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Bolsonaros Brasilien

Jair Messias Bolsonaro, Jahrgang 1955, ist seit dem 1. Januar 2019 Präsident von Brasilien.

Mit der Wahl von Jair Messias Bolsonaro erlebte Brasilien einen epochalen Richtungswechsel: Nach mehr als 15 Jahren prä­gender Regierungzeit der linken Partido dos Trabalhadores (= Arbeiterpartei) ist nun erstmals ein konservativer Politiker zum Staatsoberhaupt gewählt worden. Damit folgt das bedeutendste südamerikanische Land auch einem allgemeinen Rechtsruck in der Region, wobei im wesentlichen nur noch Venezuela, Bolivien und Nicaragua dieser Tendenz entgegenstehen.

Von Sebastian Hackher

Der neue Präsident hat­te es freilich nicht leicht, weswegen eine erste Bilanz nicht besonders po­sitiv ausfällt. Als Folge ei­nes politisch motivierten Messerattentats während des Wahlkampfes mußte er sich kurz nach Amtsantritt einer kritischen Operation unterziehen, was seine Tat­kraft lähmte. Einer seiner Söhne steht unter Korrup­tionsverdacht, und Strei­tigkeiten innerhalb der Re­gierung offenbaren die in­terne Zerrissenheit der bra­silianischen Rechten, wo­durch bereits zwei Minister zurücktreten mußten. In jüngster Zeit bereiten zudem die Veröffentlichungen von privaten Chatprotokollen des beliebten Justizmi­nister Sérgio Moro Probleme. Ebenjener brachte seinerzeit als Generalstaatsan­walt den ehemaligen Präsidenten und Politiker der Arbeiterpartei Luiz Inácio da Silva, kurz „Lula“, ins Gefängnis. Die durch einen Hackangriff an die Öffent­lichkeit gebrachten Nachrichten bezie­hen sich auf den Prozeß gegen da Silva und zeigen eine politische Motivation hinter der Anklage, was wiederum das gesamte Urteil in Frage stellen könnte. Mit anderen Worten: Es mangelt nicht an Problemen. Doch wer ist der neue Präsi­dent, und wie steht es ganz allgemein um den südamerikanischen Giganten?

Obwohl hierzulande oft als „Trump der Tropen“ bezeichnet, hat Bolsonaro nur wenige Gemeinsamkeiten mit dem US-Präsidenten. Seitdem er seine militä­rische Karriere im Rang eines Haupt­manns beendet hat, ist Bolsonaro seit knapp 30 Jahren in der Politik. Während seiner Tätigkeit und den gelegentlichen Parteiwechseln, die in Brasilien nichts Unübliches sind, galt er vor allem durch seine provokanten Sprüche und die Be­fürwortung des Militärregimes als ein Schreckgespenst für Linke, aber nicht als besonders ernst zu nehmender Politiker. Dies alles änderte sich mit einem Kor­ruptionsskandal, der sogar im diesbe­züglich leidgeprüften Brasilien seines­gleichen sucht: Seit 2014 deckt die Justiz eine systematische und par­teienübergreifende Korrupti­on im Umfeld des halbstaatli­chen Ölkonzerns Petrobras auf, wofür bereits über 100 hochrangige Politiker und Manager verurteilt wurden. Die Ermittlungen erstrecken sich mittlerweile auch auf das größte lateinamerikanische Bauunternehmen Odebrecht. Insgesamt wird von Beste­chungsgeldern in Höhe von mindestens zwei Milliarden Euro ausgegangen! Seit Be­kanntwerden dieser Zustän­de und außerdem wegen der geringeren Nachfrage an Rohstoffen auf dem Weltmarkt befindet sich das Land in einer Rezession mit er­höhter Arbeitslosenquote.

Die Korruptionsaffäre um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras hat mit Bestechungsgeldern in Höhe von zwei Milliarden Euro auch im korruptionsgeplagten Brasilien alle Maße gesprengt und die Spitzen der Arbeiterpartei wie Dilma Rouseff und Lula da Silva in den Abgrund gerissen.

