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Romantische Sozialisten

Der britische Unternehmer Robert Owen (1771–1858) war der Erfinder des Wortes ‚Communism‘. In seiner Fabrik reduzierte er die Arbeitszeit von 14 auf 10,5 Stunden, führte eine Kranken- und eine Rentenversicherung ein und ließ bessere Arbeiterwohnungen bauen. Gleichzeitig modernisierte er den Produktionsvorgang durch die Einführung neuer Techniken. Insgesamt erhöhte sich die Produktivität in seiner Fabrik deutlich, und der Gewinn stieg. Sogar Zar Nikolaus I. und Erzherzog Johann besuchten die zum Musterbetrieb gewordene Fabrik. 1825 ging Owen in die USA, um dort eine nach seinen Prinzipien konzipierte genossenschaftliche Kolonie zu gründen. Dieses Experiment scheiterte rasch, ebenso spätere Versuche Owens in England.
Hätte sich die Arbeiterbewegung auch ohne die Anleitung von Intellektuellen über das Niveau bloßer Maschinenstürmerei hinausentwickeln können?
Der Dominikaner Tommaso Campanella (1568–1639) und der Zisterzienser Joachim von Fiore (1143–1202) gelten als Vorläufer sozialistischer Utopien. Während Fiore vor allem die spirituellen Franziskaner beeinflußte, gingen die Vorstellungen von Tommaso Campanella weit darüber hinaus: In seinem „Sonnenstaat“ sollte es weder Privatbesitz noch Dauerehe geben, auch der Inzest wäre erlaubt, und unfruchtbare Frauen müßten zwangsläufig öffentliche Dirnen werden. Auf Schminken oder Kleidung, die körperliche Nachteile verbirgt, sollte jedoch die Todesstrafe stehen.

Eine Antwort auf die Industrielle Revolution

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts traten neue Faktoren in das politisch-gesellschaftliche Getriebe Europas ein, drei Faktoren, die nicht zufällig gemeinsame Sache machten: der Materialismus, der Sozialismus-Kommunismus, das Entstehen eines industriellen Proletariats. Diese neue Klasse, manchmal nicht sehr genau als Vierter Stand bezeichnet, war der Arbeiter­stand, der sich größtenteils aus Bauernsöhnen ohne Land, aus brotlosen Handwerkern, Bettlern oder verarmten Kleinbürgern zusammensetzte. Man soll aber ja nicht glauben, daß diese Entwicklung einer Verarmungswelle gleichkam.

Von Erik v. Kuehnelt-Leddihn

Es ist vielmehr richtig, daß im Mittelal­ter,1 selbst im 16. und zuweilen auch im 17. Jahrhundert, der Lebensstandard der untersten Schichten keineswegs sehr niedrig war, doch senkte er sich danach, so daß schon im 18. und selbst am An­fang des 19. Jahrhunderts das Bettlerwe­sen auch im Herzen Europas bedrohlich zugenommen hatte. Entgegen einer ver­breiteten Meinung brachte die Industria­lisierung einen geringen, wenn auch kei­neswegs zufriedenstellenden Wohl­stand.2 „Familienlöhne“ gab es aller­dings keineswegs, die Frauen, die Ju­gendlichen und in manchen Fällen selbst die Kinder mußten in das Erwerbsleben einbezogen werden. Die Gewinne aus den industriellen Unternehmen waren anfänglich auch ziemlich hoch, doch leb­te die neue Unternehmerklasse nach heu­tigen Begriffen recht bescheiden. Aktien­gesellschaften waren die Ausnahme, nicht die Regel: Wir haben es hier zu­meist mit Familienbetrieben zu tun. Der Fabrikant hatte in der Regel Köchin, Stu­benmädchen und Kutscher (was kein Lu­xus, sondern eine Berufsnotwendigkeit war). Er praßte in keinem Luxushotel, sein Sohn durfte oft gar nicht studieren und mußte nach seiner Sekundarausbil­dung nur zu oft als Stift hinter einem Schreibpult stehen. In Deutschland war dieser neue Unternehmerstand ganz vor­wiegend evangelisch und sehr oft – wie die reichen Engels im Wuppertal – refor­miert. Das war eine asketische Rasse, die ihre Gewinne in der Regel gleich wieder in den Betrieb steckte. Ihr Spar- und Un­ternehmergeist erreichte es, daß man bei uns die lange Durststrecke heil überque­ren konnte, um dann nach der Mitte des 20. Jahrhunderts trotz zweier verlorener Kriege für die Arbeiterschaft einen bei­spiellosen Lebensstandard zu erreichen.

Doch jede industrielle Gesellschaft muß eine lange Vorbereitungsperiode, ein Fegefeuer durchleiden, bis sie nach den Investitionen mit stets teurer wer­denden Maschinen endlich das Hochpla­teau erreicht, auf dem echte Familienlöh­ne gezahlt werden können. Das sind sehr langwierige, für alle Betroffenen oft auch schmerzliche Phasen.3 Man muß sich aber vor Augen halten, daß nach dem Forschungsstand die Menschheit ca. an­derthalb Millionen Jahre alt ist und – falls wir diese 1.500.000 Jahre mit zwölf Stun­den gleichsetzen – erst zwei Minuten vor zwölf (also in den letzten 5000 Jahren) an einigen ganz wenigen Plätzen der Erde einige ganz wenige Menschen ein Leben führen konnten, das wir nach heutigen Maßstäben als „menschenwürdig“ be­zeichnen dürfen. Man stelle sich nur vor, welch „unmenschliche“ Existenz die Menschen führen mußten: als animalia in­secura,4 also als recht instinktlose, primär auf Verstand und Vernunft angewiesene Wesen, viel schutzloser als die Tiere. In Höhlen oder unter Bäumen lebend, von Insekten zerbissen, von wilden Bestien bedroht, oft hungernd, frierend, die Säuglinge in Massen sterbend, von Kan­nibalen angefallen, durch schwere Ge­burten hinweggerafft – welch entsetzli­ches Dasein! So wissen wir heute, daß im Neolithikum Mitteleuropas von den Menschen, die das Säuglingsalter über­lebt hatten, die Männer im Durchschnitt mit 28 und die Frauen mit 22 Jahren star­ben.5 Nun aber war die Neusteinzeit schon eine relativ fortgeschrittene Epo­che und keineswegs die niedrigste Stufe der Menschheit! Neuzeitliches Elend und auch das Elend der sogenannten Dritten Welt muß man in diesen Perspektiven se­hen und den Ausdruck „menschenun­würdig“ sehr, sehr vorsichtig gebrau­chen.

