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Ein großer deutscher Schriftsteller

Theodor Fontane (1819–1898) zeichnete in seinen Romanen und Erzählungen ein realistisches Bild der preußischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.

Vor 200 Jahren wurde Theodor Fontane geboren


Am 30. Dezember 2019 jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag des großen deutschen Schriftstellers Theodor Fontane. Er, der als literarischer Spiegel Preußens gilt, ist einer der bedeutendsten Vertreter des Realismus. Diese Literaturströmung des 19. Jahrhunderts, die zwischen 1848 und 1890 angesiedelt wird, steht für eine epochenunabhängige Art der Darstellung. Sie ist nicht denkbar ohne Fontane, der sich zu Lebzeiten aber auch als Journalist und Verfasser von Reiseberichten einen Namen machte.

Von Dr. Mario Kandil

Es war am 30. Dezember 1819, als Hen­ri Théodore (Theodor) Fontane in Neuruppin als Sohn des Apothekers Louis Henry Fontane und Emilie Fonta­ne, geb. Labry, das Licht der Welt er­blickte. Seine Eltern, die beide hugenotti­scher Herkunft waren, ließen ihn am 27. Januar 1820 auf den französischen Namen Henry Théodore taufen. Der künftige Literat hatte einen nicht eben unbedeutenden Großvater: Es war Pierre Barthélemy Fontane, Maler, Musiklehrer und später Kabinettssekretär der preußi­schen Königin Luise, zuletzt Kastellan des Barockschlosses Schönhausen.

Nachdem der Vater wegen seiner Spielschulden die in der Stadtmitte von Neuruppin gelegene Apotheke, das heu­te unter Denkmalschutz stehende Fonta­ne-Haus, verkauft und nach Tilgung sei­ner Verbindlichkeiten eine kleinere Apo­theke in Swinemünde erworben hatte, zog die Familie Fontane im Juni 1827 dorthin. Zu Ostern 1832 trat Theodor in die Quarta des Gymnasiums ein, das er aber bereits ein Jahr später verließ, um am 1. Oktober 1833 in die Gewerbeschule von Karl Friedrich von Klöden einzutre­ten. Schon 1834 zog er zu dem Halbbru­der seines Vaters, August Fontane und begann 1836 seine Apothekerlehrzeit.Noch in demselben Jahr erhielt er seine Konfirmation in der Französisch-Refor­mierten Kirche. 1839 wurde Theodor Fontanes erste Novelle „Geschwisterlie­be“ veröffentlicht, von der er sich später distanzierte. Er tat das vermutlich, weil die schriftstellerische Leistung in diesem Werk nicht überzeugt und seinem Ni­veau entspricht.

Im Jahr 1840 trat Fontane eine Stelle als Apothekergehilfe in Burg bei Magde­burg an und verfaßte die ersten Gedichte für den „Berliner Figaro“. 1841 an Ty­phus erkrankt, arbeitete er nach seiner Genesung in verschiedenen Apotheken, ab Sommer 1843 in der seines Vaters in Letschin. Sein Leipziger Aufenthalt brachte ihn mit Georg Herwegh, einem revolutionären Dichter des Vormärz, zu­sammen. 1843 in den literarischen Verein „Tunnel über der Spree“1 eingeführt, blieb Fontane diesem bis 1865 treu. Sei­nen Militärdienst als Einjährig-Freiwilli­ger leistete er ab dem Frühjahr 1844 ab und unternahm während dieser Zeit im Mai/Juni 1844 seine erste, 14tägige Reise nach England. Am 8. Dezember 1845 ver­lobte sich Theodor Fontane mit Emilie Rouanet-Kummer, seiner nachmaligen Ehefrau. Das Jahr 1847 sah Fontanes Ap­probation als Apotheker erster Klasse und – für ihn äußerst betrüblich – die Trennung seiner Eltern, allerdings ohne Scheidung. 1848 beteiligte er sich am 18. März in Berlin, wo er mittlerweile in der Apotheke „Zum Schwarzen Adler“ ange­stellt war, an den Barrikadenkämpfen. Zu dieser Zeit veröffentlichte er vier als radikal einzustufende Texte, u.a. das Fragment „Karl Stuart“, in der „Berliner Zeitungs-Halle“. Am 15. September 1848 fand Fontane im Krankenhaus Bethanien eine Anstellung. Doch auch dort hielt es ihn nur ein Jahr lang, dann entschloß er sich, den Be­ruf des Apothekers aufzugeben, um statt dessen als freier Schriftsteller zu leben. Zuerst verfaßte er als Korrespondent der radikaldemokratischen „Dresdner Zei­tung“ bis zum April 1850 politische Tex­te, dann folgte auch schon sein erstes Buch: „Männer und Helden. Acht Preu­ßenlieder“. Ebenfalls im Jahr 1850 ehe­lichte Theodor Fontane Emilie Rouanet-Kummer. Ihre anfängliche Zeit als Ehe­paar war von Geldproblemen geprägt, weil Theodor zunächst keine Anstellung fand. Doch bereits 1852 unternahm er als Angestellter der „Königlichen Central­stelle für Preßangelegenheiten“ Reisen nach London, wo er von 1855 bis 1859 lebte. Dort hatte Fontane dafür Sorge zu tragen, daß in englischen wie in deut­schen Zeitungen Presseberichte zugun­sten der preußischen Außenpolitik er­schienen. Dabei unterstand er Albrecht von Bernstorff, der als preußischer Bot­schafter in London fungierte. Zeugnisse von Fontanes Aufenthalt in Albion sind „Aus England“ (1860) und „Jenseits des Tweed“ (1860).

In Zusammenhang mit dem Thron­wechsel in Preußen, wo am 2. Januar 1861 Wilhelm I. neuer König wurde, gab Fontane seine Tätigkeit als Korrespon­dent in London auf und kehrte heim. Je­doch fand er keine Anstellung in einer Redaktion und widmete sich jetzt der Reiseliteratur, die Mitte des 19. Jahrhun­derts in ihrer Blüte stand. 1860 in die Re­daktion der „Kreuzzeitung“ eingetreten, zu deren Gründungskomitee u.a. Otto von Bismarck gehört hatte, publizierte Fontane dort erste Artikel über seine Hei­matstadt Neuruppin. Aus den mit Histo­rie und Geschichten angereicherten Rei­seberichten entstand 1861 mit „Graf­schaft Ruppin“ ein kleines Buch, das be­reits im Jahr darauf seine zweite Auflage mit dem Obertitel „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ sah. Das Wande­rungswerk stellt die Basis für Theodor Fontanes späteres episches Schaffen dar. Von den sieben Kindern des Ehepaars Fontane starben drei Söhne schon kurz nach der Geburt, während der erstgebo­rene George mit 36 Jahren 1887 ver­schied. Es existierten daneben zwei wei­tere Söhne, Theodor und Friedrich, die bis 1933 bzw. 1941 lebten, sowie die ein­zige Tochter Martha († 1917). 1864 reiste Theodor Fontane nach Schleswig-Hol­stein und nach Dänemark, wo er über den Deutsch-Dänischen Krieg das 1866 erschienene Werk „Der Schleswig-Hol­steinische Krieg im Jahre 1864“ schrieb. 1866 unternahm der rührige Schriftstel­ler und Journalist auch Reisen auf die böhmischen und süddeutschen Kampf­plätze des Deutschen Kriegs 1866, über den er 1870/71 das Werk „Der deutsche Krieg von 1866“ publizierte. Das Jahr 1867 brachte ihm mit dem Tod seines Va­ters und das Jahr 1869 mit dem Ableben seiner Mutter privat tiefe Einschnitte in sein Leben.

