Er stammt aus Oberschwaben, Jahrgang 1970, studierte Germanistik, Geographie und Philosophie und diente einst als Leutnant in Sarajewo, was jedoch lange her ist, wie er betont. Schon seit Jahren lebt er mit seiner Frau Ellen Kositza und den gemeinsamen Kindern im Süden Sachsen-Anhalts, auf dem Rittergut Schnellroda. Dort ist er Inhaber des Antaios-Verlages und verantwortlicher Redakteur der rechtsintellektuellen Zeitschrift „Sezession“. Die Rede ist von Götz Kubitschek, Verleger, Publizist, Aktivist, einem stets streitbaren Geist, in der Öffentlichkeit mit zur Nachdenklichkeit ermutigenden Reden auftretend. Er gründete im Jahr 2000 das „Institut für Staatspolitik“ (IfS), ein in oppositionellen Kreisen hochangesehenes Schulungszentrum für junge Patrioten. Daß es für seine zahlreichen Gegner unterschiedlichster Schattierungen als eine gefährliche Kaderschmiede für Flügelleute völkisch-nationaler Ausprägung gilt, stört ihn wenig. Kubitschek sieht sich dadurch eher in seinem neurechten Engagement bestätigt. So rief er auch die „konservativ-subversive aktion“ (ksa) ins Leben und gehört zu den Initiatoren der Bürgerinitiative „Ein Prozent für unser Land“. In seiner Selbstvorstellung im Netz unterstreicht Kubitschek, daß er froh sei, zusammen mit seiner Familie den Westen hinter sich gelassen zu haben. Seine mitteldeutschen Landsleute hätten nämlich ein feineres Gespür für Lügengebäude. Im Westen habe man zuviel vom süßen Gift der Umerziehung getrunken.
Mit Götz Kubitschek sprach Bernd Kallina
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„Fangt von unten an!“ Das riet uns der große Soziologe der alten Bundesrepublik, Helmut Schelsky, als wir ihn mit einer kleinen Studentengruppe Anfang 1982 in seinem Ferienhäuschen im österreichischen Burgenland besuchten. Herr Kubitschek, Sie haben als Geschäftsführer des Antaios-Verlages und Gründer des „Instituts für Staatspolitik“ in diesem Sinne buchstäblich „von unten angefangen“. War das ein wesentlicher Grund für Ihren heutigen Erfolg?
Irgendwann angefangen zu haben, ist die Voraussetzung für Erfolg. Andernfalls wäre man ja nicht da, wenn sich die Gelegenheit bietet. Aber vielleicht meinen Sie die Frage anders, und so fasse ich sie jetzt einmal auf. Also: Es gibt Geschäftsleute und Idealisten. Die einen nehmen eine Menge Geld in die Hand und investieren in eine Marktlücke, die anderen machen, was sie machen wollen oder sogar machen müssen, weil es sich um einen Lebensentwurf handelt. Bei mir und meiner Frau, der Publizistin Ellen Kositza: letzteres. Wir haben unseren Verlag aufgebaut und hätten einfach immer weitergemacht, selbst wenn er klein und fein geblieben wäre – aber dann kam es eben zum Erfolg. Darüber sind wir nicht böse. Die Ruhe ist zwar abhanden gekommen, aber es geht ums Vaterland!
Selbst Mainstreammedien und dezidiert linke Blätter kamen in den letzten Jahren nicht mehr umhin, über Sie ausführlich zu berichten. So wird z.B. in der aktuellen September- Ausgabe von „konkret“ in süffisanter Weise polemisiert, daß dabei Journalisten einem der letzten großen Abenteuer nachkommen können: „die Begegnung mit einem leibhaftigen Faschisten.“ Was bewog Sie, die Damen und Herren zu empfangen?
Irgendeiner muß ausprobieren, wohin es führt, wenn ein Journalist nach dem anderen eine „Homestory“ schreibt, wenn also nacheinander Leute von „Süddeutscher“, „Frankfurter Allgemeiner“, „Spiegel“, „Welt“, „Tagesspiegel“ und so weiter ins Haus kommen, Fragen stellen, Beobachtungen machen – und natürlich alle Storys gelesen haben, die von den Kollegen schon verfaßt worden sind. Der zwölfte hat elf gelesen: Wird er schreiben wie die elf zuvor, wird er tiefer bohren, wird er eine Meta-Story schreiben oder irgend etwas anderes Neues? Finden wir Publizisten, die wirklich Interesse haben, die etwas gelesen haben, bevor sie Fragen stellen? Und: Wie und wann verfestigt sich ein Bild von uns auf eine Weise, die es schwermacht, es noch einmal umzuschreiben? So kam das. Mittlerweile allerdings machen wir das ganz anders: Wir konzentrieren uns auf unsere Milieumedien. Für die Sommerakademie im September haben zwölf Mainstreammedien angefragt. Wir haben keinen einzigen Journalisten aus einem dieser Häuser zugelassen.