Umgekehrt müssen wir uns aber auch fragen, ob Charakteristiken, Gebräuche, Verhaltensweisen aus diesen anderthalb Millionen Jahren, die in unserer „hohen“ Kultur und Zivilisation wirklich „gegen­standslos“ geworden sind, vielleicht auch heute noch psychologisch kaum mehr erkannte Forderungen und Hin­weise stellen. Der Krieg, nur um ein Bei­spiel zu nennen (und damit gewisserma­ßen auch die ihm verwandte Jagd), kam stets dem Aggressionstrieb der Männer entgegen. In diesem konnten sie ihn stil­len. Man muß sich da fragen, ob zwi­schen den Terrorbewegungen und den Jugendrevolten einerseits und dem Frie­den des atomaren Gleichgewichts ande­rerseits nicht etwa ein keineswegs so ge­heimnisvoller Zusammenhang besteht.6

Doch kehren wir nun zum nicht weg­zuleugnenden Elend der Arbeiterklasse am Anfang des industriellen Zeitalters zurück. Es ist keineswegs sicher, daß es zu einer echten Arbeiterbewegung (abge­sehen von den Maschinenstürmern) und zur Geburt des Sozialismus auch ohne die Leitung und Anleitung von Intellek­tuellen gekommen wäre. Als Schlüsselfi­gur in dieser Bewegung muß man primär den britischen Fabrikanten Robert Owen erwähnen (der auch das Wort Commu­nism erfunden hatte),7 weiters den fran­zösischen Kaufmann Fourier, den Grafen Saint-Simon, den deutsch-jüdischen Ad­vokatensohn Dr. Karl Marx und den rei­chen Fabrikanten Engels aus Barmen. In ihren Ansichten, ihren Plänen, Ideologi­en und Utopien waren sie keineswegs aus einem Holz geschnitzt. Robert Owen war zweifellos ein rechter Idealist, aber kein systematischer Denker kontinenta­ler Prägung,8 Saint-Simon ein verarmter Aristokrat und Träumer, Fourier ein aus­gesprochener Phantast, Marx ein reiner Theoretiker, dessen dogmatische Über­zeugungen alle längst von der Wirklich­keit widerlegt worden sind, was man auch von Engels sagen kann, obwohl er im Leben ein „Praktiker“ war. Zu erwäh­nen wären auch freiheitliche, dem Anar­chischen zuneigende Syndikalisten wie Pierre-Joseph Proudhon, ein Schriftstel­ler, Korrektor und Autodidakt, der russi­sche Aristokrat Bakunin, der in eine ähn­liche Kerbe schlug, und der deutsch-jüdi­sche Arbeiterorganisator Ferdinand Las­salle, der in seiner Ideologie auch rechts­drallige Aspekte hatte und gar nicht un­logisch den Sozialismus mit der preußi­schen Monarchie verbinden wollte.9

Die Vorläufer: Joachim von Floris und Tommaso Campanella

Wir dürfen aber hier nicht vergessen, daß diese Sozialisten ideologisch-utopische Vorläufer hatten wie Tommaso Campa­nella (1560–1639), einen verschrobenen Dominikaner, der, monastisch beein­flußt, den „Sonnenstaat“ entwarf, und noch früher Joachim von Floris (1143– 1202), einen nicht minder verrückten Zi­sterzienser. Beide waren adeliger Ab­stammung, und beide kamen aus Kala­brien. Die Ideen des Joachim von Floris beeinflußten die Spirituellen Franziska­ner und stifteten ganz große Verwirrun­gen. Die Visionen der beiden Männer hatten überdies einen geradezu apoka­lyptischen Charakter. Die Analogien zwischen den Plänen und Schaubildern dieser beiden Utopisten waren aber nicht zufällig, denn ihr Sozialismus war eine Erscheinungsform des „Monastizismus“, der (gewaltsamen) Anwendung klösterli­cher Ideale auf unschuldige Laien, die (späterhin in der Geschichte) das Pech hatten – wie in der Sowjetunion –, in ei­nem atheistischen Zwangskloster leben zu müssen.

Joachim von Floris teilte, wie dann auch später Fourier, die Weltgeschichte in große Epochen ein. Zuerst kam das Zeitalter des Vaters, dann das des Sohnes (in dem Joachim lebte und predigte), das letzte aber war rein klösterlich, in dem es nur mehr Mönche und Nonnen gab, die das Jüngste Gericht erwarteten. Diese „gnostischen“ Ideen Joachims beeinfluß­ten später Wyclif wie auch Roger Bacon.

Während aber Joachim von Floris in seinem Leben dank der schützenden Hand Friedrichs II., des stupor mundi, keine Schwierigkeiten hatte, stand es an­ders um Campanella, der jahrelang in Gefängnissen schmachtete. In seinem „Sonnenstaat“ gab es einen Monarchen mit einer elitären Führergruppe, aber weder Privatbesitz noch die Dauerehe. Unfruchtbare Frauen wurden automa­tisch öffentliche Dirnen, Schwangere konnten Geschlechtsverkehr mit jeder­mann haben, der Inzest war erlaubt, au­ßer zwischen Müttern und Söhnen, doch Frauen, die sich schminkten, Schuhe mit hohen Stöckeln oder lange Röcke trugen, um ihre häßlichen Beine zu verbergen, wurden als „Lügnerinnen“ hingerichtet. Campanella entkam aber aus dem Ge­fängnis in Neapel, floh nach Paris, wurde von Richelieu als esprit fort geschützt und starb recht symbolisch im Kloster St. Ja­kob in Paris, von dem die Jakobiner spä­ter ihren Namen ableiteten. Doch der „Monastizismus“ mußte früher oder spä­ter seinen religiösen Charakter ablegen, um im echten Sozialismus zu entarten. Auch der jüngere William Morris (1834– 1896) mußte mit seinen klösterlichen Tendenzen brechen, um seinen romanti­schen Sozialismus völlig entwickeln zu können.

