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Vereintes Tirol als „EUroparegion“ – eine Schimäre

Eine politisches Wunschbild und seine Geschichte

Niemand faßte die Malaise in treffendere Worte als der Landeskommandant der Südtiroler Schützen: Daß er seit nunmehr hundert Jahren zum italienischen Staat gehöre, sei für den südlichen Teil Tirols negativ. Demgegenüber müsse, wer einen ungetrübten Blick auf die Geschichte werfe, das Positive darin erkennen, daß „wir nicht von italienischen Politikern, italieni­scher Verwaltung und italienischen Gewohnheiten, die wir uns angeeignet haben, abhängig waren, als Tirol noch eins war“. Major Elmar Thaler nahm die alljährlich stattfindende Landesgedenkfeier für den Volkshelden Andreas Hofer in Meran zum Anlaß, um „überbordende Gesetze, ausufernde Bürokratie, Schikanen gegenüber Betrieben, Beschlagnahme von Autos, nur weil ein ausländisches Kennzeichen drauf ist“ zu kritisieren, denen seine Landsleute unterworfen seien.

Von Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard Olt

Nicht allein das – als zuvor 30 Zenti­meter Neuschnee und einige Lawi­nen den Verkehr über den Brenner lahm­gelegt hatten, so daß zwischen Innsbruck und Trient (und vice versa) für nahezu 30 Stunden so gut wie nichts mehr ging, ha­be „jeder, egal ob in Nord- oder Südtirol, dem anderen die Schuld gegeben“, sagte Thaler. Zu Recht fragte der ranghöchste Repräsentant des nach wie vor uneinge­schränkt für die Tiroler Landeseinheit einstehenden Südtiroler Schützenbundes (SSB), wo denn in besagter winterlicher Notsituation die angeblichen Segnungen der seit einem Vierteljahrhundert in Sonntagsreden vielbeschworenen „EU­roparegion Tirol“ ihren Niederschlag ge­funden hätten. Fehlanzeige – dieses Ge­bilde existiere lediglich auf dem Papier; es sei bei den Politikern, die stets davon sprechen, noch nicht angekommen, und beim Volk schon gar nicht, resümierte Thaler.

Ein niederschmetternder Befund

Das ist ein niederschmetternder Befund, der von der überwiegenden Mehrheit al­ler Tiroler zwischen Kufstein und Salurn sowie aller Welschtiroler (Bewohner des Trentino) zwischen Kronmetz (Mezzoco­rona) und Borghetto geteilt werden dürf­te, sofern diese überhaupt etwas mit die­sem Begriff respektive dessen schlag­wortartiger Verkürzung „EUregio Tirol“ anzufangen wissen. Diese Skepsis sieht sich in der Umfrage „Jugend und Poli­tik“ des Südtiroler Statistik-Instituts AS­TAT vom August 2017 bestätigt, welche ergab, daß sich lediglich 17,1 Prozent der Personen im Alter bis zum 30. Lebensjahr für die „EUregio-Ebene“ interessier(t)en. Dies wiederum ist Beleg genug dafür, daß besagtes Gebilde ohne inhaltliche Tiefe ist und offenkundig weit unter dem bleibt, wofür es stehen und was es ei­gentlich erbringen soll(te).

Am 1. Januar 1995 war Österreich der Europäischen Gemeinschaft (EG) beige­treten. Damit eröffneten sich neue Chan­cen und Möglichkeiten in der Südtirol- Politik. Die Teilhabe am EU-Binnenmarkt sowie der 1997 vollzogene Beitritt zum Schengener Abkommen beendeten trotz formellen Erhalts der Staatsgrenze zwi­schen den beiden Tiroler Landesteilen das zuvor gängige Grenzregime, womit die historisch stets als „Schandgrenze“ empfundene Teilungskonsequenz aus der durch den italienischen Seitenwech­sel im Ersten Weltkrieg erlangten Kriegs­beute in ihrer Wirkung erheblich an Trennschärfe verlor. Wenngleich der in­stitutionelle Abbau der Grenze eine er­hebliche Erleichterung des Alltagslebens auf beiden Seiten sowie eine Intensivie­rung des grenzüberschreitenden Ver­kehrs zur Folge hatte, ist das damit von der Politik beidseits des Brenners wie im Mantra beschworene „Zusammenwach­sen“ der Landesteile bisher allenfalls ein frommer Wunsch geblieben.

