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Mit der Wahl von Jair Messias Bolsonaro erlebte Brasilien einen epochalen Richtungswechsel: Nach mehr als 15 Jahren prägender Regierungzeit der linken Partido dos Trabalhadores (= Arbeiterpartei) ist nun erstmals ein konservativer Politiker zum Staatsoberhaupt gewählt worden. Damit folgt das bedeutendste südamerikanische Land auch einem allgemeinen Rechtsruck in der Region, wobei im wesentlichen nur noch Venezuela, Bolivien und Nicaragua dieser Tendenz entgegenstehen.
Von Sebastian Hackher
Der neue Präsident hatte es freilich nicht leicht, weswegen eine erste Bilanz nicht besonders positiv ausfällt. Als Folge eines politisch motivierten Messerattentats während des Wahlkampfes mußte er sich kurz nach Amtsantritt einer kritischen Operation unterziehen, was seine Tatkraft lähmte. Einer seiner Söhne steht unter Korruptionsverdacht, und Streitigkeiten innerhalb der Regierung offenbaren die interne Zerrissenheit der brasilianischen Rechten, wodurch bereits zwei Minister zurücktreten mußten. In jüngster Zeit bereiten zudem die Veröffentlichungen von privaten Chatprotokollen des beliebten Justizminister Sérgio Moro Probleme. Ebenjener brachte seinerzeit als Generalstaatsanwalt den ehemaligen Präsidenten und Politiker der Arbeiterpartei Luiz Inácio da Silva, kurz „Lula“, ins Gefängnis. Die durch einen Hackangriff an die Öffentlichkeit gebrachten Nachrichten beziehen sich auf den Prozeß gegen da Silva und zeigen eine politische Motivation hinter der Anklage, was wiederum das gesamte Urteil in Frage stellen könnte. Mit anderen Worten: Es mangelt nicht an Problemen. Doch wer ist der neue Präsident, und wie steht es ganz allgemein um den südamerikanischen Giganten?
Obwohl hierzulande oft als „Trump der Tropen“ bezeichnet, hat Bolsonaro nur wenige Gemeinsamkeiten mit dem US-Präsidenten. Seitdem er seine militärische Karriere im Rang eines Hauptmanns beendet hat, ist Bolsonaro seit knapp 30 Jahren in der Politik. Während seiner Tätigkeit und den gelegentlichen Parteiwechseln, die in Brasilien nichts Unübliches sind, galt er vor allem durch seine provokanten Sprüche und die Befürwortung des Militärregimes als ein Schreckgespenst für Linke, aber nicht als besonders ernst zu nehmender Politiker. Dies alles änderte sich mit einem Korruptionsskandal, der sogar im diesbezüglich leidgeprüften Brasilien seinesgleichen sucht: Seit 2014 deckt die Justiz eine systematische und parteienübergreifende Korruption im Umfeld des halbstaatlichen Ölkonzerns Petrobras auf, wofür bereits über 100 hochrangige Politiker und Manager verurteilt wurden. Die Ermittlungen erstrecken sich mittlerweile auch auf das größte lateinamerikanische Bauunternehmen Odebrecht. Insgesamt wird von Bestechungsgeldern in Höhe von mindestens zwei Milliarden Euro ausgegangen! Seit Bekanntwerden dieser Zustände und außerdem wegen der geringeren Nachfrage an Rohstoffen auf dem Weltmarkt befindet sich das Land in einer Rezession mit erhöhter Arbeitslosenquote.
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Dies alles führte zu einer enormen Empörungswelle, die an ihrem Höhepunkt 2016 etwa sieben Millionen Brasilianer auf die Straße brachte und zur Amtsenthebung der damals amtierenden Präsidentin Dilma Rouseff führte. Die ehemalige Guerillakämpferin während der Zeit des Militärregimes (1964–1985) und spätere PT-Politikerin wurde von Michel Temer als Interimspräsident abgelöst. Der ebenfalls unter Korruptionsverdacht stehende Politiker führte das Land daraufhin bis zu den Wahlen 2018. Aufgrund dieser Korruptionsverdrossenheit und der Tatsache, daß Bolsonaro sich als Saubermann mit einem Law-and-Order- Wahlprogramm erfolgreich in den sozialen Medien präsentieren konnte, gelangte er ins Amt. Hinzu kommt noch sein Bekenntnis zu einem christlichen Brasilien, das ihm als gläubigem Katholiken vor allem die evangelikalen Freikirchen als Wählerpotential eröffnete. Diese meist sektenartigen Kirchen, die oft eine calvinistische Wohlstandstheologie verbreiten, wuchsen mit dem Bedeutungsverlust der katholischen Kirche, die in vielen Teilen von Befreiungstheologen unterwandert ist.