In einem dieser Gespräche, so berichteten Sie in der „Sezession“, hatte der Dialog plötzlich keinen Sinn mehr, weil Sie über etwas sprachen, das es für Ihren Interviewpartner gar nicht gibt: das Volk, genauer das deutsche Volk. Sie brachen das Gespräch ab. Wie hat Ihr Gegenüber reagiert, und gab es ähnliche Konstellationen?
Das Gespräch verlor tatsächlich seinen Sinn. Man tauschte noch ein paar Höflichkeiten aus, und ich signalisierte, daß das nicht sinnvoll sei, den Dialog fortzusetzen. Man schwieg sich sozusagen wortreich an. So etwas hat sich wiederholt, und interessant ist, daß man es im Grunde nach drei Minuten weiß: Dieses oder jenes Gespräch wird sich nicht entwickeln, denn es gibt kein Verständnis über die Bedeutung von Schlüsselbegriffen, sozusagen keinen gemeinsamen Grundwortschatz. Am besten ist, Sie veranschaulichen sich das dadurch, daß Sie sich vorstellen: Jedes Mal, wenn Sie einen Satz äußern, werden Sie unterbrochen, weil er nicht geschlechterneutral formuliert war. Sie bleiben also auf der Ebene des Spracherwerbs, obwohl Sie über etwas ganz anderes sprechen wollten.
Unvergessen sind ja die skandalösen Begleiterscheinungen um das von Ihnen verlegte Sieferle-Buch „Finis Germania“. Da entblödete sich die Zensur beim „Relotiusmagazin“ „Spiegel“ nicht, den Titel einfach faktenwidrig aus der Bestseller-Liste zu streichen, nur weil Sieferle gegen ein paar heilige PC-Kühe verstieß. Wie haben Sie das aufsehenerregende Geschehen in Erinnerung?
Als sperrangelweit offene Tür. Das Medienklavier stand da, wir mußten nur noch spielen, und wir waren auf diesen Moment gut vorbereitet. Wir haben also gespielt und mit einem Zwölf-Quadratmeter-Stand eine komplette Buchmesse dominiert. Das war sicherlich ein nicht wiederholbarer Vorgang. Niemand von uns hat so etwas je zuvor erlebt.
Es zeigt sich: Qualität ist wichtiger als Quantität
Die Auflagen Ihrer Printprodukte sowie die digitalen Formate aus Ihrem Hause können auf interessante Reichweiten verweisen und haben damit eine beachtliche intellektuelle Prägekraft bei Ihren Zielgruppen. Plötzlich gibt es theoriegeschulte „Rechte“, die linken Deutungsmonopolisten mit starken Argumenten entgegentreten und so zur Verunsicherung im dortigen Milieu beitragen. Vereinzelt heißt es nun sogar: „Mit Rechten reden!“ Was ist dabei herausgekommen?
Die Auflagen sind gar nicht so besonders hoch, und es zeigt sich dadurch wieder, daß Qualität wichtiger ist als Quantität – wenn wir uns auf den intellektuellen Diskurs beschränken. Kurz: Wir erreichen mit unserer Reichweite keine Wählermassen, aber wir erreichen wohl jeden, wirklich jeden Kopf, der irgendwie mit uns oder gegen uns liest, denkt, formuliert, argumentiert. „Mit Rechten reden“ war die Parole im Herbst 2017, da stand dieser Dammbruch unmittelbar bevor. Es kam dann doch nicht dazu, denn die „Zivilgesellschaft“ mauerte. Irgendwann wird er aber nicht mehr zu verhindern sein.
Einer Gesteinsverschiebung gleich gewinnen in ganz Europa sogenannte populistische Bewegungen an Einfluß und Gewicht. Trügt der Eindruck, daß ihr Vordringen in Westdeutschland vorläufig am schwächsten ausgeprägt ist? Und falls ja, woran liegt das?