Zusammenwachsen der Landesteile?

Parallel zu den grundstürzenden Verän­derungen, welche nach dem Kollaps des Kommunismus, dem Fall der Mauer in Berlin und der Beseitigung des Drahtver­haus quer durch Europa sowie dem Un­tergang der Sowjetunion und der Auflö­sung Jugoslawiens die politische Geogra­phie neu zeichneten, stellte man in den Landtagen Tirols und Vorarlbergs sowie Südtirols und des Trentino Überlegun­gen an, wie man sich möglichst in institu­tionalisierter Form zunutze machen könnte, was sich – über die nach dem Pa­riser Vertrag von 1946 zwischen Öster­reich und Italien mühsam errungenen sogenannten Accordino-Vereinbarungen (geltend für Tirol, Süd- und Welschtirol) hinaus – an „regionaler Subsidiarität“ bot, wie sie schon EG-Europa begrenzt zuließ. Insbesondere der 1992 unter­zeichnete Vertrag von Maastricht (aus der EWG wurde die EG) schuf mit sei­nem inkorporierten – aber nie politisch konsequent verwirklichten – Konzept ei­nes „Europas der Regionen“ die Voraus­setzungen für das inhaltlich und institu­tionell nur rudimentär ausgefüllte Pro­jekt der „EUregio Tirol“.

Die Idee dazu war am 21. Mai 1991 im Rahmen einer gemeinsamen Sitzung der Landtage der österreichischen Bundes­länder Tirol und Vorarlberg sowie der beiden (seit De Gasperis Verwässerung des Pariser Vertrags von 1946 im 1. Auto­nomiestatut 1948 in einer Region zwangsvereinigten) italienischen Provin­zen Südtirol und Trient geboren worden. Obwohl sich Vorarlberg nach der zwei­ten gemeinsamen Sitzung am 2. Juni 1993 daraus zurückzog, begannen die ent­sandten Delegierten, das Konzept suk­zessiv weiterzuentwickeln. Im Mittel­punkt stand dabei insbesondere die wei­tere Ausgestaltung der grenzüberschrei­tenden Zusammenarbeit. Dies schlug sich im 1996 vorgestellten Statut über die künftige politische Marschroute sowie die institutionelle Ausgestaltung der „EUroparegion Tirol“ nieder.

Rom legt sich quer

Um den von Beginn an vorherrschenden römischen Vorwurf der Sezession zu ent­kräften, bewegte sich die institutionelle Ausgestaltung strikt innerhalb geltender verfassungsrechtlicher Rahmenbedin­gungen sowie auf dem völkerrechtlichen Grundsatz des am 21. Mai 1980 getroffe­nen Madrider Rahmenübereinkommens bezüglich grenzüberschreitender Zu­sammenarbeit von Gebietskörperschaf­ten. Zur Vermeidung von Problemen mit der italienischen Regierung nahm man – zunächst – Abstand von der ursprüngli­chen Idee, die „EUroparegion“ als öffent­liche Körperschaft mit eigener finanziel­ler Ausstattung und Völkerrechtssubjek­tivität einzurichten.