Obwohl Bolsonaros Partei unbedeutend und klein ist, konnte er sich schon beim ersten Wahlgang mit 46 Prozent an die Spitze der Bewerber setzen und traf am 28. Oktober in der Stichwahl auf Fernando Haddad von der Arbeiterpartei. Der Wahlkampf wurde dabei von beiden Seiten mit allerlei Unterstellungen und Mißinformationen geführt, wobei es zu den üblichen Anschuldigungen von linker Seite kam: Bolsonaro wurde als homophober und rassistischer Frauenhasser, der die Militärdiktatur wiedererrichten wolle, diffamiert. Auf der anderen Seite wurde vor einem Brasilien als „zweitem Venezuela“ und der kommunistischen Gefahr gewarnt. Die gegenseitige Negativpropaganda kulminierte nicht nur in dem bereits erwähnten Attentat, sondern auch in dem eindeutigen Wahlsieg Bolsonaros mit 55 Prozent der gültigen Stimmen.
Letztendlich konnte Bolsonaro, der in der Vergangenheit ja tatsächlich für seine Brachialrhetorik bekannt gewesen war, mit einem versöhnlichen Ton und dem vernachlässigten Bedürfnis der Brasilianer nach Patriotismus – sein Wahlspruch lautete „Brasil acima de tudo, Deus acima de todos“ (= Brasilien über alles, Gott über allen) – vor allem viele junge Wähler für sich gewinnen. Wirft man nun einen genauen Blick auf das Wahlverhalten, treten schon die ersten Gräben innerhalb der brasilianischen Gesellschaft zutage. Die allgemeine Tendenz verlief entlang sozialer und ethnischer Linien, wobei wohlhabende und weiße Gebiete eher für Bolsonaro stimmten, während ärmere und durchmischte Gebiete eher für Haddad stimmten. So wählte der Süden des Landes, der hauptsächlich Nachfahren italienischer und deutscher Einwanderer beheimatet, mehrheitlich Bolsonaro, während der Nordosten mit seinen überwiegend afrikanischen und indigenen Wurzeln für Haddad votierte. Im allgemeinen ging der urbane Raum aber meist an Bolsonaro, während am Land eher für die Arbeiterpartei gestimmt wurde – mit Ausnahme Amazoniens, wo der Sieger Bolsonaro hieß.
Am anschaulichsten bleibt aber der Unterschied zwischen Norden und Süden beziehungsweise Südosten. Ein ausgeprägter Regionalpatriotismus beiderorts, der im Süden sogar vereinzelt zu Sezessionsbestrebungen führte, und die unterschiedliche Kultur sowie eine Vergangenheit mit wenigen gemeinsam erinnerten Berührungspunkten führten im Zuge der massiven Binnenmigration seit den 1960ern vom verarmten und dürregeplagten Nordosten in die Wirtschaftszentren im Süden zu Spannungen. Die ehemaligen Bewohner des Nordostens sahen und sehen sich noch heute teilweise als Opfer von Fremdenfeindlichkeit im eigenen Land, während es in den südlichen Teilen des Landes zu einer unkontrollierten Urbanisierung und Ausbreitung der berüchtigten Favelas kam. Das extreme Bevölkerungswachstum durch die hohen Kinderzahlen in den 1950er und 1960er Jahren führte aber auch in den anderen Landesteilen zu ähnlichen Entwicklungen. Heute liegt die durchschnittliche Kinderzahl in Brasilien jedoch nur mehr bei extrem niedrigen 1,73 Kindern pro erwachsene Frau.