Zwei Milliarden Euro Bestechungsgelder

Dies alles führte zu einer enormen Em­pörungswelle, die an ihrem Höhepunkt 2016 etwa sieben Millionen Brasilianer auf die Straße brachte und zur Amtsent­hebung der damals amtierenden Präsi­dentin Dilma Rouseff führte. Die ehema­lige Guerillakämpferin während der Zeit des Militärregimes (1964–1985) und spä­tere PT-Politikerin wurde von Michel Te­mer als Interimspräsident abgelöst. Der ebenfalls unter Korruptionsverdacht ste­hende Politiker führte das Land darauf­hin bis zu den Wahlen 2018. Aufgrund dieser Korruptionsverdrossenheit und der Tatsache, daß Bolsonaro sich als Sau­bermann mit einem Law-and-Order- Wahlprogramm erfolgreich in den sozi­alen Medien präsentieren konnte, ge­langte er ins Amt. Hinzu kommt noch sein Bekenntnis zu einem christlichen Brasilien, das ihm als gläubigem Katholi­ken vor allem die evangelikalen Freikir­chen als Wählerpotential eröffnete. Diese meist sektenartigen Kirchen, die oft eine calvinistische Wohlstandstheologie ver­breiten, wuchsen mit dem Bedeutungs­verlust der katholischen Kirche, die in vielen Teilen von Befreiungstheologen unterwandert ist.

Obwohl Bolsonaros Partei unbedeu­tend und klein ist, konnte er sich schon beim ersten Wahlgang mit 46 Prozent an die Spitze der Bewerber setzen und traf am 28. Oktober in der Stichwahl auf Fernando Haddad von der Arbeiterpar­tei. Der Wahlkampf wurde dabei von beiden Seiten mit allerlei Unterstellun­gen und Mißinformationen geführt, wo­bei es zu den üblichen Anschuldigungen von linker Seite kam: Bolsonaro wurde als homophober und rassistischer Frau­enhasser, der die Militärdiktatur wieder­errichten wolle, diffamiert. Auf der ande­ren Seite wurde vor einem Brasilien als „zweitem Venezuela“ und der kommu­nistischen Gefahr ge­warnt. Die gegenseitige Negativpropaganda kul­minierte nicht nur in dem bereits erwähnten Atten­tat, sondern auch in dem eindeutigen Wahlsieg Bol­sonaros mit 55 Prozent der gültigen Stimmen.

Letztendlich konnte Bolsonaro, der in der Ver­gangenheit ja tatsächlich für seine Brachialrhetorik bekannt gewesen war, mit einem versöhnlichen Ton und dem vernachlässig­ten Bedürfnis der Brasilia­ner nach Patriotismus – sein Wahlspruch lautete „Brasil acima de tudo, Deus acima de todos“ (= Brasilien über alles, Gott über allen) – vor allem viele junge Wähler für sich gewinnen. Wirft man nun einen ge­nauen Blick auf das Wahlverhalten, tre­ten schon die ersten Gräben innerhalb der brasilianischen Gesellschaft zutage. Die allgemeine Tendenz verlief entlang sozialer und ethnischer Linien, wobei wohlhabende und weiße Gebiete eher für Bolsonaro stimmten, während ärme­re und durchmischte Gebiete eher für Haddad stimmten. So wählte der Süden des Landes, der hauptsächlich Nachfah­ren italienischer und deutscher Einwan­derer beheimatet, mehrheitlich Bolsona­ro, während der Nordosten mit seinen überwiegend afrikani­schen und indigenen Wurzeln für Haddad vo­tierte. Im allgemeinen ging der urbane Raum aber meist an Bolsonaro, während am Land eher für die Arbeiterpartei ge­stimmt wurde – mit Aus­nahme Amazoniens, wo der Sieger Bolsonaro hieß.