Die Initiatoren erhofften, daß durch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Wirtschaft und Politik nicht nur die wirtschaftliche Prosperität der Regio­nen, sondern damit auch eine Stärkung des Autonomie- und Föderalismusprin­zips auf nationaler und EG-Ebene ein­hergehen würde. Und insbesondere in Innsbruck und Bozen verband man mit der „EUroparegion“ die Hoffnung, daß die Kooperation nicht nur dem soziokul­turellen „Auseinanderdriften“ der Lan­desteile Einhalt gebieten, sondern sogar das Gefühl der gemeinsamen Identität wiederaufleben lassen würde. So berie­fen sich führende Politiker beider Lan­desteile verstärkt auf gemeinsame Her­kunft sowie Identität und begrüßten zu­gleich den faktischen Abbau der trennen­den „Unrechtsgrenze“ im Rahmen der „EUroparegion“.

In der ursprünglichen „EUroparegion Tirol“ glaubte die italienische Regierung pangermanistische Kräfte am Werk zu sehen, die eine Sezession Südtirols von Italien und damit eine Wiederherstellung der Landeseinheit Tirols und eine Aufhebung der nach dem Ersten Weltkrieg gezogenen Grenzen anstrebten. Trotz Hausdurchsuchungen in den Büros von SVP-Abgeordneten konnten dafür aber keine Indizien gefunden werden. Die neue „EVTZ“ wurde von der italienischen Regierung weniger intensiv beeinsprucht; bald zog diese ihre anfänglichen Vorbehalte zurück. Die Südtiroler Landesregierung stufte die „EVTZ“ als „Projekt herausgehobener politischer Priorität“ ein und stellte dafür zusätzliche Mittel bereit. Dennoch muß abgewartet werden, welche Entwicklung die „EUregio Tirol- Südtirol-Trentino“ in Zukunft tatsächlich nimmt und ob sie das Wiederzusammenwachsen der seit hundert Jahren getrennten Landesteile begünstigen kann.
Bei der Landtagswahl 2013 wurden die für die Selbstbestimmung Südtirols eintretenden Parteien der Freiheitlichen und der Süd-Tiroler Freiheit besonders stark (Abbildung links), bei den Landtagswahlen 2018 verloren sie – wohl aus inneritalienischen Gründen – wieder deutlich (Abbildung rechts). In der EU unserer Tage dominieren nationalstaatliche Interessen immer stärker, nicht zuletzt ausgelöst durch die vom Fehlverhalten der deutschen Regierung initiierte Masseninvasion von 2015 ff. Welche Zukunft eine „EUregio“ da haben mag und ob die „EVTZ Tirol“ tatsächlich das langsame soziokulturelle Auseinanderdriften der seit einem Jahrhundert getrennten Landesteile umkehren kann, wird erst die Zukunft weisen.

„Sezessionismus, Irredentismus, Pangermanismus“

Dies führte sogleich dazu, daß von den damaligen italienischen Regierungspar­teien nicht etwa nur die – aus dem neofa­schistischen MSI hervorgegangene – Al­leanza Nazionale (AN) unter Fini, son­dern auch die von Ministerpräsident Sil­vio Berlusconi geführte Forza Italia (FI) immer wieder den reflexartigen Vorwurf des Sezessionismus/Irredentismus erho­ben. Aus anfangs vereinzelten Vorwür­fen entwickelte sich ein breiter Protest­sturm in Rom, der 1995 in einen handfe­sten politischen Konflikt mündete. Aus­löser war die Absicht der drei „EUropa- Regionisten“, ein gemeinsames Verbin­dungsbüro in Brüssel einzurichten, um selbständig und überzeugtermaßen ef­fektiver die eigenen regionalen Interes­sen gegenüber den EG-Institutionen ver­treten zu können. Obwohl Innsbruck ebenso wie Bozen und Trient versicherte, daß man allein föderalistische Absichten verfolge, da das Büro auf ausschließli­cher Grundlage von EG-Rechtsbestim­mungen geschaffen werde, geriet insbe­sondere die Südtiroler Landesregierung ins Kreuzfeuer Roms.

