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Wir Korporationsstudenten, ...

 

... die akademischen und pennalen waffen­studentischen Korporationen, aber auch die konfessionell orientierten Verbindungen sind in Österreich solidarischer Teil einer tief in die europäisch-abendländische Ge­schichte zurückreichenden, historisch gewachsenen studentisch-akademischen Kultur, die sich speziell auf den hohen Schulen im deutschen Sprach- und Kultur­raum entwickelt hat.

Diese Kultur reicht von der „universitas magistrorum et scholarum“ des späten Mit­telalters über die studentischen Orden der Aufklärung, die Corps, die Urburschen­schaft und die deutsche Einheitsbewegung des 19. Jahrhunderts bis herauf zu unseren Korporationen, die im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert im Bereich der Massenuniversitäten zu einer konserva­tiven Randkultur wurden. Einer Kultur, de­ren Sitten und Gebräuche, deren Inhalte und Einstellungen durch den gesellschaftli­chen Wandel im Zuge der Globalisierung für weite Bereiche der Öffentlichkeit unbe­kannt oder gar unverständlich geworden sind. Deren Träger aber bis zum heutigen Tag der festen Überzeugung sind, zeitlose und höchst wertvolle Ideale zu vertreten.

Stolz sind wir auf …

Lebensfreundschaft: Fußend auf der Ge­dankenwelt des Humanismus, der Aufklä­rung und des deutschen Idealismus begrei­fen wir uns als Hort treuer und lebenslan­ger generationenübergreifender Freund­schaft und für die jungen aktiven Mitglieder als Stätte gemeinsamen Lernens und Stu­dierens sowie gemeinsamer studentischer Feiern und Rituale.

Patriotismus: Wir, die österreichischen Waffenstudenten des beginnenden 21. Jahr­hunderts, verstehen uns als bedingungslose österreichische Patrioten, als begeisterte Eu­ropäer bei bewusster Pflege unserer deut­schen Muttersprache und deutscher studen­tisch-akademischer Kulturtraditionen. Die­ser unser Österreich-Patriotismus verpflichtet uns zu hohem staatsbürgerlichen Ethos, zur korrekten Erfüllung unserer staatsbürgerlichen Pflichten – sei es als Wehrpflichtiger, als Staatsdiener oder auch nur als Steuerzahler.

Leistungsbereitschaft: Als engagierte Bürger erbringen wir seit Generationen – häufig als Ärzte, Juristen, Techniker, Mana­ger – beachtliche Leistungen für die Gesell­schaft. Damit haben wir im Laufe von Gene­rationen auch unseren Beitrag zum Aufbau und zum Gedeihen unserer Republik gelei­stet.

Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat: De­mokratie und Meinungsvielfalt, insbeson­dere die Freiheit des Denkens und Redens, sind uns innerhalb unserer Korporationen, aber auch in unserem staatlichen Gemein­wesen, in der Republik Österreich, ein ho­hes Gut. Um dieses demokratische Bewusst­sein leben zu können, bedarf es der Freiheit des Individuums, aber auch des Gemeinwe­sens. Daher ist uns die individuelle freie Entfaltung unserer Mitglieder, aber auch die Freiheit und Souveränität unserer Repu­blik von größter Bedeutung.

Um Demokratie und Freiheit bewahren zu können, bedarf es unseres Erachtens ei­nes starken und respektierten Rechtsstaates.

Studentische Kultur: Da die meisten un­serer Korporationen im Zuge der deutschen Einheits- und Freiheitsbewegung des 19. Jahrhunderts gegründet wurden, an der mit dem Haöhepunkt der bürgerlichen Re­volution von 1848 auch Österreich Anteil gehabt hat, entstammen viele unserer Tradi­tionen und Rituale, insbesondere aber auch ein altehrwürdiger Teil unseres Liedgutes, dieser Zeit.

Die Beschwörung der „deutschen Frei­heit“ und des „deutschen Vaterlands“ im Zuge unserer Rituale und speziell im betref­fenden Liedgut, ist für uns österreichische Korporationsstudenten am Beginn der 21. Jahrhunderts aber längst kein politisches Programm mehr, sondern ausschließlich ei­ne kulturelle Tradition. Ebenso verhält es sich mit unserem Bekenntnis zur deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft, für die unsere österreichische Heimat in der Ge­schichte so wertvolle und zentrale Beiträge geliefert hat.

Die Mensur: Das studentische Fechten, also die sogenannte Mensur, die von vielen unserer Korporationen geübt wird, hat sich zwar historisch aus dem Duellwesen ent­wickelt. Sie ist aber längst zu einem überaus anspruchsvollen, aber keineswegs gesund­heits- oder gar lebensbedrohlichen Initiati­onsritual mit hohem Bindungscharakter für eben diese Lebensbünde geworden.

Überdies hat sie den Charakter eines streng geregelten Kampfsports, der große Selbstüberwindung und Fairness verlangt und in keiner Weise rechtlich bedenklich ist.

