilometer westlich der Vorarlberger Ort­schaft Höchst die Ehe per procurationem eingehen. Neben dem Bräutigam ist Ex­kaiser Karl (er ist Felix’ Trauzeuge) samt Gattin Zita anwesend. Um 10:30 Uhr nimmt der Kapuzinerpater Coelestin Schwaighofer in der Schloßkapelle die Trauung vor. Großherzogin Charlotte bleibt in Luxemburg, da die Dynastie noch auf schwachen Beinen steht. Sie wird von ihrer älteren Schwester und Vorgängerin als Großherzogin, Marie-Adelheid, vertreten. Die offizielle Eheschließung am 6. November ist kir­chenrechtlich als bloße Bekräftigung des einan­der bereits gespendeten Sakraments der Ehe zu betrachten. Der am 28. Oktober 1893 auf Schloß Schwar­zau im Steinfelde gebore­ne Prinzgemahl ist das elfte9 Kind des letzten re­gierenden Herzogs von Parma10, dessen Land sich im März 1860 im Zu­ge der Einigung Italiens per Volksabstimmung an Sardinien angeschlossen hatte. Kaiser Franz Jose­ph verschafft dem ent­thronten Haus Bourbon-Parma großzügig eine standesgemäße Bleibe.

Als der Weltkrieg ausbricht, weiß Felix im Gegensatz zu seinen Brüdern Sixtus und Xaver, die sich der Armee Belgiens anschließen, was er dem Land, das seiner Familie seit vielen Jahren Gastfreund­schaft gewährt, als Ehrenpflicht schul­det: Felix meldet sich als Freiwilliger zum Dragonerregiment Nr. 15 „Erzher­zog Joseph“ und bringt es dort bis zum Oberleutnant. Bei einer Frontinspektion widerfährt Kaiser Karl am 11. November 1917 beinahe das Schicksal des Kreuzfah­rers Friedrich Barbarossa11. Geistesge­genwärtig rettet Felix seinen Schwager aus den reißenden Fluten des Torre Tor­rente.12

Der Mai 1940 ist für den früheren k.u.k. Offizier ein bitterer Moment – er muß erleben, wie seine deutschen Waf­fenbrüder aus dem Weltkrieg das Groß­herzogtum besetzen. In der Nacht zum 10. Mai 1940 zeichnet sich der Zugriff der Wehrmacht auf das neutrale Land ab. Nach den Plänen der Regierung soll sich die Großherzogin in den Südwesten Lu­xemburgs zurückziehen. In Lasauvage, beim Dreiländereck Frankreich-Belgien-Luxemburg, stellt der Hüttendirektor Charles Libotte seine Villa zur Verfü­gung. Das Oberhaupt des Staats möge hier im Schutze der Maginot-Linie den Zusammenbruch der deutschen Offensi­ve abwarten.

Aus alldem wird nichts: Bereits in den Morgenstunden muß Charlotte fliehen, die Wagenkolonne nähert sich in rascher Fahrt der französischen Grenze – kaum eine Viertelstunde vor den Panzerspitzen der Wehrmacht. Die Begleitung drängt zur Eile. Doch einige Meter vor dem Schlagbaum gebietet die Herrscherin Halt. Die Garde präsentiert die Standarte mit dem luxemburgischen Löwen. Die Großherzogin kniet nieder, küßt die Hei­materde – würdevoll und tiefbewegt. Dann stimmen alle die Landeshymne an: „Wo durch die Au die Else zieht …13

Zusammen mit ihrer Fa­milie und vier der fünf Mi­nister gelingt die Flucht nach Paris, dann weiter nach Bergerac, einer Klein­stadt östlich von Bordeaux. Fünf Tage später reist Char­lotte nach Portugal, wo Pre­mier António Salazar unter der Auflage strikter politi­scher Enthaltsamkeit Gast­freundschaft gewährt. Im September erfolgt die Wei­terreise ins kanadische Montreal. Die Großherzo­gin kehrt erst am 14. April 1945 in ihr Land zurück. Nach 45 Jahren an der Spitze des Großherzogtums dankt Charlotte 1964 zugunsten ihres Sohnes Jean14 ab. Am 8. April 1970 stirbt Prinzgemahl Felix. Die Alt-Großherzogin schließt am 9. Juli 1985 auf Schloß Fischbach für immer die Augen. Ihr Wirken war geprägt vom al­ten Motto der Luxemburger: „Mir wëlle bleiwe wat wir sin.“

Anmerkungen

1 Der abgetrennte Westteil – die heutige belgische Provinz Luxemburg mit der Hauptstadt Arel (frz. Arlon) – umfaßt 4418 km², das restliche Großherzogtum bloß 2586 km². 1830/31 sieht es so aus, als würde sich ganz Luxemburg an Belgien anschließen, doch der Deutsche Bund legt sich quer und verstärkt die Besatzung der Bundesfestung Luxemburg-Stadt. Die preußische Garnison zieht erst am 9. September 1867 ab. Grund dafür ist eine Erklärung der Londoner Bot­schafterkonferenz, die Luxemburg am 11. Mai 1867 für neutral erklärt.

