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Am 30. Dezember 2019 jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag des großen deutschen Schriftstellers Theodor Fontane. Er, der als literarischer Spiegel Preußens gilt, ist einer der bedeutendsten Vertreter des Realismus. Diese Literaturströmung des 19. Jahrhunderts, die zwischen 1848 und 1890 angesiedelt wird, steht für eine epochenunabhängige Art der Darstellung. Sie ist nicht denkbar ohne Fontane, der sich zu Lebzeiten aber auch als Journalist und Verfasser von Reiseberichten einen Namen machte.
Von Dr. Mario Kandil
Es war am 30. Dezember 1819, als Henri Théodore (Theodor) Fontane in Neuruppin als Sohn des Apothekers Louis Henry Fontane und Emilie Fontane, geb. Labry, das Licht der Welt erblickte. Seine Eltern, die beide hugenottischer Herkunft waren, ließen ihn am 27. Januar 1820 auf den französischen Namen Henry Théodore taufen. Der künftige Literat hatte einen nicht eben unbedeutenden Großvater: Es war Pierre Barthélemy Fontane, Maler, Musiklehrer und später Kabinettssekretär der preußischen Königin Luise, zuletzt Kastellan des Barockschlosses Schönhausen.
Nachdem der Vater wegen seiner Spielschulden die in der Stadtmitte von Neuruppin gelegene Apotheke, das heute unter Denkmalschutz stehende Fontane-Haus, verkauft und nach Tilgung seiner Verbindlichkeiten eine kleinere Apotheke in Swinemünde erworben hatte, zog die Familie Fontane im Juni 1827 dorthin. Zu Ostern 1832 trat Theodor in die Quarta des Gymnasiums ein, das er aber bereits ein Jahr später verließ, um am 1. Oktober 1833 in die Gewerbeschule von Karl Friedrich von Klöden einzutreten. Schon 1834 zog er zu dem Halbbruder seines Vaters, August Fontane und begann 1836 seine Apothekerlehrzeit.Noch in demselben Jahr erhielt er seine Konfirmation in der Französisch-Reformierten Kirche. 1839 wurde Theodor Fontanes erste Novelle „Geschwisterliebe“ veröffentlicht, von der er sich später distanzierte. Er tat das vermutlich, weil die schriftstellerische Leistung in diesem Werk nicht überzeugt und seinem Niveau entspricht.
Im Jahr 1840 trat Fontane eine Stelle als Apothekergehilfe in Burg bei Magdeburg an und verfaßte die ersten Gedichte für den „Berliner Figaro“. 1841 an Typhus erkrankt, arbeitete er nach seiner Genesung in verschiedenen Apotheken, ab Sommer 1843 in der seines Vaters in Letschin. Sein Leipziger Aufenthalt brachte ihn mit Georg Herwegh, einem revolutionären Dichter des Vormärz, zusammen. 1843 in den literarischen Verein „Tunnel über der Spree“1 eingeführt, blieb Fontane diesem bis 1865 treu. Seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger leistete er ab dem Frühjahr 1844 ab und unternahm während dieser Zeit im Mai/Juni 1844 seine erste, 14tägige Reise nach England. Am 8. Dezember 1845 verlobte sich Theodor Fontane mit Emilie Rouanet-Kummer, seiner nachmaligen Ehefrau. Das Jahr 1847 sah Fontanes Approbation als Apotheker erster Klasse und – für ihn äußerst betrüblich – die Trennung seiner Eltern, allerdings ohne Scheidung. 1848 beteiligte er sich am 18. März in Berlin, wo er mittlerweile in der Apotheke „Zum Schwarzen Adler“ angestellt war, an den Barrikadenkämpfen. Zu dieser Zeit veröffentlichte er vier als radikal einzustufende Texte, u.a. das Fragment „Karl Stuart“, in der „Berliner Zeitungs-Halle“. Am 15. September 1848 fand Fontane im Krankenhaus Bethanien eine Anstellung. Doch auch dort hielt es ihn nur ein Jahr lang, dann entschloß er sich, den Beruf des Apothekers aufzugeben, um statt dessen als freier Schriftsteller zu leben. Zuerst verfaßte er als Korrespondent der radikaldemokratischen „Dresdner Zeitung“ bis zum April 1850 politische Texte, dann folgte auch schon sein erstes Buch: „Männer und Helden. Acht Preußenlieder“. Ebenfalls im Jahr 1850 ehelichte Theodor Fontane Emilie Rouanet-Kummer. Ihre anfängliche Zeit als Ehepaar war von Geldproblemen geprägt, weil Theodor zunächst keine Anstellung fand. Doch bereits 1852 unternahm er als Angestellter der „Königlichen Centralstelle für Preßangelegenheiten“ Reisen nach London, wo er von 1855 bis 1859 lebte. Dort hatte Fontane dafür Sorge zu tragen, daß in englischen wie in deutschen Zeitungen Presseberichte zugunsten der preußischen Außenpolitik erschienen. Dabei unterstand er Albrecht von Bernstorff, der als preußischer Botschafter in London fungierte. Zeugnisse von Fontanes Aufenthalt in Albion sind „Aus England“ (1860) und „Jenseits des Tweed“ (1860).
In Zusammenhang mit dem Thronwechsel in Preußen, wo am 2. Januar 1861 Wilhelm I. neuer König wurde, gab Fontane seine Tätigkeit als Korrespondent in London auf und kehrte heim. Jedoch fand er keine Anstellung in einer Redaktion und widmete sich jetzt der Reiseliteratur, die Mitte des 19. Jahrhunderts in ihrer Blüte stand. 1860 in die Redaktion der „Kreuzzeitung“ eingetreten, zu deren Gründungskomitee u.a. Otto von Bismarck gehört hatte, publizierte Fontane dort erste Artikel über seine Heimatstadt Neuruppin. Aus den mit Historie und Geschichten angereicherten Reiseberichten entstand 1861 mit „Grafschaft Ruppin“ ein kleines Buch, das bereits im Jahr darauf seine zweite Auflage mit dem Obertitel „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ sah. Das Wanderungswerk stellt die Basis für Theodor Fontanes späteres episches Schaffen dar. Von den sieben Kindern des Ehepaars Fontane starben drei Söhne schon kurz nach der Geburt, während der erstgeborene George mit 36 Jahren 1887 verschied. Es existierten daneben zwei weitere Söhne, Theodor und Friedrich, die bis 1933 bzw. 1941 lebten, sowie die einzige Tochter Martha († 1917). 1864 reiste Theodor Fontane nach Schleswig-Holstein und nach Dänemark, wo er über den Deutsch-Dänischen Krieg das 1866 erschienene Werk „Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864“ schrieb. 1866 unternahm der rührige Schriftsteller und Journalist auch Reisen auf die böhmischen und süddeutschen Kampfplätze des Deutschen Kriegs 1866, über den er 1870/71 das Werk „Der deutsche Krieg von 1866“ publizierte. Das Jahr 1867 brachte ihm mit dem Tod seines Vaters und das Jahr 1869 mit dem Ableben seiner Mutter privat tiefe Einschnitte in sein Leben.
