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Verflossen sind schon 18 Jahre, seit Werner Bräuninger seine immer noch aufschlußreiche und graziös angelegte Biographie Claus von Stauffenbergs (1907–1944) mit Rücksicht auf seines Subjekts Beziehung zu Stefan George (1868–1933) und den George-Kreis herausbrachte. Von anderen weniger ausgewogenen Studien setzt sich Bräuningers Werk insoweit ab, als er seine Erzählung mit Sachlichkeit und Anteilnahme darlegt.
Von Prof. Paul Gottfried
Obwohl seine Schilderung und seine reichlichen Zitate aus Georges Dichtwerk unverkennbare Bewunderung für seine Hauptfiguren bezeugen, zaudert Bräuninger ganz und gar nicht, sie auch kritisch unter die Lupe zu nehmen. Bei seiner Themenbehandlung macht er immer wieder auf die Mängel seiner Helden aufmerksam, zum Beispiel Stauffenbergs langjährige Begeisterung für die „Deutsche Erhebung“ unter der Ägide der NS-Bewegung und die antisemitischen Anwandlungen Georges, deren ich selbst mir nicht bewußt war, bis ich Bräuningers Buch anlas.
Um den Dichter und „Künder des Neues Reiches“ Stefan George scharten sich künftige NS-Anhänger ebenso wie jüdische Adepten, etwa Friedrich Gundolf, Ernst Kantorowicz, Ernst Morwitz und Karl Wolfskehl. Aus Bräuningers Werk ergibt sich, daß NS-Sympathisanten wie der Nietzsche-Biograph Ernst Bertram dem Kreis weltanschaulich und gefühlsmäßig distanzierter gegenüberstanden als dessen jüdische Angehörige, die mit George ein weitaus vertrauteres Verhältnis pflegten. (Einen Ausnahmefall stellte der Psychologe und Platon-Ausleger Kurt Hildebrandt dar, der sich später zum NS-Streber mauserte, nachdem er zuvor gern den Umgang mit jüdischen Weggefährten gepflegt hatte.) Zu Georges standhaftesten Vasallen gehörten der Heidelberger Literaturwissenschaftler Gundolf und der Biograph des Stauferkaisers Friedrich II. sowie ehemalige tapfere Frontsoldat und Freikorpskämpfer Kantorowicz. Der deutschen Sache waren Kantorowicz und Wolfskehl derart zugetan, daß sie während der Weimarer Republik das deutschnationale Panier hochgehalten haben. Trotz der Krisenjahre nach dem Jänner 1933 haben Georges jüdische Anhänger ihre Hingabe an den Meister nie völlig aufgegeben.
Vor etlichen Jahren zu Besuch in Jerusalem, hielt ich mich in einem von deutschjüdischen Flüchtlingen begründeten Gasthaus auf. An an den Flur schloß sich eine Bibliothek an, die durch eine Art der Vertäfelung herausstach, welche zwischen den zwei Kriegen in deutschen Prachtwohnungen beliebt war. Darin fand ich Regale, beladen mit den Werken Georges und den Literaturstudien Friedrich Gundolfs. Ich fand es auffällig, daß die aus dem Dritten Reich entflohenen Begründer dieser Bibliothek gerade das OEuvre Georges und seines Kreises in ihrer Habe mitgetragen hatten. Ihre Nachfahren bewahrten hier einen Familienschatz in einer die deutsche Vergangenheit heraufbeschwörenden Bibliothek. Von Belegen für Georges vermeintlich antijüdische Gefühle bin ich kaum überzeugt. Bei weitem nicht! Seine zuweilen zitierten Hinweise auf ein „verjudetes Berlin“, seine Bevorzugung von süddeutschen und rheinischen Städten und seine Beschwerden über jüdische Radikale bilden keine zwingende Anklageschrift, wonach der Dichter eingefleischter Antisemit gewesen wäre. Diese Denkhaltungen bezeugen vielmehr einst landläufige Meinungen, die keine besondere Zuneigung zum wütenden nationalsozialistischen Antisemitismus verraten. Auffälliger ist im Gegenteil die „Verjudung“ des George-Kreises, ein Zustand, den NS-Funktionäre nach Georges unerwartetem Hinscheiden in Locarno im Dezember 1933 verächtlich monierten.