1870 erfolgte durch den Bruch Fonta­nes mit der „Kreuzzeitung“ eine weitere Zäsur, in deren Folge er als Theaterkriti­ker für die „Vossische Zeitung“ tätig wurde. In demselben Jahr nahm er sich Urlaub, um im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 den Kampfplatz Paris auf­zusuchen. Allerdings sah er sich, fälschli­cherweise als preußischer Spion verdäch­tigt, am 5. Oktober 1870 in Domrémy von den Franzosen verhaftet. Bismarck inter­venierte zu seinen Gunsten, und so kam Fontane wieder frei. Seine persönlichen Erlebnisse beschrieb er 1871 in dem Buch „Kriegsgefangen“, die Eindrücke von Kriegshandlungen in dem Werk „Der Krieg gegen Frankreich 1870–1871“ (1873–1876). Im Zeitraum 1874–1876 un­ternahm Fontane zusammen mit seiner Frau verschiedene Reisen nach Öster­reich, Italien und in die Schweiz, an de­ren Ende er entschied, nicht länger für eine Zeitung zu schreiben. Vielmehr wollte er nun erneut als freier Schriftstel­ler tätig sein. Erst jetzt begann seine gro­ße Zeit als Autor von Romanen.

Der Romancier

Seit diesem Entschluß verfaßte Theodor Fontane eine Vielzahl von Texten, bevor er 1892 an einer gravierenden Ischämie des Gehirns erkrankte. Er folgte dem Rat seines Arztes, zur Ablenkung von der Krankheit seine Kindheitserinnerungen niederzuschreiben, und erholte sich ganz erstaunlich. Als Folge davon vermochte er folgende Werke zu vollenden: „Effi Briest“ (1896), „Die Poggenpuhls“ (eben­falls 1896), „Der Stechlin“ (1897 Beginn des Vorabdrucks; Ausgabe als Buch nach Fontanes Tod 1898, mit Impressum 1899), die autobiographische Schrift „Von Zwanzig bis Dreißig“ (1898). Doch der Tod war auch bei Theodor Fontane ein lästiger Gast, der, einmal gekommen, so lange verweilt, bis er seinen Gastgeber mit sich genommen hat. Bei dem großen deutschen Schriftsteller geschah dies am 20. September 1898 zu Berlin. Als Ange­höriger der bereits erwähnten Franzö­sisch-Reformierten Gemeinde wurde Theodor Fontane auf deren Friedhof II Berlin-Mitte beigesetzt. Seine 1902 ver­storbene Frau Emilie wurde an seiner Seite beigesetzt.

Fontane hinterließ ein umfangreiches Werk und einen beträchtlichen Brief­wechsel mit seiner Gattin sowie mit zahl­reichen Freunden. Von diesen seien hier Bernhard von Lepel und Karl Zöllner mit Namen genannt. Aus diesen Korrespon­denzen erfahren wir viel über Fontanes Denken, Handeln und Wirken. Bezeich­nend für den sensiblen Dichter, Schrift­steller und Journalisten ist die bei ihm stets anzutreffende Formulierung, er fühle sich „vom Glück getragen“. Glück verstand er dabei jedoch nicht in materi­ellem Sinne, sondern so, daß eine höhere Macht die Geschicke der Menschen lenke – eine ihn mit Zuversicht erfüllende Vor­stellung. Von seinem Werk sind aus dem öster­reichischen Blickwinkel die „Wanderun­gen durch die Mark Brandenburg“ sicher nicht von vorrangigem Interesse, so daß nachfolgend nur das Nötigste dazu ge­sagt wird. Ebenso dürfte Fontanes Tätig­keit als Berichterstatter aus dem Deut­schen Krieg von 1866 nur für den Histo­riker von größerer Bedeutung sein, wes­halb dieses Werk hier nicht besprochen wird. Anders verhält es sich mit seinem Buch über den Deutsch-Dänischen Krieg von 1864, so daß von diesem im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes zumindest ein wenig die Rede ist. Deutlich intensi­ver fällt das Schlaglicht auf einige ausge­wählte Erzählungen Theodor Fontanes, die im Hinblick auf die preußische Ge­sellschaft jener Tage überaus aussage­kräftig sind.

Fontane-Denkmal in Neuruppin.

„Wanderungen durch die Mark Brandenburg“

Das aus fünf Bänden bestehende Werk „Wanderungen durch die Mark Branden­burg“ ist im Schaffen Fontanes das mit dem größten Umfang. Darin liefert er ei­ne Beschreibung von Landschaften, Or­ten, Schlössern und Klöstern der Mark Brandenburg. Den Auftakt bildet Band 1 („Die Grafschaft Ruppin“, 1862), gefolgt von den Bänden 2 („Das Oderland“, 1863), 3 („Havelland“, 1873), 4 („Spree­land“, 1882) und 5 („Fünf Schlösser“, 1889). Als Manifestation eines bedeutend gewachsenen Bewußtseins von Preußen­tum und Romantik fungierten die von Fontane während seiner Arbeit an den „Wanderungen“ gewonnenen Eindrücke und geschichtlichen Erkenntnisse als Ba­sis für seine späteren großen Erzählun­gen wie etwa „Effi Briest“ oder „Der Stechlin“. Die auch heute immer noch le­bendige Faszination der „Wanderun­gen“, mit denen selbst die historische Forschung inzwischen ihren Frieden ge­schlossen hat, beruht auf einer gelunge­nen Mischung aus exakter Beschreibung, kulturgeschichtlichem Hintergrund und literarischer Ausdrucksstärke des Erzäh­lers Theodor Fontane. Der Autor betrieb für seine Darstellungen intensive For­schungen zur Geschichte der Mark Bran­denburg und erreichte in seiner histori­schen Darstellung mit Band 5 zweifellos den Höhepunkt.2 Fontane verfuhr dabei nach folgender Methode: „Wie häufig ich das Ränzel abtun und den Wanderstab aus der Hand legen mag, um die Ge­schichte von Ort und Person erst zu hö­ren und dann weiter zu erzählen, immer bin ich unterwegs, immer in Bewegung und am liebsten ohne vorgeschriebene Marschroute, ganz nach Lust und Lau­ne.“3 27 Jahre lang unternahm er diese Streifzüge durch die Berliner Umgebung.

„Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864“

An dieser Stelle soll keine Schilderung des Deutsch-Dänischen Kriegs von 1864 gegeben werden, da der Verfasser dieses Aufsatzes eine solche bereits in „Neue Ordnung“ I/2011 geliefert hat. Blicken wir hier lediglich auf die ersten Gefechte, denen Theodor Fontane in seinem Werk „Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864“ ebenso ein Denkmal gesetzt hat wie der Schlacht von Oeversee.

Fontane schrieb damals: „Der Zug des preußischen Corps, wie wir wissen, ging auf Missunde. Hier sollte, um die Worte des Angriffsplanes zu wiederholen: ‚die feindliche Stellung geöffnet werden, während das östreichische Corps die Hauptstärke des Feindes am Dannewerk festzuhalten suchte‘. Derselbe Tag (1. Fe­bruar), an dem das preußische Corps die Eider passierte, hatte, wie wir im vorigen Kapitel gesehn, auch zur Einnahme Ec­kernfördes geführt.“4 Zwar konnten die Dänen den Handstreich der Preußen – er hätte zur Einnahme des Dorfs Missunde, zum Übergang über die Schlei und somit zum Durchbruch durch die dänische Verteidigungslinie Danewerk führen sol­len – am 2. Februar abwehren und für den ersten Moment das Feld behaupten. Drei Tage später räumten sie allerdings das Danewerk unter Einschluß von Mis­sunde, weil sich die Verteidigungslinie doch nicht halten ließ. Fontane kommen­tierte das Geschehen wie folgt: „Wie ein elektrischer Schlag ging die Nachricht vom ‚Tag von Missunde‘ durch ganz Deutschland. Man hatte jetzt den Beweis in Händen, daß es Ernst sei. Die Schles­wiger jubelten, die Holsteiner gaben den stillen Widerstand ihrer Herzen auf. Es kam die Zeit der Gerüchte, der fliegen­den Blätter, der Kriegsanekdoten, gut und schlecht. Ein frischer Geist ging durch die Nation.“5

Die mit den Preußen verbündeten Österreicher stießen am 6. Februar zwi­schen den Dörfern Sankelmark und Oe­versee auf die Dänen, die sich auf dem Rückzug befanden, um auf diese Art ihre Einkesselung zu vermeiden. Das nun fol­gende Gefecht wurde zwar von den Österreichern gewonnen,6 doch auf­grund des hinhaltenden Widerstands der dänischen Einheiten konnte deren Hauptarmee eine Absetzbewegung voll­ziehen. Deswegen wertete die dänische Seite das Gefecht von Oeversee als einen strategischen Erfolg. Österreich hält noch heute die Erinnerung an das das Gefecht wach: In Graz gibt es eine Oeverseegasse und in derselben auch ein Oeversee-Gymnasium, während sich in Wien im 15. Gemeindebezirk eine Oeverseestraße befindet.

Unübertroffen sind Fontanes vier Bände der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, die Geschichte, Kulturgeschichte, Landschaftsbeschreibungen und Anekdoten in gelungener Weise verbinden. In „Jenseits des Tweed“ hat sich der Dichter, der lange in London lebte, in gleicher Weise mit Schottland auseinandergesetzt.
Berlin, Alexanderplatz um 1890: Wie in einem Reiseführer beschreibt Fontane das Berlin seiner Zeit topographisch
genau.

„Vor dem Sturm“

„Vor dem Sturm“ war Theodor Fontanes erster Roman und als Porträt der preußi­schen Gesellschaft aller Stände (Adel, Bürger, Bauern) zu der Zeit der Befrei­ungskriege (1812/13–1815) konzipiert. Im Zentrum der Handlung steht der adlige Student Lewin von Vitzewitz, dessen pri­vates Schicksal in den Strudel der histori­schen Ereignisse gerät. Schauplätze des Romans sind die fiktiven Schlösser Ho­hen-Vietz und Guse sowie die Städte Frankfurt an der Oder und Berlin.7

Im Winter 1812/13 wartet im Oder­bruch in Dorf und Schloß Hohen-Vietz alles auf das Signal des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. zur Erhebung ge­gen die fremden französischen Besatzer. In seiner Ungeduld gründet Familien­vorstand Berndt von Vitzewitz bereits vorab eine Landsturmtruppe und igno­riert so die Bedenken seiner kunstlieben­den Kinder Lewin und Renate. Berndt gewinnt die Adeligen auf den benach­barten Gütern für seinen Plan, und auch sie beginnen, Landsturmkompanien zu rekrutieren. Geplant sind Überfälle auf die von Napoleons I. gescheitertem Ruß­landfeldzug 1812 zurückkehrenden Überreste der französischen „Grande Ar­mée“. Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester 1812 verbringt die Familie von Vitzewitz im Freundeskreis, wobei die Aussicht auf ein vom Krieg bewegtes Jahr 1813 die Gespräche dominiert. Hoff­nung und Angst halten sich die Waage.8

Während die patriotische Begeiste­rung weite Kreise des preußischen Vol­kes erfaßt, kehrt der Student Lewin von Vitzewitz nach einer unerwiderten Liebe zu seiner polnischen Cousine Kathinka von Ladalinski auf Schloß Hohen-Vietz zurück. Hier hat inzwischen der Land­sturm sein Hauptquartier aufgeschlagen, und Lewin läßt sich von der Truppe re­krutieren. Bei einer Aktion dieses Land­sturms, die wegen fehlender Unterstüt­zung durch die regulären russischen Truppen scheitert, gerät Lewin in franzö­sische Gefangenschaft. Bei seiner Befrei­ung fällt Tubal von Ladalinski, der Bru­der Kathinkas, dessen Ehe mit Renate von Vitzewitz geplant war. Während Re­nate unverheiratet bleiben wird, kommt es zur Heirat Lewins mit Marie Knieha­se, einem verwaisten Schauspielerkind, das zusammen mit den Kindern der Fa­milie von Vitzewitz aufgewachsen ist.Die Befreiungskriege als Gegenstand des Romans veranlassen Fontane zu den ausgiebigsten militärischen Schilderun­gen in all seinen Romanen, wobei er an seine Kriegsbücher anknüpft und sich in seiner Schilderung der Mark auf jene Kenntnisse stützt, die er für seine „Wan­derungen durch die Mark Brandenburg“ erworben hat. In seiner Darstellung der Dichtergesellschaft „Kastalia“ finden die Erfahrungen Niederschlag, die Fontane im literarischen Verein „Tunnel über der Spree“ gemacht hat. Der historisch inter­essierte Balladendichter Detleff Hansen-Grell ist stark nach dem Bild des jungen Fontane gestaltet und trägt auch zwei von dessen Balladen vor.10