Étienne-Gabriel Morelly (1717–1778) wurde auch von der sowjetrussischen Politologie als reiner Interpret des Sozialismus gefeiert. In seinem Idealstaat sollte jeder, der versuchte, das heilige Gesetz der Besitzlosigkeit zu unterlaufen, als Schwerverbrecher lebenslang eingesperrt werden. Alle Kinder müßten dieselbe schulische Ausbildung bekommen (Gesamt-schule) und sollten ab dem fünften Lebensjahr ausschließlich vom Staat erzogen werden. Auf jede Art von Metaphysik und personaler Religion sollte die höchste Strafe stehen.
Wer das irdische Paradies schaffen will, schafft
nur die Hölle auf Erden: Blaise Pascal hielt fest,
daß der Mensch weder ein Engel noch eine Bestie
sei, wer aber die Rolle des Engels zu spielen
gedenke, würde unausweichlich zur Bestie.

Étienne-Gabriel Morelly

Völlig irreligiös war Morelly, von dem wir persönlich so gut wie nichts wissen. Er war sicherlich ein Franzose und veröf­fentlichte seinen Code de la Nature 1755 in Amsterdam. Dieser wurde immer wie­der neu aufgelegt, in unserer Zeit erst wieder von einem kommunistischen Ver­lag in Paris.10 Der Einfluß dieses Mannes auf den Kommunismus-Sozialismus kann nicht hoch genug eingeschätzt wer­den. (Auch Alexis de Tocqueville be­schäftigte sich mit diesem Buch in sei­nem L’Ancien Régime.11) Ursprünglich dachte man, daß Diderot der wahre Au­tor dieser Schrift sei, aber diese Annahme erwies sich schon 1820 als falsch. 1846 er­schien das Buch in einer deutschen Über­setzung in Berlin. V.P. Wolgin, ein sowje­tischer Politologe, nannte im Vorwort der Pariser Ausgabe im Jahre 1953 Morel­ly einen „reinen Interpreten des Sozialis­mus“. Dieses Urteil kann man ohne Zau­dern unterschreiben.

Der wichtigste Teil dieses kleinen Wer­kes ist der vierte, in dem für den idealen Staat ein „Modell der Gesetzgebung im Einklang mit der Natur“ beschrieben wird. Das Gesetz No. I,2 besagt, daß „je­der Bürger auf öffentliche Kosten er­nährt, behaust und angestellt wird“. Kei­ne Waren dürften getauscht, gekauft oder verkauft werden (II,6). Es sollte klei­ne Gefängnisse und größere Zuchthäuser geben. In letzteren, inmitten von Fried­höfen, sollten hinter dicken Mauern und eisernen Gittern all jene Schwerverbre­cher lebenslänglich eingesperrt werden, die das heilige Gesetz der Besitzlosigkeit zu durchbrechen suchten. Sie sollten „den bürgerlichen Tod sterben“ (III,2). Die Größe der Städte und der Häuser sollte überall ungefähr die gleiche sein (IV,2 und 3). Jedermann sollte zwei Uni­formen besitzen: eine für die Arbeit und die andere für die Feiertage. Eitelkeit müsse unterdrückt werden. Die Gesetze dürften nicht geändert werden. Alle Kin­der müßten dieselbe Schulung bekom­men. (Einheitsschule; Gesamtschule!) Die schwersten Strafen aber erwarteten alle jene, die metaphysische Lehren vor­trugen oder der Gottheit menschliche Charakteristiken geben wollten (X,3). Die Lehrfreiheit dürfe es nur für die Natur­wissenschaften geben, nicht aber für die Geisteswissenschaften (XI,5). Der Privat­besitz wird restlos abgeschafft, die Ehe obligatorisch, aber der Ehebruch streng­stens bestraft (XII,3). Die Kinder würden den Eltern im 5. Lebensjahr weggenom­men, aber gelegentliche Kontakte in der Schulzeit würden großzügig erlaubt (X,4). So also sah die „Natur“ im Kopf des Monsieur Morelly aus, doch was die Kinder betrifft, so war diese Planung identisch mit jener des Marquis de Sade („die Kinder gehören alleinig dem Vater­land“), mit jener Chruschtschows und im Grunde auch der Nationalsozialisten. Die politische Struktur dieses netten Ide­alstaates beruhte auf Räten, also auf „Sowjets“.

Das irdische Paradies – die Hölle auf Erden

Es besteht kein Zweifel, daß Babeuf das Werk Morellys kannte, aber auch Henri de Saint-Simon schöpfte aus dieser Quelle. Saint-Simon (aus dem Haus der Herzöge von Saint-Simon), unglücklich verheiratet, geschieden, plötzlich ver­armt und dann von seinen ehemaligen Kammerdiener behaust und ernährt, wandte sich als erster der neuen Arbei­terklasse zu. Die Güte seines Dieners überzeugte ihn davon, daß die Unter­schichten ein besseres Herz hätten als die Bourgeois oder die Aristokraten. Er ver­öffentlichte recht naiv eine Zeitschrift, die an Industrielle adressiert war, und wandte sich auch an Ludwig XVIII. Zweifellos war dieser Mann, der eine kurze Zeit hindurch Auguste Comte, den Schöpfer des Positivismus, als Sekretär angestellt hatte, ein waschechter Idealist. In seinem Nouveau Christianisme schlug er die Schaffung einer sozialromanti­schen Religion mit einer weltumspan­nenden Hierarchie vor, die ein Evangeli­um der brüderlichen Liebe verkünden sollte.

Einer seiner Jünger, Barthélémy Prosper Enfantin, war zusammen mit Ar­mand Bazard ein Begründer des „refor­mierten Saint-Simonismus“. Später er­nannte er sich selbst zum Père, zum Vater der „Saint-Simonistischen Kirche von morgen“. Schließlich predigte er auch die „totale Emanzipation des Fleisches“, mit anderen Worten: die volle Promis­kuität. Da aber trennte sich Bazard von ihm. Enfantin, der wahrhaftig ein Infanti­list war, errichtete dann in Menilmontant (Paris) ein „Kloster“ mit einem eigenarti­gen Habit, Weibergemeinschaft und ge­meinsamer Arbeit, doch da mischte sich die Polizei ein, und die „Familie“, wie sie sich nannte, wurde zerschlagen.