2 Adolf von Nassau (1817–1905); 1890–1905 Großherzog. Die Grafen von Nassau er­ben 1530 das südfranzösische Fürstentum Orange und nennen sich fortan Nassau-Ora­nien. Residenz nimmt Adolf auf Schloß Berg (Colmar-Berg) in der gleichnamigen Ge­meinde. Bei Aufenthalten in der Hauptstadt wohnt er im ehemaligen Rathaus.

3 Wilhelm IV. (1852–1912); Statthalter ab 4. April 1902, Großherzog ab 17. November 1905. Der reformierte Protestant ist Vater von sechs Töchtern, die allerdings katholisch er­zogen werden, nach dem Bekenntnis von Wilhelms portugiesischer Gattin Maria Anna.

4 Émile Reuter (geb. 2. August 1874 in Bofferdingen, gest. 14. Februar 1973 in Lu­xemburg); Rechtsanwalt, 1914 Gründungs­mitglied der Rechtspartei (Parti de la droite), der Vorgängerpartei der Christlich-Sozialen; von 1926 bis 1959 (!) Präsident der Abgeord­netenkammer.

5 Am 28. Juli bzw. 4. August 1918 findet eine Wahl nach den Regeln des Ancien régime (nur eine beschränkte Anzahl von betuchten Männer ist wahlberechtigt) statt. Hierbei er­hält die Rechtspartei 23 von insgesamt 53 Sit­zen, die Liberalen zehn, die Sozialisten zwölf, die Volkspartei fünf und die Unab­hängigen drei. Die erste allgemeine und ge­heime Wahl zur Abgeordnetenkammer fin­det am 26. Oktober 1919 statt, also kurz nach dem Referendum vom 28. September. Die Rechtspartei verbessert ihre Sitzzahl von 23 auf 27 von insgesamt 48 und erhält damit die absolute Mehrheit, während die Sozialisten von zwölf auf acht, die Liberalen von zehn auf sieben und die Volkspartei von fünf auf zwei Sitze abrutschen.

6 Vorläuferin der heutigen CSV (Christ­lich-Soziale Volkspartei).

7 Frankreichs Soldaten bleiben bis 1925 im Großherzogtum.

8 Die zeitlebens kränkelnde Ex-Großher­zogin (geb. 15. Juni 1894 auf Schloß Berg, gest. 24. Jänner 1924 auf Schloß Hohenburg in Bayern) zieht sich vorübergehend in ein Kloster der Karmeliterinnen in Modena zu­rück; vier Jahre später haucht sie – nicht ein­mal 30 Jahre alt – ihr Leben aus. Ihre robuste Schwester Charlotte, bloß anderthalb Jahre jünger als Marie-Adelheid, überlebt sie um 61 Jahre.

9 Felix hat 23 (!) Geschwister, einige da­von sind geistig behindert; die meisten Kin­der stammen aus der Ehe von Herzog Robert mit der portugiesischen Infantin Maria Anto­nia, die trotz dieses Kinderreichtums beina­he ein Jahrhundert lebt (von 1862 bis 1959). Eine ihrer Töchter, Kaiserin Zita, erreicht ebenfalls das gesegnete Alter von 97 Jahren.

10 Der letzte regierende Herzog von Par­ma ist Robert von Bourbon-Parma, geb. 9. Juli 1848 in Florenz, gest. 16. November 1909 in Villa Reale delle Pianone (Pianone liegt in der Toskana nahe der Küstenstadt Viarèg­gio).

11 Kaiser Friedrich I. Barbarossa ertrank beim Dritten Kreuzzug am 10. Juni 1190 im kleinasiatischen Fluß Saleph (heutiger Na­me: Göksu).

12 Der Monarch zeichnet Felix dafür mit der Goldenen Tapferkeitsmedaille aus. Die von Kaiser Karl gestiftete Auszeichnung wird im Weltkrieg insgesamt 137mal verlie­hen.

13 Nicht alle goutieren die Abreise des Staatsoberhaupts. So formuliert die „Volks­stimme – Wochenblatt für die Interessen des schaffenden Volks“ (Organ der luxemburgi­schen KP) in ihrer zwar gedruckten, aber nicht mehr ausgelieferten Ausgabe vom 16. Mai 1940: „Die geflohene Dynastie und die ge­flohenen Regierungsmitglieder sind im Zug die­ser Entwicklung – Neuwahlen und Bildung einer wahrhaften Volksregierung – auszubürgern, weil sie als Verräter an Land und Volk gehandelt ha­ben.

14 Jean wird am 5. Jänner 1921 auf Schloß Berg geboren; er starb am 23. April 2019 in Luxemburg.

 

 
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