„Schach von Wuthenow“

Diese Erzählung spielt im Berlin des Jahres 1806, kurz vor Ausbruch des Vierten Koalitionskriegs (1806/07), als noch niemand die im Herbst eintretende kata­strophale Niederlage Preu­ßens gegen den Franzosen­kaiser Napoleon I. erahnen konnte. Der Rittmeister Schach von Wuthenow (sein Vorname wird nie ge­nannt) verkehrt seit länge­rer Zeit im Haus der Witwe Carayon und ihrer Tochter Victoire. Bei einer Landpar­tie verliebt sich die einst ge­feierte Schönheit Victoire in Schach, glaubt aber, da sie durch Blatternnarben entstellt ist, bei dem attraktiven Offizier keine Chancen zu haben.11

In einem Moment romantischer Ge­fühlsverwirrung verführt dieser Victoire. Ihre Mutter drängt lange Zeit vergeblich auf eine die Reputation ihrer Tochter wiederherstellende Heirat und wird des­halb sogar beim Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. vorstellig. Dieser erinnert Schach an seine Pflicht, der als königs­treuer Offizier gehorcht und in die Hoch­zeit einwilligt. Das Hochzeitsfest verläuft scheinbar fröhlich und unbeschwert, doch nach seinem Abschied von Victoire erschießt sich Schach in seiner Kutsche, da er den Spott seiner Regimentskamera­den nicht ertragen zu können glaubt.12

Wie es später in „Effi Briest“ der Fall ist, spielt auch hier die Ehre eine derart wichtige Rolle, daß die Hauptperson oh­ne diese nicht weiterleben zu können vermeint und den Freitod wählt. Es ist Fontanes besondere Leistung, Schach nicht als einen oberflächlichen Schönling oder einen in einem verzerrten Ehrbe­griff erstarrten Offizier darzustellen, son­dern vielmehr als einen geistig regen und tiefsinnigen Menschen, der als psy­chologischer Typus den Anfang des 19. Jahrhunderts in Preußen charakteri­siert. Schach geht an dem Widerspruch, sowohl preußischer Offizier und Lande­delmann als auch Ritter und Bewunderer echter Schönheit zu sein, letztlich zu­grunde, wobei Fontane die „Schuld“ dar­an der Epoche, nicht aber dem Individu­um zuschreibt. Wie die Mehrzahl der Romane und Er­zählungen Theodor Fontanes basiert auch „Schach von Wuthenow“ auf einer wahren Begebenheit, die vom Autor al­lerdings stark verändert und völlig sei­nen künstlerischen Intentionen unterge­ordnet wird. Fontane hörte vermutlich im Jahr 1862 zum ersten Mal von der Ge­schichte des Majors Otto Friedrich Lud­wig von Schack, der sich 1815 zur Behe­bung seiner Finanznöte zu der Heirat mit Victoire von Crayen entschloß. Major von Schack war ein leichtsinniger Lebe­mann und bekannter Frauenheld, Vic­toire von Crayen hingegen ein gebildetes und sensibles, aber leider nicht sehr schönes Mädchen. Noch bevor es zu bei­der Verlobung kam, brachte sich Major von Schack um, da er den Spott seiner Kameraden fürchtete.13

„Irrungen, Wirrungen“14

Die junge Lene Nimptsch, ein Mädchen aus der Arbeiterschicht, unternimmt mit einer Freundin und deren halbwüchsi­gem Bruder eine Kahnfahrt auf dem Stralauer See. Die mangelnden Ruder­künste des Jungen verursachen beinahe einen Zusammenstoß mit einem Linien­schiff, doch zwei Herren, die mit ihrem Boot in der Nähe sind, retten die drei in letzter Minute. Einer dieser Herren ist der junge Baron Botho von Rienäcker, der Lene seitdem regelmäßige Besuche abstattet. Lene wohnt gemeinsam mit ih­rer alten Mutter in einem kleinen Häus­chen auf dem Gelände einer Gärtnerei, die dem Ehepaar Dörr gehört. Sie ist sich der gesellschaftlichen Unmöglichkeit dieser Beziehung bewußt, auch wenn Bo­tho diesem Thema ausweicht.15

Bothos Onkel Kurt Anton von Osten bestellt ihn zu einer Unterredung, die trotz ihres freundschaftlichen Charakters die Macht der Verhältnisse deutlich wer­den läßt. Botho ist nämlich seiner reichen Kusine Käthe von Sellenthin so gut wie versprochen, und abgesehen von dem Affront, den ein Bruch dieses Heiratsver­sprechens bedeuten würde, läßt seine fi­nanzielle Lage dies auch gar nicht zu: Botho würde nämlich schlicht verarmen, wenn er die reiche Käthe nicht heirate­te.16 Botho versucht, der ehernen Notwen­digkeit auszuweichen, und erzählt Lene nichts von seinen Problemen. Gemein­sam mit der Gärtnersfrau Dörr unterneh­men beide einen Spaziergang und einige Tage später zu zweit einen Ausflug zu ei­nem Gasthaus außerhalb der Stadt. Dort verbringen sie ihre einzige gemeinsame Nacht. Am nächsten Tag begegnen sie drei Kameraden Bothos, die mit ihren Mätressen eine Landpartie unternehmen. Die Zweisamkeit ist empfindlich gestört, und sie treten betrübt die Heimfahrt an. Tags darauf erhält Botho einen Brief sei­ner Mutter, der ihm die Unaufschiebbar­keit der Heirat mit seiner Kusine vor Au­gen führt, und am nächsten Tag nimmt Botho von Lene Abschied.17
Einige Wochen später heiratet Botho Käthe von Sellenthin. Die Ehe verläuft zwar äußerlich harmonisch, doch Botho kann sich mit der Albernheit seiner jun­gen Frau nicht abfinden. Als Lene ihn zu­fällig auf der Straße sieht, entschließt sie sich, mit ihrer alten Mutter in ein anderes Stadtviertel zu ziehen. Dreieinhalb Jahre später verstirbt ihre Mutter. Botho erhält Besuch von einem Herrn namens Gideon Franke, der beabsichtigt, Lene zu heira­ten, und sich daher nach der Art ihres Verhältnisses mit Botho erkundigen will. Botho gibt ihm bereitwillig Auskunft, und Gideon Franke zieht beruhigt ab. Botho, der erst jetzt erfahren hat, daß die alte Frau Nimptsch gestorben ist, fährt zum Friedhof und legt einen Kranz auf ihr Grab. Als Käthe wenig später von ih­rer Kur zurückkommt, findet sie eines Tages in der Zeitung die Heiratsanzeige von Lene Nimptsch und Gideon Franke. Wie es ihre Art ist, amüsiert sie sich über die seltsam klingenden Namen, ohne je­doch Bothos innere Bewegtheit zu be­merken.18