1870 erfolgte durch den Bruch Fontanes mit der „Kreuzzeitung“ eine weitere Zäsur, in deren Folge er als Theaterkritiker für die „Vossische Zeitung“ tätig wurde. In demselben Jahr nahm er sich Urlaub, um im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 den Kampfplatz Paris aufzusuchen. Allerdings sah er sich, fälschlicherweise als preußischer Spion verdächtigt, am 5. Oktober 1870 in Domrémy von den Franzosen verhaftet. Bismarck intervenierte zu seinen Gunsten, und so kam Fontane wieder frei. Seine persönlichen Erlebnisse beschrieb er 1871 in dem Buch „Kriegsgefangen“, die Eindrücke von Kriegshandlungen in dem Werk „Der Krieg gegen Frankreich 1870–1871“ (1873–1876). Im Zeitraum 1874–1876 unternahm Fontane zusammen mit seiner Frau verschiedene Reisen nach Österreich, Italien und in die Schweiz, an deren Ende er entschied, nicht länger für eine Zeitung zu schreiben. Vielmehr wollte er nun erneut als freier Schriftsteller tätig sein. Erst jetzt begann seine große Zeit als Autor von Romanen.
Seit diesem Entschluß verfaßte Theodor Fontane eine Vielzahl von Texten, bevor er 1892 an einer gravierenden Ischämie des Gehirns erkrankte. Er folgte dem Rat seines Arztes, zur Ablenkung von der Krankheit seine Kindheitserinnerungen niederzuschreiben, und erholte sich ganz erstaunlich. Als Folge davon vermochte er folgende Werke zu vollenden: „Effi Briest“ (1896), „Die Poggenpuhls“ (ebenfalls 1896), „Der Stechlin“ (1897 Beginn des Vorabdrucks; Ausgabe als Buch nach Fontanes Tod 1898, mit Impressum 1899), die autobiographische Schrift „Von Zwanzig bis Dreißig“ (1898). Doch der Tod war auch bei Theodor Fontane ein lästiger Gast, der, einmal gekommen, so lange verweilt, bis er seinen Gastgeber mit sich genommen hat. Bei dem großen deutschen Schriftsteller geschah dies am 20. September 1898 zu Berlin. Als Angehöriger der bereits erwähnten Französisch-Reformierten Gemeinde wurde Theodor Fontane auf deren Friedhof II Berlin-Mitte beigesetzt. Seine 1902 verstorbene Frau Emilie wurde an seiner Seite beigesetzt.
Fontane hinterließ ein umfangreiches Werk und einen beträchtlichen Briefwechsel mit seiner Gattin sowie mit zahlreichen Freunden. Von diesen seien hier Bernhard von Lepel und Karl Zöllner mit Namen genannt. Aus diesen Korrespondenzen erfahren wir viel über Fontanes Denken, Handeln und Wirken. Bezeichnend für den sensiblen Dichter, Schriftsteller und Journalisten ist die bei ihm stets anzutreffende Formulierung, er fühle sich „vom Glück getragen“. Glück verstand er dabei jedoch nicht in materiellem Sinne, sondern so, daß eine höhere Macht die Geschicke der Menschen lenke – eine ihn mit Zuversicht erfüllende Vorstellung. Von seinem Werk sind aus dem österreichischen Blickwinkel die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ sicher nicht von vorrangigem Interesse, so daß nachfolgend nur das Nötigste dazu gesagt wird. Ebenso dürfte Fontanes Tätigkeit als Berichterstatter aus dem Deutschen Krieg von 1866 nur für den Historiker von größerer Bedeutung sein, weshalb dieses Werk hier nicht besprochen wird. Anders verhält es sich mit seinem Buch über den Deutsch-Dänischen Krieg von 1864, so daß von diesem im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes zumindest ein wenig die Rede ist. Deutlich intensiver fällt das Schlaglicht auf einige ausgewählte Erzählungen Theodor Fontanes, die im Hinblick auf die preußische Gesellschaft jener Tage überaus aussagekräftig sind.
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Das aus fünf Bänden bestehende Werk „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ist im Schaffen Fontanes das mit dem größten Umfang. Darin liefert er eine Beschreibung von Landschaften, Orten, Schlössern und Klöstern der Mark Brandenburg. Den Auftakt bildet Band 1 („Die Grafschaft Ruppin“, 1862), gefolgt von den Bänden 2 („Das Oderland“, 1863), 3 („Havelland“, 1873), 4 („Spreeland“, 1882) und 5 („Fünf Schlösser“, 1889). Als Manifestation eines bedeutend gewachsenen Bewußtseins von Preußentum und Romantik fungierten die von Fontane während seiner Arbeit an den „Wanderungen“ gewonnenen Eindrücke und geschichtlichen Erkenntnisse als Basis für seine späteren großen Erzählungen wie etwa „Effi Briest“ oder „Der Stechlin“. Die auch heute immer noch lebendige Faszination der „Wanderungen“, mit denen selbst die historische Forschung inzwischen ihren Frieden geschlossen hat, beruht auf einer gelungenen Mischung aus exakter Beschreibung, kulturgeschichtlichem Hintergrund und literarischer Ausdrucksstärke des Erzählers Theodor Fontane. Der Autor betrieb für seine Darstellungen intensive Forschungen zur Geschichte der Mark Brandenburg und erreichte in seiner historischen Darstellung mit Band 5 zweifellos den Höhepunkt.2 Fontane verfuhr dabei nach folgender Methode: „Wie häufig ich das Ränzel abtun und den Wanderstab aus der Hand legen mag, um die Geschichte von Ort und Person erst zu hören und dann weiter zu erzählen, immer bin ich unterwegs, immer in Bewegung und am liebsten ohne vorgeschriebene Marschroute, ganz nach Lust und Laune.“3 27 Jahre lang unternahm er diese Streifzüge durch die Berliner Umgebung.