In einer umfangreichen Studie des Nachlebens der nach dem Tod ihrer Leitfigur zum großen Teil jüdischen Anhänger beweist Ulrich Raulff unter dem Titel „Kreis ohne Meister“ (München 2006) den Dauereinfluß von Georges Persönlichkeit auf dessen Verehrer. Wohin sie auch verschlagen wurden, haben die verstreuten Jünglinge Briefe mit den gleichen, auf George zurückzuführenden, ausgeprägten Wesenszügen gewechselt. Zu den immer wiederkehrenden Charakteristiken gehören kleingeschriebene Substantive, eine vom Kreis gepflegte Schreibweise, und verschiedentlich hintergründige Anspielungen auf Georges Lieblingsthemen. Auch wenn Raulff George nachgerade als Dunkelmann abbildet, weist er dennoch nach, daß jüdische Flüchtlinge ihre Beschäftigung mit „dem Meister“ nie abgebrochen haben. Diese Verehrung färbte auch auf die Frauen ab, die meist jüdischstämmig waren, wie Edith Landmann und die Gattin Wolfskehls, trotzdem der Kreis homoerotisch geprägt war. Aus Raulffs Studie ist ersichtlich, daß George ebenso auf der Linken wie auf der Rechten Bewunderer angezogen hat. Theodor W. Adorno, Vordenker der Frankfurter Schule, war von Georges Dichtkunst angetan, während die linksgesinnte Landmann sogar die in Georges Wohnung veranstalteten Treffen besuchte. Wiewohl George in seinem Dichtwerk „Das Neue Reich“ die Parteienpolitik der Weimarer Republik bespöttelte , wurde dieser Wortkünstler, der augenfällig von den französischen Symbolisten geprägt war, auch von Andersdenkenden respektiert
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Daß Claus von Stauffenberg und dessen Bruder Berthold in seinen Bannkreis gezogen wurden, ist kaum verwunderlich. Man erfährt, daß diese zwei schwäbischen Adeligen im Dezember 1933 an Georges Sterbebett anwesend waren. In der Folge wohnten sie Georges Bestattung bei und wurden zu Nacherben ernannt. Merkwürdigerweise wurde es der deutschen Regierung trotz der Anwesenheit jüdischer Anhänger ohne Umstände oder Einwände erlaubt, einen Kranz mit Hakenkreuz auf der Grabstätte niederlegen zu lassen. Innerhalb eines Jahres nach seinem Tod aber war Georges Ruf in Parteikreisen so weit herabgesunken, daß der NS-affine Historiker Christoph Steding das dahingehende Schlußurteil erließ: George habe sich sich dem realen, von Hitler geschaffenen Reich entzogen, „weil er es nur als Sehnsucht und ästhetisches Gebilde haben wollte“. Darüber hinaus „spielt das jüdische Element hier eine große Rolle, weil das Geschick beim Juden die Entwurzelung und Denaturalisierung ein besonderes hohes Maß erreichen ließ …“
Der nationalsozialistische Philologieprofessor Hans Naumann war in seinem Buch „Wandlung und Erfüllung“ bestrebt, „den Führer und den Dichter“ weltanschaulich zu vermählen. Beide hätten nach je eigener Art ein „Drittes Reich“ angerufen und die abzustreifende Parteienherrschaft verspottet. Auf Hitlers Reich weiter hinausweisend habe George „ein geheimes Deutschland [geschaffen], das nun offenbar ward, das längst das Hakenkreuz als geweihtes Zeichen trug“. Bräuninger betont das Überdeutliche, wenn er uns klarmacht, daß den Nationalsozialisten nicht entgangen sein konnte, daß das Swastika-Signet einem jüdischen Verlag (Georg Bondi) eignete, der Georges Werke herausgebracht hatte. „Seiner Bedeutung nach“ hatte das mit dem Hakenkreuz der NSDAP gar nichts gemein. Trotz der späteren Bemühungen deutscher Vergangenheitsbewältiger, George als Vorboten der Nationalsozialisten einzustufen, fanden NS-Propagandisten an seinem Schaffen wenig Verwertbares. Verständlicherweise ist George bei den Nationalsozialisten wie bei den Linken in Mißkredit geraten. Obwohl offenbleibt, ob George, als er im Herbst 1933 zum letzten Mal nach der italienischen Schweiz ausreiste, wiederzukehren vorhatte, war schon offensichtlich, daß er mit den Nationalsozialisten wenig am Hut hatte. Vor seinem Abschied wies er das ihm angetragene Amt des Präsidenten der Preußischen Dichterakademie zurück, und im Gespräch mit seiner Gefolgschaft, die die Nationalsozialisten als „scheußliche Leute“ abtat, erwiderte er bekannterma?en: „Henkersknechte sind nun mal keine sehr angenehmen Leute“. Der NS-Bekehrte Hildebrandt war bemüht, George als einen dem Dritten Reich Zugeneigten zu zeichnen. Doch das Hinübertreten dieses Anhängers zum Nationalsozialismus gibt Anlaß zur Frage, ob er seine frühere Verbindung mit dem George-Kreis in ein neues, verzerrtes Licht rücken wollte. Barsch ist jedoch, was George selbst im September 1933 über die aufbrausende Judenverfolgung in Deutschland sagte: „Wenn ich an das denke, was Deutschland in den nächsten fünfzig Jahren bevorsteht, so ist mir die Judensach im besonderen nicht so wichtig“. An dieser Äußerung fehlt indes jeder erläuternde Zusammenhang. Mag sein, daß George die Nationalsozialisten zu diesem Zeitpunkt als gefährlicher für sein Vaterland als für die deutschen Juden hielt. Mag auch sein, daß George – wie etwa auch Stefan Zweig, Karl Kraus und andere mitteleuropäische jüdische Beobachter – den radikalen Antisemitismus des Dritten Reiches anfangs unterschätzte.