Der Westen hat das süße Gift der Umerziehung getrunken, der Osten das harte Brot der Fremdherrschaft genagt. Der Westen meint, er habe gewonnen, der Osten hat ein System gestürzt. Der Westen glaubt dem politisch-medialen Komplex, der Osten hat feinste Ohren für Lügengebäude. Das sind drei von vielen Gründen.
Der von Ihnen gerne zitierte Kulturphilosoph Peter Sloterdijk umriß am 30. Juli 2015, kurz vor Beginn der illegalen Massenmigration nach Deutschland, die Problematik in einer Deutschlandfunk-Sendung so: „Die Europäer müssen sich über ihre eigene Attraktivität für Flüchtlinge neu Gedanken machen.“ Es gebe verschiedene Modelle: Man könne es z.B. so machen wie die Kanadier, Australier und Schweizer. Das führe aber dazu, „dass eine allzu attraktive Nation ein Abwehrsystem aufrichtet, zu dessen Konstruktion eine wohltemperierte Grausamkeit vonnöten ist“. Das aber sei das Hauptproblem, denn: „Die Europäer definieren sich selber als gutartig und nicht grausam.“ Herr Kubitschek, hat Sloterdijk damit den wunden Punkt deutsch-europäischer Abwehrunfähigkeit an unseren Grenzen exakt erkannt und benannt?
Ja, denn er hat das Vakuum im Innern beschrieben. Und das Bedeutsame ist, daß ihn diese Beschreibung nicht den Kopf gekostet hat. Ich leite übrigens daraus ab, daß es oft sehr sinnvoll ist, das Naheliegende nicht selbst auszusprechen, sondern es von jemandem sagen zu lassen, den man dann zitieren kann.
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Zu Ihren Autoren gehört auch Martin Sellner, der Kopf der „Identitären Bewegung“ (IB) in Österreich. Deren bundesdeutscher Arm wurde ja vom dortigen Inlandsgeheimdienst im Juli dieses Jahres als „gesichert rechtsextreme“ Gruppierung eingestuft. War das zu erwarten, und was signalisiert nun diese weitere Ausgrenzungsaktion im allumfassenden Kampf gegen rechts?
Manche Leute und Gruppierungen werden zu „weißen Billardkugeln“ gemacht, mit denen dann andere Kugeln ins Loch gestoßen werden sollen – Sie kennen das Spiel, nehme ich an. Mit Blick auf die Identitären war das zu erwarten, es war ziemlich bald klar, daß diese Rolle genau dieser Bewegung zugedacht wäre. Jung, aktivistisch, die eine oder andere einschlägige Biographie von rechtsextremistisch zu identitär – und keine Hausmacht: Das sind Zutaten für einen miesen Cocktail, und alle Beteuerungen und Alltagsbeweise für die völlige Friedfertigkeit haben nichts mehr retten können.
Und was folgt daraus?
Aus meiner Sicht folgert daraus zweierlei: Zum einen ist dieser wirklich gute Ansatz einer patriotischen, nicht-extremen und sehr kreativen Jugendbewegung nun bis zur Unberührbarkeit kontaminiert. Das bedeutet: Es wird nichts Großes mehr daraus. Zum anderen hat sich der Gegner durch diesen Umgang mit der IB „bis zur Kenntlichkeit entstellt“ – ein lehrreicher Vorgang.
Interessant ist bei dem VS-Verdikt, daß der IB durchaus zugestanden wird, gewaltfrei zu agieren. Die programmatische Ablehnung eines allumfassenden Multikulturalismus wird aber schon als Beleg für Verfassungsfeindlichkeit gewertet. Daraus folgt dann, daß selbst gewaltfreie Symbolaktionen in diese Richtung inkriminiert werden können, oder?
Das ist ja nun genau eine dieser Koordinatenverschiebungen, an deren Möglichsein sich das ganze Ausmaß der Dekonstruktionskraft und Umbauwut des Gegners zeigt. Weiter entfernt von der historisch gewachsenen Normalität kann man kaum liegen, und denen, die auf die Normalität pochen, nun verfassungsfeindliche Bestrebungen zu unterstellen, ist schon ein dreistes Stück. Aber: Es geht, es gelingt, es ist möglich. Das sagt viel über die Machtverhältnisse aus.
Kommen wir auf die jüngsten Landtagswahlen in Mitteldeutschland zu sprechen. Mit 28,1 Prozent in Brandenburg und 23,4 Prozent in Sachsen konnte die AfD dabei Stimmenanteile in Rekordhöhe erzielen. Herr Kubitschek, Sie leben seit langem in Sachsen- Anhalt und kennen die Mentalität unserer mitteldeutschen Landsleute. Warum sind sie in ihrer oppositionellen Haltung gegenüber den westdeutsch geprägten Altparteien mutiger?