Selbst von höchster Ebene wurden of­fene Vorwürfe oder gar Drohungen ge­genüber der Landesregierung geäußert. So etwa von der Generalstaatsanwalt­schaft in Trient, die die Südtiroler der „zunehmenden Staatsfeind­lichkeit“ bezichtigte. Auch Staatspräsident Luigi Scalfa­ro drohte Bozen offen an, et­waige Sezessionsabsichten stellten einen evidenten Ver­stoß gegen die Verfassung dar und zögen schwerwie­gende Konsequenzen nach sich. Im internen Jahresbe­richt des italienischen Innen­ministeriums wurde das Verbindungs­büro als „provozierend“ und „subver­siv“ eingestuft, und zufolge von Anzei­gen mehrerer rechter italienischer Partei­en, besonders aus deren Südtiroler De­pendancen, wonach mit der „EUropare­gion“ die „Zerstörung der Einheit Itali­ens“ oder „die Rückgliederung Südtirols nach Österreich“ angestrebt würde, wies Ministerpräsident Lamberto Dini die Staatsanwaltschaft in Rom an, den Vor­würfen nachzugehen. Wenngleich selbst Büros von SVP-Abgeordneten durch­sucht wurden, konnten die ermittelnden Staatsanwälte keine Indizien für den Vorwurf des Sezessionismus finden. Schließlich mußte der italienische Verfas­sungsgerichtshof anno 1997 die Recht­mäßigkeit des Büros anerkennen.

Wien verharrt in Passivität

Trotz dieses zwischen 1995 und 1997 das politische Klima zwischen Rom, Trient, Bozen und Innsbruck vergiftenden Kon­flikts vermied es die österreichische Re­gierung, zugunsten der „EUroparegion Tirol“ Partei zu ergreifen, sondern ver­harrte am Ballhausplatz in Passivität. In internen Aktenvermerken der Regierun­gen Vranitzky/Mock bzw. Vranitzky/ Schüssel wurde kritisiert, Bozen und Innsbruck hätten es verabsäumt, Wien in ausreichendem Maße über das Vorhaben in Kenntnis zu setzen. Außenminister Alois Mock sowie sein Nachfolger Wolf­gang Schüssel vermieden es, öffentlich Stellung zu nehmen. Ihre Partei ÖVP be­fleißigte sich der Zurückhaltung, wohin­gegen Grüne und Teile der in großer Ko­alition mit der ÖVP verbundenen Kanz­lerpartei SPÖ sogar offen vor angebli­chen Gefahren eines Wiedererstarkens des „pangermanistischen Nationalis­mus“ warnen zu müssen glaubten. Le­diglich die FPÖ sowie die Schützenver­bände Tirols, Südtirols und Welschtirols sprachen sich geschlossen und eindeutig zugunsten der „EUroparegion“ aus. Die österreichischen Parteien spielten Italien faktisch in die Hände, indem Rom das Projekt mit dem Hinweis darauf, daß FPÖ wie Schützen zuvor offen das Recht auf Selbstbestimmung für Südtirol einge­fordert hätten, als „Föderalismusprojekt von Rechtsaußen“ zu stigmatisieren trachtete, das dem „sezessionistischen Pangermanismus“ diene.