An dieser Stelle soll keine Schilderung des Deutsch-Dänischen Kriegs von 1864 gegeben werden, da der Verfasser dieses Aufsatzes eine solche bereits in „Neue Ordnung“ I/2011 geliefert hat. Blicken wir hier lediglich auf die ersten Gefechte, denen Theodor Fontane in seinem Werk „Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864“ ebenso ein Denkmal gesetzt hat wie der Schlacht von Oeversee.
Fontane schrieb damals: „Der Zug des preußischen Corps, wie wir wissen, ging auf Missunde. Hier sollte, um die Worte des Angriffsplanes zu wiederholen: ‚die feindliche Stellung geöffnet werden, während das östreichische Corps die Hauptstärke des Feindes am Dannewerk festzuhalten suchte‘. Derselbe Tag (1. Februar), an dem das preußische Corps die Eider passierte, hatte, wie wir im vorigen Kapitel gesehn, auch zur Einnahme Eckernfördes geführt.“4 Zwar konnten die Dänen den Handstreich der Preußen – er hätte zur Einnahme des Dorfs Missunde, zum Übergang über die Schlei und somit zum Durchbruch durch die dänische Verteidigungslinie Danewerk führen sollen – am 2. Februar abwehren und für den ersten Moment das Feld behaupten. Drei Tage später räumten sie allerdings das Danewerk unter Einschluß von Missunde, weil sich die Verteidigungslinie doch nicht halten ließ. Fontane kommentierte das Geschehen wie folgt: „Wie ein elektrischer Schlag ging die Nachricht vom ‚Tag von Missunde‘ durch ganz Deutschland. Man hatte jetzt den Beweis in Händen, daß es Ernst sei. Die Schleswiger jubelten, die Holsteiner gaben den stillen Widerstand ihrer Herzen auf. Es kam die Zeit der Gerüchte, der fliegenden Blätter, der Kriegsanekdoten, gut und schlecht. Ein frischer Geist ging durch die Nation.“5
Die mit den Preußen verbündeten Österreicher stießen am 6. Februar zwischen den Dörfern Sankelmark und Oeversee auf die Dänen, die sich auf dem Rückzug befanden, um auf diese Art ihre Einkesselung zu vermeiden. Das nun folgende Gefecht wurde zwar von den Österreichern gewonnen,6 doch aufgrund des hinhaltenden Widerstands der dänischen Einheiten konnte deren Hauptarmee eine Absetzbewegung vollziehen. Deswegen wertete die dänische Seite das Gefecht von Oeversee als einen strategischen Erfolg. Österreich hält noch heute die Erinnerung an das das Gefecht wach: In Graz gibt es eine Oeverseegasse und in derselben auch ein Oeversee-Gymnasium, während sich in Wien im 15. Gemeindebezirk eine Oeverseestraße befindet.
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„Vor dem Sturm“ war Theodor Fontanes erster Roman und als Porträt der preußischen Gesellschaft aller Stände (Adel, Bürger, Bauern) zu der Zeit der Befreiungskriege (1812/13–1815) konzipiert. Im Zentrum der Handlung steht der adlige Student Lewin von Vitzewitz, dessen privates Schicksal in den Strudel der historischen Ereignisse gerät. Schauplätze des Romans sind die fiktiven Schlösser Hohen-Vietz und Guse sowie die Städte Frankfurt an der Oder und Berlin.7
Im Winter 1812/13 wartet im Oderbruch in Dorf und Schloß Hohen-Vietz alles auf das Signal des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. zur Erhebung gegen die fremden französischen Besatzer. In seiner Ungeduld gründet Familienvorstand Berndt von Vitzewitz bereits vorab eine Landsturmtruppe und ignoriert so die Bedenken seiner kunstliebenden Kinder Lewin und Renate. Berndt gewinnt die Adeligen auf den benachbarten Gütern für seinen Plan, und auch sie beginnen, Landsturmkompanien zu rekrutieren. Geplant sind Überfälle auf die von Napoleons I. gescheitertem Rußlandfeldzug 1812 zurückkehrenden Überreste der französischen „Grande Armée“. Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester 1812 verbringt die Familie von Vitzewitz im Freundeskreis, wobei die Aussicht auf ein vom Krieg bewegtes Jahr 1813 die Gespräche dominiert. Hoffnung und Angst halten sich die Waage.8
Während die patriotische Begeisterung weite Kreise des preußischen Volkes erfaßt, kehrt der Student Lewin von Vitzewitz nach einer unerwiderten Liebe zu seiner polnischen Cousine Kathinka von Ladalinski auf Schloß Hohen-Vietz zurück. Hier hat inzwischen der Landsturm sein Hauptquartier aufgeschlagen, und Lewin läßt sich von der Truppe rekrutieren. Bei einer Aktion dieses Landsturms, die wegen fehlender Unterstützung durch die regulären russischen Truppen scheitert, gerät Lewin in französische Gefangenschaft. Bei seiner Befreiung fällt Tubal von Ladalinski, der Bruder Kathinkas, dessen Ehe mit Renate von Vitzewitz geplant war. Während Renate unverheiratet bleiben wird, kommt es zur Heirat Lewins mit Marie Kniehase, einem verwaisten Schauspielerkind, das zusammen mit den Kindern der Familie von Vitzewitz aufgewachsen ist.9 Die Befreiungskriege als Gegenstand des Romans veranlassen Fontane zu den ausgiebigsten militärischen Schilderungen in all seinen Romanen, wobei er an seine Kriegsbücher anknüpft und sich in seiner Schilderung der Mark auf jene Kenntnisse stützt, die er für seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ erworben hat. In seiner Darstellung der Dichtergesellschaft „Kastalia“ finden die Erfahrungen Niederschlag, die Fontane im literarischen Verein „Tunnel über der Spree“ gemacht hat. Der historisch interessierte Balladendichter Detleff Hansen-Grell ist stark nach dem Bild des jungen Fontane gestaltet und trägt auch zwei von dessen Balladen vor.10