Auf das Erscheinen des Romans rea­gierte ein Teil der Leserschaft empört, denn dem prüden Bürgertum der Grün­derzeit ging Fontanes Darstellung außer­ehelicher Lebensverhältnisse allzuweit. In unseren Tagen fällt es hingegen relativ schwer, in diesem Text im Hinblick auf Sitten und Sexualität noch etwas Anstö­ßiges zu erblicken. Unverständnis dürfte beim heutigen Leser höchstens die wahr­haft fatalistische Ergebenheit hervorru­fen, mit der die beiden Hauptfiguren Bo­tho und Lene auf ihr eigenes Glück ver­zichten und sich dem Diktat der Gesell­schaft und der finanziellen Verhältnisse beugen. Die offizielle Verbindung einer jungen Frau aus der unteren Ge­sellschaftsschicht mit einem Ad­ligen gilt als nicht akzeptabel, und Botho und Lene halten durch ihre Trennung und ihre späteren, jeweils ihrem Stand entsprechenden Heiraten diese klare Abgrenzung der Schichten aufrecht. Selbst Lene, die als die Verkörperung der freien Her­zensbestimmung auftritt, han­delt so und unterwirft sich damit ebenso wie Botho den gesell­schaftlichen Zwängen, die das Selbst-Sein des Menschen ein­schränken. Für Fontane schien eine Versöhnung von Gesell­schaftsmoral und freier Herzens­bestimmung in seiner Zeit offen­bar nicht möglich zu sein. Denn ist der Konflikt zwischen beiden Polen erst ein­mal aufgebrochen, kann wahres Glück so oder so nicht mehr erreicht werden.19

Die von Fontane mit „Irrungen, Wir­rungen“ verfolgten Intentionen gehen weit darüber hinaus, den Beziehungen zwischen jungen Adligen oder Großbür­gern und Mädchen aus kleinen Verhält­nissen mehr Akzeptanz in der Gesell­schaft zu verschaffen. Er zeigt in diesem Werk die ganze Fragwürdigkeit der Sit­ten auf, legt ihre historische Bedingtheit bloß und beraubt sie so ihres göttlichen, sakralen oder totalen Anspruchs. Die Mächte der Ordnung sind zwar anzuer­kennen, doch kann man sich aufgrund der höheren Instanz des eigenen Gewis­sens in einer besonderen Situation über sie hinwegsetzen. Das Fazit Theodor Fontanes lautet wie folgt: „Das Gesell­schaftliche als Ordnung, Sitte oder Moral gilt und muß gelten, wenn ein menschen­würdiges Zusammenleben sein soll; aber Natürlichkeit, Wahrheit und Menschlich­keit sollen gleicherweise sein.“20

 

Sowohl in „Stine“ wie in „Irrungen, Wirrungen“ zeigt Fontane, daß freie Herzensbestimmung und Gesellschaftsmoral in seiner Zeit nicht in Einklang zu bringen sind. Doch der aufmerksame Leser muß erkennen, wie unterschiedlich Bildungsniveau und Lebensverhältnisse der beiden Adligen Botho und Waldemar sowie ihrer Geliebten Lene und Stine sind, so daß ein dauerhaftes Glück beider Paare – nachdem der Zauber erster Verliebtheit verflogen ist – als sehr unwahrscheinlich gelten muß.

„Stine“

Die Geschichte von „Irrungen, Wirrun­gen“ entbehrt einer echten Tragik. Zwar mit schwerem Herzen, aber letztlich doch verbleiben Botho und Lene in ih­rem jeweiligen Stand, und alles löst sich mehr oder weniger in Wohlgefallen auf. Das meiste, was wir in diesem Werk ge­schildert finden, lesen wir auch in „Sti­ne“, doch diese Geschichte geht tragisch aus.

Die junge Ernestine Rehbein, genannt Stine, lebt in einfachen kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sie wohnt in Berlin zwei Etagen über ihrer verwitweten Schwester Pauline, die zwei Kinder von zwei ver­schiedenen Männern hat. Bei einem abendlichen Diner, mit dem Pauline in kleiner Gesellschaft den Pflichten ihrer Liaison mit dem alten Graf Haldern nachkommt, macht Stine die Bekannt­schaft des kränklichen jungen Graf Wal­demar Haldern. Dieser verliebt sich in sie und fängt an, um sie zu werben, indem er sie zu besuchen beginnt. Weil diese Verbindung ihrer Schwester Pauline su­spekt wird, rät sie Stine zur Besonnen­heit, um nicht ins Gerede zu kommen, ein außereheliches Verhältnis zu unter­halten. Indes berät sich Waldemar mit seinem Onkel über seinen Plan, Stine zu heiraten. Dieser rät ihm davon ab, da es die Ächtung seiner Familie nach sich zie­hen würde. Der junge Graf von Haldern ist fast schon bereit, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Als jedoch auch Stine ihm ih­re Zusage zur Heirat verwehrt, begeht er kurz darauf Selbstmord. Stine reist zu seiner Beerdigung und kehrt danach – seelisch mitgenommen – zu ihrer Schwe­ster zurück. Wie in der Novelle angedeu­tet, wird auch sie diese Schicksalswen­dung kaum überleben.21

In diesem Werk greift Fontane Motive auf, die er bereits in „Irrungen, Wirrun­gen“ verwendet hat. Er zeigt die inner­lich brüchige Welt des Adels auf – ver­mittelt durch Sprache und Handlung –, die die Aristokratie nach außen hin pro­pagiert, aber in Wahrheit nicht lebt. Doch er setzt mit dem Aufzeigen der brüchigen Normen, aber auch der tödlichen Enge des adligen Lebens nicht nur einfach sei­ne bisherige Arbeit als Schriftsteller fort, sondern bringt seine Kritik diesmal deut­licher und unverhüllter an. In „Stine“ verwendet Fontane dementsprechend viele realistische Elemente, ohne diesen Weg konsequent zu verfolgen. Denn es finden sich romantisierende Momente wieder, die bis dahin in seinen Berliner Stadtgeschichten in dieser offensichtli­chen Verwendung nicht vorgekommen sind. Letzten Endes kann dieses Werk als eine Mischung aus Realistischem und Romantischem bezeichnet werden.

