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Nochmals das geheime Deutschland

Stefan George (1868–1933) versammelte als Dichter um sich einen – wie er selbst – dem Symbolismus und der Ästhetik, der Lebensreform und dem deutschen Gedanken zugewandten Kreis.

Ernst Kantorowicz und der George-Kreis

Verflossen sind schon 18 Jahre, seit Werner Bräuninger seine immer noch aufschlußreiche und graziös angelegte Biographie Claus von Stauffenbergs (1907–1944) mit Rücksicht auf seines Subjekts Beziehung zu Stefan George (1868–1933) und den George-Kreis herausbrachte. Von anderen weniger ausgewogenen Studien setzt sich Bräuningers Werk insoweit ab, als er seine Erzählung mit Sachlichkeit und Anteilnahme darlegt.

Von Prof. Paul Gottfried

Obwohl seine Schilderung und seine reichlichen Zitate aus Georges Dichtwerk unverkennbare Bewunde­rung für seine Hauptfiguren bezeugen, zaudert Bräuninger ganz und gar nicht, sie auch kritisch unter die Lupe zu neh­men. Bei seiner Themenbehandlung macht er immer wieder auf die Mängel seiner Helden aufmerksam, zum Beispiel Stauffenbergs langjährige Begeisterung für die „Deutsche Erhebung“ unter der Ägide der NS-Bewegung und die antise­mitischen Anwandlungen Georges, de­ren ich selbst mir nicht bewußt war, bis ich Bräuningers Buch anlas.

Um den Dichter und „Künder des Neues Reiches“ Stefan George scharten sich künftige NS-Anhänger ebenso wie jüdische Adepten, etwa Friedrich Gun­dolf, Ernst Kantorowicz, Ernst Morwitz und Karl Wolfskehl. Aus Bräuningers Werk ergibt sich, daß NS-Sympathisan­ten wie der Nietzsche-Biograph Ernst Bertram dem Kreis weltanschaulich und gefühlsmäßig distanzierter gegenüber­standen als dessen jüdische Angehörige, die mit George ein weitaus vertrauteres Verhältnis pflegten. (Einen Ausnahmefall stellte der Psychologe und Platon-Ausle­ger Kurt Hildebrandt dar, der sich später zum NS-Streber mauserte, nachdem er zuvor gern den Umgang mit jüdischen Weggefährten gepflegt hatte.) Zu Geor­ges standhaftesten Vasallen gehörten der Heidelberger Literaturwissenschaftler Gundolf und der Biograph des Staufer­kaisers Friedrich II. sowie ehemalige tap­fere Frontsoldat und Freikorpskämpfer Kantorowicz. Der deutschen Sache wa­ren Kantorowicz und Wolfskehl derart zugetan, daß sie während der Weimarer Republik das deutschnationale Panier hochgehalten haben. Trotz der Krisen­jahre nach dem Jänner 1933 haben Geor­ges jüdische Anhänger ihre Hingabe an den Meister nie völlig aufgegeben.

Vor etlichen Jahren zu Besuch in Jeru­salem, hielt ich mich in einem von deutschjüdischen Flüchtlingen begrün­deten Gasthaus auf. An an den Flur schloß sich eine Bibliothek an, die durch eine Art der Vertäfelung herausstach, welche zwischen den zwei Kriegen in deutschen Prachtwohnungen beliebt war. Darin fand ich Regale, beladen mit den Werken Georges und den Literatur­studien Friedrich Gundolfs. Ich fand es auffällig, daß die aus dem Dritten Reich entflohenen Begründer dieser Bibliothek gerade das OEuvre Georges und seines Kreises in ihrer Habe mitgetragen hatten. Ihre Nachfahren bewahrten hier einen Familienschatz in einer die deutsche Ver­gangenheit heraufbeschwörenden Bi­bliothek. Von Belegen für Georges vermeintlich antijüdische Gefühle bin ich kaum über­zeugt. Bei weitem nicht! Seine zuweilen zitierten Hinweise auf ein „verjudetes Berlin“, seine Bevorzugung von süd­deutschen und rheinischen Städten und seine Beschwerden über jüdische Radi­kale bilden keine zwingende Anklage­schrift, wonach der Dichter eingefleisch­ter Antisemit gewesen wäre. Diese Denk­haltungen bezeugen vielmehr einst land­läufige Meinungen, die keine besondere Zuneigung zum wütenden nationalso­zialistischen Antisemitismus verraten. Auffälliger ist im Gegenteil die „Verju­dung“ des George-Kreises, ein Zustand, den NS-Funktionäre nach Georges uner­wartetem Hinscheiden in Locarno im De­zember 1933 verächtlich monierten.