Diese Erzählung spielt im Berlin des Jahres 1806, kurz vor Ausbruch des Vierten Koalitionskriegs (1806/07), als noch niemand die im Herbst eintretende katastrophale Niederlage Preußens gegen den Franzosenkaiser Napoleon I. erahnen konnte. Der Rittmeister Schach von Wuthenow (sein Vorname wird nie genannt) verkehrt seit längerer Zeit im Haus der Witwe Carayon und ihrer Tochter Victoire. Bei einer Landpartie verliebt sich die einst gefeierte Schönheit Victoire in Schach, glaubt aber, da sie durch Blatternnarben entstellt ist, bei dem attraktiven Offizier keine Chancen zu haben.11
In einem Moment romantischer Gefühlsverwirrung verführt dieser Victoire. Ihre Mutter drängt lange Zeit vergeblich auf eine die Reputation ihrer Tochter wiederherstellende Heirat und wird deshalb sogar beim Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. vorstellig. Dieser erinnert Schach an seine Pflicht, der als königstreuer Offizier gehorcht und in die Hochzeit einwilligt. Das Hochzeitsfest verläuft scheinbar fröhlich und unbeschwert, doch nach seinem Abschied von Victoire erschießt sich Schach in seiner Kutsche, da er den Spott seiner Regimentskameraden nicht ertragen zu können glaubt.12
Wie es später in „Effi Briest“ der Fall ist, spielt auch hier die Ehre eine derart wichtige Rolle, daß die Hauptperson ohne diese nicht weiterleben zu können vermeint und den Freitod wählt. Es ist Fontanes besondere Leistung, Schach nicht als einen oberflächlichen Schönling oder einen in einem verzerrten Ehrbegriff erstarrten Offizier darzustellen, sondern vielmehr als einen geistig regen und tiefsinnigen Menschen, der als psychologischer Typus den Anfang des 19. Jahrhunderts in Preußen charakterisiert. Schach geht an dem Widerspruch, sowohl preußischer Offizier und Landedelmann als auch Ritter und Bewunderer echter Schönheit zu sein, letztlich zugrunde, wobei Fontane die „Schuld“ daran der Epoche, nicht aber dem Individuum zuschreibt. Wie die Mehrzahl der Romane und Erzählungen Theodor Fontanes basiert auch „Schach von Wuthenow“ auf einer wahren Begebenheit, die vom Autor allerdings stark verändert und völlig seinen künstlerischen Intentionen untergeordnet wird. Fontane hörte vermutlich im Jahr 1862 zum ersten Mal von der Geschichte des Majors Otto Friedrich Ludwig von Schack, der sich 1815 zur Behebung seiner Finanznöte zu der Heirat mit Victoire von Crayen entschloß. Major von Schack war ein leichtsinniger Lebemann und bekannter Frauenheld, Victoire von Crayen hingegen ein gebildetes und sensibles, aber leider nicht sehr schönes Mädchen. Noch bevor es zu beider Verlobung kam, brachte sich Major von Schack um, da er den Spott seiner Kameraden fürchtete.13
Die junge Lene Nimptsch, ein Mädchen aus der Arbeiterschicht, unternimmt mit einer Freundin und deren halbwüchsigem Bruder eine Kahnfahrt auf dem Stralauer See. Die mangelnden Ruderkünste des Jungen verursachen beinahe einen Zusammenstoß mit einem Linienschiff, doch zwei Herren, die mit ihrem Boot in der Nähe sind, retten die drei in letzter Minute. Einer dieser Herren ist der junge Baron Botho von Rienäcker, der Lene seitdem regelmäßige Besuche abstattet. Lene wohnt gemeinsam mit ihrer alten Mutter in einem kleinen Häuschen auf dem Gelände einer Gärtnerei, die dem Ehepaar Dörr gehört. Sie ist sich der gesellschaftlichen Unmöglichkeit dieser Beziehung bewußt, auch wenn Botho diesem Thema ausweicht.15
Bothos Onkel Kurt Anton von Osten bestellt ihn zu einer Unterredung, die trotz ihres freundschaftlichen Charakters die Macht der Verhältnisse deutlich werden läßt. Botho ist nämlich seiner reichen Kusine Käthe von Sellenthin so gut wie versprochen, und abgesehen von dem Affront, den ein Bruch dieses Heiratsversprechens bedeuten würde, läßt seine finanzielle Lage dies auch gar nicht zu: Botho würde nämlich schlicht verarmen, wenn er die reiche Käthe nicht heiratete.16 Botho versucht, der ehernen Notwendigkeit auszuweichen, und erzählt Lene nichts von seinen Problemen. Gemeinsam mit der Gärtnersfrau Dörr unternehmen beide einen Spaziergang und einige Tage später zu zweit einen Ausflug zu einem Gasthaus außerhalb der Stadt. Dort verbringen sie ihre einzige gemeinsame Nacht. Am nächsten Tag begegnen sie drei Kameraden Bothos, die mit ihren Mätressen eine Landpartie unternehmen. Die Zweisamkeit ist empfindlich gestört, und sie treten betrübt die Heimfahrt an. Tags darauf erhält Botho einen Brief seiner Mutter, der ihm die Unaufschiebbarkeit der Heirat mit seiner Kusine vor Augen führt, und am nächsten Tag nimmt Botho von Lene Abschied.17
Einige Wochen später heiratet Botho Käthe von Sellenthin. Die Ehe verläuft zwar äußerlich harmonisch, doch Botho kann sich mit der Albernheit seiner jungen Frau nicht abfinden. Als Lene ihn zufällig auf der Straße sieht, entschließt sie sich, mit ihrer alten Mutter in ein anderes Stadtviertel zu ziehen. Dreieinhalb Jahre später verstirbt ihre Mutter. Botho erhält Besuch von einem Herrn namens Gideon Franke, der beabsichtigt, Lene zu heiraten, und sich daher nach der Art ihres Verhältnisses mit Botho erkundigen will. Botho gibt ihm bereitwillig Auskunft, und Gideon Franke zieht beruhigt ab. Botho, der erst jetzt erfahren hat, daß die alte Frau Nimptsch gestorben ist, fährt zum Friedhof und legt einen Kranz auf ihr Grab. Als Käthe wenig später von ihrer Kur zurückkommt, findet sie eines Tages in der Zeitung die Heiratsanzeige von Lene Nimptsch und Gideon Franke. Wie es ihre Art ist, amüsiert sie sich über die seltsam klingenden Namen, ohne jedoch Bothos innere Bewegtheit zu bemerken.18