Bräuninger widmet eine Hälfte seines Buches dem edelmütigen Offizier Claus von Stauffenberg, dessen schicksalhafter Beteiligung am Attentat auf Hitler sowie den in diese Tat einmündenden und daraus folgenden Ereignissen. Es besteht bereits eine vielfältige historiographische Literatur über die Widerständler und ihre gescheiterte Tat am 20. Juli 1944. Die älteren Studien, zum Beispiel diejenigen von Gerhard Ritter und meinem einstigen Bekannten Hans Rothfels, entsprangen einer deutschpatriotischen, wenn auch antinationalsozialistischen Gesinnung und stellten Stauffenberg und seine großteils konservativ ausgerichteten Mitverschwörer als Retter der Würde der deutsche Nation dar. In den letzten paar Jahrzehnten wurde Stauffenberg sein Verdienst entzogen, weil er nicht die mittlerweile herrschenden linken Grundwerte vertreten hatte. Stauffenberg hatte die aus dem George-Kreis kommenden Stichwörter, wie „staat“ und „das Neue Reich“, nach Hitlers Machtantritt auf das tatsächliche Dritte Reich bezogen. Als nach dem fehlgeschlagenen Staatsstreich ein Exekutionskommando daran war, den Verschwörer zu erschießen, rief er die Worte „Es lebe das geheime Deutschland!“ aus, eine Chiffre, die seine Beziehung zum George-Kreis unterstrich.
Absonderlich erscheint mir Stauffenbergs enges Verschlungensein mit dieser Gruppe. Er nahm ihre Lehrmeinungen und Kampfbegriffe mit einer ernsten Buchstäblichkeit auf, die seine Mitangehörigen Wunder nehmen mußte. Wenn Stauffenberg für die berühmteste historische Gestalt gilt, die dem George-Kreis angehörte, so war er doch schwerlich idealtypisch. Dem bestehenden deutschen Staat wollte er opferbereit dienen; er ging eine Ehe ein – wie er seiner künftigen Gattin anvertraute –, um dem Vaterland Kinder zu schenken. In einem Gestapo-Verhör nach dem Attentat erklärte Berthold, wie er und sein Bruder sich anfangs für die neue Ordnung begeistert hatten. Sie hätten „das Führerprinzip, die Rangordnung und die Volksgemeinschaft bejaht.“ Bei Stauffenberg vermißt man die ästhetisierende, mythenträchtige Seite des Kreises (auch wenn er sich mitunter an Gedichten versuchte) ebenso wie eine skeptische, ja ablehnende Haltung zu Hitlers Machtstaat. Sein Mitbeteiligter am Kreis, Robert Boehringer (1884–1974), Industrieller und Lyriker, der mit den Stauffenberg-Brüdern über Georges Sterbebett wachte, war über die Brutalität der Nationalsozialisten von Anfang an dermaßen bestürzt, daß er nach der Schweiz auswanderte. Boehringer war später angelegentlich daran beteiligt, die Stefan-George-Stiftung ins Leben zu rufen. Erst anläßlich der Kristallnacht, als jüdische Läden ramponiert, Schaufenster zerbrochen und jüdische Passanten verprügelt wurden, fing Stauffenberg an, seine eilfertige Gleichstellung des Dritten Reiches mit Georges „kommendem Reich“ zu bezweifeln. Während diese Mißstände überhandnahmen, teilte er seinen Vertrauten mit, die Stunde werde bald schlagen, wo Hitler durch die Armee ersetzt werden müsse.