In einer umfangreichen Studie des Nachlebens der nach dem Tod ihrer Leit­figur zum großen Teil jüdischen Anhän­ger beweist Ulrich Raulff unter dem Titel „Kreis ohne Meister“ (München 2006) den Dauereinfluß von Georges Persön­lichkeit auf dessen Verehrer. Wohin sie auch verschlagen wurden, haben die ver­streuten Jünglinge Briefe mit den glei­chen, auf George zurückzuführenden, ausgeprägten Wesenszügen gewechselt. Zu den immer wiederkehrenden Charak­teristiken gehören kleingeschriebene Substantive, eine vom Kreis gepflegte Schreibweise, und verschiedentlich hin­tergründige Anspielungen auf Georges Lieblingsthemen. Auch wenn Raulff George nachgerade als Dunkelmann abbildet, weist er den­noch nach, daß jüdische Flüchtlinge ihre Beschäftigung mit „dem Meister“ nie ab­gebrochen haben. Diese Verehrung färb­te auch auf die Frauen ab, die meist jü­dischstämmig waren, wie Edith Land­mann und die Gattin Wolfskehls, trotz­dem der Kreis homoerotisch geprägt war. Aus Raulffs Studie ist ersichtlich, daß George ebenso auf der Linken wie auf der Rechten Bewunderer angezogen hat. Theodor W. Adorno, Vordenker der Frankfurter Schule, war von Georges Dichtkunst angetan, während die links­gesinnte Landmann sogar die in Georges Wohnung veranstalteten Treffen besuch­te. Wiewohl George in seinem Dichtwerk „Das Neue Reich“ die Parteienpolitik der Weimarer Republik bespöttelte , wurde dieser Wortkünstler, der augenfällig von den französischen Symbolisten geprägt war, auch von Andersdenkenden respek­tiert

Auch Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehörte dem George-Kreis an und bezog dessen Hoffnung auf das „Neue Reich“ lange Zeit auf das nationalsozialistische Deutschland.

Claus Graf von Stauffenberg

Daß Claus von Stauffenberg und dessen Bruder Berthold in seinen Bannkreis ge­zogen wurden, ist kaum verwunderlich. Man erfährt, daß diese zwei schwäbi­schen Adeligen im Dezember 1933 an Georges Sterbebett anwesend waren. In der Folge wohnten sie Georges Bestat­tung bei und wurden zu Nacherben er­nannt. Merkwürdigerweise wurde es der deutschen Regierung trotz der Anwesen­heit jüdischer Anhänger ohne Umstände oder Einwände erlaubt, einen Kranz mit Hakenkreuz auf der Grabstätte niederle­gen zu lassen. Innerhalb eines Jahres nach seinem Tod aber war Georges Ruf in Parteikreisen so weit herabgesunken, daß der NS-affine Historiker Christoph Steding das dahingehende Schlußurteil erließ: George habe sich sich dem realen, von Hitler geschaffenen Reich entzogen, „weil er es nur als Sehnsucht und ästheti­sches Gebilde haben wollte“. Darüber hinaus „spielt das jüdische Element hier eine große Rolle, weil das Geschick beim Juden die Entwurzelung und Denaturali­sierung ein besonderes hohes Maß errei­chen ließ …“

Der nationalsozialistische Philologie­professor Hans Naumann war in seinem Buch „Wandlung und Erfüllung“ be­strebt, „den Führer und den Dichter“ weltanschaulich zu vermählen. Beide hätten nach je eigener Art ein „Drittes Reich“ angerufen und die abzustreifende Parteienherrschaft verspottet. Auf Hitlers Reich weiter hinausweisend habe George „ein geheimes Deutschland [geschaffen], das nun offenbar ward, das längst das Hakenkreuz als geweihtes Zeichen trug“. Bräuninger betont das Überdeutliche, wenn er uns klarmacht, daß den Natio­nalsozialisten nicht entgangen sein konn­te, daß das Swastika-Signet einem jüdi­schen Verlag (Georg Bondi) eignete, der Georges Werke herausgebracht hatte. „Seiner Bedeutung nach“ hatte das mit dem Hakenkreuz der NSDAP gar nichts gemein. Trotz der späteren Bemühungen deutscher Vergangenheitsbewältiger, George als Vorboten der Nationalsoziali­sten einzustufen, fanden NS-Propagan­disten an seinem Schaffen wenig Ver­wertbares. Verständlicherweise ist Geor­ge bei den Nationalsozialisten wie bei den Linken in Mißkredit geraten. Obwohl offenbleibt, ob George, als er im Herbst 1933 zum letzten Mal nach der italienischen Schweiz ausreiste, wieder­zukehren vorhatte, war schon offensicht­lich, daß er mit den Nationalsozialisten wenig am Hut hatte. Vor seinem Ab­schied wies er das ihm angetragene Amt des Präsidenten der Preußischen Dich­terakademie zurück, und im Gespräch mit seiner Gefolgschaft, die die National­sozialisten als „scheußliche Leute“ abtat, erwiderte er bekannterma?en: „Henkers­knechte sind nun mal keine sehr ange­nehmen Leute“. Der NS-Bekehrte Hilde­brandt war bemüht, George als einen dem Dritten Reich Zugeneigten zu zeich­nen. Doch das Hinübertreten dieses An­hängers zum Nationalsozialismus gibt Anlaß zur Frage, ob er seine frühere Ver­bindung mit dem George-Kreis in ein neues, verzerrtes Licht rücken wollte. Barsch ist jedoch, was George selbst im September 1933 über die aufbrausende Judenverfolgung in Deutschland sagte: „Wenn ich an das denke, was Deutsch­land in den nächsten fünfzig Jahren be­vorsteht, so ist mir die Judensach im be­sonderen nicht so wichtig“. An dieser Äußerung fehlt indes jeder erläuternde Zusammenhang. Mag sein, daß George die Nationalsozialisten zu diesem Zeit­punkt als gefährlicher für sein Vaterland als für die deutschen Juden hielt. Mag auch sein, daß George – wie etwa auch Stefan Zweig, Karl Kraus und andere mitteleuropäische jüdische Beobachter – den radikalen Antisemitismus des Drit­ten Reiches anfangs unterschätzte.