Am anschaulichsten bleibt aber der Unter­schied zwischen Norden und Süden beziehungs­weise Südosten. Ein aus­geprägter Regionalpatrio­tismus beiderorts, der im Süden sogar vereinzelt zu Sezessionsbestrebungen führte, und die unter­schiedliche Kultur sowie eine Vergan­genheit mit wenigen gemeinsam erinner­ten Berührungspunkten führten im Zuge der massiven Binnenmigration seit den 1960ern vom verarmten und dürrege­plagten Nordosten in die Wirtschaftszen­tren im Süden zu Spannungen. Die ehe­maligen Bewohner des Nordostens sa­hen und sehen sich noch heute teilweise als Opfer von Fremdenfeindlichkeit im eigenen Land, während es in den südli­chen Teilen des Landes zu einer unkon­trollierten Urbanisierung und Ausbrei­tung der berüchtigten Favelas kam. Das extreme Bevölkerungswachstum durch die hohen Kinderzahlen in den 1950er und 1960er Jahren führte aber auch in den anderen Landesteilen zu ähnlichen Entwicklungen. Heute liegt die durch­schnittliche Kinderzahl in Brasilien je­doch nur mehr bei extrem niedrigen 1,73 Kindern pro erwachsene Frau.

Die Gewaltkriminalität hat in Brasilien 2017 fast 64.000 Todesopfer gefordert – mehr als doppelt so viele wie der Syrische Bürgerkrieg. Brasilien hat nach den USA und China die größte Gefängnispopulation weltweit, regelmäßig kommt es zu Aufständen. Der Bandenkriege kann der Staat teilweise nur durch Einsatz des Militärs Herr werden
In den meisten lateinamerikanischen Staaten zerfällt die Parteienlandschaft in ein linkes und ein neoliberales Lager. Konservative oder sozialpatriotische Kräfte wie in Europa gibt es nicht. An Brasiliens Universitäten dominiert bis heute der Marxismus. – Studenten protestieren in Rio de Janeiro gegen Bolsonaro.

Mehr Mordopfer als Tote in Syrien

2017 markierte mit 63.880 Morden den diesbezüglich traurigen Rekord Brasili­ens, ganz zu schweigen vom Anstieg weiterer Gewaltverbrechen. Damit star­ben in Brasilien doppelt so viele Men­schen wie im selben Jahr im Syrischen Bürgerkrieg. Es ist zwar möglich, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, aber das Risiko, am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt zu sein, ist in den Städten un­berechenbar hoch. Die Ursache dafür liegt hauptsächlich am organisierten Ver­brechen. Ein ehemaliger hoher Sicher­heitsbeamter spricht von „Parallelstaa­ten“1, die sich in der Peripherie der brasi­lianischen Großstädte etabliert hätten. Daß dies nicht übertrieben ist, zeigen die kriminellen Unruhen von São Paulo 2006 sowie in jüngster Zeit in Natal und Forta­leza, wo erst durch Assistenzeinsätze der Armee die Ordnung wiederhergestellt werden konnte. Die Polizei befindet sich vielerorts in einem asymmetrischen Krieg gegen Banden wie das Primeiro Co­mando da Capital, das seinen Mitgliedern sozialen Halt beispielsweise in Form ei­ner Kriegsrente bietet und über mehrere Tausend bewaffneter Fußsoldaten ver­fügt. Für den Staat sind dabei viele Fave­las „schwarze Punkte“ und fremdes Ter­ritorium geworden, in denen er nur noch rein formell präsent ist. Überfordert und schlecht bezahlt, läßt die Lage die Beam­ten oft brutal und korrupt werden. Ein­hergehende Phänomene sind die Aktivi­tät von illegalen Milizen und Todes­schwadronen aus aktiven und ehemali­gen Polizisten, die bei der Zivilbevölke­rung genauso gefürchtet sind wie die Drogenkartelle.

Nach den USA und China hat Brasili­en die größte Gefängnispopulation welt­weit, was zu regelmäßigen Gewaltaus­brüchen in den restlos überfüllten Justiz­anstalten führt und es Anführern krimi­neller Strukturen relativ leicht macht, ih­ren Geschäften ungestört nachzugehen. Untereinander sind die verschiedenen Kartelle oft erbittertste Feinde, die sich einen erbarmungslosen Kampf um den Drogenhandel innerhalb und außerhalb der Gefängnisse liefern. Als Folge der ausufernden Kriminali­tät wuchs und wächst in Brasilien die Zahl der sogenannten Gated Communities stark an, wodurch die Fragmentierung der Gesellschaft nur noch verstärkt wird. Viele können sich das aber nicht leisten, wodurch sich deren Verzweiflung teil­weise in Lynchjustiz entlädt. Eigene Ein­heiten zur dauerhaften Befriedung der Favelas und soziale Programme, wie sie in Rio de Janeiro aus Anlaß der Olympi­schen Spiele und der Fußball-WM ge­startet wurden, mußten aus finanziellen Gründen nach ein paar Jahren fast ganz gestrichen werden.