Nach dem Einmarsch der deutschen Streitkräfte in Sowjetrußland war Stauffenberg schockiert, wie mit den zusammengetriebenen jüdischen Einwohnern umgegangen wurde. Ebenso entrüstet war er über das Massensterben der gefangenen russischen Soldaten in den Lagern. Einer legendenumrankten Ansicht nach wurde Stauffenberg schließlich, sich nach dem sittlichen Beispiel seines poetischen Meisters richtend, zum Feind des Dritten Reiches. Berechtigt wäre es, diese Erklärung für sein Verhalten zu hinterfragen. Sein Erwachen ist nicht in erster Linie seiner geistigen Beziehung zum George-Kreis beizumessen. Es gibt andere zureichende Gründe für diese Umstimmung. Stauffenberg entschied im Hinblick auf die Ist-Situation, einen aufreibenden, unmenschlichen Krieg zu beenden und die kompromittierte Ehre seiner Nation zu retten. Leider offenbarten die Verschwörer des Staatsstreiches, wie Bräuninger nachweist, eine Art „Dilettantismus“, der ihr Vorhaben zunichte machte.
In seinem Tagebuch merkte Ernst Jünger am 21. Juli 1944 an, zur ihrer Ehre „tritt die älteste Aristokratie ins Treffen“, aber durch ihre Tat habe sie ein „furchtbares Gemetzel“ herbeigeführt. Jünger notierte die Irrtümer der Widerständler und hob hervor: Auch wenn der Staatsstreich gelungen wäre, wäre es nicht möglich gewesen, „die Räder zurückzuschrauben“. Bräuniger rollt die Fehler bei Planung und Ausführung des Putschversuchs auf und beweist die Wankelmütigkeit jener Unteroffiziere, auf welche die Hauptverschwörer angewiesen waren. Letztendlich hatte Jünger recht, daß Deutschlands Kontrahenten nicht zu ihrer Hilfe geeilt wären, auch wenn sie die Nazi-Regierung gestürzt hätten. Auszulöffeln, was sich die Nazis eingebrockt hatten, wäre einem Nachfolgestaat so oder so zugefallen.
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Eine faszinierende Figur, die dann und wann in Bräuningers Studie auftritt und die Georges Vermächtnis nach besten Kräften fortsetzen wollte, war Ernst Kantorowicz (1895–1963). Im Anhang seines Werkes stellt Bräuninger Kantorowiczs Vorlesung über „das geheime Deutschland“ und einen Brief aus dem Februar 1939 von Stauffenberg nebeneinander. Aus dem Wortlaut ersieht man, wie unterschiedlich die Gesinnungen der beiden Deutschnationalen waren. Stauffenberg bringt seine Besorgnis über „die Verallgemeinerung des Soldatischen zu etwas Alltäglichem“ zur Kenntnis. Er beschwert sich über die Vermassung des Offizierskorps und stellt eine „die verschiedensten Zeitläufte überspannende Gültigkeit des Aristokratischen“ bei der Züchtung der deutschen Wehrkraft heraus. Der Stil ist eintönig, und dem Leser schwebt ein pflichtbewußter, aber hölzerner Briefschreiber vor. Fast einschläfernd walzt der junge Offizier seinen Gedanken aus: „Soldat sein, und insbesondere soldatischer Führer, Offizier sein heißt, Diener des Staates, Teil des Staates sein mit all der darin inbegriffenen Gesamtverantwortung. Das Gefühl für diese darf nicht verloren gehen. Diese umfassende Auffassung der soldatischen Aufgabe wach zu halten und zu erziehen scheint mir heute unsere größte Aufgabe.“ Dieser verbohrte Glaube an eine tugendhafte Mission erinnert an das, was Arnold Gehlen als „Hypermoral“ bezeichnete und dem deutschen Nachwuchs der 1960er zuschrieb.