Bräuninger widmet eine Hälfte seines Buches dem edelmütigen Offizier Claus von Stauffenberg, dessen schicksalhafter Beteiligung am Attentat auf Hitler sowie den in diese Tat einmündenden und dar­aus folgenden Ereignissen. Es besteht be­reits eine vielfältige historiographische Literatur über die Widerständler und ih­re gescheiterte Tat am 20. Juli 1944. Die älteren Studien, zum Beispiel diejenigen von Gerhard Ritter und meinem einsti­gen Bekannten Hans Rothfels, entspran­gen einer deutschpatriotischen, wenn auch antinationalsozialistischen Gesin­nung und stellten Stauffenberg und seine großteils konservativ ausgerichteten Mit­verschwörer als Retter der Würde der deutsche Nation dar. In den letzten paar Jahrzehnten wurde Stauffenberg sein Verdienst entzogen, weil er nicht die mittlerweile herrschenden linken Grund­werte vertreten hatte. Stauffenberg hatte die aus dem George-Kreis kommenden Stichwörter, wie „staat“ und „das Neue Reich“, nach Hitlers Machtantritt auf das tatsächliche Dritte Reich bezogen. Als nach dem fehlgeschlagenen Staatsstreich ein Exekutionskommando daran war, den Verschwörer zu erschießen, rief er die Worte „Es lebe das geheime Deutsch­land!“ aus, eine Chiffre, die seine Bezie­hung zum George-Kreis unterstrich.

Absonderlich erscheint mir Stauffen­bergs enges Verschlungensein mit dieser Gruppe. Er nahm ihre Lehrmeinungen und Kampfbegriffe mit einer ernsten Buchstäblichkeit auf, die seine Mitange­hörigen Wunder nehmen mußte. Wenn Stauffenberg für die berühmteste histori­sche Gestalt gilt, die dem George-Kreis angehörte, so war er doch schwerlich idealtypisch. Dem bestehenden deut­schen Staat wollte er opferbereit dienen; er ging eine Ehe ein – wie er seiner künf­tigen Gattin anvertraute –, um dem Va­terland Kinder zu schenken. In einem Gestapo-Verhör nach dem Attentat er­klärte Berthold, wie er und sein Bruder sich anfangs für die neue Ordnung be­geistert hatten. Sie hätten „das Führer­prinzip, die Rangordnung und die Volksgemeinschaft bejaht.“ Bei Stauffenberg vermißt man die äs­thetisierende, mythenträchtige Seite des Kreises (auch wenn er sich mitunter an Gedichten versuchte) ebenso wie eine skeptische, ja ablehnende Haltung zu Hitlers Machtstaat. Sein Mitbeteiligter am Kreis, Robert Boehringer (1884–1974), Industrieller und Lyriker, der mit den Stauffenberg-Brüdern über Georges Ster­bebett wachte, war über die Brutalität der Nationalsozialisten von Anfang an dermaßen bestürzt, daß er nach der Schweiz auswanderte. Boehringer war später angelegentlich daran beteiligt, die Stefan-George-Stiftung ins Leben zu ru­fen. Erst anläßlich der Kristallnacht, als jüdische Läden ramponiert, Schaufenster zerbrochen und jüdische Passanten ver­prügelt wurden, fing Stauffenberg an, seine eilfertige Gleichstellung des Dritten Reiches mit Georges „kommendem Reich“ zu bezweifeln. Während diese Mißstände überhandnahmen, teilte er seinen Vertrauten mit, die Stunde werde bald schlagen, wo Hitler durch die Ar­mee ersetzt werden müsse.