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2017 markierte mit 63.880 Morden den diesbezüglich traurigen Rekord Brasiliens, ganz zu schweigen vom Anstieg weiterer Gewaltverbrechen. Damit starben in Brasilien doppelt so viele Menschen wie im selben Jahr im Syrischen Bürgerkrieg. Es ist zwar möglich, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, aber das Risiko, am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt zu sein, ist in den Städten unberechenbar hoch. Die Ursache dafür liegt hauptsächlich am organisierten Verbrechen. Ein ehemaliger hoher Sicherheitsbeamter spricht von „Parallelstaaten“1, die sich in der Peripherie der brasilianischen Großstädte etabliert hätten. Daß dies nicht übertrieben ist, zeigen die kriminellen Unruhen von São Paulo 2006 sowie in jüngster Zeit in Natal und Fortaleza, wo erst durch Assistenzeinsätze der Armee die Ordnung wiederhergestellt werden konnte. Die Polizei befindet sich vielerorts in einem asymmetrischen Krieg gegen Banden wie das Primeiro Comando da Capital, das seinen Mitgliedern sozialen Halt beispielsweise in Form einer Kriegsrente bietet und über mehrere Tausend bewaffneter Fußsoldaten verfügt. Für den Staat sind dabei viele Favelas „schwarze Punkte“ und fremdes Territorium geworden, in denen er nur noch rein formell präsent ist. Überfordert und schlecht bezahlt, läßt die Lage die Beamten oft brutal und korrupt werden. Einhergehende Phänomene sind die Aktivität von illegalen Milizen und Todesschwadronen aus aktiven und ehemaligen Polizisten, die bei der Zivilbevölkerung genauso gefürchtet sind wie die Drogenkartelle.
Nach den USA und China hat Brasilien die größte Gefängnispopulation weltweit, was zu regelmäßigen Gewaltausbrüchen in den restlos überfüllten Justizanstalten führt und es Anführern krimineller Strukturen relativ leicht macht, ihren Geschäften ungestört nachzugehen. Untereinander sind die verschiedenen Kartelle oft erbittertste Feinde, die sich einen erbarmungslosen Kampf um den Drogenhandel innerhalb und außerhalb der Gefängnisse liefern. Als Folge der ausufernden Kriminalität wuchs und wächst in Brasilien die Zahl der sogenannten Gated Communities stark an, wodurch die Fragmentierung der Gesellschaft nur noch verstärkt wird. Viele können sich das aber nicht leisten, wodurch sich deren Verzweiflung teilweise in Lynchjustiz entlädt. Eigene Einheiten zur dauerhaften Befriedung der Favelas und soziale Programme, wie sie in Rio de Janeiro aus Anlaß der Olympischen Spiele und der Fußball-WM gestartet wurden, mußten aus finanziellen Gründen nach ein paar Jahren fast ganz gestrichen werden.
Eines seiner ersten Wahlversprechen löste Bolsonaro mit einer Lockerung des Waffenrechts ein, das unbescholtenen Bürgern die Möglichkeit zum Erwerb von Handfeuerwaffen und deren Gebrauch am eigenen Grundstück erlaubte. Außerdem wurde der Polizei mehr Handlungsfreiheit im Dienst zuerkannt sowie der Einsatz von Scharfschützen erlaubt. Als positive Entwicklung ist seit Beginn seiner Administration daher der Rückgang gewaltsamer Todesfälle im Vergleich zum Vorjahr zu sehen, wenngleich parallel dazu die Zahl der durch Sicherheitskräfte getöteten Menschen zunahm. Zum Mangel an öffentlicher Sicherheit gesellen sich chronische Probleme im Gesundheits- und Bildungsbereich, wo bereits 2016 wiederum aus Sparmaßnahmen das Budget für die nächsten 20 Jahre eingefroren wurde.2 Der neue Finanzminister Paulo Guedes, der in den Vereinigten Staaten studierte, plant, mithilfe einer ausgesprochen liberalen und marktorientierten Politik in Form von weiteren Budgetkürzungen und Privatisierungen die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Als sein größter Erfolg wird bisher die Reform des ineffizienten Pensionssystems beurteilt, wodurch unter anderem das Rentenalter für die meisten Brasilianer angehoben wurde.
Eine weitere Herausforderung, mit der sich Bolsonaro konfrontiert sieht, ist die enorme politische Spaltung. So sind die öffentlichen Universitäten, Schulen und ein beachtlicher Teil der Medienlandschaft nicht nur wie in westlichen Staaten links geprägt, sondern teilweise offen kommunistisch oder sozialistisch eingestellt. Der Besuch an einer geisteswissenschaftlichen Fakultät wird nicht an Marx und der Frankfurter Schule vorbeikommen, die dort oft genug als einzige Lösung der Probleme betrachtet werden.