„Aufstand gegen Gleichgültigkeit“

Da es seit der Initiierung eher durch Konflikte mit Rom denn durch signifi­kante politische Erfolge aufgefallen war, erlangte das Projekt erst mit der nomen­klatorischen Prägung „EUroparegion Tirol Südtirol Trentino” wieder ein we­nig Auftrieb, zumal sich die drei Landes­regierungen verstärkt seiner Erweckung aus dem „Dornröschenschlaf” widme­ten. Ziel war die Stärkung der „Achse Innsbruck-Bozen-Trient“ auf kultureller Ebene sowie der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in Politik und Wirt­schaft. Im Kulturellen erhoffte man sich, den seit Jahrzehnten doch recht weit fort­geschrittenen Entfremdungsprozeß süd­lich und nördlich des Brenners zu stop­pen. Obwohl das postulierte Ziel eines „Aufstands gegen die Gleichgültigkeit“ – am 21. Februar 2009 auf Schloß Tirol be­grifflich geprägt vom damaligen Trenti­ner Landeshauptmann Lorenzo Dellai während einer gemeinsamen Sitzung der Landeshauptleute – an sich nicht neu war, erfuhr es in Bozen eine besondere Ausformung. In Anbetracht des Wähler­zulaufs zum oppositionellen Lager der Selbstbestimmungsbefürworter, welcher sich nicht allein in Wahlerfolgen von Süd-Tiroler Freiheit (STF) und Freiheitli­cher Partei Südtirols (FPS) abzeichnete, wollte man mit dem Ausbau der „EUre­gio“ ein alternatives Modell schaffen und möglichst attraktiv machen. So gaben insbesondere SVP und Nordtiroler ÖVP vor, mit der Intensivierung der grenz­überschreitenden Zusammenarbeit wer­de die politische Unabhängigkeit der Landesteile gegenüber Rom, Wien und Brüssel gestärkt, was dazu beitrage, daß die Teilung Tirols im „europäischen Gei­ste“ überwunden werde.

Außenminister Kurz: „Ewiggestrige“

Das Werben mit der politischen „Nord- Süd-Achse“ postulierten die Regierungs­parteien in Bozen (SVP), Innsbruck (ÖVP) und Wien als „einzige realpoliti­sche Alternative“ zur Freistaatslösung, wie sie die oppositionelle FPS vertritt, und zur Wiedervereinigung mit Tirol, mithin der Rückgliederung zu Österreich nach erfolgreicher Ausübung des Selbst­bestimmungsrechts, wie sie die ebenfalls oppositionelle STF auf ihre Fahnen ge­schrieben hat. Zugleich erhoben die Re­gierungsvertreter gegenüber den Selbst­bestimmungsparteien und -befürwortern scharfe Kritik. Diese nannte der damali­ge österreichische Außenminister Seba­stian Kurz (ÖVP) „Ewiggestrige“, die vom „Aufziehen neuer Grenzen“ träum­ten. Zugleich verstörten er und seine ÖVP mit der faktisch die Aufgabe des Selbstbestimmungsverlangens markie­renden (und von der neuen SVP-Füh­rung unter Philipp Achammer sowie Landeshauptmann Arno Kompatscher stillschweigend-freudig gutgeheißenen) Position, wonach mit der Südtirol-Auto­nomie „eine besondere Form der Selbst­bestimmung verwirklicht“ sei.

Hinsichtlich einer besseren funktionel­len Zusammenarbeit in der „EUregio“ vereinbarten nunmehr die drei Landesre­gierungen, die bis dato als „träge“ gel­tenden Entscheidungsprozesse, wie sie etwa im Rahmen der Dreierlandtage gang und gäbe waren, durch neue, effek­tivere und stärker institutionalisierte Me­chanismen zu ersetzen. Wenngleich die Treffen der Landtage – trotz ihres ge­meinsamen Zusammentretens im Zwei- Jahres-Rhythmus – durchaus einen poli­tischen Fortschritt darstellten, war durch das dort geltende Einstimmigkeitsprin­zip die Entscheidungsfindung erschwert. Daher vermied man es im Rahmen dieses Gremiums strikt, politisch heikle The­men auf die Tagesordnung zu setzen. Dies wiederum führte dazu, daß die real­politische Bedeutung der gemeinsamen Landtagssitzungen als sehr gering einzu­schätzen war und diese lediglich einen symbolischen Zweck erfüllten. Deshalb entschieden sich die Landesregierungen am 15. Oktober 2009 zur Einrichtung des „Europäischen Verbunds territorialer Zusammenarbeit“ (EVTZ), um die „EU­roparegion“ mit eigener Rechtspersön­lichkeit und damit auch größerer politi­scher Selbständigkeit auszustatten.