Insgesamt ist der Blick in die Zukunft sehr düster: Denn wer weder die Kraft aufbringt, mit der Gesellschaft und ihren Konventionen zu brechen, noch jene, vor alldem zu kapitulieren, dem bleibt – wie dem jungen Graf Haldern – nur noch der Selbstmord übrig. Auch in „Stine“ sieht es danach aus, daß die Moral der Gesell­schaft und die freie Bestimmung des Herzens nicht miteinander in Einklang zu bringen sind.22

Den Stechlinsee im Ruppiner Land gibt es wirklich. „Der Stechlin“ ist der vielleicht „preußischste“ Roman Fontanes. In ihm entwirft dieser sein Idealbild eines märkischen Junkers, wobei er gleichzeitig mit mildem Spott die „Enge“ und „Nüchternheit“ der märkischen Wesensart kritisiert. Auch das Verständnis des Dichters für die Not der Arbeiter und die daraus geborene sozialdemokratische Bewegung ist Thema des Buchs.
"Effi Briest" ist der heute bekannteste Roman des Dichters, der auch mehrmals verfilmt
wurde.

„Frau Jenny Treibel“23

Auch unter dem Titel „Wo sich Herz zum Herzen find’t“ bekannt, setzt sich dieses nWerk, das schnell die Gunst von Publi­kum und Kritikern gewann, mit den Ge­gensätzen der damaligen Zeit auseinan­der: gesellschaftliches Ansehen und Be­sitz versus Bildung und echte Gefühle. Anhand der beiden Berliner Familien Treibel und Schmidt bildet Fontane in lockerem Erzählstil und teilweise komö­diantischen Dialogen deren unterschied­liche Stellung in der Gesellschaft und die hieraus resultierenden Probleme ab. Das alles geschieht nach dem Muster einer Komödie.

Corinna, die Tochter des Gymnasial­professors Wilibald Schmidt, versucht, Leopold, den Sohn des Kommerzienrats Treibel und dessen Frau Jenny, für sich zu gewinnen, ohne ihn ehrlich zu lieben, nur weil sie selber ein Leben im Luxus erstrebt. Jenny Treibel, die in ihrer Ju­gend in Corinnas Vater Wilibald verliebt war, aber wohl aus Berechnung den auf­strebenden Kaufmann Treibel geheiratet hat, verhindert das, und Corinna fügt sich ohne große Konflikte, um ihren Vet­ter Dr. Marcell Wedderkopp zu heiraten, der als Gymnasialoberlehrer immerhin eine Professur als Archäologe in Aussicht hat. Die Hochzeit der beiden sieht die zwischenzeitlich miteinander zerstritte­nen Familien Schmidt und Treibel wie­der versöhnt, da außer Leopold alle Trei­bels der Einladung zum Hochzeitsfest folgen.

Dieser Roman kritisiert die prätentiöse Sentimentalität des aufsteigenden Bür­gertums, hinter der sich bloß die blanke Besitzgier verbirgt. Frau Jenny Treibel singt gerne ein Lied, das ihr früherer Ver­ehrer Wilibald für sie geschrieben hat. In diesem Lied heißt es, daß nur die Liebe zähle, sich „Herz zu Herzen findet“, doch Jenny Treibel selbst lebt (uneinge­standen) nach ganz anderen Maximen: nach materiellen nämlich! Fontane kriti­siert das Bürgertum seiner Tage in die­sem Roman sehr hart, und doch entbehrt die Geschichte jeder Tragik. Sie verharrt auf der humoristischen Ebene, und letz­ten Endes löst sich alles in Wohlgefallen auf, wonach quasi jeder Schuster bei sei­nem Leisten bleibt. Theodor Fontane ge­lingt es, nicht nur den Konflikt zwischen materieller und persönlicher Zufrieden­heit darzustellen, denn am Ende erkennt die Protagonistin mit ihrer Entscheidung gegen Leopold und für Marcell an, daß bei der Wahl des geeigneten Partners die gleiche Herkunft nicht bloß eine Rolle spielt, sondern daß in dieser Verbindung eine echte Notwendigkeit liegt.

„Effi Briest“

Dieser von Oktober 1894 bis März 1895 in sechs Folgen in der „Deutschen Rund­schau“ und 1896 als Buch erschienene Roman wird auch in unseren Tagen noch oft an Gymnasien im Deutschunterricht behandelt. Gemäß der immer linkslasti­geren Ausrichtung des Unterrichts wird dabei jedoch der Schwerpunkt primär auf die im Bismarckreich vielfach vor­herrschende Unfreiheit der Frau gelegt, wohingegen das Werk ganz gewiß noch andere Inhalte zu bieten hat. Auch Män­ner sind nämlich zu dieser Zeit der Un­freiheit unterworfen, wenngleich in an­derem Sinne als Frauen. Beide müssen sich dem Gesetz der Sitte beugen, doch dieses äußerlich anerkannte Gesetz bleibt innerlich unerfüllt und offenbart sich hierdurch als entfremdete und verding­lichte Form.24

Mit gerade einmal 17 Jahren heiratet die noch recht kindliche Effi Briest den mehr als 20 Jahre älteren Jugendfreund ihrer Mutter. Dieser, der Baron von Inn­stetten, Landrat in Kessin in Hinterpom­mern, ist zwar ein „Mann von Charakter […] und guten Sitten“, doch als Liebha­ber nicht eben der Traum eines jungen Mädchens. Die „Huldigung, Anregun­gen, kleine Aufmerksamkeiten“, die Effi ersehnt, bringt ihr der Bezirkskomman­dant Major Crampas entgegen, durch den in Kessin das gesellschaftliche Leben zumindest ein wenig lebendiger wird. Effi meint vorübergehend, daß Crampas ihren jugendlichen Lebenshunger befrie­digen könne. Doch das heimliche Liebes­verhältnis der beiden wird durch Innstet­tens Versetzung nach Berlin beendet, und insgeheim ist Effi darüber erleich­tert. Als Innstetten Jahre später per Zufall durch alte Briefe von dem Verhältnis Ef­fis mit Crampas erfährt, fordert er „ohne jedes Gefühl von Haß oder gar von Durst nach Rache“ seinen ehemaligen Neben­buhler zu einem Duell. Damit befolgt Innstetten in seiner Pedanterie ein altes aristokratisches Ehrengebot, das im 1871 gegründeten Deutschen Reich in Form des Duellwesens derartig überhand nahm, daß 1886 sogar im Reichstag dar­über hitzig debattiert wurde.25 Crampas kommt in dem Duell mit Innstetten um. Dessen persönliche Ehre ist dadurch zwar wiederhergestellt, doch seine Gat­tin Effi wird von ihm geschieden, von der bigotten Gesellschaft geächtet und sogar von ihrer Mutter verstoßen.

