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Alle Wege führen nach ... ja, wohin eigentlich?

Schlaglichter auf die Mayer-Lichtmesz-Kontroverse

Die FPÖ als ehemalige und wohl bald wieder aktive Regierungspartei möchte Österreich nachhaltig verändern. Zu ihr gesellt sich eine metapolitische, lose Gruppe, nicht beschränkt auf, aber fokussiert rund um die Identitäre Bewegung, die dasselbe vor Augen hat. Die entscheidenden Fragen sind: Wohin soll der Weg Österreichs führen? Was ist das Ziel und wie kann es er­reicht werden? Eine offene Debatte über zentrale politische Gegenwarts- und Zukunftsthemen zwischen rechter Real- und Metapolitik war überfällig. Der neurechte Autor Martin Lichtmesz und der Chefredakteur des FPÖ-nahen „Attersee Reports“, Jörg Mayer, haben Ende 2018 auf Twitter den Anfang gemacht.

Von Thorsten Seifter

Wechselseitiges Ausrichten von Ah­nungslosigkeit, Seitenhiebe auf „[l]ustige Mützchen im Burschibiotop“ und „dünnhäutige Cuckservatives“, die sich im „mentale[n] Pensionistenalter“ befänden (Lichtmesz an und über den Burschenschafter Mayer), sowie das zweifelhafte Kompliment, ein „Andreas- Peham-Verschnitt“ zu sein, der sich in „neu-rechtem Sloganschreiben“ übe und höchstens als „stammtischtauglichere Version meines Denkens“ durchgehe (Mayer über Lichtmesz): Der Ton in der Kontroverse zwischen den zwei selbstbe­wußten Typen war nicht amikal, doch traten Auffassungen und Ideen des den­kenden rechten Lagers deutlich zutage, die für die Realpolitik ebenso bedeutsam sind wie für metapolitische Richtungs­entscheidungen.

Realpolitischer Faktor oder meta­politische Echokammer?

Die Frage, wie real wirkungsvoll die me­tapolitische bis aktionistische Arbeit „von rechts“ aktuell ist, wird zunächst von Mayer grundsätzlich und mehrmals negativ beantwortet, da die Neue Rechte ein in sich geschlossener Kreis sei, der kaum – und wenn, dann nicht positiv – nach außen wirke. Die Neue Rechte sei deshalb bedeutungslos und entfalte auch für die FPÖ, in der er aktiv sei, „keinerlei Relevanz“. Konkret sieht Mayer das „vollständige politische Scheitern der Neuen Rechten“, sie diskutiere unterein­ander, „das erzeugt einen Eindruck von Relevanz, aber faktisch hört ihr euch nur gegenseitig zu. Und wer euch von außer­halb eurer Blase rezipiert, der tut das fast immer als negatives Beispiel. Ihr erreicht niemanden, der nicht eh schon eurer Meinung ist.“ Lichtmesz sieht dagegen unter anderem in der AfD einen erkenn­baren Erfolg metapolitischer Vorarbeit und unterstreicht deren Wirkung ferner damit, daß „man im Atterseereport in­zwischen Dinge lesen kann, die in etwas weniger verwässerter Form schon vor 15 Jahren in der Sezession standen“.

Natürlich ist es oft schwer, letztgültig nachzuweisen, daß beispielsweise die FPÖ als realpolitische Kraft ausdrücklich und bewußt Begriffe des rechten Vor­felds1 übernommen oder politische Handlungen wie die Nicht-Ratifizierung des UN-Migrationspaktes aufgrund des IB-Aktionismus’ vorgenommen hat. Un­wahrscheinlich ist es indessen nicht, zu­mal auch das unterbewußte Einsickern von Ideen nicht zu unterschätzen ist. Die Frage, wer in welchem Grad wofür Ver­antwortung trägt, wäre im wesentlichen auch nebensächlich, solange sinnvolle Taten gesetzt werden. Doch was sinnvoll ist, ist strittig.

Zwei Wege, ein Ziel?