Man muß aber auch andere Vorläufer des Sozialismus und Kommunismus er­wähnen, und zwar noch aus dem 18. Jahrhundert, so zum Beispiel Jacques Pierre Brissot de Warville, einen Girondi­sten aus der Französischen Revolution, der überzeugt war, daß alle Leute ein gleiches Einkommen haben sollten, das nur die einfachsten Ausgaben deckt. Er ist einer der typischsten Vertreter des „demokratischen Sozialismus“. Auch der Abbé de Mably (1709–1785), mit wirkli­chem Namen Gabriel de Bonnot, der ein Bruder des Philosophen Étienne Bonnot de Condillac war, gehört hierher. Dieser Abbé wurde 1771 mit Rousseau nach Po­len eingeladen, um dem Land eine neue Verfassung zu geben. In vielen Werken propagierte er eine „Sozialdemokratie“. Zwar war er nur ein Salonabbé ohne wahre Berufung, doch war er auch ein ty­pischer Vorläufer unserer „Linkskatholi­ken“, die dem Edenismus huldigen, also dem Drang, ein irdisches Paradies zu entwerfen, in dem aber die Menschen Heilige oder Engel sein müßten. Hier sollte man sich an die warnenden Worte Pascals erinnern, daß der Mensch weder ein Engel noch eine Bestie sei, wer aber die Rolle des Engels zu spielen gedenkt, unausweichlich zur Bestie wird.12

Der sozialistische Utopist François Charles Marie Fourier wollte die Gesellschaft in Gruppen von je ca. 1600 Menschen einteilen, die zusammen leben, arbeiten und wohnen sollten. Für diese erstellte er einen detaillierten Stundenplan: Zwei Stunden täglich sollen für die Arbeit genügen, der Rest dient dem Jagen, Lesen, Angeln und Champagnertrinken. Nächtens herrscht freie Sexualität, jeder schläft mit jedem, Zweierbeziehungen sind nicht vorgesehen. Trotz der geringen täglichen Arbeitszeit sollte es möglich sein, so gewaltige Projekte wie die Fruchtbarmachung der Sahara oder die Parfümierung des nördlichen Eismeeres zu bewerkstelligen. Auch würde ein riesiger Löwe gezüchtet werden, der als überdimensionales Reittier dienen könnte. Besonders großen Wert legte Fourier in seiner Utopie auf eine erlesene Küche.
Auch die kommunistischen Führer waren von Fourier beeinflußt, so nahm Friedrich Engels oben
an, daß der Mensch im Kommunismus alles wissen und alles können werde und Trotzki unten
behauptete, daß sich der menschliche Durchschnitt in der kommunistischen Zeit auf das Niveau eines Aristoteles, eines Goethes und eines Marx erheben werde.

François Fourier und seine Jünger

Der interessanteste dieser Träumer am Anfang des vorigen Jahrhunderts, der uns eine ebenso präzise wie auch restlos unverwirklichbare Utopie schenkte und somit den Irrealismus und Wahnsinn so richtig in den neueren Sozialismus ein­führte, war aber wohl François Charles Marie Fourier. Die Gesellschaft sollte nach seinem Plan in Phalanster eingeteilt werden, in denen sich viel Sex, wenig Ar­beit und wenig Schlaf mit kolossal viel Romantik und spielerischer Zerstreuung abwechselten. Die Phalanster, klo­sterähnliche Gebäude, beherbergten an die 1600 Menschen, was an Morellys „Stämme“ erinnert. Alle Phalanster soll­ten wirtschaftlich unabhängig sein, jeder mit seinen Feldern und Arbeitsstätten. Doch in der Vision Fouriers feierte der paranoide Utopismus wahre Orgien. Da der Wahnsinn eine Synthese von eiskal­tem Verstand und einer von aller Wirk­lichkeit losgelösten Phantasie ist, stehen wir bei Fourier dem Irrsinn in einer sehr reinen Form gegenüber. Überraschen­derweise (oder eigentlich gar nicht so Fou­riers Ideen doch recht beeindruckend und auch nachhaltig. Immer wieder wur­den Anstrengungen gemacht, den Traum dieses Commis Voyageur zu verwirkli­chen. Russen passionierten sich dafür nicht weniger als Amerikaner.

Fourier ist wirklich ein interessanter Fall, denn wir begegnen hier einem wahrhaft geistig Kranken, so Kranken, daß seine Exegese der Vergangenheit und seine Pläne für die Zukunft auch ei­nen neurotischen Intellektuellen wie Marx begeistern mußten. Fourier „nahm an“, daß die Erde einmal einen zweiten Satelliten hatte, der Phoebe hieß und dann auf die Erde herabstürzte. Die Zer­störungen und Verwirrungen infolge dieser Naturkatastrophe bewirkten das Entstehen von 150 neuen Schlangenarten und 43 Rassen von Wanzen. Fourier be­stand auch darauf, daß die Bewohner der Planeten und die solariens, die um die Sonne herum lebten, ein Körperorgan hatten, das die Menschen hier auf Erden nicht besaßen. Dieses Glied hatte die fol­genden Eigenschaften: Schutz gegen das Umfallen, kraftvolle Verteidigung, herr­licher Schmuck, gigantische Kraft, beach­tenswerte Geschicklichkeit und Hilfe bei allen anderen Bewegungen des Leibes. Seiner Beschreibung nach mußte dieses Organ ein Rüssel oder ein Schweif sein, und man kann sich vorstellen, welch wunderbare Karikaturen der solariens da­mals den Weg in die Zeitungen und Zeit­schriften fanden. Die Geschichte aber wurde in die folgenden Phasen einge­teilt:

A) Die Vorgeschichte.

1) Menschenlos.

2) Paradiesisch.

3) Tatenlos.

B) Geteilte Betätigung.

4) Patriarchalismus oder Kleinfa­brikation.

5) Barbarismus oder mittelindu­striell.

6) Großindustriell („Zivilisation“).

C) Vereinte Industrie.

7) Garantismus oder Halbvereini­gung.

8) Soziantismus oder einfache Ver­einigung.

9) Harmonie oder Vollvereinigung.

In der „Harmonie“ (das Endziel) wird die Erde in 60 Reiche von ungefähr glei­cher Größe aufgeteilt. Sie haben keine Armeen und führen nur wirtschaftliche und technische Aufgaben durch. Das Ge­schlechtsleben kennt keine Begrenzun­gen oder Bindungen. Täglich und nächt­lich gibt es neue Partnerschaften.