Nach dem Einmarsch der deutschen Streitkräfte in Sowjetrußland war Stauf­fenberg schockiert, wie mit den zusam­mengetriebenen jüdischen Einwohnern umgegangen wurde. Ebenso entrüstet war er über das Massensterben der ge­fangenen russischen Soldaten in den La­gern. Einer legendenumrankten Ansicht nach wurde Stauffenberg schließlich, sich nach dem sittlichen Beispiel seines poetischen Meisters richtend, zum Feind des Dritten Reiches. Berechtigt wäre es, diese Erklärung für sein Verhalten zu hinterfragen. Sein Erwachen ist nicht in erster Linie seiner geistigen Beziehung zum George-Kreis beizumessen. Es gibt andere zureichende Gründe für diese Umstimmung. Stauffenberg entschied im Hinblick auf die Ist-Situation, einen aufreibenden, unmenschlichen Krieg zu beenden und die kompromittierte Ehre seiner Nation zu retten. Leider offenbar­ten die Verschwörer des Staatsstreiches, wie Bräuninger nachweist, eine Art „Di­lettantismus“, der ihr Vorhaben zunichte machte.

In seinem Tagebuch merkte Ernst Jün­ger am 21. Juli 1944 an, zur ihrer Ehre „tritt die älteste Aristokratie ins Treffen“, aber durch ihre Tat habe sie ein „furcht­bares Gemetzel“ herbeigeführt. Jünger notierte die Irrtümer der Widerständler und hob hervor: Auch wenn der Staats­streich gelungen wäre, wäre es nicht möglich gewesen, „die Räder zurückzu­schrauben“. Bräuniger rollt die Fehler bei Planung und Ausführung des Putschver­suchs auf und beweist die Wankelmütig­keit jener Unteroffiziere, auf welche die Hauptverschwörer angewiesen waren. Letztendlich hatte Jünger recht, daß Deutschlands Kontrahenten nicht zu ih­rer Hilfe geeilt wären, auch wenn sie die Nazi-Regierung gestürzt hätten. Auszu­löffeln, was sich die Nazis eingebrockt hatten, wäre einem Nachfolgestaat so oder so zugefallen.

Der Historiker Ernst Kantorowicz (1895–1963) kämpfte nach dem Ersten Weltkrieg in deutschen Freikorps in Posen und Westpreußen und beteiligte sich sowohl in Berlin an der Niederschlagung des Spartakusaufstands wie in München am Kampf gegen die Räterepublik. 1939 emigrierte er in die USA und lehrte ab den 1950er Jahren an der Princeton University. Seine Vorlesung über das „Geheime Deutschland“ ist im Anhang von Werner Bräuningers Stauffenberg-Biographie wiedergegeben.
Werner Bräuninger
Claus von Stauffenberg
Die Genese des Täters aus dem Geiste des Geheimen Deutschland
208 S., geb., Karolinger, 2002, € 24,00