Unser stolzes Bekenntnis zu diesen Wer­ten und Idealen und zu den großen Leistun­gen des Korporationsstudententums bei der Entwicklung von Demokratie, konstitutio­neller Freiheit und Rechtsstaatlichkeit in der Geschichte Österreichs und insgesamt des deutschen Sprach- und Kulturraums ist aber nur dann berechtigt, wenn wir auch den Mut haben, die Fehlentwicklungen und die Irrwege unserer Geschichte und unserer Existenz zu benennen.

Unser tiefstes Bedauern gilt …

Chauvinismus: Wenn die frühen Korpora­tionen auf den alteuropäischen Universitä­ten zuerst einmal als „nationes“ und dann in der Folge auf den Universitäten des deut­schen Sprachraums landsmannschaftlich organisiert waren, so war es seit den Befrei­ungskriegen gegen Napoleon der Vater­landsgedanke und ein deutscher Nationa­lismus, der die meisten Korporationen er­fasste. Ein Nationalismus, der auch Gefahr lief, in chauvinistische Überlegenheitsphan­tastereien bis hin zu Herrenmenschen-Allü­ren, Rassismus und Antisemitismus auszu­arteten.

Totalitarismus und Rassismus: Dieser zum Chauvinismus gesteigerte Nationalis­mus und der Rassismus, der auch in den studentisch-akademischen Korporationen entstand, ist später auch Teil der nationalso­zialistischen Ideologie gewesen. Demgemäß sind auch Korporationsstudenten dieser to­talitären Versuchung erlegen und haben entweder als Mitläufer oder sogar als über­zeugte, wenn nicht gar führende Vertreter des nationalsozialistischen Terrorregimes gewirkt.

Zwar wurden die meisten unserer Kor­porationen im Zuge der Gleichschaltung durch das totalitäre System aufgelöst, in vielen Fällen geschah dies aber auch freiwil­lig in der irrigen Überzeugung, dass mit dem Entstehen „Großdeutschlands“ die Existenz der Korporationen überflüssig ge­worden sei.

In diesem Zusammenhang muss man aber auch darauf hinweisen, dass Angehöri­ge unserer Korporationen, speziell Corps­studenten, nicht nur Mittäter des NS-Re­gimes waren, sondern auch führend im Wi­derstand gegen Hitler, konkret beim Atten­tat des 20. Juli 1944, aktiv waren.

Verbrechen des Nationalsozialismus: Dort, wo Mitglieder der Korporationen aber Anteil an den Verbrechen des Nationalso­zialismus hatten, wollen wir dies weder verheimlichen noch verharmlosen. Wir kön­nen es aber rückwirkend auch nicht unge­schehen machen.

Wir können die Geisteshaltungen, die da­zu geführt haben, nur benennen und uns davon distanzieren. Und wir haben die Pflicht, Haltungen und Denkweisen in den Korporationen, die zu diesen Verbrechen geführt haben, kompromisslos zu tilgen.

Dass die Korporationen nach dem Sturz des totalitären NS-Regimes trotz der schrecklichen historischen Hypothek der Beteiligung von Korporationsstudenten an diesem totalitären System nach 1945 wieder erstehen konnten, liegt daran, dass unsere geschilderten Ideale von so hohem zeitlosen Wert sind und dass die neuen Generationen von Korporationsstudenten sich als zwei­felsfreie österreichische Patrioten, gute Staatsbürger und humanistisch fundierte Mitglieder der Gesellschaft erwiesen haben.

Reste von Rassismus und Antisemitis­mus: Dort, wo es allerdings Restbestände von Teilen jenes Ungeistes gab oder mögli­cherweise sogar noch gibt, der zu Rassis­mus und menschenverachtendem Totalita­rismus führte, gilt es, diese zu benennen, sich davon zu distanzieren und für alle Zu­kunft zu unterbinden.

Für demokratiefeindliche, den Prinzipien des Rechtsstaats widersprechende, rassisti­sche oder gar antisemitische Ansichten, Aussagen oder Handlungen darf in unseren Reihen kein Platz sein.

Wir Waffenstudenten fordern auf der Ba­sis dieser Grundsätze, mit Stolz auf unsere historischen Leistungen und zeitlosen Ide­ale, aber auch erfüllt von tiefem Bedauern über die Irrwege und Fehlleistungen in un­serer Geschichte, jenen Respekt der Öffent­lichkeit, der Politik aber auch der Medien, der jeder Gemeinschaft von aufrechten und gesetzestreuen Staatsbürgern gebührt – nicht mehr und nicht weniger. Kollektiven Verurteilungen, Vorverurteilungen und der pauschalen Abqualifizierung gegenüber unseren Korporationen oder einzelnen Mit­gliedern derselben werden wir gemeinsam entschieden entgegentreten.

Der vorliegende Text ist ein Vorschlag für ein Positionspapier, welcher durch einen korporationsstudentischen Arbeitskreis rund um An­dreas Mölzer erstellt wurde.

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com