Kantorowicz hielt seinen in Bräuningers Band wiedergegebenen Vortrag am 14. November 1933 an der Universität Frankfurt bei Wiederaufnahme seiner Lehrtätigkeit, nachdem NS-Beamte ihn anfangs zur provisorischen Niederlegung seiner Professur gedrängt hatten. Kantorowicz beabsichtigte, auf seinen Lehrpflichten zu beharren, aber als er im Jahre 1935 mit antisemitischen Angriffen ringen mußte, trat er mit Vorruhestandsleistungen ab. 1939 wanderte er nach Kalifornien aus, wo er mit einer Professur in Mittelalterlicher Geschichte bestallt wurde. Seine 1927 veröffentlichte, voluminöse Biographie Friedrichs II. von Hohenstaufen hat Resonanz auch außerhalb Deutschlands gefunden. Trotz der verschnörkelten Schreibweise, die dem George-Kreis eigentümlich ist, brachte dieser Band seinem Verfasser auch jenseits des Atlantiks Ruhm.
Wie sein amerikanischer Biograph Robert E. Lerner berichtet, sorgte Kantorowicz in seinem Gastland für neue Kontroversen, ausgehend von seiner Weigerung im Jahre 1950, als Professor einen von Amts wegen verabschiedeten Treueeid zu unterschreiben. Kantorowicz lehnte es ab, zu schwören, daß er keinesfalls Kontakte zur Kommunistischen Partei unterhalte und daß er die amerikanische Regierung ohne Vorbehalte unterstütze. Im Gegensatz zu anderen Verweigerern, die sich oft als kommunistische Sympathisanten herausstellten, bezog Kantorowicz Stellung als bewährter Antikommunist. Nachdem er in Freikorps auf „die Roten“ geschossen hatte, war es seiner Ansicht nach die reinste Zumutung, ihm einen solchen Schwur abzufordern. Seine damalige Rettung war die Princeton University, die dem gefeuerten Kantorowicz eine Lehrstelle gewährte und ihn letztlich in das angesehene Institute for Advanced Studies aufrücken ließ. Da Princeton keine staatliche Hochschule war, war die Professorenschaft nicht verpflichtet, den Treueschwur zu unterschreiben. Auch ist zu vermerken, daß die Stimmung an den erstrangigen Universitäten schon damals links ausgerichtet war und die dortige Verwaltung auf einen Anlaß lauerte, dem Antikommunismus zu trotzen.
In Amt und Würden niedergelassen, brachte Kantorowicz 1957 sein berühmtes englischsprachiges Werk „The King’s Two Bodies: A Study in Medieval Political Theology“ heraus (dt. „Die zwei Körper des Königs“, München 1990). Mit seiner Bestrebung, eine sinnhafte Unterscheidung zwischen dem körperlichen Träger der königlichen Herrschaft und der über die physische Welt sich erhebenden mystischen Seite der Herrschaft zu treffen, fand Kantorowicz bei seiner neuerworbenen US-Leserschaft rauschenden Anklang. Seinen amerikanischen Bewunderern war nicht bewußt, in welchem Maße Kantorowicz seine Grundbegriffe aus zwischen den zwei Kriegen geschaffenen deutschen Quellen schöpfte. Genauer gesagt, bezog er sie aus einem rechtslastigen Milieu, ausgehend von Carl Schmitts Bemerkungen zur „Politischen Theologie“. Die Richtlinien wurden auch durch Kantorowiczs gesellschaftliche und gelehrte Verbindung mit dem zeitgenössischen Heidelberger Mediävisten Percy Ernst Schramm (1894–1970) bestimmt. Wie Kantorowicz war Schramm Frontsoldat im Ersten Weltkrieg gewesen, der nachher beschloß, sich der Mittelalterlichen Geschichte zuzuwenden.
Die zwei Veteranen waren zusätzlich Studenten des Forschers zum Heiligen Römischen Reich Karl Hampe und enge Freunde des Germanisten Friedrich Gundolf gewesen. Im Jahre 1922 hatte Schramm sein Meisterwerk „Das Herrscherbild in der Kunst des frühen Mittelalters“ veröffentlicht, worin Stichwörter und Hinweise auftraten, die auch in Kantorowiczs Band Erwähnung finden. Es besteht kein Grund, zu unterstellen, daß Schramms einstiger Kommilitone seine Thesen bei diesem abkupferte. Vielmehr gehörten beide Gelehrten der gleichen Denkwelt an, die von denselben genialen Geistern genährt worden war. Erschütternd für seinen Freund war Schramms Entscheidung, nach Hitlers Machtantritt der NSDAP beizutreten. Obzwar Schramm nie eine betont antisemitische Einstellung bezeugte und mit Kantorowicz und anderen jüdischen Kollegen jahrelang vertraut war, versuchte er, durch diesen Schritt seine Karriere zu festigen. Wegen dieser Wendung ging seine Freundschaft mit Kantorowicz unwiderruflich in die Brüche, und nach einem zweiten Fronteinsatz und der deutschen Niederlage stand Schramm ein weiterer Rückschlag bevor: Von den Besatzungsmächten wurde er bis 1948 mit einem Lehrverbot belegt.