Hier entspann sich zwischen Mayer und Lichtmesz der nächste Disput. Gibt es überhaupt einen gemeinsamen Weg? Wer ist denn der erspähte, analysierte und erklärte Widersacher? Mayer meint: „Mittlerweile sehe ich nicht, worin die gemeinsame Wegstrecke liegen soll. Ent­weder ich achte jeden Menschen und verteidige den liberaldemokratischen Rechtsstaat gegen seine islamischen, lin­ken und mittlerweile auch neurechten Feinde, oder ich tue das nicht.“ Mayer geht noch mehr ins Detail und verwen­det dazu auch den mittlerweile massen­medial vernutzten und pejorativ aufgela­denen Begriff der „Spaltung“: „Wir been­den den [politischen, Anm.] Blödsinn überall, wo Linksradikale, Islamisten und Neurechte nichts zu sagen haben. In jeder Gemeinde, in der es diese Gruppen nicht gibt, gibt es auch keine Spaltung der Gesellschaft, sondern ein gutes Zu­sammenleben.“

Nun, war die Gesellschaft nicht immer schon gespalten? Schließt der Begriff der „Gesellschaft“ implizit nicht auch die Segmentierung mit ein? Mal sind es das Alter, die Geschlechter, die Schicht, Klas­se, Herkunft, die politische Anschauung etc., die eine Gesellschaft zwangsläufig fragmentieren. Was wäre überdies die wünschenswerte Alternative? Quer über die Kategorien Homogenität anzustre­ben? Das mündete, so es überhaupt denkmöglich umzusetzen wäre, dann doch wieder in Totalitarismus, was May­er wohl ablehnen würde.

Bei Mayers mehrfach zu vernehmen­dem Plädoyer für den liberaldemokrati­schen Rechtsstaat kann auf die Kritik von Nils Wegner verwiesen werden2, der ar­gumentiert, daß von einer taktgebenden liberalen Mitte aus fundamental abwei­chende Ansichten in die politischen Ex­treme abgeschoben und damit diskredi­tiert würden. Das führe dazu, daß oppo­sitionelle Gruppen den in Frage stehen­den Status quo nicht umzustürzen, son­dern lediglich zu „reparieren“ versu­chen. In der Tat fordert Mayer exakt das. Er möchte „die berühmte Mitte der Ge­sellschaft, den normalen ÖVP- oder SPÖ- Wähler“ politisch ansprechen und ge­winnen. „Die Mehrheit des Volkes will keine Masseneinwanderung, aber sie will auch keinen illiberalen Ethnostaat der Neuen Rechten. Sie will, dass unsere li­berale Grundordnung repariert wird.“ Doch war es nicht ausgerechnet die ge­sellschaftliche Mitte, die die Massenzu­wanderung über Jahrzehnte gewählt hat? In diesem Sinne ist auch die für den Staat gefährlichste, vollkommen illibera­le Islamisten-Szenerie3 als Nebenpro­dukt der Einwanderung hausgemacht und bräuchte ferner nicht zwangsläufig mit politischen Lagern wie der „Linken“ oder „Rechten“ (bzw. ihren radikaleren Ausprägungen) auf eine Stufe gestellt werden. Schließlich sind auch stärker von der Mitte abweichende Anschauun­gen in einer Demokratie zulässig (oder sollten sein), eine importierte kultur­fremde Zeitbombe jedoch ist äußerst ent­behrlich.

Mayers Aussage ist aber insofern nach­vollziehbar, als eine Ordnung stabil und tragfähig sein sollte, was einen breiten Rückhalt im (Wahl-)Volk voraussetzt. Andererseits hat z.B. auch die 68er-Be­wegung als kleine Fraktion begonnen, heute sind deren Ideen bei faktisch allen Parteien und in allen gesellschaftlichen Schichten angekommen. Es braucht inso­fern eine Mitte, da ist Mayer gleichwohl beizupflichten, idealerweise sollte sie aber schlicht „rechter“ sein als die letzten Jahrzehnte, in der sie in entscheidenden Fragen liberalisiert wurde4. Hier ist aber davon auszugehen, daß Mayer eben kei­nen weiteren (links-)liberalen Drift an­strebt, sondern den etwa in der soge­nannten Flüchtlingskrise 2015ff. faktisch ausgehebelten Gesetzen und Prinzipien zur vollen Geltung verhelfen will.