Auf das Erscheinen des Romans reagierte ein Teil der Leserschaft empört, denn dem prüden Bürgertum der Gründerzeit ging Fontanes Darstellung außerehelicher Lebensverhältnisse allzuweit. In unseren Tagen fällt es hingegen relativ schwer, in diesem Text im Hinblick auf Sitten und Sexualität noch etwas Anstößiges zu erblicken. Unverständnis dürfte beim heutigen Leser höchstens die wahrhaft fatalistische Ergebenheit hervorrufen, mit der die beiden Hauptfiguren Botho und Lene auf ihr eigenes Glück verzichten und sich dem Diktat der Gesellschaft und der finanziellen Verhältnisse beugen. Die offizielle Verbindung einer jungen Frau aus der unteren Gesellschaftsschicht mit einem Adligen gilt als nicht akzeptabel, und Botho und Lene halten durch ihre Trennung und ihre späteren, jeweils ihrem Stand entsprechenden Heiraten diese klare Abgrenzung der Schichten aufrecht. Selbst Lene, die als die Verkörperung der freien Herzensbestimmung auftritt, handelt so und unterwirft sich damit ebenso wie Botho den gesellschaftlichen Zwängen, die das Selbst-Sein des Menschen einschränken. Für Fontane schien eine Versöhnung von Gesellschaftsmoral und freier Herzensbestimmung in seiner Zeit offenbar nicht möglich zu sein. Denn ist der Konflikt zwischen beiden Polen erst einmal aufgebrochen, kann wahres Glück so oder so nicht mehr erreicht werden.19
Die von Fontane mit „Irrungen, Wirrungen“ verfolgten Intentionen gehen weit darüber hinaus, den Beziehungen zwischen jungen Adligen oder Großbürgern und Mädchen aus kleinen Verhältnissen mehr Akzeptanz in der Gesellschaft zu verschaffen. Er zeigt in diesem Werk die ganze Fragwürdigkeit der Sitten auf, legt ihre historische Bedingtheit bloß und beraubt sie so ihres göttlichen, sakralen oder totalen Anspruchs. Die Mächte der Ordnung sind zwar anzuerkennen, doch kann man sich aufgrund der höheren Instanz des eigenen Gewissens in einer besonderen Situation über sie hinwegsetzen. Das Fazit Theodor Fontanes lautet wie folgt: „Das Gesellschaftliche als Ordnung, Sitte oder Moral gilt und muß gelten, wenn ein menschenwürdiges Zusammenleben sein soll; aber Natürlichkeit, Wahrheit und Menschlichkeit sollen gleicherweise sein.“20
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Die Geschichte von „Irrungen, Wirrungen“ entbehrt einer echten Tragik. Zwar mit schwerem Herzen, aber letztlich doch verbleiben Botho und Lene in ihrem jeweiligen Stand, und alles löst sich mehr oder weniger in Wohlgefallen auf. Das meiste, was wir in diesem Werk geschildert finden, lesen wir auch in „Stine“, doch diese Geschichte geht tragisch aus.
Die junge Ernestine Rehbein, genannt Stine, lebt in einfachen kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sie wohnt in Berlin zwei Etagen über ihrer verwitweten Schwester Pauline, die zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern hat. Bei einem abendlichen Diner, mit dem Pauline in kleiner Gesellschaft den Pflichten ihrer Liaison mit dem alten Graf Haldern nachkommt, macht Stine die Bekanntschaft des kränklichen jungen Graf Waldemar Haldern. Dieser verliebt sich in sie und fängt an, um sie zu werben, indem er sie zu besuchen beginnt. Weil diese Verbindung ihrer Schwester Pauline suspekt wird, rät sie Stine zur Besonnenheit, um nicht ins Gerede zu kommen, ein außereheliches Verhältnis zu unterhalten. Indes berät sich Waldemar mit seinem Onkel über seinen Plan, Stine zu heiraten. Dieser rät ihm davon ab, da es die Ächtung seiner Familie nach sich ziehen würde. Der junge Graf von Haldern ist fast schon bereit, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Als jedoch auch Stine ihm ihre Zusage zur Heirat verwehrt, begeht er kurz darauf Selbstmord. Stine reist zu seiner Beerdigung und kehrt danach – seelisch mitgenommen – zu ihrer Schwester zurück. Wie in der Novelle angedeutet, wird auch sie diese Schicksalswendung kaum überleben.21
In diesem Werk greift Fontane Motive auf, die er bereits in „Irrungen, Wirrungen“ verwendet hat. Er zeigt die innerlich brüchige Welt des Adels auf – vermittelt durch Sprache und Handlung –, die die Aristokratie nach außen hin propagiert, aber in Wahrheit nicht lebt. Doch er setzt mit dem Aufzeigen der brüchigen Normen, aber auch der tödlichen Enge des adligen Lebens nicht nur einfach seine bisherige Arbeit als Schriftsteller fort, sondern bringt seine Kritik diesmal deutlicher und unverhüllter an. In „Stine“ verwendet Fontane dementsprechend viele realistische Elemente, ohne diesen Weg konsequent zu verfolgen. Denn es finden sich romantisierende Momente wieder, die bis dahin in seinen Berliner Stadtgeschichten in dieser offensichtlichen Verwendung nicht vorgekommen sind. Letzten Endes kann dieses Werk als eine Mischung aus Realistischem und Romantischem bezeichnet werden.