Der Kulturkampf wird an allen Fronten hart geführt. Ebenjene Gruppen an der Universität und den Medien sind es auch, die die Debatte um Rassismus, das Patriarchat und Homophobie tagtäglich befeuern und anheizen. Für diesen Teil der Brasilianer symbolisiert die neue Regierung das Böse schlechthin, und es reichte bereits, daß die derzeitige Familienministerin wagte, sich gegen die Frühsexualisierung an den Schulen auszusprechen, um ihr diskriminierendes Verhalten vorzuwerfen. Auch andere westliche Verfallserscheinungen wie die (bis auf Ausnahmen verbotene) Abtreibung werden bereits heftig diskutiert. Vor einigen Wochen entschied der oberste Gerichtshof, neben Rassismus nun auch Homophobie strafbar zu machen. Daß das Gesetz ungenau und offen formuliert ist, gibt vielen Brasilianern zu Recht Bedenken, auch wenn das bereits länger bestehende Anti-Rassismus-Gesetz bis jetzt praktisch nie zur Anwendung gekommen ist. São Paulo ist zwar Veranstaltungsort einer der größten „Gay-Pride“-Paraden überhaupt, bringt aber gleichzeitig auch Millionen von Menschen für den sogenannten Marsch für Jesus auf die Straße.
Zu einer weiteren Illustrierung der gespaltenen Wahrnehmung auf beiden Seiten der Gesellschaft kann man das Beispiel Marielle Franco nehmen: Als die sozialistische, schwarze und lesbische Lokalpolitikerin vor zwei Jahren höchstwahrscheinlich von einer Miliz aufgrund ihres Engagements in den Favelas ermordet wurde, war der Aufschrei von linker Seite groß, und sie wurde umgehend zu einer Märtyrerin stilisiert. Als „rechtsextremes“ Gegenargument wurde daraufhin die Geschichte von zwei im Dienst ermordeten schwarzen Polizistinnen verbreitet, denen wahrscheinlich aufgrund ihres Berufs keine Aufmerksamkeit zuteil geworden war. Auch im Hinblick auf die Verteilung von Land könnten die Gegensätze nicht größer sein. Der Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra, kurz Landlosenbewegung, ist eine marxistisch-befreiungstheologische Gruppierung, die mit illegalen Besetzungen, Sprengungen von Strommasten und dem Blockieren von Straßen seit einigen Jahren eine Agrarreform erzwingen möchte. Ziel ist es, das urbare Ackerland, das zu mehr als zwei Dritteln nur etwa drei Prozent der Bevölkerung gehört, neu zu verteilen. Während die Landlosenbewegung von linker Seite natürlich unterstützt wird, spricht das rechte Brasilien von einer terroristischen Vereinigung.
Dies führt zu einem Thema, das derzeit auch hierzulande stark diskutiert wird, nämlich dem Umgang mit dem brasilianischen Regenwald. Dabei ist es wichtig, festzuhalten, daß das Rückgrat der brasilianischen Wirtschaft die Landwirtschaft ist. Als traditionelle Agrarnation verfügt das Land über keinen anderen nennenswerten Wirtschaftszweig oder Industriesektor, und seit der Rezession von 2014 ist der Export von Gütern wie Soja mehr denn je zum ökonomischen Motor geworden. Auch die weltgrößte Firma für Fleischproduktion (JBS) sitzt in Brasilien. Seit Beginn des Jahres verzeichnet das nationale Institut für Weltraumforschung Brasiliens einen sprunghaften Anstieg bei der Abholzung und Brandrodung des Regenwalds, was vor allem westliche Medien passend zu „Fridays for Future“ in alarmistische Sorge um die „grüne Lunge“ der Erde versetzt. Tatsächlich sieht die mächtige Agrarlobby im Amazonasregenwald lediglich eine Möglichkeit zur Gewinnsteigerung, die es um jeden Preis auszunutzen gilt. Die Aussicht wird noch düsterer, bedenkt man die sehr schwierige Aufforstung, da der Boden im Regenwald über eine nur sehr geringe Humusschicht verfügt. Nach den Soja-Monokulturen und der intensiven Viehzucht bleibt meist ein savannenähnliches Brachland zurück, und einige Studien legen einen Point of no Return in bezug auf die Aufforstung und Rettung des Regenwalds nahe. Das wiederum könnte sich auf den Regenzyklus auswirken und zu starken Dürreperioden im bevölkerungsreichen Südosten führen. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels brannte der Amazonas außerdem derart großflächig, daß es in einigen Städten zu Rauchwolken mit nachtähnlicher Wirkung und aschegefärbtem Regen kam – Bolsonaro sah darin das Werk von NGOs, um die Regierung unter Druck zu setzen. Auch wenn es in dieser Jahreszeit zu natürlichen Waldbränden kommt und die meisten davon in Bolivien stattfinden, steht dies doch symbolisch für die Entwicklung in Amazonien. Die Kritik an dem zwielichtigen Engagement einiger Nichtregierungsorganisationen und den Einmischungen fremder Staaten wie Frankreichs in interne Angelegenheit ist notwendig, aber dennoch erscheint die Handlungsweise der brasilianischen Regierung auf langfristige Sicht fragwürdig. Daran ändern wird wahrscheinlich auch der neue Umweltminister Ricardo Salles nichts, da dieser schon vor Amtsantritt unter Verdacht der Dokumentenfälschung zugunsten einer Minenfirma in einem Nationalpark stand. Er befürwortet außerdem „kapitalistische Lösungen“ im Amazonasgebiet, auch um den ärmlichen Lebensstandard der Region zu heben.3
Der Umgang mit den indigenen Völkern Brasiliens ist auch anders, als man vielleicht erwarten würde. So schrieb Bolsonaro auf Twitter in bezug auf die zahlreichen und oft teilweise gänzlich isoliert lebenden Stämme folgendes: „[Wir müssen] die Indianer in die Gesellschaft reintegrieren, damit sie sich wie Brasilianer fühlen können […]. [Denn] wir sind das am meisten vermischte Volk und alle gleich!“4 Er sprach sich außerdem gegen die weitere Markierung von Indianerreservaten aus und verglich das Leben in diesen mit dem von Tieren im Zoo, wobei er den Umstand kritisierte, daß etwa 13 % des brasilianischen Territoriums bereits geschützt seien, wobei oft nur wenige Tausend Menschen in den riesigen Reservaten leben.
In gewisser Weise geht es hier also um die Einbürgerung oder „Kolonialisierung“ der letzten indigenen Völker Brasiliens, die durch die ständig fortschreitende Erschließung des Regenwalds durch illegale Holzfäller und Goldschürfer sowie die Brandrodung einem scheinbar unaufhaltsamen Ende entgegensehen. Ebenso gefährdet sind die sogenannten Quilombos, Dörfer, die oft bereits zur Kolonialzeit von entflohenen Sklaven im Urwald errichtet wurden. Einerseits ist für all diese Menschen die Integration in die brasilianische Gesellschaft oft mit einem Identitätsverlust verbunden, wenn sie in die Millionenstädte von Manaus oder Belém ziehen müssen, was zu einer hohen Zahl an Selbstmorden und Drogenabhängigkeit unter der indigenen Bevölkerung führt. Andererseits finden sich alleine im brasilianischen Heer 23 anerkannte Ethnien, deren Sprache und Brauchtum gepflegt werden und die als Spezialeinheiten zur Überwachung des Regenwalds Einsatz finden.5
Die Situation angesichts all dieser Schwierigkeiten macht es beinahe unmöglich, sich ein geeintes Brasilien vorzustellen. Außerdem muß folgende Ausgangslage festgehalten werden: Wie Benedikt Kaiser in seinem Artikel „Venezuela – mit Links gegen Liberale?“ in der „Sezession“ 89 feststellte, gibt es von einem neurechten und identitären Standpunkt aus in Venezuela und Lateinamerika allgemein nur linke gegen neoliberale Kräfte. Nicht anders verhält es sich in Brasilien. Hatte Bolsonaro sich zu Beginn seiner Karriere beispielsweise noch positiv über Hugo Chávez geäußert und zugegeben, als Protestwähler gegen die korrupte Elite in Brasília Lula da Silva gewählt zu haben, so mußte er letzten Endes Kompromisse eingehen, um seine Regierung überhaupt erst zu bilden. Wirtschaftliche Interessengruppen wie die Agrarlobby sitzen nun in Form des neuen Umweltministers Ricardo Salles, der Agrarministerin Tereza Cristina, die durch ihren dezidierten Einsatz für Pestizide den Spitzname „Giftmuse“ trägt, oder des Finanzminister Paulo Guedes in seinem Kabinett, da der politische Außenseiter und Populist Bolsonaro breitere Unterstützung im Parlament benötigt. Damit läuft er aber Gefahr, das gleiche, korrumpierte System, mit dem sich die Arbeiterpartei nach einiger Zeit an der Macht arrangiert hatte, zu übernehmen. Die zweite Interessengruppe ist das Militär, das mit dem Vizepräsidenten Hamilton Mourão sehr pragmatische Ziele wie eine Annäherung an China und die USA vertritt. Bolsonaros Kernwähler, die sich hauptsächlich aus evangelikalen und katholischen Christen zusammensetzen, wollen hingegen eher eine Loslösung von den BRICS-Staaten und eine absolute Loyalität gegenüber den Vereinigten Staaten und Israel. All das führte zu konträren Aussagen innerhalb der Regierung, wodurch Bolsonaros Beliebtheit deutlich abnahm. Diese wurde auch nicht durch seinen Vorschlag verbessert, seinen ältesten Sohn ohne jede diplomatische Erfahrung zum Botschafter in den Vereinigten Staaten zu ernennen.