Im Gegensatz zu anderen assimilierten Deutschjuden, die in ihr Stammland zurückkehrten, blieb Kantorowicz nach dem Krieg in den USA, ohne sich zu bemühen, an alte Beziehungen anzuknüpfen. Wie andere Mitglieder des George-Kreises war er homosexuell veranlagt, und gerüchteweise hatte er sich in einer Liebschaft mit dem Meister ergangen. Kantorowicz pflegte, sich mit geckenhafter Sorgfalt zu kleiden und mit jungen Damen zu kokettieren, aber schien fast abgeschieden zu leben. Und es blieb nicht im Dunkel, daß er sich in seinem früheren Leben als Deutschnationaler hervorgetan hatte. 1992 erschien das Buch eines jüdischen Mediävisten namens Norman F. Cantor, worin der Verfasser der siebenhundertseitigen Biographie Friedrichs II. von Hohenstaufen einer nationalsozialistischen Orientierung bezichtigt wurde. Es traf sich, daß Hitler den Stauferkaiser nicht weniger als der George-Kreis hochgeschätzt und die Biographie himmelhoch gepriesen hatte. Cantor holte die Angaben über Kantorowiczs Mitgliedschaft im Freikorps und seine Freundschaft mit Schramm hervor, um sein Ziel als einen „jüdischen Nazi“ anzuprangern. Nachlegend prangerte Cantor an, daß Kantorowicz die Ostjuden verachtet und diskriminiert habe, ein Gebaren, das mit seinen deutschnationalen Vorurteilen zusammenpassen sollte.
Mit Ausnahme einiger neokonservativer Journalisten eilten Schriftsteller und Akademiker zur Ehrenrettung des toten Gelehrten. Überdeutlich war, daß unwürdige Gefühle den größtenteils unbegründeten Angriff motiviert hatten, und wie Robert E. Lerner in seiner Biographie (entgegen Cantors Schelte) aufzeigt, ließ sich Kantorowicz keinen Anlaß entgehen, die Gewalttätigkeit des Dritten Reiches zu verurteilen. Unbestreitbar sei freilich, daß Kantorowicz eine deutschnationale Denkrichtung vertreten hat. Seine politische Einstellung läßt sich leicht auf seinen Hintergrund als Nachkomme einer wohlhabenden preußisch-jüdischen Familie aus Posen zurückführen. In dem ethnisch vielfältigen Milieu, in dem er aufwuchs, war seine Familie angehalten, sich für eine konkrete ethnische Identität zu entscheiden. Ernst und seine Vorfahren, die sich sowohl von den Polen wie auch von den Ostjuden distanzieren wollten, betonten ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volk.
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Auf seine in Bräuningers Band abgedruckte Vorlesung zurückgreifend, lohnt es sich, auf Kantorowiczs Verwendung des Begriffs „geheimes Deutschland“ einzugehen. Die Mitgliedschaft in diesem „heiligen Verein“ betrifft nicht nur Deutsche, sondern auch „die Gemeinschaft derer, die – obwohl fremd bisweilen erscheinend – dennoch allein das echte Antlitz der Deutschen erschuf. Er ist als Gemeinschaft ein Götterreich wie der Olymp, ist ein Geisterreich wie der mittelalterliche Heiligen- und Engelsstaat, ist ein Menschenreich wie Dantes als ‚humana civiltas‘ erschaute Jenseitswelt der drei Bezirke, es ist die in Stufen und Ränge geordnete Heroenwelt des heutigen, des künftigen und ewigen Deutschland. Von dem ‚geheimen Deutschland‘ – gebunden diesmal an den tatsächlichen deutschen Raum, obwohl weit über ihn hinausgreifend – gelte daher das Nämliche wie von alten Mysterien, dieses hat sich nie zugetragen, hat sich niemals begeben, aber es ist immerwährend und ewig.“
Mehrmals verweist Kantorowicz auf das Mysterium eines geheimen Reiches, „das niemals da war und doch ewig ist“. Es sei unverkennbar „deutsch“, aber „bis zum heutigen Tag unabhängig von dem jeweiligen Zustand, der jeweiligen Verfassung des Reichs“. Es wese im deutschen Volk als „ein andres Deutschland“, „welchem jenseits des öffentlich sichtbaren Reiches Wesen und Leben beschieden war“. Es sei „Seelenreich“, aber eines, wo „die gleichen deutschesten Kaiser eigensten Ranges und eigenster Artung herrschen und thronen, unter deren Zepter sich zwar noch niemals die ganze Nation aus innerster Inbrunst gebeugt hat, deren Herrentum aber dennoch immerwährend und ewig ist und in tiefer Verborgenheit gegen das jeweilige Außen lebt und dadurch für das ewige Deutschland“.