Die wahre Einheit ist der Phalanster, in dem das intensivste Gesell­schaftsleben stattfindet. Man schläft von zehn Uhr nachts bis drei Uhr früh, bis vier Uhr wäscht, kleidet und putzt man sich, um für die Morgen­versammlung richtig vorbereitet zu sein. Dort wird dann die Nacht­chronik vorgelesen, die einem berichtet, wer mit wem geschlafen hat. Da­mit wird auch die gesun­de Neugier befriedigt. Eine halbe Stunde später wird die délite, das erste Frühstück, eingenom­men, dem die Industrie­parade nachfolgt. Um fünf Uhr früh geht man dann auf die Jagd und um sieben Uhr geht man fischen. Von acht bis neun wird erst rich­tig gefrühstückt, während um neun Uhr die Zeitungen verteilt und gelesen wer­den. Um zehn Uhr ist ein Gottesdienst angesetzt. Bis elf Uhr kann man den Fa­sanen zuschauen, während die Zeit nach elf Uhr für die Bibliothek und ein wenig Arbeit eingeräumt wird. Die Hauptmahl­zeit ist um ein Uhr, worauf man sich zu den Glashäusern, den exotischen Pflan­zen und den Fischteichen begibt. Wieder wird ein bißchen gearbeitet, aber nur ein bißchen, denn um sechs Uhr fängt ein Champagnergelage an, gefolgt von ei­nem Besuch bei den Merino-Schafen. Um acht Uhr ist Börsenzeit, Abendessen um neun und dann tanzt man bis zehn. Dann, nach diesem erschöpfenden Ta­geswerk, geht’s marsch ins Bett!

Kurioserweise war Fourier auf seine Art und Weise „gläubig“. Der gute Mann war überzeugt, daß der liebe Gott den Menschen mit Leidenschaften, aber nicht mit viel Vernunft ausgestattet hatte. Die­se war zudem nur rein-menschlich. Da­her sollte man den Leidenschaften nicht widerstehen, sondern sie lediglich klug ins Spiel bringen. Zum Unterschied von den späteren Sozialisten-Kommunisten war jedoch Fourier ein Epikureer und kein Asket. Als guter Franzose legte er in seiner Utopie großen Wert auf eine erle­sene Küche, die von „Gastrosophen“ ge­leitet werden sollte. Natürlich sollte es in „Harmonie“ eine Einheitsschule (Gesamtschule) geben und außerdem für die Kinder zwei Ver­bände: die „Kleinen Banden“ zu zwei Dritteln aus kleinen Mädchen und zu ei­nem Drittel aus sanften Buben und dane­ben die „Kleinen Horden“ in umgekehr­ter Ratio. Letztere sollten „tatarische Ko­stüme“ tragen, die so bunt wären, daß schließlich die „Kleinen Horden“ wie Tulpenfelder aussähen. Die „Kleinen Horden“ hatten eine sehr noble Aufgabe:

über die richtige Aussprache und Ortho­graphie der Erwachsenen zu wachen! Die „Kleinen Banden“ aber sollten – da Kinder doch so gerne mit Schmutz spie­len! – als Müllsammler figurieren. Die Adoleszenten hingegen, je nach dem Grad ihrer Geschlechtstriebe, sollten in Vestalinnen und Vestalen, in Damoiselles und Damoseaux eingeteilt werden.

Mit ihren Arbeitsarmeen (wiewohl sie nur an die zwei Stunden per diem im Ein­satz waren) sollten gewaltige Projekte ausgeführt werden. Eine vordergründige Aufgabe war der Suez- und der Panama- Kanal, eine weitere die Fruchtbarma­chung der Sahara. Außerdem sollte das nördliche Eismeer parfümiert werden. Durch Zuchtversuche sollte man die Schöpfung um einen „Antilöwen“ berei­chern, ein herrliches, zahmes und „elasti­sches Haustier“, dreimal so groß wie die vorsozialistischen Löwen, auf dessen Rücken man von einer Ecke Frankreichs in die andere galoppieren konnte. „Wie herrlich, in einer Welt leben zu dürfen, in der es so wunderbare Dienstleistungen gibt“, schrieb Fourier dazu. Wir wollen dem Leser das Résumé von hunderten von Seiten ersparen, in denen sich der gute Fourier in paradiesischen Schaubil­dern erging. Man wäre dabei nur zu leicht versucht, einzuwenden, daß sich der „utopische“ vom „wissenschaftli­chen“ Sozialismus scharf unterscheide, daß zwischen beiden ein Abgrund gäh­ne, doch wäre eine solche Annahme höchst irrig.

Friedrich Engels in seinem Anti-Düh­ring pries Fourier in den höchsten Tönen, besonders aber für seine Haltung den Frauen gegenüber wie auch für die Ge­schicklichkeit, mit der er die „Dialektik“ handhabe. In dieser Beziehung verglich Engels Fourier mit Hegel, dessen Zeitge­nossen.

In den Revolutionsjahren 1848/49 spielte Victor Considérant, Fouriers wichtigster Jünger, eine große Rolle als Helfer des Oberdemagogen Ledru-Rol­lin.13 Considérant war früher ein Student der sehr elitären École Polytechnique ge­wesen und wurde Chefredakteur von La Phalange nach dem Tode Fouriers. Er überredete einen reichen Engländer, ei­nen Phalanster in Condé-sur-Vêgre in Zentralfrankreich zu finanzieren. Dieses Unternehmen brach aber genauso wie die Zeitschrift zusammen. Diese aber wurde durch La démocratie pacifique er­setzt. Doch Considérant schrieb auch fast so phantastische Bücher wie Fourier, und dennoch wurde er 1848 und wiederum 1849 in die Assemblée Nationale gewählt, war also genügend verrückt, um auch populär zu sein und Stimmen zu bekom­men. Er floh dann über Belgien in die Vereinigten Staaten, um in Texas einen weiteren Phalanster einzurichten, der „Réunion“ genannt wurde und sich bei San Antonio in Texas befand. Auch die­sem Unternehmen war aber ebenso wie drei von seinen Jüngern in den USA ge­starteten Projekten kein Erfolg beschie­den. 1869 wurde ihm erlaubt, nach Frankreich zurückzukehren, wo er 1893 im Alter von 85 Jahren starb.

Nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Rußland hatte Fourier seine begeisterten Verehrer. Das sieht man schon bei der Lektüre von Dosto­jewskis Die Dämonen (Bjessy). Selbst Alex­ander I. hatte Fourier gelesen, und Bje­linskij war von ihm zutiefst beein­druckt.14 So auch Alexander Herzen, der sowohl in Saint-Simon als auch in Fou­rier Vorläufer des wissenschaftlichen So­zialismus sah. Im „Ungarischen Faust“, dem dramatischen Schauspiel von Imre Madách, Az Ember Tragédiája („Die Tra­gödie des Menschen“), figurieren die Phalanster als Symbole des Sozialis­mus.15

Doch auch Nikolaj Gawrilowitsch Tschernyschewskij, der Sohn eines Prie­sters, war in seinem Denken von Fourier geprägt worden. Sein programmatischer Roman Schto djélatj? („Was tun?“) steht geistesgeschichtlich am Anfang des rus­sischen Bolschewismus.16 Zwar findet man in diesem Buch nur einen schlau maskierten Hinweis auf Considérants La destinée sociale, aber der Fourierismus ist trotzdem überall bemerkbar. Lenin war ein großer Bewunderer Tschernyschews­kijs und nannte die wichtigste seiner Kurzschriften ebenfalls Schto djélatj?17 Ein anderer großer Fourierist war der Exilrusse und Edelmann Peter Lawrow, der in Frankreich lebte.