Das gespaltene Land

Eines seiner ersten Wahlversprechen lö­ste Bolsonaro mit einer Lockerung des Waffenrechts ein, das unbescholtenen Bürgern die Möglichkeit zum Erwerb von Handfeuerwaffen und deren Ge­brauch am eigenen Grundstück erlaubte. Außerdem wurde der Polizei mehr Handlungsfreiheit im Dienst zuerkannt sowie der Einsatz von Scharfschützen er­laubt. Als positive Entwicklung ist seit Beginn seiner Administration daher der Rückgang gewaltsamer Todesfälle im Vergleich zum Vorjahr zu sehen, wenn­gleich parallel dazu die Zahl der durch Sicherheitskräfte getöteten Menschen zu­nahm. Zum Mangel an öffentlicher Sicherheit gesellen sich chronische Probleme im Ge­sundheits- und Bildungsbereich, wo be­reits 2016 wiederum aus Sparmaßnah­men das Budget für die nächsten 20 Jahre eingefroren wurde.2 Der neue Finanzmi­nister Paulo Guedes, der in den Vereinig­ten Staaten studierte, plant, mithilfe einer ausgesprochen liberalen und marktori­entierten Politik in Form von weiteren Budgetkürzungen und Privatisierungen die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Als sein größter Erfolg wird bisher die Re­form des ineffizienten Pensionssystems beurteilt, wodurch unter anderem das Rentenalter für die meisten Brasilianer angehoben wurde.

Eine weitere Herausforderung, mit der sich Bolsonaro konfrontiert sieht, ist die enorme politische Spaltung. So sind die öffentlichen Universitäten, Schulen und ein beachtlicher Teil der Medienland­schaft nicht nur wie in westlichen Staaten links geprägt, sondern teilweise offen kommunistisch oder sozialistisch einge­stellt. Der Besuch an einer geisteswissen­schaftlichen Fakultät wird nicht an Marx und der Frankfurter Schule vorbeikom­men, die dort oft genug als einzige Lö­sung der Probleme betrachtet werden.

Der Kulturkampf wird an allen Fron­ten hart geführt. Ebenjene Gruppen an der Universität und den Medien sind es auch, die die Debatte um Rassismus, das Patriarchat und Homophobie tagtäglich befeuern und anheizen. Für diesen Teil der Brasilianer symbolisiert die neue Re­gierung das Böse schlechthin, und es reichte bereits, daß die derzeitige Famili­enministerin wagte, sich gegen die Frühsexualisierung an den Schulen aus­zusprechen, um ihr diskriminierendes Verhalten vorzuwerfen. Auch andere westliche Verfallserscheinungen wie die (bis auf Ausnahmen verbotene) Abtrei­bung werden bereits heftig diskutiert. Vor einigen Wochen entschied der oberste Gerichtshof, neben Rassismus nun auch Homophobie strafbar zu ma­chen. Daß das Gesetz ungenau und offen formuliert ist, gibt vielen Brasilianern zu Recht Bedenken, auch wenn das bereits länger bestehende Anti-Rassismus-Ge­setz bis jetzt praktisch nie zur Anwen­dung gekommen ist. São Paulo ist zwar Veranstaltungsort einer der größten „Gay-Pride“-Paraden überhaupt, bringt aber gleichzeitig auch Millionen von Menschen für den sogenannten Marsch für Jesus auf die Straße.