Ernst Kantorowicz

Eine faszinierende Figur, die dann und wann in Bräuningers Studie auftritt und die Georges Vermächtnis nach besten Kräften fortsetzen wollte, war Ernst Kantorowicz (1895–1963). Im Anhang seines Werkes stellt Bräuninger Kantorowiczs Vorlesung über „das geheime Deutschland“ und einen Brief aus dem Februar 1939 von Stauffenberg nebeneinander. Aus dem Wortlaut ersieht man, wie unterschiedlich die Gesinnungen der beiden Deutschnationalen waren. Stauffenberg bringt seine Besorgnis über „die Verallgemeinerung des Soldatischen zu etwas Alltäglichem“ zur Kenntnis. Er beschwert sich über die Vermassung des Offizierskorps und stellt eine „die verschiedensten Zeitläufte überspannende Gültigkeit des Aristokratischen“ bei der Züchtung der deutschen Wehrkraft heraus. Der Stil ist eintönig, und dem Leser schwebt ein pflichtbewußter, aber hölzerner Briefschreiber vor. Fast einschläfernd walzt der junge Offizier seinen Gedanken aus: „Soldat sein, und insbesondere soldatischer Führer, Offizier sein heißt, Diener des Staates, Teil des Staates sein mit all der darin inbegriffenen Gesamtverantwortung. Das Gefühl für diese darf nicht verloren gehen. Diese umfassende Auffassung der soldatischen Aufgabe wach zu halten und zu erziehen scheint mir heute unsere größte Aufgabe.“ Dieser verbohrte Glaube an eine tugendhafte Mission erinnert an das, was Arnold Gehlen als „Hypermoral“ bezeichnete und dem deutschen Nachwuchs der 1960er zuschrieb.
Kantorowicz hielt seinen in Bräuningers Band wiedergegebenen Vortrag am 14. November 1933 an der Universität Frankfurt bei Wiederaufnahme seiner Lehrtätigkeit, nachdem NS-Beamte ihn anfangs zur provisorischen Niederlegung seiner Professur gedrängt hatten. Kantorowicz beabsichtigte, auf seinen Lehrpflichten zu beharren, aber als er im Jahre 1935 mit antisemitischen Angriffen ringen mußte, trat er mit Vorruhestandsleistungen ab. 1939 wanderte er nach Kalifornien aus, wo er mit einer Professur in Mittelalterlicher Geschichte bestallt wurde. Seine 1927 veröffentlichte, voluminöse Biographie Friedrichs II. von Hohenstaufen hat Resonanz auch außerhalb Deutschlands gefunden. Trotz der verschnörkelten Schreibweise, die dem George-Kreis eigentümlich ist, brachte dieser Band seinem Verfasser auch jenseits des Atlantiks Ruhm.
Wie sein amerikanischer Biograph Robert E. Lerner berichtet, sorgte Kantorowicz in seinem Gastland für neue Kontroversen, ausgehend von seiner Weigerung im Jahre 1950, als Professor einen von Amts wegen verabschiedeten Treueeid zu unterschreiben. Kantorowicz lehnte es ab, zu schwören, daß er keinesfalls Kontakte zur Kommunistischen Partei unterhalte und daß er die amerikanische Regierung ohne Vorbehalte unterstütze. Im Gegensatz zu anderen Verweigerern, die sich oft als kommunistische Sympathisanten herausstellten, bezog Kantorowicz Stellung als bewährter Antikommunist. Nachdem er in Freikorps auf „die Roten“ geschossen hatte, war es seiner Ansicht nach die reinste Zumutung, ihm einen solchen Schwur abzufordern. Seine damalige Rettung war die Princeton University, die dem gefeuerten Kantorowicz eine Lehrstelle gewährte und ihn letztlich in das angesehene Institute for Advanced Studies aufrücken ließ. Da Princeton keine staatliche Hochschule war, war die Professorenschaft nicht verpflichtet, den Treueschwur zu unterschreiben. Auch ist zu vermerken, daß die Stimmung an den erstrangigen Universitäten schon damals links ausgerichtet war und die dortige Verwaltung auf einen Anlaß lauerte, dem Antikommunismus zu trotzen.
In Amt und Würden niedergelassen, brachte Kantorowicz 1957 sein berühmtes englischsprachiges Werk „The King’s Two Bodies: A Study in Medieval Political Theology“ heraus (dt. „Die zwei Körper des Königs“, München 1990). Mit seiner Bestrebung, eine sinnhafte Unterscheidung zwischen dem körperlichen Träger der königlichen Herrschaft und der über die physische Welt sich erhebenden mystischen Seite der Herrschaft zu treffen, fand Kantorowicz bei seiner neuerworbenen US-Leserschaft rauschenden Anklang. Seinen amerikanischen Bewunderern war nicht bewußt, in welchem Maße Kantorowicz seine Grundbegriffe aus zwischen den zwei Kriegen geschaffenen deutschen Quellen schöpfte. Genauer gesagt, bezog er sie aus einem rechtslastigen Milieu, ausgehend von Carl Schmitts Bemerkungen zur „Politischen Theologie“. Die Richtlinien wurden auch durch Kantorowiczs gesellschaftliche und gelehrte Verbin­dung mit dem zeitgenössischen Heidel­berger Mediävisten Percy Ernst Schramm (1894–1970) bestimmt. Wie Kantorowicz war Schramm Frontsoldat im Ersten Weltkrieg gewesen, der nachher be­schloß, sich der Mittelalterlichen Ge­schichte zuzuwenden.

Die zwei Veteranen waren zusätzlich Studenten des Forschers zum Heiligen Römischen Reich Karl Ham­pe und enge Freunde des Germanisten Friedrich Gun­dolf gewesen. Im Jahre 1922 hatte Schramm sein Meister­werk „Das Herrscherbild in der Kunst des frühen Mittel­alters“ veröffentlicht, worin Stichwörter und Hinweise auftraten, die auch in Kanto­rowiczs Band Erwähnung finden. Es besteht kein Grund, zu unterstellen, daß Schramms einstiger Kommi­litone seine Thesen bei die­sem abkupferte. Vielmehr gehörten beide Gelehrten der gleichen Denkwelt an, die von denselben genialen Geistern genährt worden war. Erschütternd für seinen Freund war Schramms Ent­scheidung, nach Hitlers Machtantritt der NSDAP beizutreten. Obzwar Schramm nie eine betont antise­mitische Einstellung bezeugte und mit Kantorowicz und anderen jüdischen Kol­legen jahrelang vertraut war, versuchte er, durch diesen Schritt seine Karriere zu festigen. Wegen dieser Wendung ging seine Freundschaft mit Kantorowicz un­widerruflich in die Brüche, und nach ei­nem zweiten Fronteinsatz und der deut­schen Niederlage stand Schramm ein weiterer Rückschlag bevor: Von den Be­satzungsmächten wurde er bis 1948 mit einem Lehrverbot belegt.