Kurioserweise war Fourier auf seine Art und Weise „gläubig“. Der gute Mann war überzeugt, daß der liebe Gott den Menschen mit Leidenschaften, aber nicht mit viel Vernunft ausgestattet hatte. Die­se war zudem nur rein-menschlich. Da­her sollte man den Leidenschaften nicht widerstehen, sondern sie lediglich klug ins Spiel bringen. Zum Unterschied von den späteren Sozialisten-Kommunisten war jedoch Fourier ein Epikureer und kein Asket. Als guter Franzose legte er in seiner Utopie großen Wert auf eine erle­sene Küche, die von „Gastrosophen“ ge­leitet werden sollte.

Natürlich sollte es in „Harmonie“ eine Einheitsschule (Gesamtschule) geben und außerdem für die Kinder zwei Ver­bände: die „Kleinen Banden“ zu zwei Dritteln aus kleinen Mädchen und zu ei­nem Drittel aus sanften Buben und dane­ben die „Kleinen Horden“ in umgekehr­ter Ratio. Letztere sollten „tatarische Ko­stüme“ tragen, die so bunt wären, daß schließlich die „Kleinen Horden“ wie Tulpenfelder aussähen. Die „Kleinen Horden“ hatten eine sehr noble Aufgabe:

Pierre-Joseph Proudhon (1809–1865) fürchtete mächtige Unternehmen genauso wie den zentralistischen Staat als Feinde der Freiheit und neigte dem Anarchismus zu. Konservative werden in seinen Schriften aber viele Anregungen finden. Proudhon führte ein selbstloses Leben, das von hohen Idealen und großer Menschenliebe bewegt wurde.
Erik v. Kuehnelt-Leddihn
Die falsch gestellten Weichen
Der Rote Faden 1789–1984
568 Seiten, geb. unveränderte Neuauflage
Ares Verlag 2019, € 42
Erik v. Kuehnelt-Leddihn
Gleichheit oder Freiheit?
Demokratie – ein babylonischer
Turmbau?
462 Seiten, geb.unveränderte Neuauflage
Ares Verlag 2019, € 36

Die psychopathischen Ursprünge des Sozialismus

So sehen wir, wie schon am Anfang des Sozialismus der methodische Wahnsinn stand, wie ja jeder Egalitarismus, der wissentlich und willentlich die menschli­che Ungleichheit ganz einfach nicht zur Kenntnis nimmt, psychopathische Züge trägt – was auch Sigmund Freud sehr klar sah.18 Und man sage uns da nicht, daß der „wissenschaftliche“ Sozialismus den Irrsinn des romantischen Sozialis­mus innerlich überwunden hätte! So kann man deutlich bei Engels lesen, daß der Mensch im Kommunismus alles wis­sen und alles tun wird. Aus Fähigkeiten wird eine Lust und keine Last.19 Ein Ein­zelfall? Auch Trotzki stieß in dasselbe Horn und prophezeite: „Der menschli­che Durchschnitt wird sich bis zum Ni­veau eines Aristoteles, Goethe, Marx er­heben. – Über diesen Berggrat werden sich neue Gipfel erheben.“20 Antonio La­briola, der italienische Sozialistenführer, redete nicht anders: „Die Talente werden an jeder Straßenecke stehen und die Pla­tos, Brunos und Galileis in Scharen her­umlaufen.“21 Ungeheuerlich – und doch auch nicht so außerordentlich überra­schend, wenn man bedenkt, daß in der Regierungsform, die uns die Französi­sche Revolution beschert hat und mit der wir immerhin in einem Fünftel der Welt belastet sind, weder Wissen, noch Cha­rakter, noch Erfahrung, noch Moral eine Rolle spielen, sondern lediglich eine ega­litäre Arithmetik und als neuester Faktor zusätzlich der telegene Aspekt der Kan­didaten. Wollte man diese Verfahrens­weise in der Familie, den Banken, den Armeen, den Schulen, Kirchen, Spitälern, Fabriken, Gefängnissen oder Hotels ein­führen, würde man sofort auf seinen Gei­steszustand untersucht werden. Warum also sollte dieses System sich auf der po­litischen Ebene viel besser bewähren?

Proudhon, der konservative Sozialist

Der französische Fourierismus kam dank der Schriften und Ideen eines Mannes zum Erlöschen, der unglücklicherweise von Marx verdrängt wurde – von Pierre- Joseph Proudhon. Wie Fourier in Besan­çon geboren, entstammte er den Unter­schichten. Sein Vater arbeitete als Faßbin­der in einer Bierbrauerei, er aber zuerst am Feld, hatte dann das Glück, in einem (katholischen) collège aufgenommen zu werden, wo er Lateinisch, Griechisch und Hebräisch lernte. Er verlor aber bald seinen Glauben und wurde Sozialist. Doch auch in seinem Atheismus, der sich gegen Ende seines Lebens verflüchtigte, hatte er zum Unterschied von Marx eine echt humanistische, wenn nicht meta­physische Weltschau. Auch war er ein „Personalist“, ein „Distributist“ eher denn ein Kollektivist und stand auch der Demokratie äußerst kritisch gegenüber. Zwar fürchtete er die Riesenunterneh­men, aber auch nicht weniger den zentra­listischen Staat, und zwar beide als Fein­de der Freiheit. Ein Konservativer wird in den Schriften Proudhons erstaunlich viel Rüstzeug für seine Ideologie finden, und hätte sich Proudhon in Kreisen der Rechten bewegt, würde er vielleicht sei­ne linken Überzeugungen bald verloren haben. Henri de Lubac SJ schrieb ein aus­gezeichnetes Buch Proudhon et le christia­nisme.22 Constantin Frantz, der große deutsche Konservative, konnte seine Bewunde­rung für Proudhon nicht verbergen und be­dauerte, daß er einen „Französischen Radika­len“ zitieren müsse, denn Deutschland, das klassische Land der Denker, sei unfruchtbar geworden.23 Proudhon andererseits war über­zeugt, daß sein Frank­reich ein „Land der Mit­telmäßigkeit“ war.