Effi sucht sich in Berlin eine kleine Wohnung und lebt dort drei Jahre sehr zurückgezogen. Als sie eines Ta­ges ihre Tochter Annie in der Straßenbahn sieht, wird in ihr der Wunsch wach, sich mit ihr zu treffen. Doch das Wiedersehen führt zum Zusammenbruch Effis, denn Innstetten hat Annie darauf abgerichtet, ihrer Mutter mit gro­ßer Distanz zu begegnen. Als sich der gesundheitliche Zustand Ef­fis weiter verschlechtert, erreicht der Arzt, daß die Eltern sie wie­der bei sich aufnehmen. Effi ver­bringt ihre letzten Wochen da­mit, einsam durch die Natur zu streifen, doch ihre Gesundheit ist zerrüttet. Sie stirbt, nachdem sie Innstetten verziehen und so an­scheinend ihren Frieden gefun­den hat. Auch dieser Erzählung Fonta­nes liegt eine wahre Begebenheit zugrunde: die Geschichte von Armand Léon Baron von Ardenne und seiner Frau Elisabeth (Else), geborene Freiin von Plotho. Diese heiratete ihren Mann offenbar auf Intervention ihrer Mutter, obgleich sie ihn zuvor noch abgewiesen hatte. Im Sommer 1881 übersiedelten die Eheleute nach Düsseldorf, wo Ardenne als Rittmeister bei den Husaren diente. Das gebildete und weltoffene Paar ver­sammelte einen großen Freundeskreis um sich, zu dem auch Amtsrichter Hart­wich zählte. Zwischen diesem und Else entwickelte sich ein intimes Liebesver­hältnis; beide hatten vor, sich von ihren Ehepartnern zu trennen und zu heiraten. Armand von Ardenne, der mittlerweile von der Affäre erfahren hatte, verschaffte sich die Korrespondenz der beiden, reichte eine Scheidungsklage ein und for­derte seinen früheren Freund zum Duell, bei dem am 27. November 1886 Hartwich tödlich verwundet wurde. Die Ehe von Armand und Else wurde am 15. März 1887 rechtskräftig geschieden. Ardenne wurde wegen des Duells zu Festungshaft verurteilt, bald darauf aber begnadigt, und konnte seine militärische Laufbahn fortsetzen. Else allerdings durfte die ge­meinsamen Kinder nicht mehr sehen und widmete sich für den Rest ihres Lebens humanitären Aufgaben. Dieser Roman Fontanes ist weit davon entfernt, eine ver­einfachte Deutung zuzulassen. Schon die Tatsache, daß Effis Vater gegen den Willen der Mutter die kranke Tochter nach Hause holt, stellt den Sinn der starren Verhaltensmuster in Fra­ge. Und besonders die Entwick­lung Innstettens entlarvt den Ehrbegriff und die an ihn ge­knüpften Konsequenzen als un­menschlich. „Rache ist nichts Schönes, aber was Menschliches und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles einer Vor­stellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte, halbe Komödie.“ Diese Komödie mit tödlichem Ausgang verschafft ihm aber keine Genugtuung ?im Gegenteil, sein bitteres Fazit lautet: „Mein Leben ist ver­pfuscht.“ Man kann dazu auch ein geflügeltes Wort aus demselben Roman zitie­ren, das Effis Vater am Ende ausspricht: „[…] das ist ein zu weites Feld.“26

Der Dichter in seinem Arbeitszimmer.

„Der Stechlin“

Das Alterswerk Theodor Fontanes ist der im Zeitraum 1895–1897 entstandene Ro­man „Der Stechlin“. Erstmals 1897/98 in der Zeitschrift „Über Land und Meer“ publiziert, erschien er in Buchform 1898 (im Impressum vordatiert auf 1899). Das Werk, in dem Fontane die altpreußische Sicht am stärksten schildert, ist der letzte Roman des großen Schriftstellers aus Neuruppin.

In diesem Werk tritt die Handlung ganz hinter charakterisierende Plaude­reien zurück. Fontane selbst schrieb da­zu: „Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten ge­schieht“27. Und weiter führte er aus: „Von Verwicklungen und Lösungen, von Herzenskonflikten oder Konflikten über­haupt, von Spannungen und Überra­schungen findet sich nichts. – Einerseits auf einem altmodischen märkischen Gut [Stechlin], andrerseits in einem neumodi­schen gräflichen Hause (Berlin) treffen sich verschiedene Personen und spre­chen da Gott und die Welt durch. Alles Plauderei, Dialog, in dem sich die Cha­raktere geben, mit und in ihnen die Ge­schichte.“28

Der betagte Major Dubslav von Stech­lin erhält auf seinem Schloß Besuch von seinem Sohn Woldemar und dessen Ka­meraden Rex und Czako. Als Dubslav seinen Sohn nach dessen Plänen für eine Heirat befragt, antwortet Woldemar aus­weichend und sagt, daß er noch keinen Namen nennen dürfe. Nach einem Be­such beim Dorfschullehrer Krippensta­pel und nach einem Frühstück im Schloß Stechlin reisen Woldemar, Rex und Cza­ko wieder ab. Woldemar stattet der schwangeren Frau des Oberförsters Katzler, einer geborenen Prinzessin von Ippe-Büchsenstein, noch einen Besuch ab und holt die Freunde später wieder ein. Sie besuchen Woldemars Tante Adel­heid, die Schwester des alten Stechlin, die im Kloster Wutz lebt. Nach dem Es­sen reiten Rex und Czako ab, während Woldemar noch bleibt und mit der Tante ein Gespräch führt.29 Wieder in Berlin, stattet Woldemar den Barbys, in deren Haus er seit länge­rem verkehrt, einen Besuch ab. Beide Töchter, die jüngere Armgard und die äl­tere, bereits geschiedene Melusine, schei­nen ihn zu interessieren. Zusammen mit dem befreundeten Ehepaar Berchtesga­den unternehmen sie eine Landpartie zu der Gaststätte „Eierhäuschen“. Tags dar­auf erhält Woldemar von seiner Tante Adelheid einen Brief, in dem sie ihn er­mahnt, sich besser mit einer märkischen Aristokratin zu vermählen.30