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Am Ende bleibt die Frage, wie die Zukunft dieses höchst widersprüchlichen Lands aussehen könnte. Es war ein brasilianischer Anthropologe namens Gilberto Freyre, der vor gut 80 Jahren in seinem lesenswerten Buch „Herrenhaus und Sklavenhütte“ den Begriff der „Rassendemokratie“ prägte. Seitdem vielfach kritisiert, beschreibt er darin den Werdegang der brasilianischen Nation. Er sprach sich gegen den rassischen Determinismus aus und sah das vielleicht stärkste Charakteristikum des Brasilianers in seiner Fähigkeit und Bereitschaft, sich zu vermischen. Die portugiesischen Kolonisatoren waren schon aufgrund ihres Kontakts mit den Mauren vor der Reconquista und ihrer „Bikontinentalität“ (einer Art des kulturellen Hin- und Hergerissenseins zwischen Afrika und Europa) am besten dafür geeignet, in Brasilien zu wirken. Zwischen den Portugiesen, den indigenen Stämmen und den afrikanischen Sklaven entfaltete sich eine kulturelle Wechselwirkung, die ihren Ausdruck am deutlichsten in der ethnischen Vermischung zeigte. Auch die aktuellen Statistiken und Forschungsergebnisse bestätigen, daß heutzutage interethnische Ehen und Beziehungen viel häufiger sind als zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. Damit rücken Szenarien, wie sie im Melting Pot der USA, geschweige denn der „Regenbogennation“ Südafrika zu finden sind, in weite Ferne. Dennoch scheinen die Unterschiede auf regionaler, sozialer, politischer und ethnischer Ebene zu extrem, und selbst Freyre schrieb – ohne das Brasilien von heute zu kennen – folgendes: „Ganz allgemein betrachtet, ist die Entstehung der brasilianischen Gesellschaft tatsächlich […] ein Prozeß des Gleichgewichts zwischen Antagonismen […] zwischen den europäischen und der eingeborenen, der europäischen und der afrikanischen, der afrikanischen und der eingeborenen Kultur […].“6 Ob Bolsonaro dieses Gleichgewicht zwischen den brasilianischen Antagonismen herstellen bzw. wiederherstellen kann? Um die Gräben zu schließen, wäre den Umständen entsprechend ein eigener und identitärer Ansatz auf das Vereinende notwendig, aber dieser scheint im heutigen Brasilien kaum vorhanden zu sein.
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1 Sein Interview findet sich hier online.
2 Vgl. Dom Phillips: „Brazil senate approves austerity package to freeze social spending for 20 years“, theguardian.com vom 13. Dezember 2016.
3 Vgl. BBC News Brasil: „Ricardo Salles: Multas e áreas de conservação não são solução para desmatamento“. Online: youtube. com/watch?v=t0WiAn_TIkI.
4 Im Original: „Reintegrar os índios à sociedade levando até a estes condições para que possam se sentir brasileiros e não apenas serem tratados como massa de manobra e divisão do povo para contemplar planos de poder. Temos o povo mais miscigenado do mundo e somos todos iguais!“, twitter.com/jairbolsonaro vom 16. Februar 2019.
5 So eine offizielle Verlautbarung des brasilianischen Verteidigungsministeriums; online: youtube.com/watch?v=XiimXLxJL-w.
6 Gilberto Freyre: Herrenhaus und Sklavenhütte, Köln u. Berlin 1965, S. 100.