Insgesamt ist der Blick in die Zukunft sehr düster: Denn wer weder die Kraft aufbringt, mit der Gesellschaft und ihren Konventionen zu brechen, noch jene, vor alldem zu kapitulieren, dem bleibt – wie dem jungen Graf Haldern – nur noch der Selbstmord übrig. Auch in „Stine“ sieht es danach aus, daß die Moral der Gesellschaft und die freie Bestimmung des Herzens nicht miteinander in Einklang zu bringen sind.22
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Auch unter dem Titel „Wo sich Herz zum Herzen find’t“ bekannt, setzt sich dieses nWerk, das schnell die Gunst von Publikum und Kritikern gewann, mit den Gegensätzen der damaligen Zeit auseinander: gesellschaftliches Ansehen und Besitz versus Bildung und echte Gefühle. Anhand der beiden Berliner Familien Treibel und Schmidt bildet Fontane in lockerem Erzählstil und teilweise komödiantischen Dialogen deren unterschiedliche Stellung in der Gesellschaft und die hieraus resultierenden Probleme ab. Das alles geschieht nach dem Muster einer Komödie.
Corinna, die Tochter des Gymnasialprofessors Wilibald Schmidt, versucht, Leopold, den Sohn des Kommerzienrats Treibel und dessen Frau Jenny, für sich zu gewinnen, ohne ihn ehrlich zu lieben, nur weil sie selber ein Leben im Luxus erstrebt. Jenny Treibel, die in ihrer Jugend in Corinnas Vater Wilibald verliebt war, aber wohl aus Berechnung den aufstrebenden Kaufmann Treibel geheiratet hat, verhindert das, und Corinna fügt sich ohne große Konflikte, um ihren Vetter Dr. Marcell Wedderkopp zu heiraten, der als Gymnasialoberlehrer immerhin eine Professur als Archäologe in Aussicht hat. Die Hochzeit der beiden sieht die zwischenzeitlich miteinander zerstrittenen Familien Schmidt und Treibel wieder versöhnt, da außer Leopold alle Treibels der Einladung zum Hochzeitsfest folgen.
Dieser Roman kritisiert die prätentiöse Sentimentalität des aufsteigenden Bürgertums, hinter der sich bloß die blanke Besitzgier verbirgt. Frau Jenny Treibel singt gerne ein Lied, das ihr früherer Verehrer Wilibald für sie geschrieben hat. In diesem Lied heißt es, daß nur die Liebe zähle, sich „Herz zu Herzen findet“, doch Jenny Treibel selbst lebt (uneingestanden) nach ganz anderen Maximen: nach materiellen nämlich! Fontane kritisiert das Bürgertum seiner Tage in diesem Roman sehr hart, und doch entbehrt die Geschichte jeder Tragik. Sie verharrt auf der humoristischen Ebene, und letzten Endes löst sich alles in Wohlgefallen auf, wonach quasi jeder Schuster bei seinem Leisten bleibt. Theodor Fontane gelingt es, nicht nur den Konflikt zwischen materieller und persönlicher Zufriedenheit darzustellen, denn am Ende erkennt die Protagonistin mit ihrer Entscheidung gegen Leopold und für Marcell an, daß bei der Wahl des geeigneten Partners die gleiche Herkunft nicht bloß eine Rolle spielt, sondern daß in dieser Verbindung eine echte Notwendigkeit liegt.
Dieser von Oktober 1894 bis März 1895 in sechs Folgen in der „Deutschen Rundschau“ und 1896 als Buch erschienene Roman wird auch in unseren Tagen noch oft an Gymnasien im Deutschunterricht behandelt. Gemäß der immer linkslastigeren Ausrichtung des Unterrichts wird dabei jedoch der Schwerpunkt primär auf die im Bismarckreich vielfach vorherrschende Unfreiheit der Frau gelegt, wohingegen das Werk ganz gewiß noch andere Inhalte zu bieten hat. Auch Männer sind nämlich zu dieser Zeit der Unfreiheit unterworfen, wenngleich in anderem Sinne als Frauen. Beide müssen sich dem Gesetz der Sitte beugen, doch dieses äußerlich anerkannte Gesetz bleibt innerlich unerfüllt und offenbart sich hierdurch als entfremdete und verdinglichte Form.24
Mit gerade einmal 17 Jahren heiratet die noch recht kindliche Effi Briest den mehr als 20 Jahre älteren Jugendfreund ihrer Mutter. Dieser, der Baron von Innstetten, Landrat in Kessin in Hinterpommern, ist zwar ein „Mann von Charakter […] und guten Sitten“, doch als Liebhaber nicht eben der Traum eines jungen Mädchens. Die „Huldigung, Anregungen, kleine Aufmerksamkeiten“, die Effi ersehnt, bringt ihr der Bezirkskommandant Major Crampas entgegen, durch den in Kessin das gesellschaftliche Leben zumindest ein wenig lebendiger wird. Effi meint vorübergehend, daß Crampas ihren jugendlichen Lebenshunger befriedigen könne. Doch das heimliche Liebesverhältnis der beiden wird durch Innstettens Versetzung nach Berlin beendet, und insgeheim ist Effi darüber erleichtert. Als Innstetten Jahre später per Zufall durch alte Briefe von dem Verhältnis Effis mit Crampas erfährt, fordert er „ohne jedes Gefühl von Haß oder gar von Durst nach Rache“ seinen ehemaligen Nebenbuhler zu einem Duell. Damit befolgt Innstetten in seiner Pedanterie ein altes aristokratisches Ehrengebot, das im 1871 gegründeten Deutschen Reich in Form des Duellwesens derartig überhand nahm, daß 1886 sogar im Reichstag darüber hitzig debattiert wurde.25 Crampas kommt in dem Duell mit Innstetten um. Dessen persönliche Ehre ist dadurch zwar wiederhergestellt, doch seine Gattin Effi wird von ihm geschieden, von der bigotten Gesellschaft geächtet und sogar von ihrer Mutter verstoßen.