Zu einer weiteren Illustrierung der ge­spaltenen Wahrnehmung auf beiden Sei­ten der Gesellschaft kann man das Bei­spiel Marielle Franco nehmen: Als die sozialistische, schwarze und lesbische Lokalpolitikerin vor zwei Jahren höchst­wahrscheinlich von einer Miliz aufgrund ihres Engagements in den Favelas ermor­det wurde, war der Aufschrei von linker Seite groß, und sie wurde umgehend zu einer Märtyrerin stilisiert. Als „rechtsex­tremes“ Gegenargument wurde darauf­hin die Geschichte von zwei im Dienst ermordeten schwarzen Polizistinnen ver­breitet, denen wahrscheinlich aufgrund ihres Berufs keine Aufmerksamkeit zuteil geworden war. Auch im Hinblick auf die Verteilung von Land könnten die Gegensätze nicht größer sein. Der Movimento dos Trabalha­dores Rurais Sem Terra, kurz Landlosenbe­wegung, ist eine marxistisch-befreiungs­theologische Gruppierung, die mit illega­len Besetzungen, Sprengungen von Strommasten und dem Blockieren von Straßen seit einigen Jahren eine Agrarre­form erzwingen möchte. Ziel ist es, das urbare Ackerland, das zu mehr als zwei Dritteln nur etwa drei Prozent der Bevöl­kerung gehört, neu zu verteilen. Wäh­rend die Landlosenbewegung von linker Seite natürlich unterstützt wird, spricht das rechte Brasilien von einer terroristi­schen Vereinigung.

Welche Zukunft hat Amazonien?

Dies führt zu einem Thema, das derzeit auch hierzulande stark diskutiert wird, nämlich dem Umgang mit dem brasilia­nischen Regenwald. Dabei ist es wichtig, festzuhalten, daß das Rückgrat der brasi­lianischen Wirtschaft die Landwirtschaft ist. Als traditionelle Agrarnation verfügt das Land über keinen anderen nennens­werten Wirtschaftszweig oder Industrie­sektor, und seit der Rezession von 2014 ist der Export von Gütern wie Soja mehr denn je zum ökonomischen Motor ge­worden. Auch die weltgrößte Firma für Fleischproduktion (JBS) sitzt in Brasilien. Seit Beginn des Jahres verzeichnet das nationale Institut für Weltraumforschung Brasiliens einen sprunghaften Anstieg bei der Abholzung und Brandrodung des Regenwalds, was vor allem westliche Medien passend zu „Fridays for Future“ in alarmistische Sorge um die „grüne Lunge“ der Erde versetzt. Tatsächlich sieht die mächtige Agrarlobby im Ama­zonasregenwald lediglich eine Möglich­keit zur Gewinnsteigerung, die es um je­den Preis auszunutzen gilt. Die Aussicht wird noch düsterer, bedenkt man die sehr schwierige Aufforstung, da der Bo­den im Regenwald über eine nur sehr ge­ringe Humusschicht verfügt. Nach den Soja-Monokulturen und der intensiven Viehzucht bleibt meist ein savannenähn­liches Brachland zurück, und einige Stu­dien legen einen Point of no Return in be­zug auf die Aufforstung und Rettung des Regenwalds nahe. Das wiederum könnte sich auf den Regenzyklus auswirken und zu starken Dürreperioden im bevölke­rungsreichen Südosten führen. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels brannte der Amazonas außerdem derart großflächig, daß es in einigen Städten zu Rauchwolken mit nachtähnlicher Wir­kung und aschegefärbtem Regen kam – Bolsonaro sah darin das Werk von NGOs, um die Regierung unter Druck zu setzen. Auch wenn es in dieser Jahreszeit zu natürlichen Waldbränden kommt und die meisten davon in Bolivien stattfin­den, steht dies doch symbolisch für die Entwicklung in Amazonien. Die Kritik an dem zwielichtigen Engagement eini­ger Nichtregierungsorganisationen und den Einmischungen fremder Staaten wie Frankreichs in interne Angelegenheit ist notwendig, aber dennoch erscheint die Handlungsweise der brasilianischen Re­gierung auf langfristige Sicht fragwür­dig. Daran ändern wird wahrscheinlich auch der neue Umweltminister Ricardo Salles nichts, da dieser schon vor Amts­antritt unter Verdacht der Dokumenten­fälschung zugunsten einer Minenfirma in einem Nationalpark stand. Er befür­wortet außerdem „kapitalistische Lösun­gen“ im Amazonasgebiet, auch um den ärmlichen Lebensstandard der Region zu heben.3