Mit seinen Ausführungen mußte er dennoch Lichtmesz’ Kritik hervorrufen: „Unsere Aufgabe ist es nicht, irgendeiner ‚Mitte der Gesellschaft‘ zu gefallen, son­dern klare, aufrichtige und illusionslose Kritik zu üben.“ Will also Mayer die Mit­te zur Räson bringen, drängt Lichtmesz darauf, an die Wurzel zu gehen, sprich­wörtlich radikaler zu denken: „Jede reali­stische Einschätzung der Lage wird zu dem Schluß kommen, daß die ‚liberale Grundordnung‘, wie wir sie bisher kann­ten, nicht mehr zu ‚reparieren‘ ist, und daß es auf die Dauer nicht genügen wird, sie bloß zu ‚reparieren‘.“ Mayer wieder­um beeindruckt dies wenig: „Die Leute, die Ihnen einreden wollen, dass die libe­raldemokratische Grundordnung nicht repariert werden kann, sind jene, die in der Geschichte immer wieder diese Grundordnungen nicht gerettet haben, sondern untergehen ließen. Man sollte sich diesem Fatalismus nicht ausliefern!“

Eine berechtigte Frage tut sich hier hinsichtlich der Position von Lichtmesz bzw. der Neuen Rechten insgesamt auf. Während Mayer als FPÖ-Vertreter zu er­kennen gibt, woran ihm liegt, wird dies auf der Gegenseite nicht von sich aus ex­plizit gemacht. Hat, mit anderen Worten, die Neue Rechte im Gegensatz zur eta­blierten, parteipolitischen Rechten kein festgelegtes Ziel für eine allgemein ver­standene „Grundordnung“? „Es ist wohl nicht ein etwas anderes Ziel, es ist ein ganz anderes Ziel, was mir aber zugege­ben erst die letzten Monate ganz bewusst wurde.“ merkt Mayer denn auch an. Die Richtung, die er bei der Neuen Rechten sieht, ruft in ihm Kritik hervor: „Wir wol­len den liberaldemokratischen Rechts­staat durch korrigierendes Eingreifen re­staurieren. Die NR [Neue Rechte, Anm.] will den Systemwechsel.“ Lichtmesz be­streitet, einen Systemwechsel anzustre­ben, wünscht sich jedoch spürbare Ver­änderungen: „Ich will auch nicht das ganze Gebäude einreißen, aber das Ru­der muß grundlegend umgelegt wer­den.“ Zudem müsse die Ordnung einen „illiberalen Anker“ besitzen; das System müsse „reformiert & modifiziert werden, durchaus nach dem ungar. Vorbild“. Lei­der wurde hier von keiner Seite detail­liert erklärt, wovon die Rede ist. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß einiges von dem, wofür der konservative Politiker Viktor Orbán und seine Partei Fidesz in Ungarn stehen, für beide, Mayer und Lichtmesz, akzeptabel bis wünschens­wert wäre. Denn wenn „illiberal“ bedeu­tet, Verträge wie das Schengen- oder Dublin-Abkommen gegen „liberale“ (?) Widerstände auf Punkt und Beistrich einhalten zu wollen, da es dem Eigenen dient, würden sicherlich beide Diskutan­ten dem zustimmen. Damit würde es sich zudem eindeutig um eine Reparatur des Rechtsstaates handeln.

Es braucht eine Mitte, da ist der nationalliberalen Position beizupflichten, idealerweise sollte sie aber „rechter“ sein als die letzten Jahrzehnte. Ziel ist, den etwa in der sogenannten Flüchtlingskrise 2015ff. faktisch ausgehebelten Gesetzen und Prinzipien wieder zur vollen Geltung zu verhelfen. – Migrantensturm auf den Wiener Westbahnhof im September 2015.