Die „EUregio“ als „EVTZ“

Das Konzept fußt auf der Verordnung 1082/2006 des Europäischen Parlaments und verfolgt dabei Ziel und Zweck, „[…] regionalen und kom­munalen Behörden (und auch nationalen Behörden in kleine­ren oder zentralisier­ten Ländern) sowie öffentlichen Unter­nehmen aus unter­schiedlichen Mit­gliedstaaten die Ein­richtung von Verbün­den mit eigener Rechtspersönlichkeit zur Lieferung ge­meinsamer Leistun­gen“ im Rahmen der grenzüberschreiten­den Zusammenarbeit zu ermöglichen. Die Gründung der EVTZ rief zwar neuerlich Einspruch sei­tens der italienischen Regierung hervor; der Protest fiel jedoch weitaus „gemäßig­ter“ aus als beim ersten Anlauf (s.o.). So trug Rom jetzt lediglich „formelle Beden­ken“ vor und zeigte sich zudem bereit, über das Projekt am Verhandlungstisch zu diskutieren. Bereits nach einigen Kon­sultationen zog sie ihre anfänglichen Vorbehalte zurück und stimmte schluß­endlich zu, so daß der Eröffnung des EVTZ-Büros in Bozen nichts mehr im Wege stand.

Die Aufgabenfelder der „EUroparegi­on“ à la EVTZ sollten nunmehr eine um­fassende politische, wirtschaftliche und soziale Bandbreite abdecken. Dies führte allerdings bereits nach kurzer Zeit zu Be­denken. So befürchtete man sogar in den jeweiligen Landesregierungen, man kön­ne sich dabei, wie schon einmal, politisch übernehmen. Der Südtiroler Landes­hauptmann Arno Kompatscher, sonst eher ein glühender EVTZ-Akteur, befand sogar zu Beginn seiner Amtszeit 2014 nüchtern, daß es der „EUroparegion“ – mit Ausnahme des im Bau befindlichen Brenner-Basistunnels – an großen „politi­schen Leuchtturmprojekten“ fehle, und mahnte, die EVTZ dürfe „nicht wieder nur zu einem Schlagwortprojekt“ ver­kommen. Daher stufte die Südtiroler Landesregierung die EVTZ als „Projekt herausgehobener politischer Priorität“ ein und stellte dafür zusätzliche Mittel bereit.

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Nationalstaatliche Interessen

Nichtsdestotrotz bleibt abzuwarten, wel­che Entwicklung die „EUregio Tirol-Süd­tirol-Trentino“ in Zukunft tatsächlich nimmt, und es muß sich auch erst noch herausstellen, ob damit tatsächlich das Wiederzusammenwachsen der seit hun­dert Jahren getrennten Landesteile be­günstigt werden kann. Skepsis ist ange­sichts des eingangs (mit Bezug auf das winterlich bedingte Verkehrschaos) ge­schilderten Zuständigkeitsproblems schon im Kleinen angebracht. Und wenn es um größere Bedürfnisse geht, welche nationalstaatliche Interessen unmittelbar berühren, bleibt von der hehren „EUre­gio“ wenig mehr als ein matter Schein.

Das zeigte sich in aller Deutlichkeit 2016, als Österreich im Zuge der „Flücht­lingskrise“, die infolge politischen Fehl­verhaltens und selbstzerstörerischer Willkommenssignale in Wahrheit einer Masseninvasion überwiegend junger Männer aus zuvorderst muslimisch ge­prägten nah- und fernöstlichen sowie afrikanischen Ländern glich, ernstlich er­wog, nach der vom damaligen Außenmi­nister Kurz maßgeblich zustande ge­brachten Unterbindung des Zustroms über die Balkan-Route auch jenen über die stark frequentierte Italien-Route durch Wiedereinführung von (auch mit militärischen Mitteln unterstützten) Brenner-Kontrollen zu stoppen. Was je­doch unterbleiben konnte, da Rom tat­sächlich zur Abkehr von zuvor eher la­xem „Durchwinke“-Verhalten bewogen werden konnte. Die aus der vorgezoge­nen Parlamentswahl im März 2018 her­vorgegangene und bereits nach 17 Mona­ten (im August 2019) zerbrochene 65. Nachkriegsregierung aus der linken Fünf-Sterne-Bewegung und der rechten Lega betrieb – gemäß dem vom einstigen königlichen Regierungschef Antonio Sa­landra 1915 beim Kriegseintritt Italiens an der Seite der Entente-Mächte Frankreich und Großbritannien geprägten Prinzip des „Sacroegoismo“ („Heiliger Eigennutz“) – im Rahmen der EU (neben den ebenfalls unbotmäßigen Visegrád- Vier Ungarn, Slowakei, Tschechien und Polen) die bis dahin weitaus strengste Flüchtlings(abweisungs)politik.