Der Umgang mit den indigenen Völ­kern Brasiliens ist auch anders, als man vielleicht erwarten würde. So schrieb Bolsonaro auf Twitter in bezug auf die zahlreichen und oft teilweise gänzlich isoliert lebenden Stämme folgendes: „[Wir müssen] die Indianer in die Gesell­schaft reintegrieren, damit sie sich wie Brasilianer fühlen können […]. [Denn] wir sind das am meisten vermischte Volk und alle gleich!“4 Er sprach sich außer­dem gegen die weitere Markierung von Indianerreservaten aus und verglich das Leben in diesen mit dem von Tieren im Zoo, wobei er den Umstand kritisierte, daß etwa 13 % des brasilianischen Terri­toriums bereits geschützt seien, wobei oft nur wenige Tausend Menschen in den riesigen Reservaten leben.

In gewisser Weise geht es hier also um die Einbürgerung oder „Kolonialisie­rung“ der letzten indigenen Völker Bra­siliens, die durch die ständig fortschrei­tende Erschließung des Regenwalds durch illegale Holzfäller und Goldschür­fer sowie die Brandrodung einem schein­bar unaufhaltsamen Ende entgegense­hen. Ebenso gefährdet sind die soge­nannten Quilombos, Dörfer, die oft be­reits zur Kolonialzeit von entflohenen Sklaven im Urwald errichtet wurden. Ei­nerseits ist für all diese Menschen die In­tegration in die brasilianische Gesell­schaft oft mit einem Identitätsverlust ver­bunden, wenn sie in die Millionenstädte von Manaus oder Belém ziehen müssen, was zu einer hohen Zahl an Selbstmor­den und Drogenabhängigkeit unter der indigenen Bevölkerung führt. Anderer­seits finden sich alleine im brasiliani­schen Heer 23 anerkannte Ethnien, deren Sprache und Brauchtum gepflegt werden und die als Spezialeinheiten zur Überwa­chung des Regenwalds Einsatz finden.5

Die Situation angesichts all dieser Schwierigkeiten macht es beinahe un­möglich, sich ein geeintes Brasilien vor­zustellen. Außerdem muß folgende Aus­gangslage festgehalten werden: Wie Be­nedikt Kaiser in seinem Artikel „Vene­zuela – mit Links gegen Liberale?“ in der „Sezession“ 89 feststellte, gibt es von ei­nem neurechten und identitären Stand­punkt aus in Venezuela und Lateiname­rika allgemein nur linke gegen neolibera­le Kräfte. Nicht anders verhält es sich in Brasilien. Hatte Bolsonaro sich zu Beginn seiner Karriere beispielsweise noch posi­tiv über Hugo Chávez geäußert und zu­gegeben, als Protestwähler gegen die korrupte Elite in Brasília Lula da Silva gewählt zu haben, so mußte er letzten Endes Kompromisse eingehen, um seine Regierung überhaupt erst zu bilden. Wirtschaftliche Interessengruppen wie die Agrarlobby sitzen nun in Form des neuen Umweltministers Ricardo Salles, der Agrarministerin Tereza Cristina, die durch ihren dezidierten Einsatz für Pesti­zide den Spitzname „Giftmuse“ trägt, oder des Finanzminister Paulo Guedes in seinem Kabinett, da der politische Außenseiter und Populist Bolsonaro breitere Unterstützung im Parlament benötigt. Da­mit läuft er aber Gefahr, das gleiche, korrumpierte System, mit dem sich die Arbeiterpartei nach eini­ger Zeit an der Macht ar­rangiert hatte, zu über­nehmen. Die zweite Interessen­gruppe ist das Militär, das mit dem Vizepräsidenten Hamilton Mourão sehr pragmatische Ziele wie ei­ne Annäherung an China und die USA vertritt. Bolsonaros Kern­wähler, die sich hauptsächlich aus evan­gelikalen und katholischen Christen zu­sammensetzen, wollen hingegen eher ei­ne Loslösung von den BRICS-Staaten und eine absolute Loyalität gegenüber den Vereinigten Staaten und Israel. All das führte zu konträren Aussagen inner­halb der Regierung, wodurch Bolsonaros Beliebtheit deutlich abnahm. Diese wur­de auch nicht durch seinen Vorschlag verbessert, seinen ältesten Sohn ohne je­de diplomatische Erfahrung zum Bot­schafter in den Vereinigten Staaten zu er­nennen.