Der alte Stechlin hat sich in der Zwi­schenzeit zum Reichstagskandidaten für den Wahlkreis Rheinsberg-Wutz aufstel­len lassen. Woldemar ist besorgt, weil er überzeugt ist, daß sein Vater keine gute Figur in einem politischen Amt abgeben würde. In der Tat verliert der Stechlin die Wahl, und der Kandidat der SPD siegt. Woldemar wird in seiner Eigenschaft als Offizier dienstlich nach Ostpreußen ge­schickt und muß unmittelbar darauf eine Reise nach England antreten. Nur weni­ge Tage nach seiner Rückkehr Ende No­vember verloben sich Woldemar und Armgard. Am zweiten Weihnachtsfeier­tag besuchen Woldemar und Armgard gemeinsam mit Melusine den alten Stechlin.31 Ende Februar findet in der Berliner Garnisonskirche die Trauung statt, und bereits nach dem Hochzeitsmahl im Haus der Barbys bricht das junge Paar zu einer Italienreise auf. Nach der Rückkehr auf sein Schloß erkrankt der alte Stechlin. Sein Arzt verschreibt ihm ein Medika­ment, doch als der Arzt selbst auf Kur geht und Dubslav mit dessen Stellvertre­ter nicht zurechtkommt, nimmt er lieber die Kräutermedizin der alten Buschen ein, die in dieser Gegend als Hexe gilt. Als seine Schwester Adelheid zu Besuch kommt, greift der alte Stechlin zu einer List und nimmt Agnes, das Pflegekind der Buschen, ins Haus, um sich von ihr pflegen zu lassen. Adelheid ist empört über das uneheliche Kind und reist ab. Wenige Tage danach stirbt der alte Stech­lin. Die Beerdigung findet ohne Wolde­mar und Armgard statt, die sich noch auf ihrer Hochzeitsreise in Italien befinden. Bald nach ihrer Rückkehr nimmt Wolde­mar seinen Abschied vom Militärdienst und zieht mit Armgard auf Schloß Stech­lin.32 Der offene oder verdeckte Mittelpunkt vieler Gespräche ist die Ablösung des Al­ten durch das Neue, genauer formuliert: die Reaktion des Adels auf den Aufstieg der Sozialdemokratie, speziell auf die Frage, wie sich Woldemar dazu stellen wird. Während sein Vater, der alte Dubs­lav, konservativ denkt, ist Woldemars Lehrer, der Pfarrer Lorenzen, fortschritt­lich gesonnen. Mit ihm verbündet sich Woldemars kluge, weltoffene Schwäge­rin Melusine. Diese erklärt im liberalen Stil, der mit Ausnahme von Tante Adel­heid allen Personen des Stücks gemein­sam ist: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“ Und so drückt sich auch in dem Werk „Der Stechlin“ das aus, was Theodor Fontane selbst über seine Arbeit erklärt hat: „Meine ganze Produktion ist Psy­chographie und Kritik.“33 Letztere scheint jedoch durch den vorurteilsfrei­en, duldsamen Erzähler fast gänzlich zu­rückgenommen zu sein und tritt nicht in den Vordergrund.

Anmerkungen

1 Der „Tunnel über der Spree“ war ein 1827 gegründeter literarischer Sonntagsver­ein, der aus jungen Autoren, Studenten, Ärz­ten, Kaufleuten und Offizieren bestand. Zu den namhaftesten Mitgliedern des Vereins gehörten u.a. der Schriftsteller Theodor Storm und der Maler Adolph von Menzel.

2 Vgl. dazu neben vielen anderen Texten den Wikipedia-Artikel „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, URL: de.wi­kipedia.org/wiki/Wanderungen_durch_die_Mark_Brandenburg

3 Zit. n. Enno Stahl: „‚Wanderungen durch die Mark Brandenburg‘. Impressionen eines hauptstadtnahen ‚Landes‘“, deutsch­landfunk.de vom 8. Mai 2014.

4 Theodor Fontane: Der Schleswig-Hol­steinische Krieg im Jahre 1864, Berlin 1866, S. 58.

5 Ebenda, S. 64.

6 Ebenda, S. 90 f.

7 Was liest du?, Vor dem Sturm von Theodor Fontane, URL: wasliestdu.de/theodor-fontane/vor-dem-sturm-0

8 Ebenda.

9 Ebenda.

10 Wikipedia-Artikel „Vor dem Sturm“, URL: de.wikipedia.org/wiki/Vor_dem_Sturm_(Roman)

11 Kurzinhalt, Zusammenfassung „Schach von Wuthenow“ von Theodor Fon­tane, URL: www.xlibris.de/Autoren/Fontane/Kurzinhalt/Schach%20von%20Wuthenow

12 Ebenda.

13 Ebenda.

14 Zunächst 1887 in der „Vossischen Zei­tung“ als Vorabdruck erschienen, kam das Werk 1888 als Buch heraus.

15 Kurzinhalt, Zusammenfassung „Irrun­gen, Wirrungen“ von Theodor Fontane, URL: www.xlibris.de/Autoren/Fonta­ne/Kurzinhalt/Irrungen%20Wirrungen

16 Ebenda.

17 Ebenda.

18 Ebenda.

19 Wolfgang Dvorak-Stocker: Erzählte Gesellschaft. Der Gesellschaftsroman bei Fontane: Irrungen, Wirrungen, Proseminar­arbeit, Wien o. J., S. 18 f.

20 Zit. n. ebenda, S. 21.

21 Wikipedia-Artikel „Stine (Fontane)“, URL: de.wikipedia.org/wiki/Stine_(Fontane)

22 Vgl. dazu Dvorak-Stocker (wie Anm. 20), S. 19.

23 Von Januar bis April 1892 in der „Deut­schen Rundschau“ vorabgedruckt, wurde das Buch Ende 1892 mit der Jahreszahl 1893 ausgeliefert.

24 Kurt Rothmann: Kleine Geschichte der deutschen Literatur, Stuttgart 1984, S. 198.

25 Vgl. zu diesem Aspekt Dietrich Stein­bach (Hg.): Theodor Fontane: „Effi Briest“. Mit Materialien. Ausgewählt und eingeleitet von Hanns-Peter Reisner und Rainer Siegle, Stuttgart 1984, S. 329–332.

26 Ebenda, S. 301.

27 Zit. n. Rothmann (wie Anm. 25), S. 198.

28 Zit. n. ebenda, S. 199.

29 Kurzinhalt, Zusammenfassung „Der Stechlin“ von Theodor Fontane, URL: htt­ps://www.xlibris.de/Autoren/Fontane/Kur­zinhalt/Der%20Stechlin

30 Ebenda.

31 Ebenda.

32 Ebenda.

33 Zit. n. Rothmann (wie Anm. 25), S. 197.

 
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