Institutionell funktionierende „EUre­gios“, jeweils ausgestattet mit politischer Selbstverwaltung, Regionalparlament und -regierung, welche tatsächlich die vielen ursächlich von der ohne Beach­tung der historisch-kulturellen Identität und Volkszusammengehörigkeit sowie der Verweigerung des Selbstbestim­mungsrechts gezogenen Grenzen ver­schwinden ließen und damit auch die dadurch erst entstandenen und bis heute fortwirkenden Probleme nationaler Min­derheiten auf einen Schlag beseitigten, würden wohl nur durch Aufhebung des Nationalstaatsprinzips und demzufolge mit der herbeizuführenden Metamor­phose der Nationalstaaten zu einer wirk­lich politischen „EUnion“ möglich. De­ren Parlament müßte sich aus gewählten Abgeordneten aller „EUroparegionen“ konstituieren und aus dessen Mitte die EU-Regierung hervorgehen. Derartigen Träumen, wie sie vielleicht in den 1990er Jahren von einigen in der Minderheiten-und Volksgruppenpolitik Engagierten geträumt worden sein mögen, stehen Entwicklung, Zustand und Lage, in der/ dem sich Europa befindet, diametral ent­gegen. Es dominieren nationalstaatliche Inter­essen, um nicht zu sagen Egoismen, und es gewinnen auf Loslösung und Eigen­staatlichkeit bedachte Fliehkräfte – just auch innerhalb der Nationalstaaten (bei­spielsweise in Spanien, Italien, Belgien, Großbritannien) – ebenso an Attraktivität wie politisches Handeln in nationalstaat­licher Fasson.

Landeseinheit durch „EUregio“ – ein Wunschbild

Wider den in der Europa-Frage gleich­sam missionarisch agierenden öster­reichischen Schriftsteller Menasse ruft der türkisch-deutsche Literat Zafer ?enocak ernüchternd den „Abschied vom Fetisch eines politisch vereinten Eu­ropa“ aus und stellt fest, Europas Zu­kunft könne nur in der wertgebundenen Zusammenarbeit souveräner National­staaten liegen. Wie diese „wertgebunde­ne Zusammenarbeit“ in bezug auf die „EUroparegion Tirol-Südtirol-Trentino“ funktioniert, geht aus dem auf den einlei­tend erwähnten Meraner Andreas-Ho­fer-Feierlichkeiten getroffenen Befund des Schützenkommandanten Elmar Tha­ler hervor. Dem stellte der in Mailand an­gesiedelte österreichische Generalkonsul Wolfgang Spadinger im Beisein von Schützenformationen aus besagter „EU­regio“ auf der Gedenkfeier in Mantua am Denkmal des dort vor 209 Jahren füsilier­ten Tiroler Volkshelden entgegen, An­dreas Hofer sei ein „früher Vertreter der EUroparegion Tirol-Südtirol-Trentino“ gewesen, die heute gut funktioniere. Wie dem auch sei – unter dem Aspekt der Aufhebung der Teilung des Landes und des nach wie vor nicht aus den Augen zu verlierenden Ziels des Wiedergewinnens seiner Einheit reicht sie kaum über die Wunschbildkontur einer Schimäre hin­aus.

 

 

 
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