Effi sucht sich in Berlin eine kleine Wohnung und lebt dort drei Jahre sehr zurückgezogen. Als sie eines Tages ihre Tochter Annie in der Straßenbahn sieht, wird in ihr der Wunsch wach, sich mit ihr zu treffen. Doch das Wiedersehen führt zum Zusammenbruch Effis, denn Innstetten hat Annie darauf abgerichtet, ihrer Mutter mit großer Distanz zu begegnen. Als sich der gesundheitliche Zustand Effis weiter verschlechtert, erreicht der Arzt, daß die Eltern sie wieder bei sich aufnehmen. Effi verbringt ihre letzten Wochen damit, einsam durch die Natur zu streifen, doch ihre Gesundheit ist zerrüttet. Sie stirbt, nachdem sie Innstetten verziehen und so anscheinend ihren Frieden gefunden hat. Auch dieser Erzählung Fontanes liegt eine wahre Begebenheit zugrunde: die Geschichte von Armand Léon Baron von Ardenne und seiner Frau Elisabeth (Else), geborene Freiin von Plotho. Diese heiratete ihren Mann offenbar auf Intervention ihrer Mutter, obgleich sie ihn zuvor noch abgewiesen hatte. Im Sommer 1881 übersiedelten die Eheleute nach Düsseldorf, wo Ardenne als Rittmeister bei den Husaren diente. Das gebildete und weltoffene Paar versammelte einen großen Freundeskreis um sich, zu dem auch Amtsrichter Hartwich zählte. Zwischen diesem und Else entwickelte sich ein intimes Liebesverhältnis; beide hatten vor, sich von ihren Ehepartnern zu trennen und zu heiraten. Armand von Ardenne, der mittlerweile von der Affäre erfahren hatte, verschaffte sich die Korrespondenz der beiden, reichte eine Scheidungsklage ein und forderte seinen früheren Freund zum Duell, bei dem am 27. November 1886 Hartwich tödlich verwundet wurde. Die Ehe von Armand und Else wurde am 15. März 1887 rechtskräftig geschieden. Ardenne wurde wegen des Duells zu Festungshaft verurteilt, bald darauf aber begnadigt, und konnte seine militärische Laufbahn fortsetzen. Else allerdings durfte die gemeinsamen Kinder nicht mehr sehen und widmete sich für den Rest ihres Lebens humanitären Aufgaben. Dieser Roman Fontanes ist weit davon entfernt, eine vereinfachte Deutung zuzulassen. Schon die Tatsache, daß Effis Vater gegen den Willen der Mutter die kranke Tochter nach Hause holt, stellt den Sinn der starren Verhaltensmuster in Frage. Und besonders die Entwicklung Innstettens entlarvt den Ehrbegriff und die an ihn geknüpften Konsequenzen als unmenschlich. „Rache ist nichts Schönes, aber was Menschliches und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte, halbe Komödie.“ Diese Komödie mit tödlichem Ausgang verschafft ihm aber keine Genugtuung ?im Gegenteil, sein bitteres Fazit lautet: „Mein Leben ist verpfuscht.“ Man kann dazu auch ein geflügeltes Wort aus demselben Roman zitieren, das Effis Vater am Ende ausspricht: „[…] das ist ein zu weites Feld.“26
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Das Alterswerk Theodor Fontanes ist der im Zeitraum 1895–1897 entstandene Roman „Der Stechlin“. Erstmals 1897/98 in der Zeitschrift „Über Land und Meer“ publiziert, erschien er in Buchform 1898 (im Impressum vordatiert auf 1899). Das Werk, in dem Fontane die altpreußische Sicht am stärksten schildert, ist der letzte Roman des großen Schriftstellers aus Neuruppin.
In diesem Werk tritt die Handlung ganz hinter charakterisierende Plaudereien zurück. Fontane selbst schrieb dazu: „Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht“27. Und weiter führte er aus: „Von Verwicklungen und Lösungen, von Herzenskonflikten oder Konflikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen findet sich nichts. – Einerseits auf einem altmodischen märkischen Gut [Stechlin], andrerseits in einem neumodischen gräflichen Hause (Berlin) treffen sich verschiedene Personen und sprechen da Gott und die Welt durch. Alles Plauderei, Dialog, in dem sich die Charaktere geben, mit und in ihnen die Geschichte.“28
Der betagte Major Dubslav von Stechlin erhält auf seinem Schloß Besuch von seinem Sohn Woldemar und dessen Kameraden Rex und Czako. Als Dubslav seinen Sohn nach dessen Plänen für eine Heirat befragt, antwortet Woldemar ausweichend und sagt, daß er noch keinen Namen nennen dürfe. Nach einem Besuch beim Dorfschullehrer Krippenstapel und nach einem Frühstück im Schloß Stechlin reisen Woldemar, Rex und Czako wieder ab. Woldemar stattet der schwangeren Frau des Oberförsters Katzler, einer geborenen Prinzessin von Ippe-Büchsenstein, noch einen Besuch ab und holt die Freunde später wieder ein. Sie besuchen Woldemars Tante Adelheid, die Schwester des alten Stechlin, die im Kloster Wutz lebt. Nach dem Essen reiten Rex und Czako ab, während Woldemar noch bleibt und mit der Tante ein Gespräch führt.29 Wieder in Berlin, stattet Woldemar den Barbys, in deren Haus er seit längerem verkehrt, einen Besuch ab. Beide Töchter, die jüngere Armgard und die ältere, bereits geschiedene Melusine, scheinen ihn zu interessieren. Zusammen mit dem befreundeten Ehepaar Berchtesgaden unternehmen sie eine Landpartie zu der Gaststätte „Eierhäuschen“. Tags darauf erhält Woldemar von seiner Tante Adelheid einen Brief, in dem sie ihn ermahnt, sich besser mit einer märkischen Aristokratin zu vermählen.30