Wir möchten hier nur einige Stellen aus den Schriften Proudhons zi­tieren, um zu zeigen, wie seine Anschauun­gen mit den soziali­stisch-kommunisti­schen Thesen, die dikta­torisch, zentralistisch und demokratisch waren, in Konflikt ge­raten mußten. Also hören wir:

„Die Februarrevolution (1848) hat das Klassenwahlrecht abgeschafft, aber da­mit ist der demokratische Puritanismus noch immer nicht zufriedengestellt. Eini­ge wollen das Wahlrecht auch den Frau­en und Kindern geben. Andere protestie­ren gegen die Entziehung des Wahlrechts bei den Bankrotteuren, entlassenen Ver­brechern und Zuchthäuslern. Man muß sich wundern, daß sie nicht Pferden und Eseln das Stimmrecht geben wollten.“24

„Die Demokratie ist die Staatsform oh­ne Grenzen.“25

„Geld, Geld und wieder Geld – das ist der Lebensnerv der Demokratie.“26

„Die Demokratie ist teurer als die Monarchie, sie ist mit der Freiheit unver­einbar.“27

„Die Demokratie ist nichts als die Ty­rannis der Mehrheit: sie ist die allerab­scheulichste Tyrannei, denn sie ruht we­der auf der Autorität eines Monarchen noch auf dem Adel einer Rasse oder auf den Privilegien von Besitz oder Talent. Ihre Grundlage sind Zahlen und Ziffern und ihre Maske der Name des Volkes.“28

„Die Demokratie ist die Aristokratie der Mittelmäßigkeit.“29

„Die Autorität, die in der Monarchie das Prinzip des Regierens ist, wird in der Demokratie das Ziel der Regierung.“30

„Das Volk wird dank seiner Minder­wertigkeit und seines Elends stets die Stoßtruppe für Freiheit und Fortschritt sein – aber aufgrund seines Unwissens und der Primitivität seiner Instinkte, der Dringlichkeit seiner Bedürfnisse und der Ungeduld in seinen Wünschen wird es immer einfache Formen der Autorität su­chen. Es kümmert sich keinesfalls um Rechtsgarantien, von denen es keine Ah­nung hat […], es hat Vertrauen in einen Führer, dessen Ziele es zu kennen glaubt […], diesem Führer gibt es Autorität oh­ne Grenzen und eine unwiderstehliche Kraft […]. Das Volk glaubt nicht an Prin­zipien, die allein es retten könnten: Es fehlt ihm völlig die Religion der Ideen.“31

„Die Demokratie ist tatsächlich in ih­rer Essenz militaristisch.“32

„Jeder Staat hat dank seiner Natur die Tendenz, annexionistisch zu sein.endenz, annexionistisch zu sein.“33

„Wenn man sie allein läßt oder wenn sie nicht von einem Tribun geführt sind, werden die Massen nie etwas erreichen. Sie schauen immer in die Richtung der Vergangenheit. Sie haben keine Traditio­nen […], von der Politik verstehen sie nichts als die Intrigen, vom Regieren nur den Vergeud und die bloße Gewalt, von der Justiz nur die Anklagen, von der Freiheit lediglich die Schaffung von Ido­len, die am nächsten Tag wieder gestürzt werden. Der Aufstieg der Demokratie stellt den Anfang einer Ära der Rück­ständigkeit dar, die Nation und Staat umbringen wird.“34

„Nimm die Situation, in der du dich befindest, wie ein Mann an, und über­zeuge dich ein für allemal, daß der der glücklichste Mensch ist, der am besten weiß, arm zu sein.“35

„Meine Anschauungen über die Fami­lie sind dieselben wie die des alten römi­schen Gesetzes. Der Familienvater ist für mich ein Souverän.“36

„Wenn wir sagen: ,das Volk‘37, dann verstehen wir darunter unweigerlich den am wenigsten fortschrittlichen Teil der Gesellschaft, den unwissendsten, den feigsten und den undankbarsten.“38

„Wenn die Demokratie sich auf die Vernunft beruft, dann soll sie sich vor al­lem der Demopädie, der Erziehung des Volkes widmen.“39

„Das zwanzigste Jahrhundert wird ei­ne Periode der Föderationen einleiten, oder die Menschheit wird ein tausend­jähriges Fegefeuer erleiden müssen.“39

Mit diesen und anderen Aussagen mußte Pierre-Joseph Proudhon, der ein Autodidakt war, ein selbstloses Leben führte und von hohen Idealen, von der Liebe viel mehr als vom Haß bewegt wurde, mit einem anderen Denker in Konflikt geraten – mit Karl Marx. Beide waren Sozialisten, aber das Leitmotiv Proudhons (der nicht mit vollem Unrecht oft als Anarchist bezeichnet wurde) war eben doch ein christliches. Für seine Ide­en brachte er die größten Opfer dar.

Sein Buch Système de contradictions éco­nomiques ou Philosophie de la misère (1846) war die Ursache seines Zusammenstoßes mit Marx. Der Bourgeois aus Trier attac­kierte Proudhon in einem wüsten Pam­phlet, La misère de la philosophie. Marx war ein rein intellektualistischer Revolutio­när, der bereit war, über Leichen zu ge­hen, Proudhon ein sensitiver Revolutio­när, dem die menschliche Persönlichkeit am Herzen lag. Wie Henri de Lubac her­vorhob, kam er aus der Franche Comté, einem Teil Frankreichs, der lange unter spanischer Herrschaft stand und spezi­fisch spanischen Einflüssen ausgesetzt gewesen war. Dort blühte auch ganz be­sonders die Liebe zur persönlichen Frei­heit. Marx hingegen kam aus einem ganz anderen gesellschaftlichen, politischen und religiösen Milieu.

Gekürzter Auszug aus dem 1985 erstmals erschienenen Buch „Die falsch gestellten Weichen. Der Rote Faden 1789–1984“ von Erik v. Kuehnelt-Leddihn.
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Anmerkungen

1 Im Mittelalter gab es zwar oft Hungers­nöte, aber das Lebensniveau der Unter­schichten war höher als am Anfang der Neu­zeit. Darüber gibt es Statistiken, u.a. bei C. v. Vogelsang, Gesammelte Aufsätze über sozialpo­litische und verwandte Themata (Huttler: Augs­burg 1886), Bd. 1, „Die Schwarzen Soziali­sten“, S. 462–463. Hier finden wir österreichi­sche Daten; englische Aufstellungen zeigen uns ungefähr dasselbe Bild.