Wenn man seine Wortwahl und die gezielten Anspielungen auf Friedrich II. von Hohenstaufen erwägt, fällt ins Auge, was Kantorowicz damit bezweckt. Er setzt sich mit dem „jeweiligen Außen“ der deutschen Staatlichkeit aus dem Blickwinkel eines Getreuen des George-Kreises auseinander, der die eigene Denktradition vor Kontaminierung behüten will. Dem jeweiligen deutschen Zustand hält Kantorowicz einen „immerwährenden“ und „geheimen“ entgegen, welcher eine „Dreieinheit“ verkörpere, die da heißt „Schönheit, Adel, Größe“. Daraus erschließt sich, daß das Vorbild eines ewigen deutschen Wesens zur anrüchigen Realität der politischen Gegenwart in frappantem Widerspruch steht.
Ebenso in einen Gegensatz zu Hitler und seinen Adepten stellt Kantorowicz die mittelalterlichen Kaiser „eigensten Ranges und eigenster Artung“, die in der von Kantorowicz verherrlichten Geschichtsfigur Friedrich II. von Hohenstaufen ihren Inbegriff erlangen. In den abschließenden Seiten der Biographie erfährt man: Friedrich „lebt und lebt nicht“. „Mit Friedrich ist zum letzten Mal ein Kaiser versternt und vergottet worden, nicht als eine durch Bild und Altar stets gegenwärtige, wohl aber als die in Ewigkeit erwartete Kraft, als der Messias, der Herr des Endes, Herrscher im apollinischen Sonnenreich, das die Sibyllen verhießen.“ Mit Bedacht zieht Kantorowicz den Kult des entrückten Zauberführers aus dem 13. Jahrhundert heran, der die Künste und Gelehrsamkeit an seinem Hof in Sizilien förderte. Anders als Hitler ist es Friedrich, dem Enkel von Barbarossa, nie gelungen, die deutsche Nation seinem Szepter zu unterwerfen, und notgedrungen erweiterte er das süditalienische und sizilianische Königtum, das ihm mütterlicherseits überkommen war, zuungunsten des Papstes nach Norden. Für den George-Kreis wurde die Anbetung Friedrichs deckungsgleich mit einem „Seelenreich“, das nie zu einem tyrannischen Machtanspruch entarten sollte.
Ironischerweise werden Kantorowiczs „Erkorene, welche dann bald die, bald jene abendländische Seinsart oder urmenschliche Kraft in deutscher Gestaltung verkörperten“ und „die eigentlichen Träger, Kaiser und Adel ‚des geheimen Deutschland‘“ wurden, zu „tieftragischen Figuren“ erhoben. Innenpolitisch haben sie wenig geleistet, auch wenn sie als kulturell sinnbildende Gestalten anzusehen waren. Der Vortragende legt es darauf an, dieses „Herrentum“ möglichst weit von dem weniger lobenswerten Dritten Reich zu unterscheiden, auch wenn sich Kantorowicz weiter zur historischen deutschen Nation bekannte. Leicht durchschaubar ist auch die Absicht, zwischen George und seiner Grundlehre sowie dem Hitlerismus eine undurchdringliche Scheidewand aufzurichten.
Euer Wandel war der meine.
Eins mit euch auf Hieb und Stich.
Unverbrüchlich was uns eine,
Eins das Grosse, eins das Kleine:
Ich war Deutsch und ich war Ich.
Deutscher Gau hat mich geboren,
Deutsches Brot mich speiste gar,
Deutschen Rheines Reben goren
Mir im Blut ein Tausendjahr.
Stürzebach und Stürme rauschten,
Um mich unsrer Wälder Grund,
Frauen schauten, Knaben lauschten
Auf mein Schreiten, meinen Mund.
Zu mir traten eure Besten,
Zu mir, den die Flamme heisst –
Ob im Osten, ob im Westen:
Wo ich bin ist Deutscher Geist.