Der alte Stechlin hat sich in der Zwischenzeit zum Reichstagskandidaten für den Wahlkreis Rheinsberg-Wutz aufstellen lassen. Woldemar ist besorgt, weil er überzeugt ist, daß sein Vater keine gute Figur in einem politischen Amt abgeben würde. In der Tat verliert der Stechlin die Wahl, und der Kandidat der SPD siegt. Woldemar wird in seiner Eigenschaft als Offizier dienstlich nach Ostpreußen geschickt und muß unmittelbar darauf eine Reise nach England antreten. Nur wenige Tage nach seiner Rückkehr Ende November verloben sich Woldemar und Armgard. Am zweiten Weihnachtsfeiertag besuchen Woldemar und Armgard gemeinsam mit Melusine den alten Stechlin.31 Ende Februar findet in der Berliner Garnisonskirche die Trauung statt, und bereits nach dem Hochzeitsmahl im Haus der Barbys bricht das junge Paar zu einer Italienreise auf. Nach der Rückkehr auf sein Schloß erkrankt der alte Stechlin. Sein Arzt verschreibt ihm ein Medikament, doch als der Arzt selbst auf Kur geht und Dubslav mit dessen Stellvertreter nicht zurechtkommt, nimmt er lieber die Kräutermedizin der alten Buschen ein, die in dieser Gegend als Hexe gilt. Als seine Schwester Adelheid zu Besuch kommt, greift der alte Stechlin zu einer List und nimmt Agnes, das Pflegekind der Buschen, ins Haus, um sich von ihr pflegen zu lassen. Adelheid ist empört über das uneheliche Kind und reist ab. Wenige Tage danach stirbt der alte Stechlin. Die Beerdigung findet ohne Woldemar und Armgard statt, die sich noch auf ihrer Hochzeitsreise in Italien befinden. Bald nach ihrer Rückkehr nimmt Woldemar seinen Abschied vom Militärdienst und zieht mit Armgard auf Schloß Stechlin.32 Der offene oder verdeckte Mittelpunkt vieler Gespräche ist die Ablösung des Alten durch das Neue, genauer formuliert: die Reaktion des Adels auf den Aufstieg der Sozialdemokratie, speziell auf die Frage, wie sich Woldemar dazu stellen wird. Während sein Vater, der alte Dubslav, konservativ denkt, ist Woldemars Lehrer, der Pfarrer Lorenzen, fortschrittlich gesonnen. Mit ihm verbündet sich Woldemars kluge, weltoffene Schwägerin Melusine. Diese erklärt im liberalen Stil, der mit Ausnahme von Tante Adelheid allen Personen des Stücks gemeinsam ist: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“ Und so drückt sich auch in dem Werk „Der Stechlin“ das aus, was Theodor Fontane selbst über seine Arbeit erklärt hat: „Meine ganze Produktion ist Psychographie und Kritik.“33 Letztere scheint jedoch durch den vorurteilsfreien, duldsamen Erzähler fast gänzlich zurückgenommen zu sein und tritt nicht in den Vordergrund.
1 Der „Tunnel über der Spree“ war ein 1827 gegründeter literarischer Sonntagsverein, der aus jungen Autoren, Studenten, Ärzten, Kaufleuten und Offizieren bestand. Zu den namhaftesten Mitgliedern des Vereins gehörten u.a. der Schriftsteller Theodor Storm und der Maler Adolph von Menzel.
2 Vgl. dazu neben vielen anderen Texten den Wikipedia-Artikel „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, URL: de.wikipedia.org/wiki/Wanderungen_durch_die_Mark_Brandenburg
3 Zit. n. Enno Stahl: „‚Wanderungen durch die Mark Brandenburg‘. Impressionen eines hauptstadtnahen ‚Landes‘“, deutschlandfunk.de vom 8. Mai 2014.
4 Theodor Fontane: Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864, Berlin 1866, S. 58.
5 Ebenda, S. 64.
6 Ebenda, S. 90 f.
7 Was liest du?, Vor dem Sturm von Theodor Fontane, URL: wasliestdu.de/theodor-fontane/vor-dem-sturm-0
8 Ebenda.
9 Ebenda.
10 Wikipedia-Artikel „Vor dem Sturm“, URL: de.wikipedia.org/wiki/Vor_dem_Sturm_(Roman)
11 Kurzinhalt, Zusammenfassung „Schach von Wuthenow“ von Theodor Fontane, URL: www.xlibris.de/Autoren/Fontane/Kurzinhalt/Schach%20von%20Wuthenow
12 Ebenda.
13 Ebenda.
14 Zunächst 1887 in der „Vossischen Zeitung“ als Vorabdruck erschienen, kam das Werk 1888 als Buch heraus.
15 Kurzinhalt, Zusammenfassung „Irrungen, Wirrungen“ von Theodor Fontane, URL: www.xlibris.de/Autoren/Fontane/Kurzinhalt/Irrungen%20Wirrungen
16 Ebenda.
17 Ebenda.
18 Ebenda.
19 Wolfgang Dvorak-Stocker: Erzählte Gesellschaft. Der Gesellschaftsroman bei Fontane: Irrungen, Wirrungen, Proseminararbeit, Wien o. J., S. 18 f.
20 Zit. n. ebenda, S. 21.
21 Wikipedia-Artikel „Stine (Fontane)“, URL: de.wikipedia.org/wiki/Stine_(Fontane)
22 Vgl. dazu Dvorak-Stocker (wie Anm. 20), S. 19.
23 Von Januar bis April 1892 in der „Deutschen Rundschau“ vorabgedruckt, wurde das Buch Ende 1892 mit der Jahreszahl 1893 ausgeliefert.
24 Kurt Rothmann: Kleine Geschichte der deutschen Literatur, Stuttgart 1984, S. 198.
25 Vgl. zu diesem Aspekt Dietrich Steinbach (Hg.): Theodor Fontane: „Effi Briest“. Mit Materialien. Ausgewählt und eingeleitet von Hanns-Peter Reisner und Rainer Siegle, Stuttgart 1984, S. 329–332.
26 Ebenda, S. 301.
27 Zit. n. Rothmann (wie Anm. 25), S. 198.
28 Zit. n. ebenda, S. 199.
29 Kurzinhalt, Zusammenfassung „Der Stechlin“ von Theodor Fontane, URL: https://www.xlibris.de/Autoren/Fontane/Kurzinhalt/Der%20Stechlin
30 Ebenda.
31 Ebenda.
32 Ebenda.
33 Zit. n. Rothmann (wie Anm. 25), S. 197.