2 Siehe F.A. v. Hayek (Hg.), Capitalism and the Historians (University of Chicago Press, 1954).

3 Das sind Dinge, die von den Ländern der „Dritten Welt“ nicht realisiert werden. Oft klagen sie, durch die Kolonialperiode in ihrer Entwicklung künstlich gehindert wor­den zu sein. Das ist ein so großer Unsinn, daß er von unseren Linksintellektuellen be­geistert wiederholt wird. Demgemäß müß­ten Bhutan, Nepal, Afghanistan, der Iran, Äthiopien und Liberia viel weiter „entwic­kelt“ sein als, sagen wir, Algerien, Tunesien, Nigerien oder Südwestafrika.

4 Die Unterscheidung zwischen dem Menschen als animal insecurum und den Tie­ren als animalia secura hat Peter Wurst in sei­nem Ungewißheit und Wagnis (Anton Pustet: Salzburg 1937) ausgezeichnet beschrieben.

5 Siehe Dietrich Kahlke, Die Bestattungs­riten des donauländischen Kulturkreises der jün­geren Steinzeit, (Rütten und Loening: Berlin- Ost 1954), Teil I, S. 149.

6 Bezeichnend ist es, daß die Terroristen sich gerne als Armee bezeichnen (Sekigunha, Prima Linea, Rote Armee Fraktion, Brigate Ros­se, Irish Rupublican Army) und immer wieder verlangen, nach dem Haager Kriegsrecht be­handelt zu werden. Das sollte man ihnen zu­gestehen und sie daraufhin als nicht-unifor­mierte Franctireure sofort aufhängen.

7 Owen hatte den Ausdruck Communism 1827 geprägt. Siehe Fritz J. Raddatz, Karl Marx, eine politische Biographie (Hoffmann und Campe: Hamburg 1975), S. 92.

8 Burke hatte ganz besonders seine Ab­neigung gegen Abstraktionen bekräftigt. „Ich hasse“, sagte er, „selbst den Laut der Worte, die sie ausdrücken.“ Siehe Émile Boutmy, Essai d’une psychologie politique du peuple anglais au 19e siècle (Armand Colin: Pa­ris 1901), S. 27. Boutmy stellte ihm Royard- Collard gegenüber, der gesagt hatte: „Ich verachte eine Tatsache.“ Hier müßte man auch Hegel erwähnen, dem ein Student erwi­derte, daß die Tatsachen seiner Theorie wi­dersprächen. Hegel sah ihn streng über seine Brille an: „Umso schlimmer für die Tatsa­chen!“

9 Hier sei auch zu bemerken, daß die Ar­beiterklasse nie einen bedeutenden Theoreti­ker des Sozialismus hervorgebracht hatte. Siehe auch meinen Aufsatz „El monasticis­mo“ in der Revista de Occidente, November 1963, S. 178–201.

10 Siehe Anm. 4./11.

11 Siehe Alexis de Tocqueville, „L’Ancien Régime et la Révolution“, in Oeu­vres Complètes, Hg. J.P. Mayer, (Gallimard: Paris 1952), Bd. 2, S. 213–214.

12 Siehe Pascal, Pensées, Edit. Léon Brunschvicg, Chronologie Dominique De­scotes (Garnier-Flammarion: Paris 1976), S. 151, No. 358–678.

13 Der linksradikale Politiker (1807– 1874) Ledru-Rollin wurde berühmt für sei­nen Ausspruch: „Ich bin der Führer dieser Leute, also muß ich ihnen folgen!“

14 Siehe Th. G. Masaryk, Zur russischen Geschichte und Religionsphilosophie (Diede­richs: Düsseldorf-Köln 1965), Bd. 1. S. 215.

15 Von diesem Schauspiel gibt es eine deutsche Übersetzung, die im Wiener Burg­theater vor dem Zweiten Weltkrieg aufge­führt wurde.

16 Meine Ausgabe: Djetgiz: Moskau–Le­ningrad 1950. Vorwort von N. Bogoslowskij.

17 Meine Ausgabe: W. I. Lenin, Schto djé­latj (Izdateljstwo polititscheskoj literatury: Moskau 1970). Originalausgabe März 1902.

18 Siehe Sigmund Freud, Gesammelte Werke (London 1940), Bd. 13, S. 134 f.

19 Siehe Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus. I. Abteilung, Bd. 6. S. 518.

20 Siehe sein Literatur und Revolution (Verlag für Literatur und Politik: Wien 1924), S. 179.

21 Siehe Antonio Labriola, Discorrendo di Filosofia e di Società, 3. Aufl., Hg. B. Croce (La­terza: Bari 1939), S. 103.

22 Siehe Henri de Lubac SJ, Proudhon et le christianisme (Seuil: Paris 1945). Man darf auch nicht vergessen, daß Proudhon „immer zu Gott vorstieß und die katholische Position gegen Feuerbach verteidigte“. Siehe Daniel Halévy, Proudhon d’après ses carnets inédits (1843–1847) (Sequana: Paris 1944), S. 26–27.

23 Siehe Constantin Frantz, Das neue Deutschland (Rossberg: Leipzig 1871), S. 375.

24 Proudhon in einem Brief vom 2. April 1852.

25 Proudhon, „La solution du problème social“, in Oeuvres complètes (Marpon et Flammarion: Paris k. D.), Bd. 6, S. 86.

26 Ibidem. S. 57.

27 Ibidem.

28 Ibidem. S. 56.

29 Ibidem. S. 59.

30 Ibidem. S. 64.

31 Siehe Proudhon, „Du principe fédéra­tif“, in Oeuvres complètes (Rivière: Paris 1959), S. 34–35.

32 Ibidem. S. 376.

33 Ibidem. S. 334.

34 Ibidem. S. 302–303.

35 Proudhon, zitiert von H. de Lubac. Op. Cit. S. 58.

36 Proudhon, zitiert von H. de Lubac, Op. Cit. S. 61 (Brief an Robin, 12. Okt. 1851).

37 Brief an A. Marc Dufraisse, zitiert von Emmanuel Mounier, Liberté sous conditions (Seuil: Paris 1946), S. 213.

38 Ibidem. S. 214.

39 „Du principe fédératif“, S. 355–356.

 

 
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