Siehe die Antwort auf Ihre Frage weiter oben: Es ist eine andere Form der Wachheit und der Unerschrockenheit darin.
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Liegt die stärkere Aufmüpfigkeit der Ossis nicht auch an ihrer Diktaturerfahrung aus 40 Jahren DDR? Im täglichen Umgang mit der roten Einheitspresse konnten sie leichter die SED-gesteuerten Manipulationen erkennen, sozusagen besser lernen, zwischen den Zeilen zu lesen, als die Leser der feiner gestrickten Desinformationen im Westen. Stimmen Sie zu?
Eindeutig: ja!
Aber kommt nicht noch folgendes hinzu: Die weitgehend entnationalisierten und geschichtspolitisch umerzogenen Westdeutschen hatten überhaupt kein wirkliches Interesse an einer Wiedervereinigung, obwohl diese Staatszielsetzung sogar in der Präambel des Bonner Grundgesetzes fixiert war. Es waren die Mitteldeutschen, die in Massendemonstrationen sehr schnell ihre Anfangsparole „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ weiterentwickelten, während im Westen z.B. die heutige Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth sich mit der landesverräterischen Parole „Nie wieder Deutschland!“ eindeutig positionierte.
Ja, Sie treffen mit dieser Beschreibung einen Punkt.
Wir halten fest: Spätestens mit den Wahlergebnissen der AfD vom 1. September ist sie im Osten der Republik Volkspartei. Kann diese gefestigte Position der AfD auch dazu beitragen, daß sie im Westen stärker wird, und welche Rolle spielt dabei der immer wieder gegen die AfD ins Spiel gebrachte „völkische Flügel“?
Erfolg hat immer Strahlkraft. Insofern wären die Westverbände dumm, wenn sie nicht auf die sehr guten Ergebnisse der östlichen Länder hinwiesen. An Spekulationen darüber, ob der „Flügel“ im Westen vermittelbar sei oder nicht, beteilige ich mich nicht, denn die Vermittelbarkeit stünde außer Frage, wenn unsere Medienlandschaft nicht so denunziatorisch wäre.
Mit welcher Entwicklung im parlamentarischen Bereich rechnen Sie nach den Wahlerfolgen der AfD? Sollte die Partei Mitte-rechts-Regierungsbündnisse anstreben, so wie die FPÖ in Österreich?
Koalitionen nicht als Juniorpartner, sondern als derjenige, der die Bedingungen maßgeblich stellt – das wäre eine alternative Ansage, oder?
In ihrem Editorial der „Sezession“ vom Februar 2019 schrieben Sie unter dem Titel „Das gespaltene Volk“, der grüne Aufstieg sei ein Beleg dafür, daß sich die Zivilgesellschaft vom AfD-Schock erholt und einen Strategiewechsel vorgenommen habe. Worin besteht dieser Strategiewechsel, und was bedeutet er für die „Rechte“ in Deutschland?
Der Strategiewechsel besteht darin, daß die Grünen nicht mehr – wie die anderen Parteien – die AfD als einen Konkurrenten wahrnehmen, der in ein Vakuum vorgestoßen ist und dessen Programm man kannibalisieren sollte. Die AfD ist n u n m e h r das zur Partei gewordene „moralisch Böse“, und die Grünen selbst verstehen sich als radikalen Gegenentwurf, als wählbares Gewissen, als Gesellschaftsretter – und machen aus ihrer Umbaulust gar keinen Hehl mehr. Medial unterstützt, verfängt diese Strategie bei einer erklecklichen Zahl von Wählern. Darin steckt eine neue Qualität.
Kommen wir zum Schluß nochmals auf Sie als Verleger zurück. Welche Titel haben wir bei Antaios im Herbstprogramm zu erwarten? Wollen Sie unseren Lesern noch einige Spitzentitel empfehlen, Bücher, die sich niemand entgehen lassen sollte?
Fragen Sie einen Vater nie, welches seiner Kinder er am liebsten hat. Und zum Herbstprogramm: Caroline Sommerfeld und Ellen Kositza legen ein Buch vor, in dem sie rund 150 Kinder- und Jugendbücher zum Vorlesen und Selberlesen vorstellen und besprechen – ein dringend notwendiger Ratgeber. Ich kann es nur empfehlen.
Herr Kubitschek, vielen Dank für dieses Gespräch.