Volk, Staat und Identität

An den vorigen Punkt knüpfte sich die Diskussion, wann Österreich einen eige­nen nationalen bzw. nationalstaatlichen Weg beschritt oder beschreiten mußte, zeitigte jedoch keine Einmütigkeit. Sie leitete aber über zu der virulenten Identi­tätsfrage, die die europäischen National­staaten in ähnlicher Weise beschäftigt. Hier zeigt sich, daß Lichtmesz weniger biologisch denn kulturell argumentiert: „Die Verbindung zu den Volksgenossen stellt sich nicht über direkte Blutsver­wandtschaft her, sondern über Sprache, Kultur, Nationalität, oder dass sie Teil der Sozietät sind, in der man lebt (bzw. sind sie die Sozietät selbst).“ Mayer wi­derspricht: „Mein Begriff des Volkes ist offensichtlich ein anderer, nämlich biolo­gische Abstammung, und sonst hat er auch keinen Sinn. Ein Volk lebt durch seine physische genetische Existenz.“ In­teressanterweise kommt es zu vertausch­ten Rollen, als es um die Frage der Zu­wanderung geht. Der eigentlich biolo­gisch argumentierende Mayer schreibt: „Wenn ich wirklich nationalgesinnt bin, dann will ich doch das Beste für meine Nation, dass sie sich eben verbessert. Ich will, dass die Guten der Welt sich bei mir niederlassen und wir das ererbte Gute übertreffen. Wie sonst ist meine Eigenlie­be rechtens?“ Der kulturell argumentie­rende Lichtmesz erwidert: „Das Problem sind nicht nur die schlechten Zuwande­rer, sondern auch die ‚guten‘ Zuwande­rer, wenn sie eine bestimmte Zahl über­schritten haben.“ Mayer wiederum ver­ficht seine Position: „Wären die Muslime alle gut, würde der Islam aber nicht mehr als Bedrohung auftreten. Warum sollte ich etwas gegen einen Islam haben, wenn er gut wäre? Ich orientiere mich nicht daran, das Andere abzulehnen. Ich lehne das Schlechte ab, egal ob es das Eigene oder Andere ist.“

Wenn jemand die Nation bzw. das Volk von der Kultur her bestimmt wie Lichtmesz, dann dürfte er auch in Zu­wanderung aus kulturell ähnlich kompo­nierten Gruppen wenig Friktionspotenti­al erkennen (so sieht sich die IB auch nicht als nationale Gruppe, sondern be­tont das „europäische“ Element). Das Gegenteil ist aber der Fall. Mayer wie­derum, der das Volk biologisch betrach­tet, müßte sich demzufolge gegen Ein­wanderung und Vermischung ausspre­chen, was er jedoch nicht tut; er spricht sich – im Gegensatz zu Lichtmesz – für einen Vielvölkerstaat (und gegen pro­noncierte Nationalismen) aus. Für das Volk ist die Frage, wer ein Österreicher sei, zunehmend nicht mehr von öster­reichischen Vorfahren (= Biologie), son­dern von der Einhaltung von Werten und Regeln abhängig, wie eine im Oktober 2018 veröffentlichte Studie belegt.5 Für insgesamt nur mehr 39 Prozent der Be­fragten ist es „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“, österreichische Vorfahren zu haben, um österreichisch zu sein. Der Kernsatz der Studienautorin unter­streicht dies: „Ethnische Aspekte verlie­ren an Bedeutung, die Verfassungsiden­tität nimmt zu.“ Zwar sehen weiters 75 Prozent der Befragten Zuwanderung kritisch, jedoch hauptsächlich aus finan­ziellen Gründen, nicht aus grundsätz­lich-ethnischen Erwägungen.

In der Folge des Diskurses meint May­er, abermals kulturalistisch, daß auch bei fehlender gemeinsamer Vergangenheit von Völkern in einem Staat eine gemein­same Zukunft möglich sei. Homogenität sei zwar nützlich, jedoch nicht notwen­dig. Er führt die Schweiz als gelungenes Beispiel an, das Lichtmesz – ethnisch-biologisch – aufgrund der kantonalen Aufteilung nach ethnischen Gruppen als Argument ablehnt. Mayer habe auch „nichts dagegen, mit Tschechen, Ungarn, Kroaten, Polen, Ukrainern usw. wieder in einem gemeinsamen Staat zu leben“. Lichtmesz hingegen sagt: „Na lustig, alle diese hatten in der Geschichte schon schwerste Probleme miteinander. Dieser Staat ist nicht ohne Grund zerfallen.“ „Dieser Staat ist zerfallen durch einen entfesselten Nationalismus und einen zerschlagenden Weltkrieg. Das sagt nichts darüber aus, ob das Staatskonzept an sich gut war. Wie lange gab es jenen Vielvölkerstaat und wie kurz gibt es Na­tionalstaaten?“ fragt Mayer. „Der Natio­nalismus hat ja als Grundlage, daß sich unterschiedliche nationale Geschichtser­zählungen durchsetzen. Damit hatte das Vielvölkerreich keine Grundlage und Zukunft mehr“, entgegnet Lichtmesz. Mayer schließt mit einer ausgemachten Spur in die Gegenwart: „[O]hne den Weltkrieg wäre der Staat nicht zerfallen, sondern zu einer Föderation geworden, wie es heute die EU ist.“

