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So wurde Rothschild zum Schwein gemacht: Die Methoden der „Krone“ in der Liederbuch-Affäre

Die sogenannte „Liederbuch-Affäre“ rund um das Buch „Liederliche Lie­der“ soll von der „Kronen Zeitung“ mit­tels eines selektiven Zitats konstruiert worden sein. Diesen Verdacht äußerte FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl in sei­ner Rede zum „Politischen Martini“ der FPÖ Tirol am 11. November. Als Beleg zitierte er aus dem Lied „Bonifatius Kie­sewetter“, aus dem die „Krone“ einzelne Textzeilen faksimiliert und als Beleg für Antisemitismus präsentiert hatte.

Kampagne gegen Zanger und die steirische FPÖ
Die darauf einsetzende Medienberichter­stattung richtete sich insbesondere gegen den FPÖ-Nationalratsabgeordneten Wolfgang Zanger, der Mitglied in der Schülerverbindung „Pennales Corps Au­stria zu Knittelfeld“ ist, die das Buch im Jahr 2005 geschenkt bekam. Daß er das Buch besaß, führte mittlerweile sogar zu einem Auslieferungsbegehren der Staats­anwaltschaft Leoben, die Zanger als der nationalsozialistischen Wiederbetäti­gung verdächtig führt. Die Berichterstat­tung setzte wohl nicht zufällig kurz vor der der steirischen Landtagswahl am 24. November ein, bei der die FPÖ ein Spit­zenergebnis von fast 27 Prozent zu ver­teidigen hat.

So selektiv zitierte die „Krone“
„Unzensuriert“ liegt der Text aus dem Buch vor, anhand dessen wir die selekti­ve Zitierung durch die „Kronen Zeitung“ nachvollziehbar machen können. (Her­vorhebungen in den folgenden Zitaten durch „Unzensuriert“)
Im ersten Bericht zum„Liederbuch-Skandal“ in der Steiermark druckte die „Kronen Zeitung“ ein Faksimile folgen­den Inhalts:

Rothschild hat das meiste Geld.

Schließlich muss in jedem Fache

einer doch der größte sein,

und so ist auch ohne Zweifel

festgestellt das größte Schwein.

Dieses Zitat wurde von der „Krone“ als Beleg für Antisemitismus angeführt, han­delt es sich bei den Rothschilds doch um eine bekannte jüdische Bankiersfamilie:

Neben NS-Verherrlichung ist auch Anti­semitismus im Buch zu finden:
„Rothschild hat das meiste Geld. Schließ­lich muss in jedem Fache einer doch der Größte sein, und so ist auch ohne Zweifel festgestellt das größte Schwein.“ Die jüdi­sche Bankiersfamilie Rothschild ist Ge­genstand zahlreicher Karikaturen, Hetz­kampagnen und Verschwörungstheorien, die von Judenfeindlichkeit geprägt sind.

Bonifatius Kiesewetter ist das „größte Schwein“
Tatsächlich handelt es sich dabei um ei­nen bewußt gewählten Ausschnitt aus der „Vorgeschichte“ zu dem Lied „Boni­fatius Kiesewetter“. Die ersten vier Stro­phen lauten komplett wie folgt:

Wohlbekannt ist Samson

als der stärkste Mann der Welt,

ebenso besteht kein Zweifel:

Rothschild hat das meiste Geld.

Schließlich muss in jedem Fache

einer doch der größte sein,

und so ist auch ohne Zweifel

festgestellt das größte Schwein.

Midas war der größte Geizhals,

Venus war die schönste Frau,

Bonifatius Kiesewetter

war die allergrößte Sau.

Jeder kennt wohl seinen Namen

Weit und breit im deutschen Land

Bonifatius Kiesewetter

ist der Schweinehund benannt.

Aus dem Zusammenhang wird deutlich, daß nicht Rothschild, sondern Bonifatius Kiesewetter „das größte Schwein“ ist, wie in den beiden folgenden Strophen („allergrößte Sau“, „Schweinehund“) zweimal betont wird. Der Name Rothschild dient hier ledig­lich als Beispiel für Persönlichkeiten, die in ihrem „Fache“ die Größten sind – Rothschild hinsichtlich Reichtum, Sam­son hinsichtlich Stärke, Midas hinsicht­lich Geiz und Venus hinsichtlich Schön­heit.

Wer ist Bonifatius Kiesewetter?
Zu dem Lied „Bonifazius (hier: Bonifati­us) Kiesewetter“ findet sich ein umfang­reicher Artikel auf Wikipedia, aus dem folgendes hervorgeht:

Bonifazius Kiesewetter (auch Bonifaci­us) ist eine fiktive Gestalt in zotigen Un­sinnsgedichten, die zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs entstanden. Sie ist das Alter Ego ihres Schöpfers Waldemar Dyhren­furth. […] Waldemar Dyhrenfurth soll Mit­glied der Literarischen Gesellschaft „Der Osten“, die Dritte Schlesische Dichterschule gewesen sein, einer Breslauer Vereinigung von (Hobby-)Autoren, die sich auf die großen Zeiten der schlesischen Dichtkunst beriefen (siehe auch: Schlesische Dichterschule, Zwei­te Schlesische Schule). Die Gesellschaft wurde 1859 gegründet und musste im Jahre 1934 unter dem Gleichschaltungs­druck der nationalsozialistischen Herr­schaft ihre Aktivitäten aufgeben. Die spä­ter wie Volksliedstrophen den Originalversen hinzugedichteten Texte kann man zunächst am ehesten den Studentenliedern und der Unsinnspoesie zuordnen. Heutzutage wird man nicht wenige Rezitatoren samt nicht öffentlicher Hörergemeinde auch unter Soldaten (vermutlich aller Ränge), bei Handwerkern, Fuhrleuten und anderen Männergruppen finden.

Rothschild-Strophe aus dem 19. Jahrhundert
Die „Rothschild-Strophe“ entstammt dem Original aus dem 19. Jahrhundert und wird auf Wikipedia als Teil des „Ein­leitungstextes“ in ähnlicher Form zitiert, wobei explizit darauf hingewiesen wird, daß diese Einleitung „in leicht unter­schiedlichen Versionen“ kursiere. Die Auswahl des fünfzeiligen Zitats aus dem Gesamttext durch die „Kronen Zeitung“ im Bild zu dem Artikel, der von Redakteurin Sandra Schieder namentlich gezeichnet ist, erfolgte möglicherweise in der bewußt schädigenden Absicht, die Mittelschülerverbindung „Corps Austria zu Knittelfeld“ und über die dortige Mit­gliedschaft des Nationalratsabgeordne­ten Wolfgang Zanger die FPÖ als Partei und insbesondere ihre aktuell im Land­tagswahlkampf stehende Landesgruppe Steiermark in ein antisemitisches Licht zu setzen.

Auftrag an die Redakteurin lautete: Genau prüfen!
In der Annahme, daß die im „Brief an die Leser“ von „Krone“-Chefredakteur Klaus Herrmann geschilderte Vorge­hensweise bei der Recherche der Causa auch tatsächlich umgesetzt wurde, kann wohl eher ausgeschlossen werden, daß es sich um ein journalistisches „Verse­hen“ handelt.

Unzensuriert,13. November 2019 (gekürzt)

 
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