Illegale Holzfäller und Goldschürfer sowie die Brandrodung zur Gewinnung neuen Agrarlandes vernichten immer weitere Teile des Amazonas und gefährden die autochthonen Kulturen.

Rassendemokratie

Am Ende bleibt die Frage, wie die Zu­kunft dieses höchst widersprüchlichen Lands aussehen könnte. Es war ein brasi­lianischer Anthropologe namens Gilber­to Freyre, der vor gut 80 Jahren in seinem lesenswerten Buch „Herrenhaus und Sklavenhütte“ den Begriff der „Rassen­demokratie“ prägte. Seitdem vielfach kritisiert, beschreibt er darin den Werde­gang der brasilianischen Nation. Er sprach sich gegen den rassischen Deter­minismus aus und sah das vielleicht stärkste Charakteristikum des Brasilia­ners in seiner Fähigkeit und Bereitschaft, sich zu vermischen. Die portugiesischen Kolonisatoren waren schon aufgrund ih­res Kontakts mit den Mauren vor der Re­conquista und ihrer „Bikontinentalität“ (einer Art des kulturellen Hin- und Her­gerissenseins zwischen Afrika und Euro­pa) am besten dafür geeignet, in Brasilien zu wirken. Zwischen den Portugiesen, den indigenen Stämmen und den afrika­nischen Sklaven entfaltete sich eine kul­turelle Wechselwirkung, die ihren Aus­druck am deutlichsten in der ethnischen Vermischung zeigte. Auch die aktuellen Statistiken und Forschungsergebnisse bestätigen, daß heutzutage interethni­sche Ehen und Beziehungen viel häufi­ger sind als zum Beispiel in den Vereinig­ten Staaten. Damit rücken Szenarien, wie sie im Melting Pot der USA, geschweige denn der „Regenbogennation“ Südafrika zu finden sind, in weite Ferne. Dennoch scheinen die Unterschiede auf regiona­ler, sozialer, politischer und ethnischer Ebene zu extrem, und selbst Freyre schrieb – ohne das Brasilien von heute zu kennen – folgendes: „Ganz allgemein be­trachtet, ist die Entstehung der brasiliani­schen Gesellschaft tatsächlich […] ein Prozeß des Gleichgewichts zwischen Antagonismen […] zwischen den europäischen und der ein­geborenen, der europäischen und der afrika­nischen, der afrikanischen und der eingebore­nen Kultur […].“6 Ob Bolsonaro dieses Gleichgewicht zwischen den brasiliani­schen Antagonismen herstellen bzw. wiederherstellen kann? Um die Gräben zu schließen, wäre den Umständen ent­sprechend ein eigener und identitärer Ansatz auf das Vereinende notwendig, aber dieser scheint im heutigen Brasilien kaum vorhanden zu sein.

Gilberto Freyre (1900–1987) war ein bedeutender brasilianischer Soziologe und schrieb, daß die brasilianische Gesellschaft ein Gleichgewicht zwischen den Antagonismen der europäischen, der eingeborenen und der afrikanischen Kulturen herstellen müsse.

Anmerkungen

1 Sein Interview findet sich hier online.

2 Vgl. Dom Phillips: „Brazil senate ap­proves austerity package to freeze social spending for 20 years“, theguardian.com vom 13. Dezember 2016.

3 Vgl. BBC News Brasil: „Ricardo Salles: Multas e áreas de conservação não são so­lução para desmatamento“. Online: youtube. com/watch?v=t0WiAn_TIkI.

4 Im Original: „Reintegrar os índios à socie­dade levando até a estes condições para que pos­sam se sentir brasileiros e não apenas serem trata­dos como massa de manobra e divisão do povo pa­ra contemplar planos de poder. Temos o povo mais miscigenado do mundo e somos todos iguais!“, twitter.com/jairbolsonaro vom 16. Februar 2019.

5 So eine offizielle Verlautbarung des brasilianischen Verteidigungsministeriums; online: youtube.com/watch?v=XiimXLxJL-w.

6 Gilberto Freyre: Herrenhaus und Skla­venhütte, Köln u. Berlin 1965, S. 100.

 
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