Ferner bestreitet Mayer in dem thema­tischen Zusammenhang, daß Gruppeni­dentitäten zwangsläufig die eigene per­sönliche determinierten. Beschließt eine Gruppe, eine Person aufgrund bestimm­ter Kriterien auszuschließen, so habe das keinen Einfluß auf das Sein der Person. Lichtmesz vertritt hier die These, daß ei­ne Gruppe sehr wohl imstande sei, z.B. jemandes ethnische Herkunft auszulö­schen, schon alleine dadurch, weil eine Person sich selbst etwa nicht als Deut­scher bezeichnen könne, sondern durch die Gruppe, d.h. die anderen, als solcher anerkannt werden müsse. Ein Gedan­kengang, den Mayer nachdrücklich ver­wirft. Er betrachtet sich selbst „als gera­dezu klassisch rechts“, weshalb das Indi­viduum für ihn über dem Kollektiv stehe und nicht umgekehrt. Dies führt bei Mayer so weit, daß er in Fragen einer stärker plebiszitären Mitbestimmung des Volkes mit „Platon“ eine „Ochlokratie oder Tyrannis“ am Horizont erblickt. Daß auch in diesen Aspekten wunde, im Prinzip niemals ausdiskutierte Punkte auf seiten der Rechten bestehen, wird schlagartig deutlich. Wie verhält es sich mit dem nationalen Denken in prokla­miert postnationalen Zeiten? Wie ist die eigene Heimat als Teil Europas, aber auch der EU zu verstehen? Oder: die Stellung der Neuen Rechten zu der (auch von Mayers Partei geforderten) „direkten Demokratie“? Schließlich die offene Flanke hinsichtlich der Frage, ob bzw. bis zu welchem Grad der einzelne als Teil ei­nes Kollektivs oder eben als Individuum zu betrachten sei.

Die Position von Mayer (nicht nur, aber auch) zu letztgenannter Frage ist nicht ungewöhnlich für Burschenschaf­ter, für die die im 19. Jahrhundert erstrit­tenen Grund- und Freiheitsrechte abso­lut gelten. Damals ging es um das Er­streiten von Rechten für den einzelnen Bürger gegen die Aristokratie, weshalb auch der Blick auf das Individuum nicht verwundert. Er vertritt insgesamt eine Anschauung, die der von den Medien zi­tierte „Chefideologe“ der FPÖ, Andreas Mölzer, in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Zur Zeit“ immer als „natio­nalliberal“ bezeichnet hat. Lichtmesz da­gegen steht in keinen solchen elitär-aka­demischen Zusammenhängen, sondern kam – wie auch immer sich der Ablauf genau darstellte – über die Neofolk-Sze­ne zur Rechten, weswegen divergierende Ansichten wenig verwundern.

Ein Thema war – und das ist noch cha­rakteristischer für die Rechte als alles hier bisher Aufgeführte – erwartungsge­mäß absent: Welche Wirtschaftsordnung ist anzustreben? Wie steht die Rechte zum Kapitalismus? Es fährt hier nicht bloß die FPÖ einen eher wirtschaftslibe­ralen Kurs (Ähnliches gilt für die AfD), auch die Neue Rechte kommt bis dato, wiewohl durch einzelne wie Benedikt Kaiser6 Alternativkonzepte in Angriff ge­nommen werden, in dieser Frage nicht wirklich in die Gänge.

Ohne Konsenssucht das Gemeinsame sehen

Gleichsam sind Mayer wie Lichtmesz in­teressante Denker und Charaktere, deren hier präsentierte und kommentierte Posi­tionen es allemal wert sind, noch viel in­tensiver, häufiger und detaillierter erör­tert zu werden. In den öffentlichen De­batten wird oftmals nur über Bagatellen diskutiert, anstatt relevanten Themen ei­ner Gesellschaft gebührenden Raum bei­zumessen. In Auseinandersetzungen wie zwischen Lichtmesz und Mayer kann, soll oder muß es sogar Reibung geben. Denn wenn die jetzige parlamentarische Demokratie etwas nicht braucht, dann sind es noch mehr geheuchelte Eintracht, Besänftigung und das Verlorengehen in Nebendebatten.