Im Gegensatz zu anderen assimilierten Deutschjuden, die in ihr Stammland zu­rückkehrten, blieb Kantorowicz nach dem Krieg in den USA, ohne sich zu be­mühen, an alte Beziehungen anzuknüp­fen. Wie andere Mitglieder des George-Kreises war er homosexuell veranlagt, und gerüchteweise hatte er sich in einer Liebschaft mit dem Meister ergangen. Kantorowicz pflegte, sich mit geckenhaf­ter Sorgfalt zu kleiden und mit jungen Damen zu kokettieren, aber schien fast abgeschieden zu leben. Und es blieb nicht im Dunkel, daß er sich in seinem früheren Leben als Deutschnationaler hervorgetan hatte. 1992 erschien das Buch eines jüdischen Mediävisten na­mens Norman F. Cantor, worin der Ver­fasser der siebenhundertseitigen Biogra­phie Friedrichs II. von Hohenstaufen ei­ner nationalsozialistischen Orientierung bezichtigt wurde. Es traf sich, daß Hitler den Stauferkaiser nicht weniger als der George-Kreis hochgeschätzt und die Bio­graphie himmelhoch gepriesen hatte. Cantor holte die Angaben über Kantoro­wiczs Mitgliedschaft im Freikorps und seine Freundschaft mit Schramm hervor, um sein Ziel als einen „jüdischen Nazi“ anzuprangern. Nachlegend prangerte Cantor an, daß Kantorowicz die Ostjuden verachtet und diskriminiert habe, ein Gebaren, das mit seinen deutschnationalen Vorurteilen zusammenpas­sen sollte.

Mit Ausnahme einiger neokonservativer Journali­sten eilten Schriftsteller und Akademiker zur Ehrenret­tung des toten Gelehrten. Überdeutlich war, daß un­würdige Gefühle den größ­tenteils unbegründeten An­griff motiviert hatten, und wie Robert E. Lerner in sei­ner Biographie (entgegen Cantors Schelte) aufzeigt, ließ sich Kantorowicz kei­nen Anlaß entgehen, die Ge­walttätigkeit des Dritten Reiches zu verurteilen. Unbestreitbar sei freilich, daß Kantorowicz eine deutsch­nationale Denkrichtung vertreten hat. Seine politische Einstellung läßt sich leicht auf seinen Hintergrund als Nach­komme einer wohlhabenden preußisch-jüdischen Familie aus Posen zurückfüh­ren. In dem ethnisch vielfältigen Milieu, in dem er aufwuchs, war seine Familie angehalten, sich für eine konkrete ethni­sche Identität zu entscheiden. Ernst und seine Vorfahren, die sich sowohl von den Polen wie auch von den Ostjuden distan­zieren wollten, betonten ihre Zugehörig­keit zum deutschen Volk.

Auch Karl Wolfskehl (1869–1948) verstand sich als deutschnationaler Jude. Er emigrierte schon 1933 zuerst nach Italien und dann weiter nach Neuseeland.

Das ewige Deutschland

Auf seine in Bräuningers Band abge­druckte Vorlesung zurückgreifend, lohnt es sich, auf Kantorowiczs Verwendung des Begriffs „geheimes Deutschland“ einzugehen. Die Mitgliedschaft in die­sem „heiligen Verein“ betrifft nicht nur Deutsche, sondern auch „die Gemein­schaft derer, die – obwohl fremd biswei­len erscheinend – dennoch allein das ech­te Antlitz der Deutschen erschuf. Er ist als Gemeinschaft ein Götterreich wie der Olymp, ist ein Geisterreich wie der mit­telalterliche Heiligen- und Engelsstaat, ist ein Menschenreich wie Dantes als ‚hu­mana civiltas‘ erschaute Jenseitswelt der drei Bezirke, es ist die in Stufen und Rän­ge geordnete Heroenwelt des heutigen, des künftigen und ewigen Deutschland. Von dem ‚geheimen Deutschland‘ – ge­bunden diesmal an den tatsächlichen deutschen Raum, obwohl weit über ihn hinausgreifend – gelte daher das Nämli­che wie von alten Mysterien, dieses hat sich nie zugetragen, hat sich niemals be­geben, aber es ist immerwährend und ewig.“