Eure Kaiser sind auch meine.
Grosskarl, mild gestreng und fron,
Unter Seiner Sonnen Scheine
Zog der Ahn zum Frankenthron
Nach Magonz. Sein Spross, der klare
Ritter, Raw Kalonymos
Gab, auf dass er Treue wahre,
Treue kaiserlichem Aare,
Anderm Otto, da furchtbare
Not ihn bog, sein eigen Ross.
Und zum wahrsten Gibellinen
Friedrich, aller Kronen Kron,
Eilten, Guts und Bluts zu dienen,
Jude, Christ und Wüstensohn.
Eure Dichter sind auch meine.
Auf rief ich Held Hildebrand,
Mit dem Schwelg sass ich beim Weine,
Mit Herrn Walther auf dem Steine,
Fuhr mit dir durchs welsche Land,
Erzpoet, zu Reinalds Ruhme,
Flocht den vollsten Blütenstrauss,
Wählend, wägend Blum auf Blume
Mir und euch für unser Haus.
Eure Mär ist auch die meine.
Vom helldüstern Bruderpaar,
Blindem, der den Blanken töte,
Hoeder-Vult, von Speer und Flöte
Flüstert’ ich euch, mir in Reine
Rauschte Schwangotts Flügelschar.
Nun im Mantel, nun als Rüde
Lockte, grollte lärmumwogt
Zweimal Wer: ich sah, mich lüde
Ursturm, Einaug, Runenvogt!
Eure Sprache ist auch meine
Liebe Muttersprache, seit
Jener Ahn kam, sie ward seine,
Blieb den Kindern, fränkisch breit.
Einverleibt zur Gottesstunde
Sann ich, sang ich, sing ich heut,
Deut und höre frühste Kunde,
Hüte mit in heiliger Runde
Deine, meine Seele, Teut.
Denn dein Traum ist auch der meine.
Vom geheimen deutschen Fug,
Von der Braut im Zauberschreine,
Vom Kristallnetz, das die Feine
Selbst gewirkt und um sich schlug,
Bis, erwacht, sie’s über Weiten
Ausspannt in gewaltigem Zug,
Sterne fängt und Gang der Zeiten,
Weiss auch meines Traumes Flug.
Und dein Tag gar ist der meine.
Auch um meine Stirne wand
Stefan, Flammenhort vom Rheine,
Heil der Herzen, Er der Eine,
Unsres Stromes Silberband,
Duft des schönen, Schau des neuen
Lebens schenkend, der Gebühr,
Weihend mich, den Immertreuen,
Seiner Sende, seiner Kür,
Seiner Sende, auszustreuen
Junges Gotteslicht im Lied,
Seiner Kür, die goldnem Leuen
Dunkle Fittiche beschied.
Morgens Meister, Stern der Wende
Hat Ihn lang mein Sang genannt:
Sohn der Kür, Bote der Sende
Bleib ich, Flamme, Dir Trabant!
Dein Weg ist nicht mehr der meine,
Teut, dir schwant, erkoren seist
Du am Nordgrat, nicht am Rheine,
Lug sei, was dich Andern eine,
Lug das Lamm in Kreuzespeine,
Blut sei Same, Gift der Geist.
Borgst dir Zeichen, Zucht und Richter,
Löschest aus die eignen Lichter,
Fährst vom Weltenhaus
Deiner Kaiser, deiner Dichter
Brüllend, Teut, ins Dunkel aus:
Wüsstest du was drinnen kreist!
Nacht hat auch zu mir gesprochen,
Gottesnacht, schwer dröhnt das Wort:
Losgebrochen! Losgebrochen!
Alle meine Pulse pochen
Von dem Rufe: auf und fort!
Und ich folge, und ich weine
Weine, weil das Herz verwaist,
Weil ein Tausendjahr vereist.
Aber ob zum Morgenscheine
Hindrängt das gewaltige Wort,
Wo ich mich Altvätern eine,
Harrnd, dass Hagadol erscheine –
Ob der Ruf mich fernhin reisst:
Kür verheisst und Sende weist.
Weit aus heilig weissem Feuer
Reckt die Hand und heischt der Meister:
Überdaure! Bleib am Steuer!
Selige See lacht, Land ergleisst!
Wo du bist, du Immertreuer,
Wo du bist, du Freier, Freister,
Du der wahrt und wagt und preist –
Wo du bist, ist Deutscher Geist!
Gedichte von Karl Wolfskehl