Die Rechte kämpft dafür, auf politi­scher Ebene etwas substantiell Besseres zu verwirklichen. Sie ist dabei, entgegen anderslautenden Behauptungen, keines­wegs homogen und verfügt auch über kein abgeschlossenes Weltbild, wie man­nigfaltige Warnungen lauten. Dies bele­gen auch Lichtmesz und Mayer ein­drücklich in ihrem Twitter-Disput. Doch soll der Schein nicht trügen: Hier standen sich zwei exponierte, streitlustige Män­ner gegenüber, die sich ihrer Ansichten nicht schämen. Nur hieraus können ge­haltvolle Derivate gewonnen werden, sei es für weitere metapolitische Überlegun­gen oder realpolitische Vorhaben.

Insgesamt betrachtet, ist es unum­gänglich, über eine erklärte realpolitische Kraft zu verfügen, die eine Richtungsän­derung bzw. Korrektur relativ zügig vor­nehmen kann. Von der kann nicht ernst­lich verlangt werden, wie eine freigeisti­ge Gruppe zu operieren. Umgekehrt ist es für eine Partei, die sich als „offensive[r] Gegenent­wurf“7 zu den Ideen der 68er versteht, notwendig, über außerparlamentarische Aktivisten und Denker zu verfügen. Andernfalls droht schnell die Eingemeindung in jene polit-medialen Riten und Zirkel, zu deren Be­kämpfung man zu Felde ge­zogen ist. Insofern wäre ei­ne wohlmeinende, komple­mentäre Beziehung anzu­denken und mit Leben zu füllen.

Für beide Gruppen, wenn sie durch Lichtmesz und Mayer überhaupt repräsen­tiert werden können, wäre es dabei för­derlich, am Ende des Tages eine Art „rechtes Minimum“ zu entwickeln, um eine gemeinsame Basis zu haben, die nicht hintergangen werden kann. Dazu könnte mit diesem Streitgespräch der Anfang gemacht worden sein. Sollte am Ende einer breiten Debatte die völlige Unvereinbarkeit der Positionen konsta­tiert werden, nun, dann wären zumin­dest die Fronten geklärt.

Anmerkungen

1 Nach Wissen des Autors sprach die FPÖ nie expressis verbis vom „Großen Aus­tausch“ (wie die IB), sondern verwendete an­dere, in der Form ähnliche und inhaltlich deckungsgleiche Begriffe, jedoch bereits im Jahre 2015 in Person von Heinz-Christian Strache: „Tauschen wir unsere Politiker aus, bevor sie die eigene Bevölkerung aus­tauscht.“ Vgl. o. A.: „Strache startet ‚Kampf um Wien‘“, oe24.at vom 4. September 2015.

2 Vgl. Nils Wegner: „Ausbruch aus dem offenen Ring“, sezession.de vom 1. Dezem­ber 2017.

3 Vgl. Werner Reisinger: „Islamismus weiter größte Gefahr“, wienerzeitung.at vom 28. Juni 2018.

4 „Österreich war besonders konserva­tiv, ist aber auf gutem Weg“, so der ehemali­ge ÖVP-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner – bezeichnenderweise frei von Ironie – im „Profil“-Interview (Eva Linsinger: „Reinhold Mitterlehner: ‚Mit Angst Politik zu machen, ist gefährlich‘“, profil.at vom 30. Oktober 2018).

5 Vgl. Ute Brühl: „Wertestudie: Wer ist ein echter Österreicher?“, kurier.at vom 21. Oktober 2018.

6 Vgl. Benedikt Kaiser, Alain de Benoist u. Diego Fusaro: Marx von rechts, Dresden 2018.

7 So der ehemalige FPÖ-Innenminister Herbert Kickl im Interview mit der „Tiroler Tageszeitung“ (Michael Sprenger: „‚Kein Durchwinken mehr‘: Kickl will Grenzschut­zeinheit“, tt.com vom 18. Januar 2018).

 
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