Mehrmals verweist Kantorowicz auf das Mysterium eines geheimen Reiches, „das niemals da war und doch ewig ist“. Es sei unverkennbar „deutsch“, aber „bis zum heutigen Tag unabhängig von dem jeweiligen Zustand, der jeweiligen Ver­fassung des Reichs“. Es wese im deut­schen Volk als „ein andres Deutschland“, „welchem jenseits des öffentlich sichtba­ren Reiches Wesen und Leben beschie­den war“. Es sei „Seelenreich“, aber ei­nes, wo „die gleichen deutschesten Kai­ser eigensten Ranges und eigenster Ar­tung herrschen und thronen, unter deren Zepter sich zwar noch niemals die ganze Nation aus innerster Inbrunst gebeugt hat, deren Herrentum aber dennoch im­merwährend und ewig ist und in tiefer Verborgenheit gegen das jeweilige Au­ßen lebt und dadurch für das ewige Deutschland“.

Wenn man seine Wortwahl und die ge­zielten Anspielungen auf Friedrich II. von Hohenstaufen erwägt, fällt ins Auge, was Kantorowicz damit bezweckt. Er setzt sich mit dem „jeweiligen Außen“ der deutschen Staatlichkeit aus dem Blickwinkel eines Getreuen des George-Kreises auseinander, der die eigene Denktradition vor Kontaminierung be­hüten will. Dem jeweiligen deutschen Zustand hält Kantorowicz einen „immer­währenden“ und „geheimen“ entgegen, welcher eine „Dreieinheit“ verkörpere, die da heißt „Schönheit, Adel, Größe“. Daraus erschließt sich, daß das Vorbild eines ewigen deutschen Wesens zur an­rüchigen Realität der politischen Gegen­wart in frappantem Widerspruch steht.

Ebenso in einen Gegensatz zu Hitler und seinen Adepten stellt Kantorowicz die mittelalterlichen Kaiser „eigensten Ranges und eigenster Artung“, die in der von Kantorowicz verherrlichten Ge­schichtsfigur Friedrich II. von Hohenst­aufen ihren Inbegriff erlangen. In den abschließenden Seiten der Biographie er­fährt man: Friedrich „lebt und lebt nicht“. „Mit Friedrich ist zum letzten Mal ein Kaiser versternt und vergottet wor­den, nicht als eine durch Bild und Altar stets gegenwärtige, wohl aber als die in Ewigkeit erwartete Kraft, als der Messi­as, der Herr des Endes, Herrscher im apollinischen Sonnenreich, das die Sibyl­len verhießen.“ Mit Bedacht zieht Kanto­rowicz den Kult des entrückten Zauber­führers aus dem 13. Jahrhundert heran, der die Künste und Gelehrsamkeit an seinem Hof in Sizilien förderte. Anders als Hitler ist es Friedrich, dem Enkel von Barbarossa, nie gelungen, die deutsche Nation seinem Szepter zu unterwerfen, und notgedrungen erweiterte er das sü­ditalienische und sizilianische König­tum, das ihm mütterlicherseits überkom­men war, zuungunsten des Papstes nach Norden. Für den George-Kreis wurde die Anbetung Friedrichs deckungsgleich mit einem „Seelenreich“, das nie zu ei­nem tyrannischen Machtanspruch entar­ten sollte.

Ironischerweise werden Kantorowiczs „Erkorene, welche dann bald die, bald je­ne abendländische Seinsart oder ur­menschliche Kraft in deutscher Gestal­tung verkörperten“ und „die eigentli­chen Träger, Kaiser und Adel ‚des gehei­men Deutschland‘“ wurden, zu „tieftra­gischen Figuren“ erhoben. Innenpoli­tisch haben sie wenig geleistet, auch wenn sie als kulturell sinnbildende Ge­stalten anzusehen waren. Der Vortragen­de legt es darauf an, dieses „Herrentum“ möglichst weit von dem weniger lobens­werten Dritten Reich zu unterscheiden, auch wenn sich Kantorowicz weiter zur historischen deutschen Nation bekannte. Leicht durchschaubar ist auch die Ab­sicht, zwischen George und seiner Grundlehre sowie dem Hitlerismus eine undurchdringliche Scheidewand aufzu­richten.

An die Deutschen

Euer Wandel war der meine.

Eins mit euch auf Hieb und Stich.

Unverbrüchlich was uns eine,

Eins das Grosse, eins das Kleine:

Ich war Deutsch und ich war Ich.

Deutscher Gau hat mich geboren,

Deutsches Brot mich speiste gar,

Deutschen Rheines Reben goren

Mir im Blut ein Tausendjahr.

Stürzebach und Stürme rauschten,

Um mich unsrer Wälder Grund,

Frauen schauten, Knaben lauschten

Auf mein Schreiten, meinen Mund.

Zu mir traten eure Besten,

Zu mir, den die Flamme heisst –

Ob im Osten, ob im Westen:

Wo ich bin ist Deutscher Geist.

Eure Kaiser sind auch meine.

Grosskarl, mild gestreng und fron,

Unter Seiner Sonnen Scheine

Zog der Ahn zum Frankenthron

Nach Magonz. Sein Spross, der klare

Ritter, Raw Kalonymos

Gab, auf dass er Treue wahre,

Treue kaiserlichem Aare,

Anderm Otto, da furchtbare

Not ihn bog, sein eigen Ross.

Und zum wahrsten Gibellinen

Friedrich, aller Kronen Kron,

Eilten, Guts und Bluts zu dienen,

Jude, Christ und Wüstensohn.

Eure Dichter sind auch meine.

Auf rief ich Held Hildebrand,

Mit dem Schwelg sass ich beim Weine,

Mit Herrn Walther auf dem Steine,

Fuhr mit dir durchs welsche Land,

Erzpoet, zu Reinalds Ruhme,

Flocht den vollsten Blütenstrauss,

Wählend, wägend Blum auf Blume

Mir und euch für unser Haus.

Eure Mär ist auch die meine.

Vom helldüstern Bruderpaar,

Blindem, der den Blanken töte,

Hoeder-Vult, von Speer und Flöte

Flüstert’ ich euch, mir in Reine

Rauschte Schwangotts Flügelschar.

Nun im Mantel, nun als Rüde

Lockte, grollte lärmumwogt

Zweimal Wer: ich sah, mich lüde

Ursturm, Einaug, Runenvogt!

Eure Sprache ist auch meine

Liebe Muttersprache, seit

Jener Ahn kam, sie ward seine,

Blieb den Kindern, fränkisch breit.

Einverleibt zur Gottesstunde

Sann ich, sang ich, sing ich heut,

Deut und höre frühste Kunde,

Hüte mit in heiliger Runde

Deine, meine Seele, Teut.

Denn dein Traum ist auch der meine.

Vom geheimen deutschen Fug,

Von der Braut im Zauberschreine,

Vom Kristallnetz, das die Feine

Selbst gewirkt und um sich schlug,

Bis, erwacht, sie’s über Weiten

Ausspannt in gewaltigem Zug,

Sterne fängt und Gang der Zeiten,

Weiss auch meines Traumes Flug.

Und dein Tag gar ist der meine.

Auch um meine Stirne wand

Stefan, Flammenhort vom Rheine,

Heil der Herzen, Er der Eine,

Unsres Stromes Silberband,

Duft des schönen, Schau des neuen

Lebens schenkend, der Gebühr,

Weihend mich, den Immertreuen,

Seiner Sende, seiner Kür,

Seiner Sende, auszustreuen

Junges Gotteslicht im Lied,

Seiner Kür, die goldnem Leuen

Dunkle Fittiche beschied.

Morgens Meister, Stern der Wende

Hat Ihn lang mein Sang genannt:

Sohn der Kür, Bote der Sende

Bleib ich, Flamme, Dir Trabant!

 

Der Abgesang

Dein Weg ist nicht mehr der meine,

Teut, dir schwant, erkoren seist

Du am Nordgrat, nicht am Rheine,

Lug sei, was dich Andern eine,

Lug das Lamm in Kreuzespeine,

Blut sei Same, Gift der Geist.

Borgst dir Zeichen, Zucht und Richter,

Löschest aus die eignen Lichter,

Fährst vom Weltenhaus

Deiner Kaiser, deiner Dichter

Brüllend, Teut, ins Dunkel aus:

Wüsstest du was drinnen kreist!

Nacht hat auch zu mir gesprochen,

Gottesnacht, schwer dröhnt das Wort:

Losgebrochen! Losgebrochen!

Alle meine Pulse pochen

Von dem Rufe: auf und fort!

Und ich folge, und ich weine

Weine, weil das Herz verwaist,

Weil ein Tausendjahr vereist.

Aber ob zum Morgenscheine

Hindrängt das gewaltige Wort,

Wo ich mich Altvätern eine,

Harrnd, dass Hagadol erscheine –

Ob der Ruf mich fernhin reisst:

Kür verheisst und Sende weist.

Weit aus heilig weissem Feuer

Reckt die Hand und heischt der Meister:

Überdaure! Bleib am Steuer!

Selige See lacht, Land ergleisst!

Wo du bist, du Immertreuer,

Wo du bist, du Freier, Freister,

Du der wahrt und wagt und preist –

Wo du bist, ist Deutscher Geist!

Gedichte von Karl Wolfskehl

 
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